Er sah nach der Zeit: halb acht Uhr.
Also noch nicht drei Stunden waren vergangen, seit er zuletzt auf
diesem Platze gestanden hatte!--
Fast begann er irre zu werden an der Wirklichkeit seines Glückes.
War es nicht alles ein Traum?
Wie wunderbar: er stand als Mann wieder auf der Stätte seiner
Kindheit. Vor Augenblicken hatte er sie wieder gesehen, nach
Augenblicken sollte sie--und voraussichtlich--für immer wieder
hinter ihm liegen.
Kurze Augenblicke im langen Leben--: noch die Zeit eines Tages nicht
war vergangen. War sie vorüber, so faßten ihn wieder die Hände
_seiner_ Welt.
Alles war wunderbar.
Nur einen Menschen vielleicht gab es in dieser Stadt der Kleinheit,
der Selbstgefälligkeit, der Enge, nur einen einzigen wirklichen,
eigenen, freien Menschen, mit dem er zusammen zu leben vermochte--
und diesen Menschen hatte er gefunden! Seltsamer Zufall!
Hier gefunden--nicht in der Länge der Zeit, die auf kleinem Räume
alle Menschen, die ihn bewohnen, einmal aneinander vorüberzugehen
zwingt, nein, durch den seltensten Zufall der Welt, an den Grenzen
dieses Raumes, in der Freiheit der Natur, in der stillsten Stunde,
die keiner ihnen störte.
Er hatte erkannt, daß das Meiste von dem, was die Menschen Glück
nennen, sich erwerben läßt in Erfahrung und Ausdauer: Ruhe,
Klarheit, Sicherheit und eine gewisse Unabhängigkeit.
Die großen Zufälligkeiten des Glückes waren ihm nie begegnet und
wenig war, was er sich nicht hatte erringen müssen in eigener Kraft.
Daher fühlte er um so tiefer, wie ungeheuer groß der Zufall dieses
Glückes war, welches ihm hier entgegengetreten war, schimmernd,
blendend aus dunklem Rahmen hervor, dicht vor ihn hin--
Und eine wahnsinnige Seligkeit überkam ihn! . . .
Die Dämmerung nahm zu, und die Kühle mit ihr. Aus den Gärten kehrten
die Bürger mit den Ihrigen heim--zum Nachtessen, danach zur Kneipe.
Lichter flammten zu seinen Füßen auf. Ineinander zerrannen die
Umrisse der Häuser und Straßen, und scharf ragten nur noch die
spitzen Türme der Kirchen, der alten und der neuen, empor. Am
hellsten erstrahlten die Lichter drüben am anderen Bergeshang, wo
der Bahnhof lag. Flimmernde Linien liefen von dort aus nach beiden
Seiten und erloschen in den Nebentälern.
An den Enden des Tales aber lohten die mächtigen Brände der Hochöfen
in das Dunkel empor, riesige Feuergarben, dort wo eine Tag und Nacht
nicht rastende Arbeit in siegreichem Ringen lag mit einer
barmherzigen Natur und in fruchtlosem Kampfe mit unbarmherzigen,
ererbten, allmächtigen, verschimmelten Vorrechten.--
Ein Kätzchen in weißem Fell schlich über den Weg. An einem Kinde,
das auf der Bank vor einem der zerstreuten Häuser saß, wand es sich
vorüber und dann mit schnellen Sprüngen an Grach.
Dieser sah das Kind. Er griff in die Tasche, gab ihm alles, was er
an Geld erfaßte, hob es in die Höhe und küßte das Erschrockene auf
den Mund, gleich als müsse er sie stillen, die Erwartung nach seinem
Glück, die er nicht mehr ertrug.
Dann eilte er schnellen Schrittes und wie beflügelt die engen Pfade
zwischen den Gärten hin und den Berg hinunter.