II.

Am nächsten Morgen hängte ich mein Gewehr über die Schulter, pfiff

meinem Hunde und ging in den Wald. Denn es war einer der Tage, an

welchen Klaubholz gesammelt wurde, und da hieß es, ein wachsames Auge

haben. Kannten doch die Leute, so diese Vergünstigung genossen, keine

Schonung dessen, was, wie sie meinten, eben der freien Natur angehörte.

Sie zertraten aufs rücksichtsloseste die jungen Kulturpflanzen, brachen

mit ihren Stangen, daran starke Haken befestigt waren, samt den dürren

Zweigen auch gesunde nieder und legten nicht selten feine Schlingen ins

Buschwerk, auf daß sich Hühner und junge Hasen verfängen. So

durchstreifte ich denn jenen Teil des Reviers, der sich mehr gegen die

Niederung hinzog; auf dem höher gelegenen, wo Rotwild wechselte, hatte

es weniger Gefahr, denn die meisten vermieden in der Regel den

beschwerlichen Aufstieg; auch waltete dort seines Amtes der oben

wohnende Heger.

Es ging diesmal sehr lebhaft zu, da man die erste schöne Zeit benützte,

um sich für länger hinaus zu versorgen; es wimmelte nur so von Weibern

und halbwüchsigen Kindern. Indessen war die Sonne immer höher gestiegen,

und der Forst begann allmählich wieder zu vereinsamen, als ich, bereits

an die Heimkehr denkend, die Mutter Kratochwil gewahrte, wie sie eine

ziemlich steile Lehne mühsam herunterhumpelte. Das ausgemergelte,

hinfällige Weib hatte sich eine ungeheuere Last von Reisig und dürrem

Laub auf den Rücken gebürdet; sie keuchte, und der Schweiß rann über ihr

knochiges, bläulichrotes Gesicht, während ein paar Schritte hinter ihr

die Tochter ganz frei und unbelastet hinabtänzelte, nur die dünne

Brechstange gleichsam zum Spiel nach sich schleifend. Seht die

Zuchthausprinzessin, dachte ich, indes mir die Alte mit heiserer Stimme

einen demütigen Gruß zurief, seht die Troglodytin, sie läßt die Mutter

sich zu Tode schleppen, ohne auch nur ein Zweiglein aufzunehmen! Dennoch

konnte ich nicht umhin, der kräftig schlanken Gestalt nachzublicken, wie

sie jetzt auf ebenem Boden trotz ihrer Lumpen wirklich wie eine

Prinzessin einherschritt und sich dabei anmutig in den Hüften wiegte.

Sie war ohne Gruß und Seitenblick an mir vorübergegangen; aber bei einer

Pfadbiegung angelangt, blieb sie plötzlich stehen und blickte rasch mit

einem flüchtigen Lächeln nach mir zurück. Ich ärgerte mich, daß sie nun

bemerkt hatte, wie ich ihr nachstaunte, und ging geraden Weges nach

Hause, wo ich aber von dieser neuerlichen Begegnung schwieg, um den

Förster nicht wieder in Harnisch zu bringen.

