Seit jenem Tage war zwischen mir und Burda eine Entfremdung eingetreten;
wir trafen nur bei unvermeidlichen Anlässen zusammen und sprachen dann
über gleichgültige Dinge. Dazu kam noch, daß ich zu einer dienstlichen
Verwendung bestimmt wurde, die mich eine Zeitlang von Wien fernehielt,
und so war bereits der Frühling im Anzug, als ich wieder dorthin
zurückkehrte.
Nicht ohne Unbehagen hatte ich meinem ersten Zusammentreffen mit Burda
entgegengesehen, und war daher nicht wenig erstaunt, als er mich bei dem
Besuche, den ich ihm doch abstatten mußte, sehr herzlich empfing.
»Lieber Freund,« sagte er mit einer gewissen Wehmut, indem er die Arme
ausbreitete, »ich freue mich unendlich, dich wieder zu sehen. Offen
gestanden, ich habe mich während deiner Abwesenheit sehr vereinsamt
gefühlt. Allerdings«, fuhr er leicht errötend fort, »durch eigene
Schuld. Wir hätten ja wenigstens in brieflichem Verkehr bleiben können,
wenn ich nicht damals durch mein schroffes Benehmen -- -- Nun,
Geschehenes läßt sich nicht ungeschehen machen, und ich kann dich nur
bitten, zu vergeben und zu vergessen.«
Ich versicherte, daß dies längst der Fall sei.
»Ich weiß, ich weiß, du bist ein guter, vortrefflicher Mensch -- der
einzige, dem ich mich anvertrauen konnte -- und noch anvertrauen kann.
Daher habe ich auch dein Eintreffen mit Sehnsucht erwartet. Denn du bist
jetzt in der Lage, mir einen außerordentlichen Freundschaftsdienst zu
erweisen. Ich habe nämlich«, fuhr er etwas kleinlaut fort, »die Dame,
die ich dir ja nicht erst zu nennen brauche, schon lange -- schon sehr
lange nicht mehr gesehen. Du kannst dir meine Bestürzung vorstellen, als
sie aufhörte, im Theater zu erscheinen. Da sich aber endlich auch ihre
Schwestern nicht mehr in der Loge zeigten, so schloß ich auf irgend
einen besonderen Umstand -- und hatte auch das Richtige getroffen. Denn
wie ich durch einen günstigen Zufall -- nachzuforschen wagte ich ja
nicht -- in Erfahrung gebracht, waren im fürstlichen Hause die Masern
ausgebrochen, an welchen sämtliche Töchter daniederlagen. Nun aber sind
die beiden älteren längst wieder gesund, und man erblickt sie nach wie
vor im Theater -- nur die jüngste bleibt unsichtbar. Meine Besorgnis ist
also um so mehr zum äußersten gediehen, als ich bei der Vorsicht, die
mir, wie du weißt, zur Pflicht gemacht wurde, für meine Person keinerlei
Erkundigungen einziehen kann. Du aber hast hier in bürgerlichen Kreisen
Freunde, Verwandte und Bekannte, und es dürfte nicht auffallen, wenn
einer beim Portier Nachfrage hielte.«
Da dies leicht zu bewerkstelligen war, so sagte ich zu und konnte ihm
auch schon binnen kurzem mitteilen, daß die Prinzessin noch immer an
einem Folgeübel der Masern leide, aber baldiger Genesung entgegensehe,
eine Nachricht, die Burda mit melancholischer Freude aufnahm.
Inzwischen war es wirklich Frühling geworden. Die Bäume auf dem Glacis
hatten Knospen und Blätter getrieben, der Rasen schimmerte in zartem
Grün, und die Feierlichkeiten, welche zu jener Zeit anläßlich der
kaiserlichen Vermählung stattfanden, waren von herrlichstem Wetter
begünstigt. Aber nebenher war auch die orientalische Frage wieder einmal
eine brennende geworden, und schon hatten sich die diplomatischen Fäden
jener europäischen Verwickelungen angesponnen, welche später mit dem
Krimfeldzuge und durch die Einnahme von Sebastopol einen vorläufigen
Abschluß finden sollten. Auch Österreich mußte inmitten der allgemeinen
Rüstungen Stellung nehmen und schob Observationstruppen an die
nördlichen und südöstlichen Grenzen des Reiches vor. Infolgedessen
wurden einige Regimenter auf den Kriegsstand gesetzt, so auch unseres,
indem es gleichzeitig Marschbereitschaft erhielt, um, wie der Befehl
lautete, vorläufig in Böhmen Standquartiere zu nehmen.
