III.

Gleich am Nachmittage suchte ich den Adjunkten auf. Er hörte mich

einigermaßen verwundert an und fragte lächelnd, wie ich dazu käme, den

Fürsprecher der jungen Troglodytin zu machen. Darauf war ich vorbereitet

und konnte daher ohne jede Verlegenheit auseinandersetzen, daß sich das

Mädchen zu großem Verdrusse der Försters tagelang im Revier

umhergetrieben, daß ich ihr endlich ins Gewissen geredet und sie

bestimmt habe, sich Sonntags im Wirtschaftshofe zu stellen und um

Beschäftigung zu bitten. Und am Ende seien wir ja infolge unseres Amtes

berufen, uns der Leute anzunehmen, da man sich von seiten der

Ortsobrigkeit gar nicht um sie kümmere.

>Gewiß,< antwortete er, >und an mir soll's nicht liegen, wenn das

verlotterte Ding etwa klagen sollte, daß man es rettungslos verkommen

lasse. Auch kann ich ja eben jetzt nicht genug rührige Hände finden.

Aber ich gestehe Ihnen offen, daß ich zu ihrem guten Willen kein rechtes

Vertrauen zu fassen vermag. Und selbst wenn sie die redlichste Absicht

hätte, so wird sie diese ihrer Natur gegenüber nicht durchsetzen können

-- gerade so wenig, wie ihre Eltern, die ja auch hin und wieder derlei

Anwandlungen gehabt haben. Es sind nun einmal degenerierende Menschen,

denen die Arbeitsscheu im Blute steckt. Ein paar Tage, höchstens eine

Woche lang greifen sie zu; dann lassen sie plötzlich alles liegen und

stehen und strecken sich wieder auf die faule Haut. Das scheint, wie

gesagt, auf rein physischen Gesetzen zu beruhen, die selbst dem äußeren

Zwange spotten. Wie es mit dem Bruder in dieser Hinsicht abgelaufen ist,

wissen Sie ja; ich fürchte, die Schwester wird einen ähnlichen Ausgang

nehmen. Aber wie gesagt, wenn sie kommt, ist sie angenommen. Einige von

den Weibern und Mädchen, die im Grunde nicht um gar vieles besser sind,

werden wohl die Nase rümpfen, wenn sie mit der abgestraften Diebin aufs

Feld hinaus sollen, aber das gibt sich in wenigen Tagen und braucht uns

nicht zu kümmern.<

Montags, in aller Frühe, begann die Rübenhacke, und ich suchte einen

erhöhten Punkt am Waldrande auf, um der Arbeit von weitem zuzusehen.

Während der Nacht hatte es heftig gewittert; nun war die Luft

durchsichtig klar, und ein kühler Wind strich von Norden her über die

Felder, die sich zu beiden Seiten der Landstraße weithin ausdehnten. Wie

Smaragd stachen die Rübenpflanzungen von dem gelblich wogenden Getreide

ab, und die bunten Kopftücher der Arbeiterinnen, die sehr zahlreich in

tief gebückter Haltung auf dem grünen Plan beschäftigt waren, flatterten

wie seltsame große Blumen. Ich bemühte mich, Maruschka unter der

zerstreuten Schar herauszufinden, aber es wollte mir nicht gelingen, und

schon begann ich zu zweifeln, daß sie ihren Vorsatz ausgeführt -- als

ich sie plötzlich auftauchen sah, nunmehr deutlich erkennbar an den

farblos dunklen Lumpen, die sie noch immer am Leibe trug; nur ein neues,

feuerfarbenes Kopftuch hatte sie sich bis jetzt mit meinem Gelde

zugelegt. Sie war also wirklich gekommen -- sie arbeitete! Zufrieden

blickte ich noch eine Weile auf das bunte Bild, dann ging ich meinen

Geschäften nach.

