Weihnachten und Neujahr waren herangekommen. Ich hatte diese festliche
Zeit fast ausschließlich im Kreise meiner nächsten Verwandten
zugebracht, war daher mit Burda, der jetzt mehr als je seine eigenen
Wege verfolgte, nur wenig zusammengetroffen. Erst der beginnende
Karneval brachte uns einander wieder näher. Burda forderte mich nämlich
eines Tages auf, mit ihm den Hofball zu besuchen, der demnächst
stattfinden sollte, und an welchem jeder Offizier teilnehmen konnte. »Du
kannst dir wohl denken,« sagte er, »was mich dazu bestimmt. Die
Prinzessin erscheint jedenfalls auch, und somit ist die erste,
vorderhand einzig mögliche Gelegenheit zu persönlicher Annäherung
geboten. Man wird es herbeizuführen wissen, daß ich vorgestellt werde --
das Weitere findet sich dann. Im übrigen ist es jedenfalls interessant,
ein solches Fest in Augenschein zu nehmen.« Ich pflichtete bei, und wir
trafen die nötigen Verabredungen.
Es war ein eisig kalter, dunkler Januarabend, als Burda und ich -- wir
hatten einen Fiaker genommen -- in der Hofburg vorfuhren und die hell
erleuchtete Treppe hinanstiegen. Der Eintrittssaal war noch ziemlich
leer; nur diensttuende Hofchargen, einige höhere Militärs -- darunter
auch der Adjutant des Fürsten L..., ein noch sehr junger, etwas
stutzerhaft aussehender Major -- und mehrere Staatsbeamte, welche
Ordensritter waren, standen in kleine Gruppen verteilt. Nach und nach
aber bewegte es sich immer zahlreicher durch die hohen, weit geöffneten
Flügeltüren herein. Es glänzte und flimmerte von gold- und
silbergestickten Uniformen, von Ordensbändern und Sternen; die
Großwürdenträger des Reiches erschienen, darunter ungarische und
polnische Magnaten in reicher, malerischer Nationaltracht. Endlich die
Damen: ein blendendes Gewoge von Spitzen, Samt und Seide, von Blumen und
Federn, von Diamanten und Perlen. Entblößte Nacken und Arme schimmerten;
stolze, ausdrucksvolle Frauenköpfe tauchten auf, helle und dunkle Augen
leuchteten, rosige Lippen lächelten Grüße zu. All das bewegte und
drängte sich mehr oder minder rasch dem großen Saal entgegen, der
erwartungsvoll die Zuströmenden aufnahm.
Die Prinzessinnen L... waren noch nicht erschienen, und schon begann das
Antlitz Burdas, mit dem ich mich nahe am Eingang hielt, sich zu
verfinstern -- als sie in Begleitung einer älteren Dame von auffallender
Hoheit in Gestalt und Blick hereintraten. Heute alle drei in duftiges,
mit kleinen Silberflittern übersäetes Weiß gekleidet, Maiglöckchen im
Haar -- ein entzückendes Bild jugendlicher Anmut und Frische. Diesmal
konnte ich deutlich wahrnehmen, daß Burda sofort bemerkt wurde. Um die
Lippen der beiden Älteren zuckte es eigentümlich, während die Jüngste --
ich glaubte mich nicht zu täuschen -- wie unmutig das Haupt abwandte und
mit einer gewissen Hast dem Saale zustrebte.
Als nun auch wir ihn betraten, standen wir vor einer dichten Menge, die
keinen Überblick gestattete, während der Schall der verworrenen Stimmen
wie fernes Meeresbrausen an unser Ohr schlug. Plötzlich trat tiefe
Stille ein, und die Massen teilten sich. Eine Tür hatte sich geöffnet,
auf deren Schwelle der Zeremonienmeister erschien, das Nahen des Hofes
ankündigend. Gleich darauf zeigte sich der jugendliche Monarch, der
damals seine hohe Braut noch nicht heimgeführt hatte, eine Erzherzogin
am Arm. Hinter ihnen die männlichen und weiblichen Familienmitglieder --
dann der gesamte Hofstaat, mit dem Fürsten L... an der Spitze. Der
Kaiser geleitete seine Dame nach der Balustrade, woselbst sie im Kreise
der übrigen Platz nahm. Gleich darauf erhob sich der Taktierstab des
Kapellmeisters -- und der Ball begann.
Sofort vollzog sich eine Bewegung im Saale. Die älteren Herren verließen
ihn oder zogen sich in entfernte Ecken zurück, während die Tanzlustigen,
so gut es anging, in der Nähe der Damen blieben, welche längs der Wände
zu sitzen kamen.
