Schon am nächsten Vormittage fand sich ein Hauptmann des Generalstabes
in Begleitung eines Artillerieoffiziers in meiner Wohnung ein. Sie
kämen, sagten die Herren, hinsichtlich des bedauerlichen Vorfalles, der
gestern im Englischen Hof stattgefunden und welcher bereits zur Kenntnis
der Militärbehörden gelangt sei. Man wünsche hohen Ortes, daß die
Angelegenheit so rasch und einfach wie möglich beigelegt werde. Demnach
wären sie infolge eines von seiten sämtlicher Beleidigten getroffenen
Übereinkommens als Kartellträger des Herrn Leutnant Schorff ermächtigt,
zu erklären, daß dieser im Namen aller übrigen die Sache zum Austrag
bringen wolle.
Es kam also, wie ich es vorausgesehen, und obgleich sich bei ruhiger
Betrachtung dieses Vorgehen auch wirklich als das vernünftigste erwies,
so lag darin für Burda doch eine Art Geringschätzung, die ich wider
Willen mitempfand.
»Ich glaube nicht, daß der Herr Oberleutnant Burda auf diese Proposition
eingehen wird,« sagte ich.
»Er wird sich doch nicht mit jedem einzelnen schlagen wollen?« rief der
Hauptmann, indem er, um seine Verwunderung auszudrücken, die Augen weit
aufriß.
»Je nachdem.«
»Du mein Gott!« erwiderte er, die Achsel zuckend. »Indes, das wird sich
ja ergeben. Fürs erste müssen wir aber an unserem Auftrage um so mehr
festhalten, als Leutnant Schorff doch jedenfalls der Hauptbeleidigte
ist.«
Dagegen ließ sich nichts einwenden, und der Artillerist stellte zu dem
Duell einen Fechtsaal zur Verfügung, welcher, wie er ankündigte, mit
seiner Dienstwohnung auf dem Hradschin in Verbindung stehe und zu derlei
Zwecken besonders geeignet sei. --
»Du hast ihnen sehr gut geantwortet«, sagte Burda, als ich ihm diese
Unterredung mitteilte. »Ich danke dir. Was mich selbst betrifft, so
werde ich die Sache jedenfalls zum äußersten treiben. Allerdings laufe
ich dabei Gefahr, zum Krüppel gehauen zu werden. Aber ich vertraue
meinem Stern.«
Pistolenduelle waren damals in der Armee nicht üblich; man schlug sich
fast durchgehends mit Säbeln, eine Kampfweise, welche die Tötung des
Gegners in der Regel zwar ausschloß, aber immerhin einen sehr
bedauerlichen Ausgang herbeiführen konnte. Dies erwog man jetzt auch im
Regiment, woselbst die üble Stimmung gegen Burda plötzlich in rege
Teilnahme umgeschlagen war. Sein mannhaftes Auftreten gegen die
Kavalleristen, das eine Art gemeinsamen Stolzes wachrief, imponierte den
meisten, und es fehlte nicht an Zeichen der Anerkennung, die Burda mit
ernster Zurückhaltung entgegennahm. Man wünschte aufrichtig, daß er den
Strauß siegreich bestehe, wobei man sich freilich nicht verhehlte, wie
schwer dies einem Schorff gegenüber sein möchte.
Am nächsten Morgen -- es war an einem Sonntage -- fuhr ich mit Burda
nach dem Hradschin, wohin sich der zweite Sekundant mit dem Wundarzte
schon früher auf den Weg gemacht hatte. Wir wurden von dem
Artillerieoffizier empfangen und in ein geräumiges Zimmer geführt, an
dessen Wänden Rapiere, Schläger, Masken und Plastrons hingen. In einer
Ecke hatte man für alle Fälle ein niederes Feldbett aufgestellt;
Eisbecken und Verbandzeug befanden sich in der Nähe. Der Hauptmann des
Generalstabes war bereits anwesend; er prüfte, als wir eintraten, eben
die beiden Duellsäbel, die auf einem Tische lagen. Auch ein zweiter
Wundarzt war zugegen.
Es dauerte nicht lange, so hörte man den Viererzug Schorffs heranrollen,
und bald darauf erschien dieser in aufrechter Haltung und mit kurzem
Gruß in unserer Mitte. Dann reichte er seinen beiden Sekundanten die
Hand und begann sich zu entkleiden.
Als er sein buntgestreiftes Wollhemd ablegte, staunte ich über die Kraft
und Fülle seiner Muskeln, die in auffallender Entwickelung hervortraten.
