VII.

Prag war zu jener Zeit ein sehr angenehmer Aufenthaltsort. Die

nationalen Sonderbestrebungen waren noch nicht zu ausgesprochenen

Konflikten gediehen; sie gärten und zuckten, dem unbefangenen Blicke

verborgen, noch unter der Oberfläche, und wenn auch die Stadt, infolge

des slawischen Grundelementes ihrer Bevölkerung, keine deutsche genannt

werden konnte, so war sie doch im besten Sinne des Wortes international.

Zwischen Wien und Dresden die Mitte haltend, wurde sie, zumal im Sommer,

wo ein großer Zug nach den böhmischen Bädern stattfand, ob ihrer

prachtvollen Lage und ihrer alten Baudenkmale von vielen Fremden

besucht, wozu gute Hotels, ein sehr annehmbares Theater und sonstige

Ressourcen wesentlich beitrugen. Kurz, man konnte in Prag wie in einer

Großstadt leben, und doch waren alle Bedingungen einfacher und weniger

kostspielig als anderswo.

Dieser Umstand kam Burda bei unserem Eintreffen sehr zustatten. Mit

großer Befriedigung hatte er vernommen, daß die Offiziere nicht in der

Kaserne untergebracht würden, daher es seine erste Sorge war, eine

passende Wohnung zu suchen, die er auch bald gefunden hatte und welche

er nunmehr allein bezog. Denn, sagte er zu mir, es ist jetzt vor allem

geboten, ein anständiges »^Home^« zu besitzen. Es könne sich mancherlei

ereignen, und jedenfalls müsse er, wie die Dinge nun stünden, gewärtig

sein, daß eines Tages irgend ein vertrauter Sendbote eintreffe, welchem

gegenüber man sich in jeder Hinsicht »^comme il faut^« zu erweisen habe.

So trat er denn auch sofort mit einem Möbelverleiher in Verbindung, der

ihn mit allem Nötigen versah; außerdem ließ er für seinen Burschen eine

Livree anfertigen, welche der eines Leibjägers gleich kam.

Sich derart einrichtend, widerstrebte es ihm auch, seine Mahlzeiten in

einer jener unscheinbaren Gastwirtschaften einzunehmen, auf welche wir

anderen mehr oder minder angewiesen waren, und zog es vor, zwischen fünf

und sechs Uhr im »Englischen Hof« zu dinieren, was er sich insofern

schon erlauben konnte, als er sodann auf ein Abendessen verzichtete.

Dabei zog er sich mehr und mehr vom kameradschaftlichen Verkehre zurück,

was zwar anfangs nicht besonders auffiel, da man von seiner Seite ein

gewisses Sich-Abschließen von jeher gewohnt war. Nach und nach aber

wurde man stutzig und fühlte sich umsomehr befremdet, als Burda nebstbei

ein sehr hochmütiges Benehmen zu entfalten begann, was früher nicht

seine Art war. Mich selbst behandelte er jetzt mit einer gewissen

Herablassung, und ich empfand, daß er mich wie jeden anderen würde

übersehen haben, wenn es ihm nicht ein Bedürfnis gewesen wäre, mich bei

seinem Ideengange an der Seite zu behalten. Auch brauchte er jemanden,

der für ihn, wenn er dienstlich verhindert war, ins Theater ging, um

nachzusehen, ob die Prinzessin, deren Eintreffen er von Tag zu Tag

erwartete, nicht in einer Loge auftauche.

Diese unerschütterliche Erwartung erfüllte sich selbstverständlich

nicht; dafür aber geschah es, daß eine hochgestellte militärische

Persönlichkeit, der Generaladjutant des Kaisers, in Prag eintraf und

daselbst einen Tag verweilte. Es fügte sich, daß wir ihm, ohne noch von

seiner Ankunft zu wissen, vor dem Hotel, in welchem er abgestiegen war,

begegneten, wobei er unseren militärischen Gruß freundlichst erwiderte.

»Das war Graf G...!« sagte Burda, als wir den General hinter uns hatten,

ganz aufgeregt. »Was ihn wohl hierher geführt haben mag?«

»Wer kann das wissen? Vielleicht geht er nach Karlsbad; er leidet ja

bekanntlich an der Leber.«

»Möglich. Aber hast du bemerkt, wie eindringlich er mich ins Auge gefaßt

hat?«

»Das habe ich nicht wahrgenommen.«

»Aber ich«, sagte Burda kurz und verabschiedete sich, da wir eben bei

der Gasse angelangt waren, in der er wohnte.

Am Abend besuchte der Generaladjutant das Theater, wo wir ihn mit dem

Landeskommandierenden in dessen Loge sitzen sahen. Man gab die Oper

Martha, die der Graf wohl oft genug gehört haben mochte. Er schenkte

auch der Vorstellung nur wenig Aufmerksamkeit, sprach eifrig mit dem

Kommandierenden und blickte dabei manchmal durch das Opernglas nach den

Offizieren im Parterre; eine Art von Musterung, welche durchaus in der

Natur der Sache lag.

