Gleich am Nachmittage suchte ich den Adjunkten auf. Er hörte mich
einigermaßen verwundert an und fragte lächelnd, wie ich dazu käme, den
Fürsprecher der jungen Troglodytin zu machen. Darauf war ich vorbereitet
und konnte daher ohne jede Verlegenheit auseinandersetzen, daß sich das
Mädchen zu großem Verdrusse der Försters tagelang im Revier
umhergetrieben, daß ich ihr endlich ins Gewissen geredet und sie
bestimmt habe, sich Sonntags im Wirtschaftshofe zu stellen und um
Beschäftigung zu bitten. Und am Ende seien wir ja infolge unseres Amtes
berufen, uns der Leute anzunehmen, da man sich von seiten der
Ortsobrigkeit gar nicht um sie kümmere.
>Gewiß,< antwortete er, >und an mir soll's nicht liegen, wenn das
verlotterte Ding etwa klagen sollte, daß man es rettungslos verkommen
lasse. Auch kann ich ja eben jetzt nicht genug rührige Hände finden.
Aber ich gestehe Ihnen offen, daß ich zu ihrem guten Willen kein rechtes
Vertrauen zu fassen vermag. Und selbst wenn sie die redlichste Absicht
hätte, so wird sie diese ihrer Natur gegenüber nicht durchsetzen können
-- gerade so wenig, wie ihre Eltern, die ja auch hin und wieder derlei
Anwandlungen gehabt haben. Es sind nun einmal degenerierende Menschen,
denen die Arbeitsscheu im Blute steckt. Ein paar Tage, höchstens eine
Woche lang greifen sie zu; dann lassen sie plötzlich alles liegen und
stehen und strecken sich wieder auf die faule Haut. Das scheint, wie
gesagt, auf rein physischen Gesetzen zu beruhen, die selbst dem äußeren
Zwange spotten. Wie es mit dem Bruder in dieser Hinsicht abgelaufen ist,
wissen Sie ja; ich fürchte, die Schwester wird einen ähnlichen Ausgang
nehmen. Aber wie gesagt, wenn sie kommt, ist sie angenommen. Einige von
den Weibern und Mädchen, die im Grunde nicht um gar vieles besser sind,
werden wohl die Nase rümpfen, wenn sie mit der abgestraften Diebin aufs
Feld hinaus sollen, aber das gibt sich in wenigen Tagen und braucht uns
nicht zu kümmern.<
Montags, in aller Frühe, begann die Rübenhacke, und ich suchte einen
erhöhten Punkt am Waldrande auf, um der Arbeit von weitem zuzusehen.
Während der Nacht hatte es heftig gewittert; nun war die Luft
durchsichtig klar, und ein kühler Wind strich von Norden her über die
Felder, die sich zu beiden Seiten der Landstraße weithin ausdehnten. Wie
Smaragd stachen die Rübenpflanzungen von dem gelblich wogenden Getreide
ab, und die bunten Kopftücher der Arbeiterinnen, die sehr zahlreich in
tief gebückter Haltung auf dem grünen Plan beschäftigt waren, flatterten
wie seltsame große Blumen. Ich bemühte mich, Maruschka unter der
zerstreuten Schar herauszufinden, aber es wollte mir nicht gelingen, und
schon begann ich zu zweifeln, daß sie ihren Vorsatz ausgeführt -- als
ich sie plötzlich auftauchen sah, nunmehr deutlich erkennbar an den
farblos dunklen Lumpen, die sie noch immer am Leibe trug; nur ein neues,
feuerfarbenes Kopftuch hatte sie sich bis jetzt mit meinem Gelde
zugelegt. Sie war also wirklich gekommen -- sie arbeitete! Zufrieden
blickte ich noch eine Weile auf das bunte Bild, dann ging ich meinen
Geschäften nach.
