So standen die Sachen in Dresden, als sich über den armen Kohlhaas,

noch ein anderes, bedeutenderes Gewitter, von Lützen her, zusammenzog,

dessen Strahl die arglistigen Ritter geschickt genug waren, auf das

unglückliche Haupt desselben herabzuleiten. Johann Nagelschmidt

nämlich, einer von den durch den Roßhändler zusammengebrachten, und

nach Erscheinung der kurfürstlichen Amnestie wieder abgedankten

Knechten, hatte für gut befunden, wenige Wochen nachher, an der

böhmischen Grenze, einen Teil dieses zu allen Schandtaten aufgelegten

Gesindels von neuem zusammenzuraffen, und das Gewerbe, auf dessen

Spur ihn Kohlhaas geführt hatte, auf seine eigne Hand fortzusetzen.

Dieser nichtsnutzige Kerl nannte sich, teils um den Häschern von

denen er verfolgt ward, Furcht einzuflößen, teils um das Landvolk,

auf die gewohnte Weise, zur Teilnahme an seinen Spitzbübereien zu

verleiten, einen Statthalter des Kohlhaas; sprengte mit einer seinem

Herrn abgelernten Klugheit aus, daß die Amnestie an mehreren, in ihre

Heimat ruhig zurückgekehrten Knechten nicht gehalten, ja der Kohlhaas

selbst, mit himmelschreiender Wortbrüchigkeit, bei seiner Ankunft in

Dresden eingesteckt, und einer Wache übergeben worden sei; dergestalt,

daß in Plakaten, die den Kohlhaasischen ganz ähnlich waren, sein

Mordbrennerhaufen als ein zur bloßen Ehre Gottes aufgestandener

Kriegshaufen erschien, bestimmt, über die Befolgung der ihnen von dem

Kurfürsten angelobten Amnestie zu wachen; alles, wie schon gesagt,

keineswegs zur Ehre Gottes, noch aus Anhänglichkeit an den Kohlhaas,

dessen Schicksal ihnen völlig gleichgültig war, sondern um unter dem

Schutz solcher Vorspiegelungen desto ungestrafter und bequemer zu

sengen und zu plündern. Die Ritter, sobald die ersten Nachrichten

davon nach Dresden kamen, konnten ihre Freude über diesen, dem ganzen

Handel eine andere Gestalt gebenden Vorfall nicht unterdrücken. Sie

erinnerten mit weisen und mißvergnügten Seitenblicken an den Mißgriff,

den man begangen, indem man dem Kohlhaas, ihren dringenden und

wiederholten Warnungen zum Trotz, Amnestie erteilt, gleichsam als

hätte man die Absicht gehabt Bösewichtern aller Art dadurch, zur

Nachfolge auf seinem Wege, das Signal zu geben; und nicht zufrieden,

dem Vorgeben des Nagelschmidt, zur bloßen Aufrechthaltung und

Sicherheit seines unterdrückten Herrn die Waffen ergriffen zu haben,

Glauben zu schenken, äußerten sie sogar die bestimmte Meinung, daß

die ganze Erscheinung desselben nichts, als ein von dem Kohlhaas

angezetteltes Unternehmen sei, um die Regierung in Furcht zu setzen,

und den Fall des Rechtsspruchs, Punkt vor Punkt, seinem rasenden

Eigensinn gemäß, durchzusetzen und zu beschleunigen. Ja, der

Mundschenk, Herr Hinz, ging so weit, einigen Jagdjunkern und

Hofherren, die sich nach der Tafel im Vorzimmer des Kurfürsten um ihn

versammelt hatten, die Auflösung des Räuberhaufens in Lützen als eine

verwünschte Spiegelfechterei darzustellen; und indem er sich über die

Gerechtigkeitsliebe des Großkanzlers sehr lustig machte, erwies er

aus mehreren witzig zusammengestellten Umständen, daß der Haufen,

nach wie vor, noch in den Wäldern des Kurfürstentums vorhanden sei,

und nur auf den Wink des Roßhändlers warte, um daraus von neuem mit

Feuer und Schwert hervorzubrechen. Der Prinz Christiern von Meißen,

über diese Wendung der Dinge, die seines Herrn Ruhm auf die

empfindlichste Weise zu beflecken drohete, sehr mißvergnügt, begab

sich sogleich zu demselben aufs Schloß; und das Interesse der Ritter,

den Kohlhaas, wenn es möglich wäre, auf den Grund neuer Vergehungen

zu stürzen, wohl durchschauend, bat er sich von demselben die

Erlaubnis aus, unverzüglich ein Verhör über den Roßhändler anstellen

zu dürfen. Der Roßhändler, nicht ohne Befremden, durch einen Häscher

in das Gubernium abgeführt, erschien, den Heinrich und Leopold, seine

beiden kleinen Knaben auf dem Arm; denn Sternbald, der Knecht, war

Tags zuvor mit seinen fünf Kindern aus dem Mecklenburgischen, wo sie

sich aufgehalten hatten, bei ihm angekommen, und Gedanken mancherlei

Art, die zu entwickeln zu weitläufig sind, bestimmten ihn, die Jungen,

die ihn bei seiner Entfernung unter dem Erguß kindischer Tränen

darum baten, aufzuheben, und in das Verhör mitzunehmen. Der Prinz,

nachdem er die Kinder, die Kohlhaas neben sich niedergesetzt hatte,

wohlgefällig betrachtet und auf eine freundliche Weise nach ihrem

Alter und Namen gefragt hatte, eröffnete ihm, was der Nagelschmidt,

sein ehemaliger Knecht, sich in den Tälern des Erzgebirges für

Freiheiten herausnehme; und indem er ihm die sogenannten Mandate

desselben überreichte, forderte er ihn auf, dagegen vorzubringen, was

er zu seiner Rechtfertigung vorzubringen wüßte. Der Roßhändler, so

schwer er auch in der Tat über diese schändlichen und verräterischen

Papiere erschrak, hatte gleichwohl, einem so rechtschaffenen Manne,

als der Prinz war, gegenüber, wenig Mühe, die Grundlosigkeit der

gegen ihn auf die Bahn gebrachten Beschuldigungen, befriedigend

auseinander zu legen. Nicht nur, daß zufolge seiner Bemerkung er, so

wie die Sachen standen, überhaupt noch zur Entscheidung seines, im

besten Fortgang begriffenen Rechtsstreits, keiner Hülfe von Seiten

eines Dritten bedürfte: aus einigen Briefschaften, die er bei sich

trug, und die er dem Prinzen vorzeigte, ging sogar eine

Unwahrscheinlichkeit ganz eigner Art hervor, daß das Herz des

Nagelschmidts gestimmt sein sollte, ihm dergleichen Hülfe zu leisten,

indem er den Kerl, wegen auf dem platten Lande verübter Notzucht und

anderer Schelmereien, kurz vor Auflösung des Haufens in Lützen hatte

hängen lassen wollen; dergestalt, daß nur die Erscheinung der

kurfürstlichen Amnestie, indem sie das ganze Verhältnis aufhob, ihn

gerettet hatte, und beide Tags darauf, als Todfeinde auseinander

gegangen waren. Kohlhaas, auf seinen von dem Prinzen angenommenen

Vorschlag, setzte sich nieder, und erließ ein Sendschreiben an den

Nagelschmidt, worin er das Vorgeben desselben zur Aufrechthaltung der

an ihm und seinen Haufen gebrochenen Amnestie aufgestanden zu sein,

für eine schändliche und ruchlose Erfindung erklärte; ihm sagte, daß

er bei seiner Ankunft in Dresden weder eingesteckt, noch einer Wache

übergeben, auch seine Rechtssache ganz so, wie er es wünsche, im

Fortgang sei; und ihn wegen der, nach Publikation der Amnestie im

Erzgebirge ausgeübten Mordbrennereien, zur Warnung des um ihn

versammelten Gesindels, der ganzen Rache der Gesetze preis gab.

Dabei wurden einige Fragmente der Kriminalverhandlung, die der

Roßhändler auf dem Schlosse zu Lützen, in Bezug auf die oben

erwähnten Schändlichkeiten, über ihn hatte anstellen lassen, zur

Belehrung des Volks über diesen nichtsnutzigen, schon damals dem

Galgen bestimmten, und, wie schon erwähnt, nur durch das Patent das

der Kurfürst erließ, geretteten Kerl, angehängt. Dem gemäß beruhigte

der Prinz den Kohlhaas über den Verdacht, den man ihm, durch die

Umstände notgedrungen, in diesem Verhör habe äußern müssen;

