Martin Luther."

Kohlhaas wälzte eben, auf dem Schlosse zu Lützen, einen neuen Plan,

Leipzig einzuäschern, in seiner zerrissenen Brust herum:--denn auf

die, in den Dörfern angeschlagene Nachricht, daß der Junker Wenzel in

Dresden sei, gab er nichts, weil sie von niemand, geschweige denn vom

Magistrat, wie er verlangt hatte, unterschrieben war:--als Sternbald

und Waldmann das Plakat, das, zur Nachtzeit, an den Torweg des

Schlosses, angeschlagen worden war, zu ihrer großen Bestürzung,

bemerkten. Vergebens hofften sie, durch mehrere Tage, daß Kohlhaas,

den sie nicht gern deshalb antreten wollten, es erblicken würde;

finster und in sich gekehrt, in der Abendstunde erschien er zwar,

aber bloß, um seine kurzen Befehle zu geben, und sah nichts:

dergestalt, daß sie an einem Morgen, da er ein paar Knechte, die in

der Gegend, wider seinen Willen, geplündert hatten, aufknöpfen lassen

wollte, den Entschluß faßten, ihn darauf aufmerksam zu machen. Eben

kam er, während das Volk von beiden Seiten schüchtern auswich, in dem

Aufzuge, der ihm, seit seinem letzten Mandat, gewöhnlich war, von dem

Richtplatz zurück, ein großes Cherubsschwert, auf einem rotledernen

Kissen, mit Quasten von Gold verziert, ward ihm vorangetragen, und

zwölf Knechte, mit brennenden Fackeln folgten ihm, da traten die

beiden Männer, ihre Schwerter unter dem Arm, so, daß es ihn befremden

mußte, um den Pfeiler, an welchen das Plakat angeheftet war, herum.

Kohlhaas, als er, mit auf dem Rücken zusammengelegten Händen, in

Gedanken vertieft, unter das Portal kam, schlug die Augen auf und

stutzte; und da die Knechte, bei seinem Anblick, ehrerbietig

auswichen: so trat er, indem er sie zerstreut ansah, mit einigen

raschen Schritten, an den Pfeiler heran. Aber wer beschreibt, was in

seiner Seele vorging, als er das Blatt, dessen Inhalt ihn der

Ungerechtigkeit zieh, daran erblickte: unterzeichnet von dem

teuersten und verehrungswürdigsten Namen, den er kannte, von dem

Namen Martin Luthers! Eine dunkle Röte stieg in sein Antlitz empor;

er durchlas es, indem er den Helm abnahm, zweimal von Anfang bis zu

Ende; wandte sich, mit ungewissen Blicken, mitten unter die Knechte

zurück, als ob er etwas sagen wollte, und sagte nichts; löste das

Blatt von der Wand los, durchlas es noch einmal; und rief: Waldmann!

laß mir mein Pferd satteln! sodann: Sternbald! folge mir ins Schloß!

und verschwand. Mehr als dieser wenigen Worte bedurfte es nicht, um

ihn, in der ganzen Verderblichkeit, in der er dastand, plötzlich zu

entwaffnen. Er warf sich in die Verkleidung eines thüringischen

Landpächters; sagte Sternbald, daß ein Geschäft, von bedeutender

Wichtigkeit, ihn nach Wittenberg zu reisen nötige; übergab ihm, in

Gegenwart einiger der vorzüglichsten Knechte, die Anführung des in

Lützen zurückbleibenden Haufens; und zog, unter der Versicherung, daß

er in drei Tagen, binnen welcher Zeit kein Angriff zu fürchten sei,

wieder zurück sein werde, nach Wittenberg ab.

Er kehrte, unter einem fremden Namen, in ein Wirtshaus ein, wo er,

sobald die Nacht angebrochen war, in seinem Mantel, und mit einem

Paar Pistolen versehen, die er in der Tronkenburg erbeutet hatte, zu

Luthern ins Zimmer trat. Luther, der unter Schriften und Büchern an

seinem Pulte saß, und den fremden, besonderen Mann die Tür öffnen und

hinter sich verriegeln sah, fragte ihn: wer er sei? und was er wolle?

und der Mann, der seinen Hut ehrerbietig in der Hand hielt, hatte

nicht sobald, mit dem schüchternen Vorgefühl des Schreckens, den er

verursachen würde, erwidert: daß er Michael Kohlhaas, der Roßhändler

sei; als Luther schon: weiche fern hinweg! ausrief, und indem er, vom

Pult erstehend, nach einer Klingel eilte, hinzusetzte: dein Odem ist

Pest und deine Nähe Verderben! Kohlhaas, indem er, ohne sich vom

Platz zu regen, sein Pistol zog, sagte: Hochwürdiger Herr, dies

Pistol, wenn Ihr die Klingel rührt, streckt mich leblos zu Euren

Füßen nieder! Setzt Euch und hört mich an; unter den Engeln, deren

Psalmen Ihr aufschreibt, seid Ihr nicht sicherer, als bei mir.

Luther, indem er sich niedersetzte, fragte: was willst du? Kohlhaas

erwiderte: Eure Meinung von mir, daß ich ein ungerechter Mann sei,

widerlegen! Ihr habt mir in Eurem Plakat gesagt, daß meine Obrigkeit

von meiner Sache nichts weiß: wohlan, verschafft mir freies Geleit,

so gehe ich nach Dresden, und lege sie ihr vor.--"Heilloser und

entsetzlicher Mann!" rief Luther, durch diese Worte verwirrt zugleich

und beruhigt: "wer gab dir das Recht, den Junker von Tronka, in

Verfolg eigenmächtiger Rechtsschlüsse, zu überfallen, und da du ihn

auf seiner Burg nicht fandst mit Feuer und Schwert die ganze

Gemeinschaft heimzusuchen, die ihn beschirmt?" Kohlhaas erwiderte:

hochwürdiger Herr, niemand, fortan! Eine Nachricht, die ich aus

Dresden erhielt, hat mich getäuscht, mich verführt! Der Krieg, den

ich mit der Gemeinheit der Menschen führe, ist eine Missetat, sobald

ich aus ihr nicht, wie Ihr mir die Versicherung gegeben habt,

verstoßen war! Verstoßen! rief Luther, indem er ihn ansah. Welch

eine Raserei der Gedanken ergriff dich? Wer hätte dich aus der

Gemeinschaft des Staats, in welchem du lebtest, verstoßen? Ja, wo

ist, so lange Staaten bestehen, ein Fall, daß jemand, wer es auch sei,

daraus verstoßen worden wäre?--Verstoßen, antwortete Kohlhaas, indem

er die Hand zusammendrückte, nenne ich den, dem der Schutz der

Gesetze versagt ist! Denn dieses Schutzes, zum Gedeihen meines

friedlichen Gewerbes, bedarf ich; ja, er ist es, dessenhalb ich mich,

mit dem Kreis dessen, was ich erworben, in diese Gemeinschaft flüchte;

und wer mir ihn versagt, der stößt mich zu den Wilden der Einöde

hinaus; er gibt mir, wie wollt Ihr das leugnen, die Keule, die mich

selbst schützt, in die Hand.--Wer hat dir den Schutz der Gesetze

versagt? rief Luther. Schrieb ich dir nicht, daß die Klage, die du

eingereicht, dem Landesherrn, dem du sie eingereicht, fremd ist?