Gegen Abend fühlte ich mich plötzlich unwohl. Ich mußte mich irgendwie
erkältet haben, und als ich zu Bett ging, stellte sich Schüttelfrost
samt einer starken Halsentzündung ein, die mich einige Tage im Hause
fest hielt; währenddessen aber war die Arbeit auf den Rübenfeldern zu
Ende geführt worden.
Hingegen folgte schon in der nächsten Zeit die Heuernte, und eine große,
an den Ort grenzende Wiese wurde zuerst in Angriff genommen. Da ich an
diesem Tage zufälligerweise im Schlosse zu tun hatte, wo eben zwei junge
Grafen zur Bürsch angekommen waren, so konnte ich bei meiner Rückkehr
das rüstige Treiben in der Nähe betrachten und trat endlich selbst
hinein. Obgleich die Sonne noch nicht sehr hoch stand, herrschte doch
schon die ganze drückende Schwüle des Juli. Der Schweiß der Arbeit floß
in Strömen; dennoch war es eine Freude, zu sehen, wie die Leute, Männer
und Weiber vereint, lustig die Sensen schwangen und die langhalmigen
Gräser, in welchen sie bis an die Hüften standen, vor sich niederlegten.
Auf dem bereits abgemähten Teil der Wiese wurde in großen Kreisen eine
neue Maschine herumgefahren, welche bestimmt war, die duftigen Schwaden
zu wenden und leicht auszubreiten. Dort konnte man auch den Adjunkten
gewahren, der eifrig hin und her schritt, seinen Feldstock schwingend.
Als er meiner ansichtig wurde, rief er schon von weitem: >Grüß Gott,
Herr Waldkollege! Ihr kommt wohl, um nach meiner Schutzbefohlenen zu
sehen? Aber die werdet Ihr hier nicht finden. Was ich vorhergesagt, ist
eingetroffen. Zwei Tage lang hat sie bei den Rüben gearbeitet, dann
verschwand sie. Wenn aber dennoch Euer Herz nach ihr verlangt,< fuhr er
etwas ironisch fort, >so schaut nur dorthin!< Er wies dabei mit seinem
Stocke nach einem hohen Mühlendamm, der sich am Rande der Wiese hinzog.
Und wirklich: dort oben saß Maruschka am Fuße eines morschen
Weidenstrunkes, der einzelne junge Triebe in der Sonne glänzen ließ. Sie
selbst aber trug noch ihre alte Kleidung, und so zeichnete sich die
ganze Gestalt finster und unerfreulich gegen den lichten Horizont und
seine weiß schimmernden Wolken ab. Das feuerfarbene Tuch hatte sie auf
den Knieen liegen, in ihrem Haar funkelte ein Büschel roter Mohnblumen.
So blickte sie, die Arme aufgestemmt und das Kinn mit den Händen
stützend, auf die emsige Schar zu ihren Füßen nieder.
>Es ist freilich bequemer,< fuhr der Adjunkt fort, >sich die Sache aus
der Vogelperspektive mit anzusehen. Dennoch begreift unsereiner gar
nicht, wie der Dirne der Tag hingehen mag; das ewige Faulenzen und
Vagieren muß doch auch seine Pein haben. Und was sie nur dabei denken
mag? Denkt sie überhaupt an oder über etwas? Wer vermag sich in die
Seele eines solchen Wesens zu versetzen? Ich habe mich schon öfter
gefragt, was sie denn eigentlich abhalten mag, die Pfade des am nächsten
liegenden und dabei bequemsten Lasters zu beschreiten; des Erfolges wäre
sie ja sicher. Denn trotz ihrer Verwahrlosung, ihrer breiten
Backenknochen und der etwas platten Nase ist sie doch eine Schönheit,
eine echt slawische Schönheit. Hier im Orte könnte freilich ihr Weizen
nicht blühen; aber sie brauchte ja nur eine Fußreise nach Brünn
anzutreten, dort gibt es Seelenverkäuferinnen genug, die sie mit offenen
Armen empfangen würden. Es kann also doch nur wieder die Macht der
Trägheit sein, was sie an das gewohnte heimatliche Elend festbannt.
