Michael Kohlhaas

Aus einer alten Chronik

(1810)

An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten

Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines

Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und

entsetzlichsten Menschen seiner Zeit.--Dieser außerordentliche Mann

würde, bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten

Staatsbürgers haben gelten können. Er besaß in einem Dorfe, das noch

von ihm den Namen führt, einen Meierhof, auf welchem er sich durch

sein Gewerbe ruhig ernährte; die Kinder, die ihm sein Weib schenkte,

erzog er, in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue; nicht

einer war unter seinen Nachbarn, der sich nicht seiner Wohltätigkeit,

oder seiner Gerechtigkeit erfreut hätte; kurz, die Welt würde sein

Andenken haben segnen müssen, wenn er in einer Tugend nicht

ausgeschweift hätte. Das Rechtgefühl aber machte ihn zum Räuber und

Mörder.

Er ritt einst, mit einer Koppel junger Pferde, wohlgenährt alle und

glänzend, ins Ausland, und überschlug eben, wie er den Gewinst, den

er auf den Märkten damit zu machen hoffte, anlegen wolle: teils, nach

Art guter Wirte, auf neuen Gewinst, teils aber auch auf den Genuß der

Gegenwart: als er an die Elbe kam, und bei einer stattlichen

Ritterburg, auf sächsischem Gebiete, einen Schlagbaum traf, den er

sonst auf diesem Wege nicht gefunden hatte. Er hielt, in einem

Augenblick, da eben der Regen heftig stürmte, mit den Pferden still,

und rief den Schlagwärter, der auch bald darauf, mit einem grämlichen

Gesicht, aus dem Fenster sah. Der Roßhändler sagte, daß er ihm

öffnen solle. Was gibts hier Neues? fragte er, da der Zöllner, nach

einer geraumen Zeit, aus dem Hause trat. Landesherrliches

Privilegium, antwortete dieser, indem er aufschloß: dem Junker Wenzel

von Tronka verliehen.--So, sagte Kohlhaas. Wenzel heißt der Junker?

und sah sich das Schloß an, das mit glänzenden Zinnen über das Feld

blickte. Ist der alte Herr tot?--Am Schlagfluß gestorben, erwiderte

der Zöllner, indem er den Baum in die Höhe ließ.--Hm! Schade!

versetzte Kohlhaas. Ein würdiger alter Herr, der seine Freude am

Verkehr der Menschen hatte, Handel und Wandel, wo er nur vermochte,

forthalf, und einen Steindamm einst bauen ließ, weil mir eine Stute,

draußen, wo der Weg ins Dorf geht, das Bein gebrochen. Nun! Was bin

ich schuldig?--fragte er; und holte die Groschen, die der Zollwärter

verlangte, mühselig unter dem im Winde flatternden Mantel hervor.

"Ja, Alter", setzte er noch hinzu, da dieser: hurtig! hurtig!

murmelte, und über die Witterung fluchte: "wenn der Baum im Walde

stehen geblieben wäre, wärs besser gewesen, für mich und Euch"; und

damit gab er ihm das Geld und wollte reiten. Er war aber noch kaum

unter den Schlagbaum gekommen, als eine neue Stimme schon: halt dort,

der Roßkamm! hinter ihm vom Turm erscholl, und er den Burgvogt ein

Fenster zuwerfen und zu ihm herabeilen sah. Nun, was gibts Neues?

fragte Kohlhaas bei sich selbst, und hielt mit den Pferden an. Der

Burgvogt, indem er sich noch eine Weste über seinen weitläufigen Leib

zuknüpfte, kam, und fragte, schief gegen die Witterung gestellt, nach

dem Paßschein.--Kohlhaas fragte: der Paßschein? Er sagte ein wenig

betreten, daß er, soviel er wisse, keinen habe; daß man ihm aber nur

beschreiben möchte, was dies für ein Ding des Herrn sei: so werde er

vielleicht zufälligerweise damit versehen sein. Der Schloßvogt,

indem er ihn von der Seite ansah, versetzte, daß ohne einen

landesherrlichen Erlaubnisschein, kein Roßkamm mit Pferden über die

Grenze gelassen würde. Der Roßkamm versicherte, daß er siebzehn Mal

in seinem Leben, ohne einen solchen Schein, über die Grenze gezogen

sei; daß er alle landesherrlichen Verfügungen, die sein Gewerbe

angingen, genau kennte; daß dies wohl nur ein Irrtum sein würde,

wegen dessen er sich zu bedenken bitte, und daß man ihn, da seine

Tagereise lang sei, nicht länger unnützer Weise hier aufhalten möge.

Doch der Vogt erwiderte, daß er das achtzehnte Mal nicht

durchschlüpfen würde, daß die Verordnung deshalb erst neuerlich

erschienen wäre, und daß er entweder den Paßschein noch hier lösen,

oder zurückkehren müsse, wo er hergekommen sei. Der Roßhändler, den

diese ungesetzlichen Erpressungen zu erbittern anfingen, stieg, nach

einer kurzen Besinnung, vom Pferde, gab es einem Knecht, und sagte,

daß er den Junker von Tronka selbst darüber sprechen würde. Er ging

auch auf die Burg; der Vogt folgte ihm, indem er von filzigen

Geldraffern und nützlichen Aderlässen derselben murmelte; und beide

traten, mit ihren Blicken einander messend, in den Saal. Es traf

sich, daß der Junker eben, mit einigen muntern Freunden, beim Becher

saß, und, um eines Schwanks willen, ein unendliches Gelächter unter

ihnen erscholl, als Kohlhaas, um seine Beschwerde anzubringen, sich

ihm näherte. Der Junker fragte, was er wolle; die Ritter, als sie

den fremden Mann erblickten, wurden still; doch kaum hatte dieser

sein Gesuch, die Pferde betreffend, angefangen, als der ganze Troß

schon: Pferde? Wo sind sie? ausrief, und an die Fenster eilte, um

sie zu betrachten. Sie flogen, da sie die glänzende Koppel sahen,

auf den Vorschlag des Junkers, in den Hof hinab; der Regen hatte

aufgehört; Schloßvogt und Verwalter und Knechte versammelten sich um

sie, und alle musterten die Tiere. Der eine lobte den Schweißfuchs

mit der Blesse, dem andern gefiel der Kastanienbraune, der dritte

streichelte den Schecken mit schwarzgelben Flecken; und alle meinten,

daß die Pferde wie Hirsche wären, und im Lande keine bessern gezogen

würden. Kohlhaas erwiderte munter, daß die Pferde nicht besser wären,

als die Ritter, die sie reiten sollten; und forderte sie auf, zu

kaufen. Der Junker, den der mächtige Schweißhengst sehr reizte,

befragte ihn auch um den Preis; der Verwalter lag ihm an, ein Paar

Rappen zu kaufen, die er, wegen Pferdemangels, in der Wirtschaft

gebrauchen zu können glaubte; doch als der Roßkamm sich erklärt hatte,

fanden die Ritter ihn zu teuer, und der Junker sagte, daß er nach

der Tafelrunde reiten und sich den König Arthur aufsuchen müsse, wenn

er die Pferde so anschlage. Kohlhaas, der den Schloßvogt und den

Verwalter, indem sie sprechende Blicke auf die Rappen warfen, mit

einander flüstern sah, ließ es, aus einer dunkeln Vorahndung, an

nichts fehlen, die Pferde an sie los zu werden. Er sagte zum Junker:

"Herr, die Rappen habe ich vor sechs Monaten für 25 Goldgülden

gekauft; gebt mir 30, so sollt Ihr sie haben." Zwei Ritter, die neben

dem Junker standen, äußerten nicht undeutlich, daß die Pferde wohl so

viel wert wären; doch der Junker meinte, daß er für den Schweißfuchs

wohl, aber nicht eben für die Rappen, Geld ausgeben möchte, und

machte Anstalten, aufzubrechen; worauf Kohlhaas sagte, er würde

vielleicht das nächste Mal, wenn er wieder mit seinen Gaulen

durchzöge, einen Handel mit ihm machen; sich dem Junker empfahl, und

die Zügel seines Pferdes ergriff, um abzureisen. In diesem

Augenblick trat der Schloßvogt aus dem Haufen vor, und sagte, er höre,

daß er ohne einen Paßschein nicht reisen dürfe. Kohlhaas wandte

sich und fragte den Junker, ob es denn mit diesem Umstand, der sein

ganzes Gewerbe zerstöre, in der Tat seine Richtigkeit habe? Der

Junker antwortete, mit einem verlegnen Gesicht, indem er abging: ja,

Kohlhaas, den Paß mußt du lösen. Sprich mit dem Schloßvogt, und zieh

deiner Wege. Kohlhaas versicherte ihn, daß es gar nicht seine

Absicht sei, die Verordnungen, die wegen Ausführung der Pferde

bestehen möchten, zu umgehen; versprach, bei seinem Durchzug durch

Dresden, den Paß in der Geheimschreiberei zu lösen, und bat, ihn nur

diesmal, da er von dieser Forderung durchaus nichts gewußt, ziehen zu

lassen. Nun! sprach der Junker, da eben das Wetter wieder zu stürmen

anfing, und seine dürren Glieder durchsauste: laßt den Schlucker

laufen. Kommt! sagte er zu den Rittern, kehrte sich um, und wollte

nach dem Schlosse gehen. Der Schloßvogt sagte, zum Junker gewandt,

daß er wenigstens ein Pfand, zur Sicherheit, daß er den Schein lösen

würde, zurücklassen müsse. Der Junker blieb wieder unter dem

Schloßtor stehen. Kohlhaas fragte, welchen Wert er denn, an Geld

oder an Sachen, zum Pfande, wegen der Rappen, zurücklassen solle?

Der Verwalter meinte, in den Bart murmelnd, er könne ja die Rappen

selbst zurücklassen. Allerdings, sagte der Schloßvogt, das ist das

Zweckmäßigste; ist der Paß gelöst, so kann er sie zu jeder Zeit

wieder abholen. Kohlhaas, über eine so unverschämte Forderung

betreten, sagte dem Junker, der sich die Wamsschöße frierend vor den

Leib hielt, daß er die Rappen ja verkaufen wolle; doch dieser, da in

demselben Augenblick ein Windstoß eine ganze Last von Regen und Hagel

durchs Tor jagte, rief, um der Sache ein Ende zu machen: wenn er die

Pferde nicht loslassen will, so schmeißt ihn wieder über den

Schlagbaum zurück; und ging ab. Der Roßkamm, der wohl sah, daß er

hier der Gewalttätigkeit weichen mußte, entschloß sich, die Forderung,

weil doch nichts anders übrig blieb, zu erfüllen; spannte die Rappen

aus, und führte sie in einen Stall, den ihm der Schloßvogt anwies.

Er ließ einen Knecht bei ihnen zurück, versah ihn mit Geld, ermahnte

ihn, die Pferde, bis zu seiner Zurückkunft, wohl in acht zu nehmen,

und setzte seine Reise, mit dem Rest der Koppel, halb und halb

ungewiß, ob nicht doch wohl, wegen aufkeimender Pferdezucht, ein

solches Gebot, im Sächsischen, erschienen sein könne nach Leipzig, wo

er auf die Messe wollte, fort.

In Dresden, wo er, in einer der Vorstädte der Stadt, ein Haus mit

einigen Ställen besaß, weil er von hier aus seinen Handel auf den

kleineren Märkten des Landes zu bestreiten pflegte, begab er sich,

gleich nach seiner Ankunft, auf die Geheimschreiberei, wo er von den

Räten, deren er einige kannte, erfuhr, was ihm allerdings sein erster

Glaube schon gesagt hatte, daß die Geschichte von dem Paßschein ein

Märchen sei. Kohlhaas, dem die mißvergnügten Räte, auf sein Ansuchen,

einen schriftlichen Schein über den Ungrund derselben gaben,

lächelte über den Witz des dürren Junkers, obschon er noch nicht

recht einsah, was er damit bezwecken mochte; und die Koppel der

Pferde, die er bei sich führte, einige Wochen darauf, zu seiner

Zufriedenheit, verkauft, kehrte er, ohne irgend weiter ein bitteres

Gefühl, als das der allgemeinen Not der Welt, zur Tronkenburg zurück.

