Menschen der Gewöhnlichkeit!--Menschen der Ehe!--"

Er hatte fast langsam, mit Ruhe und ohne äußere Leidenschaft

gesprochen.

Aber während er sprach, hatte er vergessen, zu wem er sprach.

Als er geendet hatte und es merkte, verdroß es ihn. Seit so langer

Zeit war er gewohnt, zu sprechen, wie er wirklich dachte, so daß er

es verlernt hatte, seine Gedanken zu modeln nach dem Ohr seiner

Zuhörer.

Es hätte ihn nicht zu verdrießen brauchen. Denn er hatte zu tauben

Ohren gesprochen.

"Verzeih," sagte er--er glaubte, sehr lange gesprochen zu haben--

"verzeih, daß ich so lange sprach. Ich möchte nicht mißverstanden

werden in dem, was ich dir jetzt sagen muß."

Wieder zwang er sie, ohne es zu wollen, zu erröten. Er hatte bis

jetzt kaum den Mund aufgetan, sie hatte unaufhörlich geplappert--:

er bat sie um Entschuldigung.

Sie begann ihn zu hassen.

Verstanden hatte sie kaum etwas von dem, was er gesagt hatte. Sie

hatte ihm fast so wenig zugehört, wie er ihr. Ihre Gedanken waren

jetzt damit beschäftigt, wie sie ihn auf die beste Manier loswerden

könne.

Für sie gab es keine bedeutenden und unbedeutenden Menschen. Für sie

gab es nur Menschen, die ihr zuhörten. Und die Männer zumal! Von

denen war sie ja gar nichts anderes gewohnt, als daß sie ihr zu

Füßen lagen.

Daher beleidigten sie diese Ruhe und Sicherheit.

"Ach, ich bin sehr unglücklich!" rief sie und deckte mit den Händen

die Augen. "Ich weiß nicht, was ich tun soll . . ."

Es war ihr zweites Mittel, mit diesem Manne fertig zu werden. Ihr

drittes und letztes waren die Tränen. Aber zu diesem wollte sie erst

greifen, wenn alle anderen erschöpft waren.

"Ja, Clara, wenn du nicht weißt, was du tun sollst, wer soll es dann

wissen?"

Sie sah ihn an mit ihren hellen Augen, wie ein hilfloses Kind.

"Du bist doch hergekommen, um mir zu helfen."

Er stand auf. Diese Frau verstand nichts, sie konnte und wollte

nichts verstehen.

Er mußte sie zwingen, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen, vor denen

sie floh, feig, jammernd und haltlos.

Er blieb vor ihr stehen.

"Nach deinem Briefe mußte ich annehmen, daß du den unwiderruflichen

Entschluß gefaßt hattest, dich von deinem Manne auf immer zu

trennen, da du ein Weiterleben mit ihm als unmöglich erkannt hast.

In der Ausführung dieses Entschlusses, dir zu helfen, bin ich

hergekommen, nicht aber, um dich in deinen Entschlüssen zu

beeinflussen. Und auch nicht, wie du dir vorhin glauben zu machen

suchtest, um diese Stadt, die mir ganz uninteressant ist, und alte

Bekannte, von denen ich nichts mehr weiß, und die nichts mehr von

mir wissen wollen, wiederzusehen, oder auf eure Bälle und in eure

Gesellschaften zu gehen, denn ich verkehre überhaupt nicht in

bürgerlichen Kreisen.--Meine Zeit ist sehr bemessen--"

Er ging hastig umher. Sie fürchtete sich vor ihm.

"Aber du hast mich gerufen mit dem Schrei nach Hilfe. Läßt man den

Sinkenden vor seinen Augen untergehen, wenn man seine verzweifelnde

Stimme vernimmt? Und wenn"--so unterbrach er sich unwillkürlich

lächelnd--"ich dich auch nicht auf dem offenen Meere kämpfen sah,

so sah ich dich doch ringen mit der trüben Flut dieses--Teiches."

