IX.

Schon am nächsten Vormittage fand sich ein Hauptmann des Generalstabes

in Begleitung eines Artillerieoffiziers in meiner Wohnung ein. Sie

kämen, sagten die Herren, hinsichtlich des bedauerlichen Vorfalles, der

gestern im Englischen Hof stattgefunden und welcher bereits zur Kenntnis

der Militärbehörden gelangt sei. Man wünsche hohen Ortes, daß die

Angelegenheit so rasch und einfach wie möglich beigelegt werde. Demnach

wären sie infolge eines von seiten sämtlicher Beleidigten getroffenen

Übereinkommens als Kartellträger des Herrn Leutnant Schorff ermächtigt,

zu erklären, daß dieser im Namen aller übrigen die Sache zum Austrag

bringen wolle.

Es kam also, wie ich es vorausgesehen, und obgleich sich bei ruhiger

Betrachtung dieses Vorgehen auch wirklich als das vernünftigste erwies,

so lag darin für Burda doch eine Art Geringschätzung, die ich wider

Willen mitempfand.

»Ich glaube nicht, daß der Herr Oberleutnant Burda auf diese Proposition

eingehen wird,« sagte ich.

»Er wird sich doch nicht mit jedem einzelnen schlagen wollen?« rief der

Hauptmann, indem er, um seine Verwunderung auszudrücken, die Augen weit

aufriß.

»Je nachdem.«

»Du mein Gott!« erwiderte er, die Achsel zuckend. »Indes, das wird sich

ja ergeben. Fürs erste müssen wir aber an unserem Auftrage um so mehr

festhalten, als Leutnant Schorff doch jedenfalls der Hauptbeleidigte

ist.«

Dagegen ließ sich nichts einwenden, und der Artillerist stellte zu dem

Duell einen Fechtsaal zur Verfügung, welcher, wie er ankündigte, mit

seiner Dienstwohnung auf dem Hradschin in Verbindung stehe und zu derlei

Zwecken besonders geeignet sei. --

»Du hast ihnen sehr gut geantwortet«, sagte Burda, als ich ihm diese

Unterredung mitteilte. »Ich danke dir. Was mich selbst betrifft, so

werde ich die Sache jedenfalls zum äußersten treiben. Allerdings laufe

ich dabei Gefahr, zum Krüppel gehauen zu werden. Aber ich vertraue

meinem Stern.«

Pistolenduelle waren damals in der Armee nicht üblich; man schlug sich

fast durchgehends mit Säbeln, eine Kampfweise, welche die Tötung des

Gegners in der Regel zwar ausschloß, aber immerhin einen sehr

bedauerlichen Ausgang herbeiführen konnte. Dies erwog man jetzt auch im

Regiment, woselbst die üble Stimmung gegen Burda plötzlich in rege

Teilnahme umgeschlagen war. Sein mannhaftes Auftreten gegen die

Kavalleristen, das eine Art gemeinsamen Stolzes wachrief, imponierte den

meisten, und es fehlte nicht an Zeichen der Anerkennung, die Burda mit

ernster Zurückhaltung entgegennahm. Man wünschte aufrichtig, daß er den

Strauß siegreich bestehe, wobei man sich freilich nicht verhehlte, wie

schwer dies einem Schorff gegenüber sein möchte.

Am nächsten Morgen -- es war an einem Sonntage -- fuhr ich mit Burda

nach dem Hradschin, wohin sich der zweite Sekundant mit dem Wundarzte

schon früher auf den Weg gemacht hatte. Wir wurden von dem

Artillerieoffizier empfangen und in ein geräumiges Zimmer geführt, an

dessen Wänden Rapiere, Schläger, Masken und Plastrons hingen. In einer

Ecke hatte man für alle Fälle ein niederes Feldbett aufgestellt;

Eisbecken und Verbandzeug befanden sich in der Nähe. Der Hauptmann des

Generalstabes war bereits anwesend; er prüfte, als wir eintraten, eben

die beiden Duellsäbel, die auf einem Tische lagen. Auch ein zweiter

Wundarzt war zugegen.

Es dauerte nicht lange, so hörte man den Viererzug Schorffs heranrollen,

und bald darauf erschien dieser in aufrechter Haltung und mit kurzem

Gruß in unserer Mitte. Dann reichte er seinen beiden Sekundanten die

Hand und begann sich zu entkleiden.

Als er sein buntgestreiftes Wollhemd ablegte, staunte ich über die Kraft

und Fülle seiner Muskeln, die in auffallender Entwickelung hervortraten.