Der Schloßvogt, dem er den Schein zeigte, ließ sich nicht weiter

darüber aus, und sagte, auf die Frage des Roßkamms, ob er die Pferde

jetzt wieder bekommen könne: er möchte nur hinunter gehen und sie

holen. Kohlhaas hatte aber schon, da er über den Hof ging, den

unangenehmen Auftritt, zu erfahren, daß sein Knecht, ungebührlichen

Betragens halber, wie es hieß, wenige Tage nach dessen Zurücklassung

in der Tronkenburg, zerprügelt und weggejagt worden sei. Er fragte

den Jungen, der ihm diese Nachricht gab, was denn derselbe getan? und

wer während dessen die Pferde besorgt hätte? worauf dieser aber

erwiderte, er wisse es nicht, und darauf dem Roßkamm, dem das Herz

schon von Ahnungen schwoll, den Stall, in welchem sie standen,

öffnete. Wie groß war aber sein Erstaunen, als er, statt seiner zwei

glatten und wohlgenährten Rappen, ein Paar dürre, abgehärmte Mähren

erblickte; Knochen, denen man, wie Riegeln, hätte Sachen aufhängen

können; Mähnen und Haare, ohne Wartung und Pflege, zusammengeknetet:

das wahre Bild des Elends im Tierreiche! Kohlhaas, den die Pferde,

mit einer schwachen Bewegung, anwieherten, war auf das äußerste

entrüstet, und fragte, was seinen Gaulen widerfahren wäre? Der Junge,

der bei ihm stand, antwortete, daß ihnen weiter kein Unglück

zugestoßen wäre, daß sie auch das gehörige Futter bekommen hätten,

daß sie aber, da gerade Ernte gewesen sei, wegen Mangels an Zugvieh,

ein wenig auf den Feldern gebraucht worden wären. Kohlhaas fluchte

über diese schändliche und abgekartete Gewalttätigkeit, verbiß jedoch,

im Gefühl seiner Ohnmacht, seinen Ingrimm, und machte schon, da doch

nichts anders übrig blieb, Anstalten, das Raubnest mit den Pferden

nur wieder zu verlassen, als der Schloßvogt, von dem Wortwechsel

herbeigerufen, erschien, und fragte, was es hier gäbe? Was es gibt?

antwortete Kohlhaas. Wer hat dem Junker von Tronka und dessen Leuten

die Erlaubnis gegeben, sich meiner bei ihm zurückgelassenen Rappen

zur Feldarbeit zu bedienen? Er setzte hinzu, ob das wohl menschlich

wäre? versuchte, die erschöpften Gaule durch einen Gertenstreich zu

erregen, und zeigte ihm, daß sie sich nicht rührten. Der Schloßvogt,

nachdem er ihn eine Weile trotzig angesehen hatte, versetzte: seht

den Grobian! Ob der Flegel nicht Gott danken sollte, daß die Mähren

überhaupt noch leben? Er fragte, wer sie, da der Knecht weggelaufen,

hätte pflegen sollen? Ob es nicht billig gewesen wäre, daß die

Pferde das Futter, das man ihnen gereicht habe, auf den Feldern

abverdient hätten? Er schloß, daß er hier keine Flausen machen

möchte, oder daß er die Hunde rufen, und sich durch sie Ruhe im Hofe

zu verschaffen wissen würde.--Dem Roßhändler schlug das Herz gegen

den Wams. Es drängte ihn, den nichtswürdigen Dickwanst in den Kot zu

werfen, und den Fuß auf sein kupfernes Antlitz zu setzen. Doch sein

Rechtgefühl, das einer Goldwaage glich, wankte noch; er war, vor der

Schranke seiner eigenen Brust, noch nicht gewiß, ob eine Schuld

seinen Gegner drücke; und während er, die Schimpfreden

niederschluckend, zu den Pferden trat, und ihnen, in stiller Erwägung

der Umstände, die Mähnen zurecht legte, fragte er mit gesenkter

Stimme: um welchen Versehens halber der Knecht denn aus der Burg

entfernt worden sei? Der Schloßvogt erwiderte: weil der Schlingel

trotzig im Hofe gewesen ist! Weil er sich gegen einen notwendigen

Stallwechsel gesträubt, und verlangt hat, daß die Pferde zweier

Jungherren, die auf die Tronkenburg kamen, um seiner Mähren willen,

auf der freien Straße übernachten sollten!--Kohlhaas hätte den Wert

der Pferde darum gegeben, wenn er den Knecht zur Hand gehabt, und

dessen Aussage mit der Aussage dieses dickmäuligen Burgvogts hätte

vergleichen können. Er stand noch, und streifte den Rappen die

Zoddeln aus, und sann, was in seiner Lage zu tun sei, als sich die

Szene plötzlich änderte, und der Junker Wenzel von Tronka, mit einem

Schwarm von Rittern, Knechten und Hunden, von der Hasenhetze kommend,

in den Schloßplatz sprengte. Der Schloßvogt, als er fragte, was

vorgefallen sei, nahm sogleich das Wort, und während die Hunde, beim

Anblick des Fremden, von der einen Seite, ein Mordgeheul gegen ihn

anstimmten, und die Ritter ihnen, von der andern, zu schweigen

geboten, zeigte er ihm, unter der gehässigsten Entstellung der Sache,

an, was dieser Roßkamm, weil seine Rappen ein wenig gebraucht worden

wären, für eine Rebellion verführe. Er sagte, mit Hohngelächter, daß

er sich weigere, die Pferde als die seinigen anzuerkennen. Kohlhaas

rief: "das sind nicht meine Pferde, gestrenger Herr! Das sind die

Pferde nicht, die dreißig Goldgülden wert waren! Ich will meine

wohlgenährten und gesunden Pferde wieder haben!"--Der Junker, indem

ihm eine flüchtige Blässe ins Gesicht trat, stieg vom Pferde, und

sagte: wenn der H... A... die Pferde nicht wiedernehmen will, so mag

er es bleiben lassen. Komm, Günther! rief er--Hans! Kommt! indem er

sich den Staub mit der Hand von den Beinkleidern schüttelte; und:

schafft Wein! rief er noch, da er mit den Rittern unter der Tür war;

und ging ins Haus. Kohlhaas sagte, daß er eher den Abdecker rufen,

und die Pferde auf den Schindanger schmeißen lassen, als sie so, wie

sie wären, in seinen Stall zu Kohlhaasenbrück führen wolle. Er ließ

die Gaule, ohne sich um sie zu bekümmern, auf dem Platz stehen,

schwang sich, indem er versicherte, daß er sich Recht zu verschaffen

wissen würde, auf seinen Braunen, und ritt davon.

Spornstreichs auf dem Wege nach Dresden war er schon, als er, bei dem

Gedanken an den Knecht, und an die Klage, die man auf der Burg gegen

ihn führte, schrittweis zu reiten anfing, sein Pferd, ehe er noch

tausend Schritt gemacht hatte, wieder wandte, und zur vorgängigen

Vernehmung des Knechts, wie es ihm klug und gerecht schien, nach

Kohlhaasenbrück einbog. Denn ein richtiges, mit der gebrechlichen

Einrichtung der Welt schon bekanntes Gefühl machte ihn, trotz der

erlittenen Beleidigungen, geneigt, falls nur wirklich dem Knecht, wie

der Schloßvogt behauptete, eine Art von Schuld beizumessen sei, den

Verlust der Pferde, als eine gerechte Folge davon, zu verschmerzen.

Dagegen sagte ihm ein ebenso vertreffliches Gefühl, und dies Gefühl

faßte tiefere und tiefere Wurzeln, in dem Maße, als er weiter ritt,

und überall, wo er einkehrte, von den Ungerechtigkeiten hörte, die

täglich auf der Tronkenburg gegen die Reisenden verübt wurden: daß

wenn der ganze Vorfall, wie es allen Anschein habe, bloß abgekartet

sein sollte, er mit seinen Kräften der Welt in der Pflicht verfallen

sei, sich Genugtuung für die erlittene Kränkung, und Sicherheit für

zukünftige seinen Mitbürgern zu verschaffen.

Sobald er, bei seiner Ankunft in Kohlhaasenbrück, Lisbeth, sein

treues Weib, umarmt, und seine Kinder, die um seine Kniee frohlockten,

geküßt hatte, fragte er gleich nach Herse, dem Großknecht: und ob

man nichts von ihm gehört habe? Lisbeth sagte: ja liebster Michael,

dieser Herse! Denke dir, daß dieser unselige Mensch, vor etwa

vierzehn Tagen, auf das jämmerlichste zerschlagen, hier eintrifft;

nein, so zerschlagen, daß er auch nicht frei atmen kann. Wir bringen

ihn zu Bett, wo er heftig Blut speit, und vernehmen, auf unsre

wiederholten Fragen, eine Geschichte, die keiner versteht. Wie er

von dir mit Pferden, denen man den Durchgang nicht verstattet, auf

der Tronkenburg zurückgelassen worden sei, wie man ihn, durch die

schändlichsten Mißhandlungen, gezwungen habe, die Burg zu verlassen,

und wie es ihm unmöglich gewesen wäre, die Pferde mitzunehmen. So?

sagte Kohlhaas, indem er den Mantel ablegte. Ist er denn schon

wieder hergestellt?--Bis auf das Blutspeien, antwortete sie, halb und

halb. Ich wollte sogleich einen Knecht nach der Tronkenburg schicken,

um die Pflege der Rosse, bis zu deiner Ankunft daselbst, besorgen zu

lassen. Denn da sich der Herse immer wahrhaftig gezeigt hat, und so

getreu uns, in der Tat wie kein anderer, so kam es mir nicht zu, in

seine Aussage, von so viel Merkmalen unterstützt, einen Zweifel zu

setzen, und etwa zu glauben, daß er der Pferde auf eine andere Art

verlustig gegangen wäre. Doch er beschwört mich, niemandem zuzumuten,

sich in diesem Raubneste zu zeigen, und die Tiere aufzugeben, wenn

ich keinen Menschen dafür aufopfern wolle.--Liegt er denn noch im

Bette? fragte Kohlhaas, indem er sich von der Halsbinde befreite.--Er

geht, erwiderte sie, seit einigen Tagen schon wieder im Hofe umher.

Kurz, du wirst sehen, fuhr sie fort, daß alles seine Richtigkeit hat,

und daß diese Begebenheit einer von den Freveln ist, die man sich

seit kurzem auf der Tronkenburg gegen die Fremden erlaubt.--Das muß

ich doch erst untersuchen, erwiderte Kohlhaas. Ruf ihn mir, Lisbeth,

wenn er auf ist, doch her! Mit diesen Worten setzte er sich in den

Lehnstuhl; und die Hausfrau, die sich über seine Gelassenheit sehr

freute, ging, und holte den Knecht.

Was hast du in der Tronkenburg gemacht? fragte Kohlhaas, da Lisbeth

mit ihm in das Zimmer trat. Ich bin nicht eben wohl mit dir

zufrieden.--Der Knecht, auf dessen blassem Gesicht sich, bei diesen

Worten, eine Röte fleckig zeigte, schwieg eine Weile; und: da habt

Ihr recht, Herr! antwortete er; denn einen Schwefelfaden, den ich

durch Gottes Fügung bei mir trug, um das Raubnest, aus dem ich

verjagt worden war, in Brand zu stecken, warf ich, als ich ein Kind

darin jammern hörte, in das Elbwasser, und dachte: mag es Gottes

Blitz einäschern; ich wills nicht!--Kohlhaas sagte betroffen: wodurch

aber hast du dir die Verjagung aus der Tronkenburg zugezogen? Drauf

Herse: durch einen schlechten Streich, Herr; und trocknete sich den

Schweiß von der Stirn: Geschehenes ist aber nicht zu ändern. Ich

wollte die Pferde nicht auf der Feldarbeit zu Grunde richten lassen,

und sagte, daß sie noch jung wären und nicht gezogen hätten.

--Kohlhaas erwiderte, indem er seine Verwirrung zu verbergen suchte,

daß er hierin nicht ganz die Wahrheit gesagt, indem die Pferde schon

zu Anfange des verflossenen Frühjahrs ein wenig im Geschirr gewesen

wären. Du hättest dich auf der Burg, fuhr er fort, wo du doch eine

Art von Gast warest, schon ein oder etliche Mal, wenn gerade, wegen

schleunigst Einführung der Ernte Not war, gefällig zeigen können.