Beim Nachhausegehen sagte Burda: »Gib acht, es scheint etwas im Zuge zu

sein. Er ist offenbar nicht ohne besondere Absicht nach Prag gekommen.

Und daß man Martha gegeben hat, ist ebenfalls sehr bezeichnend.«

»Wieso?« fragte ich.

»Denke nur ein wenig über das Sujet nach, und du wirst dahinter

gelangen.«

Nun ließ sich, wenn man auf die Hirngespinste Burdas einging, allerdings

eine gewisse Ähnlichkeit seiner Lage mit der Lionels herausfinden -- daß

er aber in der Vorführung der Oper geheimnisvolle Absichtlichkeit

vermutete, machte mir den beklemmendsten Eindruck: ich begann ernstlich

für seinen Verstand zu fürchten. Dabei befand ich mich in der ratlosen

Lage eines Menschen, der einen zweiten auf dem besten Wege sieht,

irrsinnig zu werden, und doch niemanden davon in Kenntnis setzen darf.

Denn wie hätte ich den Seelenzustand Burdas samt allen Einzelheiten, die

ihn hervorgerufen, ohne die zwingendste Notwendigkeit preisgeben können?

Ich überlegte schon, ob ich nicht diesen Anlaß benützen und ihm

eindringliche Vorstellungen machen sollte, aber wir waren bereits in der

Nähe seiner Wohnung angelangt und so trennten wir uns schweigend.

Zwei Wochen waren seitdem vergangen, als eines Tages mittels

Regimentsbefehls verlautbart wurde, Seine Majestät habe mit

allerhöchster Entschließung die Errichtung eines Adjutantenkorps

angeordnet. Dies war dahin zu verstehen, daß sämtliche Offiziere, welche

bei hohen Persönlichkeiten oder bei Generalaten in Verwendung standen,

einen Körper für sich zu bilden haben und eine besondere Adjustierung

erhalten sollten. Am Schlusse erging eine Aufforderung, sich zu melden,

an diejenigen, welche, bei nachzuweisender Befähigung, die Absicht

hätten, in dieses Korps zu treten.

»Nun?« fragte Burda, mit welchem ich im Kompagniedienstzimmer

gemeinschaftlich den Befehl gelesen hatte.

»Das kümmert mich wenig«, erwiderte ich. »Denn ich habe durchaus nicht

die Absicht, mich zum Eintritt zu melden. Auch bin ich nicht in der

Lage, mir ein Pferd zu halten.«

»Darum handelt es sich nicht«, entgegnete er scharf. »Ich frage dich, ob

es dir nun klar ist, weshalb der Generaladjutant hier erschienen ist?«

Ich sah ihn an.

»Er ist gekommen,« fuhr er im Tone vollster Überzeugung fort, »um

Erkundigungen über meine Person einzuziehen, mich in Augenschein zu

nehmen -- und dann zu veranlassen, was nunmehr erfolgt ist. Man hat

offenbar die Absicht, mich in unauffälliger Weise nach Wien und in die

nächste Nähe hoher und höchster Persönlichkeiten zu bringen.«

»Wie?« rief ich aus. »Du glaubst, daß man deiner Person wegen ein

eigenes Korps ins Leben gerufen habe --«

»Nun, wenn auch nicht gerade das,« erwiderte er, zum Glück noch das

Ungeheuerliche seiner Voraussetzung fühlend, »aber die Aufforderung

wurde ganz gewiß mit Hinsicht auf mich erlassen.«

»Wozu hätte es einer bedurft? Man könnte dich ja ohne weiteres sofort an

eine solche Stelle berufen!«

»Allerdings. Aber ich habe dir schon gesagt, daß man jeden in die Augen

fallenden Schritt vermeiden will, was auch der einzige Grund ist, der

die Prinzessin -- welche offenbar ihren Vater bereits gewonnen hat --

von Prag fernhält. Denke dir nur, welches Aufsehen es erregen müßte,

wenn man mich so Knall und Fall nach Wien beriefe.«

Das war zu viel! Ich konnte nicht länger an mich halten und beschwor

ihn, sich keinen so weitgehenden Täuschungen hinzugeben, wobei ich mich

freilich, um nicht das Kind mit dem Bade zu verschütten, bloß an den

vorliegenden Fall hielt. Aber meine Vorstellungen blieben fruchtlos --

ja noch mehr: er wurde mir ob meiner Einwürfe nicht einmal böse. Und

schon am nächsten Tage, nachdem er sein Gesuch an den Mann gebracht,

begab er sich zu dem hervorragendsten Militärschneider Prags und

erkundigte sich, ob bereits ein Schema der Uniformierung für das neue

Korps vorliege. Und als man ihm in der Tat ein solches zeigte, war es

nur die Furcht, eine Indiskretion zu begehen, was ihn abhielt, sofort

Maß nehmen und die betreffenden Kleidungsstücke herstellen zu lassen.

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 9 / 53 题