Ihre Schönheit hatte alles gehalten, was sie versprochen. Schon als
Kind war sie gradezu auffallend gewesen, obwohl dieses Kind weder
graziös und fein, noch von irgendwie eigenartigem Liebreiz gewesen
war. Aber das blonde Haar konnte heute kaum reicher sein, als es
damals gewesen war, und der feuchte Glanz dieser blauen Augen, der
ihm heute nur ein Zeichen trübseliger Langeweile schien, war ihm und
anderen--denn die halbe Klasse war in sie verliebt--damals
schwärmerische Idealität und echt weibliches Hingebungsbedürfnis
gewesen.
Nicht für lange.
Aber es gab eine kurze Zeit in seiner Jugend--es war zwei Jahre vor
ihrer Trennung--, da war ihm das ständige Zusammenleben mit seiner
Halbschwester unter den blinden Augen der Mutter sehr gefährlich
geworden.
Seine Sinne erwachten und verlangten nach ihr. Ihre beständige Nähe
brachte sie in Aufruhr und hielt sie wach.
Den ganzen Sommer hindurch verbrachte er in qualvoller Aufregung, in
einem beständigen Zwiespalt, der seiner energischen Natur schwerer
zu ertragen war als alles andere.
Sie war ihm gleichgültig. Alles, was sie sprach, ließ ihn kalt. Ihr
Benehmen gegen ihre Mutter empörte ihn mehr als je, wenn er sich
auch niemals tätlich darum kümmerte, was zwischen diesen beiden
Personen vorging. Ihr Kokettieren mit seinen Kameraden, die sich
über das eitle Mädchen lustig machten, fand er lächerlich--und doch
beschäftigte sie ihn. Er träumte von ihr. Er glaubte sie in den
Armen zu halten. Er haschte nach ihrer Hand, wenn sie allein waren,
und er war ruhiger, wenn sie ihm dieselbe nicht entzog. Er war öfter
um sie, als je zuvor. Die Mutter freute sich darüber, daß das sonst
so kühle Verhältnis zwischen Schwester und Bruder sich besserte.
Eine unheimliche Glut ging von ihr aus, die ihn wahnsinnig machte.
Tage konnten vergehen, ohne daß sie ihm gefährlich war, aber dann
kam immer wieder eine Stunde, in der er von ihrer Seite aufspringen
mußte, weil er es nicht mehr ertragen konnte, sie zu sehen, ohne sie
an sich zu reißen.
Er fürchtete sich vor sich selbst; aber vor ihr graute ihm.
Ein später Abend brachte die Erlösung. Sie saßen zusammen in der
Laube bei einer trübe brennenden Lampe. Die Mutter hatte sich
gähnend und seufzend zur Ruhe begeben.--Es war ein Abend voll
wunderbarer Weichheit der Luft. Der Glanz der Sterne war feucht und
tief.
Sie wagte es zu bleiben. Sie spielte mit dem Feuer in verzehrender
Neugier.
Er las in einem Buche und hielt den Kopf gesenkt, um sie nicht
ansehen zu müssen. Er hatte noch zu lernen und glaubte, sie würde
gehen.
Sie aber ging nicht, sondern beugte sich noch weiter vor, mit ihrer
weichen Stimme, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, eine
gleichgültige Frage stellend.
Fast berührten sich ihre Stirnen. Da riß er ihren Kopf mit einer
jähen Bewegung an sich und bedeckte ihr Gesicht mit unzähligen
Küssen: er küßte ihre Augen, ihre Wangen, ihren Mund, ihren Hals.
Sie wehrte sich, aber nur schwach. Während sie sich indessen--ein
halb ernstliches, halb freudiges Erschrecken heimlich überwindend--
in der Ueberlegenheit der Frau fragte, ob sie ihn gewähren lassen
solle, fühlte sie, wie er sie plötzlich losließ und von sich stieß.
Wenn sie oft nachher--nachdenklich über diese jähe Veränderung
seines Wesens in dieser Minute--sich einbilden wollte, es sei ein
moralischer Antrieb gewesen, der ihn so plötzlich von ihr gerissen,
so irrte sie sich völlig.
Ein Duft war von ihr ausgegangen, als er an ihren Lippen hing, und
in ihren Haaren wühlte, der ihn plötzlich ernüchtert hatte. Derselbe
Duft, der ihn betäubt hatte in der Ferne und ihn angezogen, stieß
ihn ab, als er in nächster Nähe auf seine Sinne wirkte. Es war
direkter Widerwille, der ihn erfaßte--unerklärlich, aber zwingend.
Eben noch über alles begehrenswert, war sie ihm jetzt so
gleichgültig, wie nur je zuvor.
Hurtig raffte er seine Bücher zusammen und eilte mit einem schnellen
"Gute Nacht!" in das Haus.
Sie sah ihm nach und verstand ihn nicht.
Ihr Zauber war völlig gebrochen.
Sie merkte es sofort am nächsten Tage.
Sie bot viel auf, um ihn wieder zu gewinnen. Aber nichts mehr gelang
ihr.
Im Laufe der nächsten beiden Jahre, in denen sie wieder
nebeneinander herlebten, vergaßen sie fast die Szene dieses Abends.
Auch er wurde ihr gleichgültig.
Sie dachte bereits an ihren zukünftigen Gatten, wenn sie die Männer
sah, die sich um ihre Schönheit drängten.
Sie wählte sich einen der ältesten unter ihnen und fast den
reichsten.
An ihren Halbbruder dachte sie erst wieder, als die Langeweile ihrer
Tage sie nach neuen Sensationen suchen ließ, und die Neugierde neue
Nahrung für ihre klatschhafte Zunge verlangte.