Zu Port au Prince, auf dem französischen Anteil der Insel St. Domingo,
lebte, zu Anfange dieses Jahrhunderts, als die Schwarzen die Weißen
ermordeten, auf der Pflanzung des Herrn Guillaume von Villeneuve, ein
fürchterlicher alter Neger, namens Congo Hoango. Dieser von der
Goldküste von Afrika herstammende Mensch, der in seiner Jugend von
treuer und rechtschaffener Gemütsart schien, war von seinem Herrn,
weil er ihm einst auf einer Überfahrt nach Cuba das Leben gerettet
hatte, mit unendlichen Wohltaten überhäuft worden. Nicht nur, daß
Herr Guillaume ihm auf der Stelle seine Freiheit schenkte, und ihm,
bei seiner Rückkehr nach St. Domingo, Haus und Hof anwies; er machte
ihn sogar, einige Jahre darauf, gegen die Gewohnheit des Landes, zum
Aufseher seiner beträchtlichen Besitzung, und legte ihm, weil er
nicht wieder heiraten wollte, an Weibes Statt eine alte Mulattin,
namens Babekan, aus seinerPflanzung bei, mit welcher er durch seine
erste verstorbene Frau weitläuftig verwandt war. Ja, als der Neger
sein sechzigstes Jahr erreicht hatte, setzte er ihn mit einem
ansehnlichen Gehalt in den Ruhestand und krönte seine Wohltaten noch
damit, daß er ihm in seinem Vermächtnis sogar ein Legat auswarf; und
doch konnten alle diese Beweise von Dankbarkeit Herrn Villeneuve vor
der Wut dieses grimmigen Menschen nicht schützen. Congo Hoango war,
bei dem allgemeinen Taumel der Rache, der auf die unbesonnenen
Schritte des Nationalkonvents in diesen Pflanzungen aufloderte, einer
der ersten, der die Büchse ergriff, und, eingedenk der Tyrannei, die
ihn seinem Vaterlande entrissen hatte, seinem Herrn die Kugel durch
den Kopf jagte. Er steckte das Haus, worein die Gemahlin desselben
mit ihren drei Kindern und den übrigen Weißen der Niederlassung sich
geflüchtet hatte, in Brand, verwüstete die ganze Pflanzung, worauf
die Erben, die in Port au Prince wohnten, hätten Anspruch machen
können, und zog, als sämtliche zur Besitzung gehörige Etablissements
der Erde gleich gemacht waren, mit den Negern, die er versammelt und
bewaffnet hatte, in der Nachbarschaft umher, um seinen Mitbrüdern in
dem Kampfe gegen die Weißen beizustehen. Bald lauerte er den
Reisenden auf, die in bewaffneten Haufen das Land durchkreuzten; bald
fiel er am hellen Tage die in ihren Niederlassungen verschanzten
Pflanzer selbst an, und ließ alles, was er darin vorfand, über die
Klinge springen. Ja, er forderte, in seiner unmenschlichen Rachsucht,
sogar die alte Babekan mit ihrer Tochter, einer jungen
fünfzehnjährigen Mestize, namens Toni, auf, an diesem grimmigen
Kriege, bei dem er sich ganz verjüngte, Anteil zu nehmen; und weil
das Hauptgebäude der Pflanzung, das er jetzt bewohnte, einsam an der
Landstraße lag und sich häufig, während seiner Abwesenheit, weiße
oder kreolische Flüchtlinge einfanden, welche darin Nahrung oder ein
Unterkommen suchten, so unterrichtete er die Weiber, diese weißen
Hunde, wie er sie nannte, mit Unterstützungen und Gefälligkeiten bis
zu seiner Wiederkehr hinzuhalten. Babekan, welche in Folge einer
grausamen Strafe, die sie in ihrer Jugend erhalten hatte, an der
Schwindsucht litt, pflegte in solchen Fällen die junge Toni, die,
wegen ihrer ins Gelbliche gehenden Gesichtsfarbe, zu dieser
gräßlichen List besonders brauchbar war, mit ihren besten Kleidern
auszunutzen; sie ermunterte dieselbe, den Fremden keine Liebkosung zu
versagen, bis auf die letzte, die ihr bei Todesstrafe verboten war:
und wenn Congo Hoango mit seinem Negertrupp von den Streifereien, die
er in der Gegend gemacht hatte, wiederkehrte, war unmittelbarer Tod
das Los der Armen, die sich durch diese Künste hatten täuschen lassen.
Nun weiß jedermann, daß im Jahr 1803, als der General Dessalines mit
30000 Negern gegen Port au Prince vorrückte, alles, was die weiße
Farbe trug, sich in diesen Platz warf, um ihn zu verteidigen. Denn
er war der letzte Stützpunkt der französischen Macht auf dieser Insel,
und wenn er fiel, waren alle Weißen, die sich darauf befanden,
sämtlich ohne Rettung verloren. Demnach traf es sich, daß gerade in
der Abwesenheit des alten Hoango, der mit den Schwarzen, die er um
sich hatte, aufgebrochen war, um dem General Dessalines mitten durch
die französischen Posten einen Transport von Pulver und Blei
zuzuführen, in der Finsternis einer stürmischen und regnerischen
Nacht, jemand an die hintere Tür seines Hauses klopfte. Die alte
Babekan, welche schon im Bette lag, erhob sich, öffnete, einen bloßen
Rock um die Hüften geworfen, das Fenster, und fragte, wer da sei?
"Bei Maria und allen Heiligen," sagte der Fremde leise, indem er sich
unter das Fenster stellte: "beantwortet mir, ehe ich Euch dies
entdecke, eine Frage!" Und damit streckte er, durch die Dunkelheit
der Nacht, seine Hand aus, um die Hand der Alten zu ergreifen, und
fragte:
"Seid Ihr eine Negerin?" Babekan sagte: "nun, Ihr seid gewiß ein
Weißer, daß Ihr dieser stockfinstern Nacht lieber ins Antlitz schaut,
als einer Negerin! "Kommt herein", setzte sie hinzu, "und fürchtet
nichts; hier wohnt eine Mulattin, und die einzige, die sich außer mir
noch im Hause befindet, ist meine Tochter, eine Mestize!"
Und damit machte sie das Fenster zu, als wollte sie hinabsteigen und
ihm die Tür öffnen; schlich aber, unter dem Vorwand, daß sie den
Schlüssel nicht sogleich finden könne, mit einigen Kleidern, die sie
schnell aus dem Schrank zusammenraffte, in die Kammer hinauf und
weckte ihre Tochter. "Toni!" sprach sie: "Toni!"
"Was gibts, Mutter?--"Geschwind!" sprach sie. "Aufgestanden und dich
angezogen! Hier sind Kleider, weiße Wäsche und Strümpfe! Ein Weißer,
der verfolgt wird, ist vor der Tür und begehrt eingelassen zu werden!
"
Toni fragte: "ein Weißer?", indem sie sich halb im Bett aufrichtete.
Sie nahm die Kleider, welche die Alte in der Hand hielt, und sprach:
"ist er auch allein, Mutter? Und haben wir, wenn wir ihn einlassen,
nichts zu befürchten?"
"Nichts, nichts!" versetzte die Alte, indem sie Licht anmachte: "er
ist ohne Waffen und allein, und Furcht, daß wir über ihn herfallen
möchten, zittert in allen seinen Gebeinen!"
Und damit, während Toni aufstand und sich Rock und Strümpfe anzog,
zündete sie die große Laterne an, die in dem Winkel des Zimmers stand,
band dem Mädchen geschwind das Haar, nach der Landesart, über dem
Kopf zusammen, bedeckte sie, nachdem sie ihr den Latz zugeschnürt
hatte, mit einem Hut, gab ihr die Laterne in die Hand und befahl ihr,
auf den Hof hinab zu gehen und den Fremden herein zu holen.
Inzwischen war auf das Gebell einiger Hofhunde ein Knabe, namens
Nanky, den Hoango auf unehelichem Wege mit einer Negerin erzeugt
hatte, und der mit seinem Bruder Seppy in den Nebengebäuden schlief,
erwacht; und da er beim Schein des Mondes einen einzelnen Mann auf
der hinteren Treppe des Hauses stehen sah; so eilte er sogleich, wie
er in solchen Fällen angewiesen war, nach dem Hoftor, durch welches
derselbe hereingekommen war, um es zu verschließen. Der Fremde, der
nicht begriff,was dieseArlstalten zu bedeuten hatten, fragte den
Knaben, den er mit Entsetzen, als er ihm nahe stand, für einen
Negerknaben erkannte: wer in dieser Niederlassung wohne und schon war
er auf die Antwort desselben: "daß die Besitzung, seit dem Tode Herrn
Villeneuves dem Neger Hoango anheim gefallen," im Begriff, den Jungen
niederzuwerfen, ihm den Schlüssel der Hofpforte, den er in der Hand
hielt, zu entreißen und das weite Feld zu suchen, als Toni, die
Laterne in der Hand, vor das Haus hinaus trat.
"Geschwind!" sprach sie, indem sie seine Hand ergriff und ihn nach
der Tür zog: "Hier herein!" Sie trug Sorge, indem sie dies sagte, das
Licht so zu stellen, daß der volle Strahl davon auf ihr Gesicht fiel.
--"Wer bist du?" rief der Fremde sträubend, indem er, um mehr als
einer Ursache willen betroffen, ihre junge liebliche Gestalt
betrachtete. "Wer wohnt in diesem Hause, in welchem ich, wie du
vorgibst, meine Rettung finden soll?"--"Niemand, bei dem Licht der
Sonne", sprach das Mädchen, "als meine Mutter und ich!" und bestrebte
und beeiferte sich, ihn mit sich fortzureißen. "Was, niemand!" rief
der Fremde, indem er, mit einem Schritt rückwärts, seine Hand losriß:
"hat mir dieser Knabe nicht eben gesagt, daß ein Neger, namens Hoango,
darin befindlich sei?"--"Ich sage, nein!" sprach das Mädchen, indem
sie, mit einem Ausdruck von Unwillen, mit dem Fuß stampfte; "und wenn
gleich einem Wüterich, der diesen Namen führt, das Haus gehört:
abwesend ist er in diesem Augenblick und auf zehn Meilen davon
entfernt!" Und damit zog sie den Fremden mit ihren beiden Händen in
das Haus hinein, befahl dem Knaben, keinem Menschen zu sagen, wer
angekommen sei, ergriff, nachdem sie die Tür erreicht, des Fremden
Hand und führte ihn die Treppe hinauf, nach dem Zimmer ihrer Mutter.