Tags darauf hatte ich in der Baumschule zu tun, die, dem Waldrande schon

ziemlich nahe, in einer anmutigen windgeschützten Schlucht lag. Als ich

mich der Umfriedung näherte, sah ich unweit davon das Mädchen auf einem

bemoosten Steine sitzen, als erwarte sie jemanden. Sie hatte im Schoße

eine Menge von Vergißmeinnichten liegen, die sie am Rande eines hinter

ihr vorüberrieselnden Baches gepflückt haben mochte, und auf welche sie

jetzt errötend niederblickte. Eine eigentümliche Empfindung durchzuckte

mich; aber ich ging, ohne sie anzusehen, an ihr vorüber und trat in die

Baumschule. Während ich dort musterte und hantierte, blickte ich

unwillkürlich zwischen den Latten durch und gewahrte, wie sie jetzt mit

ungeschickten Fingern bemüht war, die kleinen blauen Blumen zum Strauß

zu einen. Mir wurde immer seltsamer und peinlicher zu Mut, und um nicht

wieder an ihr vorbeizukommen, zwängte ich mich nach der anderen Seite

hin durch den an mehreren Stellen brüchig gewordenen Zaun und trachtete

das Dickicht zu gewinnen, indem ich in einen schmalen Pfad einbog. Ich

war noch nicht lange gegangen, als es in der Nähe raschelte und mein

Hund leicht anschlug. Ich dachte, es wäre ein Reh, statt dessen aber

brach das Mädchen hervor und huschte, während sie den Strauß fallen

ließ, dicht an mir vorbei, sofort jenseits wieder verschwindend. Ich

ließ die plump aussehende Gabe liegen und ging meines Weges. Nach

einiger Zeit erschien sie wieder -- und bald darauf ein drittes Mal.

Diese zudringliche Verfolgung begann mich zu ärgern; rasch entschlossen,

bog ich sofort nach rechts ab und schritt quer durchs Holz auf der

kürzesten Linie dem Forsthause zu. Als ich mich der Schwelle näherte,

hörte ich in der Entfernung hinter mir ein kurzes, helles Lachen

erklingen, wie das einer Spottdrossel.

Am nächsten Tage traf sie mich wieder an -- und auch an dem

nächstfolgenden; sie mußte offenbar irgendwo auf der Lauer liegen, um zu

erforschen, welche Richtung ich nahm, wenn ich das Haus verließ, sonst

hätte sie nicht stets neben mir her sein können. Als ich am dritten Tage

zurückkehrte, sagte der Förster: >Sie, Pernett, ist Ihnen nicht die

junge Kratochwil begegnet? Ich habe die verdammte Dirne heute früh am

Hause vorbeischleichen sehen wie eine Katze. Sie treibt sich gewiß im

Revier herum.<

Ich weiß nicht, was mich abhielt, die volle Wahrheit zu sagen, und

erwiderte bloß, daß ich das Mädchen allerdings von weitem wahrgenommen.

>Sie hätten sie anrufen und abschaffen sollen. Ich bitte mir aus, daß es

das nächste Mal sofort geschieht. Und wenn sie Ihnen keine Folge

leistet, so hetzen Sie den Hund auf sie -- oder brennen ihr eins

hinauf!<

>Ja, wenn das nur so ginge!< erwiderte ich mit gezwungenem Lachen.

>Leider geht's nicht. Und das weiß auch das Gesindel und nimmt sich

daher alles und jedes heraus. _Diese_ Kanaille aber darf um keinen Preis

geduldet werden. Drohen Sie nur, daß man den Eltern das Klaubrecht

entzieht, das wird schon wirken.<

Ich fühlte mich während dieser Unterredung um so befangener, als ich mir

bewußt war, bei der ersten Frage meines Vorgesetzten errötet zu sein.

Aber er hatte recht: der Sache mußte ein Ende gemacht werden. Ich nahm

mir also vor, das Mädchen bei der ersten Wiederbegegnung scharf

anzulassen.

Am nächsten Morgen war trübes, regnerisches Wetter eingefallen, und ich

dachte daher, daß sie sich heute wohl nicht zeigen würde; aber es

dauerte nicht lange, so sah ich sie im nassen Gestrüpp einer abgeholzten

Lehne auftauchen.

>He! du!< rief ich sie an.

Sie stand still und blickte mir, unter dem triefenden Kopftuche über und

über erglühend, entgegen.

>Was streichst du denn da im Wald herum?< fuhr ich barsch fort, indem

ich auf sie zutrat.