Mit seinem breiten Nacken und dem gedrungenen Halse, auf welchem ein

verhältnismäßig kleiner Kopf saß, hatte er etwas vom farnesischen

Herkules, während Burda, der nun gleichfalls den Oberkörper entblößte,

mit seiner zarten weißen Haut, seinen geschmeidigen, etwas weichlichen

Formen an die Büste des Antinous mahnte. Eigentümlich war es zu sehen,

wie jetzt die Gegner einander gegenübertraten und den üblichen Gruß

austauschten. In den Mienen und Gebärden Schorffs lag Impertinenz, in

jenen Burdas ritterliche Herablassung.

Wir gaben das Zeichen -- und der Kampf begann. Schorff, sein Glas im

Auge, schien die Sache leicht zu nehmen; er glaubte offenbar, daß jeder

seiner Hiebe, die er nur so obenhin führte, sofort sitzen müsse. Aber

hierin irrte er. Burda verteidigte sich mit großer Ruhe und Sicherheit,

die Schorff offenbar überraschte, aber auch reizte, und als er jetzt,

vom Säbel seines Gegners gestreift, leicht am Ohre zu bluten begann,

geriet er in Wut. Mit einem wahren Hagel von gewaltigen Streichen drang

er auf Burda ein, so zwar, daß dieser Mühe hatte, standzuhalten und

bereits schwer zu atmen begann. Jetzt markierte Schorff eine Prim,

führte aber in der Tat eine Terz, welche so mächtig traf, daß sofort auf

der Brust Burdas ein langer, bluttriefender Spalt zum Vorschein kam.

»Halt! Halt!« schrien die Sekundanten und warfen sich dazwischen. Aber

zu spät. Denn schon war ein gewaltiger Kopfhieb gefolgt. Burda taumelte,

sein Säbel klirrte zu Boden -- und gleich darauf folgte er selbst mit

blutüberströmtem Antlitze nach.

»Das ist Mord!« rief ich aus. Selbst der Hauptmann war ganz bleich

geworden und stammelte: »Aber Schorff, was haben Sie getan?«

Dieser drehte sich auf den Hacken um und stieß durch die

zusammengepreßten Zähne hervor: »^Il l'a voulu!^« Dann wusch er eine

geringe Blutspur von der Wange, kleidete sich an, grüßte und ging.

Inzwischen hatte man den Schwergetroffenen auf das Feldbett geschafft.

Dort lag er bewußtlos und stöhnte leise, während man die Wunden

untersuchte. Sie schienen derart gefährlich, daß beide Ärzte, die um

Burda beschäftigt waren, den Kopf verloren und erklärten, es sei das

Schlimmste zu befürchten, und sie könnten keine weitere Verantwortung

auf sich nehmen. Der Herr Oberleutnant müsse sofort in das Militärspital

gebracht werden. Der eine fuhr auch gleich mit dem Wagen, in welchem wir

gekommen waren, dorthin voraus, um Vorbereitungen treffen zu lassen,

während von seiten der Artillerie (in deren Kaserne wir uns befanden)

eine Bahre samt Trägern beigestellt wurde.

Es war eine traurige Rückkehr, die wir jetzt, der öffentlichen

Aufmerksamkeit möglichst ausweichend, nach der sonntäglich ruhigen Stadt

antraten. Im Spitale hatte man ein kleines, abgesondertes Zimmer

ermittelt, wohin man nun Burda brachte. Nach der ersten raschen

Untersuchung erklärte der Chefarzt, mit der Brustwunde habe es nicht

viel auf sich, aber die Schädeldecke sei schwer verletzt. Ob und wie

tief der Hieb in das Gehirn eingedrungen, müsse noch genauer erforscht

werden, jedenfalls stehe eine höchst gefährliche Entzündung in Aussicht.

Dies teilte er auch dem Regimentsadjutanten mit, der im Auftrage des

Obersten und in Begleitung anderer Offiziere erschienen war, um

Erkundigungen einzuziehen. Auch von seiten der übrigen Garnison, in der

sich die Kunde von dem unglücklichen Ausgange des Duells rasch

verbreitet hatte, zeigte sich lebhafte Teilnahme. Der Doktor aber bat,

man möge jetzt, um jedes Aufsehen zu vermeiden, Nachfragen und Besuche

einstellen; es würden zur rechten Zeit Nachrichten übermittelt werden.

Da ich zu bemerken glaubte, daß ihm auch meine Gegenwart nicht sehr

erwünscht sei, entfernte ich mich gleichfalls, nachdem ich als

besonderer Freund des Verwundeten die Erlaubnis erbeten hatte, gegen

Abend wiederkommen zu dürfen.