Wenn Staatsdiener hinter seinem Rücken Prozesse unterschlagen, oder

sonst seines geheiligten Namens, in seiner Unwissenheit, spotten; wer

anders als Gott darf ihn wegen der Wahl solcher Diener zur

Rechenschaft ziehen, und bist du, gottverdammter und entsetzlicher

Mensch, befugt, ihn deshalb zu richten?--Wohlan, versetzte Kohlhaas,

wenn mich der Landesherr nicht verstößt, so kehre ich auch wieder in

die Gemeinschaft, die er beschirmt, zurück. Verschafft mir, ich

wiederhol es, freies Geleit nach Dresden: so lasse ich den Haufen,

den ich im Schloß zu Lützen versammelt, auseinander gehen, und bringe

die Klage, mit der ich abgewiesen worden bin, noch einmal bei dem

Tribunal des Landes vor.--Luther, mit einem verdrießlichen Gesicht,

warf die Papiere, die auf seinem Tisch lagen, übereinander, und

schwieg. Die trotzige Stellung, die dieser seltsame Mensch im Staat

einnahm, verdroß ihn; und den Rechtsschluß, den er, von

Kohlhaasenbrück aus, an den Junker erlassen, erwägend, fragte er: was

er denn von dem Tribunal zu Dresden verlange? Kohlhaas antwortete:

Bestrafung des Junkers, den Gesetzen gemäß; Wiederherstellung der

Pferde in den vorigen Stand; und Ersatz des Schadens, den ich sowohl,

als mein bei Mühlberg gefallener Knecht Herse, durch die Gewalttat,

die man an uns verübte, erlitten.--Luther rief: Ersatz des Schadens!

Summen zu Tausenden, bei Juden und Christen, auf Wechseln und

Pfändern, hast du, zur Bestreitung deiner wilden Selbstrache,

aufgenommen. Wirst du den Wert auch, auf der Rechnung, wenn es zur

Nachfrage kommt, ansetzen?--Gott behüte! erwiderte Kohlhaas. Haus

und Hof, und den Wohlstand, den ich besessen, fordere ich nicht

zurück; so wenig als die Kosten des Begräbnisses meiner Frau!

Hersens alte Mutter wird eine Berechnung der Heilkosten, und eine

Spezifikation dessen, was ihr Sohn in der Tronkenburg eingebüßt,

beibringen; und den Schaden, den ich wegen Nichtverkaufs der Rappen

erlitten, mag die Regierung durch einen Sachverständigen abschätzen

lassen.--Luther sagte: rasender, unbegreiflicher und entsetzlicher

Mensch! und sah ihn an. Nachdem dein Schwert sich, an dem Junker,

Rache, die grimmigste, genommen, die sich erdenken läßt: was treibt

dich, auf ein Erkenntnis gegen ihn zu bestehen, dessen Schärfe, wenn

es zuletzt fällt, ihn mit einem Gewicht von so geringer Erheblichkeit

nur trifft?--Kohlhaas erwiderte, indem ihm eine Träne über die Wangen

rollte: hochwürdiger Herr! es hat mich meine Frau gekostet; Kohlhaas

will der Welt zeigen, daß sie in keinem ungerechten Handel umgekommen

ist. Fügt Euch in diesen Stücken meinem Willen, und laßt den

Gerichtshof sprechen; in allem anderen, was sonst noch streitig sein

mag, füge ich mich Euch.--Luther sagte: schau her, was du forderst,

wenn anders die Umstände so sind, wie die öffentliche Stimme hören

läßt, ist gerecht; und hättest du den Streit, bevor du eigenmächtig

zur Selbstrache geschritten, zu des Landesherrn Entscheidung zu

bringen gewußt, so wäre dir deine Forderung, zweifle ich nicht, Punkt

vor Punkt bewilligt worden. Doch hättest du nicht, alles wohl

erwogen, besser getan, du hättest, um deines Erlösers willen, dem

Junker vergeben, die Rappen, dürre und abgehärmt, wie sie waren, bei

der Hand genommen, dich aufgesetzt, und zur Dickfütterung in deinen

Stall nach Kohlhaasenbrück heimgeritten?--Kohlhaas antwortete: kann

sein! indem er ans Fenster trat: kann sein, auch nicht! Hätte ich

gewußt, daß ich sie mit Blut aus dem Herzen meiner lieben Frau würde

auf die Beine bringen müssen: kann sein, ich hätte getan, wie Ihr

gesagt, hochwürdiger Herr, und einen Scheffel Hafer nicht gescheut!

Doch, weil sie mir einmal so teuer zu stehen gekommen sind, so habe

es denn, meine ich, seinen Lauf: laßt das Erkenntnis, wie es mir

zukömmt, sprechen, und den Junker mir die Rappen auffüttern.--Luther

sagte, indem er, unter mancherlei Gedanken, wieder zu seinen Papieren

griff: er wolle mit dem Kurfürsten seinethalben in Unterhandlung

treten. Inzwischen möchte er sich, auf dem Schlosse zu Lützen, still

halten; wenn der Herr ihm freies Geleit bewillige, so werde man es

ihm auf dem Wege öffentlicher Anplackung bekannt machen.--Zwar, fuhr

er fort, da Kohlhaas sich herabbog, um seine Hand zu küssen: ob der

Kurfürst Gnade für Recht ergehen lassen wird, weiß ich nicht; denn

einen Heerhaufen, vernehm ich, zog er zusammen, und steht im Begriff,

dich im Schlosse zu Lützen aufzuheben: inzwischen, wie ich dir schon

gesagt habe, an meinem Bemühen soll es nicht liegen. Und damit stand

er auf, und machte Anstalt, ihn zu entlassen. Kohlhaas meinte, daß

seine Fürsprache ihn über diesen Punkt völlig beruhige; worauf Luther

ihn mit der Hand grüßte, jener aber plötzlich ein Knie vor ihm senkte

und sprach: er habe noch eine Bitte auf seinem Herzen. Zu Pfingsten

nämlich, wo er an den Tisch des Herrn zu gehen pflege, habe er die

Kirche, dieser seiner kriegerischen Unternehmungen wegen, versäumt;

ob er die Gewogenheit haben wolle, ohne weitere Vorbereitung, seine

Beichte zu empfangen, und ihm, zur Auswechselung dagegen, die Wohltat

des heiligen Sakraments zu erteilen? Luther, nach einer kurzen

Besinnung, indem er ihn scharf ansah, sagte: ja, Kohlhaas, das will

ich tun! Der Herr aber, dessen Leib du begehrst, vergab seinem Feind.

--Willst du, setzte er, da jener ihn betreten ansah, hinzu, dem

Junker, der dich beleidigt hat, gleichfalls vergeben: nach der

Tronkenburg gehen, dich auf deine Rappen setzen, und sie zur

Dickfütterung nach Kohlhaasenbrück heimreisen?--"Hochwürdiger Herr",

sagte Kohlhaas errötend, indem er seine Hand ergriff,--nun?--"der

Herr auch vergab allen seinen Feinden nicht. Laßt mich den

Kurfürsten, meinen beiden Herren, dem Schloßvogt und Verwalter, den

Herren Hinz und Kunz, und wer mich sonst in dieser Sache gekränkt

haben mag, vergeben: den Junker aber, wenn es sein kann, nötigen, daß

er mir die Rappen wieder dick füttere."--Bei diesen Worten kehrte ihm

Luther, mit einem mißvergnüglichen Blick, den Rücken zu, und zog die

Klingel. Kohlhaas, während, dadurch herbeigerufen, ein Famulus sich

mit Licht in dem Vorsaal meldete, stand betreten, indem er sich die

Augen trocknete, vom Boden auf; und da der Famulus vergebens, weil

der Riegel vorgeschoben war, an der Türe wirkte, Luther aber sich

wieder zu seinen Papieren niedergesetzt hatte: so machte Kohlhaas dem

Mann die Türe auf. Luther, mit einem kurzen, auf den fremden Mann

gerichteten Seitenblick, sagte dem Famulus: leuchte! worauf dieser,

über den Besuch, den er erblickte, ein wenig befremdet, den

Hausschlüssel von der Wand nahm, und sich, auf die Entfernung

desselben wartend, unter die halboffene Tür des Zimmers zurückbegab.

