XX.

Da war er wieder, der große, totenstille Platz, jetzt eingehüllt in

das Dunkel des Abends, da war sie wieder, die alte Kirche, an der er

jetzt vorbeischritt und die er als Knabe so oft zu betreten

gezwungen war, um tötliche Stunden der Langeweile auf ihren Bänken

zu verbringen, da waren sie wieder, die alte Brücke von Stein und

der alte Fluß.

Er stand lange über das Geländer gebeugt. Ein Gefühl von Versöhnung

begann sich in sein Inneres zu schleichen.

Er haßte sie nicht mehr, diese Stadt; er haßte sie nicht mehr, diese

Menschen.

Was waren sie ihm denn, daß er sie hassen sollte? Nichts.

Mochten sie leben und sterben, wie sie wollten, ihm war es gleich.

Litten sie selbst nicht am meisten darunter, daß sie so dicht

aufeinander saßen, einer in dem Genick des anderen, und sich so

gegenseitig langsam zu Tode quälten?

Und warum sollte er ihnen nicht das harmlose Vergnügen der

Selbstgefälligkeit gönnen? Mehr als ein Lachen war die Eitelkeit

dieser aufgeblähten Kleinheit sicher nicht wert.

Sie hatte hier gelebt und gelitten, drei Jahre lang. Er schämte

sich, wenn er seinen eigenen Unmut über den einen heutigen Tag

verglich mit ihrer vornehmen, schwermütigen Ruhe und ihrem milden,

starkem Ernst, der diese Menschen nicht ändern wollte, sondern sie

gehen ließ, aber sie bei Seite schob, wenn sie ihr lästig wurden.

Arme Stadt! lächelte er vor sich hin. Und er nahm ihr noch ihr

kostbarstes Gut . . .

Noch zwei Stunden. Immer noch zwei Stunden?

Er überschritt die Brücke und bog in die Hauptstraße ein. Dann

betrat er eine große, öffentliche Wirtschaft und setzte sich still

in eine Ecke.

Er bestellte sich zu essen. Aber als das Fleisch vor ihm stand,

erlosch plötzlich sein Hunger vor dem warmen Geruch, und er schob es

wieder von sich.

Innerlich--er fühlte es jetzt deutlich--war er dennoch aufs

höchste erregt.

Er sah sich um. In seiner Nähe stand ein großer runder Stammtisch,

der sich langsam zu besetzen begann. Mehr als ein Gesicht kam Grach

bekannt vor, und plötzlich fiel es ihm ein: das waren ja--es war

kein Zweifel mehr möglich--die "Schlitzohrigen", die größten Männer

der Stadt, weise im Rat und vorsichtig in der Tat, die er da vor

sich sah. Weshalb sie die "Schlitzohrigen" genannt wurden, wußte er

nicht mehr und hatte es wohl auch früher nie gewußt, aber der Name

tauchte wieder in ihm empor mit ganzer Deutlichkeit.

Und doch hatten sie sich verändert, die Zeiten: denn früher hatten

diese Gewaltigen allabendlich im "Nähkörbchen" verkehrt, und jetzt--

welcher Unterschied--saßen sie hier im Rachen des "Krokodils"!

Innerlich lachte er heimlich und herzlich. Die Lustigkeit siegte in

ihm. Jetzt konnte er essen, während er einzelne Worte auffing, die

von dort zu ihm herüberflogen.

Man sprach über städtische Angelegenheiten. Natürlich. Grach wußte,

über Politik zu sprechen, war hier verpönt.

Plötzlich hörte er eine Stimme, die er kannte. Er sah schärfer hin.

Kannte er dieses Gesicht?--Nein, es war nicht möglich.

Dieser philiströs aussehende Mann, der in kleinen, bedächtigen Zügen

sein Bier trank und in kleinen, bedächtigen Zügen seine Zigarre

rauchte, der so aussah, als ob er kein größeres Glück kenne, als

hier zu sitzen und zuzuhören, dieser Mann mit den schweren

Bewegungen und der zufriedenen Stimme, der offenbaren Hochachtung

vor jedem dieser alten Zöpfe, das war nimmermehr sein alter,

lustiger, zu allen Dummheiten stets aufgelegter Fritz, der mit dem

Gebrüll seiner Stimme so oft die Gasse erschüttert hatte in der

spätesten aller späten Stunden!--

Grach rief die Kellnerin herbei und fragte leise.

"I--e," sagte sie, "das ist der Herr Stadtverordnete Beuer."

Da trank er schnell sein Bier aus, zahlte und verließ das Lokal. Er

hatte plötzlich Angst bekommen, jener möge auch ihn wiedererkennen

und anreden. Und das wäre für sie beide doch zu niederdrückend

gewesen.

Die Menschen der Ehe · 第 27 / 28 题