versicherte ihn, daß so lange er in Dresden wäre, die ihm erteilte

Amnestie auf keine Weise gebrochen werden solle; reichte den Knaben

noch einmal, indem er sie mit Obst, das auf seinem Tische stand,

beschenkte, die Hand, grüßte den Kohlhaas und entließ ihn. Der

Großkanzler, der gleichwohl die Gefahr, die über den Roßhändler

schwebte, erkannte, tat sein Äußerstes, um die Sache desselben, bevor

sie durch neue Ereignisse verwickelt und verworren würde, zu Ende zu

bringen; das aber wünschten und bezweckten die staatsklugen Ritter

eben, und statt, wie zuvor, mit stillschweigendem Eingeständnis der

Schuld, ihren Widerstand auf ein bloß gemildertes Rechtserkenntnis

einzuschränken, fingen sie jetzt an, in Wendungen arglistiger und

rabulistischer Art, diese Schuld selbst gänzlich zu leugnen. Bald

gaben sie vor, daß die Rappen des Kohlhaas, in Folge eines bloß

eigenmächtigen Verfahrens des Schloßvogts und Verwalters, von welchem

der Junker nichts oder nur Unvollständiges gewußt, auf der

Tronkenburg zurückgehalten worden seien; bald versicherten sie, daß

die Tiere schon, bei ihrer Ankunft daselbst, an einem heftigen und

gefährlichen Husten krank gewesen wären, und beriefen sich deshalb

auf Zeugen, die sie herbeizuschaffen sich anheischig machten; und als

sie mit diesen Argumenten, nach weitläufigen Untersuchungen und

Auseinandersetzungen, aus dem Felde geschlagen waren, brachten sie

gar ein kurfürstliches Edikt bei, worin, vor einem Zeitraum von zwölf

Jahren, einer Viehseuche wegen, die Einführung der Pferde aus dem

Brandenburgischen ins Sächsische, in der Tat verboten worden war: zum

sonnenklaren Beleg nicht nur der Befugnis, sondern sogar der

Verpflichtung des Junkers, die von dem Kohlhaas über die Grenze

gebrachten Pferde anzuhalten.--Kohlhaas, der inzwischen von dem

wackern Amtmann zu Kohlhaasenbrück seine Meierei, gegen eine geringe

Vergütigung des dabei gehabten Schadens, käuflich wieder erlangt

hatte, wünschte, wie es scheint wegen gerichtlicher Abmachung dieses

Geschäfts, Dresden auf einige Tage zu verlassen, und in diese seine

Heimat zu reisen; ein Entschluß, an welchem gleichwohl, wie wir nicht

zweifeln, weniger das besagte Geschäft, so dringend es auch in der

Tat, wegen Bestellung der Wintersaat, sein mochte, als die Absicht

unter so sonderbaren und bedenklichen Umständen seine Lage zu prüfen,

Anteil hatte: zu welchem vielleicht auch noch Gründe anderer Art

mitwirkten, die wir jedem, der in seiner Brust Bescheid weiß, zu

erraten überlassen wollen. Demnach verfügte er sich, mit

Zurücklassung der Wache, die ihm zugeordnet war, zum Großkanzler, und

eröffnete ihm, die Briefe des Amtmanns in der Hand: daß er willens

sei, falls man seiner, wie es den Anschein habe, bei dem Gericht

nicht notwendig bedürfe, die Stadt zu verlassen, und auf einen

Zeitraum von acht oder zwölf Tagen, binnen welcher Zeit er wieder

zurück zu sein versprach, nach dem Brandenburgischen zu reisen. Der

Großkanzler, indem er mit einem mißvergnügten und bedenklichen

Gesichte zur Erde sah, versetzte: er müsse gestehen, daß seine

Anwesenheit grade jetzt notwendiger sei als jemals, indem das Gericht

wegen arglistiger und winkelziehender Einwendungen der Gegenpart,

seiner Aussagen und Erörterungen, in tausenderlei nicht

vorherzusehenden Fällen, bedürfe; doch da Kohlhaas ihn auf seinen,

von dem Rechtsfall wohl unterrichteten Advokaten verwies, und mit

bescheidener Zudringlichkeit, indem er sich auf acht Tage

einzuschränken versprach, auf seine Bitte beharrte, so sagte der

Großkanzler nach einer Pause kurz, indem er ihn entließ: "er hoffe,

daß er sich deshalb Pässe, bei dem Prinzen Christiern von Meißen,

ausbitten würde."--Kohlhaas, der sich auf das Gesicht des

Großkanzlers gar wohl verstand, setzte sich, in seinem Entschluß nur

bestärkt, auf der Stelle nieder, und bat, ohne irgend einen Grund

anzugeben, den Prinzen von Meißen, als Chef des Guberniums, um Pässe

auf acht Tage nach Kohlhaasenbrück, und zurück. Auf dieses Schreiben

erhielt er eine, von dem Schloßhauptmann, Freiherrn Siegfried von

Wenk, unterzeichnete Gubernial-Resolution, des Inhalts: "sein Gesuch

um Pässe nach Kohlhaasenbrück werde des Kurfürsten Durchlaucht

vorgelegt werden, auf dessen höchster Bewilligung, sobald sie

eingingen ihm die Pässe zugeschickt werden würden." Auf die

Erkundigung Kohlhaasens bei seinem Advokaten, wie es zuginge, daß die

Gubernial-Resolution von einem Freiherrn Siegfried von Wenk, und

nicht von dem Prinzen Christiern von Meißen, an den er sich gewendet,

unterschrieben sei, erhielt er zur Antwort: daß der Prinz vor drei

Tagen auf seine Güter gereist, und die Gubernialgeschäfte während

seiner Abwesenheit dem Schloßhauptmann Freiherrn Siegfried von Wenk,

einem Vetter des oben erwähnten Herren gleiches Namens, übergeben

worden wären.--Kohlhaas, dem das Herz unter allen diesen Umständen

unruhig zu klopfen anfing, harrte durch mehrere Tage auf die

Entscheidung seiner, der Person des Landesherrn mit befremdender

Weitläufigkeit vorgelegten Bitte; doch es verging eine Woche, und es

verging mehr, ohne daß weder diese Entscheidung einlief, noch auch

das Rechtserkenntnis, so bestimmt man es ihm auch verkündigt hatte,

bei dem Tribunal gefällt ward: dergestalt, daß er am zwölften Tage,

fest entschlossen, die Gesinnung der Regierung gegen ihn, sie möge

sein, welche man wolle, zur Sprache zu bringen, sich niedersetzte,

und das Gubernium von neuem in einer dringenden Vorstellung um die

erforderten Pässe bat. Aber wie betreten war er, als er am Abend des

folgenden, gleichfalls ohne die erwartete Antwort verstrichenen Tages,

mit einem Schritt, den er gedankenvoll, in Erwägung seiner Lage, und

besonders der ihm von dem Doktor Luther ausgewirkten Amnestie, an das

Fenster seines Hinterstübchens tat, in dem kleinen, auf dem Hofe

befindlichen Nebengebäude, das er ihr zum Aufenthalte angewiesen

hatte, die Wache nicht erblickte, die ihm bei seiner Ankunft der

Prinz von Meißen eingesetzt hatte. Thomas, der alte Hausmann, den er

herbeirief und fragte: was dies zu bedeuten habe? antwortete ihm

seufzend: Herr! es ist nicht alles wie es sein soll; die Landsknechte,

deren heute mehr sind wie gewöhnlich, haben sich bei Einbruch der

Nacht um das ganze Haus verteilt; zwei stehen, mit Schild und Spieß,

an der vordern Tür auf der Straße; zwei an der hintern im Garten: und

noch zwei andere liegen im Vorsaal auf ein Bund Stroh, und sagen, daß

sie daselbst schlafen würden. Kohlhaas, der seine Farbe verlor,

wandte sich und versetzte: "es wäre gleichviel, wenn sie nur da wären;

und er möchte den Landsknechten, sobald er auf den Flur käme, Licht

hinsetzen, damit sie sehen könnten." Nachdem er noch, unter dem

Vorwande, ein Geschirr auszugießen, den vordern Fensterladen eröffnet,

und sich von der Wahrheit des Umstands, den ihm der Alte entdeckt,

überzeugt hatte: denn eben ward sogar in geräuschloser Ablösung die

Wache erneuert, an welche Maßregel bisher, so lange die Einrichtung

bestand, noch niemand gedacht hatte: so legte er sich, wenig

schlaflustig allerdings, zu Bette, und sein Entschluß war für den

kommenden Tag sogleich gefaßt. Denn nichts mißgönnte er der

Regierung, mit der er zu tun hatte, mehr, als den Schein der

Gerechtigkeit, während sie in der Tat die Amnestie, die sie ihm

angelobt hatte, an ihm brach; und falls er wirklich ein Gefangener

sein sollte, wie es keinem Zweifel mehr unterworfen war, wollte er

derselben auch die bestimmte und unumwundene Erklärung, daß es so sei,

abnötigen. Demnach ließ er, sobald der Morgen des nächsten Tages

anbrach, durch Sternbald, seinen Knecht, den Wagen anspannen und

vorführen, um wie er vorgab, zu dem Verwalter nach Lockewitz zu

fahren, der ihn, als ein alter Bekannter, einige Tage zuvor in

Dresden gesprochen und eingeladen hatte, ihn einmal mit seinen

Kindern zu besuchen. Die Landsknechte, welche mit zusammengesteckten

Köpfen, die dadurch veranlaßten Bewegungen im Hause wahrnahmen,

schickten einen aus ihrer Mitte heimlich in die Stadt, worauf binnen

wenigen Minuten ein Gubernial-Offiziant an der Spitze mehrerer

Häscher erschien, und sich, als ob er daselbst ein Geschäft hätte, in

das gegenüberliegende Haus begab. Kohlhaas der mit der Ankleidung

seiner Knaben beschäftigt, diese Bewegungen gleichfalls bemerkte, und

den Wagen absichtlich länger, als eben nötig gewesen wäre, vor dem

Hause halten ließ, trat, sobald er die Anstalten der Polizei

vollendet sah, mit seinen Kindern, ohne darauf Rücksicht zu nehmen,

vor das Haus hinaus; und während er dem Troß der Landsknechte, die

unter der Tür standen, im Vorübergehen sagte, daß sie nicht nötig

hätten, ihm zu folgen, hob er die Jungen in den Wagen und küßte und

tröstete die kleinen weinenden Mädchen, die, seiner Anordnung gemäß,

bei der Tochter des alten Hausmanns zurückbleiben sollten. Kaum

hatte er selbst den Wagen bestiegen, als der Gubernial-Offiziant mit

seinem Gefolge von Häschern, aus dem gegenüberliegenden Hause, zu ihm

herantrat, und ihn fragte: wohin er wolle? Auf die Antwort

Kohlhaasens: "daß er zu seinem Freund, dem Amtmann nach Lockewitz

fahren wolle, der ihn vor einigen Tagen mit seinen beiden Knaben zu

sich aufs Land geladen", antwortete der Gubernial-Offiziant: daß er

in diesem Fall einige Augenblicke warten müsse, indem einige

berittene Landsknechte, dem Befehl des Prinzen von Meißen gemäß, ihn

begleiten würden. Kohlhaas fragte lächelnd von dem Wagen herab: "ob

er glaube, daß seine Person in dem Hause eines Freundes, der sich

erboten, ihn auf einen Tag an seiner Tafel zu bewirten, nicht sicher

sei?" Der Offiziant erwiderte auf eine heitere und angenehme Art: daß

die Gefahr allerdings nicht groß sei; wobei er hinzusetzte: daß ihm

die Knechte auch auf keine Weise zur Last fallen sollten. Kohlhaas

versetzte ernsthaft: "daß ihm der Prinz von Meißen, bei seiner

Ankunft in Dresden, freigestellt, ob er sich der Wache bedienen wolle

oder nicht"; und da der Offiziant sich über diesen Umstand wunderte,

und sich mit vorsichtigen Wendungen auf den Gebrauch, während der

ganzen Zeit seiner Anwesenheit, berief: so erzählte der Roßhändler

ihm den Vorfall, der die Einsetzung der Wache in seinem Hause

veranlaßt hatte. Der Offiziant versicherte ihn, daß die Befehle des

Schloßhauptmanns, Freiherrn von Wenk, der in diesem Augenblick Chef

der Polizei sei, ihm die unausgesetzte Beschützung seiner Person zur

Pflicht mache; und bat ihn, falls er sich die Begleitung nicht

gefallen lassen wolle, selbst auf das Gubernium zu gehen, um den

Irrtum, der dabei obwalten müsse, zu berichtigen. Kohlhaas, mit

einem sprechenden Blick, den er auf den Offizianten warf, sagte,

entschlossen die Sache zu beugen oder zu brechen: "daß er dies tun

wolle"; stieg mit klopfendem Herzen von dem Wagen, ließ die Kinder

durch den Hausmann in den Flur tragen, und verfügte sich, während der

Knecht mit dem Fuhrwerk vor dem Hause halten blieb, mit dem

Offizianten und seiner Wache in das Gubernium. Es traf sich, daß der

Schloßhauptmann, Freiherr Wenk eben mit der Besichtigung einer Bande,

am Abend zuvor eingebrachter Nagelschmidtscher Knechte, die man in

der Gegend von Leipzig aufgefangen hatte, beschäftigt war, und die

Kerle über manche Dinge, die man gern von ihnen gehört hätte, von den

Rittern, die bei ihm waren, befragt wurden, als der Roßhändler mit

seiner Begleitung zu ihm in den Saal trat. Der Freiherr, sobald er

den Roßhändler erblickte, ging, während die Ritter plötzlich still

wurden, und mit dem Verhör der Knechte einhielten, auf ihn zu, und

fragte ihn: was er wolle? und da der Roßkamm ihm auf ehrerbietige

Weise sein Vorhaben, bei dem Verwalter in Lockewitz zu Mittag zu

speisen, und den Wunsch, die Landsknechte deren er dabei nicht

bedürfe zurücklassen zu dürfen, vorgetragen hatte, antwortete der

Freiherr, die Farbe im Gesicht wechselnd, indem er eine andere Rede

zu verschlucken schien: "er würde wohl tun, wenn er sich still in

seinem Hause hielte, und den Schmaus bei dem Lockewitzer Amtmann vor

der Hand noch aussetzte."--Dabei wandte er sich, das ganze Gespräch

zerschneidend, dem Offizianten zu, und sagte ihm: "daß es mit dem

Befehl, den er ihm, in Bezug auf den Mann gegeben, sein Bewenden

hätte, und daß derselbe anders nicht, als in Begleitung sechs

berittener Landsknechte die Stadt verlassen dürfe."--Kohlhaas fragte:

ob er ein Gefangener wäre, und ob er glauben solle, daß die ihm

feierlich, vor den Augen der ganzen Welt angelobte Amnestie gebrochen

sei? worauf der Freiherr sich plötzlich glutrot im Gesichte zu ihm

wandte, und, indem er dicht vor ihn trat, und ihm in das Auge sah,

antwortete: ja! ja! ja!--ihm den Rücken zukehrte, ihn stehen ließ,

und wieder zu den Nagelschmidtschen Knechten ging. Hierauf verließ

Kohlhaas den Saal, und ob er schon einsah, daß er sich das einzige

Rettungsmittel, das ihm übrig blieb, die Flucht, durch die Schritte

die er getan, sehr erschwert hatte, so lobte er sein Verfahren

gleichwohl, weil er sich nunmehr auch seinerseits von der

Verbindlichkeit den Artikeln der Amnestie nachzukommen, befreit sah.

Er ließ, da er zu Hause kam, die Pferde ausspannen, und begab sich,

in Begleitung des Gubernial-Offizianten, sehr traurig und erschüttert

in sein Zimmer; und während dieser Mann auf eine dem Roßhändler Ekel

erregende Weise, versicherte, daß alles nur auf einem Mißverständnis

beruhen müsse, das sich in Kurzem lösen würde, verriegelten die

Häscher, auf seinen Wink, alle Ausgänge der Wohnung die auf den Hof

führten; wobei der Offiziant ihm versicherte, daß ihm der vordere

Haupteingang nach wie vor, zu seinem beliebigen Gebrauch offen stehe.

Inzwischen war der Nagelschmidt in den Wäldern des Erzgebirgs, durch

Häscher und Landsknechte von allen Seiten so gedrängt worden, daß er

bei dem gänzlichen Mangel an Hülfsmitteln, eine Rolle der Art, wie er

sie übernommen, durchzuführen, auf den Gedanken verfiel, den Kohlhaas

in der Tat ins Interesse zu ziehen; und da er von der Lage seines

Rechtsstreits in Dresden durch einen Reisenden, der die Straße zog,

mit ziemlicher Genauigkeit unterrichtet war: so glaubte er, der

offenbaren Feindschaft, die unter ihnen bestand, zum Trotz, den

Roßhändler bewegen zu können, eine neue Verbindung mit ihm einzugehen.

