Während der Neuangekommene seinen Kaffee trank und die Wolken seiner
Zigarre in die Luft blies, war die flüchtige Erinnerung schon wieder
versunken, und andere, dem heutigen Tage angehörende Gedanken
beschäftigten ihn.
Ein Brief hatte ihn wieder in diese Stadt gerufen, die er seit
länger als zehn Jahren nicht gesehen. Auf vielen Umwegen hatte er
ihn erreicht, und nachdem er ihn gelesen, war sein erstes Gefühl
gewesen, ihn in die Ecke zu werfen.
Er lachte erst; dann ärgerte er sich.
Aber zugleich dachte er an mancherlei Freundlichkeit, welche er von
der Mutter der Frau--sie war lange tot--, die ihn geschrieben,
empfangen vor langen Jahren und an ihre größte Freundlichkeit: daß
sie ihn meist unbehelligt gelassen, und er bemaß Zeit und Geld, sah,
daß beides reichte, und war kurzentschlossen hierhergereist.
Er stand früh allein und wurde, fast noch ein Kind, von einer
entfernten Verwandten aufgenommen, in deren Heim er lange Jahre
lebte, nicht abhängig von ihrer Gnade, aber doch angewiesen auf ihre
Freundlichkeit. Sie hatte eine einzige Tochter, die ihr Abgott war;
er beanspruchte nichts von der sentimentalen Zärtlichkeit, mit der
das verzogene, launische Kind einer kurzen und sehr unglücklichen
Ehe überschüttet wurde.
Fast von dem Augenblick an, in dem er diese Stadt verlassen, hatte
sich sein Leben so von Grund aus geändert, waren Kreise und
Beziehungen desselben so andere geworden, daß er selten veranlaßt
worden war, zurückzudenken, um so mehr, als ihm die Muße
behaglicher, lässiger Einkehr und Umschau fast nie beschieden und
kaum ein Tag gewesen war, der ihm Zeit gelassen hätte, ihn
einzuspinnen zwischen die weißen Träume der Vergangenheit und der
Zukunft.
Zweimal nur noch schrieb er den Namen dieser Stadt auf die Adresse
eines Briefes: das erste Mal, als seine Verwandte gestorben war, und
er der Tochter freundliche Worte des Beileids sagte, das zweite Mal,
als er sie zu ihrer eigenen Verheiratung kurz beglückwünschte.
Dann kam dieser Brief, unerwartet und unerwünscht.
Er lag vor ihm, und noch einmal las er ihn, aufmerksam, Wort für
Wort.
Von dem blaßrosa Papier stieg der starke Duft eines eigentümlichen
Parfüms auf. Die Schrift, mit der seine vier Seiten bedeckt waren,
war liegend, sinnlich und weibisch-schwach.
Er las ihn zum vierten Male, und zum vierten Male suchte er hinter
den leblosen Worten nach der lebendigen Seele derer, die sie
geschrieben: er fand sie nicht.
Das war es, was sie ihm mitteilte.
Erstens: daß sie sehr unglücklich sei; zweitens: daß sie so
unglücklich sei daß sie es nicht mehr "aushalten" könne; drittens:
daß ihr Mann der Grund ihres Unglücks sei; viertens: daß sie gehört
habe, er, ihr Bruder, der "Freund ihrer Jugend", habe ein Buch
geschrieben, in welchem er sich "freisinnig" über die Ehe geäußert
habe; fünftens: daß er sie "retten" möge; sechstens: daß sie sehr
unglücklich sei; und siebentens: daß sie so unglücklich sei, daß sie
es nicht mehr "aushalten" könne . . .
Das alles war sehr albern.
Er sagte sich mit Recht, daß das Unglück so nicht nach Hilfe ruft.
Aber er sagte sich auch, und er sagte es sich immer wieder, daß
Frauen dieser Art nicht imstande sind, einen individuellen Ausdruck
für ihre Gefühle--und wären es ihre wahrsten--zu finden. Wie sie
gelehrt wurden zu sprechen, so sprachen sie: immer in denselben
Ausdrücken und Redewendungen ihrer spezifischen Kreise, die Männer
so und die Frauen so und waren sich daher so ähnlich, wie immer nur
es möglich ist.
Und daher waren sie meistens auch so langweilig.
Wie sie sprachen, so schrieben sie auch.
Es ist, als fürchteten sie sich davor, ein neues Wort zu gebrauchen,
und sorgsam verbergen sie, kommt ihnen einmal, nicht ein neuer
Gedanke, nein, nur eine eigene Anschauung über irgend Etwas, die
verbrecherische Regung hinter der gewohnten Gewöhnlichkeit.
Er wußte, daß das Unglück ein großer Befreier ist. Und er dachte
weiter, und seine Augen sahen den gegen die Ketten der Tage
ringenden und in diesem Ringen blutenden Menschen vor sich, wie er
schreien will, aber seine ungewohnten Lippen finden nur die alten,
kleinen Worte für den neuen, großen Schmerz, und das Schreien des
selbständigen Herzens--es klingt auf dem Mund nur wie das Stammeln
der Unselbständigkeit und Gleichgültigkeit.
Konnte es so nicht hier sein?
Er strengte die Augen an, um hinter die Worte sehen zu können. Was
lag da?--Ein zu Boden gestürztes, mit Füßen getretenes Weib?--Oder
eine faule, unzufriedene Frau der Welt, die sich einfach langweilte?--
Fand er denn nicht ein Wort, ein einziges ungefügiges, in seiner
Hilflosigkeit rührendes, in seiner Einfachheit erschütterndes Wort?--
Er fand keines. Und dennoch folgte er den Rufen dieser platten und
nichtssagenden Sprache.
Es gibt Menschen, von denen wir nie glauben können, daß sie
unglücklich zu werden imstande sind.
So ging es ihm mit ihr.
Und dennoch kam er hierher.
Er tat es in letzter Linie seiner selbst wegen, um ganz sicher zu
sein vor den Vorwürfen des eigenen Herzens.