"Nun", sagte die Alte, welche das ganze Gespräch, von dem Fenster
herab, mit angehört und bei dem Schein des Lichts bemerkt hatte, daß
er ein Offizier war: "was bedeutet der Degen, den Ihr so schlagfertig
unter Eurem Arme tragt? Wir haben Euch", setzte sie hinzu, indem sie
sich die Brille aufdrückte, "mit Gefahr unseres Lebens eine Zuflucht
in unserm Hause gestattet; seid Ihr herein gekommen, um diese Wohltat,
nach der Sitte Eurer Landsleute, mit Verräterei zu vergelten?"
"Behüte der Himmel!" erwiderte der Fremde, der dicht vor ihren Sessel
getreten war. Er ergriff die Hand der Alten, drückte sie an sein
Herz, und indem er, nach einigen im Zimmer schüchtern umhergeworfenen
Blicken, den Degen, den er an der Hüfte trug, abschnallte, sprach er:
"Ihr seht den elendesten der Menschen, aber keinen undankbaren und
schlechten vor Euch!"
"Wer seid Ihr?" fragte die Alte; und damit schob sie ihm mit dem Fuß
einen Stuhl hin, und befahl dem Mädchen, in die Küche zu gehen, und
ihm, so gut es sich in der Eil tun ließ, ein Abendbrot zu bereiten.
Der Fremde erwiderte: "ich bin ein Offizier von der französischen
Macht, obschon, wie Ihr wohl selbst urteilt, kein Franzose; mein
Vaterland ist die Schweiz und mein Name Gustav von der Ried. Ach,
hätte ich es niemals verlassen und gegen dies unselige Eiland
vertauscht! Ich komme von Fort Dauphin, wo, wie Ihr wißt, alle
Weißen ermordet worden sind, umd meine Absicht ist, Port au Prince zu
erreichen, bevor es dem General Dessalines noch gelungen ist, es mit
den Truppen, die er anführt, einzuschließen und zu belagern."
"Von Fort Dauphin!" rief die Alte. "Und es ist Euch mit Eurer
Gesichtsfarbe geglückt, diesen ungeheuren Weg, mitten durch ein in
Empörung begriffenes Mohrenland, zurückzulegen?"
"Gott und alle Heiligen", erwiderte der Fremde, "haben mich beschützt!
--Und ich bin nicht allein, gutes Mütterchen; in meinem Gefolge, das
ich zurückgelassen, befindet sich ein ehrwürdiger alter Greis, mein
Oheim, mit seiner Gemahlin und fünf Kindem; mehrere Bediente und
Mägde, die zur Familie gehören, nicht zu erwähnen; ein Troß von zwölf
Menschen, den ich, mit Hülfe zweier elenden Maulesel, in unsäglich
mühevollen Nachtwanderungen, da wir uns bei Tage auf der Heerstraße
nicht zeigen dürfen, mit mir fortführen muß."
"Ei, mein Himmel!" rief die Alte, indem sie, unter mitleidigem
Kopfschütteln, eine Prise Tabak nahm. "Wo befindet sich denn in
diesem Augenblick Eure Reisegesellschaft?"--"Euch", versetzte der
Fremde, nachdem er sich ein wenig besonnen hatte, "Euch kann ich mich
anvertrauen; aus der Farbe Eures Gesichts schimmert mir ein Strahl
von der meinigen entgegen. Die Familie befindet sich, daß Ihr es
wißt, eine Meile von hier, zunächst dem Möwenweiher, in der Wildnis
der angrenzenden Gebirgswaldung: Hunger und Durst zwangen uns
vorgestem, diese Zuflucht aufzusuchen. Vergebens schickten wir in
der verflossenen Nacht unsere Bedienten aus, um ein wenig Brot und
Wein bei den Einwohnern des Landes aufzutreiben; Furcht, ergriffen
und getötet zu werden, hielt sie ab, die entscheidenden Schritte
deshalb zu tun, dergestalt, daß ich mich selbst heute mit Gefahr
meines Lebens habe außmachen müssen, um mein Glück zu versuchen. Der
Himmel, wenn mich nicht alles trügt", fuhr er fort, indem er die Hand
der Alten drückte, "hat mich mitleidigen Menschen zugeführt, die jene
grausame und unerhörte Erbitterung, welche alle Einwohner dieser
Insel ergriffen hat, nicht teilen. Habt die Gefälligkeit, mir für
reichlichen Lohn einige Körbe mit Lebensmitteln und Erfrischungen
anzufüllen; wir haben nur noch fünf Tagereisen bis Port au Prince,
und wenn ihr uns die Mittel verschafft, diese Stadt zu erreichen, so
werden wir euch ewig als die Retter unseres Lebens ansehen."
"Ja, diese rasende Erbitterung", heuchelte die Alte. "Ist es nicht,
als ob die Hände eines Körpers, oder die Zähne eines Mundes gegen
einander wüten wollten, weil das eine Glied nicht geschaffen ist, wie
das andere? Was kann ich, deren Vater aus St. Jago, von der Insel
Cuba war, für den Schimmer von Licht, der auf meinem Antlitz, wenn es
Tag wird, erdämmert? Und was kann meine Tochter, die in Europa
empfangen und geboren ist, dafür, daß der volle Tag jenes Weltteils
von dem ihrigen widerscheint?"
"Wie?" rief der Fremde. "Ihr, die Ihr nach Eurer ganzen
Gesichtsbildung eine Mulattin, und mithin afrikanischen Ursprungs
seid, Ihr wäret samt der lieblichen jungen Mestize, die mir das Haus
aufmachte, mit uns Europäern in einer Verdammnis?"
"Beim Himmel!" erwiderte die Alte, indem sie die Brille von der Nase
nahm; "meint Ihr, daß das kleine Eigentum, das wir uns in mühseligen
und jammervollen Jahren durch die Arbeit unserer Hände erworben haben,
dies grimmige, aus der Hölle stammende Räubergesindel nicht reizt?
Wenn wir uns nicht durch List und den ganzen Inbegriff jener Künste,
die die Notwehr dem Schwachen in die Hände gibt, vor ihrer Verfolgung
zu sichern wüßten: der Schatten von Verwandtschaft, der über unsere
Gesichter ausgebreitet ist, der, könnt Ihr sicher glauben, tut es
nicht!"
"Es ist nicht möglich!" rief der Fremde; "und wer auf dieser Insel
verfolgt euch?"
"Der Besitzer dieses Hauses", antwortete die Alte: "der Neger Congo
Hoango! Seit dem Tode Herrn Guillaumes, des vormaligen Eigentümers
dieser Pflanzung, der durch seine grimmige Hand beim Ausbruch der
Empörung fiel, sind wir, die wir ihm als Verwandte die Wirtschaft
führen, seiner ganzen Willkür und Gewalttätigkeit preis gegeben.
Jedes Stück Brot, jeden Labetrunk den wir aus Menschlichkeit einem
oder dem andern der weißen Flüchtlinge, die hier zuweilen die Straße
vorüberziehen, gewähren, rechnet er uns mit Schimpfwörtern und
Mißhandlungen an; und nichts wünscht er mehr, als die Rache der
Schwarzen über uns weiße und kreolische Halbhunde, wie er uns nennt,
hereinhetzen zu können, teils um unserer überhaupt, die wir seine
Wildheit gegen die Weißen tadeln, los zu werden, teils, um das kleine
Eigentum, das wir hinterlassen würden, in Besitz zu nehmend"
"Ihr Unglücklichen!" sagte der Fremde; "ihr Bejammernswürdigen!--Und
wo befindet sich in diesem Augenblick dieser Wüterich?" "Bei dem
Heere des Generals Dessalines," antwortete die Alte, "dem er, mit den
übrigen Schwarzen, die zu dieser Pflanzung gehören, einen Transport
von Pulver und Blei zuführt, dessen der General bedürftig war. Wir
erwarten ihn, falls er nicht auf neue Unternehmungen auszieht, in
zehn oder zwölf Tagen zurück; und wenn er alsdann, was Gott verhüten
wolle, erführe, daß wir einem Weißen, der nach Port au Prince wandert,
Schutz und Obdach gegeben, während er aus allen Kräften an dem
Geschäft Teil nimmt, das ganze Geschlecht derselben von der Insel zu
vertilgen, wir wären alle, das könnt Ihr glauben, Kinder des Todes."
"Der Himmel, der Menschlichkeit und Mitleiden liebt", antwortete der
Fremde, "wird Euch in dem, was Ihr einem Unglücklichen tut,
beschützen!--Und weil Ihr Euch", setzte er, indem er der Alten näher
rückte, hinzu, "einmal in diesem Falle des Negers Unwillen zugezogen
haben würdet, und der Gehorsam, wenn Ihr auch dazu zurückkehren
wolltet, Euch fürderhin zu nichts helfen würde; könnt Ihr Euch wohl,
für jede Belohnung, die Ihr nur verlangen mögt, entschließen, meinem
Oheim und seiner Familie, die durch die Reise aufs äußerste
angegriffen sind, auf einen oder zwei Tage in Eurem Hause Obdach zu
geben, damit sie sich ein wenig erholten?"
"Junger Herr!" sprach die Alte betroffen, "was verlangt Ihr da? Wie
ist es, in einem Hause, das an der Landstraße liegt, möglich, einen
Troß von solcher Größe, als der Eurige ist, zu beherbergen, ohne daß
er den Einwohnern des Landes verraten würde?"