Diese kriegerischen Aussichten wurden von den Offizieren mit
begeistertem Jubel begrüßt, und auch Burda würde mit eingestimmt haben,
wenn ihn nebstbei nicht der Gedanke betrübt und gequält hätte, daß er
jetzt die Prinzessin kaum mehr würde sehen können -- und daß er sie, wie
er sich ausdrückte, in einer doppelt ungewissen und schmerzlichen Lage
zurücklasse.
Der Tag des Abmarsches kam heran. Am Abend vorher bat mich Burda, noch
einmal mit ihm ins Burgtheater zu gehen. »Du wirst sehen,« sagte er,
»sie kommt heute. Etwas in meinem Inneren deutet darauf hin. Sie wird
unter allen Umständen erfahren haben, daß das Regiment morgen marschiert
-- und wird das möglichste daran setzen, mir wenigstens einen
Scheideblick spenden zu können.«
Ich hatte mich schon gewöhnt, auf derlei Reden kein Gewicht mehr zu
legen. Ich bestärkte ihn weder in seinen Voraussetzungen, noch
entmutigte ich ihn; ich hörte mit einem gewissen teilnahmsvollen
Schweigen zu, das er sich auslegen mochte, wie er wollte. Übrigens hatte
er selbst seine frühere Empfindlichkeit und Reizbarkeit verloren; er war
weich und hingebend geworden. Es war ihm offenbar nur mehr darum zu tun,
jemanden zu haben, dem er seine Gedanken und Gefühle aussprechen konnte,
unbekümmert, ob man zustimme oder nicht.
Es wurden drei kleine Stücke gegeben. Während des ersten blieb die Loge
leer; bei Beginn des zweiten aber -- ich traute kaum meinen Augen --
erschien wirklich die Prinzessin. Und zwar ganz schwarz gekleidet -- und
allein. Das heißt, so gut wie allein. Denn die Dame, welche neben ihr
Platz nahm, war ohne Zweifel ein Gesellschaftsfräulein oder ähnliches.
Burda stieß mich leicht an; denn sagen konnte er nichts in dem Gedränge,
das uns umgab.
Ich blickte nach der Prinzessin. Sie sah auffallend bleich und
angegriffen aus. In der Hand hielt sie einen kleinen Veilchenstrauß,
welchen sie von Zeit zu Zeit, den Duft einatmend, nahe vor das Antlitz
brachte.
Nachdem das Stück zu Ende gegangen war, erhob sie sich mit allen Zeichen
der Ermüdung und verschwand samt ihrer Begleiterin.
Da jetzt in der Zwischenpause um uns her einige Bewegung entstand,
flüsterte mir Burda zu: »Ich glaube, man ist fort. Wir wollen noch den
Beginn des letzten Stückes abwarten, dann gehen wir auch.«
Wir schoben uns, um später keine Störung zu verursachen, näher dem
Ausgange zu, und da die Loge wirklich leer blieb, entfernten wir uns
schon nach den ersten Szenen, die nun auf der Bühne folgten.
Nachdem wir unsere Mäntel genommen hatten, blieb Burda im leeren Foyer
stehen. »Nun, habe ich richtig geahnt?«
Ich wußte nicht, was ich erwidern sollte.
»Man sah, wie leidend sie noch immer ist«, fuhr er fort. »Welche
Überwindung muß es ihr gekostet haben, das Theater zu besuchen. Und was
sagst du dazu, daß sie in Trauer erschienen ist?«
»Das kann ein Zufall sein«, sagte ich, fast zornig gegen eine Annahme
kämpfend, die, ich muß es gestehen, unwillkürlich in mir selbst
aufgetaucht war. »Vielleicht ein entfernter Todesfall in der Familie --
oder eine Hoftrauer, deren Ansage uns nicht mehr zugekommen ist.«
»Möglich«, warf er leicht hin, meiner Meinung sorgfältig ausweichend.
