Der Förster begab sich nur höchst selten in den Marktflecken; sein
Leiden und die damit verbundene Griesgrämigkeit hinderten ihn daran.
Mußte es aber doch hin und wieder aus zwingenden Gründen geschehen, so
blieb er auch meistens gleich bis tief in die Nacht hinein unten hängen.
Denn er pflegte alsdann das Honoratioren-Wirtshaus aufzusuchen, wo der
seltene Gast mit großer Zuvorkommenheit empfangen wurde; das gute
böhmische Bier und eine Tarockpartie taten das übrige, um den brummigen
Alten auftauen zu lassen, der sich, einmal in Fluß gekommen, als sehr
gemütlicher und lustiger Gesellschafter erwies.
Das war auch in dieser Zeit einmal der Fall gewesen. Ich saß noch mit
der Försterin, die ihn stets mit einiger Ängstlichkeit erwartete, beim
Lampenschein am Tische, als er nach Hause kam. Er sah sehr heiter aus,
und während er sich's bequem machte, sagte er: >Wißt ihr das Neuste? Der
ganze Ort ist voll davon. Der Sohn des Bürgermeisters hat eine
Liebschaft mit der jungen Kratochwil.<
>Was du nicht sagst!< rief die Försterin verwundert aus.
Ich aber wußte es ja, und zuckte daher nur die Achseln.
>Eine schöne Bescherung für den Herrn Papa<, fuhr der Alte fort. >Nun
kann er leicht fluchen und wettern und dabei schwören, er wolle die
ganze Familie ins Zuchthaus bringen. Daran hätte er früher denken
sollen, jetzt ist es zu spät.<
>Nun, es wird ja nicht so arg sein<, meinte die Frau.
>Arg ist es, sehr arg. Der schwachköpfige Lali, der schon als Bub' immer
hinter den Weibsbildern her war und von ihnen beständig zum Narren
gehalten wurde, ist endlich vor die rechte Schmiede gekommen. Das
nichtsnutzige Mensch hat ihn natürlich gleich mit offenen Armen
empfangen. Und nun er den Braten geschmeckt, heult und flennt er und
droht, er werde sich umbringen, wenn man ihm die Maruschka nimmt.<
>Jesus Maria! Der Schlingel!< stieß die Försterin halblaut hervor, indem
sie die Hände faltete.
>Tun wird er's freilich nicht, aber ihre liebe Not werden die Eltern mit
ihm haben; der verzogene Bursch war ja seit jeher gewohnt, seinen Willen
durchzusetzen. Jetzt lassen sie ihn freilich nicht mehr allein über die
Straße, sonst aber achteten sie, trotz aller Affenliebe für den
einzigen, nicht darauf, daß der Tagdieb unter dem Vorwande, nach den
Feldern zu sehen, beständig vom Hause fern war. Man hätte sonst früher
dahinter kommen müssen. Merkwürdig ist es überhaupt, daß auch sonst
niemand darauf verfiel, obgleich man sich allgemein wunderte, daß die
Maruschka ganz schmuck und sauber einherging und ihr Vater aus dem
Rausch gar nicht mehr herauskam. Aber wissen Sie, Pernett,< fuhr der
Förster fort, indem er mich streng anblickte, >wissen Sie, daß wir
eigentlich in die Geschichte mit verwickelt sind? Denn raten Sie einmal,
wo das saubere Liebespaar seine Zusammenkünfte gehalten? In unserem
Revier -- oben beim Heger, der ihnen den Unterschlupf im Walde
verstattet. Wahrscheinlich hatte ihm der Junge eine Zeitlang Geld
zugesteckt, schließlich aber mochte es dem alten Gauner vorteilhafter
geschienen haben, das Geheimnis um eine runde Summe zu verraten.
Miserabler Lump! Aber da es nun einmal geschehen ist, habe ich im Grunde
doch meine Freude daran.<
Wir waren noch nicht lange zur Ruhe gegangen, als plötzlich die Hunde in
ein wütendes Gebell ausbrachen und die Hausklingel mehrmals
hintereinander hastig gezogen wurde. Da ich noch nicht schlief, so war
ich bald bei meinem Stubenfenster, das dem Tore zunächst lag, und
blickte, einen Flügel öffnend, hinaus. Draußen im Dunkel standen zwei
Männer. Es waren Arbeiter, die bei einem Neubau außerhalb des Ortes
verwendet wurden und, wie sie sagten, in einem offenen Schuppen
genächtigt hatten. Von dort aus hätten sie einen starken Feuerschein
bemerkt, der aus dem oberen Teil des Waldes gegen den Himmel aufstieg.