Mit seinem breiten Nacken und dem gedrungenen Halse, auf welchem ein
verhältnismäßig kleiner Kopf saß, hatte er etwas vom farnesischen
Herkules, während Burda, der nun gleichfalls den Oberkörper entblößte,
mit seiner zarten weißen Haut, seinen geschmeidigen, etwas weichlichen
Formen an die Büste des Antinous mahnte. Eigentümlich war es zu sehen,
wie jetzt die Gegner einander gegenübertraten und den üblichen Gruß
austauschten. In den Mienen und Gebärden Schorffs lag Impertinenz, in
jenen Burdas ritterliche Herablassung.
Wir gaben das Zeichen -- und der Kampf begann. Schorff, sein Glas im
Auge, schien die Sache leicht zu nehmen; er glaubte offenbar, daß jeder
seiner Hiebe, die er nur so obenhin führte, sofort sitzen müsse. Aber
hierin irrte er. Burda verteidigte sich mit großer Ruhe und Sicherheit,
die Schorff offenbar überraschte, aber auch reizte, und als er jetzt,
vom Säbel seines Gegners gestreift, leicht am Ohre zu bluten begann,
geriet er in Wut. Mit einem wahren Hagel von gewaltigen Streichen drang
er auf Burda ein, so zwar, daß dieser Mühe hatte, standzuhalten und
bereits schwer zu atmen begann. Jetzt markierte Schorff eine Prim,
führte aber in der Tat eine Terz, welche so mächtig traf, daß sofort auf
der Brust Burdas ein langer, bluttriefender Spalt zum Vorschein kam.
»Halt! Halt!« schrien die Sekundanten und warfen sich dazwischen. Aber
zu spät. Denn schon war ein gewaltiger Kopfhieb gefolgt. Burda taumelte,
sein Säbel klirrte zu Boden -- und gleich darauf folgte er selbst mit
blutüberströmtem Antlitze nach.
»Das ist Mord!« rief ich aus. Selbst der Hauptmann war ganz bleich
geworden und stammelte: »Aber Schorff, was haben Sie getan?«
Dieser drehte sich auf den Hacken um und stieß durch die
zusammengepreßten Zähne hervor: »^Il l'a voulu!^« Dann wusch er eine
geringe Blutspur von der Wange, kleidete sich an, grüßte und ging.
Inzwischen hatte man den Schwergetroffenen auf das Feldbett geschafft.
Dort lag er bewußtlos und stöhnte leise, während man die Wunden
untersuchte. Sie schienen derart gefährlich, daß beide Ärzte, die um
Burda beschäftigt waren, den Kopf verloren und erklärten, es sei das
Schlimmste zu befürchten, und sie könnten keine weitere Verantwortung
auf sich nehmen. Der Herr Oberleutnant müsse sofort in das Militärspital
gebracht werden. Der eine fuhr auch gleich mit dem Wagen, in welchem wir
gekommen waren, dorthin voraus, um Vorbereitungen treffen zu lassen,
während von seiten der Artillerie (in deren Kaserne wir uns befanden)
eine Bahre samt Trägern beigestellt wurde.
Es war eine traurige Rückkehr, die wir jetzt, der öffentlichen
Aufmerksamkeit möglichst ausweichend, nach der sonntäglich ruhigen Stadt
antraten. Im Spitale hatte man ein kleines, abgesondertes Zimmer
ermittelt, wohin man nun Burda brachte. Nach der ersten raschen
Untersuchung erklärte der Chefarzt, mit der Brustwunde habe es nicht
viel auf sich, aber die Schädeldecke sei schwer verletzt. Ob und wie
tief der Hieb in das Gehirn eingedrungen, müsse noch genauer erforscht
werden, jedenfalls stehe eine höchst gefährliche Entzündung in Aussicht.
Dies teilte er auch dem Regimentsadjutanten mit, der im Auftrage des
Obersten und in Begleitung anderer Offiziere erschienen war, um
Erkundigungen einzuziehen. Auch von seiten der übrigen Garnison, in der
sich die Kunde von dem unglücklichen Ausgange des Duells rasch
verbreitet hatte, zeigte sich lebhafte Teilnahme. Der Doktor aber bat,
man möge jetzt, um jedes Aufsehen zu vermeiden, Nachfragen und Besuche
einstellen; es würden zur rechten Zeit Nachrichten übermittelt werden.
Da ich zu bemerken glaubte, daß ihm auch meine Gegenwart nicht sehr
erwünscht sei, entfernte ich mich gleichfalls, nachdem ich als
besonderer Freund des Verwundeten die Erlaubnis erbeten hatte, gegen
Abend wiederkommen zu dürfen.