Gegen Abend fühlte ich mich plötzlich unwohl. Ich mußte mich irgendwie

erkältet haben, und als ich zu Bett ging, stellte sich Schüttelfrost

samt einer starken Halsentzündung ein, die mich einige Tage im Hause

fest hielt; währenddessen aber war die Arbeit auf den Rübenfeldern zu

Ende geführt worden.

Hingegen folgte schon in der nächsten Zeit die Heuernte, und eine große,

an den Ort grenzende Wiese wurde zuerst in Angriff genommen. Da ich an

diesem Tage zufälligerweise im Schlosse zu tun hatte, wo eben zwei junge

Grafen zur Bürsch angekommen waren, so konnte ich bei meiner Rückkehr

das rüstige Treiben in der Nähe betrachten und trat endlich selbst

hinein. Obgleich die Sonne noch nicht sehr hoch stand, herrschte doch

schon die ganze drückende Schwüle des Juli. Der Schweiß der Arbeit floß

in Strömen; dennoch war es eine Freude, zu sehen, wie die Leute, Männer

und Weiber vereint, lustig die Sensen schwangen und die langhalmigen

Gräser, in welchen sie bis an die Hüften standen, vor sich niederlegten.

Auf dem bereits abgemähten Teil der Wiese wurde in großen Kreisen eine

neue Maschine herumgefahren, welche bestimmt war, die duftigen Schwaden

zu wenden und leicht auszubreiten. Dort konnte man auch den Adjunkten

gewahren, der eifrig hin und her schritt, seinen Feldstock schwingend.

Als er meiner ansichtig wurde, rief er schon von weitem: >Grüß Gott,

Herr Waldkollege! Ihr kommt wohl, um nach meiner Schutzbefohlenen zu

sehen? Aber die werdet Ihr hier nicht finden. Was ich vorhergesagt, ist

eingetroffen. Zwei Tage lang hat sie bei den Rüben gearbeitet, dann

verschwand sie. Wenn aber dennoch Euer Herz nach ihr verlangt,< fuhr er

etwas ironisch fort, >so schaut nur dorthin!< Er wies dabei mit seinem

Stocke nach einem hohen Mühlendamm, der sich am Rande der Wiese hinzog.

Und wirklich: dort oben saß Maruschka am Fuße eines morschen

Weidenstrunkes, der einzelne junge Triebe in der Sonne glänzen ließ. Sie

selbst aber trug noch ihre alte Kleidung, und so zeichnete sich die

ganze Gestalt finster und unerfreulich gegen den lichten Horizont und

seine weiß schimmernden Wolken ab. Das feuerfarbene Tuch hatte sie auf

den Knieen liegen, in ihrem Haar funkelte ein Büschel roter Mohnblumen.

So blickte sie, die Arme aufgestemmt und das Kinn mit den Händen

stützend, auf die emsige Schar zu ihren Füßen nieder.

>Es ist freilich bequemer,< fuhr der Adjunkt fort, >sich die Sache aus

der Vogelperspektive mit anzusehen. Dennoch begreift unsereiner gar

nicht, wie der Dirne der Tag hingehen mag; das ewige Faulenzen und

Vagieren muß doch auch seine Pein haben. Und was sie nur dabei denken

mag? Denkt sie überhaupt an oder über etwas? Wer vermag sich in die

Seele eines solchen Wesens zu versetzen? Ich habe mich schon öfter

gefragt, was sie denn eigentlich abhalten mag, die Pfade des am nächsten

liegenden und dabei bequemsten Lasters zu beschreiten; des Erfolges wäre

sie ja sicher. Denn trotz ihrer Verwahrlosung, ihrer breiten

Backenknochen und der etwas platten Nase ist sie doch eine Schönheit,

eine echt slawische Schönheit. Hier im Orte könnte freilich ihr Weizen

nicht blühen; aber sie brauchte ja nur eine Fußreise nach Brünn

anzutreten, dort gibt es Seelenverkäuferinnen genug, die sie mit offenen

Armen empfangen würden. Es kann also doch nur wieder die Macht der

Trägheit sein, was sie an das gewohnte heimatliche Elend festbannt.