Sie wären gekommen, uns davon zu benachrichtigen und sich im Falle der
Not zur Verfügung zu stellen.
Kaum hatte der Förster, im Bette halb aufgerichtet, diese Kunde
vernommen, als er auch schon mit einem Satze auf dem Boden stand. >Ein
Waldbrand?< schrie er, indem er mit ungewohnter Schnelligkeit in seine
Kleider fuhr. >Ein Waldbrand? Aber wie ist denn das möglich?< setzte er,
sich besinnend, hinzu. >Bei diesem feuchten Nebelwetter? Auch war die
Nacht ganz windstill, als ich heimkehrte.<
>Das ist sie noch<, entgegnete ich, neuerdings hinausblickend. >Meiner
Meinung nach könnte höchstens das Hegerhaus brennen.<
>Sie haben recht; so wird es sein. Und dann hat auch die junge
Kratochwil das Feuer gelegt, um sich an dem Manne zu rächen.<
Mich selbst hatte dieser Gedanke sofort durchzuckt.
>Eilen Sie nur gleich hinauf<, fuhr der Förster fort, >und sehen Sie
nach. Die Männer können Sie zur Vorsorge mitnehmen; ich folge Ihnen,
sobald ich mich wärmer angekleidet habe.<
>Ich denke, Sie können sich's ganz ersparen<, sagte ich, mich rasch
fertig machend. >Es kann keine besondere Gefahr dabei sein; das kleine
Haus steht ja auf einer ausgedehnten Lichtung. Sie mögen übrigens in
Bereitschaft bleiben, und wenn es not tut, sende ich nach Ihnen.<
Dies leuchtete auch der Försterin ein, die schon die hohen Filzstiefel
des Alten hervorgesucht hatte, und dieser stimmte zu, während ich mit
den Männern abging. Wir hatten zwei Laternen mitgenommen und schlugen
bei Nacht und Nebel gleich den kürzesten, wenn auch beschwerlichsten Weg
ein. Es dauerte nicht lange, so verspürten wir bereits leichten
Brandgeruch, der immer eindringlicher wurde, und als wir endlich auf die
Lichtung hinaustraten, schimmerte uns die rötliche Glut verglimmender
Balken, die um das Haus herumlagen, durch die Dunkelheit entgegen. Der
Brand war also schon erloschen und keine weitere Gefahr mehr zu
besorgen; auch der Schaden erwies sich als nicht sehr bedeutend. Bloß
der Dachstuhl war herabgebrannt; die Mauern standen unversehrt; selbst
ein kleiner, ganz in der Nähe befindlicher hölzerner Stall war von den
Flammen verschont geblieben. Ich fragte die Hegerleute, welche eben
beschäftigt waren, einige ins Freie geschaffte Habseligkeiten wieder
einzuräumen, auf welche Art das Feuer ausgebrochen sei? Die Frau
erwiderte darauf hastig und einigermaßen verwirrt, sie könne nur
glauben, daß es böse Menschen gelegt hätten. Es gäbe einige Wilddiebe,
die ihrem Manne schon längst Rache geschworen; auch wäre es immerhin
möglich -- sie blieb plötzlich in ihrer Rede stecken, da ihr der Heger,
wie ich bemerkte, einen grimmigen Blick zuwarf. Die Erörterung war ihm
offenbar unangenehm, und er sagte jetzt mit einem gewissen Trotz: >Wir
können niemanden anklagen. Die Oktobernächte sind bereits empfindlich
kalt, und da haben wir, der Kinder wegen, noch spät am Abend geheizt.
