Prag war zu jener Zeit ein sehr angenehmer Aufenthaltsort. Die
nationalen Sonderbestrebungen waren noch nicht zu ausgesprochenen
Konflikten gediehen; sie gärten und zuckten, dem unbefangenen Blicke
verborgen, noch unter der Oberfläche, und wenn auch die Stadt, infolge
des slawischen Grundelementes ihrer Bevölkerung, keine deutsche genannt
werden konnte, so war sie doch im besten Sinne des Wortes international.
Zwischen Wien und Dresden die Mitte haltend, wurde sie, zumal im Sommer,
wo ein großer Zug nach den böhmischen Bädern stattfand, ob ihrer
prachtvollen Lage und ihrer alten Baudenkmale von vielen Fremden
besucht, wozu gute Hotels, ein sehr annehmbares Theater und sonstige
Ressourcen wesentlich beitrugen. Kurz, man konnte in Prag wie in einer
Großstadt leben, und doch waren alle Bedingungen einfacher und weniger
kostspielig als anderswo.
Dieser Umstand kam Burda bei unserem Eintreffen sehr zustatten. Mit
großer Befriedigung hatte er vernommen, daß die Offiziere nicht in der
Kaserne untergebracht würden, daher es seine erste Sorge war, eine
passende Wohnung zu suchen, die er auch bald gefunden hatte und welche
er nunmehr allein bezog. Denn, sagte er zu mir, es ist jetzt vor allem
geboten, ein anständiges »^Home^« zu besitzen. Es könne sich mancherlei
ereignen, und jedenfalls müsse er, wie die Dinge nun stünden, gewärtig
sein, daß eines Tages irgend ein vertrauter Sendbote eintreffe, welchem
gegenüber man sich in jeder Hinsicht »^comme il faut^« zu erweisen habe.
So trat er denn auch sofort mit einem Möbelverleiher in Verbindung, der
ihn mit allem Nötigen versah; außerdem ließ er für seinen Burschen eine
Livree anfertigen, welche der eines Leibjägers gleich kam.
Sich derart einrichtend, widerstrebte es ihm auch, seine Mahlzeiten in
einer jener unscheinbaren Gastwirtschaften einzunehmen, auf welche wir
anderen mehr oder minder angewiesen waren, und zog es vor, zwischen fünf
und sechs Uhr im »Englischen Hof« zu dinieren, was er sich insofern
schon erlauben konnte, als er sodann auf ein Abendessen verzichtete.
Dabei zog er sich mehr und mehr vom kameradschaftlichen Verkehre zurück,
was zwar anfangs nicht besonders auffiel, da man von seiner Seite ein
gewisses Sich-Abschließen von jeher gewohnt war. Nach und nach aber
wurde man stutzig und fühlte sich umsomehr befremdet, als Burda nebstbei
ein sehr hochmütiges Benehmen zu entfalten begann, was früher nicht
seine Art war. Mich selbst behandelte er jetzt mit einer gewissen
Herablassung, und ich empfand, daß er mich wie jeden anderen würde
übersehen haben, wenn es ihm nicht ein Bedürfnis gewesen wäre, mich bei
seinem Ideengange an der Seite zu behalten. Auch brauchte er jemanden,
der für ihn, wenn er dienstlich verhindert war, ins Theater ging, um
nachzusehen, ob die Prinzessin, deren Eintreffen er von Tag zu Tag
erwartete, nicht in einer Loge auftauche.
Diese unerschütterliche Erwartung erfüllte sich selbstverständlich
nicht; dafür aber geschah es, daß eine hochgestellte militärische
Persönlichkeit, der Generaladjutant des Kaisers, in Prag eintraf und
daselbst einen Tag verweilte. Es fügte sich, daß wir ihm, ohne noch von
seiner Ankunft zu wissen, vor dem Hotel, in welchem er abgestiegen war,
begegneten, wobei er unseren militärischen Gruß freundlichst erwiderte.
»Das war Graf G...!« sagte Burda, als wir den General hinter uns hatten,
ganz aufgeregt. »Was ihn wohl hierher geführt haben mag?«
»Wer kann das wissen? Vielleicht geht er nach Karlsbad; er leidet ja
bekanntlich an der Leber.«
»Möglich. Aber hast du bemerkt, wie eindringlich er mich ins Auge gefaßt
hat?«
»Das habe ich nicht wahrgenommen.«
»Aber ich«, sagte Burda kurz und verabschiedete sich, da wir eben bei
der Gasse angelangt waren, in der er wohnte.
Am Abend besuchte der Generaladjutant das Theater, wo wir ihn mit dem
Landeskommandierenden in dessen Loge sitzen sahen. Man gab die Oper
Martha, die der Graf wohl oft genug gehört haben mochte. Er schenkte
auch der Vorstellung nur wenig Aufmerksamkeit, sprach eifrig mit dem
Kommandierenden und blickte dabei manchmal durch das Opernglas nach den
Offizieren im Parterre; eine Art von Musterung, welche durchaus in der
Natur der Sache lag.