Ich selbst hatte mich von Burda zurückgezogen und war mit mehreren
andern in eine offene Verbindungstür getreten; von dort aus konnte ich
den ganzen Saal überblicken, wo der Tanz bereits begonnen hatte. Bald
fiel mir auch unter den walzenden Paaren die Prinzessin ins Auge, die
mit einem blutjungen Dragoneroffizier von kleiner, aber zierlicher
Gestalt lustig dahinflog. Ich spähte nach Burda und fand ihn an einem
Pfeiler stehen, den er auch hier, hart an einem Spiegel, zu behaupten
gewußt hatte. Wie ich ihn so betrachtete, der, ein Bild starrer
Erwartung, vor sich hinblickte, kam mir seine Erscheinung weit weniger
vornehm und anziehend vor, als sonst; er wurde offenbar von der ganzen
Umgebung in den Schatten gestellt. Auch fiel mir jetzt zum erstenmal
auf, daß seine Gesichtszüge eigentlich unbedeutend waren und daß er eine
sehr kleine, gedrückte Stirn hatte.
Während ich so meine Betrachtungen anstellte, fühlte ich mich leicht an
der Schulter berührt. Ich wendete mich um -- und stand dem Adjutanten
des Fürsten gegenüber.
»Dürfte ich Sie bitten,« sagte der Major sehr freundlich mit leiser
Stimme, »mir einen Augenblick zu schenken, Herr Leutnant? Ich hätte ein
paar Worte mit Ihnen zu sprechen.« Er faßte mich zuvorkommend unter dem
Arm und führte mich in ein kleineres Nebengemach, wo ein vereinsamtes
Büfett stand. Dort lud er mich zum Sitzen ein und begann, indem er mir
vertraulich näher rückte: »Vor allem möchte ich Sie fragen, wie der
große, schlanke Offizier heißt, welcher im Saale an einem Spiegelpfeiler
steht. Sie werden wohl wissen, wen ich meine, da Sie, wenn ich nicht
irre, in seiner Gesellschaft hier erschienen sind.«
Ich war begreiflicherweise gleich anfangs sehr betreten gewesen; nun
aber suchte ich mich zu fassen und nannte mit möglichster Unbefangenheit
den Namen Burdas.
»Und darf ich mir erlauben, weiter zu fragen, ob Sie mit diesem Herrn
näher bekannt sind -- das heißt, ob Sie mit ihm auf vertrautem Fuße
stehen?«
Ich erwiderte, daß Burda mein Freund sei.
»Das ist mir lieb«, sagte der Major, indem er seine Hand leicht auf die
meine legte. »Denn Sie können Ihrem Freunde auch einen wahren
Freundschaftsdienst erweisen. Wollen Sie das?«
Diese Worte klangen höchst einschmeichelnd; aber mir ahnte nichts Gutes.
»Gewiß bin ich bereit -- und wenn Sie mir erklären wollen -- --«
Er lehnte sich zurück und hustete leicht. »Nun,« begann er, »das Ganze
ist von nicht allzu großer Bedeutung -- aber immerhin eine delikate
Angelegenheit. Ihrem Freunde hat es nämlich beliebt, an der jüngsten
Tochter meines Chefs Wohlgefallen zu finden. Nun steht dies allerdings
jedermann frei, besonders einem in jeder Hinsicht ausgezeichneten
Offizier, wie dies Ihr Freund ohne Zweifel ist. Nur mit den Kundgebungen
seines Wohlgefallens sollte er, in richtiger Erwägung der Umstände,
etwas vorsichtiger sein. Daß er im Theater beständig nach der
fürstlichen Loge blickt, möchte noch hingehen. Allein die Prinzessin
kann seit einiger Zeit kaum mehr ans Fenster treten, ohne den Herrn
Leutnant zu gewahren, der vor dem Palais auf und nieder schreitet; sie
kann keinen Spaziergang unternehmen, ohne von ihm, wie von ihrem
Schatten, gefolgt zu werden -- ja selbst, wenn sie ausfährt, weiß es Ihr
Freund so einzurichten, daß er beim Ein- und Aussteigen stets in der
Nähe ist. Unlängst ist es sogar vorgekommen, daß, als der Wagen eine
Zeitlang vor einem Juwelierladen hielt, eine Rose durch das offene
Coupéfenster geworfen wurde. Im Anfang«, fuhr der Major mit ironischem
Lächeln fort, »hat man die Sache nicht allzu übel aufgenommen. Sie
wissen ja, junge Damen sind -- wie soll ich nur sagen? -- unter allen