--Das habe ich auch getan, Herr, sprach Herse. Ich dachte, da sie

mir grämliche Gesichter machten, es wird doch die Rappen just nicht

kosten. Am dritten Vormittag spannt ich sie vor, und drei Fuhren

Getreide führt ich ein. Kohlhaas, dem das Herz emporquoll, schlug

die Augen zu Boden, und versetzte: davon hat man mir nichts gesagt,

Herse!--Herse versicherte ihn, daß es so sei. Meine Ungefälligkeit,

sprach er, bestand darin, daß ich die Pferde, als sie zu Mittag kaum

ausgefressen hatten, nicht wieder ins Joch spannen wollte; und daß

ich dem Schloßvogt und dem Verwalter, als sie mir vorschlugen frei

Futter dafür anzunehmen, und das Geld, das Ihr mir für Futterkosten

zurückgelassen hattet, in den Sack zu stecken, antwortete--ich würde

ihnen sonst was tun; mich umkehrte und wegging.--Um dieser

Ungefälligkeit aber, sagte Kohlhaas, bist du von der Tronkenburg

nicht weggejagt worden.--Behüte Gott, rief der Knecht, um eine

gottvergessene Missetat! Denn auf den Abend wurden die Pferde zweier

Ritter, welche auf die Tronkenburg kamen, in den Stall geführt, und

meine an die Stalltür angebunden. Und da ich dem Schloßvogt, der sie

daselbst einquartierte, die Rappen aus der Hand nahm, und fragte, wo

die Tiere jetzo bleiben sollten, so zeigte er mir einen Schweinekoben

an, der von Latten und Brettern an der Schloßmauer auferbaut war.--Du

meinst, unterbrach ihn Kohlhaas, es war ein so schlechtes Behältnis

für Pferde, daß es einem Schweinekoben ähnlicher war, als einem Stall.

--Es war ein Schweinekoben, Herr, antwortete Herse; wirklich und

wahrhaftig ein Schweinekoben, in welchem die Schweine aus- und

einliefen, und ich nicht aufrecht stehen konnte.--Vielleicht war

sonst kein Unterkommen für die Rappen aufzufinden, versetzte Kohlhaas;

die Pferde der Ritter gingen, auf eine gewisse Art, vor.--Der Platz,

erwiderte der Knecht, indem er die Stimme fallen ließ, war eng. Es

hauseten jetzt in allem sieben Ritter auf der Burg. Wenn Ihr es

gewesen wäret, Ihr hättet die Pferde ein wenig zusammenrücken lassen.

Ich sagte, ich wolle mir im Dorf einen Stall zu mieten suchen; doch

der Schloßvogt versetzte, daß er die Pferde unter seinen Augen

behalten müsse, und daß ich mich nicht unterstehen solle, sie vom

Hofe wegzuführen.--Hm! sagte Kohlhaas. Was gabst du darauf an?--Weil

der Verwalter sprach, die beiden Gäste würden bloß übernachten, und

am andern Morgen weiter reiten, so führte ich die Pferde in den

Schweinekoben hinein. Aber der folgende Tag verfloß, ohne daß es

geschah; und als der dritte anbrach, hieß es, die Herren würden noch

einige Wochen auf der Burg verweilen.--Am Ende wars nicht so schlimm,

Herse, im Schweinekoben, sagte Kohlhaas, als es dir, da du zuerst die

Nase hineinstecktest, vorkam.--'s ist wahr, erwiderte jener. Da ich

den Ort ein bissel ausfegte, gings an. Ich gab der Magd einen

Groschen, daß sie die Schweine woanders einstecke. Und den Tag über

bewerkstelligte ich auch, daß die Pferde aufrecht stehen konnten,

indem ich die Bretter oben, wenn der Morgen dämmerte, von den Latten

abnahm, und abends wieder auflegte. Sie guckten nun, wie Gänse, aus

dem Dach vor, und sahen sich nach Kohlhaasenbrück, oder sonst, wo es

besser ist, um.--Nun denn, fragte Kohlhaas, warum also, in aller Welt,

jagte man dich fort?--Herr, ich sags Euch, versetzte der Knecht,

weil man meiner los sein wollte. Weil sie die Pferde, so lange ich

dabei war, nicht zu Grunde richten konnten. überall schnitten sie mir,

im Hofe und in der Gesindestube, widerwärtige Gesichter; und weil

ich dachte, zieht ihr die Mäuler, daß sie verrenken, so brachen sie

die Gelegenheit vom Zaune, und warfen mich vom Hofe herunter.--Aber

die Veranlassung! rief Kohlhaas. Sie werden doch irgend eine

Veranlassung gehabt haben!--O allerdings, antwortete Herse, und die

allergerechteste. Ich nahm, am Abend des zweiten Tages, den ich im

Schweinekoben zugebracht, die Pferde, die sich darin doch zugesudelt

hatten, und wollte sie zur Schwemme reiten. Und da ich eben unter

dem Schloßtore bin, und mich wenden will, hör ich den Vogt und den

Verwalter, mit Knechten, Hunden und Prügeln, aus der Gesindestube

hinter mir herstürzen, und: halt, den Spitzbuben! rufen: halt, den

Galgenstrick! als ob sie besessen wären. Der Torwächter tritt mir in

den Weg; und da ich ihn und den rasenden Haufen, der auf mich anläuft,

frage: was auch gibts? was es gibt? antwortete der Schloßvogt; und

greift meinen beiden Rappen in den Zügel. Wo will Er hin mit den

Pferden? fragt er, und packt mich an die Brust. Ich sage, wo ich hin

will? Himmeldonner! Zur Schwemme will ich reiten. Denkt Er, daß

ich--? Zur Schwemme? ruft der Schloßvogt. Ich will dich, Gauner,

auf der Heerstraße, nach Kohlhaasenbrück schwimmen lehren! und

schmeißt mich, mit einem hämischen Mordzug, er und der Verwalter, der

mir das Bein gefaßt hat, vom Pferd herunter, daß ich mich, lang wie

ich bin, in den Kot messe. Mord! Hagel! ruf ich, Sielzeug und

Decken liegen, und ein Bündel Wäsche von mir, im Stall; doch er und

die Knechte, indessen der Verwalter die Pferde wegführt, mit Füßen

und Peitschen und Prügeln über mich her, daß ich halbtot hinter dem

Schloßtor niedersinke. Und da ich sage: die Raubhunde! Wo führen

sie mir die Pferde hin? und mich erhebe: heraus aus dem Schloßhof!

schreit der Vogt, und: hetz, Kaiser! hetz, Jäger! erschallt es, und:

hetz, Spitz! und eine Koppel von mehr denn zwölf Hunden fällt über

mich her. Drauf brech ich, war es eine Latte, ich weiß nicht was,

vom Zaune, und drei Hunde tot streck ich neben mir nieder; doch da

ich, von jämmerlichen Zerfleischungen gequält, weichen muß: Flüt!

gellt eine Pfeife; die Hunde in den Hof, die Torflügel zusammen, der

Riegel vor: und auf der Straße ohnmächtig sink ich nieder.--Kohlhaas

sagte, bleich im Gesicht, mit erzwungener Schelmerei: hast du auch

nicht entweichen wollen, Herse? Und da dieser, mit dunkler Röte, vor

sich niedersah: gesteh mirs, sagte er; es gefiel dir im Schweinekoben

nicht; du dachtest, im Stall zu Kohlhaasenbrück ists doch besser.

--Himmelschlag! rief Herse: Sielzeug und Decken ließ ich ja, und

einen Bündel Wäsche, im Schweinekoben zurück. Würd ich drei

Reichsgülden nicht zu mir gesteckt haben, die ich, im rotseidnen

Halstuch, hinter der Krippe versteckt hatte? Blitz, Höll und Teufel!

Wenn Ihr so sprecht, so möcht ich nur gleich den Schwefelfaden, den

ich wegwarf, wieder anzünden! Nun, nun! sagte der Roßhändler; es war

eben nicht böse gemeint! Was du gesagt hast, schau, Wort für Wort,

ich glaub es dir; und das Abendmahl, wenn es zur Sprache kommt, will

ich selbst nun darauf nehmen. Es tut mir leid, daß es dir in meinen

Diensten nicht besser ergangen ist; geh, Herse, geh zu Bett, laß dir

eine Flasche Wein geben, und tröste dich: dir soll Gerechtigkeit

widerfahren! Und damit stand er auf, fertigte ein Verzeichnis der

Sachen an, die der Großknecht im Schweinekoben zurückgelassen;

spezifizierte den Wert derselben, fragte ihn auch, wie hoch er die

Kurkosten anschlage; und ließ ihn, nachdem er ihm noch einmal die

Hand gereicht, abtreten.

Hierauf erzählte er Lisbeth, seiner Frau, den ganzen Verlauf und

inneren Zusammenhang der Geschichte, erklärte ihr, wie er

entschlossen sei, die öffentliche Gerechtigkeit für sich aufzufordern,

und hatte die Freude, zu sehen, daß sie ihn, in diesem Vorsatz, aus

voller Seele bestärkte. Denn sie sagte, daß noch mancher andre

Reisende, vielleicht minder duldsam, als er, über jene Burg ziehen

würde; daß es ein Werk Gottes wäre, Unordnungen, gleich diesen,

Einhalt zu tun; und daß sie die Kosten, die ihm die Führung des

Prozesses verursachen würde, schon beitreiben wolle. Kohlhaas nannte

sie ein wackeres Weib, erfreute sich diesen und den folgenden Tag in

ihrer und seiner Kinder Mitte, und brach sobald es seine Geschäfte

irgend zuließen, nach Dresden auf, um seine Klage vor Gericht zu

bringen.

Hier verfaßte er, mit Hülfe eines Rechtsgelehrten, den er kannte,

eine Beschwerde, in welcher er, nach einer umständlichen Schilderung

des Frevels, den der Junker Wenzel von Tronka, an ihm sowohl, als an

seinem Knecht Herse, verübt hatte, auf gesetzmäßige Bestrafung

desselben, Wiederherstellung der Pferde in den vorigen Stand, und auf

Ersatz des Schadens antrug, den er sowohl, als sein Knecht, dadurch

erlitten hatten. Die Rechtssache war in der Tat klar. Der Umstand,

daß die Pferde gesetzwidriger Weise festgehalten worden waren, warf

ein entscheidendes Licht auf alles übrige; und selbst wenn man hätte

annehmen wollen, daß die Pferde durch einen bloßen Zufall erkrankt

wären, so würde die Forderung des Roßkamms, sie ihm gesund wieder

zuzustellen, noch gerecht gewesen sein. Es fehlte Kohlhaas auch,

während er sich in der Residenz umsah, keineswegs an Freunden, die

seine Sache lebhaft zu unterstützen versprachen; der ausgebreitete

Handel, den er mit Pferden trieb, hatte ihm die Bekanntschaft, und

die Redlichkeit, mit welcher er dabei zu Werke ging, ihm das

Wohlwollen der bedeutendsten Männer des Landes verschafft. Er

speisete bei seinem Advokaten, der selbst ein ansehnlicher Mann war,

mehrere Mal heiter zu Tisch; legte eine Summe Geldes, zur Bestreitung

der Prozeßkosten, bei ihm nieder; und kehrte, nach Verlauf einiger

Wochen, völlig von demselben über den Ausgang seiner Rechtssache

beruhigt, zu Lisbeth, seinem Weibe, nach Kohlhaasenbrück zurück.