Als ich am späten Nachmittag das schmale, längliche Gemach betrat, in
welchem Burda lag, herrschte dort melancholisches Düster. Schon im
Inspektionszimmer hatte ich erfahren, daß es schlecht stehe. Er habe
zwar wiederholt die Augen aufgeschlagen und zu sprechen versucht, aber
immer wieder sei er in Bewußtlosigkeit zurückgesunken. Nun sah ich ihn
auf dem dürftigen Bette, Brust und Haupt mit Eiskompressen bedeckt, die
Augen geschlossen. Ihm zur Seite befand sich ein Wärter, der durch mein
Erscheinen aus jener stumpfsinnigen Langeweile aufgeschreckt wurde, die
ein solcher Dienst mit sich zu bringen pflegt. Er machte mir Zeichen des
Bedauerns, wechselte die Umschläge und sagte dann mit leiser Stimme, er
wolle jetzt frisches Eis holen -- und auch, mit meiner Erlaubnis, sein
Abendbrot einnehmen, das eben jetzt zur Verteilung kommen werde.
Ich war froh, fürs erste ungestört zu sein, und hieß ihn gehen. Dann
setzte ich mich in einiger Entfernung von dem Bette nieder und
betrachtete meinen armen Freund, der in der Tat schon wie ein
Sterbender, wie ein Toter aussah. Tiefer Schmerz überkam mich, und dazu
gesellte sich etwas, wie ein Gefühl von Schuld. Hätte ich nicht
verhindern können, daß es so weit gekommen? Hätte ich nicht schon längst
alles anwenden sollen, um ihn, koste es, was es wolle, von seinen
Täuschungen zurückzubringen? Aber hätt' ich es, nach allem, was ich an
ihm erfahren -- mit ihm erlebt, auch wirklich vermocht? Wäre es
überhaupt möglich gewesen, ihn von seinem Wahne zu heilen? Nein, es war
nicht möglich! Es mußte alles so kommen, wie es kam: er war, wie jeder,
dem unerbittlichen Schicksale seiner Natur verfallen. Und doch -- trotz
seiner Schwächen und Mängel, trotz seiner Irrtümer -- welch ein
vortrefflicher Mensch war er! Welche vornehme Seele! Welch tapferes
Herz! Er hatte ein besseres Los verdient ...
Da schien es mir plötzlich, als rege er sich. Und in der Tat, es war so.
Mit leichtem Stöhnen schlug er die Augen auf.
Ich trat leise an das Bett und beugte mich über ihn.
»Wer ist -- wer ist da?« hauchte er.
Ich hatte alle Mühe, mich zu erkennen zu geben.
»Ach du -- du!« brachte er mühsam hervor, während ein Strahl der Freude
seine bleichen Züge umflog. »Ich glaube, ich bin verwundet«, fuhr er
fort und machte einen schwachen Versuch, die Hand nach seinem Kopfe zu
bewegen.
»Leider,« erwiderte ich, »und zwar nicht ganz unerheblich. Indessen --
--«
»Aber wo bin ich denn?« fuhr er fort, die Augen mühsam hin und her
bewegend. »Das ist ja nicht mein Zimmer --«
»Allerdings nicht; du bist -- du bist im Spital -- --«
»Im Spital!« wollte er aufschreien, vermochte es aber nicht und ächzte
nur: »Im Spital -- im Spital -- und wenn jetzt -- --« Er konnte nicht
vollenden; sein Kinn sank zur Brust herab, und er verstummte.
Ich aber wußte, was er meinte. Mit der Besinnung war auch jener unselige
Wahn wiedergekehrt. Er hatte sagen wollen: Und wenn jetzt die Prinzessin
von meiner Verwundung erfährt -- und hierher eilt --
»Wo sind meine Kleider?« fragte er mit einem Mal hastig, meinen
Gedankengang unterbrechend.
»Deine Kleider? Die werden wohl in jenem Schrank sein. -- -- Da sind
sie.«
»Bitte -- sieh in meinem Rocke nach -- ob sich ein kleines Etui -- darin
findet --«
»Hier ist es!«
»Gib! Gib!« drängte er.
Ich reichte es ihm. Er war aber nicht imstande, es zu öffnen, und ich
mußte es für ihn tun. Ein vertrocknetes Veilchenbukett lag darin. Er
nahm es in die bleiche, kraftlose Hand, senkte das Haupt und betrachtete
es lange. Dann sagte er mit überraschend leichter und freier Stimme:
»Lieber Freund -- du hast mir sehr oft mehr oder weniger deutlich zu
verstehen gegeben -- daß ich in einer argen Täuschung befangen gewesen.«
Er seufzte tief auf. »Mein Gott! Wenn es sich wirklich so verhielte --
wenn alles nur Traum -- Einbildung --«
Er verstummte wieder und atmete unruhig.
Es war zu viel! Dieser Strahl von Erkenntnis, der in dieser bangen
Stunde plötzlich in ihm aufleuchtete, war von erschütternder Wirkung.
Ich mußte an mich halten, um nicht in Tränen auszubrechen.
