Im Anfange des Herbstes 1809 verbreitete sich in der Gegend von
Schlan (einem Städtchen vier Meilen von Prag auf der Straße nach
Sachsen) das Gerücht einer Geistererscheinung, die ein Bauernknabe
aus Stredokluk (einem Dorfe auf dem halben Wege von Schlan nach Prag)
gehabt habe. Dies Gerücht ward endlich so allgemein und so laut, daß
endlich ein Hochlöbl. Kreisamt zu Schlan eine gerichtliche
Untersuchung der ganzen Sache beschloß, und demzufolge eine eigene
Komission ernannte, aus deren Akten zum Teil, und zum Teil aus
mündlichen Berichten an Ort und Stelle, nachstehende Geschichte
gezogen ist.
Ein Bauernknabe von ungefähr elf Jahren aus Stredokluk, mit Namen
Joseph, bekannt bei seiner Familie sowohl als im ganzen Dorfe für
einen erzdummen Jungen, schlief für gewöhnlich mit einem alten Onkel
und einigen seiner Geschwister, von seinen Eltern getrennt, in einer
besondern Kammer. Eines Nachts wird er durch Schütteln geweckt, und
wie er aus dem Schlafe aufschreckt, sieht er eine Gestalt sich
langsam vom Fuße seines Bettes fortbewegen und im Dunkel verschwinden.
Joseph, dem Schlafen über alles geht, nimmt es gewaltig übel, so
mutwillig gestört zu werden, und in der Meinung, die Gestalt sei der
Onkel gewesen, der ihn habe necken wollen, fängt er an, sich laut zu
beklagen und sich derartige Scherze scheltend zu verbitten. Der
Onkel, ein alter Invalide, wacht über den Lärm ebenfalls auf, fragt
ziemlich barsch nach der Ursache, und da Joseph ihn zu Rede stellt,
warum er ihn necke und nicht schlafen lasse, so ergrimmt der alte
Soldat, und nach einigen Beteuerungen und Fluchen, daß er von nichts
wisse, die aber unserm Joseph nicht einleuchten wollen, steht er auf
und, um seinen Gründen Gewicht zu geben, nimmt er den Stock und
zerprügelt den ungläubigen Herrn Neffen. Joseph schreit fürchterlich,
alle seine Geschwister werden wach und schreien mit, die Eltern
eilen voll Angst herbei, sie besorgen Feuer oder Mord, beruhigen sich
aber bald, da sie sehen, daß nur der dumme Joseph etwas geprügelt
wird. Sie fragen nach dem Anlasse des Tumults; Joseph erzählt
schluchzend seine Geschichte; der Onkel flucht laut über den Lügner;
den Eltern ist der Fall zu spitzig; zum Untersuchen ist nicht Zeit,
und da Joseph von seinem Satz nicht abgeht, so vereinigen sie sich
der Kürze halber mit dem Onkel, prügeln gemeinschaftlich auf den
Ärmsten und schicken ihn zu Bette. In der folgenden Nacht geht
derselbe Spaß von neuem an, Joseph wird wieder geweckt, sieht eine
Gestalt, hält sie wieder für den Onkel und, da er diesmal seiner
Sache noch gewisser zu sein glaubt, als das erstemal, so beklagt er
sich noch ungestümer; der alte Onkel erwacht, prügelt, die Eltern
kommen herbei, prügeln auch, und Joseph flüchtet sich, ein gutes Teil
mürber als die vergangene Nacht, in sein Bett. In der dritten Nacht
dieselbe Erscheinung, aber nicht dieselben Prügel. In dem Kopfe des
dummen Josephs entwickelt sich allmählich die Idee vom ewigen
Unrechte des Schwächern, er schweigt demnach, und versucht es, mit
einem äußerst verdrießlichen Gesicht, sobald wie möglich wieder
einzuschlafen, was ihm denn auch gelingt. Den Tag darauf kömmt
