Die letzte Rauchwolke seiner Zigarre verflog an der Decke, und er
sah nach der Uhr.
Es war nach zwei. Ein langer Nachmittag lag jetzt vor ihm. Er ging
daher auf sein Zimmer, warf sich auf das Bett und schlief länger als
eine Stunde, bleiern und traumlos.
Verwundert fuhr er in die Höhe, als er erwachte. Er mußte sich
darauf besinnen, wo er war, und es war mit einem Gefühl des
Mißbehagens, daß er die Treppe hinunterstieg. Ihm war, als solle er
nun an die Erfüllung einer unangenehmen Pflicht gehen, und er
wünschte hinter sich zu haben, was ihm bevorstand.
Dann trat er vor die Tür.
Die Hitze war noch gestiegen. Um diese Stunde des Nachmittags
stockte das Leben.
Eine lange Straße zog sich vor ihm hin--die Hauptstraße der
Schwesterstadt, die längste und belebteste in beiden Städten und der
Mittelpunkt des Handels und Wandels beider.
Wie oft er sie als Knabe durchschritten hatte, hinauf und wieder
hinunter, und wieder hinauf!
Wenig schien sich an dem äußeren Ansehen der Stadt verändert zu
haben. Einige Lücken, wo früher auf steinigem Rasen Zirkus- und
Karussellbesitzer ihre flüchtige Leinwand gespannt, waren ausgebaut
worden, und nur die Nebenstraßen noch öffneten sich dem Blicke nach
dem Flusse hin. Die neuentstandenen Häuser zeigten das Bestreben,
Schritt zu halten mit modernem Stil. Gesimse und Balkone hingen
überall an ihnen herum, und in ihren Erdgeschossen waren Läden und
Bierhallen entstanden mit hohen Fensterscheiben und lauten
Aushängeschildern, die mit dem leuchtenden Gold ihrer Lettern die
armen, verblaßten und altertümlichen Inschriften der alten Firmen
verdrängten . . .
Der Schwindel des Handels, welcher die Arbeit mordet, trieb sein
Unwesen diese ganze Straße entlang.
Arme Arbeiter! Des Sonntags kamen sie, weither aus den Dörfern und
Flecken, mit ihren schweren Schuhen, die Männer mit plumpen Stöcken
und die Weiber mit ungeheuren, unförmigen Parapluies, halb noch
bedeckt mit dem Schweiße und dem Staub der Woche, ganz noch erdrückt
unter der Wucht ihrer Sklaverei, kamen sie, um einzukaufen, was sie
brauchten, das heißt, drei-, vier-, fünf- und zehnfach verteuert
einzutauschen, was sie selbst erschaffen hatten in anderer Form: die
Arbeit. Verlegen, unsicher, bittend und schüchtern traten sie in die
"Geschäfte" und ließen sich von schwatzenden Juden, und Christen,
die schlimmer waren als die Juden, das Fell über die Ohren ziehen,
daß es nur so flutschte.
In erschreckender Menge hatten sich die offenen Geschäfte in diesen
paar Jahren vermehrt. Gleich aber war der trostlose, nüchterne
Eindruck dieser Straße geblieben, und vom Morgen bis zur Dämmerung
glich sie noch immer in ihrem reizlosen, staubigen Grau einem
alternden, ungekämmten und ungewaschenen Weibe.
Grach ließ seine Blicke überall hin gehen. Eigentümlich verändert
schien ihm alles--: fremd und doch bekannt. Aber alles war kleiner
geworden, zusammengeschrumpft und, wie alte Leute, in sich
zusammengesunken.
Größer sieht das Kind die Welt, kleiner sieht sie der Mann.
Vor den Läden lungerten die Kommis, an den Brunnen standen die Mägde
und schrieen sich an. Warum schrieen sie so laut? Stritten sie sich?
Nein, es war nur eine "gemütliche Unterhaltung". Aber dieser Dialekt
war breit, geeignet nur zu einem lauten Sprechen, und schwer
verständlich für den Fremden. Grach bemühte sich, Worte und Sätze
der Vorübergehenden aufzufangen und verstand meist, was sie sagten.
Hatte er selbst früher so gesprochen?
Und wie die Menschen sich grüßten! Mit beängstigender Sorgfalt
überspähten sie die Straße, knickten, den Arm nach auswärts in einem
spitzen Winkel und zogen oder rissen dann den Hut herab, entweder
steil in die Luft hinaus oder hinunter bis fast auf den Boden. "Ihr
Diener", sagten sie dabei, "Ihr Diener"--und ein langer Titel
folgte.
Die unverhüllte Neugier, mit der die Menschen ihn an- und ihm
nachsahen, begann Grach zu ärgern. Ihre Blicke wurden ihm lästig,
und er bildete sich ein, von ihnen erkannt werden zu müssen. Er
hatte vergessen, daß kein Fremder diesen Blicken entging.
Er ging schneller. Diese Nebenstraße mußte über die Brücke nach dem
jenseitigen Ufer führen. Er schlug sie ein.
Eine junge Dame kam ihm entgegen. Sittsam die Blicke zu Boden
gesenkt, den Schirm in der Länge einer kleinen Ulanenlanze gegen die
Brust gedrückt, eingeschnürt und aufgeputzt mit Bändern und
Bauschen, trippelte sie daher, und gegen seinen Willen mußte er
lachen, erst heimlich, dann herzlich und offen.
So war, genau so war schon damals alles gewesen: diese ängstliche
Unsicherheit im Verkehr, diese feige Rücksichtnahme auf tausend und
abertausend in Watte sorgsam gehegter Vorurteile, diese engbrüstige
Steifheit, die pappedeckelne Würde--wie kannte er das alles, wie
erkannte er das alles wieder!
Und über all dies lachte er, hatte er gelernt zu lachen.
Und abermals lachte er, als er über die Brücke ging, die alte
Brücke, und sah, daß alle Scheiben in den Gaslaternen heil und
unverletzt waren.
Wie, wurden sie nicht mehr geschlagen, die Schlachten der Ehre?--
War Waffenstillstand zwischen den erschöpften Schwestern
geschlossen?--Oder aber--war Versöhnung--Friede--aber nein, es
war ja Wahnsinn, daran zu denken! . . .
Eine komische Stadt! Eine komische, kleine Stadt! murmelte Grach vor
sich hin.