Da war er wieder, der große, totenstille Platz, jetzt eingehüllt in
das Dunkel des Abends, da war sie wieder, die alte Kirche, an der er
jetzt vorbeischritt und die er als Knabe so oft zu betreten
gezwungen war, um tötliche Stunden der Langeweile auf ihren Bänken
zu verbringen, da waren sie wieder, die alte Brücke von Stein und
der alte Fluß.
Er stand lange über das Geländer gebeugt. Ein Gefühl von Versöhnung
begann sich in sein Inneres zu schleichen.
Er haßte sie nicht mehr, diese Stadt; er haßte sie nicht mehr, diese
Menschen.
Was waren sie ihm denn, daß er sie hassen sollte? Nichts.
Mochten sie leben und sterben, wie sie wollten, ihm war es gleich.
Litten sie selbst nicht am meisten darunter, daß sie so dicht
aufeinander saßen, einer in dem Genick des anderen, und sich so
gegenseitig langsam zu Tode quälten?
Und warum sollte er ihnen nicht das harmlose Vergnügen der
Selbstgefälligkeit gönnen? Mehr als ein Lachen war die Eitelkeit
dieser aufgeblähten Kleinheit sicher nicht wert.
Sie hatte hier gelebt und gelitten, drei Jahre lang. Er schämte
sich, wenn er seinen eigenen Unmut über den einen heutigen Tag
verglich mit ihrer vornehmen, schwermütigen Ruhe und ihrem milden,
starkem Ernst, der diese Menschen nicht ändern wollte, sondern sie
gehen ließ, aber sie bei Seite schob, wenn sie ihr lästig wurden.
Arme Stadt! lächelte er vor sich hin. Und er nahm ihr noch ihr
kostbarstes Gut . . .
Noch zwei Stunden. Immer noch zwei Stunden?
Er überschritt die Brücke und bog in die Hauptstraße ein. Dann
betrat er eine große, öffentliche Wirtschaft und setzte sich still
in eine Ecke.
Er bestellte sich zu essen. Aber als das Fleisch vor ihm stand,
erlosch plötzlich sein Hunger vor dem warmen Geruch, und er schob es
wieder von sich.
Innerlich--er fühlte es jetzt deutlich--war er dennoch aufs
höchste erregt.
Er sah sich um. In seiner Nähe stand ein großer runder Stammtisch,
der sich langsam zu besetzen begann. Mehr als ein Gesicht kam Grach
bekannt vor, und plötzlich fiel es ihm ein: das waren ja--es war
kein Zweifel mehr möglich--die "Schlitzohrigen", die größten Männer
der Stadt, weise im Rat und vorsichtig in der Tat, die er da vor
sich sah. Weshalb sie die "Schlitzohrigen" genannt wurden, wußte er
nicht mehr und hatte es wohl auch früher nie gewußt, aber der Name
tauchte wieder in ihm empor mit ganzer Deutlichkeit.
Und doch hatten sie sich verändert, die Zeiten: denn früher hatten
diese Gewaltigen allabendlich im "Nähkörbchen" verkehrt, und jetzt--
welcher Unterschied--saßen sie hier im Rachen des "Krokodils"!
Innerlich lachte er heimlich und herzlich. Die Lustigkeit siegte in
ihm. Jetzt konnte er essen, während er einzelne Worte auffing, die
von dort zu ihm herüberflogen.
Man sprach über städtische Angelegenheiten. Natürlich. Grach wußte,
über Politik zu sprechen, war hier verpönt.
Plötzlich hörte er eine Stimme, die er kannte. Er sah schärfer hin.
Kannte er dieses Gesicht?--Nein, es war nicht möglich.
Dieser philiströs aussehende Mann, der in kleinen, bedächtigen Zügen
sein Bier trank und in kleinen, bedächtigen Zügen seine Zigarre
rauchte, der so aussah, als ob er kein größeres Glück kenne, als
hier zu sitzen und zuzuhören, dieser Mann mit den schweren
Bewegungen und der zufriedenen Stimme, der offenbaren Hochachtung
vor jedem dieser alten Zöpfe, das war nimmermehr sein alter,
lustiger, zu allen Dummheiten stets aufgelegter Fritz, der mit dem
Gebrüll seiner Stimme so oft die Gasse erschüttert hatte in der
spätesten aller späten Stunden!--
Grach rief die Kellnerin herbei und fragte leise.
"I--e," sagte sie, "das ist der Herr Stadtverordnete Beuer."
Da trank er schnell sein Bier aus, zahlte und verließ das Lokal. Er
hatte plötzlich Angst bekommen, jener möge auch ihn wiedererkennen
und anreden. Und das wäre für sie beide doch zu niederdrückend
gewesen.