Sie schien eine andere Sprache erwartet zu haben, denn ihr Gesicht

verfinsterte sich und ihre Augen nahmen einen bösen Ausdruck an. >Nun,<

fragte sie mit rauher Stimme, >darf ich's vielleicht nicht?<

>Nein!<

>Warum nicht? In den Wald kann jeder gehen.<

>Meinst du? Im Revier darf sich niemand aufhalten -- und du am

wenigsten.<

>Wer wird mich hindern?<

>Ich.<

>Ihr? Geht!< Sie sah mich dabei mit zusammengezogenen Brauen verächtlich

-- und doch mit ungläubiger Zärtlichkeit an.

Ich fühlte, wie mir dieser Blick ins Innere drang; dennoch nahm ich eine

gleichgültige Miene an. >Was mich betrifft, so sollt' es mich wenig

kümmern, ob du da bist oder nicht; du wirst die Bäume nicht forttragen.

Aber der Förster duldet's nicht und hat mir befohlen, dich

abzuschaffen.<

>Und wie wollt Ihr das anfangen?< fragte sie höhnisch.

Mein Stop hatte sich mittlerweile zwischen uns beide gestellt und fing

jetzt an, sie vorsichtig zu beschnuppern.

>Wollt Ihr mir vielleicht gar mit dem Hund zu Leibe?< fuhr sie lachend

fort. >Der würd' Euch nicht gehorchen.< Sie hatte bei diesen Worten

einen Brocken schwarzen Brotes aus der Tasche gezogen, nach welchem

Stop, gefräßig wie alle Jagdhunde, gierig schnappte und dann, nach mehr

verlangend, wedelnd zu ihr emporsah. >Seht Ihr! Er ist klüger, als sein

Herr; er nimmt, was man ihm gibt.<

Ihre Unverschämtheit verdroß und empörte mich jetzt wirklich. >Weißt

du,< sagte ich, >ich werde mich mit dir in kein Hin- und Herreden

einlassen, und erkläre dir nur, daß ich dich nicht mehr hier treffen

will. Gewalt kann ich allerdings nicht anwenden, aber es gibt noch

andere Mittel, dir den Kopf zurechtzusetzen. Fürs erste dürfen deine

Eltern nicht mehr Holz sammeln, wenn du mir noch einmal in den Weg

kommst. Das merk' dir!< Damit ließ ich sie, dem Hunde pfeifend, kurzweg

im Gestrüpp stehen. Ich empfand deutlich, wie sie mir mit zornig

funkelnden Augen nachblickte, und nach einer Weile vernahm ich ein

wildes, weithin schallendes Hohngelächter.

Aber meine Worte, sowie mein ganzes Benehmen schienen doch die

beabsichtigte Wirkung nicht verfehlt zu haben; denn das zudringliche

Geschöpf blieb von diesem Tag an dem Walde fern; wenigstens bekam ich es

nicht zu Gesicht. Aber seltsam: obgleich ich mit dem Erfolg zufrieden

sein mußte und es auch wirklich war, so fehlte mir doch etwas bei meinen

Gängen. Es war mir, als könnte ich noch immer nicht daran glauben, daß

sie meinem Befehl gefolgt sei, und so oft ich es irgendwo in den Zweigen

rascheln hörte, glaubte ich auch ihre Gestalt hervorbrechen zu sehen,

gewissermaßen enttäuscht, wenn ich nun in der Tat irgend ein Getier

erblickte.