Demnach schickte er einen Knecht, mit einem, in kaum leserlichem

Deutsch abgefaßten Schreiben an ihn ab, des Inhalts: "Wenn er nach

dem Altenburgischen kommen, und die Anführung des Haufens, der sich

daselbst, aus Resten des aufgelösten zusammengefunden, wieder

übernehmen wolle, so sei er erbötig, ihm zur Flucht aus seiner Haft

in Dresden mit Pferden, Leuten und Geld an die Hand zu gehen; wobei

er ihm versprach, künftig gehorsamer und überhaupt ordentlicher und

besser zu sein, als vorher, und sich zum Beweis seiner Treue und

Anhänglichkeit anheischig machte, selbst in die Gegend von Dresden zu

kommen, um seine Befreiung aus seinem Kerker zu bewirken." Nun hatte

der, mit diesem Brief beauftragte Kerl das Unglück, in einem Dorf

dicht vor Dresden, in Krämpfen häßlicher Art, denen er von Jugend auf

unterworfen war, niederzusinken; bei welcher Gelegenheit der Brief,

den er im Brustlatz trug, von Leuten, die ihm zu Hülfe kamen,

gefunden, er selbst aber, sobald er sich erholt, arretiert, und durch

eine Wache unter Begleitung vielen Volks, auf das Gubernium

transportiert ward. Sobald der Schloßhauptmann von Wenk diesen Brief

gelesen hatte, verfügte er sich unverzüglich zum Kurfürsten aufs

Schloß, wo er die Herren Kunz und Hinz, welcher ersterer von seinen

Wunden wieder hergestellt war, und den Präsidenten der Staatskanzelei,

Grafen Kallheim, gegenwärtig fand. Die Herren waren der Meinung,

daß der Kohlhaas ohne weiteres arretiert, und ihm, auf den Grund

geheimer Einverständnisse mit dem Nagelschmidt, der Prozeß gemacht

werden müsse; indem sie bewiesen, daß ein solcher Brief nicht, ohne

daß frühere auch von Seiten des Roßhändlers vorangegangen, und ohne

daß überhaupt eine frevelhafte und verbrecherische Verbindung, zu

Schmiedung neuer Greuel, unter ihnen statt finden sollte, geschrieben

sein könne. Der Kurfürst weigerte sich standhaft, auf den Grund bloß

dieses Briefes, dem Kohlhaas das freie Geleit, das er ihm angelobt,

zu brechen; er war vielmehr der Meinung, daß eine Art von

Wahrscheinlichkeit aus dem Briefe des Nagelschmidt hervorgehe, daß

keine frühere Verbindung zwischen ihnen statt gefunden habe; und

alles, wozu er sich, um hierüber aufs Reine zu kommen, auf den

Vorschlag des Präsidenten, obschon nach großer Zögerung entschloß,

war, den Brief durch den von dem Nagelschmidt abgeschickten Knecht,

gleichsam als ob derselbe nach wie vor frei sei, an ihn abgeben zu

lassen, und zu prüfen, ob er ihn beantworten würde. Dem gemäß ward

der Knecht, den man in ein Gefängnis gesteckt hatte, am andern Morgen

auf das Gubernium geführt, wo der Schloßhauptmann ihm den Brief

wieder zustellte, und ihn unter dem Versprechen, daß er frei sein,

und die Strafe die er verwirkt, ihm erlassen sein solle, aufforderte,

das Schreiben, als sei nichts vorgefallen, dem Roßhändler zu

übergeben; zu welcher List schlechter Art sich dieser Kerl auch ohne

weiteres gebrauchen ließ, und auf scheinbar geheimnisvolle Weise,

unter dem Vorwand, daß er Krebse zu verkaufen habe, womit ihn der

Gubernial-Offiziant, auf dem Markte, versorgt hatte, zu Kohlhaas ins

Zimmer trat. Kohlhaas, der den Brief, während die Kinder mit den

Krebsen spielten, las, würde den Gauner gewiß unter andern Umständen

beim Kragen genommen, und den Landsknechten, die vor seiner Tür

standen, überliefert haben; doch da bei der Stimmung der Gemüter auch

selbst dieser Schritt noch einer gleichgültigen Auslegung fähig war,

und er sich vollkommen überzeugt hatte, daß nichts auf der Welt ihn

aus dem Handel, in dem er verwickelt war, retten konnte: so sah er

dem Kerl, mit einem traurigen Blick, in sein ihm wohlbekanntes

Gesicht, fragte ihn, wo er wohnte, und beschied ihn, in einigen

Stunden, wieder zu sich, wo er ihm, in Bezug auf seinen Herrn, seinen

Beschluß eröffnen wolle. Er hieß dem Sternbald, der zufällig in die

Tür trat, dem Mann, der im Zimmer war, etliche Krebse abkaufen; und

nachdem dies Geschäft abgemacht war, und beide sich ohne einander zu

kennen, entfernt hatten, setzte er sich nieder und schrieb einen

Brief folgenden Inhalts an den Nagelschmidt: "Zuvörderst daß er

seinen Vorschlag, die Oberanführung seines Haufens im Altenburgischen

betreffend, annähme; daß er dem gemäß, zur Befreiung aus der

vorläufigen Haft, in welcher er mit seinen fünf Kindern gehalten

werde, ihm einen Wagen mit zwei Pferden nach der Neustadt bei Dresden

schicken solle; daß er auch, rascheren Fortkommens wegen, noch eines

Gespannes von zwei Pferden auf der Straße nach Wittenberg bedürfe,

auf welchem Umweg er allein, aus Gründen, die anzugeben zu weitläufig

wären, zu ihm kommen könne; daß er die Landsknechte, die ihn

bewachten, zwar durch Bestechung gewinnen zu können glaube, für den

Fall aber daß Gewalt nötig sei, ein paar beherzte, gescheute und

wohlbewaffnete Knechte, in der Neustadt bei Dresden gegenwärtig

wissen wolle; daß er ihm zur Bestreitung der mit allen diesen

Anstalten verbundenen Kosten, eine Rolle von zwanzig Goldkronen durch

den Knecht zuschicke, über deren Verwendung er sich, nach abgemachter

Sache, mit ihm berechnen wolle; daß er sich übrigens, weil sie

unnötig sei, seine eigne Anwesenheit bei seiner Befreiung in Dresden

verbitte, ja ihm vielmehr den bestimmten Befehl erteile, zur

einstweiligen Anführung der Bande, die nicht ohne Oberhaupt sein

könne, im Altenburgischen zurückzubleiben."--Diesen Brief, als der

Knecht gegen Abend kam, überlieferte er ihm; beschenkte ihn selbst

reichlich, und schärfte ihm ein, denselben wohl in acht zu nehmen.

--Seine Absicht war mit seinen fünf Kindern nach Hamburg zu gehen,

und sich von dort nach der Levante oder nach Ostindien, oder so weit

der Himmel über andere Menschen, als die er kannte, blau war,

einzuschiffen: denn die Dickfütterung der Rappen hatte seine, von

Gram sehr gebeugte Seele auch unabhängig von dem Widerwillen, mit dem

Nagelschmidt deshalb gemeinschaftliche Sache zu machen, aufgegeben.

--Kaum hatte der Kerl diese Antwort dem Schloßhauptmann überbracht,

als der Großkanzler abgesetzt, der Präsident, Graf Kallheim, an

dessen Stelle, zum Chef des Tribunals ernannt, und Kohlhaas, durch

einen Kabinettsbefehl des Kurfürsten arretiert, und schwer mit Ketten

beladen in die Stadttürme gebracht ward. Man machte ihm auf den

Grund dieses Briefes, der an alle Ecken der Stadt angeschlagen ward,

den Prozeß; und da er vor den Schranken des Tribunals auf die Frage,

ob er die Handschrift anerkenne, dem Rat, der sie ihm vorhielt,

antwortete: "ja!" zur Antwort aber auf die Frage, ob er zu seiner

Verteidigung etwas vorzubringen wisse, indem er den Blick zur Erde

schlug, erwiderte, "nein!" so ward er verurteilt, mit glühenden

Zangen von Schinderknechten gekniffen, gevierteilt, und sein Körper,

zwischen Rad und Galgen, verbrannt zu werden.

So standen die Sachen für den armen Kohlhaas in Dresden, als der

Kurfürst von Brandenburg zu seiner Rettung aus den Händen der

Übermacht und Willkür auftrat, und ihn, in einer bei der

kurfürstlichen Staatskanzlei daselbst eingereichten Note, als

brandenburgischen Untertan reklamierte. Denn der wackere

Stadthauptmann, Herr Heinrich von Geusau, hatte ihn, auf einem

Spaziergange an den Ufern der Spree, von der Geschichte dieses

sonderbaren und nicht verwerflichen Mannes unterrichtet, bei welcher

Gelegenheit er von den Fragen des erstaunten Herrn gedrängt, nicht

umhin konnte, der Schuld zu erwähnen, die durch die Unziemlichkeiten

seines Erzkanzlers, des Grafen Siegfried von Kallheim, seine eigene

Person drückte: worüber der Kurfürst schwer entrüstet, den Erzkanzler,

nachdem er ihn zur Rede gestellt und befunden, daß die

Verwandtschaft desselben mit dem Hause derer von Tronka an allem

schuld sei, ohne weiteres, mit mehreren Zeichen seiner Ungnade

entsetzte, und den Herrn Heinrich von Geusau zum Erzkanzler ernannte.

Es traf sich aber, daß die Krone Polen grade damals, indem sie mit

dem Hause Sachsen, um welchen Gegenstandes willen wissen wir nicht,

im Streit lag, den Kurfürsten von Brandenburg, in wiederholten und

dringenden Vorstellungen anging, sich mit ihr in gemeinschaftlicher

Sache gegen das Haus Sachsen zu verbinden; dergestalt, daß der

Erzkanzler, Herr Geusau, der in solchen Dingen nicht ungeschickt war,

wohl hoffen durfte, den Wunsch seines Herrn, dem Kohlhaas, es koste

was es wolle, Gerechtigkeit zu verschaffen, zu erfüllen, ohne die

Ruhe des Ganzen auf eine mißlichere Art, als die Rücksicht auf einen

einzelnen erlaubt, aufs Spiel zu setzen. Demnach forderte der

Erzkanzler nicht nur wegen gänzlich willkürlichen, Gott und Menschen

mißgefälligen Verfahrens, die unbedingte und ungesäumte Auslieferung

des Kohlhaas, um denselben, falls ihn eine Schuld drücke, nach

brandenburgischen Gesetzen, auf Klageartikel, die der Dresdner Hof

deshalb durch einen Anwalt in Berlin anhängig machen könne, zu

richten; sondern er begehrte sogar selbst Pässe für einen Anwalt, den

der Kurfürst nach Dresden zu schicken willens sei, um dem Kohlhaas,

wegen der ihm auf sächsischem Grund und Boden abgenommenen Rappen und

anderer himmelschreienden Mißhandlungen und Gewalttaten halber, gegen

den Junker Wenzel von Tronka, Recht zu verschaffen. Der Kämmerer,

Herr Kunz, der bei der Veränderung der Staatsämter in Sachsen zum

Präsidenten der Staatskanzlei ernannt worden war, und der aus

mancherlei Gründen den Berliner Hof, in der Bedrängnis in der er sich

befand, nicht verletzen wollte, antwortete im Namen seines über die

eingegangene Note sehr niedergeschlagenen Herrn: "daß man sich über

die Unfreundschaftlichkeit und Unbilligkeit wundere, mit welcher man

dem Hofe zu Dresden das Recht abspreche, den Kohlhaas wegen

Verbrechen, die er im Lande begangen, den Gesetzen gemäß zu richten,

da doch weltbekannt sei, daß derselbe ein beträchtliches Grundstück

in der Hauptstadt besitze, und sich selbst in der Qualität als

sächsischen Bürger gar nicht verleugne." Doch da die Krone Polen

bereits zur Ausfechtung ihrer Ansprüche einen Heerhaufen von

fünftausend Mann an der Grenze von Sachsen zusammenzog, und der

Erzkanzler, Herr Heinrich von Geusau, erklärte: "daß Kohlhaasenbrück,

der Ort, nach welchem der Roßhändler heiße, im Brandenburgischen

liege, und daß man die Vollstreckung des über ihn ausgesprochenen

Todesurteils für eine Verletzung des Völkerrechts halten würde": so

rief der Kurfürst, auf den Rat des Kämmerers, Herrn Kunz selbst, der

sich aus diesem Handel zurückzuziehen wünschte, den Prinzen

Christiern von Meißen von seinen Gütern herbei, und entschloß sich,

auf wenige Worte dieses verständigen Herrn, den Kohlhaas, der

Forderung gemäß, an den Berliner Hof auszuliefern. Der Prinz, der

obschon mit den Unziemlichkeiten die vorgefallen waren, wenig

zufrieden, die Leitung der Kohlhaasischen Sache auf den Wunsch seines

bedrängten Herrn, übernehmen mußte, fragte ihn, auf welchen Grund er

nunmehr den Roßhändler bei dem Kammergericht zu Berlin verklagt

wissen wolle; und da man sich auf den leidigen Brief desselben an den

Nagelschmidt, wegen der zweideutigen und unklaren Umstände, unter

welchen er geschrieben war, nicht berufen konnte, der früheren

Plünderungen und Einäscherungen aber, wegen des Plakats, worin sie

ihm vergeben worden waren, nicht erwähnen durfte: so beschloß der

Kurfürst, der Majestät des Kaisers zu Wien einen Bericht über den

bewaffneten Einfall des Kohlhaas in Sachsen vorzulegen, sich über den

Bruch des von ihm eingesetzten öffentlichen Landfriedens zu

beschweren, und sie, die allerdings durch keine Amnestie gebunden war,

anzuliegen, den Kohlhaas bei dem Hofgericht zu Berlin deshalb durch

einen Reichsankläger zur Rechenschaft zu ziehen. Acht Tage darauf

ward der Roßkamm durch den Ritter Friedrich von Malzahn, den der

Kurfürst von Brandenburg mit sechs Reutern nach Dresden geschickt

hatte, geschlossen wie er war, auf einen Wagen geladen, und mit

seinen fünf Kindern, die man auf seine Bitte aus Findel- und

Waisenhäusern wieder zusammengesucht hatte, nach Berlin transportiert.