Gleichwohl vergingen Monate, und das Jahr war daran, abzuschließen,

bevor er, von Sachsen aus, auch nur eine Erklärung über die Klage,

die er daselbst anhängig gemacht hatte, geschweige denn die

Resolution selbst, erhielt. Er fragte, nachdem er mehrere Male von

neuem bei dem Tribunal eingekommen war, seinen Rechtsgehülfen, in

einem vertrauten Briefe, was eine so übergroße Verzögerung verursache;

und erfuhr, daß die Klage, auf eine höhere Insinuation, bei dem

Dresdner Gerichtshofe, gänzlich niedergeschlagen worden sei.--Auf die

befremdete Rückschrift des Roßkamms, worin dies seinen Grund habe,

meldete ihm jener: daß der Junker Wenzel von Tronka mit zwei

Jungherren, Hinz und Kunz von Tronka, verwandt sei, deren einer, bei

der Person des Herrn, Mundschenk, der andre gar Kämmerer sei.--Er

riet ihm noch, er möchte, ohne weitere Bemühungen bei der

Rechtsinstanz, seiner, auf der Tronkenburg befindlichen, Pferde

wieder habhaft zu werden suchen; gab ihm zu verstehen, daß der Junker,

der sich jetzt in der Hauptstadt aufhalte, seine Leute angewiesen zu

haben scheine, sie ihm auszuliefern; und schloß mit dem Gesuch, ihn

wenigstens, falls er sich hiermit nicht beruhigen wolle, mit ferneren

Aufträgen in dieser Sache zu verschonen.

Kohlhaas befand sich um diese Zeit gerade in Brandenburg, wo der

Stadthauptmann, Heinrich von Geusau, unter dessen Regierungsbezirk

Kohlhaasenbrück gehörte, eben beschäftigt war, aus einem

beträchtlichen Fonds, der der Stadt zugefallen war, mehrere

wohltätige Anstalten, für Kranke und Arme, einzurichten. Besonders

war er bemüht, einen mineralischen Quell, der auf einem Dorf in der

Gegend sprang, und von dessen Heilkräften man sich mehr, als die

Zukunft nachher bewährte, versprach, für den Gebrauch der Preßhaften

einzurichten; und da Kohlhaas ihm, wegen manchen Verkehrs, in dem er,

zur Zeit seines Aufenthalts am Hofe, mit demselben gestanden hatte,

bekannt war, so erlaubte er Hersen, dem Großknecht, dem ein Schmerz

beim Atemholen über der Brust, seit jenem schlimmen Tage auf der

Tronkenburg, zurückgeblieben war, die Wirkung der kleinen, mit Dach

und Einfassung versehenen, Heilquelle zu versuchen. Es traf sich,

daß der Stadthauptmann eben, am Rande des Kessels, in welchen

Kohlhaas den Herse gelegt hatte, gegenwärtig war, um einige

Anordnungen zu treffen, als jener, durch einen Boten, den ihm seine

Frau nachschickte, den niederschlagenden Brief seines Rechtsgehülfen

aus Dresden empfing. Der Stadthauptmann, der, während er mit dem

Arzte sprach, bemerkte, daß Kohlhaas eine Träne auf den Brief, den er

bekommen und eröffnet hatte, fallen ließ, näherte sich ihm, auf eine

freundliche und herzliche Weise, und fragte ihn, was für ein Unfall

ihn betroffen; und da der Roßhändler ihm, ohne ihm zu antworten, den

Brief überreichte: so klopfte ihm dieser würdige Mann, dem die

abscheuliche Ungerechtigkeit, die man auf der Tronkenburg an ihm

verübt hatte, und an deren Folgen Herse eben, vielleicht auf die

Lebenszeit, krank danieder lag, bekannt war, auf die Schulter, und

sagte ihm: er solle nicht mutlos sein; er werde ihm zu seiner

Genugtuung verhelfen! Am Abend, da sich der Roßkamm, seinem Befehl

gemäß, zu ihm aufs Schloß begeben hatte, sagte er ihm, daß er nur

eine Supplik, mit einer kurzen Darstellung des Vorfalls, an den

Kurfürsten von Brandenburg aufsetzen, den Brief des Advokaten

beilegen, und wegen der Gewalttätigkeit, die man sich, auf

sächsischem Gebiet, gegen ihn erlaubt, den landesherrlichen Schutz

aufrufen möchte. Er versprach ihm, die Bittschrift, unter einem

anderen Paket, das schon bereit liege, in die Hände des Kurfürsten zu

bringen, der seinethalb unfehlbar, wenn es die Verhältnisse zuließen,

bei dem Kurfürsten von Sachsen einkommen würde; und mehr als eines

solchen Schrittes bedürfe es nicht, um ihm bei dem Tribunal in

Dresden, den Künsten des Junkers und seines Anhanges zum Trotz,

Gerechtigkeit zu verschaffen. Kohlhaas lebhaft erfreut, dankte dem

Stadthauptmann, für diesen neuen Beweis seiner Gewogenheit, aufs

herzlichste; sagte, es tue ihm nur leid, daß er nicht, ohne irgend

Schritte in Dresden zu tun, seine Sache gleich in Berlin anhängig

gemacht habe; und nachdem er, in der Schreiberei des Stadtgerichts,

die Beschwerde, ganz den Forderungen gemäß, verfaßt, und dem

Stadthauptmann übergeben hatte, kehrte er, beruhigter über den

Ausgang seiner Geschichte, als je, nach Kohlhaasenbrück zurück. Er

hatte aber schon, in wenig Wochen, den Kummer, durch einen

Gerichtsherrn, der in Geschäften des Stadthauptmanns nach Potsdam

ging, zu erfahren, daß der Kurfürst die Supplik seinem Kanzler, dem

Grafen Kallheim, übergeben habe, und daß dieser nicht unmittelbar,

wie es zweckmäßig schien, bei dem Hofe zu Dresden, um Untersuchung

und Bestrafung der Gewalttat, sondern um vorläufige, nähere

Information bei dem Junker von Tronka eingekommen sei. Der

Gerichtsherr, der, vor Kohlhaasens Wohnung, im Wagen haltend, den

Auftrag zu haben schien, dem Roßhändler diese Eröffnung zu machen,

konnte ihm auf die betroffene Frage: warum man also verfahren? keine

befriedigende Auskunft geben. Er fügte nur noch hinzu: der

Stadthauptmann ließe ihm sagen, er möchte sich in Geduld fassen;

schien bedrängt, seine Reise fortzusetzen; und erst am Schluß der

kurzen Unterredung erriet Kohlhaas, aus einigen hingeworfenen Worten,

daß der Graf Kallheim mit dem Hause derer von Tronka verschwägert sei.

--Kohlhaas, der keine Freude mehr, weder an seiner Pferdezucht, noch

an Haus und Hof, kaum an Weib und Kind hatte, durchharrte, in trüber

Ahndung der Zukunft, den nächsten Mond; und ganz seiner Erwartung

gemäß kam, nach Verlauf dieser Zeit, Herse, dem das Bad einige

Linderung verschafft hatte, von Brandenburg zurück, mit einem, ein

größeres Reskript begleitenden, Schreiben des Stadthauptmanns, des

Inhalts: es tue ihm leid, daß er nichts in seiner Sache tun könne; er

schicke ihm eine, an ihn ergangene, Resolution der Staatskanzlei, und

rate ihm, die Pferde, die er in der Tronkenburg zurückgelassen,

wieder abführen, und die Sache übrigens ruhen zu lassen.--Die

Resolution lautete: "er sei, nach dem Bericht des Tribunals in

Dresden, ein unnützer Querulant; der Junker, bei dem er die Pferde

zurückgelassen, halte ihm dieselben, auf keine Weise, zurück; er

möchte nach der Burg schicken, und sie holen, oder dem Junker

wenigstens wissen lassen, wohin er sie ihm senden solle; die

Staatskanzlei aber, auf jeden Fall, mit solchen Plackereien und

Stänkereien verschonen." Kohlhaas, dem es nicht um die Pferde zu tun

war--er hätte gleichen Schmerz empfunden, wenn es ein Paar Hunde

gegolten hätte--Kohlhaas schäumte vor Wut, als er diesen Brief

empfing. Er sah, so oft sich ein Geräusch im Hofe hören ließ, mit

der widerwärtigsten Erwartung, die seine Brust jemals bewegt hatte,

nach dem Torwege, ob die Leute des Jungherren erscheinen, und ihm,

vielleicht gar mit einer Entschuldigung, die Pferde, abgehungert und

abgehärmt, wieder zustellen würden; der einzige Fall, in welchem

seine von der Welt wohlerzogene Seele, auf nichts das ihrem Gefühl

völlig entsprach gefaßt war. Er hörte aber in kurzer Zeit schon,

durch einen Bekannten, der die Straße gereiset war, daß die Gaule auf

der Tronkenburg, nach wie vor, den übrigen Pferden des Landjunkers

gleich, auf dem Felde gebraucht würden; und mitten durch den Schmerz,

die Welt in einer so ungeheuren Unordnung zu erblicken, zuckte die

innerliche Zufriedenheit empor, seine eigne Brust nunmehr in Ordnung

zu sehen. Er lud einen Amtmann, seinen Nachbar, zu sich, der längst

mit dem Plan umgegangen war, seine Besitzungen durch den Ankauf der,

ihre Grenze berührenden, Grundstücke zu vergrößern, und fragte ihn,

nachdem sich derselbe bei ihm niedergelassen, was er für seine

Besitzungen, im Brandenburgischen und im Sächsischen, Haus und Hof,

in Pausch und Bogen, es sei nagelfest oder nicht, geben wolle?

Lisbeth, sein Weib, erblaßte bei diesen Worten. Sie wandte sich, und

hob ihr Jüngstes auf, das hinter ihr auf dem Boden spielte, Blicke,

in welchen sich der Tod malte, bei den roten Wangen des Knaben vorbei,

der mit ihren Halsbändern spielte, auf den Roßkamm, und ein Papier

werfend, das er in der Hand hielt. Der Amtmann fragte, indem er ihn

befremdet ansah, was ihn plötzlich auf so sonderbare Gedanken bringe;

worauf jener, mit so viel Heiterkeit, als er erzwingen konnte,

erwiderte: der Gedanke, seinen Meierhof, an den Ufern der Havel, zu

verkaufen, sei nicht allzuneu; sie hätten beide schon oft über diesen

Gegenstand verhandelt; sein Haus in der Vorstadt in Dresden sei, in

Vergleich damit, ein bloßer Anhang, der nicht in Erwägung komme; und

kurz, wenn er ihm seinen Willen tun, und beide Grundstücke übernehmen

wolle, so sei er bereit, den Kontrakt darüber mit ihm abzuschließen.

Er setzte, mit einem etwas erzwungenen Scherz hinzu, Kohlhaasenbrück

sei ja nicht die Welt; es könne Zwecke geben, in Vergleich mit

welchen, seinem Hauswesen, als ein ordentlicher Vater, vorzustehen,

untergeordnet und nichtswürdig sei; und kurz, seine Seele, müsse er

ihm sagen, sei auf große Dinge gestellt, von welchen er vielleicht

bald hören werde. Der Amtmann, durch diese Worte beruhigt, sagte,

auf eine lustige Art, zur Frau, die das Kind einmal über das andere

küßte: er werde doch nicht gleich Bezahlung verlangen? legte Hut und

Stock, die er zwischen den Knieen gehalten hatte, auf den Tisch, und

nahm das Blatt, das der Roßkamm in der Hand hielt, um es zu

durchlesen. Kohlhaas, indem er demselben näher rückte, erklärte ihm,

daß es ein von ihm aufgesetzter eventueller in vier Wochen

verfallener Kaufkontrakt sei; zeigte ihm, daß darin nichts fehle, als

die Unterschriften, und die Einrückung der Summen, sowohl was den

Kaufpreis selbst, als auch den Reukauf, d. h. die Leistung betreffe,

zu der er sich, falls er binnen vier Wochen zurückträte, verstehen

wolle; und forderte ihn noch einmal munter auf, ein Gebot zu tun,

indem er ihm versicherte, daß er billig sein, und keine großen

Umstände machen würde. Die Frau ging in der Stube auf und ab; ihre

Brust flog, daß das Tuch, an welchem der Knabe gezupft hatte, ihr

völlig von der Schulter herabzufallen drohte. Der Amtmann sagte, daß

er ja den Wert der Besitzung in Dresden keineswegs beurteilen könne;