Joseph abends vom Felde nach Hause, und erzählt der Mutter, wie um
die Mittagsstunde ein fremder Herr zu ihm gekommen sei, in einem
weißen Mantel und mit sehr bleichem Angesichte; wie dieser, als er
sich anfangs vor ihm gefürchtet und davonlaufen wollte, ihm
freundlich zugeredet habe, er solle sich nicht fürchten, er meine es
gut mit ihm und wolle ihn belohnen, wenn er hübsch folgsam wäre. Als
er sich hierauf beruhigt, habe der fremde Herr mit tiefbetrübter
Miene gesagt, daß er schon sehr lange, lange auf ihn gewartet habe,
daß er ihm die drei vergangenen Nächte erschienen sei, und jetzt
komme, um von ihm einen Dienst zu begehren, dessen Gewährleistung er
nicht zu bereuen Ursach haben würde. Morgen nämlich mit
Sonnenaufgang solle er, mit einem Spaten versehen, aufs Feld
hinausgehn und an einem Orte, den er ihm zeigen würde, nachgraben; er
werde dort Menschenknochen finden, an denen fünf eiserne Ringe
befestigt wären; diese wären seine Gebeine, über die sein Geist nun
schon seit fünfhundert Jahren ohne Ruhe und ohne Rast herumirre; habe
er die Gebeine gefunden und herausgenommen, so solle er noch tiefer
graben, wo er sodann auf fünf verschlossene irdene Truhen stoßen
werde; was damit zu tun, würde er ihm später entdecken. Nachdem er
ihm dies alles gesagt, sei der Herr plötzlich weggekommen, er wisse
nicht wohin. Die Mutter hatte mit offenem Munde zugehört, und voller
Verwunderung ihren Joseph betrachtet, welcher, da er sonst in dummer
Unbehilflichkeit kaum ein halb Dutzend Worte aneinander zu reihen
wußte, jetzt mit fließender Rede, im reinsten Böhmisch, seine
Geschichte vortrug. So unheimlich ihr auch bei dieser Erzählung
zumute sein mochte, so witterte sie doch als eine kluge Frau in den
verheißenen Truhen so etwas von einem Schatze, und um des Schatzes
willen beschloß sie, mit ihrem Joseph gemeinschaftlich das Abenteuer
zu bestehn.
Den andern Morgen in aller Frühe machten Mutter und Sohn gehörig zum
Graben gerüstet sich auf und gingen dem Felde zu, wo der Geist sich
hatte sehn lassen; kaum waren sie vor das Dorf gekommen, als Joseph
sagte: "Ei seht doch Mutter, da ist der Herr schon."--"Wo?" rief die
Mutter erblassend und schlug ein Kreuz über ihren ganzen Leib. "Hier
dicht vor uns," antwortete Joseph, "er hat mir aber gesagt, er komme,
uns zu führen." Die Mutter sahe nichts; der Geist, nur dem
auserwählten Joseph sichtbar, zog still vor ihnen her. Die Reise
ging querfeldein, einer Heide zu, die an einem Feldwege hinlief; dort
steht Joseph still und sagt zur Mutter: "Hier Mutter, hier sollen wir
graben, spricht der Herr." Die Mutter, den Angstschweiß auf der Stirn,
setzt den Spaten an und gräbt hastig darauf los. Sie mochte
ungefähr zwei Schuh tief gegraben haben, als sie auf Totengebeine
stößt; der Herr sehe dem Dinge sehr freundlich zu, versichert Joseph
der Mutter, die für die Freundlichkeit des fünfhundertjährigen Herrn
wenig Sinn hat, und geistliche Lieder und Ave's und
Beschwörungsformeln bunt durcheinander sich immer lauter in Gedanken
zuschreit. Der Gebeine wurden immer mehrere, sie waren mit einem
gewöhnlichen Schimmel überzogen und zerfielen an der Luft in Asche,
um beiden Arm- und Beinröhren, dicht über den Hand- und Fußgelenken,