Es traf sich daß der Kurfürst von Sachsen auf die Einladung des

Landdrosts, Grafen Aloysius von Kallheim, der damals an der Grenze

von Sachsen beträchtliche Besitzungen hatte, in Gesellschaft des

Kämmerers, Herrn Kunz, und seiner Gemahlin, der Dame Heloise, Tochter

des Landdrosts und Schwester des Präsidenten, andrer glänzenden

Herren und Damen, Jagdjunker und Hofherren, die dabei waren, nicht zu

erwähnen, zu einem großen Hirschjagen, das man, um ihn zu erheitern,

angestellt hatte, nach Dahme gereist war; dergestalt, daß unter dem

Dach bewimpelter Zelte, die quer über die Straße auf einem Hügel

erbaut waren, die ganze Gesellschaft vom Staub der Jagd noch bedeckt

unter dem Schall einer heitern vom Stamm einer Eiche herschallenden

Musik, von Pagen bedient und Edelknaben, an der Tafel saß, als der

Roßhändler langsam mit seiner Reuterbedeckung die Straße von Dresden

daher gezogen kam. Denn die Erkrankung eines der kleinen, zarten

Kinder des Kohlhaas, hatte den Ritter von Malzahn, der ihn begleitete,

genötigt, drei Tage lang in Herzberg zurückzubleiben; von welcher

Maßregel er, dem Fürsten dem er diente deshalb allein verantwortlich,

nicht nötig befunden hatte, der Regierung zu Dresden weitere Kenntnis

zu geben. Der Kurfürst, der mit halboffener Brust, den Federhut,

nach Art der Jäger, mit Tannenzweigen geschmückt, neben der Dame

Heloise saß, die, in Zeiten früherer Jugend, seine erste Liebe

gewesen war, sagte von der Anmut des Festes, das ihn umgaukelte,

heiter gestimmt: "Lasset uns hingehen, und dem Unglücklichen, wer es

auch sei, diesen Becher mit Wein reichen!" Die Dame Heloise, mit

einem herzlichen Blick auf ihn, stand sogleich auf, und füllte, die

ganze Tafel plündernd, ein silbernes Geschirr, das ihr ein Page

reichte, mit Früchten, Kuchen und Brot an; und schon hatte, mit

Erquickungen jeglicher Art, die ganze Gesellschaft wimmelnd das Zelt

verlassen, als der Landdrost ihnen mit einem verlegenen Gesicht

entgegen kam, und sie bat zurückzubleiben. Auf die betretene Frage

des Kurfürsten was vorgefallen wäre, daß er so bestürzt sei?

antwortete der Landdrost stotternd gegen den Kämmerer gewandt, daß

der Kohlhaas im Wagen sei; auf welche jedermann unbegreifliche

Nachricht, indem weltbekannt war, daß derselbe bereits vor sechs

Tagen abgereist war, der Kämmerer, Herr Kunz, seinen Becher mit Wein

nahm, und ihn, mit einer Rückwendung gegen das Zelt, in den Sand

schüttete. Der Kurfürst setzte, über und über rot, den seinigen auf

einen Teller, den ihm ein Edelknabe auf den Wink des Kämmerers zu

diesem Zweck vorhielt; und während der Ritter Friedrich von Malzahn,

unter ehrfurchtsvoller Begrüßung der Gesellschaft, die er nicht

kannte, langsam durch die Zeltleinen, die über die Straße liefen,

nach Dahme weiter zog, begaben sich die Herrschaften, auf die

Einladung des Landdrosts, ohne weiter davon Notiz zu nehmen, ins Zelt

zurück. Der Landdrost, sobald sich der Kurfürst niedergelassen hatte,

schickte unter der Hand nach Dahme, um bei dem Magistrat daselbst

die unmittelbare Weiterschaffung des Roßhändlers bewirken zu lassen;

doch da der Ritter, wegen bereits zu weit vorgerückter Tageszeit,

bestimmt in dem Ort übernachten zu wollen erklärte, so mußte man sich

begnügen, ihn in einer dem Magistrat zugehörigen Meierei, die, in

Gebüschen versteckt, auf der Seite lag, geräuschlos unterzubringen.

Nun begab es sich, daß gegen Abend, da die Herrschaften vom Wein und

dem Genuß eines üppigen Nachtisches zerstreut, den ganzen Vorfall

wieder vergessen hatten, der Landdrost den Gedanken auf die Bahn

brachte, sich noch einmal, eines Rudels Hirsche wegen, der sich hatte

blicken lassen, auf den Anstand zu stellen; welchen Vorschlag die

ganze Gesellschaft mit Freuden ergriff, und paarweise nachdem sie

sich mit Büchsen versorgt, über Gräben und Hecken in die nahe Forst

eilte: dergestalt, daß der Kurfürst und die Dame Heloise, die sich,

um dem Schauspiel beizuwohnen, an seinen Arm hing, von einem Boten,

den man ihnen zugeordnet hatte, unmittelbar, zu ihrem Erstaunen,

durch den Hof des Hauses geführt wurden, in welchem Kohlhaas mit den

brandenburgischen Reutern befindlich war. Die Dame als sie dies

hörte, sagte: "kommt, gnädigster Herr, kommt!" und versteckte die

Kette, die ihm vom Halse herabhing, schäkernd in seinen seidenen

Brustlatz: "laßt uns ehe der Troß nachkommt in die Meierei schleichen,

und den wunderlichen Mann, der darin übernachtet, betrachten!" Der

Kurfürst, indem er errötend ihre Hand ergriff, sagte: Heloise! was

fällt Euch ein? Doch da sie, indem sie ihn betreten ansah, versetzte:

"daß ihn ja in der Jägertracht, die ihn decke, kein Mensch erkenne!"

und ihn fortzog; und in eben diesem Augenblick ein paar Jagdjunker,

die ihre Neugierde schon befriedigt hatten, aus dem Hause

heraustreten, versichernd, daß in der Tat, vermöge einer

Veranstaltung, die der Landdrost getroffen, weder der Ritter noch der

Roßhändler wisse, welche Gesellschaft in der Gegend von Dahme

versammelt sei; so drückte der Kurfürst sich den Hut lächelnd in die

Augen, und sagte: "Torheit, du regierst die Welt, und dein Sitz ist

ein schöner weiblicher Mund!"--Es traf sich daß Kohlhaas eben mit dem

Rücken gegen die Wand auf einem Bund Stroh saß, und sein, ihm in

Herzberg erkranktes Kind mit Semmel und Milch fütterte, als die

Herrschaften, um ihn zu besuchen, in die Meierei traten; und da die

Dame ihn, um ein Gespräch einzuleiten, fragte: wer er sei? und was

dem Kinde fehle? auch was er verbrochen und wohin man ihn unter

solcher Bedeckung abführe? so rückte er seine lederne Mütze vor ihr,

und gab ihr auf alle diese Fragen, indem er sein Geschäft fortsetzte,

unreichliche aber befriedigende Antwort. Der Kurfürst, der hinter

den Jagdjunkern stand, und eine kleine bleierne Kapsel, die ihm an

einem seidenen Faden vom Halse herabhing, bemerkte, fragte ihn, da

sich grade nichts Besseres zur Unterhaltung darbot: was diese zu

bedeuten hätte und was darin befindlich wäre? Kohlhaas erwiderte:

"ja, gestrenger Herr, diese Kapsel!"--und damit streifte er sie vom

Nacken ab, öffnete sie und nahm einen kleinen mit Mundlack

versiegelten Zettel heraus--"mit dieser Kugel hat es eine wunderliche

Bewandtnis! Sieben Monden mögen es etwa sein, genau am Tage nach dem

Begräbnis meiner Frau; und von Kohlhaasenbrück, wie Euch vielleicht

bekannt sein wird, war ich aufgebrochen, um des Junkers von Tronka,

der mir viel Unrecht zugefügt, habhaft zu werden, als um einer

Verhandlung willen, die mir unbekannt ist, der Kurfürst von Sachsen

und der Kurfürst von Brandenburg in Jüterbock, einem Marktflecken,

durch den der Streifzug mich führte, eine Zusammenkunft hielten; und

da sie sich gegen Abend ihren Wünschen gemäß vereinigt hatten, so

gingen sie, in freundschaftlichem Gespräch, durch die Straßen der

Stadt, um den Jahrmarkt, der eben darin fröhlich abgehalten ward, in

Augenschein zu nehmen. Da trafen sie auf eine Zigeunerin, die, auf

einem Schemel sitzend, dem Volk, das sie umringte, aus dem Kalender

wahrsagte, und fragten sie scherzhafter Weise: ob sie ihnen nicht

auch etwas, das ihnen lieb wäre, zu eröffnen hätte? Ich, der mit

meinem Haufen eben in einem Wirtshause abgestiegen, und auf dem Platz,

wo dieser Vorfall sich zutrug, gegenwärtig war, konnte hinter allem

Volk, am Eingang einer Kirche, wo ich stand, nicht vernehmen, was die

wunderliche Frau den Herren sagte; dergestalt, daß, da die Leute

lachend einander zuflüsterten, sie teile nicht jedermann ihre

Wissenschaft mit, und sich des Schauspiels wegen das sich bereitete,

sehr bedrängten, ich, weniger neugierig, in der Tat, als um den

Neugierigen Platz zu machen, auf eine Bank stieg, die hinter mir im

Kircheneingange ausgehauen war. Kaum hatte ich von diesem Standpunkt

aus, mit völliger Freiheit der Aussicht, die Herrschaften und das

Weib, das auf dem Schemel vor ihnen saß und etwas aufzukritzeln

schien, erblickt: da steht sie plötzlich auf ihre Krücken gelehnt,

indem sie sich im Volk umsieht, auf; faßt mich, der nie ein Wort mit

ihr wechselte, noch ihrer Wissenschaft Zeit seines Lebens begehrte,

ins Auge; drängt sich durch den ganzen dichten Auflauf der Menschen

zu mir heran und spricht: ›da! wenn es der Herr wissen will, so mag

er dich danach fragen!‹ Und damit, gestrenger Herr, reichte sie mir

mit ihren dürren knöchernen Händen diesen Zettel dar. Und da ich

betreten, während sich alles Volk zu mir umwendet, spreche:

Mütterchen, was auch verehrst du mir da? antwortete sie, nach vielem

unvernehmlichen Zeug, worunter ich jedoch zu meinem großen Befremden

meinen Namen höre: ›ein Amulett, Kohlhaas, der Roßhändler; verwahr es

wohl, es wird dir dereinst das Leben retten!‹ und verschwindet.--Nun!"

fuhr Kohlhaas gutmütig fort: "die Wahrheit zu gestehen, hats mir in

Dresden, so scharf es herging, das Leben nicht gekostet; und wie es

mir in Berlin gehen wird, und ob ich auch dort damit bestehen werde,

soll die Zukunft lehren."--Bei diesen Worten setzte sich der Kurfürst

auf eine Bank; und ob er schon auf die betretne Frage der Dame: was

ihm fehle? antwortete: nichts, gar nichts! so fiel er doch schon

ohnmächtig auf den Boden nieder, ehe sie noch Zeit hatte ihm

beizuspringen, und in ihre Arme aufzunehmen. Der Ritter von Malzahn,

der in eben diesem Augenblick, eines Geschäfts halber, ins Zimmer

trat, sprach: heiliger Gott! was fehlt dem Herrn? Die Dame rief:

schafft Wasser her! Die Jagdjunker hoben ihn auf und trugen ihn auf

ein im Nebenzimmer befindliches Bett; und die Bestürzung erreichte

ihren Gipfel, als der Kämmerer, den ein Page herbeirief, nach

mehreren vergeblichen Bemühungen, ihn ins Leben zurückzubringen,

erklärte: er gebe alle Zeichen von sich, als ob ihn der Schlag

gerührt! Der Landdrost, während der Mundschenk einen reitenden Boten

nach Luckau schickte, um einen Arzt herbeizuholen, ließ ihn, da er

die Augen aufschlug, in einen Wagen bringen, und Schritt vor Schritt

nach seinem in der Gegend befindlichen Jagdschloß abführen; aber

diese Reise zog ihm, nach seiner Ankunft daselbst, zwei neue

Ohnmachten zu: dergestalt, daß er sich erst spät am andern Morgen,

bei der Ankunft des Arztes aus Luckau, unter gleichwohl

entscheidenden Symptomen eines herannahenden Nervenfiebers,

einigermaßen erholte. Sobald er seiner Sinne mächtig geworden war,

richtete er sich halb im Bette auf, und seine erste Frage war gleich:

wo der Kohlhaas sei? Der Kämmerer, der seine Frage mißverstand,

sagte, indem er seine Hand ergriff: daß er sich dieses entsetzlichen

Menschen wegen beruhigen möchte, indem derselbe, seiner Bestimmung

gemäß, nach jenem sonderbaren und unbegreiflichen Vorfall, in der

Meierei zu Dahme, unter brandenburgischer Bedeckung, zurückgeblieben

wäre. Er fragte ihn, unter der Versicherung seiner lebhaftesten

Teilnahme und der Beteurung, daß er seiner Frau, wegen des

unverantwortlichen Leichtsinns, ihn mit diesem Mann zusammenzubringen,

die bittersten Vorwürfe gemacht hätte: was ihn denn so wunderbar und

ungeheuer in der Unterredung mit demselben ergriffen hätte? Der

Kurfürst sagte: er müsse ihm nur gestehen, daß der Anblick eines

nichtigen Zettels, den der Mann in einer bleiernen Kapsel mit sich

führe, schuld an dem ganzen unangenehmen Zufall sei, der ihm

zugestoßen. Er setzte noch mancherlei zur Erklärung dieses Umstands,

das der Kämmerer nicht verstand, hinzu; versicherte ihn plötzlich,

indem er seine Hand zwischen die seinigen drückte, daß ihm der Besitz

dieses Zettels von der äußersten Wichtigkeit sei; und bat ihn,

unverzüglich aufzusitzen, nach Dahme zu reiten, und ihm den Zettel,

um welchen Preis es immer sei, von demselben zu erhandeln. Der

Kämmerer, der Mühe hatte, seine Verlegenheit zu verbergen,

versicherte ihn: daß, falls dieser Zettel einigen Wert für ihn hätte,

nichts auf der Welt notwendiger wäre, als dem Kohlhaas diesen Umstand

zu verschweigen; indem, sobald derselbe durch eine unvorsichtige

Äußerung Kenntnis davon nähme, alle Reichtümer, die er besäße, nicht

hinreichen würden, ihn aus den Händen dieses grimmigen, in seiner

Rachsucht unersättlichen Kerls zu erkaufen. Er fügte, um ihn zu

beruhigen, hinzu, daß man auf ein anderes Mittel denken müsse, und

daß es vielleicht durch List, vermöge eines Dritten ganz Unbefangenen,

indem der Bösewicht wahrscheinlich, an und für sich, nicht sehr

daran hänge, möglich sein würde, sich den Besitz des Zettels, an dem

ihm so viel gelegen sei, zu verschaffen. Der Kurfürst, indem er sich

den Schweiß abtrocknete, fragte: ob man nicht unmittelbar zu diesem

Zweck nach Dahme schicken, und den weiteren Transport des Roßhändlers,

vorläufig, bis man des Blattes, auf welche Weise es sei, habhaft

geworden, einstellen könne? Der Kämmerer, der seinen Sinnen nicht

traute, versetzte: daß leider allen wahrscheinlichen Berechnungen

zufolge, der Roßhändler Dahme bereits verlassen haben, und sich

jenseits der Grenze, auf brandenburgischem Grund und Boden befinden

müsse, wo das Unternehmen, die Fortschaffung desselben zu hemmen,

oder wohl gar rückgängig zu machen, die unangenehmsten und

weitläufigsten, ja solche Schwierigkeiten, die vielleicht gar nicht

zu beseitigen wären, veranlassen würde. Er fragte ihn, da der

Kurfürst sich schweigend, mit der Gebärde eines ganz Hoffnungslosen,

auf das Kissen zurücklegte: was denn der Zettel enthalte? und durch

welchen Zufall befremdlicher und unerklärlicher Art ihm, daß der

Inhalt ihn betreffe, bekannt sei? Hierauf aber, unter zweideutigen

Blicken auf den Kämmerer, dessen Willfährigkeit er in diesem Falle

mißtraute, antwortete der Kurfürst nicht: starr, mit unruhig

klopfendem Herzen lag er da, und sah auf die Spitze des Schnupftuches

nieder, das er gedankenvoll zwischen den Händen hielt; und bat ihn

plötzlich, den Jagdjunker vom Stein, einen jungen, rüstigen und

gewandten Herrn, dessen er sich öfter schon zu geheimen Geschäften

bedient hatte, unter dem Vorwand, daß er ein anderweitiges Geschäft

mit ihm abzumachen habe, ins Zimmer zu rufen. Den Jagdjunker,

nachdem er ihm die Sache auseinandergelegt, und von der Wichtigkeit

des Zettels, in dessen Besitz der Kohlhaas war, unterrichtet hatte,

fragte er, ob er sich ein ewiges Recht auf seine Freundschaft

erwerben, und ihm den Zettel, noch ehe derselbe Berlin erreicht,

verschaffen wolle? und da der Junker, sobald er das Verhältnis nur,

sonderbar wie es war, einigermaßen überschaute, versicherte, daß er

ihm mit allen seinen Kräften zu Diensten stehe: so trug ihm der

Kurfürst auf, dem Kohlhaas nachzureiten, und ihm, da demselben mit

Geld wahrscheinlich nicht beizukommen sei, in einer mit Klugheit

angeordneten Unterredung, Freiheit und Leben dafür anzubieten, ja ihm,

wenn er darauf bestehe, unmittelbar, obschon mit Vorsicht, zur

Flucht aus den Händen der brandenburgischen Reuter, die ihn

transportierten, mit Pferden, Leuten und Geld an die Hand zu gehen.

Der Jagdjunker, nachdem er sich ein Blatt von der Hand des Kurfürsten

zur Beglaubigung ausgebeten, brach auch sogleich mit einigen Knechten

auf, und hatte, da er den Odem der Pferde nicht sparte, das Glück,

den Kohlhaas auf einem Grenzdorf zu treffen, wo derselbe mit dem

Ritter von Malzahn und seinen fünf Kindern ein Mittagsmahl, das im

Freien vor der Tür eines Hauses angerichtet war, zu sich nahm. Der

Ritter von Malzahn, dem der Junker sich als einen Fremden, der bei

seiner Durchreise den seltsamen Mann, den er mit sich führe, in

Augenschein zu nehmen wünsche, vorstellte, nötigte ihn sogleich auf

zuvorkommende Art, indem er ihn mit dem Kohlhaas bekannt machte, an

der Tafel nieder; und da der Ritter in Geschäften der Abreise ab und

zuging, die Reuter aber an einem, auf des Hauses anderer Seite

befindlichen Tisch, ihre Mahlzeit hielten: so traf sich die

Gelegenheit bald, wo der Junker dem Roßhändler eröffnen konnte, wer

er sei, und in welchen besonderen Aufträgen er zu ihm komme. Der

Roßhändler, der bereits Rang und Namen dessen, der beim Anblick der

in Rede stehenden Kapsel, in der Meierei zu Dahme in Ohnmacht

gefallen war, kannte, und der zur Krönung des Taumels, in welchen ihn

diese Entdeckung versetzt hatte, nichts bedurfte, als Einsicht in die

Geheimnisse des Zettels, den er, um mancherlei Gründe willen,

entschlossen war, aus bloßer Neugierde nicht zu eröffnen: der

Roßhändler sagte, eingedenk der unedelmütigen und unfürstlichen

Behandlung, die er in Dresden, bei seiner gänzlichen Bereitwilligkeit,

alle nur möglichen Opfer zu bringen, hatte erfahren müssen: "daß er

den Zettel behalten wolle." Auf die Frage des Jagdjunkers: was ihn zu

dieser sonderbaren Weigerung, da man ihm doch nichts Minderes, als

Freiheit und Leben dafür anbiete, veranlasse? antwortete Kohlhaas:

"Edler Herr! Wenn Euer Landesherr käme, und spräche, ich will mich,

mit dem ganzen Troß derer, die mir das Szepter führen helfen,

vernichten--vernichten, versteht Ihr, welches allerdings der größeste

Wunsch ist, den meine Seele hegt: so würde ich ihm doch den Zettel

noch, der ihm mehr wert ist, als das Dasein, verweigern und sprechen:

du kannst mich auf das Schafott bringen, ich aber kann dir weh tun,

und ich wills!" Und damit, im Antlitz den Tod, rief er einen Reuter

herbei, unter der Aufforderung, ein gutes Stück Essen, das in der

Schüssel übrig geblieben war, zu sich zu nehmen; und für den ganzen

Rest der Stunde, die er im Flecken zubrachte, für den Junker, der an

der Tafel saß, wie nicht vorhanden, wandte er sich erst wieder, als

er den Wagen bestieg, mit einem Blick, der ihn abschiedlich grüßte,

zu ihm zurück.

Der Zustand des Kurfürsten, als er diese Nachricht bekam,

verschlimmerte sich in dem Grade, daß der Arzt, während drei

verhängnisvoller Tage, seines Lebens wegen, das zu gleicher Zeit, von

so vielen Seiten angegriffen ward, in der größesten Besorgnis war.

Gleichwohl stellte er sich, durch die Kraft seiner natürlichen

Gesundheit, nach dem Krankenlager einiger peinlich zugebrachten

Wochen wieder her; dergestalt wenigstens, daß man ihn in einen Wagen

bringen, und mit Kissen und Decken wohl versehen, nach Dresden zu

seinen Regierungsgeschäften wieder zurückführen konnte. Sobald er in

dieser Stadt angekommen war, ließ er den Prinzen Christiern von

Meißen rufen, und fragte denselben: wie es mit der Abfertigung des

Gerichtsrats Eibenmayer stünde, den man, als Anwalt in der Sache des

Kohlhaas, nach Wien zu schicken gesonnen gewesen wäre, um

kaiserlicher Majestät daselbst die Beschwerde wegen gebrochenen,

kaiserlichen Landfriedens, vorzulegen? Der Prinz antwortete ihm: daß

derselbe, dem, bei seiner Abreise nach Dahme hinterlassenen Befehl

gemäß, gleich nach Ankunft des Rechtsgelehrten Zäuner, den der

Kurfürst von Brandenburg als Anwalt nach Dresden geschickt hätte, um

die Klage desselben, gegen den Junker Wenzel von Tronka, der Rappen

wegen, vor Gericht zu bringen, nach Wien abgegangen wäre. Der

Kurfürst, indem er errötend an seinen Arbeitstisch trat, wunderte

sich über diese Eilfertigkeit, indem er seines Wissens erklärt hätte,

die definitive Abreise des Eibenmayer, wegen vorher notwendiger

Rücksprache mit dem Doktor Luther, der dem Kohlhaas die Amnestie

ausgewirkt, einem näheren und bestimmteren Befehl vorbehalten zu

wollen. Dabei warf er einige Briefschaften und Akten, die auf dem

Tisch lagen, mit dem Ausdruck zurückgehaltenen Unwillens, über

einander. Der Prinz, nach einer Pause, in welcher er ihn mit großen

Augen ansah, versetzte, daß es ihm leid täte, wenn er seine

Zufriedenheit in dieser Sache verfehlt habe; inzwischen könne er ihm

den Beschluß des Staatsrats vorzeigen, worin ihm die Abschickung des

Rechtsanwalts, zu dem besagten Zeitpunkt, zur Pflicht gemacht worden

wäre. Er setzte hinzu, daß im Staatsrat von einer Rücksprache mit

dem Doktor Luther, auf keine Weise die Rede gewesen wäre; daß es

früherhin vielleicht zweckmäßig gewesen sein möchte, diesen

geistlichen Herrn, wegen der Verwendung, die er dem Kohlhaas

angedeihen lassen, zu berücksichtigen, nicht aber jetzt mehr, nachdem

man demselben die Amnestie vor den Augen der ganzen Welt gebrochen,

ihn arretiert, und zur Verurteilung und Hinrichtung an die

brandenburgischen Gerichte ausgeliefert hätte. Der Kurfürst sagte:

das Versehen, den Eibenmayer abgeschickt zu haben, wäre auch in der

Tat nicht groß; inzwischen wünsche er, daß derselbe vorläufig, bis

auf weiteren Befehl, in seiner Eigenschaft als Ankläger zu Wien nicht

aufträte, und bat den Prinzen, deshalb das Erforderliche unverzüglich

durch einen Expressen, an ihn zu erlassen. Der Prinz antwortete: daß

dieser Befehl leider um einen Tag zu spät käme, indem der Eibenmayer

bereits nach einem Berichte, der eben heute eingelaufen, in seiner

Qualität als Anwalt aufgetreten, und mit Einreichung der Klage bei

der Wiener Staatskanzlei vorgegangen wäre. Er setzte auf die

betroffene Frage des Kurfürsten: wie dies überall in so kurzer Zeit

möglich sei? hinzu: daß bereits, seit der Abreise dieses Mannes drei

Wochen verstrichen wären, und daß die Instruktion, die er erhalten,

ihm eine ungesäumte Abmachung dieses Geschäfts, gleich nach seiner

Ankunft in Wien zur Pflicht gemacht hätte. Eine Verzögerung,

bemerkte der Prinz, würde in diesem Fall um so unschicklicher gewesen

sein, da der brandenburgische Anwalt Zäuner, gegen den Junker Wenzel

von Tronka mit dem trotzigsten Nachdruck verfahre, und bereits auf

eine vorläufige Zurückziehung der Rappen, aus den Händen des

Abdeckers, behufs ihrer künftigen Wiederherstellung, bei dem

Gerichtshof angetragen, und auch aller Einwendungen der Gegenpart

ungeachtet, durchgesetzt habe. Der Kurfürst, indem er die Klingel

zog, sagte: "gleichviel! es hätte nichts zu bedeuten!" und nachdem er

sich mit gleichgültigen Fragen: wie es sonst in Dresden stehe? und

was in seiner Abwesenheit vorgefallen sei? zu dem Prinzen

zurückgewandt hatte: grüßte er ihn, unfähig seinen innersten Zustand

zu verbergen, mit der Hand, und entließ ihn. Er forderte ihm noch an

demselben Tage schriftlich, unter dem Vorwande, daß er die Sache,

ihrer politischen Wichtigkeit wegen, selbst bearbeiten wolle, die

sämtlichen Kohlhaasischen Akten ab; und da ihm der Gedanke,

denjenigen zu verderben, von dem er allein über die Geheimnisse des

Zettels Auskunft erhalten konnte, unerträglich war: so verfaßte er

einen eigenhändigen Brief an den Kaiser, worin er ihn auf herzliche

und dringende Weise bat, aus wichtigen Gründen, die er ihm vielleicht

in kurzer Zeit bestimmter auseinander legen würde, die Klage, die der

Eibenmayer gegen den Kohlhaas eingereicht, vorläufig bis auf einen

weitern Beschluß, zurücknehmen zu dürfen. Der Kaiser, in einer durch

die Staatskanzlei ausgefertigten Note, antwortete ihm: "daß der

Wechsel, der plötzlich in seiner Brust vorgegangen zu sein scheine,

ihn aufs äußerste befremde; daß der sächsischerseits an ihn erlassene

Bericht, die Sache des Kohlhaas zu einer Angelegenheit gesamten

heiligen römischen Reichs gemacht hätte; daß demgemäß er, der Kaiser,

als Oberhaupt desselben, sich verpflichtet gesehen hätte, als

Ankläger in dieser Sache bei dem Hause Brandenburg aufzutreten;

