IV.

Der Förster begab sich nur höchst selten in den Marktflecken; sein

Leiden und die damit verbundene Griesgrämigkeit hinderten ihn daran.

Mußte es aber doch hin und wieder aus zwingenden Gründen geschehen, so

blieb er auch meistens gleich bis tief in die Nacht hinein unten hängen.

Denn er pflegte alsdann das Honoratioren-Wirtshaus aufzusuchen, wo der

seltene Gast mit großer Zuvorkommenheit empfangen wurde; das gute

böhmische Bier und eine Tarockpartie taten das übrige, um den brummigen

Alten auftauen zu lassen, der sich, einmal in Fluß gekommen, als sehr

gemütlicher und lustiger Gesellschafter erwies.

Das war auch in dieser Zeit einmal der Fall gewesen. Ich saß noch mit

der Försterin, die ihn stets mit einiger Ängstlichkeit erwartete, beim

Lampenschein am Tische, als er nach Hause kam. Er sah sehr heiter aus,

und während er sich's bequem machte, sagte er: >Wißt ihr das Neuste? Der

ganze Ort ist voll davon. Der Sohn des Bürgermeisters hat eine

Liebschaft mit der jungen Kratochwil.<

>Was du nicht sagst!< rief die Försterin verwundert aus.

Ich aber wußte es ja, und zuckte daher nur die Achseln.

>Eine schöne Bescherung für den Herrn Papa<, fuhr der Alte fort. >Nun

kann er leicht fluchen und wettern und dabei schwören, er wolle die

ganze Familie ins Zuchthaus bringen. Daran hätte er früher denken

sollen, jetzt ist es zu spät.<

>Nun, es wird ja nicht so arg sein<, meinte die Frau.

>Arg ist es, sehr arg. Der schwachköpfige Lali, der schon als Bub' immer

hinter den Weibsbildern her war und von ihnen beständig zum Narren

gehalten wurde, ist endlich vor die rechte Schmiede gekommen. Das

nichtsnutzige Mensch hat ihn natürlich gleich mit offenen Armen

empfangen. Und nun er den Braten geschmeckt, heult und flennt er und

droht, er werde sich umbringen, wenn man ihm die Maruschka nimmt.<

>Jesus Maria! Der Schlingel!< stieß die Försterin halblaut hervor, indem

sie die Hände faltete.

>Tun wird er's freilich nicht, aber ihre liebe Not werden die Eltern mit

ihm haben; der verzogene Bursch war ja seit jeher gewohnt, seinen Willen

durchzusetzen. Jetzt lassen sie ihn freilich nicht mehr allein über die

Straße, sonst aber achteten sie, trotz aller Affenliebe für den

einzigen, nicht darauf, daß der Tagdieb unter dem Vorwande, nach den

Feldern zu sehen, beständig vom Hause fern war. Man hätte sonst früher

dahinter kommen müssen. Merkwürdig ist es überhaupt, daß auch sonst

niemand darauf verfiel, obgleich man sich allgemein wunderte, daß die

Maruschka ganz schmuck und sauber einherging und ihr Vater aus dem

Rausch gar nicht mehr herauskam. Aber wissen Sie, Pernett,< fuhr der

Förster fort, indem er mich streng anblickte, >wissen Sie, daß wir

eigentlich in die Geschichte mit verwickelt sind? Denn raten Sie einmal,

wo das saubere Liebespaar seine Zusammenkünfte gehalten? In unserem

Revier -- oben beim Heger, der ihnen den Unterschlupf im Walde

verstattet. Wahrscheinlich hatte ihm der Junge eine Zeitlang Geld

zugesteckt, schließlich aber mochte es dem alten Gauner vorteilhafter

geschienen haben, das Geheimnis um eine runde Summe zu verraten.

Miserabler Lump! Aber da es nun einmal geschehen ist, habe ich im Grunde

doch meine Freude daran.<

Wir waren noch nicht lange zur Ruhe gegangen, als plötzlich die Hunde in

ein wütendes Gebell ausbrachen und die Hausklingel mehrmals

hintereinander hastig gezogen wurde. Da ich noch nicht schlief, so war

ich bald bei meinem Stubenfenster, das dem Tore zunächst lag, und

blickte, einen Flügel öffnend, hinaus. Draußen im Dunkel standen zwei

Männer. Es waren Arbeiter, die bei einem Neubau außerhalb des Ortes

verwendet wurden und, wie sie sagten, in einem offenen Schuppen

genächtigt hatten. Von dort aus hätten sie einen starken Feuerschein

bemerkt, der aus dem oberen Teil des Waldes gegen den Himmel aufstieg.