lagen starke eiserne Bänder. Auf einmal ruft Joseph in die Grube
hinein: "Mutter, der Herr will, daß ihr dort mehr rechts grabet; dort,
wo er mit dem Degen hinzeigt, da liege sein Kopf, spricht er." Die
Mutter gehorcht und nach einigen Spatenstichen hebt sie einen
Totenkopf heraus, dessen Stirn ein großer eiserner Ring umgibt. Nun
war's mit der Mutter am Ende; mit jedem Knochen, den sie
herausgegraben, hatte die Angst und das innere Lärmen sich gemehrt;
halb in Verzweiflung hatte sie nach dem Schädel gesucht, sein Anblick
gab ihr den Rest, sie warf den Spaten hin, und floh laut schreiend
dem Dorfe zu. Joseph begriff die Mutter nicht, ihm war nie so wohl
in seiner Haut gewesen. Als er den fremden Herrn fragen wollte, was
denn das bedeute, war dieser verschwunden; kopfschüttelnd nahm Joseph
seine fünf Ringe um den Spaten, spielte noch ein wenig mit der
Knochenasche, und ging dann jubelnd dem Dorfe zu. Die fünf Ringe
wurden später bei den Gerichten deponiert, wo sie noch jetzt zu sehen
sind.
Als die Kommission die Untersuchung dieser Geschichte geendigt hatte,
ohne die Sache selbst ins reine gebracht zu haben, entschloß sich
eine hohe Amtsobrigkeit, durch die fünf Ringe aufgemuntert, den
verheißenen fünf Truhen nachzuspüren: es ward von Amts wegen weiter
nachgegraben. Im November 1809, wo Erzähler die Grube selbst gesehn,
war man schon zu einer beträchtlichen Tiefe gelangt. Da die weitere
Fortsetzung der Arbeit die Kräfte gewöhnlicher Tagelöhner überstieg,
so ließ man, um nicht den Vorwurf halber Maßregeln auf sich zu laden,
endlich gar Bergleute kommen. Diese erweiterten den Bau und trieben
Gänge rechts und links; nicht lange, so wollte man es haben hohl
klingen hören, man grub und grub; umsonst, die Truhen zeigten sich
nicht; man kam auf Schutt, die Hoffnung wuchs; der Schutt wurde
durchwühlt, er verlor sich, die Hoffnung sank. In der Verlegenheit,
worin man sich befand, fiel es einem gescheiten Kopfe ein, daß
Schätze ihre Kaprizen haben, die respektiert sein wollen, daß sie
nicht jeder rohen Faust in die Hände laufen, sondern sich nur von
sympathetischen Fingern berühren lassen, und tat daher den Vorschlag,
den Joseph kommen zu lassen, um künftig bei der Arbeit gegenwärtig zu
sein.
Da man schon im Dezember ziemlich weit vorgerückt war, so packte man
den armen Jungen warm ein, gab ihm einen kleinen Spaten in die Hand,
und hieß ihm hin und her ein Schaufelchen Erde herausheben. Man
versprach sich sehr viel von dieser List, doch es schien, als wäre es
dem Geiste mehr um seine Knochen als um die Truhen zu tun gewesen,
denn auch die Gegenwart unsers Josephs verfing nichts. Der
zunehmende Frost machte endlich dem Suchen ein Ende; im Frühjahr,
beschloß man, sollte die Arbeit fortgesetzt werden, hat es jedoch
unterlassen. Übrigens hat der Geist gegen Joseph nicht ganz
undankbar gehandelt, als es auf den ersten Anblick scheinen möchte;
denn wenn er ihm auch den gehofften Schatz, den er ihm übrigens nie
versprach, entrückte, so hatte er doch wahrscheinlich veranstaltet,
daß die Leute von nah und von fern herbeiströmten, um den kleinen
Geisterseher zu sehn und reichlich zu beschenken.