»Ich war zwanzig Jahre alt und Fähnrich bei einem Regiment, das einen
Teil der Friedensbesatzung von Theresienstadt bildete. Diese Festung mag
-- abgesehen von ihrer anmutigen Lage in einem der gesegnetsten
Landstriche Böhmens -- auch noch heute kein besonders erfreulicher
Aufenthaltsort sein; damals aber -- in den vierziger Jahren -- konnte er
wahrhaft trostlos genannt werden. Denn außer dem großen, mit zwei
Baumreihen umpflanzten Hauptplatze, der fast durchgehends militärische
Gebäude aufwies, gab es dort nur vier Gassen. Sie führten in den
entsprechenden Windrichtungen nach den Toren und Wällen und bestanden
zumeist aus kleinen, hüttenähnlichen Häusern, in denen sich Krämer und
Handwerker, Bierwirte und Branntweinschänker angesiedelt hatten. Die
Offiziere waren daher ganz und gar auf den kameradschaftlichen Verkehr
angewiesen, und wir Jüngeren führten nicht eben das erbaulichste Dasein.
In den Vormittagsstunden mehr oder minder dienstlich beschäftigt,
verbrachten wir die übrige Zeit im Militärkasino am Billard und am
Spieltische, oder begaben uns nach der jenseits der Elbe gelegenen
Kreisstadt Leitmeritz, wo wir zum Mißvergnügen der ehrsamen Pfahlbürger
in Kaffee- und Gastwirtschaften sehr anspruchsvoll auftraten,
leichtfertige Liebeshändel anzuknüpfen suchten, und nach der Rückkehr in
die Festung begaben sich manche noch in ein höchst zweifelhaftes Lokal,
um dort halbe Nächte bei Punsch und Glühwein zu durchschwelgen.
Was nun mich selbst betraf, so machte ich dieses wüste, gedankenlose
Treiben schon deshalb mit, weil man sich nicht ausschließen konnte.
Zudem war ich jung, und nach der strengen Zucht, die ich früher in einem
Kadettenhause erdulden mußte, hatten derlei Ausschreitungen für mich den
Reiz der Neuheit. Mein Oheim, der mich, den früh Verwaisten,
gewissermaßen an Sohnesstatt angenommen und einen ziemlich hohen und
einflußreichen Posten beim damaligen Hofkriegsrate bekleidete, setzte
mir eine ganz ansehnliche Geldzubuße aus; ich lebte also sorglos in den
Tag hinein, wenn ich auch bisweilen, meiner Natur nach, von
sentimentalen und hypochondrischen Anwandlungen nicht ganz frei blieb.
So kam es auch, daß ich eines Abends, im Karneval, einmal und
nachdenklich in meiner öden Kasernenwohnung saß und mich höchst
unglücklich fühlte, und zwar aus folgendem Grunde.
Der Festungskommandant, ein invalider General, erfreute sich einer
Tochter, welche zwar weder besonders jung, noch besonders hübsch zu
nennen war, aber schon vermöge ihrer Stellung Anreiz genug besaß, um
einem Neuling, wie ich, den Kopf zu verdrehen. Sie war auffallend
schlank gewachsen, hatte glänzend schwarze, stechende Augen, sehr weiße,
leicht zwischen den Lippen hervorstehende Zähne, und wußte ihren etwas
vergilbten Wangen durch zartes Auflegen von Rot künstliche Frische zu
verleihen. Bei erfahrenen Kameraden galt sie als eine ausbündige
Kokette, und man hatte mich gleich anfangs, halb im Scherz, halb im
Ernst, vor ihr gewarnt. Dennoch verliebte ich mich in sie, und zwar
anläßlich einer religiösen Feierlichkeit, der sie, halb verschleiert, an
der Seite ihrer Mutter auf dem Oratorium der Garnisonskirche beiwohnte.
Obgleich sie sehr andächtig in ihr Gebetbuch versunken schien, konnte
ich doch bemerken, daß sie von Zeit zu Zeit nach mir hinblickte,
anfänglich nur so von der Seite, dann aber mit Zuwendung des Antlitzes
immer länger und eindringlicher. Ich glaubte dies um so mehr zu meinen
Gunsten auslegen zu dürfen, als sie fortan stets hinter den
Fensterscheiben erschien, wenn ich -- und das geschah mehrmals des Tages
-- am Kommandantenhause vorüberging; ja einmal konnte ich sogar
wahrnehmen, daß sie in der Mitte des Zimmers auf einen Stuhl gestiegen
war, um mich von dort aus, wie sie wohl meinte, ungesehen beobachten zu
können. Ich hatte daher keinen sehnlicheren Wunsch, als ihr endlich
persönlich näher zu treten, und der offizielle Ball, den ihr Vater
demnächst zu geben verpflichtet war, erschien mir als huldvollste
Gelegenheit. Ich stellte mir bereits sehr lebhaft vor, wie auch _sie_
diesem Abend sich entgegen freue, wie sie mich sofort an sich
heranziehen, wie ich mit ihr im Tanze vereint dahinfliegen würde -- und
was dergleichen jugendliche Erwartungen mehr waren. Aber ich hatte, wie
man zu sagen pflegt, die Rechnung vollständig ohne den Wirt gemacht.