worauf ihm Kohlhaas, Briefe, die bei ihrem Ankauf gewechselt worden

waren, hinschiebend, antwortete: daß er sie zu 100 Goldgülden

anschlage; obschon daraus hervorging, daß sie ihm fast um die Hälfte

mehr gekostet hatte. Der Amtmann, der den Kaufkontrakt noch einmal

überlas, und darin auch von seiner Seite, auf eine sonderbare Art,

die Freiheit stipuliert fand, zurückzutreten, sagte, schon halb

entschlossen: daß er ja die Gestütpferde, die in seinen Ställen wären,

nicht brauchen könne; doch da Kohlhaas erwiderte, daß er die Pferde

auch gar nicht loszuschlagen willens sei, und daß er auch einige

Waffen, die in der Rüstkammer hingen, für sich behalten wolle,

so--zögerte jener noch und zögerte, und wiederholte endlich ein Gebot,

das er ihm vor kurzem schon einmal, halb im Scherz, halb im Ernst,

nichtswürdig gegen den Wert der Besitzung, auf einem Spaziergange

gemacht hatte. Kohlhaas schob ihm Tinte und Feder hin, um zu

schreiben; und da der Amtmann, der seinen Sinnen nicht traute, ihn

noch einmal gefragt hatte, ob es sein Ernst sei? und der Roßkamm ihm

ein wenig empfindlich geantwortet hatte: ob er glaube, daß er bloß

seinen Scherz mit ihm treibe? so nahm jener zwar, mit einem

bedenklichen Gesicht, die Feder, und schrieb; dagegen durchstrich er

den Punkt, in welchem von der Leistung, falls dem Verkäufer der

Handel gereuen sollte, die Rede war; verpflichtete sich zu einem

Darlehn von 100 Goldgülden, auf die Hypothek des Dresdenschen

Grundstücks, das er auf keine Weise käuflich an sich bringen wollte;

und ließ ihm, binnen zwei Monaten völlige Freiheit, von dem Handel

wieder zurückzutreten. Der Roßkamm, von diesem Verfahren gerührt,

schüttelte ihm mit vieler Herzlichkeit die Hand; und nachdem sie noch,

welches eine Hauptbedingung war, übereingekommen waren, daß des

Kaufpreises vierter Teil unfehlbar gleich bar, und der Rest, in drei

Monaten, in der Hamburger Bank, gezahlt werden sollte, rief jener

nach Wein, um sich eines so glücklich abgemachten Geschäfts zu

erfreuen. Er sagte einer Magd, die mit den Flaschen hereintrat,

Sternbald, der Knecht, solle ihm den Fuchs satteln; er müsse, gab er

an, nach der Hauptstadt reiten, wo er Verrichtungen habe; und gab zu

verstehen, daß er in kurzem, wenn er zurückkehre, sich offenherziger

über das, was er jetzt noch für sich behalten müsse, auslassen würde.

Hierauf, indem er die Gläser einschenkte, fragte er nach dem Polen

und Türken, die gerade damals mit einander im Streit lagen;

verwickelte den Amtmann in mancherlei politische Konjekturen darüber;

trank ihm schlüßlich hierauf noch einmal das Gedeihen ihres Geschäfts

zu, und entließ ihn.--Als der Amtmann das Zimmer verlassen hatte,

fiel Lisbeth auf Knieen vor ihm nieder. Wenn du mich irgend, rief

sie, mich und die Kinder, die ich dir geboren habe, in deinem Herzen

trägst; wenn wir nicht im voraus schon, um welcher Ursach willen,

weiß ich nicht, verstoßen sind: so sage mir, was diese entsetzlichen

Anstalten zu bedeuten haben! Kohlhaas sagte: liebstes Weib, nichts,

das dich noch, so wie die Sachen stehn, beunruhigen dürfte. Ich habe

eine Resolution erhalten, in welcher man mir sagt, daß meine Klage

gegen den Junker Wenzel von Tronka eine nichtsnutzige Stänkerei sei.

Und weil hier ein Mißverständnis obwalten muß: so habe ich mich

entschlossen, meine Klage noch einmal, persönlich bei dem Landesherrn

selbst, einzureichen.--Warum willst du dein Haus verkaufen? rief sie,

indem sie mit einer verstörten Gebärde, aufstand. Der Roßkamm, indem

er sie sanft an seine Brust drückte, erwiderte: weil ich in einem

Lande, liebste Lisbeth, in welchem man mich, in meinen Rechten, nicht

schützen will, nicht bleiben mag. Lieber ein Hund sein, wenn ich von

Füßen getreten werden soll, als ein Mensch! Ich bin gewiß, daß meine

Frau hierin so denkt, als ich.--Woher weißt du, fragte jene wild, daß

man dich in deinen Rechten nicht schützen wird? Wenn du dem Herrn

bescheiden, wie es dir zukommt, mit deiner Bittschrift nahst: woher

weißt du, daß sie beiseite geworfen, oder mit Verweigerung, dich zu

hören, beantwortet werden wird?--Wohlan, antwortete Kohlhaas, wenn

meine Furcht hierin ungegründet ist, so ist auch mein Haus noch nicht

verkauft. Der Herr selbst, weiß ich, ist gerecht; und wenn es mir

nur gelingt, durch die, die ihn umringen, bis an seine Person zu

kommen, so zweifle ich nicht, ich verschaffe mir Recht, und kehre

fröhlich, noch ehe die Woche verstreicht, zu dir und meinen alten

Geschäften zurück. Möcht ich alsdann noch, setzt' er hinzu, indem er

sie küßte, bis an das Ende meines Lebens bei dir verharren!--Doch

ratsam ist es, fuhr er fort, daß ich mich auf jeden Fall gefaßt mache;

und daher wünschte ich, daß du dich, auf einige Zeit, wenn es sein

kann, entferntest, und mit den Kindern zu deiner Muhme nach Schwerin

gingst, die du überdies längst hast besuchen wollen.--Wie? rief die

Hausfrau. Ich soll nach Schwerin gehen? über die Grenze mit den

Kindern, zu meiner Muhme nach Schwerin? Und das Entsetzen erstickte

ihr die Sprache.--Allerdings, antwortete Kohlhaas, und das, wenn es

sein kann, gleich, damit ich in den Schritten, die ich für meine

Sache tun will, durch keine Rücksichten gestört werde.--"O! ich

verstehe dich!" rief sie. "Du brauchst jetzt nichts mehr, als Waffen

und Pferde; alles andere kann nehmen, wer will!" Und damit wandte sie

sich, warf sich auf einen Sessel nieder, und weinte. Kohlhaas sagte

betroffen: liebste Lisbeth, was machst du? Gott hat mich mit Weib

und Kindern und Gütern gesegnet; soll ich heute zum erstenmal

wünschen, daß es anders wäre?--Er setzte sich zu ihr, die ihm, bei

diesen Worten, errötend um den Hals gefallen war, freundlich nieder.

--Sag mir an, sprach er, indem er ihr die Locken von der Stirne

strich: was soll ich tun? Soll ich meine Sache aufgeben? Soll ich

nach der Tronkenburg gehen, und den Ritter bitten, daß er mir die

Pferde wieder gebe, mich aufschwingen, und sie dir

herreiten?--Lisbeth wagte nicht: ja! ja! ja! zu sagen--sie schüttelte

weinend mit dem Kopf, sie drückte ihn heftig an sich, und überdeckte

mit heißen Küssen seine Brust. "Nun also!" rief Kohlhaas. "Wenn du

fühlst, daß mir, falls ich mein Gewerbe forttreiben soll, Recht

werden muß: so gönne mir auch die Freiheit, die mir nötig ist, es mir

zu verschaffen!" Und damit stand er auf, und sagte dem Knecht, der

ihm meldete, daß der Fuchs gesattelt stünde: morgen müßten auch die

Braunen eingeschirrt werden, um seine Frau nach Schwerin zu führen.

Lisbeth sagte: sie habe einen Einfall! Sie erhob sich, wischte sich

die Tränen aus den Augen, und fragte ihn, der sich an einem Pult

niedergesetzt hatte: ob er ihr die Bittschrift geben, und sie, statt

seiner, nach Berlin gehen lassen wolle, um sie dem Landesherrn zu

überreichen. Kohlhaas, von dieser Wendung, um mehr als einer Ursach

willen, gerührt, zog sie auf seinen Schoß nieder, und sprach: liebste

Frau, das ist nicht wohl möglich! Der Landesherr ist vielfach

umringt, mancherlei Verdrießlichkeiten ist der ausgesetzt, der ihm

naht. Lisbeth versetzte, daß es in tausend Fällen einer Frau

leichter sei, als einem Mann, ihm zu nahen. Gib mir die Bittschrift,

wiederholte sie; und wenn du weiter nichts willst, als sie in seinen

Händen wissen, so verbürge ich mich dafür: er soll sie bekommen!

Kohlhaas, der von ihrem Mut sowohl, als ihrer Klugheit, mancherlei

Proben hatte, fragte, wie sie es denn anzustellen denke; worauf sie,

indem sie verschämt vor sich niedersah, erwiderte: daß der Kastellan

des kurfürstlichen Schlosses, in früheren Zeiten, da er zu Schwerin

in Diensten gestanden, um sie geworben habe; daß derselbe zwar jetzt

verheiratet sei, und mehrere Kinder habe; daß sie aber immer noch

nicht ganz vergessen wäre;--und kurz, daß er es ihr nur überlassen

möchte, aus diesem und manchem andern Umstand, der zu beschreiben zu

weitläufig wäre, Vorteil zu ziehen. Kohlhaas küßte sie mit vieler

Freude, sagte, daß er ihren Vorschlag annähme, belehrte sie, daß es

weiter nichts bedürfe, als einer Wohnung bei der Frau desselben, um

den Landesherrn, im Schlosse selbst, anzutreten, gab ihr die

Bittschrift, ließ die Braunen anspannen, und schickte sie mit

Sternbald, seinem treuen Knecht, wohleingepackt ab.

Diese Reise war aber von allen erfolglosen Schritten, die er in

seiner Sache getan hatte, der allerunglücklichste. Denn schon nach

wenigen Tagen zog Sternbald in den Hof wieder ein, Schritt vor

Schritt den Wagen führend, in welchem die Frau, mit einer

gefährlichen Quetschung an der Brust, ausgestreckt darnieder lag.

Kohlhaas, der bleich an das Fuhrwerk trat, konnte nichts

Zusammenhängendes über das, was dieses Unglück verursacht hatte,

erfahren. Der Kastellan war, wie der Knecht sagte, nicht zu Hause

gewesen; man war also genötigt worden, in einem Wirtshause, das in

der Nähe des Schlosses lag, abzusteigen; dies Wirtshaus hatte Lisbeth

am andern Morgen verlassen, und dem Knecht befohlen, bei den Pferden

zurückzubleiben; und eher nicht, als am Abend, sei sie, in diesem

Zustand, zurückgekommen. Es schien, sie hatte sich zu dreist an die

Person des Landesherrn vorgedrängt, und, ohne Verschulden desselben,

von dem bloßen rohen Eifer einer Wache, die ihn umringte, einen Stoß,

mit dem Schaft einer Lanze, vor die Brust erhalten. Wenigstens

berichteten die Leute so, die sie, in bewußtlosem Zustand, gegen

Abend in den Gasthof brachten; denn sie selbst konnte, von aus dem

Mund vorquellendem Blute gehindert, wenig sprechen. Die Bittschrift

war ihr nachher durch einen Ritter abgenommen worden. Sternbald

sagte, daß es sein Wille gewesen sei, sich gleich auf ein Pferd zu

setzen, und ihm von diesem unglücklichen Vorfall Nachricht zu geben;

doch sie habe, trotz der Vorstellungen des herbeigerufenen Wundarztes,

darauf bestanden, ohne alle vorgängige Benachrichtigungen, zu ihrem

Manne nach Kohlhaasenbrück abgeführt zu werden. Kohlhaas brachte sie,

die von der Reise völlig zu Grunde gerichtet worden war, in ein Bett,

wo sie, unter schmerzhaften Bemühungen, Atem zu holen, noch einige

Tage lebte. Man versuchte vergebens, ihr das Bewußtsein wieder zu

geben, um über das, was vorgefallen war, einige Aufschlüsse zu

erhalten; sie lag, mit starrem, schon gebrochenen Auge, da, und

antwortete nicht. Nur kurz vor ihrem Tode kehrte ihr noch einmal die

Besinnung wieder. Denn da ein Geistlicher lutherischer Religion (zu

welchem eben damals aufkeimenden Glauben sie sich, nach dem Beispiel

ihres Mannes, bekannt hatte) neben ihrem Bette stand, und ihr mit

lauter und empfindlich-feierlicher Stimme, ein Kapitel aus der Bibel

vorlas: so sah sie ihn plötzlich, mit einem finstern Ausdruck, an,

nahm ihm, als ob ihr daraus nichts vorzulesen wäre, die Bibel aus der

Hand, blätterte und blätterte, und schien etwas darin zu suchen; und

zeigte dem Kohlhaas, der an ihrem Bette saß, mit dem Zeigefinger, den

Vers: "Vergib deinen Feinden; tue wohl auch denen, die dich hassen.