"Warum nicht?" versetzte der Fremde dringend: "wenn ich sogleich
selbst an den Möwen Weiher hinausginge, und die Gesellschaft, noch
vor Anbruch des Tages, in die Niederlassung einführte; wenn man alles,
Herrschaft und Dienerschaft, in einem und demselben Gemach des
Hauses unterbrächte, und für den schlimmsten Fall,etwa noch die
Vorsicht gebrauchte, Türen und Fenster desselben sorgfältig zu
verschließen"
Die Alte erwiderte, nachdem sie den Vorschlag während einiger Zeit
erwogen hatte: "daß, wenn er, in der heutigen Nacht, unternehmen
wollte, den Troß aus seiner Bergschlucht in die Niederlassung
einzuführen, er, bei der Rückkehr von dort, unfehlbar auf einen Trupp
bewaffneter Neger stoßen würde, der, durch einige vorangeschickte
Schützen, auf der Heerstraße angesagt worden wären"
"Wohlan!" versetzte der Fremde: "so begnügen wir uns, für diesen
Augenblick, den Unglücklichen einen Korb mit Lebensmitteln zuzusenden,
und sparen das Geschäft, sie in die Niederlassung einzuführen, für
die nächstfolgende Nacht auf. Wollt Ihr, gutes Mütterchen, das tun?"
"Nun", sprach die Alte, unter vielfachen Küssen, die von den Lippen
des Fremden auf ihre knöcherne Hand niederregneten: "um des Europäers,
meiner Tochter Vater willen, will ich euch, seinen bedrängten
Landsleuten, diese Gefälligkeit erweisen. Setzt Euch beim Anbruch
des morgenden Tages hin, und ladet die Eurigen in einem Schreiben ein,
sich zu mir in die Niederlassung zu verfügen; der Knabe, den Ihr im
Hofe gesehen, mag ihnen das Schreiben mit einigem Mundvorrat
überbringen, die Nacht über zu ihrer Sicherheit in den Bergen
verweilen, und dem Trosse beim Anbruch des nächstfolgenden Tages,
wenn die Einladung angenommen wird, auf seinem Wege hierher zum
Führer dienen." Inzwischen war Toni mit einem Mahl, das sie in der
Küche bereitet hatte, wiedergekehrt, und fragte die Alte mit einem
Blick auf den Fremden, schäkernd, indem sie den Tisch deckte: "Nun,
Mutter, sagt an! Hat sich der Herr von dem Schreck, der ihn vor der
Tür ergriff, erholt? Hat er sich überzeugt, daß weder Gift noch
Dolch auf ihn warten, und daß der Neger Hoango nicht zu Hause ist?"
Die Mutter sagte mit einem Seufzer: "mein Kind, der Gebrannte scheut,
nach dem Sprichwort, das Feuer. Der Herr würde töricht gehandelt
haben, wenn er sich früher in das Haus hineingewagt hätte, als bis er
sich von dem Volksstamm, zu welchem seine Bewohner gehören, überzeugt
hatten" Das Mädchen stellte sich vor die Mutter, und erzählte ihr:
wie sie die Laterne so gehalten, daß ihr der volle Strahl davon ins
Gesicht gefallen wäre. Aber seine Einbildung, sprach sie, war ganz
von Mohren und Negern erfüllt; und wenn ihm eine Dame von Paris oder
Marseille die Türe geöffnet hätte, er würde sie für eine Negerin
gehalten haben. Der Fremde, indem er den Arm sanft um ihren Leib
schlug, sagte verlegen: daß der Hut, den sie aufgehabt, ihn
verhindert hätte, ihr ins Gesicht zu schaun. Hätte ich dir, fuhr er
fort, indem er sie lebhaft an seine Brust drückte, ins Auge sehen
können, so wie ich es jetzt kann: so hätte ich, auch wenn alles
Übrige an dir schwarz gewesen wäre, aus einem vergifteten Becher mit
dir trinken wollen. Die Mutter nötigte ihn, der bei diesen Worten
rot geworden war, sich zu setzen, worauf Toni sich neben ihm an der
Tafel niederließ, und mit aufgestützten Armen, während der Fremde aß,
in sein Antlitz sah. Der Fremde fragte sie: wie alt sie wäret und
wie ihre Vaterstadt hieße? Worauf die Mutter das Wort nahm und ihm
sagte: "daß Toni vor fünfzehn Jahren auf einer Reise, welche sie mit
der Frau des Herrn Villeneuve, ihres vormaligen Prinzipals, nach
Europa gemacht hätte, in Paris von ihr empfangen und geboren worden
wäre". Sie setzte hinzu, daß der Neger Komar, den sie nachher
geheiratet, sie zwar an Kindes Statt angenommen hätte, daß ihr Vater
aber eigentlich ein reicher Marseiller Kaufmann, namens Bertrand wäre,
von dem sie auch Toni Bertrand hieße.--Toni fragte ihn: ob er einen
solchen Herrn in Frankreich kenne? Der Fremde erwiderte: nein! Das
Land wäre groß, und während des kurzen Aufenthalts, den er bei seiner
Einschiffung nach Westindien darin genommen, sei ihm keine Person
dieses Namens vorgekommen. Die Alte versetzte daß Herr Bertrand auch
nach ziemlich sicheren Nachrichten, die sie eingezogen, nicht mehr in
Frankreich befindlich sei. Sein ehrgeiziges und aufstrebendes Gemüt,
sprach sie, gefiel sich in dem Kreis bürgerlicher Tätigkeit nicht; er
mischte sich beim Ausbruch der Revolution in die öffentlichen
Geschäfte, und ging im Jahr 1795 mit einer französischen
Gesandtschaft an den türkischen Hof, von wo er, meines Wissens, bis
diesen Augenblick noch nicht zurückgekehrt ist. Der Fremde sagte
lächelnd zu Toni, indem er ihre Hand faßte: daß sie ja in diesem
Falle ein vornehmes und reiches Mädchen wäre. Er munterte sie auf,
diese Vorteile geltend zu machen, und meinte, daß sie Hoffnung hätte,
noch einmal an der Hand ihres Vaters in glänzendere Verhältnisse, als
in denen sie jetzt lebte, eingeführt zu werden! "Schwerlich",
versetzte die Alte mit unterdrückter Empfindlichkeit. "Herr Bertrand
leugnete mir, während meiner Schwangerschaft zu Paris, aus Scham vor
einer jungen reichen Braut, die er heiraten wollte, die Vaterschaft
zu diesem Kinde vor Gericht ab. Ich werde den Eidschwur, den er die
Frechheit hatte, mir ins Gesicht zu leisten, niemals vergessen, ein
Gallenfieber war die Folge davon, und bald darauf noch sechzig
Peitschenhiebe, die mir Herr Villeneuve geben ließ, und in deren
Folge ich noch bis auf diesen Tag an der Schwindsucht leide."
Toni, welche den Kopf gedankenvoll auf ihre Hand gelegt hatte, fragte
den Fremden: wer er denn wäre? Wo er herkäme und wo er hinginge?
Worauf dieser nach einer kurzen Verlegenheit, worin ihn die
erbitterte Rede der Alten versetzt hatte, erwiderte: daß er mit Herrn
Strömlis, seines Oheims Familie, die er, unter dem Schutze zweier
jungen Vettern, in der Bergwaldung am Möwenweiher zurückgelassen, vom
Fort Dauphin käme. Er erzählte, auf des Mädchens Bitte, mehrere Züge
der in dieser Stadt ausgebrochenen Empörung; wie zur Zeit der
Mitternacht, da alles geschlafen, auf ein verräterisch gegebenes
Zeichen, das Gemetzel der Schwarzen gegen die Weißen losgegangen wäre;
wie der Chef der Negern, ein Sergeant bei dem französischen
Pionierkorps, die Bosheit gehabt, sogleich alle Schiffe im Hafen in
Brand zu stecken, um den Weißen die Flucht nach Europa abzuschneiden;
wie die Familie kaum Zeit gehabt, sich mit einigen Habseligkeiten vor
die Tore der Stadt zu retten, und wie ihr, bei dem gleichzeitigen
Auflodern der Empörung in allen Küstenplätzen, nichts übrig geblieben
wäre, als mitHülfe zweier Maulesel, die sie aufgetrieben, den Weg
quer durch das ganze Land nach Port au Prince einzuschlagen, das
allein noch, von einem starken französischen Heere beschützt, der
überhand nehmenden Macht der Negern in diesem Augenblick Widerstand
leiste. Toni fragte: wodurch sich denn die Weißen daselbst so
verhaßt gemacht hätten?--Der Fremde erwiderte betroffen: durch das
allgemeine Verhältnis, das sie, als Herren der Insel, zu den
Schwarzen hatten, und das ich, die Wahrheit zu gestehen, mich nicht
unterfangen will, in Schutz zu nehmen; das aber schon seit vielen
Jahrhunderten auf diese Weise bestand! Der Wahnsinn der Freiheit,
der alle diese Pflanzungen ergriffen hat, trieb die Negern und
Kreolen, die Ketten, die sie drückten, zu brechen, und an den Weißen
wegen vielfacher und tadelnswürdiger Mißhandlungen, die sie von
einigen schlechten Mitgliedern derselben erlitten, Rache zu nehmen.