dergestalt, daß da bereits der Hof-Assessor Franz Müller, in der

Eigenschaft als Anwalt nach Berlin gegangen wäre, um den Kohlhaas

daselbst, wegen Verletzung des öffentlichen Landfriedens, zur

Rechenschaft zu ziehen, die Beschwerde nunmehr auf keine Weise

zurückgenommen werden könne, und die Sache den Gesetzen gemäß, ihren

weiteren Fortgang nehmen müsse." Dieser Brief schlug den Kurfürsten

völlig nieder; und da, zu seiner äußersten Betrübnis, in einiger Zeit

Privatschreiben aus Berlin einliefen, in welchen die Einleitung des

Prozesses bei dem Kammergericht gemeldet, und bemerkt ward, daß der

Kohlhaas wahrscheinlich, aller Bemühungen des ihm zugeordneten

Advokaten ungeachtet, auf dem Schafott enden werde: so beschloß

dieser unglückliche Herr noch einen Versuch zu machen, und bat den

Kurfürsten von Brandenburg, in einer eigenhändigen Zuschrift, um des

Roßhändlers Leben. Er schützte vor, daß die Amnestie, die man diesem

Manne angelobt, die Vollstreckung eines Todesurteils an demselben,

füglicher Weise, nicht zulasse; versicherte ihn, daß es, trotz der

scheinbaren Strenge, mit welcher man gegen ihn verfahren, nie seine

Absicht gewesen wäre, ihn sterben zu lassen; und beschrieb ihm, wie

trostlos er sein würde, wenn der Schutz, den man vorgegeben hätte,

ihm von Berlin aus angedeihen lassen zu wollen, zuletzt, in einer

unerwarteten Wendung, zu seinem größeren Nachteile ausschlage, als

wenn er in Dresden geblieben, und seine Sache nach sächsischen

Gesetzen entschieden worden wäre. Der Kurfürst von Brandenburg, dem

in dieser Angabe mancherlei zweideutig und unklar schien, antwortete

ihm: "daß der Nachdruck, mit welchem der Anwalt kaiserlicher Majestät

verführe, platterdings nicht erlaube, dem Wunsch, den er ihm geäußert,

gemäß, von der strengen Vorschrift der Gesetze abzuweichen. Er

bemerkte, daß die ihm vorgelegte Besorgnis in der Tat zu weit ginge,

indem die Beschwerde, wegen der dem Kohlhaas in der Amnestie

verziehenen Verbrechen ja nicht von ihm, der demselben die Amnestie

erteilt, sondern von dem Reichsoberhaupt, das daran auf keine Weise

gebunden sei, bei dem Kammergericht zu Berlin anhängig gemacht worden

wäre. Dabei stellte er ihm vor, wie notwendig bei den fortdauernden

Gewalttätigkeiten des Nagelschmidt, die sich sogar schon, mit

unerhörter Dreistigkeit, bis aufs brandenburgische Gebiet erstreckten,

die Statuierung eines abschreckenden Beispiels wäre, und bat ihn,

falls er dies alles nicht berücksichtigen wolle, sich an des Kaisers

Majestät selbst zu wenden, indem, wenn dem Kohlhaas zu Gunsten ein

Machtspruch fallen sollte, dies allein auf eine Erklärung von dieser

Seite her geschehen könne." Der Kurfürst, aus Gram und Ärger über

alle diese mißglückten Versuche, verfiel in eine neue Krankheit; und

da der Kämmerer ihn an einem Morgen besuchte, zeigte er ihm die

Briefe, die er, um dem Kohlhaas das Leben zu fristen, und somit

wenigstens Zeit zu gewinnen, des Zettels, den er besäße, habhaft zu

werden, an den Wiener und Berliner Hof erlassen. Der Kämmerer warf

sich auf Knieen vor ihm nieder, und bat ihn, um alles was ihm heilig

und teuer sei, ihm zu sagen, was dieser Zettel enthalte? Der

Kurfürst sprach, er möchte das Zimmer verriegeln, und sich auf das

Bett niedersetzen; und nachdem er seine Hand ergriffen, und mit einem

Seufzer an sein Herz gedrückt hatte, begann er folgendergestalt:

"Deine Frau hat dir, wie ich höre, schon erzählt, daß der Kurfürst

von Brandenburg und ich, am dritten Tage der Zusammenkunft, die wir

in Jüterbock hielten, auf eine Zigeunerin trafen; und da der Kurfürst,

aufgeweckt wie er von Natur ist, beschloß, den Ruf dieser

abenteuerlichen Frau, von deren Kunst, eben bei der Tafel, auf

ungebührliche Weise die Rede gewesen war, durch einen Scherz im

Angesicht alles Volks zu nichte zu machen: so trat er mit

verschränkten Armen vor ihren Tisch, und forderte, der Weissagung

wegen, die sie ihm machen sollte, ein Zeichen von ihr, das sich noch

heute erproben ließe, vorschützend, daß er sonst nicht, und wäre sie

auch die römische Sibylle selbst, an ihre Worte glauben könne. Die

Frau, indem sie uns flüchtig von Kopf zu Fuß maß, sagte: das Zeichen

würde sein, daß uns der große, gehörnte Rehbock, den der Sohn des

Gärtners im Park erzog, auf dem Markt, worauf wir uns befanden, bevor

wir ihn noch verlassen, entgegenkommen würde. Nun mußt du wissen,

daß dieser, für die Dresdner Küche bestimmte Rehbock, in einem mit

Latten hoch verzäunten Verschlage, den die Eichen des Parks

beschatteten, hinter Schloß und Riegel aufbewahrt ward, dergestalt,

daß, da überdies anderen kleineren Wildes und Geflügels wegen, der

Park überhaupt und obenein der Garten, der zu ihm führte, in

sorgfältigem Beschluß gehalten ward, schlechterdings nicht abzusehen

war, wie uns das Tier, diesem sonderbaren Vorgeben gemäß, bis auf dem

Platz, wo wir standen, entgegenkommen würde; gleichwohl schickte der

Kurfürst aus Besorgnis vor einer dahinter steckenden Schelmerei, nach

einer kurzen Abrede mit mir, entschlossen, auf unabänderliche Weise,

alles was sie noch vorbringen wurde, des Spaßes wegen, zu Schanden zu

machen, ins Schloß, und befahl, daß der Rehbock augenblicklich

getötet, und für die Tafel, an einem der nächsten Tage, zubereitet

werden solle. Hierauf wandte er sich zu der Frau, vor welcher diese

Sache laut verhandelt worden war, zurück, und sagte: nun, Wohlan! was

hast du mir für die Zukunft zu entdecken? Die Frau, indem sie in

seine Hand sah, sprach: Heil meinem Kurfürsten und Herrn! Deine

Gnaden wird lange regieren, das Haus, aus dem du stammst, lange

bestehen, und deine Nachkommen groß und herrlich werden und zu Macht

gelangen, vor allen Fürsten und Herren der Welt! Der Kurfürst, nach

einer Pause, in welcher er die Frau gedankenvoll ansah, sagte

halblaut, mit einem Schritte, den er zu mir tat, daß es ihm jetzo

fast leid täte, einen Boten abgeschickt zu haben, um die Weissagung

zu nichte zu machen; und während das Geld aus den Händen der Ritter,

die ihm folgten, der Frau haufenweise unter vielem Jubel, in den

Schoß regnete, fragte er sie, indem er selbst in die Tasche griff,

und ein Goldstück dazu legte: ob der Gruß, den sie mir zu eröffnen

hätte, auch von so silbernem Klang wäre, als der seinige? Die Frau,

nachdem sie einen Kasten, der ihr zur Seite stand, aufgemacht, und

das Geld, nach Sorte und Menge, weitläufig und umständlich darin

geordnet, und den Kasten wieder verschlossen hatte, schützte ihre

Hand vor die Sonne, gleichsam als ob sie ihr lästig wäre, und sah

mich an; und da ich die Frage an sie wiederholte, und, auf

scherzhafte Weise, während sie meine Hand prüfte, zum Kurfürsten

sagte: mir, scheint es, hat sie nichts, das eben angenehm wäre, zu

verkündigen: so ergriff sie ihre Krücken, hob sich langsam daran vom

Schemel empor, und indem sie sich, mit geheimnisvoll vorgehaltenen

Händen, dicht zu mir heran drängte, flüsterte sie mir vernehmlich ins

Ohr: nein!--So! sagt ich verwirrt, und trat einen Schritt vor der

Gestalt zurück, die sich, mit einem Blick, kalt und leblos, wie aus

marmornen Augen, auf den Schemel, der hinter ihr stand, zurücksetzte:

von welcher Seite her droht meinem Hause Gefahr? Die Frau, indem sie

eine Kohle und ein Papier zur Hand nahm und ihre Kniee kreuzte,

fragte: ob sie es mir aufschreiben solle? und da ich, verlegen in der

Tat, bloß weil mir, unter den bestehenden Umständen, nichts anders

übrig blieb, antwortete: ja! das tu! so versetzte sie: ›wohlan!

dreierlei schreib ich dir auf: den Namen des letzten Regenten deines

Hauses, die Jahreszahl, da er sein Reich verlieren, und den Namen

dessen, der es, durch die Gewalt der Waffen, an sich reißen wird.‹

Dies, vor den Augen allen Volks abgemacht, erhebt sie sich, verklebt

den Zettel mit Lack, den sie in ihrem welken Munde befeuchtet, und

drückt einen bleiernen, an ihrem Mittelfinger befindlichen Siegelring

darauf. Und da ich den Zettel, neugierig, wie du leicht begreifst,

mehr als Worte sagen können, erfassen will, spricht sie: ›mit nichten,

Hoheit!‹ und wendet sich und hebt ihrer Krücken eine empor: ›von

jenem Mann dort, der, mit dem Federhut, auf der Bank steht, hinter

allem Volk, am Kircheneingang, lösest du, wenn es dir beliebt, den

Zettel ein!‹ Und damit, ehe ich noch recht begriffen, was sie sagt,

auf dem Platz, vor Erstaunen sprachlos, läßt sie mich stehen; und

während sie den Kasten, der hinter ihr stand, zusammenschlug, und

über den Rücken warf, mischt sie sich, ohne daß ich weiter bemerken

konnte, was sie tut, unter den Haufen des uns umringenden Volks. Nun

trat, zu meinem in der Tat herzlichen Trost, in eben diesem

Augenblick der Ritter auf, den der Kurfürst ins Schloß geschickt

hatte, und meldete ihm, mit lachendem Munde, daß der Rehbock getötet,

und durch zwei Jäger, vor seinen Augen, in die Küche geschleppt

worden sei. Der Kurfürst, indem er seinen Arm munter in den meinigen

legte, in der Absicht, mich von dem Platz hinwegzuführen, sagte: nun,

wohlan! so war die Prophezeiung eine alltägliche Gaunerei, und Zeit

und Gold, die sie uns gekostet nicht wert! Aber wie groß war unser

Erstaunen, da sich, noch während dieser Worte, ein Geschrei rings auf

dem Platze erhob, und aller Augen sich einem großen, vom Schloßhof

herantrabenden Schlächterhund zuwandten, der in der Küche den Rehbock

als gute Beute beim Nacken erfaßt, und das Tier drei Schritte von uns,

verfolgt von Knechten und Mägden, auf den Boden fallen ließ:

dergestalt, daß in der Tat die Prophezeiung des Weibes, zum

Unterpfand alles dessen, was sie vorgebracht, erfüllt, und der

Rehbock uns bis auf den Markt, obschon allerdings tot, entgegen

gekommen war. Der Blitz, der an einem Wintertag vom Himmel fällt,

kann nicht vernichtender treffen, als mich dieser Anblick, und meine

erste Bemühung, sobald ich der Gesellschaft in der ich mich befand,

überhoben, war gleich, den Mann mit dem Federhut, den mir das Weib

bezeichnet hatte, auszumitteln; doch keiner meiner Leute,

unausgesetzt während drei Tage auf Kundschaft geschickt, war im

Stande mir auch nur auf die entfernteste Weise Nachricht davon zu

geben: und jetzt, Freund Kunz, vor wenig Wochen, in der Meierei zu

Dahme, habe ich den Mann mit meinem eigenen Augen gesehn."--Und damit

ließ er die Hand des Kämmerers fahren; und während er sich den

Schweiß abtrocknete, sank er wieder auf das Lager zurück. Der

Kämmerer, der es für vergebliche Mühe hielt, mit seiner Ansicht von

diesem Vorfall die Ansicht, die der Kurfürst davon hatte, zu

durchkreuzen und zu berichtigen, bat ihn, doch irgend ein Mittel zu

versuchen, des Zettels habhaft zu werden, und den Kerl nachher seinem

Schicksal zu überlassen; doch der Kurfürst antwortete, daß er

platterdings kein Mittel dazu sähe, obschon der Gedanke, ihn

entbehren zu müssen, oder wohl gar die Wissenschaft davon mit diesem

Menschen untergehen zu sehen, ihn dem Jammer und der Verzweiflung

nahe brächte. Auf die Frage des Freundes: ob er denn Versuche

gemacht, die Person der Zigeunerin selbst auszuforschen? erwiderte

der Kurfürst, daß das Gubernium, auf einen Befehl, den er unter einem

falschen Vorwand an dasselbe erlassen, diesem Weibe vergebens, bis

auf den heutigen Tag, in allen Plätzen des Kurfürstentums nachspüre:

wobei er, aus Gründen, die er jedoch näher zu entwickeln sich

weigerte, überhaupt zweifelte, daß sie in Sachsen auszumitteln sei.