"--Sie drückte ihm dabei mit einem überaus seelenvollen Blick die

Hand, und starb.--Kohlhaas dachte: "so möge mir Gott nie vergeben,

wie ich dem Junker vergebe!" küßte sie, indem ihm häufig die Tränen

flossen, drückte ihr die Augen zu, und verließ das Gemach. Er nahm

die hundert Goldgülden, die ihm der Amtmann schon, für die Ställe in

Dresden, zugefertigt hatte, und bestellte ein Leichenbegräbnis, das

weniger für sie, als für eine Fürstin, angeordnet schien: ein

eichener Sarg, stark mit Metall beschlagen, Kissen von Seide, mit

goldnen und silbernen Troddeln, und ein Grab von acht Ellen Tiefe,

mit Feldsteinen gefüttert und Kalk. Er stand selbst, sein jüngstes

auf dem Arm, bei der Gruft, und sah der Arbeit zu. Als der

Begräbnistag kam, ward die Leiche, weiß wie Schnee, in einen Saal

aufgestellt, den er mit schwarzem Tuch hatte beschlagen lassen. Der

Geistliche hatte eben eine rührende Rede an ihrer Bahre vollendet,

als ihm die landesherrliche Resolution auf die Bittschrift zugestellt

ward, welche die Abgeschiedene übergeben hatte, des Inhalts: er solle

die Pferde von der Tronkenburg abholen, und bei Strafe, in das

Gefängnis geworfen zu werden, nicht weiter in dieser Sache einkommen.

Kohlhaas steckte den Brief ein, und ließ den Sarg auf den Wagen

bringen. Sobald der Hügel geworfen, das Kreuz darauf gepflanzt, und

die Gäste, die die Leiche bestattet hatten, entlassen waren, warf er

sich noch einmal vor ihrem, nun verödeten Bette nieder, und übernahm

sodann das Geschäft der Rache. Er setzte sich nieder und verfaßte

einen Rechtsschluß, in welchem er den Junker Wenzel von Tronka, kraft

der ihm angebotenen Macht, verdammte, die Rappen, die er ihm

abgenommen, und auf den Feldern zu Grunde gerichtet, binnen drei

Tagen nach Sicht, nach Kohlhaasenbrück zu führen, und in Person in

seinen Ställen dick zu füttern. Diesen Schluß sandte er durch einen

reitenden Boten an ihn ab, und instruierte denselben, flugs nach

Übergabe des Papiers, wieder bei ihm in Kohlhaasenbrück zu sein. Da

die drei Tage, ohne Überlieferung der Pferde, verflossen, so rief er

Hersen; eröffnete ihm, was er dem Jungherrn, die Dickfütterung

derselben anbetreffend, aufgegeben; fragte ihn zweierlei, ob er mit

ihm nach der Tronkenburg reiten und den Jungherrn holen; auch, ob er

über den Hergeholten, wenn er bei Erfüllung des Rechtsschlusses in

den Ställen von Kohlhaasenbrück, faul sei, die Peitsche führen wolle?

und da Herse, so wie er ihn nur verstanden hatte: "Herr, heute noch!"

aufjauchzte, und, indem er die Mütze in die Höhe warf, versicherte:

einen Riemen, mit zehn Knoten, um ihm das Striegeln zu lehren, lasse

er sich flechten! so verkaufte Kohlhaas das Haus, schickte die Kinder,

in einen Wagen gepackt, über die Grenze; rief, bei Anbruch der Nacht,

auch die übrigen Knechte zusammen, sieben an der Zahl, treu ihm

jedweder, wie Gold; bewaffnete und beritt sie, und brach nach der

Tronkenburg auf.

Er fiel auch, mit diesem kleinen Haufen, schon, beim Einbruch der

dritten Nacht, den Zollwärter und Torwächter, die im Gespräch unter

dem Tor standen, niederreitend, in die Burg, und während, unter

plötzlicher Aufprasselung aller Baracken im Schloßraum, die sie mit

Feuer bewarfen, Herse, über die Windeltreppe, in den Turm der Vogtei

eilte, und den Schloßvogt und Verwalter, die, halb entkleidet, beim

Spiel saßen, mit Hieben und Stichen überfiel, stürzte Kohlhaas zum

Junker Wenzel ins Schloß. Der Engel des Gerichts fährt also vom

Himmel herab; und der Junker, der eben, unter vielem Gelächter, dem

Troß junger Freunde, der bei ihm war, den Rechtsschluß, den ihm der

Roßkamm übermacht hatte, vorlas, hatte nicht sobald dessen Stimme im

Schloßhof vernommen: als er den Herren schon, plötzlich leichenbleich:

Brüder, rettet euch! zurief, und verschwand. Kohlhaas, der, beim

Eintritt in den Saal, einen Junker Hans von Tronka, der ihm entgegen

kam, bei der Brust faßte, und in den Winkel des Saals schleuderte,

daß er sein Hirn an den Steinen versprützte, fragte, während die

Knechte die anderen Ritter, die zu den Waffen gegriffen hatten,

überwältigten, und zerstreuten: wo der Junker Wenzel von Tronka sei?

Und da er, bei der Unwissenheit der betäubten Männer, die Türen

zweier Gemächer, die in die Seitenflügel des Schlosses führten, mit

einem Fußtritt sprengte, und in allen Richtungen, in denen er das

weitläufige Gebäude durchkreuzte, niemanden fand, so stieg er

fluchend in den Schloßhof hinab, um die Ausgänge besetzen zu lassen.

Inzwischen war, vom Feuer der Baracken ergriffen, nun schon das

Schloß, mit allen Seitengebäuden, starken Rauch gen Himmel qualmend,

angegangen, und während Sternbald, mit drei geschäftigen Knechten,

alles, was nicht niet- und nagelfest war, zusammenschleppten, und

zwischen den Pferden, als gute Beute, umstürzten, flogen, unter dem

Jubel Hersens, aus den offenen Fenstern der Vogtei, die Leichen des

Schloßvogts und Verwalters, mit Weib und Kindern, herab. Kohlhaas,

dem sich, als er die Treppe vom Schloß niederstieg, die alte, von der

Gicht geplagte Haushälterin, die dem Junker die Wirtschaft führte, zu

Füßen warf, fragte sie, indem er auf der Stufe stehen blieb: wo der

Junker Wenzel von Tronka sei? und da sie ihm, mit schwacher,

zitternder Stimme, zur Antwort gab: sie glaube, er habe sich in die

Kapelle geflüchtet; so rief er zwei Knechte mit Fackeln, ließ in

Ermangelung der Schlüssel, den Eingang mit Brechstangen und Beilen

eröffnen, kehrte Altäre und Bänke um, und fand gleichwohl, zu seinem

grimmigen Schmerz, den Junker nicht. Es traf sich, daß ein junger,

zum Gesinde der Tronkenburg gehöriger Knecht, in dem Augenblick, da

Kohlhaas aus der Kapelle zurückkam, herbeieilte, um aus einem

weitläufigen, steinernen Stall, den die Flamme bedrohte, die

Streithengste des Junkers herauszuziehen. Kohlhaas, der, in eben

diesem Augenblick, in einem kleinen, mit Stroh bedeckten Schuppen,

seine beiden Rappen erblickte, fragte den Knecht: warum er die Rappen

nicht rette? und da dieser, indem er den Schlüssel in die Stalltür

steckte, antwortete: der Schuppen stehe ja schon in Flammen; so warf

Kohlhaas den Schlüssel, nachdem er ihm mit Heftigkeit aus der

Stalltüre gerissen, über die Mauer, trieb den Knecht, mit

hageldichten, flachen Hieben der Klinge, in den brennenden Schuppen

hinein, und zwang ihn, unter entsetzlichem Gelächter der Umstehenden,

die Rappen zu retten. Gleichwohl, als der Knecht schreckenblaß,

wenige Momente nachdem der Schuppen hinter ihm zusammenstürzte, mit

den Pferden, die er an der Hand hielt, daraus hervortrat, fand er den

Kohlhaas nicht mehr; und da er sich zu den Knechten auf den

Schloßplatz begab, und den Roßhändler, der ihm mehreremal den Rücken

zukehrte, fragte: was er mit den Tieren nun anfangen solle?--hob

dieser plötzlich, mit einer fürchterlichen Gebärde, den Fuß, daß der

Tritt, wenn er ihn getan hätte, sein Tod gewesen wäre: bestieg, ohne

ihm zu antworten, seinen Braunen, setzte sich unter das Tor der Burg,

und erharrte, inzwischen die Knechte ihr Wesen forttrieben,

schweigend den Tag.

Als der Morgen anbrach, war das ganze Schloß, bis auf die Mauern,

niedergebrannt, und niemand befand sich mehr darin, als Kohlhaas und

seine sieben Knechte. Er stieg vom Pferde, und untersuchte noch

einmal, beim hellen Schein der Sonne, den ganzen, in allen seinen

Winkeln jetzt von ihr erleuchteten Platz, und da er sich, so schwer

es ihm auch ward, überzeugen mußte, daß die Unternehmung auf die Burg

fehlgeschlagen war, so schickte er, die Brust voll Schmerz und Jammer,

Hersen mit einigen Knechten aus, um über die Richtung, die der

Junker auf seiner Flucht genommen, Nachricht einzuziehen. Besonders

beunruhigte ihn ein reiches Fräuleinstift, namens Erlabrunn, das an

den Ufern der Mulde lag, und dessen Äbtissin, Antonia von Tronka, als

eine fromme, wohltätige und heilige Frau, in der Gegend bekannt war;

denn es schien dem unglücklichen Kohlhaas nur zu wahrscheinlich, daß

der Junker sich, entblößt von aller Notdurft, wie er war, in dieses

Stift geflüchtet hatte, indem die Äbtissin seine leibliche Tante und

die Erzieherin seiner ersten Kindheit war. Kohlhaas, nachdem er sich

von diesem Umstand unterrichtet hatte, bestieg den Turm der Vogtei,

in dessen Innerem sich noch ein Zimmer, zur Bewohnung brauchbar,

darbot, und verfaßte ein sogenanntes "Kohlhaasisches Mandat", worin

er das Land aufforderte, dem Junker Wenzel von Tronka, mit dem er in

einem gerechten Krieg liege, keinen Vorschub zu tun, vielmehr jeden

Bewohner, seine Verwandten und Freunde nicht ausgenommen,

verpflichtete, denselben bei Strafe Leibes und des Lebens, und

unvermeidlicher Einäscherung alles dessen, was ein Besitztum heißen

mag, an ihn auszuliefern. Diese Erklärung streute er, durch Reisende

und Fremde, in der Gegend aus; ja, er gab Waldmann, dem Knecht, eine

Abschrift davon, mit dem bestimmten Auftrage, sie in die Hände der

Dame Antonia nach Erlabrunn zu bringen. Hierauf besprach er einige

Tronkenburgische Knechte, die mit dem Junker unzufrieden waren, und

von der Aussicht auf Beute gereizt, in seine Dienste zu treten

wünschten; bewaffnete sie, nach Art des Fußvolks, mit Armbrüsten und

Dolchen, und lehrte sie, hinter den berittenen Knechten aufsitzen;

und nachdem er alles, was der Troß zusammengeschleppt hatte, zu Geld

gemacht und das Geld unter denselben verteilt hatte, ruhete er einige

Stunden, unter dem Burgtor, von seinen jämmerlichen Geschäften aus.

Gegen Mittag kam Herse und bestätigte ihm, was ihm sein Herz, immer

auf die trübsten Ahnungen gestellt, schon gesagt hatte: nämlich, daß

der Junker in dem Stift zu Erlabrunn, bei der alten Dame Antonia von

Tronka, seiner Tante, befindlich sei. Es schien, er hatte sich,

durch eine Tür, die, an der hinteren Wand des Schlosses, in die Luft

hinausging, über eine schmale, steinerne Treppe gerettet, die, unter

einem kleinen Dach, zu einigen Kähnen in die Elbe hinablief.