Inzwischen war es vollends Sommer geworden und draußen auf den

weitgedehnten, sonnenbeglänzten Feldern begann allmählich das Korn zu

reifen. Um diese Zeit hatte ich mich einmal in der Frühe zu dem Heger

hinauf begeben und mit ihm den oberen Teil des Reviers begangen; als ich

mich zum Abstieg anschickte, war es bereits nahe an Mittag und die

Hitze, schon am Morgen höchst empfindlich, hatte sich inzwischen bis zum

Unerträglichen gesteigert. Aus dem Nadelholz rings herum drang eine

betäubende Glut und schien jeden Laut zu ersticken; nicht einmal das

Hämmern des Spechtes klang durch die Stille. Ich hatte meinen Rock

ausgezogen und lechzte wie mein Hund, der mit heraushängender Zunge

dicht hinter mir herschritt. Aber alle Bäche und Wasserrisse waren

eingetrocknet, und die kurze Wegstunde, die ich noch bis zum Forsthause

zurückzulegen hatte, schien mir gerade Zeit genug, um zu verdursten. Da

fiel mir ein, daß ich mich in der Nähe eines Erdbruches befinden müsse,

woselbst ich im vorigen Sommer während der größten Dürre eine Quelle

angetroffen hatte, die mühselig zwischen Moos und Baumwurzeln

hervorsickerte. Ihr spärliches Wassergeriesel sammelte sich in einem

kleinen, von Zeit zu Zeit überfließenden Tümpel, wodurch der Ort selbst

beständig feucht gehalten und der Wuchs hoher Ulmen begünstigt wurde,

die in der Runde kühle, düstere Schatten verbreiteten. Ich trachtete

sofort, die kürzeste Richtung zu gewinnen, indem ich mich ohne weiteres

durchs Dickicht schlug. Bald empfand ich auch, wie mir ein erquickender

Hauch entgegenwehte; jetzt vernahm ich schon deutlich, wie es in der

Tiefe rieselte und plätscherte. Noch ein paar Schritte -- und unter mir

lag der klare, umschattete Tümpel. Aber gleichzeitig benahm es mir den

Atem, und ich mußte mich taumelnd am nächsten Ast festhalten. Denn dem

kleinen Bassin, an dessen Rand sich weibliche Kleidungsstücke verstreut

zeigten, entstieg eben mit blinkendem Leibe das Mädchen. Stop war

vorausgeeilt; sie schrak zusammen und wandte mir das Antlitz zu. Ihre

erste Regung war, sich in instinktmäßiger Scham die Hände vor die Augen

zu schlagen; sofort aber zuckte es eigentümlich um ihren Mund, und indem

sie die erhobenen Arme sinken ließ, nahm sie die bekannte Venusstellung

an, die sie nie im Leben vor Augen gehabt. Ich wendete mich ab und floh

den Pfad zurück, den ich mir gebrochen. Wie ein Trunkener taumelte ich

vorwärts; das Herz schlug mir bis an den Hals hinauf; Hitze und

Trockenheit in der Kehle drohten mich zu ersticken, während mich mein

Hund, der sich inzwischen satt getrunken, mit noch triefender Schnauze

lustig umsprang.

Wie ich damals nach Hause gekommen, weiß ich heute nicht mehr; ich kann

nur sagen, daß ich das Bild nicht vor den Augen wegbrachte, daß mich

marternde Sehnsucht verzehrte, daß ich mit dem Entschlusse kämpfte, das

Mädchen aufzusuchen -- und was derlei Ausgeburten einer erhitzten

Phantasie mehr waren. Vernunft und Ehrgefühl halfen mir freilich über

all diese Erschütterungen hinweg; aber mir war und blieb in den nächsten

Tagen elend zumut. Ich konnte nicht essen, nicht schlafen und schritt im

Walde wie ein Schatten umher.

So mochte fast eine Woche vergangen sein, und ich mußte wieder einmal

nach der Baumschule sehen, die ich seither vermieden hatte, obgleich

mich eine geheimnisvolle Macht hinzuziehen schien. Schon aus einiger

Entfernung konnte ich bemerken, daß das Mädchen, wie damals, in der Nähe

des Zaunes saß. Ich fühlte einen heftigen Ruck am ganzen Körper, und

unwillkürlich wendete ich mich zur Umkehr. Doch schon schämte ich mich

auch dieser unwürdigen Feigheit und beschloß, der Gefahr, wenn es denn

wirklich eine sein sollte, mutig zu begegnen; schritt also jetzt an der

Sitzenden, ohne ihr einen Blick zu schenken, vorüber. Stop aber hielt an

und wedelte ihr wie einer guten Bekannten entgegen. Sie lockte ihn an

sich heran. Ich pfiff; doch da sie ihm den Kopf kraute, folgte er nicht

gleich. Das ärgerte mich. >Laß den Hund in Ruhe!< herrschte ich ihr zu,

mit einer halben Wendung stehen bleibend.