»Aber was ist das?« fuhr er fort, indem er mit der Hand seine linke
Brustseite betastete. Dann knöpfte er rasch seinen Mantel auf und zog
aus der inwendig angebrachten Tasche einen Veilchenstrauß hervor, den er
anfänglich selbst mit ungläubiger Überraschung betrachtete. Endlich aber
richtete er sich hoch empor und sagte, indem er mir die Blumen
entgegenhielt, sehr ernst: »Lieber Freund, ich rede jetzt nichts mehr.
Du hast, dessen bin ich sicher, diese Veilchen in der Hand der
Prinzessin gesehen -- und nun finde ich sie in meiner Brusttasche. Leb'
wohl! Ich darf dich nicht länger deinen Angehörigen, von welchen du wohl
noch Abschied wirst nehmen wollen, entziehen und danke dir für deine
Begleitung.« Damit reichte er mir die Hand und ging.
Ich war betroffen und verwirrt. Sollten diese Veilchen wirklich ...?
Doch nein! Es war ein Strauß wie jeder andere von den vielen hunderten,
welche um diese Jahreszeit an allen Straßenecken feilgeboten wurden.
Mußte es also gerade derjenige sein, den die Prinzessin ...
Dem will ich auf den Grund kommen, sagte ich zu mir selbst und kehrte
nach einigen Schritten, die ich schon auf die Straße hinausgetan, wieder
um, um mich in die Garderobe zu begeben. Der eine von den beiden
Wärtern, ein schmächtiges, grauhaariges Männchen, das gewöhnlich die
Offiziere zu bedienen pflegte, war eben auf seinem Stuhl sanft
eingenickt. Bei meinem Erscheinen fuhr er empor.
Ich trat vertraulich auf ihn zu und fragte:
»Erinnern Sie sich des Offiziers, der gerade vorhin mit mir wegging?«
Der Alte sah mich immer noch etwas schlaftrunken an; dann rief er: »O
gewiß! Wie sollt' ich nicht? Der große Herr Leutnant, den kenn' ich sehr
gut.«
Ich hatte dies erwartet. Denn Burda, wenn auch im allgemeinen sehr
haushälterisch, liebte es doch, sich solchen Leuten gegenüber äußerst
freigebig zu erweisen.
»Nun also, dann können Sie mir vielleicht auch sagen, auf welche Art ein
Veilchenbukett in die Manteltasche des Herrn Leutnant gekommen ist?«
»Veilchenbukett? In die Tasche des Herrn Leutnant!?« rief der Alte und
schlug fast die Hände über den Kopf zusammen. Dann wühlte er verzweifelt
in den Militärmänteln, welche dicht übereinander an der Wand des
schmalen Raumes hingen. »Richtig! Richtig!« stöhnte er; »da hab' ich
eine schöne Konfusion gemacht!«
»Wieso?«
»Nun sehen Sie: das Bukett war von einer Dame im zweiten Parterre --
nicht mehr jung -- aber interessant, sehr interessant. Sie hatte mich
gebeten, es einem Hauptmann vom Regiment Alexander -- Sie kennen ihn
vielleicht -- den mit dem ungeheuren Schnurrbart -- in die Tasche zu
praktizieren. Nun hat er auch solche Aufschläge -- wenn auch mehr
orangegelb -- aber so bei Nacht -- und der Mantel des Herrn Leutnant
hing gleich neben dem seinen -- und da -- --« er vollendete nicht und
machte nur bezeichnende Gebärden des Verwechselns.
»Nun, nun,« sagte ich, »nehmen Sie die Sache nicht so tragisch! Es
braucht ja weder der Hauptmann, noch die interessante Dame davon zu
erfahren. Und sollte man Sie wirklich zur Rede stellen, so können Sie
Ihr Versehen ruhig eingestehen; es war ja kein Verbrechen. Nehmen Sie
dies zu einstweiligem Trost.«
Er empfing das Gereichte mit einem devoten Knix, zeigte aber
nichtsdestoweniger immer noch große Unruhe.
