Das Regiment hatte die Kantonierungs-Stationen in Böhmen bezogen. Der
Stab befand sich mit einem Bataillon in einer ansehnlichen Kreisstadt,
alles übrige war in größeren oder kleineren Ortschaften verteilt. Die
Kompagnie, bei welcher Burda -- der mittlerweile zum Oberleutnant
vorgerückt war -- und ich standen, hatte einen Marktflecken in der Nähe
einer Bahnstation zugewiesen erhalten. Die Gegend war nicht ohne Anmut.
Wohlbebaute Felder, saftige Wiesen wechselten mit sanften, schön
bewaldeten Höhen ab. Auch war ein großes, gut gehaltenes Wirtshaus
vorhanden, wo wir beide -- den Hauptmann hatte der Bürgermeister in
Quartier genommen -- ein ganz behagliches Unterkommen fanden. Am
äußersten Ende des Fleckens führte, nach der Seite abzweigend, eine
stattliche Lindenallee zu einem kleinen Schlosse empor, das ganz wie ein
mittelalterliches Kastell aussah. Die Ringmauer und der runde, aus
mächtigen Quadern aufgeführte Turm, der in einer weiten Plattform
endigte, stammten gewiß aus jener Zeit und waren mit sichtlicher
Sorgfalt wohl erhalten worden; auch alles später Hinzugebaute zeigte
sich den Resten der Vergangenheit möglichst angepaßt. Dieses Schloß
gehörte der reich begüterten gräflichen Familie M... und wurde früher
nur bei herbstlichen Jagdausflügen benützt; jetzt aber war es von einem
jungen Paare bewohnt. Ein jüngerer Sohn des Hauses hatte sich nämlich im
Laufe des Winters vermählt und es einer Hochzeitsreise vorgezogen, mit
seiner Gattin die Honigmonde in dieser ländlichen Zurückgezogenheit zu
verbringen. Man erzählte allerlei von dem abgeschlossenen,
menschenscheuen Leben der Neuvermählten. In der ersten Zeit habe man sie
gar nicht zu Gesicht bekommen; erst jetzt, da besseres Wetter
eingetreten, könne man sie hin und wieder zu Pferd oder zu Wagen sehen,
jedoch immer vereint, wie unzertrennlich, und es wurde sogar behauptet,
daß die junge Gräfin, amazonenhaft geschürzt, ihren Gatten auf jedem
seiner Birschgänge begleite. An uns selbst waren die beiden, als eben
eine Kompagnieübung stattfand, in einem leichten Jagdwagen, der mit vier
kleinen, von der Gräfin selbst gelenkten Schecken bespannt war,
vorübergefahren. Burda hatte bei dieser Gelegenheit die Bemerkung
hingeworfen, daß es eigentlich der Anstand erfordere, im Schlosse eine
Visite abzustatten -- und zwar ^in corpore^. Unser Hauptmann aber, eine
etwas derbe Natur, hatte darauf erwidert, das würde so aussehen, als
wolle man sich aufdrängen. Man dürfe sich um diese Aristokraten nicht
eher kümmern, als bis sie selbst von den kaiserlichen Offizieren, die
wir seien, Notiz genommen.
Auf Burda jedoch übte das Schloß immer stärkere Anziehungskraft aus. Er
umschritt es bei jedem unserer gemeinsamen Spaziergänge in immer engeren
Kreisen und liebte es, von einer nahen Anhöhe herab auf die
geheimnisvollen Baumwipfel des Parkes zu blicken, der sich, nicht allzu
ausgedehnt, dem Walde entgegenzog.
»Ach!« rief er eines Abends, als eben die Sonne versank und ihr letztes
Gold am Horizont aufflammen ließ, »ach, welch ein Glück, mit der Königin
seines Herzens in so stolzer Abgeschiedenheit hausen zu können!« Dann
nach einer Pause und mit dem Arme einen Kreis in der Luft beschreibend:
»Wer weiß, ob nicht einer meiner Vorfahren einst über diesen Boden
geherrscht hat? Aber was nützt es mir?« schloß er achselzuckend mit
einem leichten Seufzer.