Wenigstens berichtete Herse, daß er, in einem Elbdorf, zum Befremden

der Leute, die wegen des Brandes in der Tronkenburg versammelt

gewesen, um Mitternacht, in einem Nachen, ohne Steuer und Ruder,

angekommen, und mit einem Dorffuhrwerk nach Erlabrunn weiter gereiset

sei.--Kohlhaas seufzte bei dieser Nachricht tief auf; er fragte, ob

die Pferde gefressen hätten? und da man ihm antwortete: ja: so ließ

er den Haufen aufsitzen, und stand schon in drei Stunden vor

Erlabrunn. Eben, unter dem Gemurmel eines entfernten Gewitters am

Horizont, mit Fackeln, die er sich vor dem Ort angesteckt, zog er mit

seiner Schar in den Klosterhof ein, und Waldmann, der Knecht, der ihm

entgegen trat, meldete ihm, daß das Mandat richtig abgegeben sei, als

er die Äbtissin und den Stiftsvogt, in einem verstörten Wortwechsel,

unter das Portal des Klosters treten sah; und während jener, der

Stiftsvogt, ein kleiner, alter, schneeweißer Mann, grimmige Blicke

auf Kohlhaas schießend, sich den Harnisch anlegen ließ, und den

Knechten, die ihn umringten, mit dreister Stimme zurief, die

Sturmglocke zu ziehn: trat jene, die Stiftsfrau, das silberne Bildnis

des Gekreuzigten in der Hand, bleich, wie Linnenzeug, von der Rampe

herab, und warf sich mit allen ihren Jungfrauen, vor Kohlhaasens

Pferd nieder. Kohlhaas, während Herse und Sternbald den Stiftsvogt,

der kein Schwert in der Hand hatte, überwältigten, und als Gefangenen

zwischen die Pferde führten, fragte sie: wo der Junker Wenzel von

Tronka sei? und da sie, einen großen Ring mit Schlüsseln von ihrem

Gurt loslösend: in Wittenberg, Kohlhaas, würdiger Mann! antwortete,

und, mit bebender Stimme, hinzusetzte: fürchte Gott und tue kein

Unrecht!--so wandte Kohlhaas, in die Hölle unbefriedigter Rache

zurückgeschleudert, das Pferd, und war im Begriff: steckt an! zu

rufen, als ein ungeheurer Wetterschlag, dicht neben ihm, zur Erde

niederfiel. Kohlhaas, indem er sein Pferd zu ihr zurückwandte,

fragte sie: ob sie sein Mandat erhalten? und da die Dame mit

schwacher, kaum hörbarer Stimme, antwortete: eben jetzt!

--"Wann?"--Zwei Stunden, so wahr mir Gott helfe, nach des Junkers,

meines Vetters, bereits vollzogener Abreise!--und Waldmann, der

Knecht, zu dem Kohlhaas sich, unter finsteren Blicken, umkehrte,

stotternd diesen Umstand bestätigte, indem er sagte, daß die Gewässer

der Mulde, vom Regen geschwellt, ihn verhindert hätten, früher, als

eben jetzt, einzutreffen: so sammelte sich Kohlhaas; ein plötzlich

furchtbarer Regenguß, der die Fackeln verlöschend, auf das Pflaster

des Platzes niederrauschte, löste den Schmerz in seiner unglücklichen

Brust; er wandte, indem er kurz den Hut vor der Dame rückte, sein

Pferd, drückte ihm, mit den Worten: folgt mir meine Brüder; der

Junker ist in Wittenberg! die Sporen ein, und verließ das Stift.

Er kehrte, da die Nacht einbrach, in einem Wirtshause auf der

Landstraße ein, wo er, wegen großer Ermüdung der Pferde, einen Tag

ausruhen mußte, und da er wohl einsah, daß er mit einem Haufen von

zehn Mann (denn so stark war er jetzt), einem Platz wie Wittenberg

war, nicht trotzen konnte, so verfaßte er ein zweites Mandat, worin

er, nach einer kurzen Erzählung dessen, was ihm im Lande begegnet,

"jeden guten Christen", wie er sich ausdrückte, "unter Angelobung

eines Handgelds und anderer kriegerischen Vorteile", aufforderte

"seine Sache gegen den Junker von Tronka, als dem allgemeinen Feind

aller Christen, zu ergreifen". In einem anderen Mandat, das bald

darauf erschien, nannte er sich: "einen Reichs- und Weltfreien, Gott

allein unterworfenen Herrn"; eine Schwärmerei krankhafter und

mißgeschaffener Art, die ihm gleichwohl, bei dem Klang seines Geldes

und der Aussicht auf Beute, unter dem Gesindel, das der Friede mit

Polen außer Brot gesetzt hatte, Zulauf in Menge verschaffte:

dergestalt, daß er in der Tat dreißig und etliche Köpfe zählte, als

er sich, zur Einäscherung von Wittenberg, auf die rechte Seite der

Elbe zurückbegab. Er lagerte sich, mit Pferden und Knechten, unter

dem Dache einer alten verfallenen Ziegelscheune, in der Einsamkeit

eines finsteren Waldes, der damals diesen Platz umschloß, und hatte

nicht sobald durch Sternbald, den er, mit dem Mandat, verkleidet in

die Stadt schickte, erfahren, daß das Mandat daselbst schon bekannt

sei, als er auch mit seinen Haufen schon, am heiligen Abend vor

Pfingsten, aufbrach, und den Platz, während die Bewohner im tiefsten

Schlaf lagen, an mehreren Ecken zugleich, in Brand steckte. Dabei

klebte er, während die Knechte in der Vorstadt plünderten, ein Blatt

an den Türpfeiler einer Kirche an, des Inhalts: "er, Kohlhaas, habe

die Stadt in Brand gesteckt, und werde sie, wenn man ihm den Junker

nicht ausliefere, dergestalt einäschern, daß er", wie er sich

ausdrückte, "hinter keiner Wand werde zu sehen brauchen, um ihn zu

finden."--Das Entsetzen der Einwohner, über diesen unerhörten Frevel,

war unbeschreiblich; und die Flamme, die bei einer zum Glück ziemlich

ruhigen Sommernacht, zwar nicht mehr als neunzehn Häuser, worunter

gleichwohl eine Kirche war, in den Grund gelegt hatte, war nicht

sobald, gegen Anbruch des Tages, einigermaßen gedämpft worden, als

der alte Landvogt, Otto von Gorgas, bereits ein Fähnlein von funfzig

Mann aussandte, um den entsetzlichen Wüterich aufzuheben. Der

Hauptmann aber, der es führte, namens Gerstenberg, benahm sich so

schlecht dabei, daß die ganze Expedition Kohlhaasen, statt ihn zu

stürzen, vielmehr zu einem höchst gefährlichen kriegerischen Ruhm

verhalf; denn da dieser Kriegsmann sich in mehrere Abteilungen

auflösete, um ihn, wie er meinte, zu umzingeln und zu erdrücken, ward

er von Kohlhaas, der seinen Haufen zusammenhielt, auf vereinzelten

Punkten, angegriffen und geschlagen, dergestalt, daß schon, am Abend

des nächstfolgenden Tages, kein Mann mehr von dem ganzen Haufen, auf

den die Hoffnung des Landes gerichtet war, gegen ihm im Felde stand.

Kohlhaas, der durch diese Gefechte einige Leute eingebüßt hatte,

steckte die Stadt, am Morgen des nächsten Tages, von neuem in Brand,

und seine mörderischen Anstalten waren so gut, daß wiederum eine

Menge Häuser, und fast alle Scheunen der Vorstadt, in die Asche

gelegt wurden. Dabei plackte er das bewußte Mandat wieder, und zwar

an die Ecken des Rathauses selbst, an, und fügte eine Nachricht über

das Schicksal des, von dem Landvogt abgeschickten und von ihm zu

Grunde gerichteten, Hauptmanns von Gerstenberg bei. Der Landvogt,

von diesem Trotz aufs äußerste entrüstet, setzte sich selbst, mit

mehreren Rittern, an die Spitze eines Haufens von hundert und funfzig

Mann. Er gab dem Junker Wenzel von Tronka, auf seine schriftliche

Bitte, eine Wache, die ihn vor der Gewalttätigkeit des Volks, das ihn

platterdings aus der Stadt entfernt wissen wollte, schützte; und

nachdem er, auf allen Dörfern in der Gegend, Wachen ausgestellt, auch

die Ringmauer der Stadt, um sie vor einem Überfall zu decken, mit

Posten besetzt hatte, zog er, am Tage des heiligen Gervasius, selbst

aus, um den Drachen, der das Land verwüstete, zu fangen. Diesen

Haufen war der Roßkamm klug genug, zu vermeiden; und nachdem er den

Landvogt, durch geschickte Märsche, fünf Meilen von der Stadt

hinweggelockt, und vermitteltet mehrerer Anstalten, die er traf, zu

dem Wahn verleitet hatte, daß er sich, von der Übermacht gedrängt,

ins Brandenburgische werfen würde: wandte er sich plötzlich, beim

Einbruch der dritten Nacht, kehrte, in einem Gewaltritt, nach

Wittenberg zurück, und steckte die Stadt zum drittenmal in Brand.

Herse, der sich verkleidet in die Stadt schlich, führte dieses

entsetzliche Kunststück aus; und die Feuersbrunst war, wegen eines

scharf wehenden Nordwindes, so verderblich und um sich fressend, daß,

in weniger als drei Stunden, zwei und vierzig Häuser, zwei Kirchen,

mehrere Klöster und Schulen, und das Gebäude der kurfürstlichen

Landvogtei selbst, in Schutt und Asche lagen. Der Landvogt, der

seinen Gegner, beim Anbruch des Tages, im Brandenburgischen glaubte,

fand, als er von dem, was vorgefallen, benachrichtigt, in bestürzten

Märschen zurückkehrte, die Stadt in allgemeinem Aufruhr; das Volk

hatte sich zu Tausenden vor dem, mit Balken und Pfählen versammelten,

Hause des Junkers gelagert, und forderte, mit rasendem Geschrei,

seine Abführung aus der Stadt. Zwei Bürgermeister, namens Jenkens

und Otto, die in Amtskleidern an der Spitze des ganzen Magistrats

gegenwärtig waren, bewiesen vergebens, daß man platterdings die

Rückkehr eines Eilboten abwarten müsse, den man wegen Erlaubnis den

Junker nach Dresden bringen zu dürfen, wohin er selbst aus mancherlei

Gründen abzugehen wünsche, an den Präsidenten der Staatskanzlei

geschickt habe; der unvernünftige, mit Spießen und Stangen bewaffnete

Haufen gab auf diese Worte nichts, und eben war man, unter

Mißhandlung einiger zu kräftigen Maßregeln auffordernden Räte, im

Begriff das Haus worin der Junker war zu stürmen, und der Erde gleich

zu machen, als der Landvogt, Otto von Gorgas, an der Spitze seines

Reuterhaufens, in der Stadt erschien. Diesem würdigen Herrn, der

schon durch seine bloße Gegenwart dem Volk Ehrfurcht und Gehorsam

einzuflößen gewohnt war, war es, gleichsam zum Ersatz für die

fehlgeschlagene Unternehmung, von welcher er zurückkam, gelungen,

dicht vor den Toren der Stadt drei zersprengte Knechte von der Bande

des Mordbrenners aufzufangen; und da er, inzwischen die Kerle vor dem

Angesicht des Volks mit Ketten belastet wurden, den Magistrat in

einer klugen Anrede versicherte, den Kohlhaas selbst denke er in

kurzem, indem er ihm auf die Spur sei, gefesselt einzubringen: so

glückte es ihm, durch die Kraft aller dieser beschwichtigenden

Umstände, die Angst des versammelten Volks zu entwaffnen, und über

die Anwesenheit des Junkers, bis zur Zurückkunft des Eilboten aus

Dresden, einigermaßen zu beruhigen. Er stieg, in Begleitung einiger

Ritter, vom Pferde, und verfügte sich, nach Wegräumung der Palisaden

und Pfähle, in das Haus, wo er den Junker, der aus einer Ohnmacht in

die andere fiel, unter den Händen zweier Ärzte fand, die ihn mit

Essenzen und Irritanzen wieder ins Leben zurück zu bringen suchten;