Denn zu dem Balle wurden auch auswärtige Gäste geladen, und unter diesen
befanden sich neben höheren Standespersonen vom Zivil auch die Offiziere
eines Chevauxlegers-Regiments, das auf dem platten Lande stationiert
war. Da hatte ich nun den Schmerz, zu sehen, wie diese interessanten
Ankömmlinge die Aufmerksamkeit der Tochter des Hauses derart auf sich
lenkten, daß sie für mich keinen Blick, und als ich mich später
vorstellen ließ, auch kein aufmunterndes Wort übrig hatte. In der
Verwirrung darüber fand ich gar nicht den Mut, sie zum Tanze
aufzufordern, und während die Grausame fast die ganze Zeit über von
einem sehr aristokratisch aussehenden Rittmeister in Beschlag genommen
wurde, fiel mir durch ein Verhängnis, wie es derlei Niederlagen stets zu
begleiten pflegt, die schwindsüchtige Tochter eines Kreisrates zu,
welche, da sie sonst niemand aufzufordern Lust bezeigte, mit ihren
rötlich blonden Schmachtlocken gleich einer Klette an mir hing, bis ich
mich endlich, sobald dies in anständiger Weise geschehen konnte, aus dem
Staube machte und vom Balle verschwand.
So saß ich denn, in meiner Eigenliebe, oder wie ich mir damals
einbildete, in meinen heiligsten Gefühlen gekränkt, zwischen den kahlen
vier Wänden, während die Dämmerung längst hereingebrochen war und ich
kaum mehr die Rauchwolken sah, die ich aus einer langen Pfeife
mechanisch vor mich hinblies. Plötzlich vernahm ich hastige Tritte, die
sich draußen auf dem Gange der Tür näherten; diese wurde polternd
aufgestoßen, und auf der Schwelle erschien eine mantelumhüllte Gestalt,
die sich schwarz in schwarz von der sie umgebenden Dunkelheit abhob.
>Bist du hier?< rief eine kräftige, etwas schnarrende Stimme, an der ich
sofort einen meiner näheren Freunde, den Leutnant Dorsner, erkannte. Und
da ich mich jetzt bemerkbar machte, fuhr er eintretend fort: >Zum
Teufel, was treibst du denn da im Finstern?<
Ich legte die Pfeife weg und zündete eine Kerze an, bei deren
zweifelhaftem Schein ich wahrnahm, daß Dorsner, der jetzt den Mantel
auseinanderschlug, in eine schmucke, ganz neue Halbuniform gekleidet war
und Lackstiefel an den Füßen hatte.
>Ich gehe nach Leitmeritz hinüber<, sagte er, meine Frage vorweg
nehmend. >Es ist heute dort Ball auf der Schießstätte. Und du sollst mit
mir kommen.<
>Wir sind ja gar nicht geladen.<
>Das tut nichts. Ich habe einer Dame versprochen, zu erscheinen, und so
muß es geschehen.<
Ich wußte, daß er in geheimnisvollen Beziehungen zu der hübschen Tochter
eines wohlhabenden Lohgerbers stehe, die er auch später geheiratet hat.
>Gut,< erwiderte ich; >aber wie willst du das anfangen?<
>Ganz einfach; ich gehe eben hin. Was bleibt den Herren
»Ballausschüssen« anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu
machen. Aber deshalb siehst du auch ein, daß ich nicht ganz allein dort
erscheinen kann. Ich hatte mich schon mit Heillinger verabredet; aber
dieser ist im letzten Augenblicke verhindert worden. Also tu' mir den
Gefallen.<
Aber ich war an diesem Abend zu derlei Unternehmungen ganz und gar nicht
aufgelegt und wandte daher neuerdings ein: >Und wenn man erfährt, daß
wir dort waren? Du weißt doch, wie sehr man höheren Orts dagegen ist,
daß wir an derlei Unterhaltungen teilnehmen.<
>Unterhaltungen? An was für Unterhaltungen?< rief er ärgerlich. >Es
kommen die anständigsten Bürgerfamilien von Leitmeritz zusammen. Und
überdies: auf einen Verweis mehr oder weniger kommt es doch nicht an.
Seit wann bist du denn so ängstlich geworden? Ich, als dein
Vorgesetzter, befehle dir, mit mir zu gehen. Vorwärts! Marsch!<
Noch immer konnte ich mich nicht entschließen und schützte Unwohlsein
vor. Ich hätte mich auf dem Kommandanten-Balle erkältet.
>Ach was! Flausen! Derlei Erkältungen tanzt man sich am besten gleich
wieder aus dem Leibe. Und gib acht, was für Mädchen du da drüben in die
Arme bekommen wirst. Ganz andere Geschöpfe, als diese dürren
Gliederpuppen, wie sie gestern an uns herumbaumelten.<
Ich sah, daß es kein Entrinnen gab, und da endlich doch auch der Gedanke
einer möglichen Zerstreuung in mir auftauchte, so erklärte ich mich
schließlich bereit und ging daran, mich umzukleiden, während Dorsner
ebenfalls von Zeit zu Zeit vor den kleinen Wandspiegel trat und sein
dichtes, von Natur gekräuseltes Haar unternehmend auflockerte.
Endlich war ich fertig, und wir traten, die Festung hinter uns lassend,
den Marsch nach Leitmeritz an. Tagsüber war Tauwetter eingefallen; nun
aber hatte der Boden, sehr zum Vorteil unserer Beschuhung, wieder
angezogen. Trotz des Frostes war in der herben Luft etwas wie ein
Vorhauch des Frühlings zu spüren, und so schritten wir behaglich in
gleichmäßigem Takt den hell erleuchteten Saalfenstern entgegen, welche
von der am Eingange der Stadt gelegenen Schießstätte durch feine weiße
Nebel herüberstrahlten.