--Kohlhaas sprach, indem er seinen Hut bewegt zwischen beide Hände

nahm: und so kann ich, hochwürdigster Herr, der Wohltat versöhnt zu

werden, die ich mir von Euch erbat, nicht teilhaftig werden? Luther

antwortete kurz: deinem Heiland, nein; dem Landesherrn,--das bleibt

einem Versuch, wie ich dir versprach, vorbehalten! Und damit winkte

er dem Famulus, das Geschäft, das er ihm aufgetragen, ohne weiteren

Aufschub, abzumachen. Kohlhaas legte, mit dem Ausdruck schmerzlicher

Empfindung, seine beiden Hände auf die Brust; folgte dem Mann, der

ihm die Treppe hinunter leuchtete, und verschwand.

Am anderen Morgen erließ Luther ein Sendschreiben an den Kurfürsten

von Sachsen, worin er, nach einem bitteren Seitenblick auf die seine

Person umgebenden Herren Hinz und Kunz, Kämmerer und Mundschenk von

Tronka, welche die Klage, wie allgemein bekannt war, untergeschlagen

hatten, dem Herrn, mit der Freimütigkeit, die ihm eigen war,

eröffnete, daß bei so ärgerlichen Umständen, nichts anderes zu tun

übrig sei, als den Vorschlag des Roßhändlers anzunehmen, und ihm des

Vorgefallenen wegen, zur Erneuerung seines Prozesses, Amnestie zu

erteilen. Die öffentliche Meinung, bemerkte er, sei auf eine höchst

gefährliche Weise, auf dieses Mannes Seite, dergestalt, daß selbst in

dem dreimal von ihm eingeäscherten Wittenberg, eine Stimme zu seinem

Vorteil spreche; und da er sein Anerbieten, falls er damit abgewiesen

werden sollte, unfehlbar, unter gehässigen Bemerkungen, zur

Wissenschaft des Volks bringen würde, so könne dasselbe leicht in dem

Grade verführt werden, daß mit der Staatsgewalt gar nichts mehr gegen

ihn auszurichten sei. Er schloß, daß man, in diesem

außerordentlichen Fall, über die Bedenklichkeit, mit einem

Staatsbürger, der die Waffen ergriffen, in Unterhandlung zu treten,

hinweggehen müsse; daß derselbe in der Tat durch das Verfahren, das

man gegen ihn beobachtet, auf gewisse Weise außer der

Staatsverbindung gesetzt worden sei; und kurz, daß man ihn, um aus

dem Handel zu kommen, mehr als eine fremde, in das Land gefallene

Macht, wozu er sich auch, da er ein Ausländer sei, gewissermaßen

qualifiziere, als einen Rebellen, der sich gegen den Thron auflehne,

betrachten müsse.--Der Kurfürst erhielt diesen Brief eben, als der

Prinz Christiern von Meißen, Generalissimus des Reichs, Oheim des bei

Mühlberg geschlagenen und an seinen Wunden noch daniederliegenden

Prinzen Friedrich von Meißen; der Großkanzler des Tribunals, Graf

Wrede; Graf Kallheim, Präsident der Staatskanzlei; und die beiden

Herren Hinz und Kunz von Tronka, dieser Kämmerer, jener Mundschenk,

die Jugendfreunde und Vertrauten des Herrn, in dem Schlosse

gegenwärtig waren. Der Kämmerer, Herr Kunz, der, in der Qualität

eines Geheimenrats, des Herrn geheime Korrespondenz, mit der Befugnis,

sich seines Namens und Wappens zu bedienen, besorgte, nahm zuerst

das Wort, und nachdem er noch einmal weitläufig auseinander gelegt

hatte, daß er die Klage, die der Roßhändler gegen den Junker, seinen

Vetter, bei dem Tribunal eingereicht, nimmermehr durch eine

eigenmächtige Verfügung niedergeschlagen haben würde, wenn er sie

nicht, durch falsche Angaben verführt, für eine völlig grundlose und

nichtsnutzige Plackerei gehalten hätte, kam er auf die gegenwärtige

Lage der Dinge. Er bemerkte, daß, weder nach göttlichen noch

menschlichen Gesetzen, der Roßkamm, um dieses Mißgriffs willen,

befugt gewesen wäre, eine so ungeheure Selbstrache, als er sich

erlaubt, auszuüben; schilderte den Glanz, der durch eine Verhandlung

mit demselben, als einer rechtlichen Kriegsgewalt, auf sein

gottverdammtes Haupt falle; und die Schmach, die dadurch auf die

geheiligte Person des Kurfürsten zurückspringe, schien ihm so

unerträglich, daß er, im Feuer der Beredsamkeit, lieber das Äußerste

erleben, den Rechtsschluß des rasenden Rebellen erfüllt, und den

Junker, seinen Vetter, zur Dickfütterung der Rappen nach

Kohlhaasenbrück abgeführt sehen, als den Vorschlag, den der Doktor

Luther gemacht, angenommen wissen wollte. Der Großkanzler des

Tribunals, Graf Wrede, äußerte, halb zu ihm gewandt, sein Bedauern,

daß eine so zarte Sorgfalt, als er, bei der Auflösung dieser

allerdings mißlichen Sache, für den Ruhm des Herrn zeige, ihn nicht,

bei der ersten Veranlassung derselben, erfüllt hätte. Er stellte dem

Kurfürsten sein Bedenken vor, die Staatsgewalt, zur Durchsetzung

einer offenbar unrechtlichen Maßregel, in Anspruch zu nehmen;

bemerkte, mit einem bedeutenden Blick auf den Zulauf, den der

Roßhändler fortdauernd im Lande fand, daß der Faden der Freveltaten

sich auf diese Weise ins Unendliche fortzuspinnen drohe, und erklärte,

daß nur ein schlichtes Rechttun, indem man unmittelbar und

rücksichtslos den Fehltritt, den man sich zu Schulden kommen lassen,

wieder gut machte, ihn abreißen und die Regierung glücklich aus

diesem häßlichen Handel herausziehen könne. Der Prinz Christiern von

Meißen, auf die Frage des Herrn, was er davon halte? äußerte, mit

Verehrung gegen den Großkanzler gewandt: die Denkungsart, die er an

den Tag lege, erfülle ihn zwar mit dem größesten Respekt; indem er

aber dem Kohlhaas zu seinem Recht verhelfen wolle, bedenke er nicht

daß er Wittenberg und Leipzig, und das ganze durch ihn mißhandelte

Land, in seinem gerechten Anspruch auf Schadenersatz, oder wenigstens

Bestrafung, beeinträchtige. Die Ordnung des Staats sei, in Beziehung

auf diesen Mann, so verrückt, daß man sie schwerlich durch einen

Grundsatz, aus der Wissenschaft des Rechts entlehnt, werde einrenken

können. Daher stimme er, nach der Meinung des Kämmerers, dafür, das

Mittel, das für solche Fälle eingesetzt sei, ins Spiel zu ziehen:

einen Kriegshaufen, von hinreichender Größe zusammenzuraffen, und den

Roßhändler, der in Lützen aufgepflanzt sei, damit aufzuheben oder zu

erdrücken. Der Kämmerer, indem er für ihn und den Kurfürsten Stühle

von der Wand nahm, und auf eine verbindliche Weise ins Zimmer setzte,

sagte: er freue sich, daß ein Mann von seiner Rechtschaffenheit und

Einsicht mit ihm in dem Mittel, diese Sache zweideutiger Art

beizulegen, übereinstimme. Der Prinz, indem er den Stuhl, ohne sich

zu setzen, in der Hand hielt, und ihn ansah, versicherte ihn: daß er

gar nicht Ursache hätte sich deshalb zu freuen, indem die damit

verbundene Maßregel notwendig die wäre, einen Verhaftungsbefehl

vorher gegen ihn zu erlassen, und wegen Mißbrauchs des

landesherrlichen Namens den Prozeß zu machen. Denn wenn

Notwendigkeit erfordere, den Schleier vor dem Thron der Gerechtigkeit

niederzulassen, über eine Reihe von Freveltaten, die unabsehbar wie

sie sich forterzeugt, vor den Schranken desselben zu erscheinen,

nicht mehr Raum fänden, so gelte das nicht von der ersten, die sie

veranlaßt; und allererst seine Anklage auf Leben und Tod könne den

Staat zur Zermalmung des Roßhändlers bevollmächtigen, dessen Sache,

wie bekannt, sehr gerecht sei, und dem man das Schwert, das er führe,

selbst in die Hand gegeben. Der Kurfürst, den der Junker bei diesen

Worten betroffen ansah, wandte sich, indem er über das ganze Gesicht

rot ward, und trat ans Fenster. Der Graf Kallheim, nach einer

verlegenen Pause von allen Seiten, sagte, daß man auf diese Weise aus

dem Zauberkreise, in dem man befangen, nicht herauskäme. Mit

demselben Rechte könne seinem Neffen, dem Prinzen Friedrich, der

Prozeß gemacht werden; denn auch er hätte, auf dem Streifzug

sonderbarer Art, den er gegen den Kohlhaas unternommen, seine

Instruktion auf mancherlei Weise überschritten: dergestalt, daß wenn

man nach der weitläufigen Schar derjenigen frage, die die

Verlegenheit, in welcher man sich befinde, veranlaßt, er gleichfalls

unter die Zahl derselben würde benannt, und von dem Landesherrn wegen

dessen was bei Mühlberg vorgefallen, zur Rechenschaft gezogen werden

müssen. Der Mundschenk, Herr Hinz von Tronka, während der Kurfürst

mit ungewissen Blicken an seinen Tisch trat, nahm das Wort und sagte:

er begriffe nicht, wie der Staatsbeschluß, der zu fassen sei, Männern

von solcher Weisheit, als hier versammelt wären, entgehen könne. Der

Roßhändler habe, seines Wissens, gegen bloß freies Geleit nach

Dresden, und erneuerte Untersuchung seiner Sache, versprochen, den

Haufen, mit dem er in das Land gefallen, auseinander gehen zu lassen.

Daraus aber folge nicht, daß man ihm, wegen dieser frevelhaften

Selbstrache, Amnestie erteilen müsse: zwei Rechtsbegriffe, die der

Doktor Luther sowohl, als auch der Staatsrat zu verwechseln scheine.

Wenn, fuhr er fort, indem er den Finger an die Nase legte, bei dem

Tribunal zu Dresden, gleichviel wie, das Erkenntnis der Rappen wegen

gefallen ist; so hindert nichts, den Kohlhaas auf den Grund seiner

Mordbrennereien und Räubereien einzustecken: eine staatskluge Wendung,

die die Vorteile der Ansichten beider Staatsmänner vereinigt, und

des Beifalls der Welt und Nachwelt gewiß ist.--Der Kurfürst, da der

Prinz sowohl als der Großkanzler dem Mundschenk, Herrn Hinz, auf

diese Rede mit einem bloßen Blick antworteten, und die Verhandlung

mithin geschlossen schien, sagte: daß er die verschiedenen Meinungen,

die sie ihm vorgetragen, bis zur nächsten Sitzung des Staatsrats bei

sich selbst überlegen würde.--Es schien, die Präliminar-Maßregel,

deren der Prinz gedacht, hatte seinem für Freundschaft sehr

empfänglichen Herzen die Lust benommen, den Heereszug gegen den

Kohlhaas, zu welchem schon alles vorbereitet war, auszuführen

Wenigstens behielt er den Großkanzler, Grafen Wrede, dessen Meinung

ihm die zweckmäßigste schien, bei sich zurück; und da dieser ihm

Briefe vorzeigte, aus welchen hervorging, daß der Roßhändler in der

Tat schon zu einer Stärke von vierhundert Mann herangewachsen sei; ja,

bei der allgemeinen Unzufriedenheit, die wegen der Unziemlichkeiten

des Kämmerers im Lande herrschte, in kurzem auf eine doppelte und

dreifache Stärke rechnen könne: so entschloß sich der Kurfürst, ohne

weiteren Anstand, den Rat, den ihm der Doktor Luther erteilt,

anzunehmen. Dem gemäß übergab er dem Grafen Wrede die ganze Leitung

der Kohlhaasischen Sache; und schon nach wenigen Tagen erschien ein

Plakat, das wir, dem Hauptinhalt nach, folgendermaßen mitteilen:

"Wir etc, etc. Kurfürst von Sachsen, erteilen, in besonders gnädiger

Rücksicht auf die an Uns ergangene Fürsprache des Doktors Martin

Luther, dem Michael Kohlhaas, Roßhändler aus dem Brandenburgischen,

unter der Bedingung, binnen drei Tagen nach Sicht die Waffen, die er

ergriffen, niederzulegen, behufs einer erneuerten Untersuchung seiner

Sache, freies Geleit nach Dresden; dergestalt zwar, daß, wenn

derselbe, wie nicht zu erwarten, bei dem Tribunal zu Dresden mit

seiner Klage, der Rappen wegen, abgewiesen werden sollte, gegen ihn,

seines eigenmächtigen Unternehmens wegen, sich selbst Recht zu

verschaffen, mit der ganzen Strenge des Gesetzes verfahren werden

solle; im entgegengesetzten Fall aber, ihm mit seinem ganzen Haufen,

Gnade für Recht bewilligt, und völlige Amnestie, seiner in Sachsen

ausgeübten Gewalttätigkeiten wegen, zugestanden sein solle."

Kohlhaas hatte nicht sobald, durch den Doktor Luther, ein Exemplar

dieses in allen Plätzen des Landes angeschlagenen Plakats erhalten,

als er, so bedingungsweise auch die darin geführte Sprache war,

seinen ganzen Haufen schon, mit Geschenken, Danksagungen und

zweckmäßigen Ermahnungen auseinander gehen ließ. Er legte alles, was

er an Geld, Waffen und Gerätschaften erbeutet haben mochte, bei den

Gerichten zu Lützen, als kurfürstliches Eigentum, nieder; und nachdem

er den Waldmann mit Briefen, wegen Wiederkaufs seiner Meierei, wenn

es möglich sei, an den Amtmann nach Kohlhaasenbrück, und den

Sternbald zur Abholung seiner Kinder, die er wieder bei sich zu haben

wünschte, nach Schwerin geschickt hatte, verließ er das Schloß zu

Lützen, und ging, unerkannt, mit dem Rest seines kleinen Vermögens,

das er in Papieren bei sich trug, nach Dresden.

Der Tag brach eben an, und die ganze Stadt schlief noch, als er an

die Tür der kleinen, in der Pirnaischen Vorstadt gelegenen Besitzung,

die ihm durch die Rechtschaffenheit des Amtmanns übrig geblieben war,

anklopfte, und Thomas, dem alten, die Wirtschaft führenden Hausmann,

der ihm mit Erstaunen und Bestürzung aufmachte, sagte: er möchte dem

Prinzen von Meißen auf dem Gubernium melden, daß er, Kohlhaas der

Roßhändler, da wäre. Der Prinz von Meißen, der auf diese Meldung für

zweckmäßig hielt, augenblicklich sich selbst von dem Verhältnis, in

welchem man mit diesem Mann stand, zu unterrichten, fand, als er mit

einem Gefolge von Rittern und Troßknechten bald darauf erschien, in

den Straßen, die zu Kohlhaasens Wohnung führten, schon eine

unermeßliche Menschenmenge versammelt. Die Nachricht, daß der

Würgengel da sei, der die Volksbedrücker mit Feuer und Schwert

verfolgte, hatte ganz Dresden, Stadt und Vorstadt, auf die Beine

gebracht; man mußte die Haustür vor dem Andrang des neugierigen

Haufens verriegeln, und die Jungen kletterten an den Fenstern heran,

um den Mordbrenner, der darin frühstückte, in Augenschein zu nehmen.

