Die Saison in dem kleinen Kurorte, wo ich auf Anraten des Arztes das
»kalte Wasser« gebraucht hatte, ging zu Ende. Die defekten
Menschenexemplare, welche sich hoffnungs- und vertrauensselig hier
zusammengefunden: ältere Standespersonen mit eingewurzelten Übeln,
jüngere Lebemänner mit verdorbenen Säften, blutarme, an den Nerven
leidende Damen -- und endlich solche, die in dem anmutigen Tale bloß die
Sommerfrische samt allerlei geselligen Zerstreuungen genießen wollten,
waren nach und nach abgezogen. Selbst die letzten Kurgäste, die außer
mir, der ziemlich spät eingetroffen war, noch am längsten ausgehalten:
ein mürrischer Finanzrat, der von heftigen Kongestionen geplagt wurde
und beständig ohne Kopfbedeckung, zu gewissen Stunden auch ohne
Fußbekleidung umherging; eine etwas zweifelhafte Dame aus Wien, die mit
einer höchst auffallenden Toilette die Reste einstmaliger Schönheit zur
Schau trug; ein alter Geck und Bade-Habitué, der ihr den Hof machte --
und ^last, not least^ ein interessanter, am Rückenmarke leidender
Schöngeist, welcher in seinem Rollwägelchen der Gegenstand des
allgemeinen weiblichen Mitleids gewesen war, mich aber durch
unausgesetzte literarische Gespräche zur Verzweiflung gebracht hatte:
auch diese vier Standhaften ergriffen jetzt infolge des plötzlich
eingetretenen rauhen Herbstwetters, dem sich sogar ein tüchtiger
Schneefall beigesellte, einhellig die Flucht -- und ich blieb allein
zurück. Zwar wurde mir nunmehr das Kurhaus sozusagen vor der Nase
gesperrt, denn der ärztliche Leiter der Anstalt hatte schon längst alle
Vorbereitungen getroffen, um seine winterliche Praxis in der
Landeshauptstadt wieder aufzunehmen. Aber das kümmerte mich wenig. Ich
hatte genug »Abreibungen« und »Einpackungen« genossen, infolge deren ich
mich, um die Wahrheit zu bekennen, auch sehr wohl fühlte, und da mir die
Gegend gefiel, so beschloß ich, noch einige Zeit zu verweilen, -- ein
Vorhaben, das von dem Besitzer des Gasthofes zu den »Drei Monarchen«, wo
ich untergebracht war, mit großer Anerkennung begrüßt wurde; blieb ihm
doch jetzt wenigstens _ein_ Mensch erhalten, dem er die Rechnung nach
dem üblichen Badetarif stellen konnte.
Zudem war, wie ich vorausgesehen, den verfrühten Vorboten des Winters
das herrlichste Wetter, ein wahrer Nachsommer, gefolgt. Klar und blau
spannte sich der Himmel aus, die Bergeshäupter schimmerten im milden
Sonnenglanze, und linde Wärme breitete sich über Flur und Wald, welch
letzterer in seinem bunten Schmuck an die Worte des Dichters erinnerte:
»Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln,
Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln!«
Welch ein Genuß war es jetzt, in sicherer Einsamkeit zwischen den hohen
Buchen und Fichten dahin zu wandeln! Wie lohnend, eine Anhöhe zu
ersteigen, auf den malerisch gelegenen Ort hinab- und in die weite
Gebirgsferne hineinzublicken, ohne durch Ausbrüche landläufigen
Entzückens gestört zu werden! Wie angenehm, auf der Terrasse des
Gasthofes zu frühstücken und statt nachbarlichen Tassen- und
Löffelgeklappers samt obligatem Badeklatsch bloß das Rauschen des
Flusses zu vernehmen, der sich unten silberhell durch grüne Triften
schlängelte! Es war eben, als trete erst jetzt die ganze Landschaft in
voller, ungetrübter Schönheit hervor. Selbst mein Zimmer, das mir früher
wie die Abteilung eines Taubenschlages vorgekommen, heimelte mich, seit
das Haus leer geworden, ganz wohnlich an. Um es recht bequem zu haben,
mietete ich noch ein anstoßendes kleineres dazu -- und so befand ich
mich endlich wieder in dem behaglichen Zustande tätigen Alleinseins, der
mir im Leben stets der erwünschteste gewesen ist.