Er wurde wärmer.

"Deine verstorbene Mutter ist sehr gut gegen mich gewesen. Sie hat

mir, dem Verwaisten, ein Dach und einen Tisch geboten viele Jahre

lang. Und dann haben wir beide unsere Jugend nebeneinander verlebt,

wenn auch nicht miteinander. Das vergißt sich nicht so leicht. Darum

bin ich gekommen, nur darum."

Er hatte eine Rose vom Strauch gerissen und zerstreute während des

Sprechens ihre Blätter achtlos umher.

"Wie er die Blume behandelt!"--dachte sie. Sie hatte nur noch einen

Wunsch: diese erbarmungslos klare und schneidende Stimme nicht mehr

zu hören. Aber diese Stimme klang weiter.

"Ich komme hierher in dem festen Glauben, dich bereit zu finden, den

entscheidenden Schritt zu tun. Ich finde dich völlig schwankend,

ohne jeden Entschluß--sage mir doch, weshalb du mich eigentlich

gerufen hast?"--

Sie sah sich bis auf den letzten Punkt gedrängt und verließ ihn, um

sich zu retten, indem sie zum Angriff überging.

"Du sprichst so viel", klagte sie, "von den Mißständen in der Ehe.

Willst du mir nicht sagen, wie du dir denn die Ehe denkst?--Wenn du

etwas beseitigen willst, so mußt du doch etwas anderes an dessen

Stelle setzen können."

Diesen letzten Satz hatte sie einmal irgendwo gehört, und er däuchte

ihr gut und passend, um ihn jetzt anzuwenden. Kein Weib ist ganz

ohne Schlauheit. Auch sie war es nicht.

Grach antwortete sofort.

"Ich kenne nur ein Verhältnis wie zwischen Mensch und Mensch, so

zwischen Mann und Weib, das ich würdig nenne: das auf gegenseitiger

Unabhängigkeit beruhende; denn es ist zugleich das einzige, das die

gegenseitige Achtung ermöglicht. Der Herr verachtet den Knecht, und

der Knecht haßt den Herrn."

Mit verständnislosen Augen sah sie vor sich hin.

"Und in der Ehe?"--fragte sie unsicher.

"Bemitleidet der Mann heimlich die Frau, während die Frau ihn

heimlich belächelt."

Verstohlen blickte sie ihn von der Seite an.

Woher weiß er das?--war ihr erster Gedanke.

"Es gibt doch so viele glückliche Ehen--"

"Wie viele kennst du?"

"Nein--, aber--"

"Nun, ich leugne es. Es gibt verschwindend wenige. Was Glück genannt

wird, ist Zufriedenheit. Und was Zufriedenheit scheint, ist nur

Gewöhnung jene Gewöhnung der schwächlichen Ohnmacht, die davor

zurückschaudert, Ketten zu brechen, und in feiger Nachgiebigkeit

Schritt für Schritt zurückweicht, Stück um Stück ihrer eigenen

Würde, ihrer eigenen Freiheit und--was das Traurigste ist--ihres

eigenen Glückes opfert, um das zu werden, was eine alberne

Oeffentlichkeit einen guten Ehegatten, ein treues Eheweib nennt."

"Aber wie denkst du dir denn--" begann sie zu wiederholen.

"Das Verhältnis zwischen Mann und Frau in der Freiheit?--Ich

verstehe eine solche Frage kaum. Vernünftige Menschen kommen

zusammen, wenn sie sich lieben und gehen auseinander, wenn sie sich

nicht mehr lieben. Mag sein, daß sie bis an ihr Lebensende

zusammenbleiben in Liebe und Einigkeit. Oft wird es nicht der Fall

sein."

Auch sie stand nun auf.

"Aber um Gotteswillen, das ist ja im höchsten Grade unmoralisch, was

du da sagst!" rief sie. "Es ist ja unanständig!"