Sobald der Prinz, mit Hülfe der ihm Platz machenden Wache, ins Haus

gedrungen, und in Kohlhaasens Zimmer getreten war, fragte er diesen,

welcher halb entkleidet an einem Tische stand: ob er Kohlhaas, der

Roßhändler, wäre? worauf Kohlhaas, indem er eine Brieftasche mit

mehreren über sein Verhältnis lautenden Papieren aus seinem Gurt nahm,

und ihm ehrerbietig überreichte, antwortete: ja! und hinzusetzte: er

finde sich nach Auflösung seines Kriegshaufens, der ihm erteilten

landesherrlichen Freiheit gemäß, in Dresden ein, um seine Klage, der

Rappen wegen, gegen den Junker Wenzel von Tronka vor Gericht zu

bringen. Der Prinz, nach einem flüchtigen Blick, womit er ihn von

Kopf zu Fuß überschaute, durchlief die in der Brieftasche

befindlichen Papiere; ließ sich von ihm erklären, was es mit einem

von dem Gericht zu Lützen ausgestellten Schein, den er darin fand,

über die zu Gunsten des kurfürstlichen Schatzes gemachte Deposition

für eine Bewandtnis habe; und nachdem er die Art des Mannes noch,

durch Fragen mancherlei Gattung, nach seinen Kindern, seinem Vermögen

und der Lebensart die er künftig zu führen denke, geprüft, und

überall so, daß man wohl seinetwegen ruhig sein konnte, befunden

hatte, gab er ihm die Briefschaften wieder, und sagte: daß seinem

Prozeß nichts im Wege stünde, und daß er sich nur unmittelbar, um ihn

einzuleiten, an den Großkanzler des Tribunals, Grafen Wrede, selbst

wenden möchte. Inzwischen, sagte der Prinz, nach einer Pause, indem

er ans Fenster trat, und mit großen Augen das Volk, das vor dem Hause

versammelt war, überschaute: du wirst auf die ersten Tage eine Wache

annehmen müssen, die dich, in deinem Hause sowohl, als wenn du

ausgehst, schütze!--Kohlhaas sah betroffen vor sich nieder, und

schwieg. Der Prinz sagte: "gleichviel!" indem er das Fenster wieder

verließ. "Was daraus entsteht, du hast es dir selbst beizumessen";

und damit wandte er sich wieder nach der Tür, in der Absicht, das

Haus zu verlassen. Kohlhaas, der sich besonnen hatte, sprach:

Gnädigster Herr! tut, was Ihr wollt! Gebt mir Euer Wort, die Wache,

sobald ich es wünsche, wieder aufzuheben: so habe ich gegen diese

Maßregel nichts einzuwenden! Der Prinz erwiderte: das bedürfe der

Rede nicht; und nachdem er drei Landsknechten, die man ihm zu diesem

Zweck vorstellte, bedeutet hatte: daß der Mann, in dessen Hause sie

zurückblieben, frei wäre, und daß sie ihm bloß zu seinem Schutz, wenn

er ausginge, folgen sollten, grüßte er den Roßhändler mit einer

herablassenden Bewegung der Hand, und entfernte sich.

Gegen Mittag begab sich Kohlhaas, von seinen drei Landsknechten

begleitet, unter dem Gefolge einer unabsehbaren Menge, die ihm aber

auf keine Weise, weil sie durch die Polizei gewarnt war, etwas zu

Leide tat, zu dem Großkanzler des Tribunals, Grafen Wrede. Der

Großkanzler, der ihn mit Milde und Freundlichkeit in seinem Vorgemach

empfing, unterhielt sich während zwei ganzer Stunden mit ihm, und

nachdem er sich den ganzen Verlauf der Sache, von Anfang bis zu Ende,

hatte erzählen lassen, wies er ihn, zur unmittelbaren Abfassung und

Einreichung der Klage, an einen, bei dem Gericht angestellten,

berühmten Advokaten der Stadt. Kohlhaas, ohne weiteren Verzug,

verfügte sich in dessen Wohnung; und nachdem die Klage, ganz der

ersten niedergeschlagenen gemäß, auf Bestrafung des Junkers nach den

Gesetzen, Wiederherstellung der Pferde in den vorigen Stand, und

Ersatz seines Schadens sowohl, als auch dessen, den sein bei Mühlberg

gefallener Knecht Herse erlitten hatte, zu Gunsten der alten Mutter

desselben, aufgesetzt war, begab er sich wieder, unter Begleitung des

ihn immer noch angaffenden Volks, nach Hause zurück, wohl

entschlossen, es anders nicht, als nur wenn notwendige Geschäfte ihn

riefen, zu verlassen.

Inzwischen war auch der Junker seiner Haft in Wittenberg entlassen,

und nach Herstellung von einer gefährlichen Rose, die seinen Fuß

entzündet hatte, von dem Landesgericht unter peremtorischen

Bedingungen aufgefordert worden, sich zur Verantwortung auf die von

dem Roßhändler Kohlhaas gegen ihn eingereichte Klage, wegen

widerrechtlich abgenommener und zu Grunde gerichteter Rappen, in

Dresden zu stellen. Die Gebrüder Kämmerer und Mundschenk von Tronka,

Lehnsvettern des Junkers, in deren Hause er abtrat, empfingen ihn mit

der größesten Erbitterung und Verachtung; sie nannten ihn einen

Elenden und Nichtswürdigen, der Schande und Schmach über die ganze

Familie bringe, kündigten ihm an, daß er seinen Prozeß nunmehr

unfehlbar verlieren würde, und forderten ihn auf, nur gleich zur

Herbeischaffung der Rappen, zu deren Dickfütterung er, zum

Hohngelächter der Welt, verdammt werden werde, Anstalt zu machen.

Der Junker sagte, mit schwacher, zitternder Stimme: er sei der

bejammernswürdigste Mensch von der Welt. Er verschwor sich, daß er

von dem ganzen verwünschten Handel, der ihn ins Unglück stürze, nur

wenig gewußt, und daß der Schloßvogt und der Verwalter an allem

schuld wären, indem sie die Pferde, ohne sein entferntestes Wissen

und Wollen, bei der Ernte gebraucht, und durch unmäßige Anstrengungen,

zum Teil auf ihren eigenen Feldern, zu Grunde gerichtet hätten. Er

setzte sich, indem er dies sagte, und bat ihn nicht durch Kränkungen

und Beleidigungen in das Übel, von dem er nur soeben erst erstanden

sei, mutwillig zurückzustürzen. Am andern Tage schrieben die Herren

Hinz und Kunz, die in der Gegend der eingeäscherten Tronkenburg Güter

besaßen, auf Ansuchen des Junkers, ihres Vetters, weil doch nichts

anders übrig blieb, an ihre dort befindlichen Verwalter und Pächter,

um Nachricht über die an jenem unglücklichen Tage abhanden gekommenen

und seitdem gänzlich verschollenen Rappen einzuziehn. Aber alles,

was sie bei der gänzlichen Verwüstung des Platzes, und der

Niedermetzelung fast aller Einwohner, erfahren konnten, war, daß ein

Knecht sie, von den flachen Hieben des Mordbrenners getrieben, aus

dem brennenden Schuppen, in welchem sie standen, gerettet, nachher

aber auf die Frage, wo er sie hinführen, und was er damit anfangen

solle, von dem grimmigen Wüterich einen Fußtritt zur Antwort erhalten

habe. Die alte, von der Gicht geplagte Haushälterin des Junkers, die

sich nach Meißen geflüchtet hatte, versicherte demselben, auf eine

schriftliche Anfrage, daß der Knecht sich, am Morgen jener

entsetzlichen Nacht, mit den Pferden nach der brandenburgischen

Grenze gewandt habe; doch alle Nachfragen, die man daselbst anstellte,

waren vergeblich, und es schien dieser Nachricht ein Irrtum zum

Grunde zu liegen, indem der Junker keinen Knecht hatte, der im

Brandenburgischen, oder auch nur auf der Straße dorthin, zu Hause war.