_Das_ also war herausgebracht. Aber wie stand es mit der schwarzen
Kleidung? Gewiß ebenso, wie damals mit der gelben Toilette, die man
offenbar ganz zufällig gewählt, da man sich in der Absicht, nach dem
Theater mit dem Fürsten eine Gesellschaft zu besuchen, anders gekleidet
hatte als die Schwestern. So dachte ich, als ich mich wieder auf der
Straße befand. Da durchzuckte es mich. Die Prinzessin hatte das
Burgtheater besucht -- wie nun, wenn die beiden andern sich in der Oper
befänden, wo eben italienische Stagione war und die Medori ihre Triumphe
feierte? Da müßte sich zeigen, was es mit der Trauer auf sich habe!
Es war noch nicht allzuspät, und so eilte ich in das andere Theater
hinüber. Man gab Verdis Ernani. Das Haus war überfüllt; die Türen des
Parterres standen zu beiden Seiten offen, um auf dem Gange für
diejenigen Raum zu schaffen, welche, um wenigstens zu hören, auf das
Sehen verzichteten. Ich versuchte mich durchzudrängen, unbekümmert
darum, daß meine Rücksichtslosigkeit Zeichen der Mißbilligung
hervorrief. Indes konnte ich nicht weit gelangen. Die Bühne, sowie die
rechte Seite des Theaters blieben mir durchaus verschlossen, nur die
linke konnte ich ins Auge fassen. Dort aber, in einer kleinen
Proszeniumsloge, saßen auch die zwei Prinzessinnen in Gesellschaft jener
älteren Dame, die mit ihnen auf dem Hofball gewesen -- und zwar alle
schwarz gekleidet. Meine Vermutung hatte mich also nicht getäuscht: eine
Familientrauer, wenn auch um kein nahes Mitglied, sonst würde man wohl
das Theater gar nicht besucht haben. Ich war zufriedengestellt und
entfernte mich, ohne auf den Todesgesang Ernanis zu achten, der jetzt
hinter meinem Rücken stürmischen Applaus entfesselte.
Also auch _hierüber_ befand ich mich nun im klaren und dachte nur noch,
während ich meines Weges ging, darüber nach, was die Prinzessin ins
Burgtheater geführt haben mochte? Ganz einfach der Umstand, daß für sie
in jener Proszeniumsloge kein Platz gewesen. Oder noch wahrscheinlicher:
sie wollte nach längerer Krankheit zum erstenmal wieder das Theater
besuchen und hatte ein kleines, heiteres Stück, das sie vielleicht
besonders gerne sah, einer lärmenden Oper vorgezogen. Der letzte Faden
von Burdas Hirngespinst zerflatterte. Und dennoch konnte ich diesmal
nicht über ihn lächeln. Vielmehr überkam mich eine tiefernste, fast
traurige Stimmung. Mußte ich mir doch sagen, daß, von seinem Standpunkt
aus betrachtet, in allen diesen Zufällen ein Schein der Absichtlichkeit
lag; ich selbst war ja einen Augenblick wieder an meinen Überzeugungen
irre geworden. Es sah fast aus, als hätte sich das Schicksal vorgesetzt,
mit ihm ein grausames Spiel zu treiben. -- --
Am folgenden Tage, morgens acht Uhr, marschierten wir ab. Als wir die
Franzensbrücke überschritten hatten und uns dem Bahnhofe näherten,
stauten sich am Ende der Jägerzeile einige Wagen, von der
vorüberziehenden Truppe aufgehalten. Jetzt rollte auch ein Fiaker heran,
der rasch seine Pferde zum Stehen brachte. So viel man bemerken konnte
-- auf einer Seite war der Vorhang zur Hälfte herabgelassen -- saß in
dem eleganten Coupé eine dunkel gekleidete Dame. Ich sah, wie Burda, der
nicht weit vor mir in den Reihen dahinschritt, plötzlich zusammenzuckte,
dann gegen alle Vorschrift heraustrat und sich gegen den Fiaker
umwendete. Wie? Sollte er am Ende glauben, daß die Prinzessin hierher
gefahren kam, um ihn noch einmal zu sehen? Gewiß, das war seine Meinung.
Immerhin! Mochte er sich noch an dieser Täuschung erfreuen, es ist
ohnehin die letzte. Aber es war anders beschlossen.