Sie verließen den Garten.
Sie sprachen nicht mehr. Schweigend gingen sie hin.
Aber als sie eine helle Kinderstimme singen hörten--grell und
falsch, doch unbekümmert klang es von den Lippen:
"Nur einmal blüht im Jahr der Mai--
"Nur einmal--im Leben--die--Lie--be!--"
sahen sie sich an und lächelten.
"Es ist nicht wahr--" sagten sie sich mit diesem Lächeln,
"hundertmal blühen sie, und immer von neuem, oft zusammen, oft der
eine ohne die andere . . ."
Und sie sagten sich:
"Aber nie hat sie uns so schön geblüht, wie dieses Mal . . ."
Wieder hörten sie die Stimme und die Worte.
"Es ist nicht wahr--"
"Es ist ewig nicht wahr--"
An dem Kreuzwege blieb sie stehen. Laut sagte sie ihm:
"Ich gehe jetzt nach Hause. Ich komme schneller dahin, wenn ich
allein gehe.--Um zehn Uhr bin ich auf dem Bahnhofe."
Sie gab ihm nicht die Hand, sie grüßte ihn nur mit dem Neigen ihrer
Stirn.
Er verstand sie. Er hatte den Hut abgenommen und er verbeugte sich,
als sie ging. Er verstand sie: es war nicht Feigheit, daß sie nicht
in den Gassen der Stadt mit ihm zusammen gesehen sein wollte. Nur
_jetzt_ wollte sie unbehelligt bleiben von den frechen Blicken der
Neugier, deren Worte sie von nun an nicht mehr berühren, deren Taten
sie von nun an nicht mehr hindern konnten . . .
Aber er konnte sich nicht enthalten, ihr nachzusehen. Nur eine ging
so: sie. Ohne das Wiegen der Hüften, das Schwanken der Schultern,
ging sie stets mit denselben ruhigen, auch in der Eile, wie jetzt,
noch gleichmäßigen, festen, kühnen Schritten die mehr als alles die
Gesundheit ihres Wesens zeichneten.
Die steile Straße abwärts führten sie diese Schritte; dann verbarg
ihren Kopf der hängende Zweig eines Baumes und gleich darauf ein
Haus ihre Gestalt, die der dämmernde Schatten des Abend bereits
verwischte.
So lange seine Augen sie noch faßten, sah er ihr nach. Nicht eher
ließ er los, was er leibhaftig mit den Sinnen zu fühlen noch
vermochte.
Auch durch die Dunkelheit der Entfernung hin versuchte er ihr noch
zu folgen.
Aber er war bereits lange allein.