Sie wären gekommen, uns davon zu benachrichtigen und sich im Falle der

Not zur Verfügung zu stellen.

Kaum hatte der Förster, im Bette halb aufgerichtet, diese Kunde

vernommen, als er auch schon mit einem Satze auf dem Boden stand. >Ein

Waldbrand?< schrie er, indem er mit ungewohnter Schnelligkeit in seine

Kleider fuhr. >Ein Waldbrand? Aber wie ist denn das möglich?< setzte er,

sich besinnend, hinzu. >Bei diesem feuchten Nebelwetter? Auch war die

Nacht ganz windstill, als ich heimkehrte.<

>Das ist sie noch<, entgegnete ich, neuerdings hinausblickend. >Meiner

Meinung nach könnte höchstens das Hegerhaus brennen.<

>Sie haben recht; so wird es sein. Und dann hat auch die junge

Kratochwil das Feuer gelegt, um sich an dem Manne zu rächen.<

Mich selbst hatte dieser Gedanke sofort durchzuckt.

>Eilen Sie nur gleich hinauf<, fuhr der Förster fort, >und sehen Sie

nach. Die Männer können Sie zur Vorsorge mitnehmen; ich folge Ihnen,

sobald ich mich wärmer angekleidet habe.<

>Ich denke, Sie können sich's ganz ersparen<, sagte ich, mich rasch

fertig machend. >Es kann keine besondere Gefahr dabei sein; das kleine

Haus steht ja auf einer ausgedehnten Lichtung. Sie mögen übrigens in

Bereitschaft bleiben, und wenn es not tut, sende ich nach Ihnen.<

Dies leuchtete auch der Försterin ein, die schon die hohen Filzstiefel

des Alten hervorgesucht hatte, und dieser stimmte zu, während ich mit

den Männern abging. Wir hatten zwei Laternen mitgenommen und schlugen

bei Nacht und Nebel gleich den kürzesten, wenn auch beschwerlichsten Weg

ein. Es dauerte nicht lange, so verspürten wir bereits leichten

Brandgeruch, der immer eindringlicher wurde, und als wir endlich auf die

Lichtung hinaustraten, schimmerte uns die rötliche Glut verglimmender

Balken, die um das Haus herumlagen, durch die Dunkelheit entgegen. Der

Brand war also schon erloschen und keine weitere Gefahr mehr zu

besorgen; auch der Schaden erwies sich als nicht sehr bedeutend. Bloß

der Dachstuhl war herabgebrannt; die Mauern standen unversehrt; selbst

ein kleiner, ganz in der Nähe befindlicher hölzerner Stall war von den

Flammen verschont geblieben. Ich fragte die Hegerleute, welche eben

beschäftigt waren, einige ins Freie geschaffte Habseligkeiten wieder

einzuräumen, auf welche Art das Feuer ausgebrochen sei? Die Frau

erwiderte darauf hastig und einigermaßen verwirrt, sie könne nur

glauben, daß es böse Menschen gelegt hätten. Es gäbe einige Wilddiebe,

die ihrem Manne schon längst Rache geschworen; auch wäre es immerhin

möglich -- sie blieb plötzlich in ihrer Rede stecken, da ihr der Heger,

wie ich bemerkte, einen grimmigen Blick zuwarf. Die Erörterung war ihm

offenbar unangenehm, und er sagte jetzt mit einem gewissen Trotz: >Wir

können niemanden anklagen. Die Oktobernächte sind bereits empfindlich

kalt, und da haben wir, der Kinder wegen, noch spät am Abend geheizt.