Ein Schweigen trat ein.
»Aber weißt du,« sagte er plötzlich, indem er wieder das Schloß ins Auge
faßte, »daß eines Tages die Prinzessin hierher kommen könnte?«
Ich sah ihn so überrascht an, daß es ihn, wäre er noch der frühere
gewesen, tief würde verletzt haben. Aber nun achtete er kaum darauf und
fuhr gewissermaßen im Selbstgespräch fort: »Wenn ich nicht irre, so sind
die M... mit den L... irgendwie verschwägert. Und da wäre es denn auch
-- sobald man meinen Aufenthaltsort erfahren hat -- nicht allzu schwer,
einen Besuch ins Werk zu setzen. Jedenfalls leichter, als damals allein
in der Loge zu erscheinen -- und sich morgens darauf an der Nordbahn zu
zeigen.«
Ich hatte mich inzwischen gefaßt und erinnert, daß ich über nichts mehr
zu staunen habe.
»Je nun,« sagte ich, »es ist immerhin möglich.«
Am folgenden Nachmittag saßen wir auf der Bank vor dem Wirtshause,
rauchten unsere Tschibuke und blickten dabei, ziemlich gelangweilt, auf
eine große, teichähnliche Pfütze, die sich auf dem Marktplatze
ausbreitete, und an deren Rande sich eine Schar schneeweißer Gänse ruhig
sonnte.
Plötzlich vernahm man das Geräusch nahender Wagen, und bald darauf kamen
zwei Gefährte in Sicht. In dem ersten, einem geräumigen Landauer, saß
das gräfliche Paar tief zurückgelehnt, während die leichte Kalesche, die
knapp dahinter fuhr, sich leer zeigte. Man jagte so rasch vorbei, daß
das harmlose Geflügel, wild aufgescheucht, mit lautem Kreischen und
Schnattern in die Pfütze hinein flüchtete.
»Da wird jemand von der Bahn geholt«, sagte Burda, seine Uhr
hervorziehend. »Es ist jetzt halb drei, in einer Viertelstunde kommt der
Zug. Ich bin neugierig, wer da eintreffen wird.«
Wir blieben sitzen. Nach einer Weile vernahmen wir den fernen
Signalpfiff, das Näherbrausen des Zuges -- und es dauerte nicht lange,
so kamen die beiden Wagen wieder zurückgefahren. Neben der Gräfin saß
jetzt eine junge Dame, in welcher, obgleich sie das Antlitz mit einem
blauen Reiseschleier verhüllt hatte, sofort die Prinzessin zu erkennen
war. Der Graf nahm mit einer anderen Dame -- derjenigen, welche damals
mit in der Loge erschienen war -- den Vordersitz ein. In der Kalesche
hatte eine hübsche Zofe Platz genommen, die, von Koffern und Schachteln
umgeben, mit lebhaften Augen ziemlich herausfordernd um sich blickte.
Burda hatte den ausgebrannten Tschibuk sinken lassen. Jetzt erhob er
sich und ging, ohne ein Wort zu sagen, in sein Zimmer hinauf. Ich war
darüber sehr froh, denn daß die Prinzessin nun in der Tat erschienen,
hatte mich derart aus der Fassung gebracht, daß ich in Verlegenheit
gewesen wäre, irgend eine Meinung zu äußern.
»Das ist denn doch höchst merkwürdig!« sagte ich zu mir selbst, als ich
jetzt allein war und mich anschickte, einer mir obliegenden dienstlichen
Verrichtung nachzukommen. Dabei ging mir dieser neue Zufall -- denn was
anderes konnte es sein? -- beständig im Kopfe herum. Die Sache bekam
nunmehr, ganz objektiv betrachtet, ein eigentümliches Interesse, und ich
war neugierig, was aus dieser unvermuteten Komplikation entstehen würde.
Als ich später wieder dem Wirtshause zuschritt, sah ich, wie eben ein
wohlgenährter Lakai mit glattrasiertem Doppelkinn und einer leichten
Mütze auf dem Kopfe sich näherte. Er kam offenbar aus dem Schlosse und
trat jetzt in die Schankstube, deren Fenster offen standen, so daß ich
vernehmen konnte, wie er von einigen Gästen, die drinnen beim Bier
saßen, laut begrüßt wurde.