Umständen nicht ganz frei von einer gewissen Koketterie. Bald aber
mokierte man sich -- und jetzt, da bereits zum zweiten Male mit der Post
anonyme Verse eingetroffen sind, in welchen die ^licentia poetica^ bis
zum äußersten getrieben wurde -- jetzt fängt man an, diese fortgesetzten
Huldigungen unerträglich zu finden, und hat sich bemüßigt gesehen, den
durchlauchtigsten Papa ins Vertrauen zu ziehen. Dieser hat wieder mich
beauftragt, die Sache in unauffälligster, schonendster Weise beizulegen,
und ich selbst glaube am besten zu tun, wenn ich Sie jetzt herzlich
bitte, Ihren Freund auf das Unstatthafte seines Benehmens aufmerksam zu
machen.«
Da hatte ich nun, was ich vorausgesehen, und befand mich in größter
Verlegenheit. »Sie werden nicht verkennen, Herr Major,« sagte ich nach
einer Pause, »welch peinlichen Auftrag Sie mir da erteilen. Es fällt
immer ein schiefes Licht auf denjenigen, der sich in fremde
Angelegenheiten mischt, und oft wird gerade der wohlmeinendste Rat zur
Beleidigung. Das aber habe ich meinem Freunde gegenüber zu befürchten,
der in jeder Hinsicht von äußerster Empfindlichkeit ist. Da ich jedoch
erkenne, daß ihm jedenfalls ein Wink gegeben werden muß, so werde ich es
trotzdem versuchen, wenn ich auch -- und ich bitte dies wohl zu beachten
-- für den Erfolg nicht einstehen kann.«
»Gewiß, das können Sie nicht«, sagte der Major, indem er aufstand. »Aber
ich lege Ihnen die Sache noch einmal ans Herz; denn ich würde es
aufrichtig bedauern, wenn ich gezwungen wäre, andere Wege
einzuschlagen.«
Er hatte bei diesen Worten eine etwas strenge Miene angenommen und
reichte mir die Hand zum Abschied.
Den unerquicklichsten Gedanken und Empfindungen überlassen, ging ich
noch eine Weile auf dem glatten Fußgetäfel des stillen Raumes auf und
nieder, in welchen die Tanzmusik, leicht gedämpft, herüberdrang. Da war
denn der leuchtende Traum Burdas zerflossen und hatte einer höchst
unangenehmen Wirklichkeit Platz gemacht! Was sollte ich nun tun? Wie dem
Verblendeten die Augen öffnen, um ihn vor dem Fluch der Lächerlichkeit
-- und vielleicht vor noch Schlimmerem zu bewahren? Ich trat an das
Büfett und trank ein Glas Limonade, ohne den Süßigkeiten Beachtung zu
schenken, die vor mir in allen Formen und Farben aufgehäuft waren. Dann
machte ich mich wieder auf den Weg nach dem Saale, wo eben eine
Française zu Ende ging. Wie ich bemerken konnte, hatte die Prinzessin
auch diese mit dem jungen Dragoneroffizier getanzt, dessen zartes, fast
mädchenhaftes Gesicht sehr erhitzt aussah. Als sich jetzt die Reihen
lösten und die Paare Arm in Arm nach rechts und links auseinanderbogen,
verließ eine Schar von Zusehern den Saal, darunter auch Burda, der
kreidebleich war und mich kaum erkannte, als ich jetzt auf ihn zuging.
»Ah, du bist's!« sagte er endlich. »Wo hast du denn gesteckt?«
»Ich war in einem Nebenzimmer, wo ich mich nach einigen Erfrischungen
umgesehen hatte.«
»Und sonst -- wie unterhältst du dich?« fragte er zerstreut.
»So ziemlich. Und du?«
»O gut, ganz gut! Aber ich gehe jetzt.«
»Schon jetzt?«
»Ja; ich habe Kopfschmerzen -- mir war den ganzen Tag nicht recht wohl
-- --«
»Nun, dann gehe ich gleich mit. Ich habe hier auch nichts mehr zu
suchen.«
Ich konnte bemerken, daß ihm meine Begleitung sehr unangenehm war. Aber
ich kehrte mich diesmal nicht daran. Er hatte sich offenbar in seinen
Erwartungen getäuscht gesehen, war tief verstimmt -- und so nahm ich mir
vor, an seiner Seite zu bleiben und das Eisen zu schmieden, so lange es
noch glühte.
Auf der Straße angelangt, schlug er den Kragen seines Mantels hinauf und
eilte so rasch über den Josefsplatz, daß ich Mühe hatte, ihm zu folgen.
»Warum läufst du denn so?« rief ich ihm zu.