Der Ofen aber ist alt und schadhaft -- und der trägt wohl die Schuld an

dem Brande. Übrigens war der Schrecken, den wir ausgestanden, das

Ärgste; alles andere ist kaum der Rede wert. Dachsparren und Schindeln

waren ohnehin schon morsch und verwittert, und hätten bald durch neue

ersetzt werden müssen.<

Diese Erklärung, sowie das ganze Benehmen der Leute erschien

hinreichend, Maruschka in meinen Augen des Frevels zu entlasten, den ich

ihr zugemutet; der Förster jedoch hielt bei meiner Rückkehr mit der ihm

eigenen Verbissenheit an seinem Argwohn fest und meinte, der Heger habe

wohl seine guten Gründe, die Schuld auf den Ofen zu schieben, damit die

Rolle, welche er bei dem Liebeshandel gespielt, nicht weiter zur Sprache

käme. Aber nicht bloß der Alte war überzeugt, daß das Mädchen den Brand

gelegt: die Kunde verbreitete sich im Orte selbst wie ein Lauffeuer und

wurde sofort zur unzweifelhaften Tatsache. Man sprach von nichts anderem

und fragte sich entrüstet, wie es denn komme, daß die Verbrecherin noch

immer frei und unbehelligt umhergehe. Infolgedessen fand sich auch das

Gericht veranlaßt, von der Sache Akt zu nehmen und Maruschka einem

strengen Verhöre zu unterziehen. Da diese aber ihre Schuld auf das

entschiedenste in Abrede stellte und auch nicht der Schatten eines

wirklichen Beweises gegen sie vorgebracht werden konnte, so mußte der

Gerichtsleiter, der diesen Ausgang vorhergesehen, alles weitere auf sich

beruhen lassen, zeigte sich aber, um die Gemüter zu beruhigen, gerne

bereit, den Antrag zu unterstützen, den der Bürgermeister, nunmehr durch

die Umstände begünstigt, an die Statthalterei zu richten fest

entschlossen war, nämlich: die bereits wegen Einbruchs abgestrafte Marie

Kratochwil, welche, in unverbesserlicher Arbeitsscheu verharrend, der

öffentlichen Sittlichkeit sowohl, als auch der allgemeinen Sicherheit

gefährlich erscheine, möge zur Abgabe in eine Korrektionsanstalt

bestimmt werden. Und da nun der Ortsvorstand begreiflicherweise mit

vollen Segeln ins Zeug ging, sich nach der Landeshauptstadt begab, um

dort persönlich alle Hebel in Bewegung zu setzen, so langte auch bald

der Bescheid herab, daß das Mädchen zu einjähriger Zwangsarbeit

einzuliefern sei. Maruschka, bis dahin in Gewahrsam gehalten, wurde also

eines Tages, ohne daß ich sie mehr zu Gesicht bekommen hätte, unter

Gendarmeriebegleitung zur Bahn gebracht und nach Brünn befördert.

Die Frau des Bürgermeisters hatte sich inzwischen mit ihrem Sohne, der,

nachdem er sich eine Zeitlang wie ein Wahnsinniger gebärdet, in

apathische Schwermut versunken war, zu entfernt lebenden Verwandten

begeben, hoffend, daß der Wechsel des Ortes und der Umgebung seinen

heilsamen Einfluß auf den Gemütszustand des Burschen nicht verfehlen

würde. Dieses Mittel schien aber nicht angeschlagen zu haben; denn man

wunderte sich bei seiner Rückkehr, wie schlecht und verfallen er aussah,

und wollte seitdem bemerken, daß er ein in sich gekehrtes,

heimtückisches Lungerleben führe. Bald hieß es auch, er habe mit dem

Bruder der Maruschka Freundschaft geschlossen, treibe sich in dessen

Begleitung an entlegenen Orten umher, und beide seien schon des öfteren

in einem verrufenen Wirtshause nächst der Landstraße gesehen worden. Ja

man behauptete sogar, daß er bei einbrechender Dunkelheit die Familie in

ihrer Höhle aufsuche, sie mit Branntwein regaliere und mittrinkend

schwöre: er und Maruschka würden doch noch ein Paar werden. Zwar stehe

ihm im Frühling die Rekrutierung bevor, aber es wäre ihm, trotz der

Absicht seines Vaters, ihn loszukaufen, ganz recht, ein paar Jahre beim

Militär zu dienen. Wenn er dann wieder zurückkehre, sei er majorenn und

niemand mehr könne ihm etwas befehlen oder verbieten, selbst seine

Eltern nicht, von denen er übrigens glaube, daß sie nicht allzulange am

Leben bleiben dürften. So wenigstens erzählte man sich; ich aber

gestehe, daß ich stets eine eigentümliche Empfindung hatte, wenn mir der

Bursche hin und wieder begegnete, bleich, hohlwangig und mit blöden

Augen vor sich hin wie ins Leere stierend.

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 19 / 53 题