»Ah, Herr Georg!« rief einer. »Lassen Sie sich auch wieder einmal
sehen!«
Ich konnte nicht verstehen, was der also Empfangene erwiderte. Ich
vernahm eigentlich nur ein hastiges Schlucken und Gurgeln, dann wurde
ein Glas auf den Schenktisch gestoßen.
»Sie haben ja Besuch bekommen!« hieß es weiter.
Nunmehr hörte ich, wie der Lakai sagte: »Freilich. Die Prinzessin L...,
die beste Freundin unserer Gräfin. Schon vor sechs Wochen hätte sie
kommen sollen, um dann später mit uns nach Italien zu reisen. Statt
dessen ist sie krank geworden. Wer weiß, ob jetzt noch etwas aus der
Reise wird. Ein Glück wär's, denn es ist nicht mehr auszuhalten in dem
Nest!«
Nach diesem für die Eingeborenen nicht sehr schmeichelhaften Ausspruch
stürzte er, wie ich, ein wenig durchs Fenster blickend, bemerken konnte,
ein zweites Glas hinunter und suchte nach kleiner Münze, um seine Zeche
zu bezahlen.
»Sie wollen schon wieder fort!?«
»Ich muß zur Bahn laufen und telegraphieren lassen. Es ist eine
Schachtel im Coupé vergessen worden. So geht's, wenn man keine männliche
Dienerschaft mitnimmt!«
Und ohne Gruß eilte er hinaus.
So also standen die Dinge. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, welche
Genugtuung Burda beim Anblick der Prinzessin mußte empfunden haben,
welche Hoffnungen und Erwartungen er nunmehr an ihren hiesigen
Aufenthalt knüpfte ...
Aber diese Hoffnungen und Erwartungen, die der Zufall wachgerufen,
sollten von diesem selbst sofort wieder vernichtet werden. Denn die
unentschiedene, ratlose Haltung, welche die Regierung den
fortschreitenden Ereignissen gegenüber noch immer bekundete, hatte einen
beständigen Wechsel der militärischen Dispositionen zur Folge -- und so
bekam auch unser Regiment noch am selben Abend den Befehl, die
Standquartiere sofort zu verlassen und nach Prag in Garnison abzurücken.
Burda, nachdem er diese Neuigkeit vernommen, lachte bitter auf.
»Fatales Geschick!« rief er aus. »Jetzt, nachdem die Prinzessin auch
diesen Effort unternommen -- jetzt muß -- -- es ist wirklich
unglaublich! Wie würde sich jetzt alles entwickelt haben! Wir hätten
Einladungen nach dem Schlosse erhalten, sei es nun zu einer Jagd, zu
einem Diner -- oder was weiß ich! -- Übrigens,« setzte er nach einigem
Nachsinnen hinzu, »Prag ist so übel nicht -- und der Verlust nicht allzu
groß; denn ich bin überzeugt, daß auch _sie_ in einiger Zeit dort
erscheinen wird.«
Dieser Behauptung zeigte ich mich doch noch nicht gewachsen; es war mir,
als befände ich mich einem Wahnsinnigen gegenüber.
Er bemerkte nicht, wie ich zusammenzuckte, und fuhr fort: »Prag ist der
Sitz des ganzen böhmischen Adels. Man macht also eben wieder irgend
einen Besuch. Überdies wird es mir jetzt immer deutlicher, daß die
Prinzessin bereits in Kenntnis von der Angelegenheit ist, die ich, wie
du weißt, verfolge; sie würde sonst nicht so geradeaus vorgehen.«
Nach diesen Worten rief er seinen Burschen und befahl ihm, zu packen,
welches Geschäft er mit verschränkten Armen gebieterisch überwachte.
Es war ein heller, taufrischer Maimorgen, als wir abzogen und Burda
einen letzten Blick nach den Fenstern des Schlosses emporsendete, wo
noch alles in tiefem Schlafe zu liegen schien.