>Kann ich dafür, daß er mich kennt?< antwortete sie ruhig, ohne

aufzusehen. >Er weiß sich nicht zu verstellen, wie Ihr.<

>Was willst du damit sagen?< erwiderte ich barsch.

>Warum tut Ihr, als sähet Ihr mich nicht?<

>Sei froh, wenn ich dich nicht sehe<, sagte ich bedeutungsvoll.

>Ach geht!< sagte sie, indem sie sich von dem Stein erhob und langsam

auf mich zukam. >Ich habe ja doch Tag für Tag hier auf Euch gewartet.<

>Auf mich? Weshalb?<

Sie erwiderte nichts, sah mich aber mit einem Blick an, der mir das Blut

sieden machte -- und mich doch gleichzeitig derart empörte, daß ich mit

ungeheuchelter Entrüstung ausrief: >Du bist ein schamloses Ding! Schau,

daß du fortkommst -- und das sogleich!<

Sie blickte mich halb erschreckt, halb ungläubig an, während ein blödes

Lächeln um ihre roten, halb geöffneten Lippen spielte.

>Hast du gehört? Hinweg! sag' ich!< Damit trat ich, den Arm gebieterisch

ausgestreckt, so drohend auf sie zu, daß Stop trotz seiner freundlichen

Gesinnung bedenklich zu knurren anfing.

Sie bebte zusammen; gleich darauf aber kam ein tückischer,

herausfordernder Trotz in ihrem Antlitz zum Vorschein; es war, als

wollte sie sich zur Wehr setzen. Dann aber nahmen ihre Züge plötzlich

den Ausdruck vollständiger Gleichgültigkeit an. >Nun ja; tut nicht so

böse und schreit nicht. Ich gehe schon. Aber schenkt mir wenigstens

etwas. Ich habe Hunger. Und seht, das Kleid geht schon ganz in Fetzen --

auch habe ich keine Schuhe --<

>Du brauchst Schuhe -- du Strauchdiebin!< rief ich hart.

Sie zuckte wieder zusammen; ihre Augen waren ganz dunkel geworden und

blitzten vor Wut und Haß. >Warum heißt Ihr mich so?< rief sie mit

geballten Fäusten. >Euch habe ich nichts gestohlen.< Dann ließ sie

allmählich die Arme sinken und sagte vorwurfsvoll: >_Ihr_ solltet mich

nicht so nennen -- gerade _Ihr_ nicht.<

Ich selbst hatte das Wort bereut, kaum daß ich es ausgestoßen. >Warum

läßt du's auch darauf ankommen<, entgegnete ich milder. >Und wenn du

Hunger hast, warum arbeitest du nicht?<

>Das geht nicht<, erwiderte sie dumpf.

>Weshalb nicht?<

>Es nimmt mich niemand.<

>Das ist nicht wahr. Hast du's denn schon versucht?<

Sie schüttelte das Haupt.

>So tu's!<

Sie blickte nachdenklich vor sich hin. >Schenkt mir lieber etwas<, sagte

sie nach einer Weile.