Männer aus Dresden, die wenige Tage nach dem Brande der Tronkenburg

in Wilsdruf gewesen waren, sagten aus, daß um die benannte Zeit ein

Knecht mit zwei an der Halfter gehenden Pferden dort angekommen, und

die Tiere, weil sie sehr elend gewesen wären, und nicht weiter fort

gekonnt hätten, im Kuhstall eines Schäfers, der sie wieder hätte

aufbringen wollen, stehen gelassen hätte. Es schien mancherlei

Gründe wegen sehr wahrscheinlich, daß dies die in Untersuchung

stehenden Rappen waren; aber der Schäfer aus Wilsdruf hatte sie, wie

Leute, die dorther kamen, versicherten, schon wieder, man wußte nicht

an wen, verhandelt; und ein drittes Gerücht, dessen Urheber

unentdeckt blieb, sagte gar aus, daß die Pferde bereits in Gott

verschieden, und in der Knochengrube zu Wilsdruf begraben wären. Die

Herren Hinz und Kunz, denen diese Wendung der Dinge, wie man leicht

begreift, die erwünschteste war, indem sie dadurch, bei des Junkers

ihres Vetters Ermangelung eigener Ställe, der Notwendigkeit, die

Rappen in den ihrigen aufzufüttern, überhoben waren, wünschten

gleichwohl, völliger Sicherheit wegen, diesen Umstand zu bewahrheiten.

Herr Wenzel von Tronka erließ demnach, als Erb-, Lehns- und

Gerichtsherr, ein Schreiben an die Gerichte zu Wilsdruf, worin er

dieselben, nach einer weitläufigen Beschreibung der Rappen, die, wie

er sagte, ihm anvertraut und durch einen Unfall abhanden gekommen

wären, dienstfreundlichst ersuchte, den dermaligen Aufenthalt

derselben zu erforschen, und den Eigner, wer er auch sei,

aufzufordern und anzuhalten, sie, gegen reichliche Wiedererstattung

aller Kosten, in den Ställen des Kämmerers, Herrn Kunz, zu Dresden

abzuliefern. Dem gemäß erschien auch wirklich, wenige Tage darauf,

der Mann an den sie der Schäfer aus Wilsdruf verhandelt hatte, und

führte sie, dürr und wankend, an die Runge seines Karrens gebunden,

auf den Markt der Stadt; das Unglück aber Herrn Wenzels, und noch

mehr des ehrlichen Kohlhaas wollte, daß es der Abdecker aus Döbbeln

war.

Sobald Herr Wenzel, in Gegenwart des Kämmerers, seines Vetters, durch

ein unbestimmtes Gerücht vernommen hatte, daß ein Mann mit zwei

schwarzen aus dem Brande der Tronkenburg entkommenen Pferden in der

Stadt angelangt sei, begaben sich beide, in Begleitung einiger aus

dem Hause zusammengerafften Knechte, auf den Schloßplatz, wo er stand,

um sie demselben, falls es die dem Kohlhaas zugehörigen wären, gegen

Erstattung der Kosten abzunehmen, und nach Hause zu führen. Aber wie

betreten waren die Ritter, als sie bereits einen, von Augenblick zu

Augenblick sich vergrößernden Haufen von Menschen, den das Schauspiel

herbeigezogen, um den zweirädrigen Karren, an dem die Tiere befestigt

waren, erblickten; unter unendlichem Gelächter einander zurufend, daß

die Pferde schon, um derenthalben der Staat wanke, an den Schinder

gekommen wären! Der Junker, der um den Karren herumgegangen war, und

die jämmerlichen Tiere, die alle Augenblicke sterben zu wollen

schienen, betrachtet hatte, sagte verlegen: das wären die Pferde

nicht, die er dem Kohlhaas abgenommen; doch Herr Kunz, der Kämmerer,

einen Blick sprachlosen Grimms voll auf ihn werfend, der, wenn er von

Eisen gewesen wäre, ihn zerschmettert hätte, trat, indem er seinen

Mantel, Orden und Kette entblößend, zurückschlug, zu dem Abdecker

heran, und fragte ihn: ob das die Rappen wären, die der Schäfer von

Wilsdruf an sich gebracht, und der Junker Wenzel von Tronka, dem sie

gehörten, bei den Gerichten daselbst requiriert hätte? Der Abdecker,

der, einen Eimer Wasser in der Hand, beschäftigt war, einen dicken,

wohlbeleibten Gaul, der seinen Karren zog, zu tränken, sagte: "die

schwarzen?"--Er streifte dem Gaul, nachdem er den Eimer niedergesetzt,

das Gebiß aus dem Maul, und sagte: "die Rappen, die an die Runge

gebunden wären, hätte ihm der Schweinehirte von Hainichen verkauft.

Wo der sie her hätte, und ob sie von dem Wilsdrufer Schäfer kämen,

das wisse er nicht. Ihm hätte", sprach er, während er den Eimer

wieder aufnahm, und zwischen Deichsel und Knie anstemmte: "ihm hätte

der Gerichtsbote aus Wilsdruf gesagt, daß er sie nach Dresden in das

Haus derer von Tronka bringen solle; aber der Junker, an den er

gewiesen sei, heiße Kunz." Bei diesen Worten wandte er sich mit dem

Rest des Wassers, den der Gaul im Eimer übrig gelassen hatte, und

schüttete ihn auf das Pflaster der Straße aus. Der Kämmerer, der,

von den Blicken der hohnlachenden Menge umstellt, den Kerl, der mit

empfindungslosem Eifer seine Geschäfte betrieb, nicht bewegen konnte,

daß er ihn ansah, sagte: daß er der Kämmerer, Kunz von Tronka, wäre;

die Rappen aber, die er an sich bringen solle, müßten dem Junker,

seinem Vetter, gehören; von einem Knecht, der bei Gelegenheit des

Brandes aus der Tronkenburg entwichen, an den Schäfer zu Wilsdruf

gekommen, und ursprünglich zwei dem Roßhändler Kohlhaas zugehörige

Pferde sein! Er fragte den Kerl, der mit gespreizten Beinen dastand,

und sich die Hosen in die Höhe zog: ob er davon nichts wisse? Und ob

sie der Schweinehirte von Hainichen nicht vielleicht, auf welchen

Umstand alles ankomme, von dem Wilsdrufer Schäfer, oder von einem

Dritten, der sie seinerseits von demselben gekauft, erstanden

hätte?--Der Abdecker, der sich an den Wagen gestellt und sein Wasser

abgeschlagen hatte, sagte: "er wäre mit den Rappen nach Dresden

bestellt, um in dem Hause derer von Tronka sein Geld dafür zu

empfangen. Was er da vorbrächte, verstände er nicht; und ob sie, vor

dem Schweinehirten aus Hainichen, Peter oder Paul besessen hätte,

oder der Schäfer aus Wilsdruf, gelte ihm, da sie nicht gestohlen

wären, gleich." Und damit ging er, die Peitsche quer über seinen

breiten Rücken, nach einer Kneipe, die auf dem Platze lag, in der

Absicht, hungrig wie er war, ein Frühstück einzunehmen. Der Kämmerer,

der auf der Welt Gottes nicht wußte, was er mit Pferden, die der

Schweinehirte von Hainichen an den Schinder in Döbbeln verkauft,

machen solle, falls es nicht diejenigen wären, auf welchen der Teufel

durch Sachsen ritt, forderte den Junker auf, ein Wort zu sprechen;