Merkwürdig ist es übrigens, daß sich hier nicht wenigstens irgend ein
verkommener Bursche an sie macht. Ich kann zwar für ihre Tugend nicht
einstehen, aber gewiß ist, daß ich sie niemals mit irgend
etwas Männlichem habe verkehren sehen; sie treibt sich immer
mutterseelenallein umher. Wäre sie überhaupt fähig, zu lieben? Ja, das
sind lauter Probleme, lieber Freund, und wenn man sich so in der Lage
befände, wäre es ganz interessant, sie in andere Verhältnisse zu
versetzen und zu beobachten, was dabei herauskäme, welche ungeahnten
Eigenschaften sie vielleicht entwickeln würde -- -- Aber Teufel, was
treibt denn die Maschine!?< rief er, plötzlich abbrechend. Diese schien
ins Stocken geraten zu sein, und besorgt eilte er auf sie zu. Ich winkte
ihm mit der Hand zum Abschied und ging.
Seine Worte hatten in mir einen Sturm heraufbeschworen, der alles
gewaltsam Unterdrückte und vergessen Schlummernde wach rüttelte.
Neuerdings tobte mein Blut und erzeugte die tollsten, ausschweifendsten
Gedanken. Aber es gelang mir doch bald, wieder über mich selbst Herr zu
werden -- und um so mehr zu bleiben, als ich ja Maruschka nicht mehr
sah. Dem Walde blieb sie fern, und ich selbst, um nicht an ihrem Heim
vorüberkommen zu müssen, bequemte mich stets zu einem längeren Umweg
durch den oberen Teil des Ortes. In der Eile hatte ich einmal den früher
gewohnten Pfad eingeschlagen, und da stand sie gerade auf der Brücke.
Sie hielt sich tief über das Geländer gebeugt und blickte in das Wasser
hinunter. Vielleicht hatte sie mich kommen sehen und sich infolgedessen
abgewendet; mir aber fiel auf, daß sie besser und sorgfältiger als sonst
gekleidet erschien, und zwar in helle Farben; um den bräunlichen Hals
trug sie eine dreifache Schnur bunter Glasperlen. Unwillkürlich fragte
ich mich, wie sie zu dem allen gekommen sein möchte.
So vergingen mehrere Wochen, und die Jagdzeit rückte heran. Die
Herrschaft war inzwischen vollzählig eingetroffen; auch zahlreiche Gäste
erschienen. Da gab es denn gleich zum Anfang ein lustiges Geknalle auf
den Stoppelfeldern, das den Hühnern und Hasen galt; nunmehr aber sollte
im Walde der erste Trieb auf Rehe stattfinden. Ich mußte mich also tags
vorher zu dem Heger hinaufbegeben, um mit ihm das Nötige zu verabreden,
fand ihn aber nicht zu Hause. Sein junges Weib -- er hatte, bereits
ziemlich hoch betagt, eine zweite Ehe geschlossen -- säugte eben auf der
Schwelle ihr Kind und meinte, der Mann müsse noch in der Nähe sein, denn
er wäre erst vor kurzem weggegangen. Sie bezeichnete mir die Richtung,
die er mutmaßlich eingeschlagen, und so betrat ich den angegebenen Pfad,
der in das ernste Düster hoher Tannen hineinführte. Eine Zeitlang blieb
er eben, dann hob er sich, um plötzlich in eine muldenförmige Vertiefung
abzufallen, die, von jungen Lärchen- und Fichtenschößlingen bestanden,
im vollen Lichte der klaren Herbstsonne lag. Ich hielt einen Augenblick
still, um zu sehen, ob sich nicht der Heger dort unten befinde -- da
gewahrte ich ein zärtliches Pärchen, das in trauter Umschlingung
zwischen dem niederen Buschwerk ruhte. Die Überraschten -- denn auch sie
erblickten mich jetzt -- fuhren auseinander und verbargen, indem sie
sich rasch umwälzten, instinktmäßig die Gesichter im Grase. Aber ich
hatte sie bereits erkannt: es waren Maruschka -- und der Sohn des
Bürgermeisters, ein bartloser, noch nicht zwanzigjähriger Bursche, der
eigentlich hübsch zu nennen gewesen wäre, wenn nicht ein widerlicher Zug
von Geistesschwäche und kindischer Weichheit sein Antlitz entstellt
hätte.