--Besonders, fuhr er nach einem kurzen Stillschweigen fort, war mir
die Tat eines jungen Mädchens schauderhaft und merkwürdig. Dieses
Mädchen, vom Stamm der Negern, lag gerade zur Zeit, da die Empörung
aufloderte, an dem gelben Fieber krank, das zur Verdoppelung des
Elends in der Stadt ausgebrochen war. Sie hatte drei Jahre zuvor
einem Pflanzer vom Geschlecht der Weißen als Sklavin gedient, der sie
aus Empfindlichkeit, weil sie sich seinen Wünschen nicht willfährig
gezeigt hatte, hart behandelt und nachher an einen kreolischen
Pflanzer verkauft hatte. Da num das Mädchen an dem Tage des
allgemeinen Aufruhrs erfuhr, daß sich der Pflanzer, ihr ehemaliger
Herr, vor der Wut der Negern, die ihn verfolgten, in einen
nahegelegenen Holzstall geflüchtet hatte: so schickte sie, jener
Mißhandlungen eingedenk, beim Anbruch der Dämmerung, ihren Bruder zu
ihm, mit der Einladung, bei ihr zu übernachten. Der Unglückliche,
der weder wußte, daß das Mädchen unpäßlich war, noch an welcher
Krankheit sie litt, kam und schloß sie voll Dankbarkeit, da er sich
gerettet glaubte, in seine Arme: doch kaum hatte er eine halbe Stunde
unter Liebkosungen und Zärtlichkeiten in ihrem Bette zugebracht, als
sie sich plötzlich mit dem Ausdruck wilder und kalter Wut, darin
erhob und sprach: eine Pestkranke, die den Tod in der Brust trägt,
hast du geküßt: geh umd gib das gelbe Fieber allen denen, die dir
gleichen!--Der Offizier, während die Alte mit lauten Worten ihren
Abscheu hierüber zu erkennen gab, fragte Toni: ob sie wohl einer
solchen Tat fähig wäre? Nein! Sagte Toni, indem sie verwirrt vor
sich niedersah. Der Fremde, indem er das Tuch auf dem Tische legte,
versetzte: daß, nach dem Gefühl seiner Seele, keine Tyrannei, die die
Weißen je verübt, einen Verrat, so niederträchtig und abscheulich,
rechtfertigen könnte. Die Rache des Himmels, meinte er, indem er
sich mit einem leidenschaftlichen Ausdruck erhob, würde dadurch
entwaffnet; die Engel selbst, dadurch empört, stellten sich auf
Seiten derer, die Unrecht hätten, und nähmen, zur Aufrechthaltung
menschlicher und göttlicher Ordnung, ihre Sache! Er trat bei diesen
Worten auf einen Augenblick an das Fenster, und sah in die Nacht
hinaus, die mit stürmischen Wolken über den Mond und die Sterne
vorüber zog; und da es ihm schien, als ob Mutter und Tochter einander
ansähen, obschon er auf keine Weise merkte, daß sie sich Winke
zugeworfen hätten: so übernahm ihn ein widerwärtiges und
verdrießliches Gefühl; er wandte sich und bat, daß man ihm das Zimmer
anweisen möchte, wo er schlafen könne. Die Mutter bemerkte, indem
sie nach der Wanduhr sah, daß es überdies nahe an Mitternacht sei,
nahm ein Licht in die Hand, und forderte den Fremden auf, ihr zu
folgen. Sie führte ihn durch einen langen Gang in das für ihn
bestimmte Zimmer; Toni trug den Überrock des Fremden und mehrere
andere Sachen, die er abgelegt hatte; die Mutter zeigte ihm ein von
Polstern bequem aufgestapeltes Bett, worin er schlafen sollte, und
nachdem sie Toni noch befohlen hatte, dem Herrn ein Fußbad zu
bereiten, wünschte sie ihm eine gute Nacht und empfahl sich. Der
Fremde stellte seinen Degen in den Winkel und legte ein Paar Pistolen,
die er im Gürtel trug, auf den Tisch. Er sah sich, während Toni das
Bett vorschob und ein weißes Tuch darüber breitete, im Zimmer um; und
da er gar bald, aus der Pracht unöd dem Geschmack, die darin
herrschten, schloß, daß es dem vormaligen Besitzer der Pflanzung
angehört haben müsse: so legte sich ein Gefühl der Unruhe wie ein
Geier um sein Herz, und er wünschte sich, hungrig und durstig, wie er
gekommen war, wieder in die Waldung zu den Seinigen zurück. Das
Mädchen hatte mittlerweile, aus der nahbelegenen Küche, ein Gefäß mit
warmem Wasser, von wohlriechenden Kräutern duftend, hereingeholt, tmd
forderte den Offizier, der sich in das Fenster gelehnt hatte, auf,
sich darin zu erquicken. Der Offizier ließ sich, während er sich
schweigend von der Halsbinde und der Weste befreite, auf den Stuhl
nieder; er schickte sich an, sich die Füße zu entblößen, und während
das Mädchen, auf ihre Knien vor ihm hingekauert, die kleinen
Vorkehrungen zum Bade besorgte, betrachtete er ihre einnehmende
Gestalt. Ihr Haar, in dunkeln Locken schwellend, war ihr, als sie
niederknieete, auf ihre jungen Brüste herabgerollt; ein Zug von
ausnehmender Anmut spielte um ihre Lippen und über ihre langen, über
die gesenkten Augen hervorragenden Augenwimpern; er hätte, bis auf
die Farbe, die ihm anstößig war, schwören mögen, daß er nie etwas
Schöneres gesehen. Dabei fiel ihm eine entfernte Ähnlichkeit, er
wußte noch selbst nicht recht mit wem, auf, die er schon bei seinem
Eintritt in das Haus bemerkt hatte, und die seine ganze Seele für sie
in Anspruch nahm. Er ergriff sie, als sie in den Geschäften, die sie
betrieb, aufstand, bei der Hand, und da er gar richtig schloß, daß es
nur ein Mittel gab, zu prüfen, ob das Mädchen ein Herz habe oder
nicht, so zog er sie auf seinen Schoß nieder und fragte sie: "ob sie
schon einem Bräutigam verlobt Wäre?" "Nein!" lispelte das Mädchen,
indem sie ihre großen schwarzen Augen in lieblicher Verschämtheit zur
Erde schlug. Sie setzte, ohne sich auf seinem Schoß zu rühren, hinzu:
Kondly, der junge Neger aus der Nachbarschaft, hätte zwar vor drei
Monaten um sie angehalten; sie hätte ihn aber, weil sie noch zu jung
wäre, ausgeschlagen. Der Fremde, der, mit seinen beiden Händen,
ihren schlanken Leib umfaßt hielt, sagte: "in seinem Vaterlande wäre,
nach einem daselbst herrschenden Sprichwort, ein Mädchen von vierzehn
Jahren und sieben Wochen bejahrt genug, um zu heiraten." Er fragte,
während sie ein kleines, goldenes Kreuz, das er auf der Brust trug,
betrachtete: "wie alt sie wäre?"
"Funfzehn Jahre", erwiderte Toni. "Nun also!" sprach der Fremde.
--"Fehlt es ihm denn an Vermögen, um sich häuslich, wie du es
wünschest, mit dir Niederzulassen?" Toni, ohne die Augen zu ihm
aufzuschlagen, erwiderte: "o nein!--Vielmehr", sprach sie, indem sie
das Kreuz, das sie in der Hand hielt, fahren ließ: "Kondly ist, seit
der letzten Wendung der Dinge, ein reicher Mann geworden; seinem
Vater ist die ganze Niederlassung, die sonst dem Pflanzer, seinem
Herrn, gehörte, zugefallen."--"Warum lehntest du denn seinen Antrag
ab?" fragte der Fremde. Er streichelte ihr freundlich das Haar von
der Stirn und sprach: "gefiel er dir etwa nicht?" Das Mädchen, indem
sie kurz mit dem Kopf schüttelte, lachte; und auf die Frage des
Fremden, ihr scherzend ins Ohr geflüstert: ob es vielleicht ein
Weißer sein müsse, der ihre Gunst davon tragen solle, legte sie sich
plötzlich, nach einem flüchtigen, träumerischen Bedenken, unter einem
überaus reizenden Erröten, das über ihr verbranntes Gesicht
aufloderte, an seine Brust. Der Fremde, von ihrer Anmut und
Lieblichkeit gerührt, nannte sie sein liebes Mädchen, und schloß sie,
wie durch göttliche Hand von jeder Sorge erlöst, in seine Arme. Es
war ihm unmöglich zu glauben, daß alle diese Bewegungen, die er an
ihr wahrnahm, der bloße elende Ausdruck einer kalten und gräßlichen
Verräterei sein sollten. Die Gedanken, die ihn beunruhigt hatten,
wichen, wie ein Heer schauerlicher Vögel, von ihm; er schalt sich,
ihr Herz nur einen Augenblick verkannt zu haben, und während er sie
auf seinen Knieen schaukelte, und den süßen Atem einsog, den sie ihm
heraufsandte, drückte er, gleichsam zum Zeichen der Aussöhnung und
Vergebung, einen Kuß auf ihre Stirn. Inzwischen hatte sich das
Mädchen, unter einem sonderbar plötzlichen Aufhorchen, als ob jemand
von dem Gange her der Tür nahte, emporgerichtet; sie rückte sich
gedankenvoll und träumerisch das Tuch, das sich über ihrer Brust
verschoben hatte, zurecht; und erst als sie sah, daß sie von einem
Irrtum getäuscht worden war, wandte sie sich mit einigem Ausdruck von
Heiterkeit wieder zu dem Fremden zurück und erinnerte ihn: daß sich
das Wasser, wenn er nicht bald Gebrauch davon machte, abkälten würde.
--"Nun?" sagte sie betreten, da der Fremde schwieg und sie
gedankenvoll betrachtete: "was seht Ihr mich so aufmerksam an?" Sie
suchte, indem sie sich mit ihrem Latz beschäftigte, die Verlegenheit,
die sie ergriffen, zu verbergen, und rief lachend: "wunderlicher Herr,
was fällt Euch in meinem Anblick so auf?" Der Fremde, der sich mit
der Hand über die Stirn gefahren war, sagte, einen Seufzer
unterdrückend, indem er sie von seinem Schoß herunterhob: "eine
wunderbare Ähnlichkeit zwischen dir und einer Freundin!" Toni, welche
sichtbar bemerkte, daß sich seine Heiterkeit zerstreut hatte, nahm
ihn freundlich und teilnehmend bei der Hand, und fragte: mit welcher?
Worauf jener, nach einer kurzen Besinnung das Wort nahm und sprach:
"Ihr Name war Mariane Congreve und ihre Vaterstadt Straßburg. Ich
hatte sie in dieser Staelt, wo ihr Vater Kaufmann war, kurz vor dem
Ausbruch der Revolution kennen gelernt, und war glücklich genug
gewesen, ihr Jawort und vorläufig auch ihrer Mutter Zustimmung zu
erhalten. Ach, es war die treuste Seele umter der Sonne; und die
schrecklichen und rührenden Umstände, unter denen ich sie verlor,
werden mir, wenn ich dich ansehe, so gegenwärtig, daß ich mich vor
Wehmut der Tränen nicht enthalten kann." "Wie?" sagte Toni, indem sie
sich herzlich und innig an ihn drückte: "sie lebt nicht mehr?"