Als ich am späten Nachmittag das schmale, längliche Gemach betrat, in

welchem Burda lag, herrschte dort melancholisches Düster. Schon im

Inspektionszimmer hatte ich erfahren, daß es schlecht stehe. Er habe

zwar wiederholt die Augen aufgeschlagen und zu sprechen versucht, aber

immer wieder sei er in Bewußtlosigkeit zurückgesunken. Nun sah ich ihn

auf dem dürftigen Bette, Brust und Haupt mit Eiskompressen bedeckt, die

Augen geschlossen. Ihm zur Seite befand sich ein Wärter, der durch mein

Erscheinen aus jener stumpfsinnigen Langeweile aufgeschreckt wurde, die

ein solcher Dienst mit sich zu bringen pflegt. Er machte mir Zeichen des

Bedauerns, wechselte die Umschläge und sagte dann mit leiser Stimme, er

wolle jetzt frisches Eis holen -- und auch, mit meiner Erlaubnis, sein

Abendbrot einnehmen, das eben jetzt zur Verteilung kommen werde.

Ich war froh, fürs erste ungestört zu sein, und hieß ihn gehen. Dann

setzte ich mich in einiger Entfernung von dem Bette nieder und

betrachtete meinen armen Freund, der in der Tat schon wie ein

Sterbender, wie ein Toter aussah. Tiefer Schmerz überkam mich, und dazu

gesellte sich etwas, wie ein Gefühl von Schuld. Hätte ich nicht

verhindern können, daß es so weit gekommen? Hätte ich nicht schon längst

alles anwenden sollen, um ihn, koste es, was es wolle, von seinen

Täuschungen zurückzubringen? Aber hätt' ich es, nach allem, was ich an

ihm erfahren -- mit ihm erlebt, auch wirklich vermocht? Wäre es

überhaupt möglich gewesen, ihn von seinem Wahne zu heilen? Nein, es war

nicht möglich! Es mußte alles so kommen, wie es kam: er war, wie jeder,

dem unerbittlichen Schicksale seiner Natur verfallen. Und doch -- trotz

seiner Schwächen und Mängel, trotz seiner Irrtümer -- welch ein

vortrefflicher Mensch war er! Welche vornehme Seele! Welch tapferes

Herz! Er hatte ein besseres Los verdient ...

Da schien es mir plötzlich, als rege er sich. Und in der Tat, es war so.

Mit leichtem Stöhnen schlug er die Augen auf.

Ich trat leise an das Bett und beugte mich über ihn.

»Wer ist -- wer ist da?« hauchte er.

Ich hatte alle Mühe, mich zu erkennen zu geben.

»Ach du -- du!« brachte er mühsam hervor, während ein Strahl der Freude

seine bleichen Züge umflog. »Ich glaube, ich bin verwundet«, fuhr er

fort und machte einen schwachen Versuch, die Hand nach seinem Kopfe zu

bewegen.

»Leider,« erwiderte ich, »und zwar nicht ganz unerheblich. Indessen --

--«

»Aber wo bin ich denn?« fuhr er fort, die Augen mühsam hin und her

bewegend. »Das ist ja nicht mein Zimmer --«

»Allerdings nicht; du bist -- du bist im Spital -- --«

»Im Spital!« wollte er aufschreien, vermochte es aber nicht und ächzte

nur: »Im Spital -- im Spital -- und wenn jetzt -- --« Er konnte nicht

vollenden; sein Kinn sank zur Brust herab, und er verstummte.

Ich aber wußte, was er meinte. Mit der Besinnung war auch jener unselige

Wahn wiedergekehrt. Er hatte sagen wollen: Und wenn jetzt die Prinzessin

von meiner Verwundung erfährt -- und hierher eilt --

»Wo sind meine Kleider?« fragte er mit einem Mal hastig, meinen

Gedankengang unterbrechend.

»Deine Kleider? Die werden wohl in jenem Schrank sein. -- -- Da sind

sie.«

»Bitte -- sieh in meinem Rocke nach -- ob sich ein kleines Etui -- darin

findet --«

»Hier ist es!«

»Gib! Gib!« drängte er.

Ich reichte es ihm. Er war aber nicht imstande, es zu öffnen, und ich

mußte es für ihn tun. Ein vertrocknetes Veilchenbukett lag darin. Er

nahm es in die bleiche, kraftlose Hand, senkte das Haupt und betrachtete

es lange. Dann sagte er mit überraschend leichter und freier Stimme:

»Lieber Freund -- du hast mir sehr oft mehr oder weniger deutlich zu

verstehen gegeben -- daß ich in einer argen Täuschung befangen gewesen.«

Er seufzte tief auf. »Mein Gott! Wenn es sich wirklich so verhielte --

wenn alles nur Traum -- Einbildung --«

Er verstummte wieder und atmete unruhig.

Es war zu viel! Dieser Strahl von Erkenntnis, der in dieser bangen

Stunde plötzlich in ihm aufleuchtete, war von erschütternder Wirkung.

Ich mußte an mich halten, um nicht in Tränen auszubrechen.

