VI.

Das Regiment hatte die Kantonierungs-Stationen in Böhmen bezogen. Der

Stab befand sich mit einem Bataillon in einer ansehnlichen Kreisstadt,

alles übrige war in größeren oder kleineren Ortschaften verteilt. Die

Kompagnie, bei welcher Burda -- der mittlerweile zum Oberleutnant

vorgerückt war -- und ich standen, hatte einen Marktflecken in der Nähe

einer Bahnstation zugewiesen erhalten. Die Gegend war nicht ohne Anmut.

Wohlbebaute Felder, saftige Wiesen wechselten mit sanften, schön

bewaldeten Höhen ab. Auch war ein großes, gut gehaltenes Wirtshaus

vorhanden, wo wir beide -- den Hauptmann hatte der Bürgermeister in

Quartier genommen -- ein ganz behagliches Unterkommen fanden. Am

äußersten Ende des Fleckens führte, nach der Seite abzweigend, eine

stattliche Lindenallee zu einem kleinen Schlosse empor, das ganz wie ein

mittelalterliches Kastell aussah. Die Ringmauer und der runde, aus

mächtigen Quadern aufgeführte Turm, der in einer weiten Plattform

endigte, stammten gewiß aus jener Zeit und waren mit sichtlicher

Sorgfalt wohl erhalten worden; auch alles später Hinzugebaute zeigte

sich den Resten der Vergangenheit möglichst angepaßt. Dieses Schloß

gehörte der reich begüterten gräflichen Familie M... und wurde früher

nur bei herbstlichen Jagdausflügen benützt; jetzt aber war es von einem

jungen Paare bewohnt. Ein jüngerer Sohn des Hauses hatte sich nämlich im

Laufe des Winters vermählt und es einer Hochzeitsreise vorgezogen, mit

seiner Gattin die Honigmonde in dieser ländlichen Zurückgezogenheit zu

verbringen. Man erzählte allerlei von dem abgeschlossenen,

menschenscheuen Leben der Neuvermählten. In der ersten Zeit habe man sie

gar nicht zu Gesicht bekommen; erst jetzt, da besseres Wetter

eingetreten, könne man sie hin und wieder zu Pferd oder zu Wagen sehen,

jedoch immer vereint, wie unzertrennlich, und es wurde sogar behauptet,

daß die junge Gräfin, amazonenhaft geschürzt, ihren Gatten auf jedem

seiner Birschgänge begleite. An uns selbst waren die beiden, als eben

eine Kompagnieübung stattfand, in einem leichten Jagdwagen, der mit vier

kleinen, von der Gräfin selbst gelenkten Schecken bespannt war,

vorübergefahren. Burda hatte bei dieser Gelegenheit die Bemerkung

hingeworfen, daß es eigentlich der Anstand erfordere, im Schlosse eine

Visite abzustatten -- und zwar ^in corpore^. Unser Hauptmann aber, eine

etwas derbe Natur, hatte darauf erwidert, das würde so aussehen, als

wolle man sich aufdrängen. Man dürfe sich um diese Aristokraten nicht

eher kümmern, als bis sie selbst von den kaiserlichen Offizieren, die

wir seien, Notiz genommen.

Auf Burda jedoch übte das Schloß immer stärkere Anziehungskraft aus. Er

umschritt es bei jedem unserer gemeinsamen Spaziergänge in immer engeren

Kreisen und liebte es, von einer nahen Anhöhe herab auf die

geheimnisvollen Baumwipfel des Parkes zu blicken, der sich, nicht allzu

ausgedehnt, dem Walde entgegenzog.

»Ach!« rief er eines Abends, als eben die Sonne versank und ihr letztes

Gold am Horizont aufflammen ließ, »ach, welch ein Glück, mit der Königin

seines Herzens in so stolzer Abgeschiedenheit hausen zu können!« Dann

nach einer Pause und mit dem Arme einen Kreis in der Luft beschreibend:

»Wer weiß, ob nicht einer meiner Vorfahren einst über diesen Boden

geherrscht hat? Aber was nützt es mir?« schloß er achselzuckend mit

einem leichten Seufzer.