Beim Nachhausegehen sagte Burda: »Gib acht, es scheint etwas im Zuge zu
sein. Er ist offenbar nicht ohne besondere Absicht nach Prag gekommen.
Und daß man Martha gegeben hat, ist ebenfalls sehr bezeichnend.«
»Wieso?« fragte ich.
»Denke nur ein wenig über das Sujet nach, und du wirst dahinter
gelangen.«
Nun ließ sich, wenn man auf die Hirngespinste Burdas einging, allerdings
eine gewisse Ähnlichkeit seiner Lage mit der Lionels herausfinden -- daß
er aber in der Vorführung der Oper geheimnisvolle Absichtlichkeit
vermutete, machte mir den beklemmendsten Eindruck: ich begann ernstlich
für seinen Verstand zu fürchten. Dabei befand ich mich in der ratlosen
Lage eines Menschen, der einen zweiten auf dem besten Wege sieht,
irrsinnig zu werden, und doch niemanden davon in Kenntnis setzen darf.
Denn wie hätte ich den Seelenzustand Burdas samt allen Einzelheiten, die
ihn hervorgerufen, ohne die zwingendste Notwendigkeit preisgeben können?
Ich überlegte schon, ob ich nicht diesen Anlaß benützen und ihm
eindringliche Vorstellungen machen sollte, aber wir waren bereits in der
Nähe seiner Wohnung angelangt und so trennten wir uns schweigend.
Zwei Wochen waren seitdem vergangen, als eines Tages mittels
Regimentsbefehls verlautbart wurde, Seine Majestät habe mit
allerhöchster Entschließung die Errichtung eines Adjutantenkorps
angeordnet. Dies war dahin zu verstehen, daß sämtliche Offiziere, welche
bei hohen Persönlichkeiten oder bei Generalaten in Verwendung standen,
einen Körper für sich zu bilden haben und eine besondere Adjustierung
erhalten sollten. Am Schlusse erging eine Aufforderung, sich zu melden,
an diejenigen, welche, bei nachzuweisender Befähigung, die Absicht
hätten, in dieses Korps zu treten.
»Nun?« fragte Burda, mit welchem ich im Kompagniedienstzimmer
gemeinschaftlich den Befehl gelesen hatte.
»Das kümmert mich wenig«, erwiderte ich. »Denn ich habe durchaus nicht
die Absicht, mich zum Eintritt zu melden. Auch bin ich nicht in der
Lage, mir ein Pferd zu halten.«
»Darum handelt es sich nicht«, entgegnete er scharf. »Ich frage dich, ob
es dir nun klar ist, weshalb der Generaladjutant hier erschienen ist?«
Ich sah ihn an.
»Er ist gekommen,« fuhr er im Tone vollster Überzeugung fort, »um
Erkundigungen über meine Person einzuziehen, mich in Augenschein zu
nehmen -- und dann zu veranlassen, was nunmehr erfolgt ist. Man hat
offenbar die Absicht, mich in unauffälliger Weise nach Wien und in die
nächste Nähe hoher und höchster Persönlichkeiten zu bringen.«
»Wie?« rief ich aus. »Du glaubst, daß man deiner Person wegen ein
eigenes Korps ins Leben gerufen habe --«
»Nun, wenn auch nicht gerade das,« erwiderte er, zum Glück noch das
Ungeheuerliche seiner Voraussetzung fühlend, »aber die Aufforderung
wurde ganz gewiß mit Hinsicht auf mich erlassen.«
»Wozu hätte es einer bedurft? Man könnte dich ja ohne weiteres sofort an
eine solche Stelle berufen!«
»Allerdings. Aber ich habe dir schon gesagt, daß man jeden in die Augen
fallenden Schritt vermeiden will, was auch der einzige Grund ist, der
die Prinzessin -- welche offenbar ihren Vater bereits gewonnen hat --
von Prag fernhält. Denke dir nur, welches Aufsehen es erregen müßte,
wenn man mich so Knall und Fall nach Wien beriefe.«
Das war zu viel! Ich konnte nicht länger an mich halten und beschwor
ihn, sich keinen so weitgehenden Täuschungen hinzugeben, wobei ich mich
freilich, um nicht das Kind mit dem Bade zu verschütten, bloß an den
vorliegenden Fall hielt. Aber meine Vorstellungen blieben fruchtlos --
ja noch mehr: er wurde mir ob meiner Einwürfe nicht einmal böse. Und
schon am nächsten Tage, nachdem er sein Gesuch an den Mann gebracht,
begab er sich zu dem hervorragendsten Militärschneider Prags und
erkundigte sich, ob bereits ein Schema der Uniformierung für das neue
Korps vorliege. Und als man ihm in der Tat ein solches zeigte, war es
nur die Furcht, eine Indiskretion zu begehen, was ihn abhielt, sofort
Maß nehmen und die betreffenden Kleidungsstücke herstellen zu lassen.