"Sie starb", antwortete der Fremde, "und ich lernte den Inbegriff
aller Güte und Vortrefflichkeit erst mit ihrem Tode kennen. Gott
weiß", fuhr er fort, indem er sein Haupt schmerzlich an ihre Schulter
lehnte, "wie ich die Unbesonnenheit so weit treiben konnte, mir eines
Abends an einem öffentlichen Ort Äußerungen über das eben errichtete
furchtbare Revolutionstribunal zu erlauben. Man verklagte, man
suchte mich--ja, in Ermangelung meiner, der glücklich genug gewesen
war, sich in die Vorstadt zu retten, lief die Rotte meiner rasenden
Verfolger, die ein Opfer haben mußte, nach der Wohnung meiner Braut,
und durch ihre wahrhaftige Versicherung, daß sie nicht wisse, wo ich
sei, erbittert, schleppte man dieselbe, unter dem Vorwand, daß sie
mit mir im Einverständnis sei, mit unerhörter Leichtfertigkeit statt
meiner auf den Richtplatz. Kaum war mir diese entsetzliche Nachricht
hinterbracht worden, als ich sogleich aus dem Schlupfwinkel, in
welchen ich mich geflüchtet hatte, hervortrat, und indem ich, die
Menge durchbrechend, nach dem Richtplatz eilte, laut ausrief: Hier,
ihr Unmenschlichen, hier bin ich! Doch sie, die schon auf dem
Gerüste der Guillotine stand, antwortete auf die Frage einiger
Richter, denen ich unglücklicher Weise fremd sein mußte, indem sie
sich mit einem Blick, der mir unauslöschlich in die Seele geprägt ist,
von mir abwandte: diesen Menschen kenne ich nicht!--worauf unter
Trommeln und Larmen, von den ungeduldigen Blutmenschen angezettelt,
das Eisen, wenige Augenblicke nachher, herabfiel, und ihr Haupt von
seinem Rumpfe trennte.--Wie ich gerettet worden bin, das weiß ich
nicht; ich befand mich, eine Viertelstunde darauf, in der Wohnung
eines Freundes, wo ich aus einer Ohnmacht in die andere fiel, und
halbwahnwitzig gegen Abend aufeinen Wagen geladen und über den Rhein
geschafft wurden"
Bei diesen Worten trat der Fremde, indem er das Mädchen losließ, an
das Fenster; und da diese sah, daß er sein Gesicht sehr gerührt in
ein Tuch drückte: so übernahm sie, von manchen Seiten geweckt, ein
menschliches Gefühl; sie folgte ihm mit einer plötzlichen Bewegung,
fiel ihm um den Hals, und mischte ihre Tränen mit den seinigen. Was
weiter erfolgte, brauchen wir nicht zu melden, weil es jeder, der an
diese Stelle kommt, von selbst liest. Der Fremde, als er sich wieder
gesammlet hatte, wußte nicht, wohin ihn die Tat, die er begangen,
führen würde; inzwischen sah er so viel ein, daß er gerettet, und in
dem Hause, in welchem er sich befand, für ihn nichts von dem Mädchen
zu befürchten war. Er versuchte, da er sie mit verschränkten Armen
auf dem Bett weinen sah, alles nur Mögliche, um sie zu beruhigen. Er
nahm sich das kleine goldene Kreuz, ein Geschenk der treuen Mariane,
seiner abgeschiedenen Braut, von der Brust; und, indem er sich unter
unendlichen Liebkosungen über sie neigte, hing er es ihr als ein
Brautgeschenk, wie er es nannte, um den Hals. Er setzte sich, da sie
in Tränen zerfloß und auf seine Worte nicht hörte, auf den Rand des
Bettes nieder, und sagte ihr, indem er ihre Hand bald streichelte,
bald küßte: daß er bei ihrer Mutter am Morgen des nächsten Tages um
sie anhalten wolle. Er beschrieb ihr, welch ein kleines Eigentum,
frei und unabhängig, er an den Ufern der Aar besitze; eine Wohnung,
bequem und geräumig genug, sie und auch ihre Mutter, wenn ihr Alter
die Reise zulasse, darin aufzunehmen; Felder, Gärten, Wiesen und
Weinberge; und einen alten ehrwürdigen Vater, der sie dankbar und
liebreich daselbst, weil sie seinen Sohn gerettet, empfangen würde.
Er schloß sie, da ihre Tränen in umendlichen Ergießungen auf das
Bettkissen niederflossen, in seine Arme, und fragte sie, von Rührung
selber ergriffen: was er ihr zu Leide getan und ob sie ihm nicht
vergeben könne? Er schwor ihr, daß die Liebe für sie nie aus seinem
Herzen weichen würde, und daß nur, im Taumel wunderbar verwirrter
Sinne, eine Mischung von Begierde und Angst, die sie ihm eingeflößt,
ihn zu einer solchen Tat habe verführen können. Er erinnerte sie
zuletzt, daß die Morgensterne funkelten, und daß, wenn sie länger im
Bette verweilte, die Mutter kommen und sie darin überraschen würde;
er forderte sie, ihrer Gesundheit wegen, auf, sich zu erheben und
noch einige Stunden auf ihrem eignen Lager auszuruhen; er fragte sie,
durch ihren Zustand in die entsetzlichsten Besorgnisse gestürzt, ob
er sie vielleicht in seinen Armen aufheben und in ihre Kammer tragen
solle; doch da sie auf alles, was er vorbrachte, nicht antwortete,
und, ihr Haupt stilljammernd, ohne sich zu rühren, in ihre Arme
gedrückt, auf den verwirrten Kissen des Bettes dalag: so blieb ihm
zuletzt, hell wie der Tag schon durch beide Fenster schimmerte,
nichts übrig, als sie, ohne weitere Rücksprache, aufzuheben; er trug
sie, die wie eine Leblose von seiner Schulter niederhing, die Treppe
hinauf in ihre Kammer, und nachdem er sie auf ihr Bette niedergelegt,
und ihr unter tausend Liebkosungen noch einmal alles, was er ihr
schon gesagt, wiederholt hatte, nannte er sie noch einmal seine liebe
Braut, drückte einen Kuß auf ihre Wangen, und eilte in sein Zimmer
zurück. Sobald der Tag völlig angebrochen war, begab sich die alte
Babekan zu ihrer Tochter hinauf, und eröffnete ihr, indem sie sich an
ihr Bett niedersetzte, welch einen Plan sie mit dem Fremden sowohl,
als seiner Reisegesellschaft vorhabe. Sie meinte, daß, da der Neger
Congo Hoango erst in zwei Tagen wiederkehre, alles darauf ankäme, den
Fremden während dieser Zeit in dem Hause hinzuhalten, ohne die
Familie seiner Angehörigen, deren Gegenwart, ihrer Menge wegen,
gefährlich werden könnte, darin zuzulassen. Zu diesem Zweck, sprach
sie, habe sie erdacht, dem Fremden vorzuspiegeln, daß, einer soeben
eingelaufenen Nachricht zufolge, der General Dessalines sich mit
seinem Heer in diese Gegend wenden werde, und daß man mithin, wegen
allzugroßer Gefahr, erst am dritten Tage, wenn er vorüber wäre, würde
möglich machen können, die Familie, seinem Wunsche gemäß, in dem
Hause aufzunehmen. Die Gesellschaft selbst, schloß sie, müsse
inzwischen, damit sie nicht weiter reise, mit Lebensmitteln versorgt,
und gleichfalls, um sich ihrer späterhin zu bemächtigen, in dem Wahn,
daß sie eine Zuflucht in dem Hause finden werde, hingehalten werden.
Sie bemerkte, daß die Sache wichtig sei, indem die Familie
wahrscheinlich beträchtliche Habseligkeiten mit sich führe; und
forderte die Tochter auf, sie aus allen Kräften in dem Vorhaben, das
sie ihr angegeben, zu unterstützen. Toni, halb im Bette aufgerichtet,
indem die Röte des Unwillens ihr Gesicht überflog, versetzte: "daß
es schändlich tmd niederträchtig wäre, das Gastrecht an Personen, die
man in das Haus gelockt, also zu verletzen". Sie meinte, daß ein
Verfolgter, der sich ihrem Schutz anvertraut, doppelt sicher bei
ihnen sein sollte; und versicherte, daß, wenn sie den blutigen
Anschlag, den sie ihr geäußert, nicht aufgäbe, sie aufder Stelle
hingehen und dem Fremden anzeigen würde, welch eine Mördergrube das
Haus sei, in welchem er geglaubt habe, seine Rettung zu finden.
"Toni!" sagte die Mutter, indem sie die Arme in die Seite stemmte,
und dieselbe mit großen Augen ansah.--"Gewiß!" erwiderte Toni, indem
sie die Stimme senkte. "Was hat uns dieser Jüngling, der von Geburt
gar nicht einmal ein Franzose, sondern, wie wir gesehen haben, ein
Schweizer ist, zu Leide getan, daß wir, nach Art der Räuber, über ihn
herfallen, ihn töten und ausplündern wollen? Gelten die Beschwerden,
die man hier gegen die Pflanzer führt, auch in der Gegend der Insel,
aus welcher er herkömmt? Zeigt nicht vielmehr alles, daß er der
edelste und vortrefflichste Mensch ist, und gewiß das Unrecht, das
die Schwarzen seiner Gattung vorwerfen mögen, auf keine Weise teilt?"
Die Alte, während sie den sonderbaren Ausdruck des Mädchens
betrachtete, sagte bloß mit bebenden Lippen: daß sie erstaune. Sie
fragte, was der junge Portugiese verschuldet, den man unter dem
Torweg kürzlich mit Keulen zu Boden geworfen habe? Sie fragte, was
die beiden Holländer verbrochen, die vor drei Wochen durch die Kugeln
der Neger im Hofe gefallen wären? Sie wollte wissen, was man den
drei Franzosen und so vielen andern einzelnen Flüchtlingen, vom
Geschlecht der Weißen, zur Last gelegt habe, die mit Büchsen, Spießen
und Dolchen, seit dem Ausbruch der Empörung, im Hause hingerichtet
worden wären? "Beim Licht der Sonne", sagte die Tochter, indem sie
wild aufstand "du hast sehr Unrecht, mich an diese Greueltaten zu
erinnern! Die Unmenschlichkeiten, an denen ihr mich Teil zu nehmen
zwingt, empörten längst mein innerstes Gefühl; und um mir Gottes
Rache wegen alles, was vorgefallen, zu versöhnen, so schwöre ich dir,
daß ich eher zehnfachen Todes sterben, als zugeben werde, daß diesem
Jüngling, so lange er sich in unserm Hause befindet, auch nur ein
Haar gekrümmt werde."