Eines späten Nachmittags -- ich pflegte um diese Zeit zu essen -- saß
ich, bei Kaffee und Zigarre angelangt, im Speisezimmer des Gasthofes und
vertiefte mich in die Zeitungen, welche eben mit der Post eingetroffen
waren. Die Hängelampe über dem Billard, das in der Mitte des Raumes
stand, war bereits angezündet, und eine trauliche Stille herrschte, die
nur hin und wieder unterbrochen wurde, wenn draußen in der Schankstube,
wo einige harmlose Kleinbürger in ziemlich schweigsamer Geselligkeit
beisammen saßen, ein frisches Glas begehrt und gefüllt wurde. Plötzlich
waren von dort her Schritte eines Eintretenden zu vernehmen -- und
gleich darauf eine überlaute, schnarrende Stimme.
»Ha! Ha! Noch immer die alte Gesellschaft beisammen! Grüß Gott, Herr
Schreinermeister! Und auch Sie, Herr Lederermeister! Willkommen, Herr
Gamilschegg! (Das war der Krämer des Ortes.) Freut mich, Sie alle wieder
zu sehen!«
Der Sprecher schien kein Gewicht darauf zu legen, daß diese Begrüßung
offenbar sehr kleinlaut erwidert wurde, und fuhr fort:
»Auch die hübsche Cilli noch hier! (Das galt dem Schenkmädchen, welches
nebenbei die Dienste einer Kellnerin verrichtete.) Also noch immer nicht
verheiratet? Und auch an Kurmachern wird es mangeln, seit die Kurgäste
fort sind. (Er belachte das Wortspiel sehr laut und selbstgefällig.) Am
Ende werd' ich alter Knabe doch noch aushelfen müssen! Oder sollte gar
Ihre Frau Ursache zur Eifersucht haben, Herr Matzenoër? (Damit war der
Hotelwirt gemeint, der eigentlich Matzenauer hieß; aber der Ankömmling
schien den Diphthong au bisweilen wie o auszusprechen.) Ich will nicht
hoffen! -- Und wie sieht es denn da drinnen aus? Gewiß auch noch alles
auf demselben Fleck!«
Schwere, schlurfende Tritte näherten sich der offenen Tür, die in das
Speisezimmer führte, und die robuste, breitschulterige Gestalt eines
Mannes zeigte sich, der auf der Schwelle stehen blieb und weit vor sich
hin ausspuckte.
Er mochte ungefähr sechzig Jahre zählen. Sein fleischiges, gerötetes
Gesicht, das buschige Brauen, stark entwickelte Backenknochen und eine
plump geschwungene Nase aufwies, war von einem teilweise ergrauten
Barte, einem sogenannten ^collier grec^ eingerahmt. Auf dem Kopfe saß
ihm, schief und zerknüllt, eine phantastische Reisemütze; ein langer
Überwurf mit Pelzkragen stand vorne offen und ließ abgetragene, nicht
allzu reinlich gehaltene Unterkleider, aber auch eine große Busennadel
aus Brillanten und eine massive goldene Uhrkette sehen. In der
kurzfingerigen, mit Ringen überladenen Hand hielt er eine ungeheure
Zigarrenspitze aus Bernstein, an welcher er pustend sog, die Füße
steckten in weiten Stiefeln mit Tuchbesatz. Die ganze Erscheinung hatte
etwas Groteskes und dabei Fremdartiges; der Mann sah aus wie ein
Armenier oder Bulgare.
Er räusperte sich und spuckte noch einmal, dann trat er ein. Als er
jetzt meiner ansichtig wurde -- ich saß ziemlich abseits -- stutzte er,
grüßte jedoch nicht, obgleich er mich, während er langsam das Billard
umschritt, mit einem lauernden Seitenblick im Auge behielt. Dann ließ er
sich in einiger Entfernung von mir auf einen Stuhl nieder und starrte
mich an. Diese Musterung wurde mir unangenehm; ich kehrte mich zur
Seite.
