XI.

Der Zauber war gebrochen.

Sie war ihm nur noch eine Studie, wie sie dort vor ihm saß--: die

kleinen Füße in den eleganten Schuhen vorgestreckt, ermüdet durch

Nichtstun, scherzend, liebäugelnd mit der Wohlhabenheit ihrer

Umgebung, denn sie fand, daß er es doch wenig weit gebracht hatte,

seiner einfachen, fast unmodernen Kleidung nach zu schließen.

Doch sie begann es zu merken, daß auch er sie beobachtete, obwohl er

sie nicht ansah und offenbar nicht hörte, was sie sagte.

Sie wurde unruhig.

"Aber du hörst mir ja gar nicht zu, und ich sitze hier und erzähle

dir alle Neuigkeiten von Bedeutung, die seit zehn Jahren hier

geschehen sind--"

Er sah auf. Und wieder errötete sie unter seinem Blick.

Wieder suchte sie ihn abzulenken.

"Und nächsten Mittwoch ist Harmonie-Abend im Kasino: Musik und Ball,

da wirst du alle wieder sehen, die du kennst, unsere ganze

Gesellschaft--"

Zum erstenmal sprach sie von ihrem Mann:

"Er hat mir zwar verboten, hinzugehen, ersagt, es sei zu viel für

mich", sie stampfte mit dem Fuße auf, "aber jetzt, wo du hier bist,

_muß_ er es mir erlauben, _muß_ es, _muß_ es!"

Sie hielt einen Augenblick inne, etwas erschöpft und erhitzt von dem

langen Sprechen, aber schon ging es weiter.

"Oder besser noch, wir geben eine Gesellschaft, eine große

Gesellschaft dir zu Ehren--" sie klatschte in die Hände vor

Vergnügen und wartete offenbar auf einen ähnlichen Ausbruch des

Entzückens bei ihm.

Aber er erkannte jetzt, daß es die höchste Zeit war, dieser Komödie

ein Ende zu machen.

Er rückte seinen Stuhl näher und beugte sich etwas vor, so daß er

gerade vor ihr saß.

Sie fühlte, nun kam es.

Fast scherzend begann er.

"Ich glaube, du langweilst dich, Clara."

"Ach ja, ich langweile mich--" seufzte sie.

"Nun, so solltest du dir Tätigkeit suchen--"

Sie antwortete nicht. Er lächelte unmerklich und fuhr fort: "Oder

aber Zerstreuung--"

Da sah sie auf und richtete ihre schwimmenden Augen auf ihn.

"Zerstreuung--aber wie?--Was gibt es hier für Zerstreuung?"

"Reise."

"Reisen--ich kann ja nicht, er hat ja nie Zeit."

"Wer?"

"Nun, er, mein Mann."

"Daran dachte ich nicht. Ich meinte natürlich, du solltest allein

reisen."

"Allein?!" wiederholte sie mit dem Ausdruck des Erstaunens, des

Erschreckens. "Wie kann eine verheiratete Frau allein, ohne ihren

Mann, reisen?"

"Weshalb kann denn eine verheiratete Frau nicht allein, ohne ihren

Mann, reisen?" Unwillkürlich brauchte er dieselben Worte wie sie.

Aber es geschah ganz ohne spottende Absicht.

Er wartete auf ihre Antwort. Sie wich ihm aus.

"Ja, ich weiß, daß du so seltsame Ansichten über die Ehe hast. Wie

heißt doch dein Buch darüber?--Eine Freundin--die Frau von

Redlich, du kennst sie nicht, sie sind erst drei Jahre hier, der

Mann ist Hauptmann--ja, sie hat es mir gesagt. Sie wollte mir auch

das Buch leihen, sie hat es mir ganz fest versprochen, aber sie hat

es mir immer noch nicht gebracht, denn sie muß erst den Professor

Hastrich vom Gymnasium fragen, dem gehört es . . ."

Grach hatte Mühe, nicht loszulachen.

Daß man ein Buch auch kaufen könne, war dieser Frau offenbar noch

nicht bekannt, und sie, die gewohnt war, auf Damast zu schlafen und

von silbernen Schüsseln zu speisen, scheute sich nicht, die

schmutzigsten Leihbibliotheksbände durch ihre weißen Hände gleiten

zu lassen. Auf dem Tische vor ihm lagen einige Exemplare dieser Art.

Die Sonne brannte durch die Blätter der Laube. Ihre Glut hatte die

höchste Höhe erreicht. Ihn dürstete. Er bat um etwas Wein und

Wasser. Während der Diener es brachte, schwiegen sie. Da sie sah,

daß er nicht antwortete, sagte sie: "Könntest du mir nicht sagen,

was du in deinem Buche geschrieben hast über die Ehe, nur ganz kurz

--ich komme so selten dazu, ein Buch zu lesen--"

Er beugte sich wieder zu ihr hin.

"Ich glaube, daß es so viel verschiedene Neigungen und Bedürfnisse

gibt, als es Menschen gibt, und ich wünsche, daß jeder Mensch diesen

seinen Neigungen ungestört nachlebe, aus dem einfachen Grunde, um

selbst ungestört den meinen folgen zu können.

Ich maße mir nicht an, die Menschen zu verstehen. Wir verstehen

überhaupt wenig von einander. Aber frech greifen wir täglich und

stündlich in das Leben unserer Mitmenschen ein, unter dem

lügenhaften Vorgeben, ihnen helfen zu wollen. Ich möchte, daß ein

jeder nach seiner Façon glücklich werde hier auf der Erde.

So ungefähr ist der Grundgedanke meines Buches. Du hast es nicht

gelesen; ich mußte ihn dir daher schnell herzeichnen.

Wovon man dir aber wahrscheinlich erzählt haben wird, das ist das

Kapitel, welches ich 'Die Menschen der Ehe' betitelt habe. Ohne

irgendwie zu klassifizieren oder zu schematisieren, habe ich in ihm

die Frage gestellt, ob es nicht einen größeren Teil Menschen gäbe in

unserer Zeit, auf welche diese Bezeichnung mit Recht sich anwenden

ließe; Menschen der Enge im Gegensatz zu den Menschen der Weite;

Menschen, die nie in Konflikt kommen mit ihrer Umgebung, da sie alle

Geschicke--alle, die aus der Menschen Hände kommen--als von Gott

ihnen auferlegt betrachten; Menschen der kleinen Zufriedenheit, die

ihr Glück finden in den Winkeln des Tages, immer an dem einen Tische

und immer an derselben Brust: Menschen, die nicht wissen, was es

heißt, ein Versprechen auf Lebenszeit zu geben, weil sie nicht

wissen, was es heißt: zu leben; Menschen der Stagnation, nicht

Menschen der Bewegung; Nummern, aber Nummern, welche zu Zahlen

werden, und welche ich deshalb hasse!--

Die Menschen der Ehe · 第 15 / 28 题