Die Gesellschaft der Stadt setzte sich leicht erkennbar aus drei
Grundelementen zusammen: aus Großhändlern, Beamten und aus Militär.
Seit sehr langen Jahren saßen die Ersteren hier fest. Sie waren der
Urstamm des Bürgertums. So lange hatten sie fast nur untereinander
geheiratet, daß sie gewissermaßen eine große Familie geworden waren,
welche sich in ererbten Anschauungen und Bräuchen so lange wie
irgend möglich fortzubewegen suchte und unter sich mit einem harten
Anklang an den Dialekt der Gegend sprach.
Million zu Million häufend hatten sie hier eine moderne Zwingburg
des Kapitals errichtet, gegen die anzukämpfen eine Unmöglichkeit
schien. Noch nie war es versucht worden.
So hatten sie--die unumschränkten Herrscher dieser Stadt--ihr
lange den Stempel aufgedrückt; den Stempel eines souveränen,
starren, fortschrittfeindlichen Willens.
Das waren die "Alldahiesigen!" . . .
Dann hatte der Staat große Betriebe errichtet, und eine unzählige
Schar von Beamten jeder Art war hier zusammengeströmt, aus allen
Teilen des Reiches, neue Sprachen, neue Sitten, neue Kochrezepte mit
sich führend. Neues Leben kam mit ihnen nicht. Machtlos zu irgend
einer Initiative hatten sie sich willenlos einzuschmiegen als Räder
in das Werk der großen Maschine Staat, welche sie verbrauchte. Aber
die Luft begann zu schwirren von neuen Titeln, vom Morgengang zum
Büro bis zum letzten--immer sehr späten--Abendschoppen im
"Münchener Kindl", und die Eingesessenen zogen sich mürrisch mehr
und mehr zurück unter die dicke Haut ihrer sicheren Privilegien . . .
Waren sie zehn Jahre hier gewesen, alle diese Fremden, ohne nach
einer anderen Stadt weiterversetzt zu sein, so wurden sie zu
"Hiesigen". Bis dahin blieben sie, was sie waren--: die
"Hergeloffenen".
Unweit der Grenze lag die Stadt. Seit dem gräßlichen Kriege mit dem
"Erbfeind" war unablässig Militär über Militär hergezogen, bis zwei
Regimenter hier festlagen. Ueberall an den sich erweiternden Grenzen
der Stadt entstanden weißgetünchte Baracken von Holz und große,
rote, viereckige Ziegelhaufen von abscheulicher Häßlichkeit, hinter
deren Umfassungsmauern die rohen Flüche brutaler Unteroffiziere und
die stampfenden Schritte schwerer und keuchender Menschenmassen
hervortönten, und die bis dahin so friedlichen Straßen der Städte
erzitterten unter dem Klirren rasselnder Schleppsäbel.
Furchtbarer aber noch waren die Verheerungen, welche diese neue
Macht in den Herzen der Großbürgertöchter der Stadt anrichtete, und
murrend nur sahen die Väter, wutschnaubend aber die betrogenen
Vettern der großen Familie eine der lieblichen Blüten nach
der anderen gepflückt von der kecken Hand eines adeligen
Sekonde-Leutnants, der die Geldsäcke nicht nur zu verachten, sondern
auch mit Grazie zu leeren verstand.
Und war es nicht in Ordnung so?--Das Kapital verband sich mit der
Gewalt, welche seine Privilegien schützte.
Dazwischen lebte ein träges Kleinbürgertum und ein machtloser
Handwerkerstand so hin, von Tag zu Tag, kleine Kannegießer und
schlechte Musikanten. Sie verlangten kaum etwas anderes, als
beständig über etwas brummen zu dürfen . . .
Das waren die Leute der Städte.
Von geistigen Bedürfnissen verspürte man hier noch nichts.
Draußen aber, dort, wo die Schlote dampften und die Feuer lohten, wo
die Erde bis in ihre Tiefen hinein durchwühlt wurde in rastlosem
Kampfe, dort wo kolossale Arbeitermassen aneinander gekettet durch
den Schweiß ihrer furchtbaren Arbeit lagen, dort fielen die Gedanken
der Zeit in den Boden der Fruchtbarkeit.