»Nein! Nein!« rief er jetzt, all seine Kraft zusammennehmend, »es kann
nicht sein! Diese Veilchen -- das mußt du selbst zugestehen -- denn du
weißt es -- diese Veilchen sind von _ihr_!«
Wer wäre so grausam gewesen, es zu bestreiten?
»Ja, ja,« sagte ich, »ich weiß es, sie sind von ihr.«
Er brachte mit letzter Anstrengung den Strauß vor das Antlitz und küßte
ihn. »Er sollte mir ein Talisman sein -- aber er hat mich nicht
beschützt.«
Seine Hände sanken herab -- er war wieder bewußtlos. Gleich darauf trat
auch der Wärter ein; ich schickte ihn um den diensttuenden Arzt. Dieser,
ein noch sehr junger Mann mit intelligentem, aber etwas barschem
Gesichte, erschien sofort.
»Nun?« fragte er mit einem Blick auf Burda.
»Er war zu sich gekommen«, sagte ich.
»Hat er mit Ihnen gesprochen?«
»Ja.«
»Vernünftig?«
»Ganz vernünftig«, erwiderte ich nicht ohne Verlegenheit.
»Und jetzt ist er wieder bewußtlos?« Er trat an das Bett, langte nach
dem Arme Burdas und fühlte den Puls. »Heftiges Fieber. Das ist der
Anfang vom Ende. Übrigens, wer weiß -- vielleicht --«
Dieses »Vielleicht« bestätigte sich nicht. Noch in derselben Nacht
verstärkte sich das Fieber, Delirien traten ein; am nächsten Tage
folgten Paroxismen -- und als ich das Krankenzimmer wieder betrat, war
Burda eine Leiche. Bei den letzten traurigen Vorbereitungen, die man in
meiner Anwesenheit traf, suchte ich überall nach dem Veilchenstrauße --
doch umsonst: niemand wollte ihn gesehen haben. Man hatte ihn offenbar
in den Kehricht geworfen.
Zum Schlusse machte sich der Zufall, der im Leben Burdas eine so große
Rolle gespielt, noch einmal geltend. Fast am selben Tage, an welchem
drei Ehrensalven über das Grab des Verblichenen hinwegdonnerten, war in
den Zeitungen die Nachricht zu lesen, daß sich Prinzessin Fanny L... mit
dem Prinzen A... verlobt habe.
Gegen Schorff aber kehrte sich jetzt allgemeiner Unmut, und man
trachtete sogar eine ehrengerichtliche Untersuchung des Falles wider ihn
durchzusetzen. Da jedoch der junge Graf Z... in die Angelegenheit mit
verwickelt erschien, so wurde alles weitere niedergeschlagen und Schorff
bloß nach Ungarn zu seinem Regiment versetzt. Einige Jahre später war er
aus den Listen der Armee verschwunden. Was aus ihm geworden, habe ich
nicht in Erfahrung gebracht.
Seligmann Hirsch.
Vorwort des Herausgebers.
Mit dem ersten Abdruck des Anfanges der vorigen Novelle sendet der
Dichter am 10. September 1887 aus Schloß Oslavan bei Eibenschütz auch
das Brouillon der unsrigen an die Fürstin Marie zu Hohenlohe, die er
vorher im intimsten Kreise der Fürstin Salm zu Blansko vorgelesen hatte
und für die er sich das strengste Geheimnis erbittet. Wenn er von dem
Manuskript schreibt, daß es von Unschönheiten und Unrichtigkeiten, was
Sprache und Ausdruck betreffe, wimmle, so läßt sich das wohl mit der im
Nachlaß befindlichen Handschrift in Einklang bringen. Später hat der
Dichter über die Entstehungszeit unserer Novelle, wie so oft,
widersprechende Angaben gemacht. Nach seinem Bericht an Stefan Milow
soll sie 1887/88 in Blansko entstanden, nach dem Bericht an Bettelheim
1886 bereits erschienen sein. Mir ist kein früherer Druck bekannt
geworden, als der vom Herbst 1888 in den »Schicksalen« (1889, Seite
127-193), für den die Vorlage die noch vorhandene Handschrift bildete,
die schon durch die Paginierung als ein Mittelstück erkennbar ist und
deren Text während des Druckes noch manche Abänderungen erfahren hat. In
der zweibändigen Ausgabe der »Novellen aus Österreich« 1897 (zweiter
Band, Seite 83-127) ist die Chiffre G... in Graz aufgelöst, sonst aber
nur wenig mehr geändert worden; die zweite Auflage der »Schicksale« (o.
J., 1897) beruht auf demselben Satz wie diese Ausgabe. In der zweiten
Auflage der »Novellen aus Österreich« 1904 (a. a. O.) ist überhaupt nur
mehr die Orthographie und die Interpunktion modernisiert worden.