IX.

Der Diener kam zurück.

"Gnädige Frau lassen bitten--" schnarrte er.

Aus einer Laube im Hintergründe des Gartens schimmerte ein weißes

Kleid.

Dort, in einem Modejournal blätternd, das sie sichtlich unlustig bei

Seite warf, lag in einen Schaukelstuhl hingestreckt eine junge Frau

von ungewöhnlicher Schönheit.

Sie blinzelte dem Nähertretenden zu, aber sie machte keine Miene,

sich zu erheben.

Erst als er ihr die Hand hinstreckte und lächelnd sagte: "Ich habe

deinen Brief erhalten, Clara, und bin selbst gekommen, ihn zu

beantworten"--sprang sie mit einem Ruf der Ueberraschung in

sichtlicher Verlegenheit auf.

"Nein, wie du dich verändert hast, Franz!" rief sie ein paar Mal;

dann aber, nachdem sie sich gesetzt hatten, und während sie ihn mit

jener prüfenden Neugier, die nur der Frau eigen ist, musterte,

folgte ein Schwall von Fragen, deren Antworten nicht abgewartet

wurden, weil sie gestellt waren, ohne daß der Verstand sich etwas

bei ihnen dachte und das Herz das Geringste bei ihnen fühlte.

Bei dem ersten Wort, das sie gesprochen, merkte er, daß diese Frau

geistig um keinen Schritt weitergerückt war und--ganz wie früher--

hörte er gutmütig und geduldig eine Zeit lang ihrer Neugierde zu,

beantwortete kaum etwas, und begnügte sich damit, hier und da mit

einem Ja oder Nein, oder höchstens einem kurzen Wort sein Schweigen

zu unterbrechen.

So kam es, daß sie ihn nach einer halben Stunde nach allem gefragt,

aber nichts von ihm erfahren hatte. Später pflegte sie sich dann

darüber zu beklagen, daß sie allen Menschen alles, keiner aber ihr

etwas erzähle.

Dann fiel ihr ein, daß sie noch nicht wußte, wo er abgestiegen war

--:

"Du wirst doch bei uns wohnen, Franz?--gewiß, nicht wahr?"

Sie hatte bisher vermieden, ihn voll anzusehen, nun aber begegneten

sich ihre Augen. Sie errötete leicht, als sie seine Antwort vernahm.

"Unter diesen Umständen?"--sagte er ernst und fragend zugleich.

Als sie nun, die Hände erst abwehrend von sich streckend, dann sie

vor dem Gesicht zusammenschlagend in gemachtem Schmerze, in ihren

Schaukelstuhl zurücksank, hätte er hundert gegen eins wetten mögen,

daß sie sich erst in diesem Augenblicke genauer dessen erinnerte,

was sie ihm geschrieben . . .

Sie kam nicht auf ihre Frage zurück. Ihre Gedanken weilten bereits

bei anderem.

"O laß uns jetzt noch nicht davon sprechen, von meinem Unglück--du

bleibst doch länger hier, nicht wahr?--Einige Tage, einige

Wochen . . . Du mußt doch alle wiedersehen, deine alten Freunde und

Schulkameraden, denke dir, die kleine Ehrling, neben der ich in der

Schule saß und die so oft zu uns kam--du mußt dich doch erinnern?--

hat einen Landgerichtsrat geheiratet und schon drei Kinder, und dein

dicker Freund Rempe, der mit den vielen Schmissen--doch das weißt

du nicht, du kanntest ihn ja nur auf der Schule, und da schlägt man

sich noch nicht, ja, was wollte ich sagen . . . ja, der dicke Rempe

hat die reiche Krüger gekriegt, die mit den Simpelfranzen und den

seidenen Kleidern. Ach ja, es hat sich viel verändert hier--"

Sie scheute sich, ihn wieder zu fragen, denn sie fürchtete seinen

Blick, seine ernste, fast harte Stimme, mit welcher er eben gesagt

hatte: "Unter diesen Umständen?"--

Und so sprach sie weiter: Von dem langen Lenz, der sich "--ach ja,

das war es ja, was ich sagen wollte--" wegen einer Frau habe

schießen müssen und eine Kugel in den Unterleib bekommen habe; von

den Schicksalen der großen Familie Neuhaus, wo so viele Söhne

gewesen seien--einer habe sich vergiftet, und der andere sei nach

Amerika, denn der Vater sei so hart, aber es sei doch ein rechtes

Elend, wenn die Söhne ihren Eltern nicht folgten; und von--und von

--und immer so weiter, ein seichtes, unerquickliches Geschwätz,

das den Zuhörer betäubte, ängstigte und seine Nerven folterte.

Der hörte zuletzt überhaupt nicht mehr hin. Während sie so vor ihm

saß, in der üppigen Schönheit einer reiferen Frau, dachte er daran,

daß er es gewesen war, der die Knospe dieser Blüte mit dem ersten

Kusse geweckt hatte.

Die Menschen der Ehe · 第 13 / 28 题