»Du hast doch gehört, daß ich Kopfschmerzen habe,« erwiderte er zornig,
ohne mich anzusehen. »Ich will bald zu Hause sein.«
»Du bist übler Laune«, sagte ich. »Dir ist etwas Unangenehmes begegnet.«
»Mir? Wieso? Warum?«
»Ich weiß es«, erwiderte ich fest. »Man hat sich auf dem Balle nicht
umsonst deinetwegen an mich gewendet.«
Er blieb wie versteinert stehen. »An dich? Meinetwegen? Was willst du
damit sagen?« fragte er mit bebender Stimme.
Und nun teilte ich ihm, während wir weiter schritten, das Gespräch mit
dem Major mit. Um ihn fürs erste möglichst zu schonen, streifte ich den
heikelsten Punkt, nämlich den Unwillen der Prinzessin, nur flüchtig und
legte das Hauptgewicht auf den Fürsten und auf den Auftrag, den dieser
seinem Adjutanten erteilt hatte.
Aber der Erfolg war ein ganz anderer, als ich vorausgesetzt. Bei jedem
Worte, das ich sprach, schien er freier und leichter aufzuatmen; sein
Antlitz erhellte sich -- und plötzlich rief er mit triumphierendem
Lachen: »Also _das_ ist es? _Das!_«
Ich sah ihn verwundert an.
»Also deswegen«, fuhr er fort, »hat sie mich heute wie absichtlich
keines Blickes gewürdigt? Deshalb hat sie in einem fort mit diesem
jungen Laffen, dem Prinzen A..., getanzt?! O, lieber Freund, ich könnte
dich für deine Mitteilung umarmen!« Und damit schritt er, sich froh in
die Brust werfend, dahin.
»Aber lieber Freund, bedenke doch --« sagte ich ernst.
»Nein! Nein! Kein Wort mehr, ich weiß genug. Es kann sein, daß ich mich
in letzter Zeit etwas unvorsichtig benommen; vielleicht hat sich die
Prinzessin selbst unklugerweise irgendwie verraten -- und nun, da man
merkt, wie es steht, will man mich ins Bockshorn jagen. O, ich kenne
das!«
Ich war äußerst unzufrieden mit mir und verwünschte es, daß ich so
rücksichtsvoll vorgegangen. Ich hätte alles geradezu heraussagen sollen;
denn nun hatte ich ihn gewissermaßen selbst zu dieser irrigen Auffassung
verleitet. Diesen Fehler suchte ich wieder gutzumachen, indem ich sagte:
»Du bist im Irrtum und sollst daher rundweg erfahren, daß sich die
Prinzessin bei ihrem Vater über dein Vorgehen beschwert hat.«
Er lachte laut auf. »Das ist die rechte Höhe! Verzeih, lieber Freund, du
bist in der Tat ein höchst naiver Mensch. Begreifst du denn nicht, daß
man jetzt vor allem trachten muß, mich _ihr_ gegenüber zu entmutigen?
Nein, nein, mein Teurer! Bemühe dich nicht! Wie gesagt: ich weiß genug.
Das Weitere wird meine Sache sein. Aber nun fühle ich das Bedürfnis,
allein zu bleiben. Du wirst mich entschuldigen. Adieu! Schlaf wohl!« Und
er ließ mich an der Ecke der Singerstraße, wo wir eben angelangt waren,
stehen und bewegte sich raschen Ganges mit stolz erhobenem Haupte dem
Stephansplatze zu.
Ich ging langsam nach Hause. Je länger ich über das Vorgefallene
nachdachte, desto mehr kam ich zur Einsicht, daß ich ein solches
Ergebnis hätte erwarten können. Er hatte sich in seine fixen Ideen
dermaßen verrannt, daß nur der allerunsanfteste Zusammenstoß mit der
Wirklichkeit ihn zur Besinnung bringen konnte. Mochte dieser
Zusammenstoß erfolgen! Ich hatte das meinige getan, und Burda mußte sich
die Folgen selbst zuschreiben, wenn er meine Ermahnungen in den Wind
schlug. -- --
* * * * *
Seitdem waren kaum zwei Tage verstrichen, als er, der mir inzwischen
sichtlich ausgewichen war, nach flüchtigem Pochen an die Tür in mein
Zimmer stürzte. »Nun, was sagst du dazu?« rief er, indem er ein kleines
bedrucktes Blättchen vor mich hin auf den Tisch schnellte. »Lies!«
Es war ein Zeitungsausschnitt, der ein Inserat enthielt. Es lautete:
»_Tellheim._
Wir werden beobachtet. Äußerste Vorsicht geboten. Hoffe und vertraue!
Unveränderlich