Ich kehrte natürlich sofort um und schritt den Pfad wieder zurück. Aber
es dauerte nicht lange, so kam mir jemand eilig nachgekeucht. Es war der
Junge, ohne Kopfbedeckung, den Rock nur so um die Schultern geworfen.
>Herr Adjunkt! Herr Adjunkt!< rief er noch aus der Entfernung mit
flehender Stimme.
>Was soll's?< fragte ich, indem ich anhielt.
>Ach, Herr Adjunkt,< stammelte er, sich mühsam des ungewohnten deutschen
Idioms bedienend, >verraten Sie nichts! Sagen Sie niemandem, daß Sie
mich hier oben mit der -- mit der Maruschka gesehen haben.<
>Was kümmert das mich? Bin ich ein altes Weib?< versetzte ich barsch in
seiner Muttersprache.
>Ach, es wäre schrecklich, wenn man's erführe<, fuhr er weinerlich fort.
>Mein Vater -- und auch die Mutter wäre -- --< Er machte Gebärden des
Außersichseins.
>Das glaub' ich gern<, bekräftigte ich. >Aber kommt ihr denn oft hier
oben zusammen?< fuhr ich unwillkürlich fort und schämte mich vor mir
selbst, daß ich bei dieser Frage ein zuckendes Weh am Herzen verspürte.
>I freilich<, grinste der Bursche, und sein Mund zog sich dabei bis zu
den Ohren. >Alle Tage.<
>An derselben Stelle?<
>Einmal da, einmal dort.<
>Und wie könnt ihr dann glauben, daß euch niemand gewahr werden wird?<
>O, da herauf kommt ja kein Mensch. Höchstens Leute aus dem fürstlichen
Revier herüber, und die kennen uns nicht.<
>Aber der Heger? Der müßte euch doch schon getroffen haben?<
>O, der Pan Heger,< lachte der Junge wieder, >der tut uns nichts. Der
hält den Mund. Dem hab' ich --< er machte eine bezeichnende Pantomime,
daß er ihm Geld in die Hand gedrückt.
Und das bestärkte mich wieder in der üblen Meinung, die ich, sowie der
Förster, von dem Manne hatte. Im Dienste zwar erschien er sehr
brauchbar; er besaß Umsicht, Mut und Energie, seine sonstigen
Eigenschaften aber flößten kein Zutrauen ein. Er trank gern und hatte
schwere Familiensorgen auf dem Halse, da ihm noch drei Kinder aus erster
Ehe anhingen. Niemals kam er mit seinem Gehalt aus, und der Graf, bei
dem er eine Zeitlang in Privatdiensten gestanden und welcher für ihn
eine besondere Vorliebe zeigte, mußte ihn fortwährend unterstützen. Ich
ärgerte mich.
>Auch _Ihnen_ werd' ich mich schon dankbar erweisen<, fuhr der Bursche
mit unterwürfiger Zutraulichkeit fort.
>Was untersteht Ihr Euch!< brauste ich auf. >Ich habe nichts gesehen und
nichts gehört. Was mich betrifft, könnt Ihr also vollständig beruhigt
sein. Ich sag' Euch das, damit, wenn die Sache heute oder morgen doch
ruchbar wird, es nicht etwa heiße, ich hätte sie zutage gebracht<. Damit
ließ ich ihn stehen.
Den Heger traf ich nunmehr zu Hause. Es kam mich an, ihn zur Rede zu
stellen; aber die ganze Sache war mir so widerlich, daß ich sie nicht
noch einmal berühren wollte. Ich erteilte also bloß meine Befehle für
die Jagd und ging dann meiner Wege.