doch da dieser mit bleichen, bebenden Lippen erwiderte: das Ratsamste

wäre, daß man die Rappen kaufe, sie möchten dem Kohlhaas gehören oder

nicht: so trat der Kämmerer, Vater und Mutter, die ihn geboren,

verfluchend, indem er sich den Mantel zurückschlug, gänzlich

unwissend, was er zu tun oder zu lassen habe, aus dem Haufen des

Volks zurück. Er rief den Freiherrn von Wenk, einen Bekannten, der

über die Straße ritt, zu sich heran, und trotzig, den Platz nicht zu

verlassen, eben weil das Gesindel höhnisch auf ihn einblickte, und,

mit vor dem Mund zusammengedrückten Schnupftüchern, nur auf seine

Entfernung zu warten schien, um loszuplatzen, bat er ihn, bei dem

Großkanzler, Grafen Wrede, abzusteigen, und durch dessen Vermittelung

den Kohlhaas zur Besichtigung der Rappen herbeizuschaffen. Es traf

sich, daß Kohlhaas eben, durch einen Gerichtsboten herbeigerufen, in

dem Gemach des Großkanzlers, gewisser, die Deposition in Lützen

betreffenden Erläuterungen wegen, die man von ihm bedurfte,

gegenwärtig war, als der Freiherr, in der eben erwähnten Absicht, zu

ihm ins Zimmer trat; und während der Großkanzler sich mit einem

verdrießlichen Gesicht vom Sessel erhob, und den Roßhändler, dessen

Person jenem unbekannt war, mit den Papieren, die er in der Hand

hielt, zur Seite stehen ließ, stellte der Freiherr ihm die

Verlegenheit, in welcher sich die Herren von Tronka befanden, vor.

Der Abdecker von Döbbeln sei, auf mangelhafte Requisition der

Wilsdrufer Gerichte, mit Pferden erschienen, deren Zustand so heillos

beschaffen wäre, daß der Junker Wenzel anstehen müsse, sie für die

dem Kohlhaas gehörigen anzuerkennen; dergestalt, daß, falls man sie

gleichwohl dem Abdecker abnehmen solle, um in den Ställen der Ritter,

zu ihrer Wiederherstellung, einen Versuch zu machen, vorher eine

Okular-Inspektion des Kohlhaas, um den besagten Umstand außer Zweifel

zu setzen, notwendig sei. "Habt demnach die Güte, schloß er, den

Roßhändler durch eine Wache aus seinem Hause abholen und auf den

Markt, wo die Pferde stehen, hinführen zu lassen." Der Großkanzler,

indem er sich eine Brille von der Nase nahm, sagte: daß er in einem

doppelten Irrtum stünde; einmal, wenn er glaube, daß der in Rede

stehende Umstand anders nicht, als durch eine Okular-Inspektion des

Kohlhaas auszumitteln sei; und dann, wenn er sich einbilde, er, der

Kanzler, sei befugt, den Kohlhaas durch eine Wache, wohin es dem

Junker beliebe, abführen zu lassen. Dabei stellte er ihm den

Roßhändler, der hinter ihm stand, vor, und bat ihn, indem er sich

niederließ und seine Brille wieder aufsetzte, sich in dieser Sache an

ihn selbst zu wenden.--Kohlhaas, der mit keiner Miene, was in seiner

Seele vorging, zu erkennen gab, sagte: daß er bereit wäre, ihm zur

Besichtigung der Rappen, die der Abdecker in die Stadt gebracht, auf

den Markt zu folgen. Er trat, während der Freiherr sich betroffen zu

ihm umkehrte, wieder an den Tisch des Großkanzlers heran, und nachdem

er demselben noch, aus den Papieren seiner Brieftasche, mehrere, die

Deposition in Lützen betreffende Nachrichten gegeben hatte,

beurlaubte er sich von ihm; der Freiherr, der, über das ganze Gesicht

rot, ans Fenster getreten war, empfahl sich ihm gleichfalls; und

beide gingen, begleitet von den drei durch den Prinzen von Meißen

eingesetzten Landsknechten, unter dem Troß einer Menge von Menschen,

nach dem Schloßplatz hin. Der Kämmerer, Herr Kunz, der inzwischen

den Vorstellungen mehrerer Freunde, die sich um ihn eingefunden

hatten, zum Trotz, seinen Platz, dem Abdecker von Döbbeln gegenüber,

unter dem Volke behauptet hatte, trat, sobald der Freiherr mit dem

Roßhändler erschien, an den letzteren heran, und fragte ihn, indem er

sein Schwert, mit Stolz und Ansehen, unter dem Arm hielt: ob die

Pferde, die hinter dem Wagen stünden, die seinigen wären? Der

Roßhändler, nachdem er, mit einer bescheidenen Wendung gegen den die

Frage an ihn richtenden Herrn, den er nicht kannte, den Hut gerückt

hatte, trat, ohne ihm zu antworten, im Gefolge sämtlicher Ritter, an

den Schinderkarren heran; und die Tiere, die, auf wankenden Beinen,

die Häupter zur Erde gebeugt, dastanden, und von dem Heu, das ihnen

der Abdecker vorgelegt hatte, nicht fraßen, flüchtig, aus einer Ferne

von zwölf Schritt, in welcher er stehen blieb, betrachtet: gnädigster

Herr! wandte er sich wieder zu dem Kämmerer zurück, der Abdecker hat

ganz recht; die Pferde, die an seinen Karren gebunden sind, gehören

mir! Und damit, indem er sich in dem ganzen Kreise der Herren umsah,

rückte er den Hut noch einmal, und begab sich, von seiner Wache

begleitet, wieder von dem Platz hinweg. Bei diesen Worten trat der

Kämmerer, mit einem raschen, seinen Helmbusch erschütternden Schritt

zu dem Abdecker heran, und warf ihm einen Beutel mit Geld zu; und

während dieser sich, den Beutel in der Hand, mit einem bleiernen Kamm

die Haare über die Stirn zurückkämmte, und das Geld betrachtete,

befahl er einem Knecht, die Pferde abzulösen und nach Hause zu führen!

Der Knecht, der auf den Ruf des Herrn, einen Kreis von Freunden und

Verwandten, die er unter dem Volke besaß, verlassen hatte, trat auch,

in der Tat, ein wenig rot im Gesicht, über eine große Mistpfütze, die

sich zu ihren Füßen gebildet hatte, zu den Pferden heran; doch kaum

hatte er ihre Halftern erfaßt, um sie loszubinden, als ihn Meister

Himboldt, sein Vetter, schon beim Arm ergriff, und mit den Worten: du

rührst die Schindmähren nicht an! von dem Karren hinwegschleuderte.

Er setzte, indem er sich mit ungewissen Schritten über die Mistpfütze

wieder zu dem Kämmerer, der über diesen Vorfall sprachlos dastand,

zurück wandte, hinzu: daß er sich einen Schinderknecht anschaffen

müsse, um ihm einen solchen Dienst zu leisten! Der Kämmerer, der,

vor Wut schäumend, den Meister auf einen Augenblick betrachtet hatte,

kehrte sich um, und rief über die Häupter der Ritter, die ihn

umringten, hinweg, nach der Wache; und sobald, auf die Bestellung des

Freiherrn von Wenk, ein Offizier mit einigen kurfürstlichen Trabanten,

aus dem Schloß erschienen war, forderte er denselben unter einer

kurzen Darstellung der schändlichen Aufhetzerei, die sich die Bürger

der Stadt erlaubten, auf, den Rädelsführer, Meister Himboldt, in

Verhaft zu nehmen. Er verklagte den Meister, indem er ihn bei der

Brust faßte: daß er seinen, die Rappen auf seinen Befehl losbindenden

Knecht von dem Karren hinwegeschleudert und mißhandelt hätte. Der

Meister, indem er den Kämmerer mit einer geschickten Wendung, die ihn

befreiete, zurückwies, sagte: gnädigster Herr! einem Burschen von

zwanzig Jahren bedeuten, was er zu tun hat, heißt nicht, ihn

verhetzen! Befragt ihn, ob er sich gegen Herkommen und

Schicklichkeit mit den Pferden, die an die Karre gebunden sind,

befassen will; will er es, nach dem, was ich gesagt, tun: sei's!