"Wohlan", sagte die Alte, mit einem plötzlichen Ausdruck von
Nachgiebigkeit: "so mag der Fremde reisen! Aber wenn Congo Hoango
zurückkömmt", setzte sie hinzu, indem sie um das Zimmer zu verlassen,
aufstand, "und erfährt, daß ein Weißer in unsern Hause übernachtet
hat, so magst du das Mitleiden, das dich bewog, ihn gegen das
ausdrückliche Gebot wieder abziehen zu lassen, verantworten". Auf
diese Äußerung, bei welcher, trotz aller scheinbarerz Milde, der
Ingrimm der Alten heimlich hervorbrach, blieb das Mädchen in nicht
geringer Bestürzung im Zimmer zurück. Sie kannte den Haß der Alten
gegen die Weißen zu gut, als daß sie hätte glauben können, sie werde
eine solche Gelegenheit, ihn zu sättigen, ungenutzt vorüber gehen
lassen. Furcht, daß sie sogleich in die benachbarten Pflanzungen
schicken und die Neger zur Überwältigung des Fremden herbeirufen
möchte, bewog sie, sich anzukleiden und ihr unverzüglich in das
untere Wohnzimmer zu folgen. Sie stellte sich, während diese
verstört den Speiseschrank, bei welchem sie ein Geschäft zu haben
schien, verließ, und sich an einen Spinnrocken niedersetzte, vor das
an die Tür geschlagene Mandat, in welchem allen Schwarzen bei
Lebensstrafe verboten war, den Weißen Schutz und Obdach zu geben; und
gleichsam als ob sie, von Schrecken ergriffen, das Unrecht, das sie
begangen, einsähe, wandte sie sich plötzlich, und fiel der Mutter,
die sie, wie sie wohl wußte, von hinten beobachtet hatte, zu Füßen.
Sie bat, die Kniee derselben umklammernd, ihr die rasenden Äußerungen,
die sie sich zu Gunsten des Fremden erlaubt, zu vergeben;
entschuldigte sich mit dem Zustand, halb träumend, halb wachend, in
welchem sie von ihr mit den Vorschlägen zu seiner Überlistung, da sie
noch im Bette gelegen, überrascht worden sei, und meinte, daß sie ihn
ganz und gar der Rache der bestehenden Landesgesetze, die seine
Vernichtung einmal beschlossen, preis gäbe. Die Alte, nach einer
Pause, in der sie das Mädchen unverwandt betrachtete, sagte: "Beim
Himmel, diese deine Erklärung rettet ihm für heute das Leben! Denn
die Speise, da du ihn in deinen Schutz zu nehmen drohtest, war schon
vergiftet, die ihn der Gewalt Congo Hoangos, seinem Befehl gemäß,
wenigstens tot überliefert haben würde." Und damit stand sie auf und
schüttete einen Topf mit Milch, der auf dem Tisch stand, aus dem
Fenster. Toni, welche ihren Sinnen nicht traute, starrte, von
Entsetzen ergriffen, die Mutter an. Die Alte während sie sich wieder
niedersetzte, und das Mädchen, das noch immer auf den Knieen dalag,
vom Boden aufhob, fragte: "was denn im Lauf einer einzigen Nacht ihre
Gedanken so plötzlich umgewandelt hätte? Ob sie gestern, nachdem sie
ihm das Bad bereitet, noch lange bei ihm gewesen wäre? Und ob sie
viel mit dem Fremden gesprochen hätten?" Doch Toni, deren Brust flog,
antwortete hierauf nicht, oder nichts Bestimmtes; das Auge zu Boden
geschlagen, stand sie, indem sie sich den Kopf hielt, und berief sich
auf einen Traum; ein Blick jedoch auf die Brust ihrer unglücklichen
Mutter, sprach sie, indem sie sich rasch bückte und ihre Hand küßte,
rufe ihr die ganze Unmenschlichkeit der Gattung, zu der dieser Fremde
geköre, wieder ins Gedächtnis zurück: und beteuerte, indem sie sich
umkehrte und das Gesicht im ihre Schürze drückte, daß, sobald der
Neger Hoango eingetroffen wäre, sie sehen würde, was sie an ihr für
eine Tochter habe. Babekan saß noch in Gedanken versenkt, und erwog,
woher wohl die sonderbare Leidenschaftlichkeit des Mädchens
entspringe: als der Fremde mit einem in seinem Schlafgemach
geschriebenen Zettel, worin er die Familie einlud, einige Tage in der
Pflanzung des Negers Hoango zuzubringen, in das Zimmer trat. Er
grüßte sehr heiter und freundlich die Mutter und die Tochter, und bat,
indem er der Alten den Zettel übergab: daß man sogleich in die
Waldung schicken und für die Gesellschaft, dem ihm gegebenen
Versprechen gemäß, Sorge tragen möchte. Babekan stand auf und sagte,
mit einem Ausdruck von Unruhe, indem sie den Zettel in den
Wandschrank legte: "Herr, wir müssen Euch bitten, Euch sogleich in
Euer Schlafzimmer zurück zu verfügen. Die Straße ist voll von
einzelnen Negertrupps, die vorüberziehen und uns anmelden, daß sich
der General Dessalines mit seinem Heer in diese Gegend wenden werde.
Dies Haus, das jedem offen steht, gewährt Euch keine Sicherheit,
falls Ihr Euch nicht in Eurem, auf den Hof hinausgehenden,
Schlafgemach verbergt, und die Türen sowohl, als auch die
Fensterladen, auf das sorgfältigste verschließt."
"Wie?" sagte der Fremde betroffen: "der General Dessalines?"--"Fragt
nicht!" unterbrach ihn die Alte, indem sie mit einem Stock dreimal
auf den Fußboden klopfte: "in Eurem Schlafgemach, wohin ich Euch
folgen werde, will ich Euch alles erklären." Der Fremde von der Alten
mit ängstlichen Gebärden aus dem Zimmer gedrängt, wandte sich noch
einmal unter der Tür und rief: "aber wird man der Familie, die meiner
harrt, nicht wenigstens einen Boten zusenden müssen, der sie--?" "Es
wird alles besorgt werdeng fiel ihm die Alte ein, während, durch ihr
Klopfen gerufen, der Bastardknabe, den wir schon kennen, hereinkam;
und damit befahl sie Toni, die, dem Fremden den Rücken zukehrend, vor
den Spiegel getreten war, einen Korb mit Lebensmitteln, der in dem
Winkel stand, aufzunehmen; und Mutter, Tochter, der Fremde und der
Knabe begaben sich im das Schlafzimmer hinauf Hier erzählte die Alte,
indem sie sich auf gemächliche Weise auf den Sessel niederließ, wie
man die ganze Nacht über auf den, den Horizont abschneidenden Bergen,
die Feuer des Generals Dessalines schimmern gesehen: ein Umstand, der
in der Tat gegründet war, obschon sich bis diesen Augenblick noch
kein einziger Neger von seinem Heer, das südwestlich gegen Port au
Prince anrückte, in dieser Gegend gezeigt hatte. Es gelang ihr, den
Fremden dadurch in einen Wirbel von Unruhe zu stürzen, den sie jedoch
nachher wieder durch die Versicherung, daß sie alles Mögliche, selbst
in dem schlimmen Fall, daß sie Einquartierung bekäme, zu seiner
Rettung beitragen würde, zu stillen wußte. Sie nahm, auf die
wiederholte inständige Erinnerung desselben, unter diesen Umständen
seiner Familie wenigstens mit Lebensmitteln beizuspringen, der
Tochter den Korb aus der Hand, und indem sie ihn dem Knaben gab,
sagte sie ihm: er solle an den Möwenweiher, in die nahgelegnen
Waldberge hinaus gehen, und ihn der daselbst befindlichen Familie des
fremden 0ffziers überbringen. "Der Offizier selbst", solle er
hinzusetzen, "befinde sich wohl; Freunde der Weißen, die selbst viel
der Partei wegen, die sie ergriffen, von den Schwarzen leiden müßten,
hätten ihn in ihrem Hause mitleidig aufgenommen." Sie schloß, daß
sobald die Landstraße nur von den bewaffneten Negerhaufen, die man
erwartete, befreit wäre, man sogleich Anstalten treffen würde, auch
ihr, der Familie, ein Unterkommen in diesem Hause zu verschaffen.