und da Herr Otto von Gorgas wohl fühlte, daß dies der Augenblick

nicht war, wegen der Aufführung, die er sich zu Schulden kommen lasse,

Worte mit ihm zu wechseln: so sagte er ihm bloß, mit einem Blick

stiller Verachtung, daß er sich ankleiden, und ihm, zu seiner eigenen

Sicherheit, in die Gemächer der Ritterhaft folgen möchte. Als man

dem Junker ein Wams angelegt, und einen Helm aufgesetzt hatte, und er,

die Brust, wegen Mangels an Luft, noch halb offen, am Arm des

Landvogts und seines Schwagers, des Grafen von Gerschau, auf der

Straße erschien, stiegen gotteslästerliche und entsetzliche

Verwünschungen gegen ihn zum Himmel auf. Das Volk, von den

Landsknechten nur mühsam zurückgehalten, nannte ihn einen Blutigel,

einen elenden Landplager und Menschenquäler, den Fluch der Stadt

Wittenberg, und das Verderben von Sachsen; und nach einem

jämmerlichen Zuge durch die in Trümmern liegende Stadt, während

welchem er mehreremal, ohne ihn zu vermissen, den Helm verlor, den

ihm ein Ritter von hinten wieder aufsetzte, erreichte man endlich das

Gefängnis, wo er in einem Turm, unter dem Schutz einer starken Wache,

verschwand. Mittlerweile setzte die Rückkehr des Eilboten, mit der

kurfürstlichen Resolution, die Stadt in neue Besorgnis. Denn die

Landesregierung, bei welcher die Bürgerschaft von Dresden, in einer

dringenden Supplik, unmittelbar eingekommen war, wollte, vor

Überwältigung des Mordbrenners, von dem Aufenthalt des Junkers in der

Residenz nichts wissen; vielmehr verpflichtete sie den Landvogt,

denselben da, wo er sei, weil er irgendwo sein müsse, mit der Macht,

die ihm zu Gebote stehe, zu beschirmen: wogegen sie der guten Stadt

Wittenberg, zu ihrer Beruhigung, meldete, daß bereits ein Heerhaufen

von fünfhundert Mann, unter Anführung des Prinzen Friedrich von

Meißen im Anzuge sei, um sie vor den ferneren Belästigungen desselben

zu beschützen. Der Landvogt, der wohl einsah, daß eine Resolution

dieser Art, das Volk keinesweges beruhigen konnte: denn nicht nur,

daß mehrere kleine Vorteile, die der Roßhändler, an verschiedenen

Punkten, vor der Stadt erfochten, über die Stärke, zu der er

herangewachsen, äußerst unangenehme Gerüchte verbreiteten; der Krieg,

den er, in der Finsternis der Nacht, durch verkleidetes Gesindel, mit

Pech, Stroh und Schwefel führte, hätte, unerhört und beispiellos, wie

er war, selbst einen größeren Schutz, als mit welchem der Prinz von

Meißen heranrückte, unwirksam machen können: der Landvogt, nach einer

kurzen Überlegung, entschloß sich, die Resolution, die er empfangen,

ganz und gar zu unterdrücken. Er plackte bloß einen Brief, in

welchem ihm der Prinz von Meißen seine Ankunft meldete, an die Ecken

der Stadt an; ein verdeckter Wagen, der, beim Anbruch des Tages, aus

dem Hofe des Herrenzwingers kam, fuhr, von vier schwer bewaffneten

Reutern begleitet, auf die Straße nach Leipzig hinaus, wobei die

Reuter, auf eine unbestimmte Art verlauten ließen, daß es nach der

Pleißenburg gehe; und da das Volk über den heillosen Junker, an

dessen Dasein Feuer und Schwert gebunden, dergestalt beschwichtigt

war, brach er selbst, mit einem Haufen von dreihundert Mann, auf, um

sich mit dem Prinzen Friedrich von Meißen zu vereinigen. Inzwischen

war Kohlhaas in der Tat, durch die sonderbare Stellung, die er in der

Welt einnahm, auf hundert und neun Köpfe herangewachsen; und da er

auch in Jassen einen Vorrat an Waffen aufgetrieben, und seine Schar,

auf das vollständigste, damit ausgerüstet hatte: so faßte er, von dem

doppelten Ungewitter, das auf ihn heranzog, benachrichtigt, den

Entschluß, demselben, mit der Schnelligkeit des Sturmwinds, ehe es

über ihn zusammenschlüge, zu begegnen. Demnach griff er schon, Tags

darauf, den Prinzen von Meißen, in einem nächtlichen Überfall, bei

Mühlberg an; bei welchem Gefechte er zwar, zu seinem großen Leidwesen,

den Herse einbüßte, der gleich durch die ersten Schüsse an seiner

Seite zusammenstürzte: durch diesen Verlust erbittert aber, in einem

drei Stunden langen Kampfe, den Prinzen, unfähig sich in dem Flecken

zu sammeln, so zurichtete, daß er beim Anbruch des Tages, mehrerer

schweren Wunden, und einer gänzlichen Unordnung seines Haufens wegen,

genötigt war, den Rückweg nach Dresden einzuschlagen. Durch diesen

Vorteil tollkühn gemacht, wandte er sich, ehe derselbe noch davon

unterrichtet sein konnte, zu dem Landvogt zurück, fiel ihn bei dem

Dorfe Damerow, am hellen Mittag, auf freiem Felde an, und schlug sich,

unter mörderischem Verlust zwar, aber mit gleichen Vorteilen, bis in

die sinkende Nacht mit ihm herum. Ja, er würde den Landvogt, der

sich in den Kirchhof zu Damerow geworfen hatte, am andern Morgen

unfehlbar mit dem Rest seines Haufens wieder angegriffen haben, wenn

derselbe nicht durch Kundschafter von der Niederlage, die der Prinz

bei Mühlberg erlitten, benachrichtigt worden wäre, und somit für

ratsamer gehalten hätte, gleichfalls, bis auf einen besseren

Zeitpunkt, nach Wittenberg zurückzukehren. Fünf Tage, nach

Zersprengung dieser beiden Haufen, stand er vor Leipzig, und steckte

die Stadt an drei Seiten in Brand.--Er nannte sich in dem Mandat, das

er, bei dieser Gelegenheit, ausstreute, "einen Statthalter Michaels,

des Erzengels, der gekommen sei, an allen, die in dieser Streitsache

des Junkers Partei ergreifen würden, mit Feuer und Schwert, die

Arglist, in welcher die ganze Welt versunken sei, zu bestrafen".

Dabei rief er, von dem Lützner Schloß aus, das er überrumpelt, und

worin er sich festgesetzt hatte, das Volk auf, sich zur Errichtung

einer besseren Ordnung der Dinge, an ihn anzuschließen; und das

Mandat war, mit einer Art von Verrückung, unterzeichnet: "Gegeben auf

dem Sitz unserer provisorischen Weltregierung, dem Erzschlosse zu

Lützen." Das Glück der Einwohner von Leipzig wollte, daß das Feuer,

wegen eines anhaltenden Regens der vom Himmel fiel, nicht um sich

griff, dergestalt, daß bei der Schnelligkeit der bestehenden

Löschanstalten, nur einige Kramläden, die um die Pleißenburg lagen,

in Flammen aufloderten. Gleichwohl war die Bestürzung in der Stadt,

über das Dasein des rasenden Mordbrenners, und den Wahn, in welchem

derselbe stand, daß der Junker in Leipzig sei, unaussprechlich; und

da ein Haufen von hundert und achtzig Reisigen, den man gegen ihn

ausschickte, zersprengt in die Stadt zurückkam: so blieb dem

Magistrat, der den Reichtum der Stadt nicht aussetzen wollte, nichts

anderes übrig, als die Tore gänzlich zu sperren, und die Bürgerschaft

Tag und Nacht, außerhalb der Mauern, wachen zu lassen. Vergebens

ließ der Magistrat, auf den Dörfern der umliegenden Gegend,

Deklarationen anheften, mit der bestimmten Versicherung, daß der

Junker nicht in der Pleißenburg sei; der Roßkamm, in ähnlichen

Blättern, bestand darauf, daß er in der Pleißenburg sei, und erklärte,

daß, wenn derselbe nicht darin befindlich wäre, er mindestens

verfahren würde, als ob er darin wäre, bis man ihm den Ort, mit Namen

genannt, werde angezeigt haben, worin er befindlich sei. Der

Kurfürst, durch einen Eilboten, von der Not, in welcher sich die

Stadt Leipzig befand, benachrichtigt, erklärte, daß er bereits einen

Heerhaufen von zweitausend Mann zusammenzöge, und sich selbst an

dessen Spitze setzen würde, um den Kohlhaas zu fangen. Er erteilte

dem Herrn Otto von Gorgas einen schweren Verweis, wegen der

zweideutigen und unüberlegten List, die er angewendet, um des

Mordbrenners aus der Gegend von Wittenberg loszuwerden; und niemand

beschreibt die Verwirrung, die ganz Sachsen und insbesondere die

Residenz ergriff, als man daselbst erfuhr, daß, auf den Dörfern bei

Leipzig, man wußte nicht von wem, eine Deklaration an den Kohlhaas

angeschlagen worden sei, des Inhalts: "Wenzel, der Junker, befinde

sich bei seinen Vettern Hinz und Kunz, in Dresden."

Unter diesen Umständen übernahm der Doktor Martin Luther das Geschäft,

den Kohlhaas, durch die Kraft beschwichtigender Worte, von dem

Ansehn, das ihm seine Stellung in der Welt gab, unterstützt, in den

Damm der menschlichen Ordnung zurückzudrücken, und auf ein tüchtiges

Element in der Brust des Mordbrenners bauend, erließ er ein Plakat

folgenden Inhalts an ihn, das in allen Städten und Flecken des

Kurfürstentums angeschlagen ward:

"Kohlhaas, der du dich gesandt zu sein vorgibst, das Schwert der

Gerechtigkeit zu handhaben, was unterfängst du dich, Vermessener, im

Wahnsinn stockblinder Leidenschaft, du, den Ungerechtigkeit selbst,

vom Wirbel bis zur Sohle erfüllt? Weil der Landesherr dir, dem du

untertan bist, dein Recht verweigert hat, dein Recht in dem Streit um

ein nichtiges Gut, erhebst du dich, Heilloser, mit Feuer und Schwert,

und brichst, wie der Wolf der Wüste, in die friedliche Gemeinheit,

die er beschirmt. Du, der die Menschen mit dieser Angabe, voll

Unwahrhaftigkeit und Arglist, verführt: meinst du, Sünder, vor Gott

dereinst, an dem Tage, der in die Falten aller Herzen scheinen wird,

damit auszukommen? Wie kannst du sagen, daß dir dein Recht

verweigert worden ist, du, dessen grimmige Brust, vom Kitzel schnöder

Selbstrache gereizt, nach den ersten, leichtfertigen Versuchen, die

dir gescheitert, die Bemühung gänzlich aufgegeben hat, es dir zu

verschaffen? Ist eine Bank voll Gerichtsdienern und Schergen, die

einen Brief, der gebracht wird, unterschlagen, oder ein Erkenntnis,

das sie abliefern sollen, zurückhalten, deine Obrigkeit? Und muß ich

dir sagen, Gottvergessener, daß deine Obrigkeit von deiner Sache

nichts weiß--was sag ich? daß der Landesherr, gegen den du dich

auflehnst, auch deinen Namen nicht kennt, dergestalt, daß wenn

dereinst du vor Gottes Thron trittst, in der Meinung, ihn anzuklagen,

er, heiteren Antlitzes, wird sprechen können: diesem Mann, Herr, tat

ich kein Unrecht, denn sein Dasein ist meiner Seele fremd? Das

Schwert, wisse, das du führst, ist das Schwert des Raubes und der

Mordlust, ein Rebell bist du und kein Krieger des gerechten Gottes,

und dein Ziel auf Erden ist Rad und Galgen, und jenseits die

Verdammnis, die über die Missetat und die Gottlosigkeit verhängt ist.

Wittenberg, usw.

Ausgewählte Schriften · 第 11 / 13 题