Nunmehr erhob er sich wieder, langte ein illustriertes Journal herab,
das im Halter an der Wand hing, und begann, nachdem er einen
Nasenklemmer aufgesetzt, mit dem Rücken an das Billard gelehnt, die
Bilder zu betrachten. Nach und nach vertiefte er sich auch in den Text.
Er bewegte dabei nach Art mancher alten Leute die Lippen, gleichsam
jedes Wort im stillen nachsprechend. Allmählich aber gab er auch ein
Geräusch von sich. Zuerst war es ein dumpfes Gemurmel, dann ein
vernehmbares Buchstabieren -- endlich fing er, gewissermaßen in Fluß
kommend, mit lauter Stimme zu lesen an. Erst jetzt erkannte ich an der
eigentümlich singenden und gezogenen Aussprache den Juden. Seiner
Redeweise mit anderen, die im ganzen etwas Weltläufiges hatte, konnte
dies nicht entnommen werden; nun aber, da er sich selbst überlassen war,
traten die spezifischen Merkmale hervor. Dabei hatte seine Stimme,
obwohl sie eines gewissen sonoren Klanges nicht entbehrte, doch etwas so
unangenehm Lautes und Eindringendes, daß es mir durch Mark und Bein ging
und alle Nerven in Aufregung brachte. Ich konnte nicht länger an mich
halten und rief: »Mein Herr, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie
nicht allein sind!«
Er schrak zusammen und blickte mich mit offenem Munde an. Dann lüftete
er mit demütiger Gebärde die Mütze und stammelte: »Entschuldigen Sie.«
Aber gleich darauf nahm er eine vornehme Haltung an und sagte
herablassend: »Ist Ihnen vielleicht die Zeitung gefällig?«
»Danke. Ich habe das Blatt schon gelesen.« Damit drehte ich ihm den
Rücken.
Ich vernahm, wie er das Journal beiseite legte, ein paarmal, wie
unschlüssig, am Billard hin und her ging -- dann einen Seufzer ausstieß
und behutsam aus dem Zimmer schlich, so zwar, daß es mich schon gereute,
ihn derart angelassen zu haben.
Aber draußen in der Schankstube stimmte er sofort wieder seinen
lautesten, jovialsten Ton an. »Nun, Herr Matzenoër, wie steht's mit dem
Abendessen? Gibt es Forellen?«
»Leider nicht, Herr von Hirsch. Wie sollte ich jetzt --«
»Verstehe! Verstehe! Keine Nachfrage in dieser Zeit! Keine Gäste! Aber
ein Huhn wird mir die Frau Gemahlin doch einfangen können? Was?«
»Gewiß, Herr von Hirsch.«
»Also ein Huhn! Mit Salat! Es wird wohl auch eine Weile dauern -- ich
gehe indessen hinauf. Adieu, meine Herren! Auf Wiedersehen!«
Diese letzten Worte galten jedenfalls der Tischgesellschaft, die sich
aber ganz schweigend verhielt.
Als er sich entfernt hatte, pochte ich an ein Glas, worauf sofort Herr
Matzenauer erschien, der als echt ländlicher Hotelier seine Gäste,
soweit es anging, selbst bediente.
»Sagen Sie mir doch, wer war denn das?« rief ich ihm zu.
»Ein Herr Hirsch aus Wien«, erwiderte er mit seinem gewohnten,
verschmitzt offenherzigen Lächeln. »Kennen Sie ihn nicht?«
»Den Teufel auch. Wer soll alle Hirsche kennen! Aber was macht er denn
hier?«
»Er erwartet seinen Sohn, der gegenwärtig mit Familie in Italien ist.