Merkwürdig ist es übrigens, daß sich hier nicht wenigstens irgend ein

verkommener Bursche an sie macht. Ich kann zwar für ihre Tugend nicht

einstehen, aber gewiß ist, daß ich sie niemals mit irgend

etwas Männlichem habe verkehren sehen; sie treibt sich immer

mutterseelenallein umher. Wäre sie überhaupt fähig, zu lieben? Ja, das

sind lauter Probleme, lieber Freund, und wenn man sich so in der Lage

befände, wäre es ganz interessant, sie in andere Verhältnisse zu

versetzen und zu beobachten, was dabei herauskäme, welche ungeahnten

Eigenschaften sie vielleicht entwickeln würde -- -- Aber Teufel, was

treibt denn die Maschine!?< rief er, plötzlich abbrechend. Diese schien

ins Stocken geraten zu sein, und besorgt eilte er auf sie zu. Ich winkte

ihm mit der Hand zum Abschied und ging.

Seine Worte hatten in mir einen Sturm heraufbeschworen, der alles

gewaltsam Unterdrückte und vergessen Schlummernde wach rüttelte.

Neuerdings tobte mein Blut und erzeugte die tollsten, ausschweifendsten

Gedanken. Aber es gelang mir doch bald, wieder über mich selbst Herr zu

werden -- und um so mehr zu bleiben, als ich ja Maruschka nicht mehr

sah. Dem Walde blieb sie fern, und ich selbst, um nicht an ihrem Heim

vorüberkommen zu müssen, bequemte mich stets zu einem längeren Umweg

durch den oberen Teil des Ortes. In der Eile hatte ich einmal den früher

gewohnten Pfad eingeschlagen, und da stand sie gerade auf der Brücke.

Sie hielt sich tief über das Geländer gebeugt und blickte in das Wasser

hinunter. Vielleicht hatte sie mich kommen sehen und sich infolgedessen

abgewendet; mir aber fiel auf, daß sie besser und sorgfältiger als sonst

gekleidet erschien, und zwar in helle Farben; um den bräunlichen Hals

trug sie eine dreifache Schnur bunter Glasperlen. Unwillkürlich fragte

ich mich, wie sie zu dem allen gekommen sein möchte.

So vergingen mehrere Wochen, und die Jagdzeit rückte heran. Die

Herrschaft war inzwischen vollzählig eingetroffen; auch zahlreiche Gäste

erschienen. Da gab es denn gleich zum Anfang ein lustiges Geknalle auf

den Stoppelfeldern, das den Hühnern und Hasen galt; nunmehr aber sollte

im Walde der erste Trieb auf Rehe stattfinden. Ich mußte mich also tags

vorher zu dem Heger hinaufbegeben, um mit ihm das Nötige zu verabreden,

fand ihn aber nicht zu Hause. Sein junges Weib -- er hatte, bereits

ziemlich hoch betagt, eine zweite Ehe geschlossen -- säugte eben auf der

Schwelle ihr Kind und meinte, der Mann müsse noch in der Nähe sein, denn

er wäre erst vor kurzem weggegangen. Sie bezeichnete mir die Richtung,

die er mutmaßlich eingeschlagen, und so betrat ich den angegebenen Pfad,

der in das ernste Düster hoher Tannen hineinführte. Eine Zeitlang blieb

er eben, dann hob er sich, um plötzlich in eine muldenförmige Vertiefung

abzufallen, die, von jungen Lärchen- und Fichtenschößlingen bestanden,

im vollen Lichte der klaren Herbstsonne lag. Ich hielt einen Augenblick

still, um zu sehen, ob sich nicht der Heger dort unten befinde -- da

gewahrte ich ein zärtliches Pärchen, das in trauter Umschlingung

zwischen dem niederen Buschwerk ruhte. Die Überraschten -- denn auch sie

erblickten mich jetzt -- fuhren auseinander und verbargen, indem sie

sich rasch umwälzten, instinktmäßig die Gesichter im Grase. Aber ich

hatte sie bereits erkannt: es waren Maruschka -- und der Sohn des

Bürgermeisters, ein bartloser, noch nicht zwanzigjähriger Bursche, der

eigentlich hübsch zu nennen gewesen wäre, wenn nicht ein widerlicher Zug

von Geistesschwäche und kindischer Weichheit sein Antlitz entstellt

hätte.