Nun traf es sich, daß der Kämmerer, mehrerer beträchtlichen Güter

wegen, die seiner Frau aus der Hinterlassenschaft des abgesetzten und

bald darauf verstorbenen Erzkanzlers, Grafen Kallheim, in der Neumark

zugefallen waren, nach Berlin reisen wollte; dergestalt, daß, da er

den Kurfürsten in der Tat liebte, er ihn nach einer kurzen Überlegung

fragte: ob er ihm in dieser Sache freie Hand lassen wolle? und da

dieser, indem er seine Hand herzlich an seine Brust drückte,

antwortete: "denke, du seist ich, und schaff mir den Zettel!" so

beschleunigte der Kämmerer, nachdem er seine Geschäfte abgegeben, um

einige Tage seine Abreise, und fuhr, mit Zurücklassung seiner Frau,

bloß von einigen Bedienten begleitet, nach Berlin ab.

Kohlhaas, der inzwischen, wie schon gesagt, in Berlin angekommen, und,

auf einen Spezialbefehl des Kurfürsten, in ein ritterliches

Gefängnis gebracht worden war, das ihn mit seinen fünf Kindern, so

bequem als es sich tun ließ, empfing, war gleich nach Erscheinung des

kaiserlichen Anwalts aus Wien, auf den Grund wegen Verletzung des

öffentlichen, kaiserlichen Landfriedens, vor den Schranken des

Kammergerichts zur Rechenschaft gezogen worden; und ob er schon in

seiner Verantwortung einwandte, daß er wegen seines bewaffneten

Einfalls in Sachsen, und der dabei verübten Gewalttätigkeiten, kraft

des mit dem Kurfürsten von Sachsen zu Lützen abgeschlossenen

Vergleichs, nicht belangt werden könne: so erfuhr er doch, zu seiner

Belehrung, daß des Kaisers Majestät, deren Anwalt hier die Beschwerde

führe, darauf keine Rücksicht nehmen könne: ließ sich auch sehr bald,

da man ihm die Sache auseinander setzte und erklärte, wie ihm dagegen

von Dresden her, in seiner Sache gegen den Junker Wenzel von Tronka,

völlige Genugtuung widerfahren werde, die Sache gefallen. Demnach

traf es sich, daß grade am Tage der Ankunft des Kämmerers, das Gesetz

über ihn sprach, und er verurteilt ward mit dem Schwerte vom Leben

zum Tode gebracht zu werden; ein Urteil, an dessen Vollstreckung

gleichwohl, bei der verwickelten Lage der Dinge, seiner Milde

ungeachtet, niemand glaubte, ja, das die ganze Stadt, bei dem

Wohlwollen das der Kurfürst für den Kohlhaas trug, unfehlbar durch

ein Machtwort desselben, in eine bloße, vielleicht beschwerliche und

langwierige Gefängnisstrafe verwandelt zu sehen hoffte. Der Kämmerer,

der gleichwohl einsah, daß keine Zeit zu verlieren sein möchte,

falls der Auftrag, den ihm sein Herr gegeben, in Erfüllung gehen

sollte, fing sein Geschäft damit an, sich dem Kohlhaas, am Morgen

eines Tages, da derselbe in harmloser Betrachtung der Vorübergehenden,

am Fenster seines Gefängnisses stand, in seiner gewöhnlichen

Hoftracht, genau und umständlich zu zeigen; und da er, aus einer

plötzlichen Bewegung seines Kopfes, schloß, daß der Roßhändler ihn

bemerkt hatte, und besonders, mit großem Vergnügen, einen

unwillkürlichen Griff desselben mit der Hand auf die Gegend der Brust,

wo die Kapsel lag, wahrnahm: so hielt er das, was in der Seele

desselben in diesem Augenblick vorgegangen war, für eine hinlängliche

Vorbereitung, um in dem Versuch, des Zettels habhaft zu werden, einen

Schritt weiter vorzurücken. Er bestellte ein altes, auf Krücken

herumwandelndes Trödelweib zu sich, das er in den Straßen von Berlin,

unter einem Troß andern, mit Lumpen handelnden Gesindels bemerkt

hatte, und das ihm, dem Alter und der Tracht nach, ziemlich mit dem,

das ihm der Kurfürst beschrieben hatte, übereinzustimmen schien; und

in der Voraussetzung, der Kohlhaas werde sich die Züge derjenigen,

die ihm in einer flüchtigen Erscheinung den Zettel überreicht hatte,

nicht eben tief eingeprägt haben, beschloß er, das gedachte Weib

statt ihrer unterzuschieben, und bei Kohlhaas, wenn es sich tun ließe,

die Rolle, als ob sie die Zigeunerin wäre, spielen zu lassen. Dem

gemäß, um sie dazu in Stand zu setzen, unterrichtete er sie

umständlich von allem, was zwischen dem Kurfürsten und der gedachten

Zigeunerin in Jüterbock vorgefallen war, wobei er, weil er nicht

wußte, wie weit das Weib in ihren Eröffnungen gegen den Kohlhaas

gegangen war, nicht vergaß, ihr besonders die drei geheimnisvollen,

in dem Zettel enthaltenen Artikel einzuschärfen; und nachdem er ihr

auseinandergesetzt hatte, was sie, auf abgerissene und

unverständliche Weise, fallen lassen müsse, gewisser Anstalten wegen,

die man getroffen, sei es durch List oder durch Gewalt, des Zettels,

der dem sächsischen Hofe von der äußersten Wichtigkeit sei, habhaft

zu werden, trug er ihr auf, dem Kohlhaas den Zettel, unter dem

Vorwand, daß derselbe bei ihm nicht mehr sicher sei, zur Aufbewahrung

während einiger verhängnisvollen Tage, abzufordern. Das Trödelweib

übernahm auch sogleich gegen die Verheißung einer beträchtlichen

Belohnung, wovon der Kämmerer ihr auf ihre Forderung einen Teil im

voraus bezahlen mußte, die Ausführung des besagten Geschäfts; und da

die Mutter des bei Mühlberg gefallenen Knechts Herse, den Kohlhaas,

mit Erlaubnis der Regierung, zuweilen besuchte, diese Frau ihr aber

seit einigen Monden her, bekannt war: so gelang es ihr, an einem der

nächsten Tage, vermittelst einer kleinen Gabe an den Kerkermeister,

sich bei dem Roßkamm Eingang zu verschaffen.--Kohlhaas aber, als

diese Frau zu ihm eintrat, meinte, an einem Siegelring, den sie an

der Hand trug, und einer ihr vom Hals herabhängenden Korallenkette,

die bekannte alte Zigeunerin selbst wieder zu erkennen, die ihm in

Jüterbock den Zettel überreicht hatte; und wie denn die

Wahrscheinlichkeit nicht immer auf Seiten der Wahrheit ist, so traf

es sich, daß hier etwas geschehen war, das wir zwar berichten: die

Freiheit aber, daran zu zweifeln, demjenigen, dem es wohlgefällt,

zugestehen müssen: der Kämmerer hatte den ungeheuersten Mißgriff

begangen, und in dem alten Trödelweib, das er in den Straßen von

Berlin aufgriff, um die Zigeunerin nachzuahmen, die geheimnisreiche

Zigeunerin selbst getroffen, die er nachgeahmt wissen wollte.

Wenigstens berichtete das Weib, indem sie, auf ihre Krücken gestützt,

die Wangen der Kinder streichelte, die sich, betroffen von ihrem

wunderlichen Anblick, an den Vater lehnten: daß sie schon seit

geraumer Zeit aus dem Sächsischen ins Brandenburgische zurückgekehrt

sei, und sich, auf eine, in den Straßen von Berlin unvorsichtig

gewagte Frage des Kämmerers, nach der Zigeunerin, die im Frühjahr des

verflossenen Jahres, in Jüterbock gewesen, sogleich an ihn gedrängt,

und, unter einem falschen Namen, zu dem Geschäfte, das er besorgt

wissen wollte, angeraten habe. Der Roßhändler, der eine sonderbare

Ähnlichkeit zwischen ihr und seinem verstorbenen Weibe Lisbeth

bemerkte, dergestalt, daß er sie hätte fragen können, ob sie ihre

Großmutter sei: denn nicht nur, daß die Züge ihres Gesichts, ihre

Hände, auch in ihrem knöchernen Bau noch schön, und besonders der

Gebrauch, den sie davon im Reden machte, ihn aufs lebhafteste an sie

erinnerten: auch ein Mal, womit seiner Frauen Hals bezeichnet war,

bemerkte er an dem ihrigen--der Roßhändler nötigte sie, unter

Gedanken, die sich seltsam in ihm kreuzten, auf einen Stuhl nieder,

und fragte, was sie in aller Welt in Geschäften des Kämmerers zu ihm

führe? Die Frau, während der alte Hund des Kohlhaas ihre Kniee

umschnüffelte, und von ihrer Hand gekraut, mit dem Schwanz wedelte,

antwortete: "der Auftrag, den ihr der Kämmerer gegeben, wäre, ihm zu

eröffnen, auf welche drei dem sächsischen Hofe wichtigen Fragen der

Zettel geheimnisvolle Antwort enthalte; ihn vor einem Abgesandten,

der sich in Berlin befinde, um seiner habhaft zu werden, zu warnen:

und ihm den Zettel, unter dem Vorwande, daß er an seiner Brust, wo er

ihn trage, nicht mehr sicher sei, abzufordern. Die Absicht aber, in

der sie komme, sei, ihm zu sagen, daß die Drohung ihn durch Arglist

oder Gewalttätigkeit um den Zettel zu bringen, abgeschmackt, und ein

leeres Trugbild sei; daß er unter dem Schutz des Kurfürsten von

Brandenburg, in dessen Verwahrsam er sich befinde, nicht das Mindeste

für denselben zu befürchten habe, ja, daß das Blatt bei ihm weit

sicherer sei, als bei ihr, und daß er sich wohl hüten möchte, sich

durch Ablieferung desselben, an wen und unter welchem Vorwand es auch

sei, darum bringen zu lassen.--Gleichwohl schloß sie, daß sie es für

klug hielte, von dem Zettel den Gebrauch zu machen, zu welchem sie

ihm denselben auf dem Jahrmarkt zu Jüterbock eingehändigt, dem Antrag,

den man ihm auf der Grenze durch den Junker vom Stein gemacht, Gehör

zu geben, und den Zettel, der ihm selbst weiter nichts nutzen könne,

für Freiheit und Leben an den Kurfürsten von Sachsen auszuliefern."

Kohlhaas, der über die Macht jauchzte, die ihm gegeben war, seines

Feindes Ferse, in dem Augenblick, da sie ihn in den Staub trat,

tödlich zu verwunden, antwortete: nicht um die Welt, Mütterchen,

nicht um die Welt! und drückte der Alten Hand, und wollte nur wissen,

was für Antworten auf die ungeheuren Fragen im Zettel enthalten

wären? Die Frau, inzwischen sie das Jüngste, das sich zu ihren Füßen

niedergekauert hatte, auf den Schoß nahm, sprach: "nicht um die Welt,

Kohlhaas, der Roßhändler; aber um diesen hübschen, kleinen, blonden

Jungen!" und damit lachte sie ihn an, hetzte und küßte ihn, der sie

mit großen Augen ansah, und reichte ihm, mit ihren dürren Händen,

einen Apfel, den sie in ihrer Tasche trug, dar. Kohlhaas sagte

verwirrt: daß die Kinder selbst, wenn sie groß wären, ihn, um seines

Verfahrens loben würden, und daß er, für sie und ihre Enkel nichts

Heilsameres tun könne, als den Zettel behalten. Zudem fragte er, wer

ihn, nach der Erfahrung, die er gemacht, vor einem neuen Betrug

sicher stelle, und ob er nicht zuletzt, unnützer Weise, den Zettel,

wie jüngst den Kriegshaufen, den er in Lützen zusammengebracht, an

den Kurfürsten aufopfern würde? "Wer mir sein Wort einmal gebrochen",

sprach er, "mit dem wechsle ich keins mehr; und nur deine Forderung,

bestimmt und unzweideutig, trennt mich, gutes Mütterchen, von dem

Blatt, durch welches mir für alles, was ich erlitten, auf so

wunderbare Weise Genugtuung geworden ist." Die Frau, indem sie das

Kind auf den Boden setzte, sagte: daß er in mancherlei Hinsicht recht

hätte, und daß er tun und lassen könnte, was er wollte! Und damit

nahm sie ihre Krücken wieder zur Hand, und wollte gehn. Kohlhaas

wiederholte seine Frage, den Inhalt des wunderbaren Zettels

betreffend; er wünschte, da sie flüchtig antwortete: "daß er ihn ja

eröffnen könne, obschon es eine bloße Neugierde wäre", noch über

tausend andere Dinge, bevor sie ihn verließe, Aufschluß zu erhalten;

wer sie eigentlich sei, woher sie zu der Wissenschaft, die ihr

inwohne, komme, warum sie dem Kurfürsten, für den er doch geschrieben,

den Zettel verweigert, und grade ihm, unter so vielen tausend

Menschen, der ihrer Wissenschaft nie begehrt, das Wunderblatt

überreicht habe?--Nun traf es sich, daß in eben diesem Augenblick ein

Geräusch hörbar ward, das einige Polizei-Offizianten, die die Treppe

heraufstiegen, verursachten; dergestalt, daß das Weib, von

plötzlicher Besorgnis, in diesen Gemächern von ihnen betroffen zu

werden, ergriffen, antwortete: "auf Wiedersehen Kohlhaas, auf

Wiedersehn! Es soll dir, wenn wir uns wiedertreffen, an Kenntnis

über dies alles nicht fehlen!" Und damit, indem sie sich gegen die

Tür wandte, rief sie: "lebt wohl, Kinderchen, lebt wohl!" küßte das

kleine Geschlecht nach der Reihe, und ging ab.

