Mit dem Schnellzug, der um elf Uhr vormittags eintraf, kam der
Reisende an. Er wies die Kofferträger von sich, als er ausstieg, und
trug seine Handtasche selbst die Treppe hinab bis zu dem Ausgang.
Vier oder sechs Portiers nahmen dort die Reisenden in Empfang. Er
überflog die Schilder ihrer Mützen, und da er den Namen nicht fand,
den er suchte, nannte er ihn selbst: "Zur alten Post".
Man grinste, man sah sich fragend an, indem man mit den Augen
zwinkerte. Endlich sagte der älteste der Leute: "Es gibt hier keine
'alte Post' mehr; sie ist seit sechs Jahren eingegangen. Wollen der
Herr hier gleich am Bahnhof bleiben, dort unten liegt unser Haus,
ganz neu eingerichtet--"
Der Fremde zögerte einen Augenblick, aber als sie nun alle nach
seiner Handtasche griffen, überließ er sie achselzuckend dem
Sprecher, gab ihm den Auftrag, seinen Koffer sofort zu besorgen, und
ging den Weg hinab, der sich in die Stadt hinunterzog. Es war ein
schwüler und staubiger Tag. Er war müde, denn er war die halbe Nacht
gereist, und er war bestaubt von der langen Fahrt. Er fühlte Hunger
und Durst, und die Zunge klebte ihm am Gaumen.
Doch nachdem er ein Bad genommen und sich umgezogen hatte, fühlte er
sich frisch und gesund wie immer. Er stieg die Treppe hinab und
schrieb in das ihm vorgelegte Fremdenbuch: Franz Grach. Während er
sich für eine Minute in der Loge des Portiers befand, erkannte er
plötzlich das Haus wieder.
Er vermied die Table d'hote. Die langen, weißen Tische mit den
Reihen von schmatzenden und schwatzenden Menschen waren ihm zuwider.
Man deckte ihm in einem Nebenzimmer.
Einmal ließ er Messer und Gabel sinken, so schreiend-deutlich stand
plötzlich eine Szene aus seiner Jugendzeit vor seinen Augen, die
sich vor langen Jahren hier in diesem selben Räume abgespielt hatte.
Nicht das saubere Frühstückszimmer eines modernen Hotels, das trübe
Hinterzimmer eines übelbeleumdeten Gasthofs zweiten Ranges war der
Raum damals gewesen. Die Möblierung hatte sich geändert, wie der
Wirt und die Gäste, und doch wurde dem Fremden alles wieder
lebendig:
Sie waren alle noch jung, kaum einer von ihnen hatte das zwanzigste
Jahr erreicht. Alle hatten sie dieselben Schulbänke gedrückt, und
sich, nun vielfach getrennt den größten Teil des Jahres hindurch auf
auswärtigen Schulen, in den Ferien wieder zusammengefunden zu
lustigen Tagen und ausgelassenen Nächten--eine tolle, von Jugendmut
und Lebenskraft überschäumende, zu allen tollen Streichen immer
aufgelegte Gesellschaft, deren Zahl jahrelang auf sieben, acht Mann
beschränkt blieb . . .
An jenem Abend nun waren sie alle nach einer langen Wanderung hier
herein gestürmt, wie sie wahllos in alle Wirtschaften, wo "noch
Licht war", drangen. Eine dicke Kellnerin war aus dem Vorderzimmer
mit hereingezogen worden, durch die Tür wurde niemand mehr
hereingelassen, und eine jener nächtlichen, dem Dunst des Bieres und
dem Qualm des Tabaks entstiegenen Szenen entrollte sich, die dem
Alter so widerlich, der Jugend so reizvoll erscheinen.
Auch der Einzelheiten erinnerte sich der, vor dessen Auge sie wieder
stand nach so langen Jahren, noch: wie er selbst in eine vorhanglose
Fensternische gepreßt ihr zugesehen hatte, die Beine heraufgezogen
und das Glas auf einem Stuhle neben sich, damals schon noch in der
Trunkenheit erkennend, was er sah, beobachtend, was ihn umgab, und
Sieger so auch noch über die Stunde, die ihn mit sich gerissen
hatte: wie der "Dicke" das Klavier bearbeitete und seine schaurigen
Baßtöne in den hellen Jubel und Lärm der anderen mischte; wie die
ganze Bande plötzlich im Kreise um das grobe Frauenzimmer und den
"Kleinen"--einen schmächtigen Menschen mit wasserblauen Augen, voll
Gelehrsamkeit trotz, und voll Schüchternheit wegen seiner Jugend,
herumgetanzt war, und die Vermählung des ungleichen Paares
proklamiert hatte . . .
Die Gläser klirrten; die Stimmen schrieen durcheinander; schwere
Füße stampften den Boden; an der Decke lagerte sich der Rauch;
einer, in einer trüben Erinnerung an Nana leerte sein Bierglas in
das Klavier; ein anderer riß die rotgestreiften Decken von den
Tischen und hüllte darin ein, was ihm unter die Hände kam, indes die
letzten--mit der zähen Hartnäckigkeit der halben Trunkenheit--
nicht abließen, sondern auf der Erfüllung ihrer tollen Idee
bestanden--und bereits war die Grenze überschritten, wo das
Verzeihliche aufhört, um der Sinnlosigkeit zu weichen, als er mit
einem großen Satze aus seiner Fensternische aufgesprungen war,
mitten unter die Schreienden und sie überrief:
"Aber seid ihr denn ganz verrückt!"
Und er schob die Kellnerin zur Türe hinaus, ungeachtet aller
schreienden Proteste, setzte seinen Hut auf, und ihm nach war die
ganze Gesellschaft gestolpert, einer anderen Kneipe, einer anderen
Torheit zu, die stille Straße mit neuem Singen und Lärmen erfühlend,
daß friedliche Bürger aus dem Schlaf ihrer Ruhe fuhren und das
träumende Gespons mit der Frage weckten: ob es denn etwa brenne . . .
Nein, es waren diesmal nur die Kinder ihrer eigenen Liebe.