--"Hast du verstanden?" fragte sie, da sie geendet hatte. Der Knabe,
indem er den Korb aufseinen Kopfsetzte, antwortete: daß er den ihm
beschriebenen Möwenweiher, ars dem er zuweilen mit seinen Kameraden
zu fischen pflege, gar wohl kenne, und daß er alles, wie man es ihm
aufgetragen, an die da selbst übemachtende Familie des fremden Herrn
bestellen würde. Der Fremde zog sich, auf die Frage der Alten: "ob
er noch etwas hinzuzusetzen hätte?" noch einen Ring vom Finger, und
händigte ihn dem Knaben ein, mit dem Auftrag, ihn zum Zeichen, daß es
mit den überbrachten Meldungen seine Richtigkeit habe, dem Oberhaupt
der Familie, Herrn Strömli, zu übergeben. Hierauf traf die Mutter
mehrere, die Sicherheit des Fremden, wie sie sagte, abzweckende
Veranstaltungen; befahl Toni, die Fensterladen zu verschließen, und
zündete selbst, um die Nacht, die dadurch in dem Zimmer herrschend
geworden war, zu zerstreuen, an einem auf dem Kaminsims befindlichen
Feuerzeug, nicht ohne Mühseligkeit, indem der Zunder nicht fangen
wollte, ein Licht an. Der Fremde benutzte diesen Augenblick, um den
Arm sanft um Tonis Leib zu legen, und ihr ins Ohr zu flüstern: wie
sie geschlafen? Und: ob er die Mutter nicht von dem, was vorgefallen,
unterrichten solle? Doch auf die erste Frage antwortete Toni nicht,
und auf die andere versetzte sie, indem sie sich aus seinem Arm
loswand: nein, wenn Ihr mich liebt, kein Wort! Sie unterdrückte die
Angst, die alle diese lügenhaften Anstalten in ihr erweckten; und
unter dem Vorwand, dem Fremden ein Frühstück zu bereiten, stürzte sie
eilig in das untere Wohnzimmer herab. Sie nahm aus dem Schrank der
Mutter den Brief, worin der Fremde in seiner Unschuld die Familie
eingeladen hatte, dem Knaben in die Niederlassung zu folgen: und auf
gut Glück hin, ob die Mutter ihn vermissen würde, entschlossen, im
schlimmsten Falle den Tod mit ihm zu leiden, flog sie damit dem schon
auf der Landstraße wandernden Knaben nach. Denn sie sah den Jüngling,
vor Gott und ihrem Herzen, nicht mehr als einen bloßen Gast, dem sie
Schutz und Obdach gegeben, sondern als ihren Verlobten und Gemahl an,
und war willens, sobald nur seine Partei im Hause stark genug sein
würde, dies der Mutter, auf deren Bestürzung sie unter diesen
Umständen rechnete, ohne Rückhalt zu erklären. "Nanky", sprach sie,
da sie den Knaben atemlos und eilfertig auf der Landstraße erreicht
hatte: "die Mutter hat ihren Plan, die Familie Herrn Strömlis
anbetreffend, umgeändert. Nimm diesen Brief! Er lautet an Herrn
Strömli, das alte Oberhaupt der Familie, und enthält die Einladung,
einige Tage mit allem, was zu ihm gehört, in unserer Niederlassung zu
verweilen.--Sei klug und trage selbst alles Mögliche dazu bei, diesen
Entschluß zur Reife zu bringen; Congo Hoango, der Neger, wird, wenn
er wiederkommt, es dir lohnen!" "Gut, gut, Base Toni", antwortete der
Knabe. Er fragte, indem er den Brief sorgsam eingewickelt in seine
Tasche steckte: "und ich soll dem Zuge, auf seinem Wege hierher, zum
Führer dienen?" "AIIerdings", versetzte Toni; "das versteht sich,
weil sie die Gegend nicht kennen, von selbst. Doch wirst du,
möglicher Truppenmärsche wegen, die auf der Landstraße statt finden
könnten, die Wanderung eher nicht, als um Mitternacht antreten; aber
dann dieselbe auch so beschleunigen, daß du vor der Dämmerung des
Tages hier eintriffst.--Kann man sich auf dich verlassen?" fragte sie.
"Verlaßt euch auf Nanky!" antwortete der Knabe; "ich weiß, warum
ihr diese weißen Flüchtlinge in die Pflanzung lockt, und der Neger
Hoango soll mit mir zufrieden sein!" Hierauf trug Toni dem Fremden
das Frühstück auf; und nachdem es wieder abgenommen war, begaben sich
Mutter und Tochter, ihrer häuslichen Geschäfte wegen, in das vordere
Wohnzimmer zurück. Es konnte nicht auffallen, daß die Mutter einige
Zeit darauf an den Schrank trat, und, wie es natürlich war, den Brief
vermißte. Sie legte die Hand, ungläubig gegen ihr Gedächtnis, einen
Augenblick an den Kopf, und fragte Toni: wo sie den Brief, den ihr
der Fremde gegeben, wohl hingelegt haben könne? Toni antwortete nach
einer kurzen Pause, in der sie auf den Boden niedersaß: daß ihn der
Fremde ja, ihres Wissens, wieder eingesteckt und oben im Zimmer, in
ihrer beider Gegenwart, zerrissen habe! Die Mutter schaute das
Mädchen mit großen Augen an; sie meinte, sich bestimmt zu erinnern,
daß sie den Brief aus seiner Hand empfangen und in den Schrank gelegt
habe; doch da sie ihn nach vielem vergeblichen Suchen darin nicht
fand und ihrem Gedächtnis, mehrere ähnlichen Vorfälle wegen,
mißtraute: so blieb ihr zuletzt nichts übrig, als der Meinung, die
ihr die Tochter geäußert, Glauben zu schenken. Inzwischen konnte sie
ihr lebhaftes Mißvergnügen über diesen Umstand nicht unterdrücken,
und meinte, daß der Brief dem Neger Hoango, um die Familie in die
Pflanzung hereinzubringen, von der größten Wichtigkeit gewesen sein
würde. Am Mittag und Abend, da Toni den Fremden mit Speisen bediente,
nahm sie, zu seiner Unterhaltung an der Tischecke sitzend,
mehreremal Gelegenheit, ihn nach dem Briefe zu fragen; doch Toni war
geschickt genug, das Gespräch, so oft es auf diesen gefährlichen
Punkt kam, abzulenken oder zu verwirren; dergestalt, daß die Mutter
durch die Erklärungen des Fremden über das eigentliche Schicksal des
Briefes auf keine Weise ins Reine kam. So verfloß der Tag; die
Mutter verschloß nach dem Abendessen aus Vorsicht, wie sie sagte, des
Fremden Zimmer; und nachdem sie noch mit Toni überlegt hatte, durch
welche List sie sich von neuem, am folgenden Tage, in den Besitz
eines solchen Briefes setzen könne, begab sie sich zur Ruhe, und
befahl dem Mädchen gleichfalls, zu Bette zu gehen. Sobald Toni, die
diesen Augenblick mit Sehnsucht erwartet hatte, ihre Schlafkammer
erreicht und sich überzeugt hatte, daß die Mutter entschlummert war,
stellte sie das Bildnis der heiligen Jungfrau, das neben ihrem Bette
hing, auf einen Sessel, und ließ sich mit verschränkten Händen auf
Knieen davor nieder. Sie flehte den Erlöser, ihren göttlichen Sohn,
in einem Gebet voll unendlicher Inbrunst, um Mut und Standhaftigkeit
an, dem Jüngling, dem sie sich zu eigen gegeben, das Geständnis der
Verbrechen, die ihren jungen Busen beschwerten, abzulegen. Sie
gelobte, diesem, was es ihrem Herzen auch kosten würde, nichts, auch
nicht die Absicht, erbarmungslos und entsetzlich, in der sie ihn
gestern in das Haus gelockt, zu verbergen; doch um der Schritte
willen, die sie bereits zu seines Rettung getan, wünschte sie, daß
ihr vergeben, und sie als sein treues Weib mit sich nach Europa
führen möchte. Durch dies Gebet wunderbar gestärkt, ergriff sie,
indem sie aufstand, den Hauptschlüssel, das alle Gemächer des Hauses
schloß, und schritt damit langsam, ohne Licht, über den schmalen Gang,
den das Gebäude durchschnitt, dem Schlafgemach des Fremden zu. Sie
öffnete das Zimmer leise und trat vor sein Bett, wo er in tiefen
Schlaf versenkt ruhte. Der Mond beschien sein blühendes Antlitz, und
der Nachtwind, das durch die geöffneten Fenster eindrang, spielte mit
dem Haar auf seiner Stirn. Sie neigte sich sanft über ihn und rief
ihn, seinen süßen Atem einsaugend beim Namen; aber ein tiefer Traum,
von dem sie der Gegenstand zu sein schien, beschäftigte ihn:
wenigstens hörte sie, zu wiederholten Malen, von seinen glühenden,
zitternden Lippen das geflüsterte Wort: Toni! Wehmut, die nicht zu
beschreiben ist, ergriff sie; sie konnte sich nicht entschließen, ihn
aus den Hirnmeln lieblicher Einbildung in die Tiefe einer gemeinen
und elenden Wirklichkeit herabzureiben; und in der Gewißheit, daß er
ja früh oder spät von selbst erwachen müsse, kniete sie an seinem
Bette nieder und überdeckte seine teure Hand mit Küssen. Aber wer
beschreibt das Entsetzen, das wenige Augenblicke darauf ihren Busen
ergriff, als sie plötzlich, im Innern des Hofraums, ein Geräusch von
Menschen, Pferden und Waffen hörte, und darunter ganz deutlich die
Stimme des Negers Congo Hoango erkannte, der unvermuteter Weise mit
seinem ganzen Troß aus dem Lager des Generals Dessalines
zurückgekehrt war. Sie stürzte, den Mondschein, der sie zu verraten
drohte, sorgsam vermeidend, hinter die Vorhänge des Fensters, und
hörte auch schon die Mutter, welche dem Neger von allem, was während
dessen vorgefallen war, auch von der Anwesenheit des europäischen
Flüchtlings im Hause, Nachricht gab. Der Neger befahl den Seinigen,
mit gedämpfter Stimme, im Hofe still zu sein. Er fragte die Alte, wo
der Fremde in diesem Augenblick befindlich sei? Worauf diese ihm das
Zimmer bezeichnete, und sogleich auch Gelegenheit nahm, ihn von dem
sonderbaren und auffallenden Gespräch, das sie, den Fluchding
betreffend, mit der Tochter gehabt hatte, zu unterrichten. Sie
versicherte dem Neger, daß das Mädchen eine Verräterin, und der ganze
Anschlag, desselben habhaft zu werden, in Gefahr sei, zu scheitern.
Wenigstens sei die Spitzbübin, wie sie bemerkt, heimlich beim
Einbruch der Nacht in sein Bette geschlichen, wo sie noch bis diesen
Augenblick in guter Ruhe befindlich sei; und wahrscheinlich, wenn der
Fremde nicht schon entflohen sei, werde derselbe eben jetzt gewarnt,
und die Mittel, wie seine Flucht zu bewerkstelligen sei, mit ihm
verabredet. Der Neger, der die Treue des Mädchens schon in ähnlichen
Fällen erprobt hatte, antwortete: es wäre wohl nicht möglich! Und:
"Kelly!" rief er wütend, und: "Omra! Nehmt eure Büchsen!" Und damit,
ohne weiter ein Wort zu sagen, stieg er, im Gefolge aller seiner
Neger, die Treppe hinauf, und begab sich in das Zimmer des Fremden.
Toni, vor deren Augen sich, während weniger Minuten, dieser ganze
Auftritt abgespielt hatte, stand, gelähmt an allen Gliedern, als ob
sie ein Wetterstrahl getroffen hätte, da. Sie dachte einen
Augenblick daran, den Fremden zu wecken; doch teils war, wegen
Besetzung des Hofraums, keine Flucht für ihn möglich, teils auch sah
sie voraus, daß er zu den Waffen greifen, und somit bei der
Überlegenheit der Neger, Zubodenstreckung unmittelbar sein Los sein
würde. Ja, die entsetzlichste Rücksicht, die sie zu nehmen genötigt
war, war diese, daß der Unglückliche sie selbst, wenn er sie in
dieser Stunde bei seinem Bette fände, für eine Verräterin halten, und,
statt auf ihren Rat zu hören, in der Raserei eines so heillosen
Wahns, dem Neger Hoango völlig besinnungslos in die Arme laufen würde.