>Nein, ich schenke dir nichts! Das hieße nur deine Trägheit, deine

schlimmen Neigungen unterstützen. Oder doch --< fuhr ich fort, von einem

plötzlichen Gedanken überkommen >ja, ich will dir so viel schenken, daß

du eine Zeitlang nicht zu hungern brauchst und dir ein paar Ellen Zeug

an den Leib schaffen kannst; aber auch nur unter der _einen_ Bedingung,

daß du dich nach Arbeit umsiehst.<

Sie schwieg und schien einen schweren inneren Kampf zu kämpfen. >Es

nimmt mich niemand<, wiederholte sie endlich. >Ihr wißt doch -- --<

>Ich weiß. Aber gerade deswegen wird und muß man dich nehmen; denn es

ist jedermanns Pflicht, dir zu einem ordentlichen Leben zu verhelfen. Im

Wirtschaftshofe findest du ganz gewiß Aufnahme. Wenn du willst, werde

ich mit dem Adjunkten sprechen.<

>Nehmt _Ihr_ mich lieber<, sagte sie, rasch aufblickend. >Ihr könnt mich

ja auch im Walde brauchen.<

>Nein,< entgegnete ich verwirrt, >nein, dazu ist es jetzt schon zu spät;

die Kulturen sind ausgesetzt, und was ich dir sonst noch zu tun geben

könnte, würde nicht weit reichen. Aber bei der Wirtschaft geht es erst

jetzt so recht an. In der nächsten Woche beginnt die zweite Rübenhacke,

dann die Heumahd, späterhin ist der Schnitt -- und endlich die

Rübenernte. So hättest du Beschäftigung und Verdienst bis tief in den

Herbst hinein. Willst du?<

Ich sah, daß sie zu keinem Entschluß kommen konnte und wie verloren vor

sich hinstarrte. Ich trat ihr näher und zog die Börse. >Schau,< sagte

ich in mildem Tone, >du bist ein hübsches Mädchen; warum willst du nicht

auch brav und rechtschaffen sein? Wie heißt du denn eigentlich?<

>Maruschka<, sagte sie still.

>Also, Maruschka, warum willst du nicht, wie all die anderen, dein

tägliches Brot erwerben -- für dich -- und auch für deine Eltern, die

nun einmal zur Arbeit nicht mehr taugen? Dein Beispiel würde den Bruder

aneifern -- und ihr könntet alle miteinander noch ehrsame Leute werden,

statt in Elend und Schande zu verkommen. Denkst du denn gar nicht an

deine Zukunft?<

Ihre breiten, kräftigen Nasenflügel hatten während meiner Worte leise zu

zittern begonnen; die Mundwinkel zogen sich schmerzlich herab -- und

jetzt brach sie in ein unaufhaltsames, lautes Weinen aus.

>Siehst du?< fuhr ich fort, indem ich mit der Hand leicht über ihr

sprödes Haar fuhr. >Nimm dir's zu Herzen. Heute ist Freitag --

übermorgen, Sonntags, in aller Frühe begib dich nach dem Hofe und melde

dich zur Arbeit. Willst du?<

>Ich will<, sagte sie schluchzend.

>Nun also. Da nimm! Es ist so viel, als ich eben kann. Aber ich baue auf

dein Versprechen. Und daß du mir nicht mehr in den Wald kommst! Hörst

du?<

Sie schüttelte unter Tränen das Haupt, zum Zeichen, daß sie nicht

wiederkommen wolle.

>Und nun leb' wohl<, sagte ich.

Sie hielt die Gabe in der fest geschlossenen Hand. Stumm, gehorsam, noch

immer leise weinend, wandte sie sich und ging.

Mit freier, gehobener Brust atmete ich auf. Alle unlauteren, häßlichen

Empfindungen waren in mir wie hinweggespült; ich hatte nur das frohe

Gefühl, wohl gehandelt zu haben.

Ich erstieg die Anhöhe und wartete, bis Maruschka aus dem Walde in die

sonnige Ebene hinaustrat. Sie blickte sich nicht um, sondern schritt mit

gesenktem Haupte zwischen den leuchtenden Kornfeldern dahin. Endlich

trocknete sie sich die Augen und begann dann langsam und vorsichtig die

Banknote zu entfalten, die ich ihr in die Hand gedrückt.

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 17 / 53 题