Ein Schweigen trat ein.

»Aber weißt du,« sagte er plötzlich, indem er wieder das Schloß ins Auge

faßte, »daß eines Tages die Prinzessin hierher kommen könnte?«

Ich sah ihn so überrascht an, daß es ihn, wäre er noch der frühere

gewesen, tief würde verletzt haben. Aber nun achtete er kaum darauf und

fuhr gewissermaßen im Selbstgespräch fort: »Wenn ich nicht irre, so sind

die M... mit den L... irgendwie verschwägert. Und da wäre es denn auch

-- sobald man meinen Aufenthaltsort erfahren hat -- nicht allzu schwer,

einen Besuch ins Werk zu setzen. Jedenfalls leichter, als damals allein

in der Loge zu erscheinen -- und sich morgens darauf an der Nordbahn zu

zeigen.«

Ich hatte mich inzwischen gefaßt und erinnert, daß ich über nichts mehr

zu staunen habe.

»Je nun,« sagte ich, »es ist immerhin möglich.«

Am folgenden Nachmittag saßen wir auf der Bank vor dem Wirtshause,

rauchten unsere Tschibuke und blickten dabei, ziemlich gelangweilt, auf

eine große, teichähnliche Pfütze, die sich auf dem Marktplatze

ausbreitete, und an deren Rande sich eine Schar schneeweißer Gänse ruhig

sonnte.

Plötzlich vernahm man das Geräusch nahender Wagen, und bald darauf kamen

zwei Gefährte in Sicht. In dem ersten, einem geräumigen Landauer, saß

das gräfliche Paar tief zurückgelehnt, während die leichte Kalesche, die

knapp dahinter fuhr, sich leer zeigte. Man jagte so rasch vorbei, daß

das harmlose Geflügel, wild aufgescheucht, mit lautem Kreischen und

Schnattern in die Pfütze hinein flüchtete.

»Da wird jemand von der Bahn geholt«, sagte Burda, seine Uhr

hervorziehend. »Es ist jetzt halb drei, in einer Viertelstunde kommt der

Zug. Ich bin neugierig, wer da eintreffen wird.«

Wir blieben sitzen. Nach einer Weile vernahmen wir den fernen

Signalpfiff, das Näherbrausen des Zuges -- und es dauerte nicht lange,

so kamen die beiden Wagen wieder zurückgefahren. Neben der Gräfin saß

jetzt eine junge Dame, in welcher, obgleich sie das Antlitz mit einem

blauen Reiseschleier verhüllt hatte, sofort die Prinzessin zu erkennen

war. Der Graf nahm mit einer anderen Dame -- derjenigen, welche damals

mit in der Loge erschienen war -- den Vordersitz ein. In der Kalesche

hatte eine hübsche Zofe Platz genommen, die, von Koffern und Schachteln

umgeben, mit lebhaften Augen ziemlich herausfordernd um sich blickte.

Burda hatte den ausgebrannten Tschibuk sinken lassen. Jetzt erhob er

sich und ging, ohne ein Wort zu sagen, in sein Zimmer hinauf. Ich war

darüber sehr froh, denn daß die Prinzessin nun in der Tat erschienen,

hatte mich derart aus der Fassung gebracht, daß ich in Verlegenheit

gewesen wäre, irgend eine Meinung zu äußern.

»Das ist denn doch höchst merkwürdig!« sagte ich zu mir selbst, als ich

jetzt allein war und mich anschickte, einer mir obliegenden dienstlichen

Verrichtung nachzukommen. Dabei ging mir dieser neue Zufall -- denn was

anderes konnte es sein? -- beständig im Kopfe herum. Die Sache bekam

nunmehr, ganz objektiv betrachtet, ein eigentümliches Interesse, und ich

war neugierig, was aus dieser unvermuteten Komplikation entstehen würde.

Als ich später wieder dem Wirtshause zuschritt, sah ich, wie eben ein

wohlgenährter Lakai mit glattrasiertem Doppelkinn und einer leichten

Mütze auf dem Kopfe sich näherte. Er kam offenbar aus dem Schlosse und

trat jetzt in die Schankstube, deren Fenster offen standen, so daß ich

vernehmen konnte, wie er von einigen Gästen, die drinnen beim Bier

saßen, laut begrüßt wurde.