Er lachte nur, laut und rücksichtslos.

Er hatte ihr so viel Klugheit zugetraut, daß sie ihn fragen würde,

was aus den Kindern der freien Verbindung werden würde. Aber er

täuschte sich auch diesmal. Sie rief--wie alle Schwachköpfe--die

Moral zu Hilfe, wo ihr Verstand nicht mehr ausreichte.

Gleichmütig sagte er:

"Ja, über Anständigkeit und Ehrenhaftigkeit gehen meine Anschauungen

und die deiner Klasse, welche du teilst, wie ich sehe, weit

auseinander. Ich weiß, daß es noch viele, viele Menschen gibt, die

eine Vereinigung erst dann für anständig halten, wenn sie sich

dieselbe gegenseitig erlaubt haben: Standesamt--Kirche und Pfaffe--

Hochzeitsreise; die es anständig nennen, wenn zwei Menschen

zusammenbleiben, die sich nicht mehr sehen können und die erkannt

haben, daß auch das leiseste Gefühl sie nicht mehr zusammenhält,

sondern nur noch das gegebene Wort. Ich weiß aber auch, daß es

Menschen gibt, welche jede Umarmung, die aus anderen Gründen erfolgt

als aus gegenseitiger Liebe, gemein nennen, und zu diesen Menschen

gehöre auch ich. Und eins möchte ich dir und allen, die die Ehe

verteidigen und unsere Anschauungen der freien Liebe so laut und

emphatisch beschreien, eins Möchte ich euch allen, euch Menschen der

Ehe, sagen: Tut, was ihr wollt, aber zeigt uns durch eure eigenen

glücklichen Ehen, daß wir im Unrecht sind und ihr im Recht seid mit

eurer Heiligsprechung der Ehe! Dann werden wir euch vielleicht

glauben, eher nicht!"

Er griff nach Hut und Stock.

"Adieu, Clara," sagte er und gab ihr die Hand, "leb' wohl! Ich habe

gesehen, daß du nicht unglücklich bist. Du bist unzufrieden,

natürlich--du bist ja nicht frei. Aber wer kann dir da helfen, wenn

du es nicht selbst tust?"--

Sie war vollständig verwirrt. Sie wollte ihm noch etwas entgegnen,

sie hatte den glühenden Wunsch, ihn noch zu demütigen, aber sie fand

kein Wort mehr seiner kalten Ueberlegenheit gegenüber. Nicht einmal

ihr letztes Mittel jetzt anzuwenden, schien ihr zweckmäßig. O, wenn

sie das vorher gewußt hätte, nie hätte sie ihm geschrieben!

Und sie kämpfte mit ihren Tränen der Wut und des Zornes, als sie ihm

gegen ihren Willen die Hand geben mußte. Er aber ergriff sie und

schüttelte sie freundlich. Dann ging er mit seinen schnellen

Schritten den Kiesweg entlang, durch den hohen und kühlen Flur an

der weißen Treppe vorbei und über den weiten Platz, der verlassen

lag wie vor einigen Stunden.

Als er in seiner Mitte angelangt war, kam von der anderen Seite her

ein älterer Herr. Er ging schon gebeugt.

Grach sah ihn in die Tür treten, die er soeben verlassen. War das

ihr Mann?

Wenn er mit den Blicken die Wände hätte durchdringen können, wäre

ihm folgendes Bild erschienen: Frau Clara Boehmer hing am Halse

dieses älteren Herrn, küßte ihn stürmisch und bettelte ihm die

Erlaubnis ab, am nächsten Mittwoch den Ball im "Kasino" besuchen zu

dürfen (--in einem ganz neuen Kleide--), während sie in ihrem Innern

beschlossen hatte, ihm fürs Erste noch nichts von dem Besuch zu

erzählen, den sie so schnell und dazu noch auf eine verhältnismäßig

so gute Art und Weise losgeworden war.

Die Menschen der Ehe · 第 16 / 28 题