»Nein! Nein!« rief er jetzt, all seine Kraft zusammennehmend, »es kann

nicht sein! Diese Veilchen -- das mußt du selbst zugestehen -- denn du

weißt es -- diese Veilchen sind von _ihr_!«

Wer wäre so grausam gewesen, es zu bestreiten?

»Ja, ja,« sagte ich, »ich weiß es, sie sind von ihr.«

Er brachte mit letzter Anstrengung den Strauß vor das Antlitz und küßte

ihn. »Er sollte mir ein Talisman sein -- aber er hat mich nicht

beschützt.«

Seine Hände sanken herab -- er war wieder bewußtlos. Gleich darauf trat

auch der Wärter ein; ich schickte ihn um den diensttuenden Arzt. Dieser,

ein noch sehr junger Mann mit intelligentem, aber etwas barschem

Gesichte, erschien sofort.

»Nun?« fragte er mit einem Blick auf Burda.

»Er war zu sich gekommen«, sagte ich.

»Hat er mit Ihnen gesprochen?«

»Ja.«

»Vernünftig?«

»Ganz vernünftig«, erwiderte ich nicht ohne Verlegenheit.

»Und jetzt ist er wieder bewußtlos?« Er trat an das Bett, langte nach

dem Arme Burdas und fühlte den Puls. »Heftiges Fieber. Das ist der

Anfang vom Ende. Übrigens, wer weiß -- vielleicht --«

Dieses »Vielleicht« bestätigte sich nicht. Noch in derselben Nacht

verstärkte sich das Fieber, Delirien traten ein; am nächsten Tage

folgten Paroxismen -- und als ich das Krankenzimmer wieder betrat, war

Burda eine Leiche. Bei den letzten traurigen Vorbereitungen, die man in

meiner Anwesenheit traf, suchte ich überall nach dem Veilchenstrauße --

doch umsonst: niemand wollte ihn gesehen haben. Man hatte ihn offenbar

in den Kehricht geworfen.

Zum Schlusse machte sich der Zufall, der im Leben Burdas eine so große

Rolle gespielt, noch einmal geltend. Fast am selben Tage, an welchem

drei Ehrensalven über das Grab des Verblichenen hinwegdonnerten, war in

den Zeitungen die Nachricht zu lesen, daß sich Prinzessin Fanny L... mit

dem Prinzen A... verlobt habe.

Gegen Schorff aber kehrte sich jetzt allgemeiner Unmut, und man

trachtete sogar eine ehrengerichtliche Untersuchung des Falles wider ihn

durchzusetzen. Da jedoch der junge Graf Z... in die Angelegenheit mit

verwickelt erschien, so wurde alles weitere niedergeschlagen und Schorff

bloß nach Ungarn zu seinem Regiment versetzt. Einige Jahre später war er

aus den Listen der Armee verschwunden. Was aus ihm geworden, habe ich

nicht in Erfahrung gebracht.

Seligmann Hirsch.

Vorwort des Herausgebers.

Mit dem ersten Abdruck des Anfanges der vorigen Novelle sendet der

Dichter am 10. September 1887 aus Schloß Oslavan bei Eibenschütz auch

das Brouillon der unsrigen an die Fürstin Marie zu Hohenlohe, die er

vorher im intimsten Kreise der Fürstin Salm zu Blansko vorgelesen hatte

und für die er sich das strengste Geheimnis erbittet. Wenn er von dem

Manuskript schreibt, daß es von Unschönheiten und Unrichtigkeiten, was

Sprache und Ausdruck betreffe, wimmle, so läßt sich das wohl mit der im

Nachlaß befindlichen Handschrift in Einklang bringen. Später hat der

Dichter über die Entstehungszeit unserer Novelle, wie so oft,

widersprechende Angaben gemacht. Nach seinem Bericht an Stefan Milow

soll sie 1887/88 in Blansko entstanden, nach dem Bericht an Bettelheim

1886 bereits erschienen sein. Mir ist kein früherer Druck bekannt

geworden, als der vom Herbst 1888 in den »Schicksalen« (1889, Seite

127-193), für den die Vorlage die noch vorhandene Handschrift bildete,

die schon durch die Paginierung als ein Mittelstück erkennbar ist und

deren Text während des Druckes noch manche Abänderungen erfahren hat. In

der zweibändigen Ausgabe der »Novellen aus Österreich« 1897 (zweiter

Band, Seite 83-127) ist die Chiffre G... in Graz aufgelöst, sonst aber

nur wenig mehr geändert worden; die zweite Auflage der »Schicksale« (o.

J., 1897) beruht auf demselben Satz wie diese Ausgabe. In der zweiten

Auflage der »Novellen aus Österreich« 1904 (a. a. O.) ist überhaupt nur

mehr die Orthographie und die Interpunktion modernisiert worden.

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 11 / 53 题