Ich kehrte natürlich sofort um und schritt den Pfad wieder zurück. Aber

es dauerte nicht lange, so kam mir jemand eilig nachgekeucht. Es war der

Junge, ohne Kopfbedeckung, den Rock nur so um die Schultern geworfen.

>Herr Adjunkt! Herr Adjunkt!< rief er noch aus der Entfernung mit

flehender Stimme.

>Was soll's?< fragte ich, indem ich anhielt.

>Ach, Herr Adjunkt,< stammelte er, sich mühsam des ungewohnten deutschen

Idioms bedienend, >verraten Sie nichts! Sagen Sie niemandem, daß Sie

mich hier oben mit der -- mit der Maruschka gesehen haben.<

>Was kümmert das mich? Bin ich ein altes Weib?< versetzte ich barsch in

seiner Muttersprache.

>Ach, es wäre schrecklich, wenn man's erführe<, fuhr er weinerlich fort.

>Mein Vater -- und auch die Mutter wäre -- --< Er machte Gebärden des

Außersichseins.

>Das glaub' ich gern<, bekräftigte ich. >Aber kommt ihr denn oft hier

oben zusammen?< fuhr ich unwillkürlich fort und schämte mich vor mir

selbst, daß ich bei dieser Frage ein zuckendes Weh am Herzen verspürte.

>I freilich<, grinste der Bursche, und sein Mund zog sich dabei bis zu

den Ohren. >Alle Tage.<

>An derselben Stelle?<

>Einmal da, einmal dort.<

>Und wie könnt ihr dann glauben, daß euch niemand gewahr werden wird?<

>O, da herauf kommt ja kein Mensch. Höchstens Leute aus dem fürstlichen

Revier herüber, und die kennen uns nicht.<

>Aber der Heger? Der müßte euch doch schon getroffen haben?<

>O, der Pan Heger,< lachte der Junge wieder, >der tut uns nichts. Der

hält den Mund. Dem hab' ich --< er machte eine bezeichnende Pantomime,

daß er ihm Geld in die Hand gedrückt.

Und das bestärkte mich wieder in der üblen Meinung, die ich, sowie der

Förster, von dem Manne hatte. Im Dienste zwar erschien er sehr

brauchbar; er besaß Umsicht, Mut und Energie, seine sonstigen

Eigenschaften aber flößten kein Zutrauen ein. Er trank gern und hatte

schwere Familiensorgen auf dem Halse, da ihm noch drei Kinder aus erster

Ehe anhingen. Niemals kam er mit seinem Gehalt aus, und der Graf, bei

dem er eine Zeitlang in Privatdiensten gestanden und welcher für ihn

eine besondere Vorliebe zeigte, mußte ihn fortwährend unterstützen. Ich

ärgerte mich.

>Auch _Ihnen_ werd' ich mich schon dankbar erweisen<, fuhr der Bursche

mit unterwürfiger Zutraulichkeit fort.

>Was untersteht Ihr Euch!< brauste ich auf. >Ich habe nichts gesehen und

nichts gehört. Was mich betrifft, könnt Ihr also vollständig beruhigt

sein. Ich sag' Euch das, damit, wenn die Sache heute oder morgen doch

ruchbar wird, es nicht etwa heiße, ich hätte sie zutage gebracht<. Damit

ließ ich ihn stehen.

Den Heger traf ich nunmehr zu Hause. Es kam mich an, ihn zur Rede zu

stellen; aber die ganze Sache war mir so widerlich, daß ich sie nicht

noch einmal berühren wollte. Ich erteilte also bloß meine Befehle für

die Jagd und ging dann meiner Wege.

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 18 / 53 题