XIII.

"Eine komische, kleine Stadt!" hatte er noch vor drei Stunden zu

sich selbst gesagt.

Aber von dieser Höhe aus gesehen schien die Stadt weder klein noch

komisch, und er dachte, es müsse gräßlich sein, in ihr zu leben und

zu sterben.

Gewiß--man wußte nicht mehr, was der Nachbar kochte und aß, aber

was er trieb und ließ, man kümmerte sich darum noch immer bis in die

kleinsten Einzelheiten hinein.

Daher wagte sich keiner zu rühren, und bei jeder Handlung, die er

beging, sah er zuerst den anderen an, ob dieser dasselbe je getan

oder je tun würde.

Es gab Männer von Genie in dieser Stadt: aber ihr Genie war völlig

einseitig. Es war einzig darauf gerichtet, Geld in möglichst großen

Massen zusammenzuspeichern. Ein schlechterer Gebrauch konnte von

demselben nicht gemacht werden, wie es hier geschah: es blieb oft

einfach liegen und vermehrte sich dann--infolge der Privilegien,

die es schützten--von selbst. Es zog alle Kraft und alle Energie

dieses ganzen Landes an sich. Es war ein kaltes, grausames,

sinnloses Ungetüm, unersättlich und gierig.

Auch denen, die es besaßen, gab es nichts. Denn sie hatten keinen

Geist. Sie hatten keine Spur von Geist. Sie machten alle Jahre eine

vierwöchentliche Reise und schickten ihre Söhne einige Jahre in die

Freiheit des Lebens.

Außerdem gaben sie alle paar Wochen ihrer ganzen Familie große

Essen, bei denen es hoch herging. Man sprach im heimischen Dialekt

und ergänzte die Familienchronik.

Das war aber auch alles. Für kein Vergnügen feinerer Art hatte man

hier den geringsten Sinn. Man besaß kein Theater, keine

Konzerthalle, und man kaufte nie ein Buch. Die Kunst war hier so

heimatlos wie die Wissenschaft.

So war es vor zehn Jahren noch gewesen.

Ob es heute noch so war, wußte Grach nicht. Es war ihm auch

gleichgültig. In der Zeitung der einen Stadt--die der einen war

konservativ, die der anderen freisinnig, und sie lagen sich

natürlich beständig in den Haaren--hatte sich noch kein Wort

geändert gegen früher. Er hatte sie beim Essen durchflogen.

Nein, es war keine komische Stadt, wenigstens nicht für den, der in

ihr zu leben gezwungen war.

Es war auch eigentlich keine kleine Stadt, denn sie füllte, wie er

jetzt sah, die ganze Breite dieses Tales. Sie hatte sich vergrößert.

Man hatte--traurig genug--zu den drei alten noch zwei neue Kirchen

gebaut.

Dieses Tal entbehrte der Anmut nicht. Der träge Fluß durchschnitt

üppige Wiesen, und die Hügel waren bedeckt mit dichtem Tannen und

Laubholz. Aus einer dieser dunklen Kuppen ragten die schlanken

Turmspitzen eines modernen Schlosses in den sonnenheißen Himmel.

Dort wohnte der König der Gegend. Er wußte, daß er das war: er

redete seine Arbeiter mit Ihr an und sorgte für sie, wie "ein Vater

für seine Kinder." Ihm ging es gut dabei; seinen "Kindern" weniger.

Never mind!--

Und immer wieder wandten sich Grachs Augen nach rechts und nach

links, dorthin, wo an den Grenzen seiner Blicke die Wolken des

Rauches sich ballten zu seltsamen, fremdartigen, formlosen Gebilden.

Ideen schienen es zu sein, die nach Gestaltung rangen. Und er sah im

Geiste den Tag, wo diese Ideen, nicht am hellen Nachmittag in heißer

Sonne, nein, am kühlen Abend, beim Beginn der Nacht, in rußige,

markige Gestalten verkörpert, von beiden Seiten dieses Tales

herangezogen kamen und diese ganz abgelebte Gewöhnlichkeit, dieses

ganze Nest von Aemtern, Titeln und Würden, diese ganze Uniformität

der Gesinnung so durcheinander rüttelten, daß die friedlichen

Schläfer dieser guten Städte am nächsten Morgen nicht mehr wissen

würden, auf welcher Seite des Flusses sie eigentlich waren.

Dann würde er vielleicht endlich geendet sein, der erbitterte Streit

um die Oberherrschaft.

Aber dann würde es auch zu spät sein.

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Eine komische kleine Stadt!

Nein, es war weder eine komische, noch eine kleine Stadt.

Trotz der Hitze fröstelte Grach.

Die Sonne quälte ihn, und seine undankbaren Gedanken quälten ihn

ebenfalls.

Hatte er nicht Grund, dankbar zu sein?

Die Menschen der Ehe · 第 18 / 28 题