»Ah, Herr Georg!« rief einer. »Lassen Sie sich auch wieder einmal

sehen!«

Ich konnte nicht verstehen, was der also Empfangene erwiderte. Ich

vernahm eigentlich nur ein hastiges Schlucken und Gurgeln, dann wurde

ein Glas auf den Schenktisch gestoßen.

»Sie haben ja Besuch bekommen!« hieß es weiter.

Nunmehr hörte ich, wie der Lakai sagte: »Freilich. Die Prinzessin L...,

die beste Freundin unserer Gräfin. Schon vor sechs Wochen hätte sie

kommen sollen, um dann später mit uns nach Italien zu reisen. Statt

dessen ist sie krank geworden. Wer weiß, ob jetzt noch etwas aus der

Reise wird. Ein Glück wär's, denn es ist nicht mehr auszuhalten in dem

Nest!«

Nach diesem für die Eingeborenen nicht sehr schmeichelhaften Ausspruch

stürzte er, wie ich, ein wenig durchs Fenster blickend, bemerken konnte,

ein zweites Glas hinunter und suchte nach kleiner Münze, um seine Zeche

zu bezahlen.

»Sie wollen schon wieder fort!?«

»Ich muß zur Bahn laufen und telegraphieren lassen. Es ist eine

Schachtel im Coupé vergessen worden. So geht's, wenn man keine männliche

Dienerschaft mitnimmt!«

Und ohne Gruß eilte er hinaus.

So also standen die Dinge. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, welche

Genugtuung Burda beim Anblick der Prinzessin mußte empfunden haben,

welche Hoffnungen und Erwartungen er nunmehr an ihren hiesigen

Aufenthalt knüpfte ...

Aber diese Hoffnungen und Erwartungen, die der Zufall wachgerufen,

sollten von diesem selbst sofort wieder vernichtet werden. Denn die

unentschiedene, ratlose Haltung, welche die Regierung den

fortschreitenden Ereignissen gegenüber noch immer bekundete, hatte einen

beständigen Wechsel der militärischen Dispositionen zur Folge -- und so

bekam auch unser Regiment noch am selben Abend den Befehl, die

Standquartiere sofort zu verlassen und nach Prag in Garnison abzurücken.

Burda, nachdem er diese Neuigkeit vernommen, lachte bitter auf.

»Fatales Geschick!« rief er aus. »Jetzt, nachdem die Prinzessin auch

diesen Effort unternommen -- jetzt muß -- -- es ist wirklich

unglaublich! Wie würde sich jetzt alles entwickelt haben! Wir hätten

Einladungen nach dem Schlosse erhalten, sei es nun zu einer Jagd, zu

einem Diner -- oder was weiß ich! -- Übrigens,« setzte er nach einigem

Nachsinnen hinzu, »Prag ist so übel nicht -- und der Verlust nicht allzu

groß; denn ich bin überzeugt, daß auch _sie_ in einiger Zeit dort

erscheinen wird.«

Dieser Behauptung zeigte ich mich doch noch nicht gewachsen; es war mir,

als befände ich mich einem Wahnsinnigen gegenüber.

Er bemerkte nicht, wie ich zusammenzuckte, und fuhr fort: »Prag ist der

Sitz des ganzen böhmischen Adels. Man macht also eben wieder irgend

einen Besuch. Überdies wird es mir jetzt immer deutlicher, daß die

Prinzessin bereits in Kenntnis von der Angelegenheit ist, die ich, wie

du weißt, verfolge; sie würde sonst nicht so geradeaus vorgehen.«

Nach diesen Worten rief er seinen Burschen und befahl ihm, zu packen,

welches Geschäft er mit verschränkten Armen gebieterisch überwachte.

Es war ein heller, taufrischer Maimorgen, als wir abzogen und Burda

einen letzten Blick nach den Fenstern des Schlosses emporsendete, wo

noch alles in tiefem Schlafe zu liegen schien.

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 8 / 53 题