Der Ofen aber ist alt und schadhaft -- und der trägt wohl die Schuld an
dem Brande. Übrigens war der Schrecken, den wir ausgestanden, das
Ärgste; alles andere ist kaum der Rede wert. Dachsparren und Schindeln
waren ohnehin schon morsch und verwittert, und hätten bald durch neue
ersetzt werden müssen.<
Diese Erklärung, sowie das ganze Benehmen der Leute erschien
hinreichend, Maruschka in meinen Augen des Frevels zu entlasten, den ich
ihr zugemutet; der Förster jedoch hielt bei meiner Rückkehr mit der ihm
eigenen Verbissenheit an seinem Argwohn fest und meinte, der Heger habe
wohl seine guten Gründe, die Schuld auf den Ofen zu schieben, damit die
Rolle, welche er bei dem Liebeshandel gespielt, nicht weiter zur Sprache
käme. Aber nicht bloß der Alte war überzeugt, daß das Mädchen den Brand
gelegt: die Kunde verbreitete sich im Orte selbst wie ein Lauffeuer und
wurde sofort zur unzweifelhaften Tatsache. Man sprach von nichts anderem
und fragte sich entrüstet, wie es denn komme, daß die Verbrecherin noch
immer frei und unbehelligt umhergehe. Infolgedessen fand sich auch das
Gericht veranlaßt, von der Sache Akt zu nehmen und Maruschka einem
strengen Verhöre zu unterziehen. Da diese aber ihre Schuld auf das
entschiedenste in Abrede stellte und auch nicht der Schatten eines
wirklichen Beweises gegen sie vorgebracht werden konnte, so mußte der
Gerichtsleiter, der diesen Ausgang vorhergesehen, alles weitere auf sich
beruhen lassen, zeigte sich aber, um die Gemüter zu beruhigen, gerne
bereit, den Antrag zu unterstützen, den der Bürgermeister, nunmehr durch
die Umstände begünstigt, an die Statthalterei zu richten fest
entschlossen war, nämlich: die bereits wegen Einbruchs abgestrafte Marie
Kratochwil, welche, in unverbesserlicher Arbeitsscheu verharrend, der
öffentlichen Sittlichkeit sowohl, als auch der allgemeinen Sicherheit
gefährlich erscheine, möge zur Abgabe in eine Korrektionsanstalt
bestimmt werden. Und da nun der Ortsvorstand begreiflicherweise mit
vollen Segeln ins Zeug ging, sich nach der Landeshauptstadt begab, um
dort persönlich alle Hebel in Bewegung zu setzen, so langte auch bald
der Bescheid herab, daß das Mädchen zu einjähriger Zwangsarbeit
einzuliefern sei. Maruschka, bis dahin in Gewahrsam gehalten, wurde also
eines Tages, ohne daß ich sie mehr zu Gesicht bekommen hätte, unter
Gendarmeriebegleitung zur Bahn gebracht und nach Brünn befördert.
Die Frau des Bürgermeisters hatte sich inzwischen mit ihrem Sohne, der,
nachdem er sich eine Zeitlang wie ein Wahnsinniger gebärdet, in
apathische Schwermut versunken war, zu entfernt lebenden Verwandten
begeben, hoffend, daß der Wechsel des Ortes und der Umgebung seinen
heilsamen Einfluß auf den Gemütszustand des Burschen nicht verfehlen
würde. Dieses Mittel schien aber nicht angeschlagen zu haben; denn man
wunderte sich bei seiner Rückkehr, wie schlecht und verfallen er aussah,
und wollte seitdem bemerken, daß er ein in sich gekehrtes,
heimtückisches Lungerleben führe. Bald hieß es auch, er habe mit dem
Bruder der Maruschka Freundschaft geschlossen, treibe sich in dessen
Begleitung an entlegenen Orten umher, und beide seien schon des öfteren
in einem verrufenen Wirtshause nächst der Landstraße gesehen worden. Ja
man behauptete sogar, daß er bei einbrechender Dunkelheit die Familie in
ihrer Höhle aufsuche, sie mit Branntwein regaliere und mittrinkend
schwöre: er und Maruschka würden doch noch ein Paar werden. Zwar stehe
ihm im Frühling die Rekrutierung bevor, aber es wäre ihm, trotz der
Absicht seines Vaters, ihn loszukaufen, ganz recht, ein paar Jahre beim
Militär zu dienen. Wenn er dann wieder zurückkehre, sei er majorenn und
niemand mehr könne ihm etwas befehlen oder verbieten, selbst seine
Eltern nicht, von denen er übrigens glaube, daß sie nicht allzulange am
Leben bleiben dürften. So wenigstens erzählte man sich; ich aber
gestehe, daß ich stets eine eigentümliche Empfindung hatte, wenn mir der
Bursche hin und wieder begegnete, bleich, hohlwangig und mit blöden
Augen vor sich hin wie ins Leere stierend.