Meinethalb mag er sie jetzt abludern und häuten! Bei diesen Worten

wandte sich der Kämmerer zu dem Knecht herum, und fragte ihn: ob er

irgend Anstand nähme, seinen Befehl zu erfüllen, und die Pferde, die

dem Kohlhaas gehörten, loszubinden, und nach Hause zu führen? und da

dieser schüchtern, indem er sich unter die Bürger mischte, erwiderte:

die Pferde müßten erst ehrlich gemacht werden, bevor man ihm das

zumute; so folgte ihm der Kämmerer von hinten, riß ihm den Hut ab,

der mit seinem Hauszeichen geschmückt war, zog, nachdem er den Hut

mit Füßen getreten, von Leder, und jagte den Knecht mit wütenden

Hieben der Klinge augenblicklich vom Platz weg und aus seinen

Diensten. Meister Himboldt rief: schmeißt den Mordwüterich doch

gleich zu Boden! und während die Bürger, von diesem Auftritt empört,

zusammentraten, und die Wache hinwegdrängten, warf er den Kämmerer

von hinten nieder, riß ihm Mantel, Kragen und Helm ab, wand ihm das

Schwert aus der Hand, und schleuderte es, in einem grimmigen Wurf,

weit über den Platz hinweg. Vergebens rief der Junker Wenzel, indem

er sich aus dem Tumult rettete, den Rittern zu, seinem Vetter

beizuspringen; ehe sie noch einen Schritt dazu getan hatten, waren

sie schon von dem Andrang des Volks zerstreut, dergestalt, daß der

Kämmerer, der sich den Kopf beim Fallen verletzt hatte, der ganzen

Wut der Menge preis gegeben war. Nichts, als die Erscheinung eines

Trupps berittener Landsknechte, die zufällig über den Platz zogen,

und die der Offizier der kurfürstlichen Trabanten zu seiner

Unterstützung herbeirief, konnte den Kämmerer retten. Der Offizier,

nachdem er den Haufen verjagt, ergriff den wütenden Meister, und

während derselbe durch einige Reuter nach dem Gefängnis gebracht ward,

hoben zwei Freunde den unglücklichen mit Blut bedeckten Kämmerer vom

Boden auf, und führten ihn nach Hause. Einen so heillosen Ausgang

nahm der wohlgemeinte und redliche Versuch, dem Roßhändler wegen des

Unrechts, das man ihm zugefügt, Genugtuung zu verschaffen. Der

Abdecker von Döbbeln, dessen Geschäft abgemacht war, und der sich

nicht länger aufhalten wollte, band, da sich das Volk zu zerstreuen

anfing, die Pferde an einen Laternenpfahl, wo sie, den ganzen Tag

über, ohne daß sich jemand um sie bekümmerte, ein Spott der

Straßenjungen und Tagediebe, stehen blieben; dergestalt, daß in

Ermangelung aller Pflege und Wartung die Polizei sich ihrer annehmen

mußte, und gegen Einbruch der Nacht den Abdecker von Dresden

herbeirief, um sie, bis auf weitere Verfügung, auf der Schinderei vor

der Stadt zu besorgen.

Dieser Vorfall, so wenig der Roßhändler ihn in der Tat verschuldet

hatte, erweckte gleichwohl, auch bei den Gemäßigtern und Besseren,

eine, dem Ausgang seiner Streitsache höchst gefährliche Stimmung im

Lande. Man fand das Verhältnis desselben zum Staat ganz unerträglich,

und in Privathäusern und auf öffentlichen Plätzen, erhob sich die

Meinung, daß es besser sei, ein offenbares Unrecht an ihm zu verüben,

und die ganze Sache von neuem niederzuschlagen, als ihm Gerechtigkeit,

durch Gewalttaten ertrotzt, in einer so nichtigen Sache, zur bloßen

Befriedigung seines rasenden Starrsinns, zukommen zu lassen. Zum

völligen Verderben des armen Kohlhaas mußte der Großkanzler selbst,

aus übergroßer Rechtlichkeit, und einem davon herrührenden Haß gegen

die Familie von Tronka, beitragen, diese Stimmung zu befestigen und

zu verbreiten. Es war höchst unwahrscheinlich, daß die Pferde, die

der Abdecker von Dresden jetzt besorgte, jemals wieder in den Stand,

wie sie aus dem Stall zu Kohlhaasenbrück gekommen waren, hergestellt

werden würden; doch gesetzt, daß es durch Kunst und anhaltende Pflege

möglich gewesen wäre: die Schmach, die zufolge der bestehenden

Umstände, dadurch auf die Familie des Junkers fiel, war so groß, daß

bei dem staatsbürgerlichen Gewicht, den sie, als eine der ersten und

edelsten, im Lande hatte, nichts billiger und zweckmäßiger schien,

als eine Vergütigung der Pferde in Geld einzuleiten. Gleichwohl, auf

einen Brief, in welchem der Präsident, Graf Kallheim, im Namen des

Kämmerers, den seine Krankheit abhielt, dem Großkanzler, einige Tage

darauf, diesen Vorschlag machte, erließ derselbe zwar ein Schreiben

an den Kohlhaas, worin er ihn ermahnte, einen solchen Antrag, wenn er

an ihn ergehen sollte, nicht von der Hand zu weisen; den Präsidenten

selbst aber bat er, in einer kurzen, wenig verbindlichen Antwort, ihn

mit Privataufträgen in dieser Sache zu verschonen, und forderte den

Kämmerer auf, sich an den Roßhändler selbst zu wenden, den er ihm als

einen sehr billigen und bescheidenen Mann schilderte. Der Roßhändler,

dessen Wille, durch den Vorfall, der sich auf dem Markt zugetragen,

in der Tat gebrochen war, wartete auch nur, dem Rat des Großkanzlers

gemäß, auf eine Eröffnung von Seiten des Junkers, oder seiner

Angehörigen, um ihnen mit völliger Bereitwilligkeit und Vergebung

alles Geschehenen, entgegenzukommen; doch eben diese Eröffnung war

den stolzen Rittern zu tun empfindlich; und schwer erbittert über die

Antwort, die sie von dem Großkanzler empfangen hatten, zeigten sie

dieselbe dem Kurfürsten, der, am Morgen des nächstfolgenden Tages,

den Kämmerer krank, wie er an seinen Wunden daniederlag, in seinem

Zimmer besucht hatte. Der Kämmerer, mit einer, durch seinen Zustand,

schwachen und rührenden Stimme, fragte ihn, ob er, nachdem er sein

Leben daran gesetzt, um diese Sache, seinen Wünschen gemäß,

beizulegen, auch noch seine Ehre dem Tadel der Welt aussetzen, und

mit einer Bitte um Vergleich und Nachgiebigkeit, vor einem Manne

erscheinen solle, der alle nur erdenkliche Schmach und Schande über

ihn und seine Familie gebracht habe. Der Kurfürst, nachdem er den

Brief gelesen hatte, fragte den Grafen Kallheim verlegen: ob das

Tribunal nicht befugt sei, ohne weitere Rücksprache mit dem Kohlhaas,

auf den Umstand, daß die Pferde nicht wieder herzustellen wären, zu

fußen, und dem gemäß das Urteil, gleich, als ob sie tot wären, auf

bloße Vergütigung derselben in Geld abzufassen? Der Graf antwortete:

"gnädigster Herr, sie sind tot: sind in staatsrechtlicher Bedeutung

tot, weil sie keinen Wert haben, und werden es physisch sein, bevor

man sie, aus der Abdeckerei, in die Ställe der Ritter gebracht hat";

worauf der Kurfürst, indem er den Brief einsteckte, sagte, daß er mit

dem Großkanzler selbst darüber sprechen wolle, den Kämmerer, der sich

halb aufrichtete und seine Hand dankbar ergriff, beruhigte, und

nachdem er ihm noch empfohlen hatte, für seine Gesundheit Sorge zu

tragen, mit vieler Huld sich von seinem Sessel erhob, und das Zimmer

verließ.

Ausgewählte Schriften · 第 12 / 13 题