Sie wollen hier zusammentreffen, um dann gemeinschaftlich nach Wien
zurückzureisen.«
»Und wann wird das sein?«
»Ja, das weiß ich nicht. Etwa in acht Tagen.«
»Wo haben Sie ihn denn untergebracht?«
»Auf Nummer 5.«
»Was? So nahe bei mir?«
»Es war ohnehin meine Absicht, ihn auf Nummer 12 zu geben; aber er
wollte durchaus sein früheres Zimmer haben.«
»Sein früheres Zimmer?«
»Er ist ja ein alter Bekannter. Vor zwei Monaten hat er hier die Kur
gebraucht; gerade als Sie eintrafen, zog er ab. Wo er sich inzwischen
aufgehalten, ist mir nicht bekannt. Wahrscheinlich in Graz. Wenigstens
ist er jetzt von dort gekommen. Aber entschuldigen Sie, ich muß nach der
Küche sehen.«
Damit ging Herr Matzenauer lächelnd ab und ließ mich in recht übler
Laune zurück. Denn dieser unvermutete Gast legte mir unter allen
Umständen einen gewissen nachbarlichen Verkehr auf, der mich um so mehr
aus meiner glücklichen Ruhe und Stimmung zu bringen drohte, als der neue
Ankömmling eben kein besonders angenehmer Mann war. Endlich erhob ich
mich und ging auf mein Zimmer. Dort zündete ich die Lampe an und nahm
ein Buch zur Hand. Aber mit dem Lesen ging es nicht; meine Gedanken
schweiften beständig zu diesem Herrn Hirsch hinüber, den ich auch ganz
deutlich in seinem Zimmer rumoren hörte; wahrscheinlich packte er seine
Koffer aus. Und dabei erkannte ich neuerdings, wie dünn die Wände waren
und erinnerte mich, was ich schon früher unter den verschiedenartigen
Geräuschen gelitten hatte, die von allen Seiten zu mir herübergedrungen
waren. In gelinder Verzweiflung trat ich ans Fenster und blickte hinaus,
um zu sehen, ob nicht wenigstens für heute ein abendlicher Spaziergang
möglich sei. Pfadlose Dunkelheit lag über der Gegend; ich war also ein
Gefangener. Da fiel mir ein, daß ich einige notwendige Briefe zu
schreiben habe, ein Geschäft, das ich schon ungebührlich lange
hinausgeschoben. Zu derlei kann man sich zwingen -- und ich zwang mich.
Als ich mich an den Schreibtisch setzte, verließ mein Nachbar das Zimmer
und stapfte die Treppe hinunter. Nun hatte ich Luft -- und bald war ich
derart in meinen Gegenstand vertieft, daß ich mich erst wieder auf die
Umstände besinnen mußte, als nach etwa zwei Stunden Herr Hirsch, von
unserem Wirte geleitet, zurückkehrte.
»Also gute Nacht, Herr Matzenoër!« rief er. »Eigentlich wär' es die
Pflicht der Cilli gewesen, mir heraufzuleuchten -- aber Sie sind ein
vorsichtiger Mann!« Dabei gab er eine dröhnende Lachsalve von sich.
Herr Matzenauer empfahl sich. Herr Hirsch aber schritt im Zimmer auf und
ab, wobei er polternd einige Gegenstände zurecht schob. Hierauf begann
er eine Arie aus Norma zu pfeifen und in allen Tonarten zu singen.
Endlich trat einige Ruhe ein, und ich glaubte zu erkennen, daß er
anfing, sich zu entkleiden; wirklich fielen nach einer Weile seine
schweren Stiefel mit dumpfem Schall zu Boden. Bald nachher folgte ein
lautes, langgedehntes »Ah!« des Behagens, ein Zeichen, daß er sich im
Bett ausgestreckt habe. Rasch entschlossen, bereitete auch ich mich zur
Nachtruhe, schlüpfte unter die Decke und blies das Licht aus. Schon lag
ich in halbem Schlafe, als ich plötzlich durch ein entsetzliches Röcheln
aufgeschreckt wurde; es war, als würde nebenan jemand erdrosselt. Sollte
dem alten Mann etwas zugestoßen sein? -- und schon wollte ich aus dem
Bette springen. Aber meine Angst war grundlos. Denn ich hatte bald
erkannt, daß jenes Röcheln nur das Präludium eines so kräftigen
Schnarchens gewesen, wie ich es im Leben niemals vernommen. In allen
Modulationen erklang es: bald wie der ruckweise, gleichmäßige Gang einer
Sägemühle, bald in zitternden, gequetschten Gurgel- und Nasenlauten --
bald mit so furchtbarem, langgezogenem Gerassel, als wollte es das
stille, nachtschlafende Haus in seinen Grundfesten erschüttern.