Grach ging, ohne eigentlich zu wissen, wohin. Während er noch in
Gedanken versunken war, die ihm in diesen Stunden gekommen und die
er nun weiter und zu Ende dachte, während er so in Gedanken zu Boden
sah, ging er ganz instinktiv die Wege, die zur Höhe des Berges
zwischen den Gärten und ihren Mauern hinführten, und die er so
zahllose Male als Kind und als Knabe im Spiele gelaufen, lernend,
erzählend, mit Kameraden und allein, traurig und fröhlich gegangen
war.
Er sah nicht, wohin er ging. Nur ins Freie, hinaus, fort aus der
Albernheit dieser Enge, die ihn eben stundenlang umschnürt gehalten
hatte!
Er war wie zerschlagen.
Seit Jahren hatte ihn nichts, keine Unterredung, keine Diskussion,
keine Verhandlung, so ermüdet, wie die Unterhaltung dieses
Nachmittags.
Ihm war, als habe er Zuckerwasser trinken müssen, in großen
Quantitäten, ein Glas nach dem andern. Ihm war als sei er
umhergetappt in schwülen und haltlosen Nebeln, als habe er etwas
Weiches, Zerrinnendes zwischen seinen Fingern gehalten, etwas, das
formlos war und keine Gestalt annehmen wollte, er mochte bilden, wie
er wollte.
Es war die Moral der Bourgeoisie gewesen, mit der er eben diesen
Kampf gekämpft hatte, diese satte, selbstgefällige, verächtliche
Moral, die keinem Gedanken Stand hielt, an jeder Wahrheit genäschig
schleckte und alles, alles, alles herunterzog in den Staub ihrer
Mittelmäßigkeit. Er haßte sie, diese Menschen, er fühlte erst jetzt,
wie sehr er sie immer gehaßt hatte: ihre Anschauungen, ihre Sitten,
ihre Gewohnheiten, ihr heuchlerisches Weinen und ihr oberflächliches,
humorloses Lachen.
Was wollte denn diese Frau eigentlich?
Hatte sie nicht alles, was ein Mensch nur an äußerlichem Glück
begehren konnte?
Sie war schön. Sie war noch jung. Sie war reich. Aber sie hatte
einen Mann, der wohl zuweilen eine eigene Meinung zu haben sich
erlaubte; einen Mann, der sie nicht so befriedigte, wie ihre Natur
es verlangte. Nun, warum ging sie nicht von ihm, wenn sie es bei ihm
nicht mehr "aushalten" konnte?
Nichts hielt sie, als die kindischen Anschauungen ihrer Klasse von
Ehre und Sittlichkeit.
Die Welt lag vor ihr. Warum ging sie nicht hinein, lernte kennen,
was dem Suchenden so interessant, so geheimnisvoll, so neu und so
unendlich reizvoll erscheinen muß?
Weshalb genoß sie nicht die Schönheit dieser Welt, von der sie
nichts kannte?
Sie konnte nicht allein sein. Zu flach, um sich selbst auch nur auf
eine Stunde zu genügen, konnte sie auf eine Stunde nicht die
Gesellschaft entbehren, deren Leben ihre Nahrung war. Machtlos, sich
durch ihre eigene Persönlichkeit neue Verbindungen zu schaffen, wäre
sie draußen in der weiten Welt gestorben vor Langeweile, verzehrt
von Sehnsucht nach dem kleinlichen Getriebe ihrer früheren Tage.
Deshalb mußte sie bleiben, wo sie war, auf dem Platze, auf den sie
ihr eigener freier Wille gestellt, und den zu verlassen sie nicht
die Kraft besaß.
Sie mußte ihr "Unglück" weitertragen.
Er glaubte nicht an dieses Unglück. In Wirklichkeit hatte er nie
geglaubt, daß diese Frau jemals unglücklich werden könne.
Außerdem würde sie ihren Mann allmählich besiegen. Eine echte Frau,
die sie war, würde sie ihn mürbe machen--: langsam, nach und nach,
mit aller Zähigkeit, würde sie ihm Locke auf Locke seiner Kraft
rauben, bis er willenlos geworden war ihr gegenüber.
Der Mann war mehr zu bedauern als sie.
Für ihn aber war sie eine abgetane Sache. Es war eine Dummheit
gewesen, daß er hierher gekommen war. Er gehörte nicht zu den
Menschen, die sich schämen, ihren Dummheiten ins Gesicht zu sehen.
Aber er glaubte doch, nun sagen zu dürfen, daß er so bald keine neue
machen würde.
Am liebsten wäre er noch heute Abend abgereist. Doch er wußte nicht,
wann die Züge gingen. Und außerdem--er war nun einmal hier. Die
Hitze des Tages begann langsam nachzulassen. Er wollte noch einige
Stunden verbringen auf dieser Höhe mit dem Blick auf die Stadt zu
seinen Füßen. Irgendwo würde er schon ein grünes und kühles
Plätzchen finden.
Und mit dem charakteristischen Ruck seiner Schultern schüttelte er
die Erlebnisse dieses Nachmittages von sich: aus seiner Stirn und
von seiner Brust.
Nun waren sie ihm erledigt für immer.