VI.

Die letzte Rauchwolke seiner Zigarre verflog an der Decke, und er

sah nach der Uhr.

Es war nach zwei. Ein langer Nachmittag lag jetzt vor ihm. Er ging

daher auf sein Zimmer, warf sich auf das Bett und schlief länger als

eine Stunde, bleiern und traumlos.

Verwundert fuhr er in die Höhe, als er erwachte. Er mußte sich

darauf besinnen, wo er war, und es war mit einem Gefühl des

Mißbehagens, daß er die Treppe hinunterstieg. Ihm war, als solle er

nun an die Erfüllung einer unangenehmen Pflicht gehen, und er

wünschte hinter sich zu haben, was ihm bevorstand.

Dann trat er vor die Tür.

Die Hitze war noch gestiegen. Um diese Stunde des Nachmittags

stockte das Leben.

Eine lange Straße zog sich vor ihm hin--die Hauptstraße der

Schwesterstadt, die längste und belebteste in beiden Städten und der

Mittelpunkt des Handels und Wandels beider.

Wie oft er sie als Knabe durchschritten hatte, hinauf und wieder

hinunter, und wieder hinauf!

Wenig schien sich an dem äußeren Ansehen der Stadt verändert zu

haben. Einige Lücken, wo früher auf steinigem Rasen Zirkus- und

Karussellbesitzer ihre flüchtige Leinwand gespannt, waren ausgebaut

worden, und nur die Nebenstraßen noch öffneten sich dem Blicke nach

dem Flusse hin. Die neuentstandenen Häuser zeigten das Bestreben,

Schritt zu halten mit modernem Stil. Gesimse und Balkone hingen

überall an ihnen herum, und in ihren Erdgeschossen waren Läden und

Bierhallen entstanden mit hohen Fensterscheiben und lauten

Aushängeschildern, die mit dem leuchtenden Gold ihrer Lettern die

armen, verblaßten und altertümlichen Inschriften der alten Firmen

verdrängten . . .

Der Schwindel des Handels, welcher die Arbeit mordet, trieb sein

Unwesen diese ganze Straße entlang.

Arme Arbeiter! Des Sonntags kamen sie, weither aus den Dörfern und

Flecken, mit ihren schweren Schuhen, die Männer mit plumpen Stöcken

und die Weiber mit ungeheuren, unförmigen Parapluies, halb noch

bedeckt mit dem Schweiße und dem Staub der Woche, ganz noch erdrückt

unter der Wucht ihrer Sklaverei, kamen sie, um einzukaufen, was sie

brauchten, das heißt, drei-, vier-, fünf- und zehnfach verteuert

einzutauschen, was sie selbst erschaffen hatten in anderer Form: die

Arbeit. Verlegen, unsicher, bittend und schüchtern traten sie in die

"Geschäfte" und ließen sich von schwatzenden Juden, und Christen,

die schlimmer waren als die Juden, das Fell über die Ohren ziehen,

daß es nur so flutschte.

In erschreckender Menge hatten sich die offenen Geschäfte in diesen

paar Jahren vermehrt. Gleich aber war der trostlose, nüchterne

Eindruck dieser Straße geblieben, und vom Morgen bis zur Dämmerung

glich sie noch immer in ihrem reizlosen, staubigen Grau einem

alternden, ungekämmten und ungewaschenen Weibe.

Grach ließ seine Blicke überall hin gehen. Eigentümlich verändert

schien ihm alles--: fremd und doch bekannt. Aber alles war kleiner

geworden, zusammengeschrumpft und, wie alte Leute, in sich

zusammengesunken.

Größer sieht das Kind die Welt, kleiner sieht sie der Mann.

Vor den Läden lungerten die Kommis, an den Brunnen standen die Mägde

und schrieen sich an. Warum schrieen sie so laut? Stritten sie sich?

Nein, es war nur eine "gemütliche Unterhaltung". Aber dieser Dialekt

war breit, geeignet nur zu einem lauten Sprechen, und schwer

verständlich für den Fremden. Grach bemühte sich, Worte und Sätze

der Vorübergehenden aufzufangen und verstand meist, was sie sagten.

Hatte er selbst früher so gesprochen?

Und wie die Menschen sich grüßten! Mit beängstigender Sorgfalt

überspähten sie die Straße, knickten, den Arm nach auswärts in einem

spitzen Winkel und zogen oder rissen dann den Hut herab, entweder

steil in die Luft hinaus oder hinunter bis fast auf den Boden. "Ihr

Diener", sagten sie dabei, "Ihr Diener"--und ein langer Titel

folgte.

Die unverhüllte Neugier, mit der die Menschen ihn an- und ihm

nachsahen, begann Grach zu ärgern. Ihre Blicke wurden ihm lästig,

und er bildete sich ein, von ihnen erkannt werden zu müssen. Er

hatte vergessen, daß kein Fremder diesen Blicken entging.

Er ging schneller. Diese Nebenstraße mußte über die Brücke nach dem

jenseitigen Ufer führen. Er schlug sie ein.

Eine junge Dame kam ihm entgegen. Sittsam die Blicke zu Boden

gesenkt, den Schirm in der Länge einer kleinen Ulanenlanze gegen die

Brust gedrückt, eingeschnürt und aufgeputzt mit Bändern und

Bauschen, trippelte sie daher, und gegen seinen Willen mußte er

lachen, erst heimlich, dann herzlich und offen.

So war, genau so war schon damals alles gewesen: diese ängstliche

Unsicherheit im Verkehr, diese feige Rücksichtnahme auf tausend und

abertausend in Watte sorgsam gehegter Vorurteile, diese engbrüstige

Steifheit, die pappedeckelne Würde--wie kannte er das alles, wie

erkannte er das alles wieder!

Und über all dies lachte er, hatte er gelernt zu lachen.

Und abermals lachte er, als er über die Brücke ging, die alte

Brücke, und sah, daß alle Scheiben in den Gaslaternen heil und

unverletzt waren.

Wie, wurden sie nicht mehr geschlagen, die Schlachten der Ehre?--

War Waffenstillstand zwischen den erschöpften Schwestern

geschlossen?--Oder aber--war Versöhnung--Friede--aber nein, es

war ja Wahnsinn, daran zu denken! . . .

Eine komische Stadt! Eine komische, kleine Stadt! murmelte Grach vor

sich hin.

Die Menschen der Ehe · 第 10 / 28 题