XIX.

Er sah nach der Zeit: halb acht Uhr.

Also noch nicht drei Stunden waren vergangen, seit er zuletzt auf

diesem Platze gestanden hatte!--

Fast begann er irre zu werden an der Wirklichkeit seines Glückes.

War es nicht alles ein Traum?

Wie wunderbar: er stand als Mann wieder auf der Stätte seiner

Kindheit. Vor Augenblicken hatte er sie wieder gesehen, nach

Augenblicken sollte sie--und voraussichtlich--für immer wieder

hinter ihm liegen.

Kurze Augenblicke im langen Leben--: noch die Zeit eines Tages nicht

war vergangen. War sie vorüber, so faßten ihn wieder die Hände

_seiner_ Welt.

Alles war wunderbar.

Nur einen Menschen vielleicht gab es in dieser Stadt der Kleinheit,

der Selbstgefälligkeit, der Enge, nur einen einzigen wirklichen,

eigenen, freien Menschen, mit dem er zusammen zu leben vermochte--

und diesen Menschen hatte er gefunden! Seltsamer Zufall!

Hier gefunden--nicht in der Länge der Zeit, die auf kleinem Räume

alle Menschen, die ihn bewohnen, einmal aneinander vorüberzugehen

zwingt, nein, durch den seltensten Zufall der Welt, an den Grenzen

dieses Raumes, in der Freiheit der Natur, in der stillsten Stunde,

die keiner ihnen störte.

Er hatte erkannt, daß das Meiste von dem, was die Menschen Glück

nennen, sich erwerben läßt in Erfahrung und Ausdauer: Ruhe,

Klarheit, Sicherheit und eine gewisse Unabhängigkeit.

Die großen Zufälligkeiten des Glückes waren ihm nie begegnet und

wenig war, was er sich nicht hatte erringen müssen in eigener Kraft.

Daher fühlte er um so tiefer, wie ungeheuer groß der Zufall dieses

Glückes war, welches ihm hier entgegengetreten war, schimmernd,

blendend aus dunklem Rahmen hervor, dicht vor ihn hin--

Und eine wahnsinnige Seligkeit überkam ihn! . . .

Die Dämmerung nahm zu, und die Kühle mit ihr. Aus den Gärten kehrten

die Bürger mit den Ihrigen heim--zum Nachtessen, danach zur Kneipe.

Lichter flammten zu seinen Füßen auf. Ineinander zerrannen die

Umrisse der Häuser und Straßen, und scharf ragten nur noch die

spitzen Türme der Kirchen, der alten und der neuen, empor. Am

hellsten erstrahlten die Lichter drüben am anderen Bergeshang, wo

der Bahnhof lag. Flimmernde Linien liefen von dort aus nach beiden

Seiten und erloschen in den Nebentälern.

An den Enden des Tales aber lohten die mächtigen Brände der Hochöfen

in das Dunkel empor, riesige Feuergarben, dort wo eine Tag und Nacht

nicht rastende Arbeit in siegreichem Ringen lag mit einer

barmherzigen Natur und in fruchtlosem Kampfe mit unbarmherzigen,

ererbten, allmächtigen, verschimmelten Vorrechten.--

Ein Kätzchen in weißem Fell schlich über den Weg. An einem Kinde,

das auf der Bank vor einem der zerstreuten Häuser saß, wand es sich

vorüber und dann mit schnellen Sprüngen an Grach.

Dieser sah das Kind. Er griff in die Tasche, gab ihm alles, was er

an Geld erfaßte, hob es in die Höhe und küßte das Erschrockene auf

den Mund, gleich als müsse er sie stillen, die Erwartung nach seinem

Glück, die er nicht mehr ertrug.

Dann eilte er schnellen Schrittes und wie beflügelt die engen Pfade

zwischen den Gärten hin und den Berg hinunter.

Die Menschen der Ehe · 第 26 / 28 题