Inzwischen hatte der Kurfürst von Sachsen, seinen jammervollen

Gedanken preisgegeben, zwei Astrologen, namens Oldenholm und Olearius,

welche damals in Sachsen in großem Ansehen standen, herbeigerufen,

und wegen des Inhalts des geheimnisvollen, ihm und dem ganzen

Geschlecht seiner Nachkommen so wichtigen Zettels zu Rate gezogen;

und da die Männer, nach einer, mehrere Tage lang im Schloßturm zu

Dresden fortgesetzten, tiefsinnigen Untersuchung, nicht einig werden

konnten, ob die Prophezeiung sich auf späte Jahrhunderte oder aber

auf die jetzige Zeit beziehe, und vielleicht die Krone Polen, mit

welcher die Verhältnisse immer noch sehr kriegerisch waren, damit

gemeint sei: so wurde durch solchen gelehrten Streit, statt sie zu

zerstreuen, die Unruhe, um nicht zu sagen, Verzweiflung, in welcher

sich dieser unglückliche Herr befand, nur geschärft, und zuletzt bis

auf einen Grad, der seiner Seele ganz unerträglich war, vermehrt.

Dazu kam, daß der Kämmerer um diese Zeit seiner Frau, die im Begriff

stand, ihm nach Berlin zu folgen, auftrug, dem Kurfürsten, bevor sie

abreiste, auf eine geschickte Art beizubringen, wie mißlich es nach

einem verunglückten Versuch, den er mit einem Weibe gemacht, das sich

seitdem nicht wieder habe blicken lassen, mit der Hoffnung aussehe,

des Zettels in dessen Besitz der Kohlhaas sei, habhaft zu werden,

indem das über ihn gefällte Todesurteil, nunmehr, nach einer

umständlichen Prüfung der Akten, von dem Kurfürsten von Brandenburg

unterzeichnet, und der Hinrichtungstag bereits auf den Montag nach

Palmarum festgesetzt sei; auf welche Nachricht der Kurfürst sich, das

Herz von Kummer und Reue zerrissen, gleich einem ganz Verlorenen, in

seinem Zimmer verschloß, während zwei Tage, des Lebens satt, keine

Speise zu sich nahm, und am dritten plötzlich, unter der kurzen

Anzeige an das Gubernium, daß er zu dem Fürsten von Dessau auf die

Jagd reise, aus Dresden verschwand. Wohin er eigentlich ging, und ob

er sich nach Dessau wandte, lassen wir dahin gestellt sein, indem die

Chroniken, aus deren Vergleichung wir Bericht erstatten, an dieser

Stelle, auf befremdende Weise, einander widersprechen und aufheben.

Gewiß ist, daß der Fürst von Dessau, unfähig zu jagen, um diese Zeit

krank in Braunschweig, bei seinem Oheim, dem Herzog Heinrich, lag,

und daß die Dame Heloise, am Abend des folgenden Tages, in

Gesellschaft eines Grafen von Königstein, den sie für ihren Vetter

ausgab, bei dem Kämmerer Herrn Kunz, ihrem Gemahl, in Berlin eintraf.

--Inzwischen war dem Kohlhaas, auf Befehl des Kurfürsten, das

Todesurteil vorgelesen, die Ketten abgenommen, und die über sein

Vermögen lautenden Papiere, die ihm in Dresden abgesprochen worden

waren, wieder zugestellt worden; und da die Räte, die das Gericht an

ihn abgeordnet hatte, ihn fragten, wie er es mit dem, was er besitze,

nach seinem Tode gehalten wissen wolle: so verfertigte er, mit Hülfe

eines Notars, zu seiner Kinder Gunsten ein Testament, und setzte den

Amtmann zu Kohlhaasenbrück, seinen wackern Freund, zum Vormund

derselben ein. Demnach glich nichts der Ruhe und Zufriedenheit

seiner letzten Tage; denn auf eine sonderbare Spezial-Verordnung des

Kurfürsten war bald darauf auch noch der Zwinger, in welchem er sich

befand, eröffnet, und allen seinen Freunden, deren er sehr viele in

der Stadt besaß, bei Tag und Nacht freier Zutritt zu ihm verstattet

worden. Ja, er hatte noch die Genugtuung, den Theologen Jakob

Freising, als einen Abgesandten Doktor Luthers, mit einem

eigenhändigen, ohne Zweifel sehr merkwürdigen Brief, der aber

verloren gegangen ist, in sein Gefängnis treten zu sehen, und von

diesem geistlichen Herrn in Gegenwart zweier brandenburgischen

Dechanten, die ihm an die Hand gingen, die Wohltat der heiligen

Kommunion zu empfangen. Hierauf erschien nun, unter einer

allgemeinen Bewegung der Stadt, die sich immer noch nicht entwöhnen

konnte, auf ein Machtwort, das ihn rettete, zu hoffen, der

verhängnisvolle Montag nach Palmarum, an welchem er die Welt, wegen

des allzuraschen Versuchs, sich selbst in ihr Recht verschaffen zu

wollen, versöhnen sollte. Eben trat er, in Begleitung einer starken

Wache, seine beiden Knaben auf dem Arm (denn diese Vergünstigung

hatte er sich ausdrücklich vor den Schranken des Gerichts ausgebeten),

von dem Theologen Jakob Freising geführt, aus dem Tor seines

Gefängnisses, als unter einem wehmütigen Gewimmel von Bekannten, die

ihm die Hände drückten, und von ihm Abschied nahmen, der Kastellan

des kurfürstlichen Schlosses, verstört im Gesicht, zu ihm herantrat,

und ihm ein Blatt gab, das ihm, wie er sagte, ein altes Weib für ihn

eingehändigt. Kohlhaas, während er den Mann der ihm nur wenig

bekannt war, befremdet ansah, eröffnete das Blatt, dessen Siegelring

ihn, im Mundlack ausgedrückt, sogleich an die bekannte Zigeunerin

erinnerte. Aber wer beschreibt das Erstaunen, das ihn ergriff, als

er folgende Nachricht darin fand: "Kohlhaas, der Kurfürst von Sachsen

ist in Berlin; auf den Richtplatz schon ist er vorangegangen, und

wird, wenn dir daran liegt, an einem Hut, mit blauen und weißen

Federbüschen kenntlich sein. Die Absicht, in der er kömmt, brauche

ich dir nicht zu sagen; er will die Kapsel, sobald du verscharrt bist,

ausgraben, und den Zettel, der darin befindlich ist, eröffnen lassen.

--Deine Elisabeth."--Kohlhaas, indem er sich auf das äußerste

bestürzt zu dem Kastellan umwandte, fragte ihn: ob er das wunderbare

Weib, das ihm den Zettel übergeben, kenne? Doch da der Kastellan

antwortete: "Kohlhaas, das Weib"--und in Mitten der Rede auf

sonderbare Weise stockte, so konnte er, von dem Zuge, der in diesem

Augenblick wieder antrat, fortgerissen, nicht vernehmen, was der Mann,

der an allen Gliedern zu zittern schien, vorbrachte.--Als er auf dem

Richtplatz ankam, fand er den Kurfürsten von Brandenburg mit seinem

Gefolge, worunter sich auch der Erzkanzler, Herr Heinrich von Geusau

befand, unter einer unermeßlichen Menschenmenge, daselbst zu Pferde

halten: ihm zur Rechten der kaiserliche Anwalt Franz Müller, eine

Abschrift des Todesurteils in der Hand; ihm zur Linken, mit dem

Konklusum des Dresdner Hofgerichts, sein eigener Anwalt, der

Rechtsgelehrte Anton Zäuner; ein Herold in der Mitte des halboffenen

Kreises, den das Volk schloß, mit einem Bündel Sachen, und den beiden,

von Wohlsein glänzenden, die Erde mit ihren Hufen stampfenden Rappen.

Denn der Erzkanzler, Herr Heinrich, hatte die Klage, die er, im

Namen seines Herrn, in Dresden anhängig gemacht, Punkt für Punkt, und

ohne die mindeste Einschränkung gegen den Junker Wenzel von Tronka,

durchgesetzt; dergestalt, daß die Pferde, nachdem man sie durch

Schwingung einer Fahne über ihre Häupter, ehrlich gemacht, und aus

den Händen des Abdeckers, der sie ernährt, zurückgezogen hatte, von

den Leuten des Junkers dickgefüttert, und in Gegenwart einer eigens

dazu niedergesetzten Kommission, dem Anwalt, auf dem Markt zu Dresden,

übergeben worden waren. Demnach sprach der Kurfürst, als Kohlhaas

von der Wache begleitet, auf den Hügel zu ihm heranschritt: Nun,

Kohlhaas, heut ist der Tag, an dem dir dein Recht geschieht! Schau

her, hier liefere ich dir alles, was du auf der Tronkenburg

gewaltsamer Weise eingebüßt, und was ich, als dein Landesherr, dir

wieder zu verschaffen, schuldig war, zurück: Rappen, Halstuch,

Reichsgulden, Wäsche, bis auf die Kurkosten sogar für deinen bei

Mühlberg gefallenen Knecht Herse. Bist du mit mir

zufrieden?--Kohlhaas, während er das, ihm auf den Wink des

Erzkanzlers eingehändigte Konklusum, mit großen, funkelnden Augen

überlas, setzte die beiden Kinder, die er auf dem Arm trug, neben

sich auf den Boden nieder; und da er auch einen Artikel darin fand,

in welchem der Junker Wenzel zu zweijähriger Gefängnisstrafe

verurteilt ward: so ließ er sich, aus der Ferne, ganz überwältigt von

Gefühlen, mit kreuzweis auf die Brust gelegten Händen, vor dem

Kurfürsten nieder. Er versicherte freudig dem Erzkanzler, indem er

aufstand, und die Hand auf seinen Schoß legte, daß sein höchster

Wunsch auf Erden erfüllt sei; trat an die Pferde heran, musterte sie,

und klopfte ihren feisten Hals; und erklärte dem Kanzler, indem er

wieder zu ihm zurückkam, heiter: "daß er sie seinen beiden Söhnen

Heinrich und Leopold schenke!" Der Kanzler, Herr Heinrich von Geusau,

vom Pferde herab mild zu ihm gewandt, versprach ihm, in des

Kurfürsten Namen, daß sein letzter Wille heilig gehalten werden solle:

und forderte ihn auf, auch über die übrigen im Bündel befindlichen

Sachen, nach seinem Gutdünken zu schalten. Hierauf rief Kohlhaas die

alte Mutter Hersens, die er auf dem Platz wahrgenommen hatte, aus dem

Haufen des Volks hervor, und indem er ihr die Sachen übergab, sprach

er: "da, Mütterchen; das gehört dir!"--die Summe, die, als

Schadenersatz für ihn, bei dem im Bündel liegenden Gelde befindlich

war, als ein Geschenk noch, zur Pflege und Erquickung ihrer alten

Tage, hinzufügend.--Der Kurfürst rief: "nun, Kohlhaas, der Roßhändler,

du, dem solchergestalt Genugtuung geworden, mache dich bereit,

kaiserlicher Majestät, deren Anwalt hier steht, wegen des Bruchs

ihres Landfriedens, deinerseits Genugtuung zu geben!" Kohlhaas, indem

er seinen Hut abnahm, und auf die Erde warf, sagte: daß er bereit

dazu wäre! übergab die Kinder, nachdem er sie noch einmal vom Boden

erhoben, und an seine Brust gedrückt hatte, dem Amtmann von

Kohlhaasenbrück, und trat, während dieser sie unter stillen Tränen,

vom Platz hinwegführte, an den Block. Eben knüpfte er sich das Tuch

vom Hals ab und öffnete seinen Brustlatz: als er, mit einem

flüchtigen Blick auf den Kreis, den das Volk bildete, in geringer

Entfernung von sich, zwischen zwei Rittern, die ihn mit ihren Leibern

halb deckten, den wohlbekannten Mann mit blauen und weißen

Federbüschen wahrnahm. Kohlhaas löste sich, indem er mit einem

plötzlichen, die Wache, die ihn umringte, befremdenden Schritt, dicht

vor ihn trat, die Kapsel von der Brust; er nahm den Zettel heraus,

entsiegelte ihn, und überlas ihn: und das Auge unverwandt auf den

Mann mit blauen und weißen Federbüschen gerichtet, der bereits süßen

Hoffnungen Raum zu geben anfing, steckte er ihn in den Mund und

verschlang ihn. Der Mann mit blauen und weißen Federbüschen sank,

bei diesem Anblick, ohnmächtig, in Krämpfen nieder. Kohlhaas aber,

während die bestürzten Begleiter desselben sich herabbeugten, und ihn

vom Boden aufhoben, wandte sich zu dem Schafott, wo sein Haupt unter

dem Beil des Scharfrichters fiel. Hier endigt die Geschichte vom

Kohlhaas. Man legte die Leiche unter einer allgemeinen Klage des

Volks in einen Sarg; und während die Träger sie aufhoben, um sie

anständig auf den Kirchhof der Vorstadt zu begraben, rief der

Kurfürst die Söhne des Abgeschiedenen herbei und schlug sie, mit der

Erklärung an den Erzkanzler, daß sie in seiner Pagenschule erzogen

werden sollten, zu Rittern. Der Kurfürst von Sachsen kam bald darauf,

zerrissen an Leib und Seele, nach Dresden zurück, wo man das Weitere

in der Geschichte nachlesen muß. Vom Kohlhaas aber haben noch im

vergangenen Jahrhundert, im Mecklenburgischen, einige frohe und

rüstige Nachkommen gelebt.

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Ausgewählte Schriften, von

Heinrich von Kleist.

Ausgewählte Schriften · 第 13 / 13 题