"Eine komische, kleine Stadt!" hatte er noch vor drei Stunden zu
sich selbst gesagt.
Aber von dieser Höhe aus gesehen schien die Stadt weder klein noch
komisch, und er dachte, es müsse gräßlich sein, in ihr zu leben und
zu sterben.
Gewiß--man wußte nicht mehr, was der Nachbar kochte und aß, aber
was er trieb und ließ, man kümmerte sich darum noch immer bis in die
kleinsten Einzelheiten hinein.
Daher wagte sich keiner zu rühren, und bei jeder Handlung, die er
beging, sah er zuerst den anderen an, ob dieser dasselbe je getan
oder je tun würde.
Es gab Männer von Genie in dieser Stadt: aber ihr Genie war völlig
einseitig. Es war einzig darauf gerichtet, Geld in möglichst großen
Massen zusammenzuspeichern. Ein schlechterer Gebrauch konnte von
demselben nicht gemacht werden, wie es hier geschah: es blieb oft
einfach liegen und vermehrte sich dann--infolge der Privilegien,
die es schützten--von selbst. Es zog alle Kraft und alle Energie
dieses ganzen Landes an sich. Es war ein kaltes, grausames,
sinnloses Ungetüm, unersättlich und gierig.
Auch denen, die es besaßen, gab es nichts. Denn sie hatten keinen
Geist. Sie hatten keine Spur von Geist. Sie machten alle Jahre eine
vierwöchentliche Reise und schickten ihre Söhne einige Jahre in die
Freiheit des Lebens.
Außerdem gaben sie alle paar Wochen ihrer ganzen Familie große
Essen, bei denen es hoch herging. Man sprach im heimischen Dialekt
und ergänzte die Familienchronik.
Das war aber auch alles. Für kein Vergnügen feinerer Art hatte man
hier den geringsten Sinn. Man besaß kein Theater, keine
Konzerthalle, und man kaufte nie ein Buch. Die Kunst war hier so
heimatlos wie die Wissenschaft.
So war es vor zehn Jahren noch gewesen.
Ob es heute noch so war, wußte Grach nicht. Es war ihm auch
gleichgültig. In der Zeitung der einen Stadt--die der einen war
konservativ, die der anderen freisinnig, und sie lagen sich
natürlich beständig in den Haaren--hatte sich noch kein Wort
geändert gegen früher. Er hatte sie beim Essen durchflogen.
Nein, es war keine komische Stadt, wenigstens nicht für den, der in
ihr zu leben gezwungen war.
Es war auch eigentlich keine kleine Stadt, denn sie füllte, wie er
jetzt sah, die ganze Breite dieses Tales. Sie hatte sich vergrößert.
Man hatte--traurig genug--zu den drei alten noch zwei neue Kirchen
gebaut.
Dieses Tal entbehrte der Anmut nicht. Der träge Fluß durchschnitt
üppige Wiesen, und die Hügel waren bedeckt mit dichtem Tannen und
Laubholz. Aus einer dieser dunklen Kuppen ragten die schlanken
Turmspitzen eines modernen Schlosses in den sonnenheißen Himmel.
Dort wohnte der König der Gegend. Er wußte, daß er das war: er
redete seine Arbeiter mit Ihr an und sorgte für sie, wie "ein Vater
für seine Kinder." Ihm ging es gut dabei; seinen "Kindern" weniger.
Never mind!--
Und immer wieder wandten sich Grachs Augen nach rechts und nach
links, dorthin, wo an den Grenzen seiner Blicke die Wolken des
Rauches sich ballten zu seltsamen, fremdartigen, formlosen Gebilden.
Ideen schienen es zu sein, die nach Gestaltung rangen. Und er sah im
Geiste den Tag, wo diese Ideen, nicht am hellen Nachmittag in heißer
Sonne, nein, am kühlen Abend, beim Beginn der Nacht, in rußige,
markige Gestalten verkörpert, von beiden Seiten dieses Tales
herangezogen kamen und diese ganz abgelebte Gewöhnlichkeit, dieses
ganze Nest von Aemtern, Titeln und Würden, diese ganze Uniformität
der Gesinnung so durcheinander rüttelten, daß die friedlichen
Schläfer dieser guten Städte am nächsten Morgen nicht mehr wissen
würden, auf welcher Seite des Flusses sie eigentlich waren.
Dann würde er vielleicht endlich geendet sein, der erbitterte Streit
um die Oberherrschaft.
Aber dann würde es auch zu spät sein.
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Eine komische kleine Stadt!
Nein, es war weder eine komische, noch eine kleine Stadt.
Trotz der Hitze fröstelte Grach.
Die Sonne quälte ihn, und seine undankbaren Gedanken quälten ihn
ebenfalls.
Hatte er nicht Grund, dankbar zu sein?