Auf hohen Terrassen erhob sich vor ihm das "Schloß", ein massives,
altes Gebäude mit vielen Anbauten aus neuerer Zeit. Uralter Efeu
hing an den Mauern nieder, von einem Garten in den anderen, bis er
die Dächer der Häuser an ihrem Fuße fast berührte.
Das Schloß hatte keine Bestimmung mehr. Seine einzelnen Stockwerke
mit ihren vielen Flügeln und unzähligen Zimmern waren an einige
Familien vermietet, an die reichsten der "Alldahiesigen" und
"Hiesigen", welche keine eigenen Häuser besaßen.
Der Fremde, der hier nicht fremd war, stieg langsam den steilen Weg
hinauf, der an der alten, düsteren Kirche--sie stand in seltsamen
unterirdischen Gängen, die längst verschüttet waren, mit dem
Schlosse in Verbindung--zu dem weiten, totenstillen Platze hinauf,
der die Flügel des Schlosses gleichsam bis an die Ränder der Anhöhe
auseinandergedehnt hatte. Gras, das eine glühende Sonne gelb sengte,
wucherte hier zwischen den plumpen, unregelmäßigen Pflastersteinen;
nie spielte hier die Jugend der Stadt, auf diesem weiten Platze, der
wie geschaffen war zum Umhertummeln. Zuweilen nur bewegte sich eine
der weißen Gardinen hinter den hohen Fenstern, und ein behaubter
Kopf lugte zwischen ihnen durch, um bald wieder zu verschwinden,
denn die leere Oede dieses weiten Raumes wurde selten unterbrochen
durch eine Gestalt, die ihren Weg über ihn hinweg nahm, um die
andere Seite zu erreichen. Die meisten gingen an den langen Fluchten
entlang, um plötzlich in einer der Türen zu verschwinden, öfter
während des Tages, in den Nachmittagsstunden geschah es, daß Wagen--
moderne, elegante Geschirre mit vortrefflichen Pferden--an den
Toren hielten.
Und wieder mußte Grach lächeln, als er diesen weiten, toten Platz
überschritt, auf dem die Sonne ungestört die Spiele ihrer Schatten
trieb, den er als Kind nie betreten hatte und von dem er nie
geglaubt hätte, daß er ihn je betreten würde.
Aber hier mußte sie--der Adresse in ihrem Briefe nach--jetzt
wohnen.
Er ging langsam. Und doch war er neugierig geworden auf das
Wiedersehen. So lange war es her, daß er keine Blicke mehr in das
Heimwesen deutschen Bürgertums getan hatte. Er ein Fremder--und
alles ihm fremd geworden, was von dorther kam . . .