In dieser unaussprechlichen Angst fiel ihr ein Strick in die Augen,
welcher, der Himmel weiß durch welchen Zufall, an dem Riegel der Wand
hing. Gott selbst, meinte sie, indem sie ihn herabriß, hätte ihn zu
ihrer und des Freundes Rettung dahin geführt. Sie umschlang den
Jüngling, vielfache Knoten schürzend, an Händen und Füßen damit; und
nachdem sie, ohne darauf zu achten, daß er sich rührte und sträubte,
die Enden angezogen und an das Gestell des Bettes festgebunden hatte:
drückte sie, froh, des Augenblicks mächtig geworden zu sein, einen
Kuß auf seine Lippen, und eilte dem Neger Hoango, der schon auf der
Treppe klirrte, entgegen. Der Neger, der dem Bericht der Alten, Toni
anbetreffend, immer noch keinen Glauben schenkte, stand, als er sie
aus dem bezeichneten Zimmer hervortreten sah, bestürzt und verwirrt,
im Korridor mit seinem Troß von Fackeln und Bewaffneten still. Er
rief: "die Treulose! Die Bundbrüchige!" und indem er sich zu Babekan
wandte, welche einige Schritte vorwärts gegen die Tür des Fremden
getan hatte, fragte er: "ist der Fremde entflohn?" Babekan, welche
die Tür, ohne hineinzusehen, offen gefunden hatte, rief, indem sie
als eine Wütende zurückkehrte: "Die Gaunerin! Sie hat ihn entwischen
lassen! Eilt, und besetzt die Ausgänge, ehe er das weite Feld
erreicht!" "Was gibts?" fragte Toni, indem sie mit dem Ausdruck des
Erstaunens den Alten und die Neger, die ihn umringten, ansah. "Was
es gibt?" erwiderte Hoango; und damit ergriff er sie bei der Brust
und schleppte sie nach dem Zimmer hin. "Seid ihr rasend?" rief Toni,
indem sie den Alten, der bei dem sich ihm darbietenden Anblick
erstarrte, von sich stieß: "da liegt der Fremde, von mir in seinem
Bette festgebunden; und, beim Himmel, es ist nicht die schlechteste
Tat, die ich in meinem Leben getan!" Bei diesen Worten kehrte sie ihm
den Rücken zu, und setzte sich, als ob sie weinte, an einen Tisch
nieder. Der Alte wandte sich gegen die in Verwirrung zur Seite
stehende Mutter und sprach: "o Babekan, mit welchem Märchen hast du
mich getäuscht?" "Dem Himmel sei Dank", antwortete die Mutter, indem
sie die Stricke, mit welchen der Fremde gebunden war, verlegen
untersuchte; "der Fremde ist da, obschon ich von dem Zusammenhang
nichts begreife." Der Neger trat, das Schwert in die Scheide steckend,
an das Bett und fragte den Fremden: wer er sei? Woher er komme und
wohin er reise? Doch da dieser, unter krampfhaften Anstrengungen
sich loszuwinken, nichts hervorbrachte, als, auf jämmerlich
schmerzhafte Weise: "O Toni! O Toni!"--so nahm die Mutter das Wort
und bedeutete ihm, daß er ein Schweizer sei, namens Gustav von der
Ried, und daß er mit einer ganzen Familie europäischer Hunde, welche
in diesem Augenblick in den Berghöhlen am Möwenweiher versteckt sei,
von dem Küstenplatz Fort Dauphin komme. Hoango, der das Mädchen, den
Kopf schwermütig auf ihre Hände gestützt, dasitzen sah, trat zu ihr
und nannte sie sein liebes Mädchen; klopfte ihr die Wangen, und
forderte sie auf, ihm den übereilten Verdacht, den er ihr geäußert,
zu vergeben. Die Alte, die gleichfalls vor das Mädchen hingetreten
war, stemmte die Arme kopschüttelnd in die Seite und fragte: weshalb
sie denn den Fremden, der doch von der Gefahr, in der er sich
befunden, gar nichts gewußt, mit Stricken in dem Bette festgebunden
habe? Toni, vor Schmerz und Wut in der Tat weinend, antwortete,
plötzlich zur Mutter gekehrt: "weil du keine Augen und Ohren hast!
Weil er die Gefahr, in der er schwebte, gar wohl begriff! Weil er
entfliehen wollte; weil er mich gebeten hatte, ihm zu seiner Flucht
behülflich zu sein; weil er einen Anschlag auf dein eignes Leben
gemacht hatte, und sein Vorhaben bei Anbruch das Tages ohne Zweifel,
wenn ich ihn nicht schlafend gebunden hätte, in Ausführung gebracht
haben würden". Der Alte liebkosete und beruhigte das Mädchen, und
befahl Babekan, von dieser Sache zu schweigen. Er rief ein paar
Schützen mit Büchsen vor, um das Gesetz, dem der Fremdling verfallen
war, augenblicklich an demselben zu vollstrecken; aber Babekan
flüsterte ihrn heimlich zu: "nein, ums Himmels willen, Hoango!"
Sie nahm ihn auf die Seite und bedeutete ihm: "Der Fremde müsse,
bevor er hingerichtet werde, eine Einladung aufsetzen, um vermittelst
derselben die Familie, deren Bekämpfung im Walde manchen Gefahren
ausgesetzt sei, in die Pflanzung zu locken"
Hoango, in Erwägung, daß die Familie wahrscheinlich nicht unbewaffnet
sein werde, gab diesem Vorschlage seinen Beifall; er stellte, weil es
zu spät war, den Brief verabredetermaßen schreiben zu lassen, zwei
Wachen bei dem weißen Flüchtling aus; und nachdem er noch, der
Sicherheit wegen, die Stricke untersucht, auch, weil er sie zu locker
befand, ein paar Leute herbeigerufen hatte, um sie noch enger
zusammenzuziehen, verließ er mit seinem ganzen Troß das Zimmer, und
alles nach und nach begab sich zur Ruh. Aber Toni, welche nur
scheinbar dem Alten, der ihr noch einmal die Hand gereicht, gute
Nacht gesagt und sich zu Bette gelegt hatte, stand, sobald sie alles
im Hause still sah, wieder auf, schlich sich durch eine Hinterpforte
des Hauses auf das freie Feld hinaus, und lief, die wildeste
Verzweiflung im Herzen, auf dem, die Landstraße durchkreuzenden, Wege
der Gegend zu, von welcher die Farnilie Herrn Strömlis herankommen
mußte. Denn die Blicke voll Verachtung, die der Fremde von seinem
Bette aus auf sie geworfen hatte, waren ihr empfindlich, wie
Messerstiche, durchs Herz gegangen; es mischte sich ein Gefühl heißer
Bitterkeit in ihre Liebe zu ihm, und sie frohlockte bei dem Gedanken,
in dieser zu seiner Rettung angeordneten Unternehmung zu sterben.
Sie stellte sich, in der Besorgnis, die Familie zu verfehlen, an den
Stamm einer Pinie, bei welcher, falls die Einladung angenommen worden
war, die Gesellschaft vorüberziehen mußte, und kaum war auch, der
Verabredung gemäß, der erste Strahl der Dämmerung am Horizont
angebrochen, als Nankys, des Knaben, Stimme, der dem Trosse zum
Führer diente, schon fernher unter den Bäumen des Waldes hörbar ward.
Der Zug bestand aus Herrn Strömli und seiner Gemahlin, welche
letztere auf einem Maulesel ritt, fünf Kindern desselben, deren zwei,
Adalbert und Gottfried, Jünglinge von 18 und 17 Jahren, neben dem
Maulesel hergingen; drei Dienern und zwei Mägden, wovon die eine,
einen Säugling an der Brust, auf dem andern Maulesel ritt; in allem
aus zwölf Personen. Er bewegte sich langsam über die den Weg
durchflechtenden Kienwurzeln, dem Stamm der Pinie zu; wo Toni, so
geräuschlos, als niemand zu erschrecken nötig war, aus dem Schatten
des Baums hervortrat, und dem Zuge zurief: "Halt!" Der Knabe kannte
sie sogleich; und auf ihre Frage: wo Herr Strömli sei? während Männer,
Weiber und Kinder sie umringten, stellte dieser sie freudig dem
alten Oberhaupt der Familie, Herrn Strömli, vor. "Edler Herr!" sagte
Toni, indem sie die Begrüßungen desselben mit fester Stimme
unterbrach: "der Neger Hoango ist, auf überraschende Weise, mit
seinem ganzenTroß in die Niederlassung zurück gekommen. Ihr könnt
jetzt, ohne die größeste Lebensgefahr, nicht darin einkehren; ja,
euer Vetter, der zu seinem Unglück eine Aufnahme darin fand, ist
verloren, wenn ihr nicht zu denWaffen greift, und rnir, zu seiner
Befreiung aus der Haft, in welcher ihn der Neger Hoango gefangen hält,
in die Pflanzung folgt!" "Gott im Himmel!" riefen, von Schrecken
erfaßt, alle Mitglieder der Familie; und die Muter, die krank und von
der Reise erschöpft war, fiel von dem Maultier ohnmächtig auf den
Boden nieder. Toni, während, auf den Ruf Herrn Strömlis die Mägde
herbeieilten, um ihrer Frau zu helfen, führte, von denJünglingen mit
Fragen bestürmt, Herrn Strömli und die übrigen Männer, aus Furcht vor
dem Knaben Nanky, auf die Seite. Sie erzählte den Männern, ihre
Tränen vor Scham und Reue nicht zurückhaltend, alles, was vorgefallen;
wie die Verhältnisse, in dem Augenblick, da derJüngling eingetroffen,
im Hause bestanden; wie das Gespräch, das sie unter vier Augen rnit
ihm gehabt, dieselben auf ganz unbegreifliche Weise verändert; was
sie bei der Ankunft des Negers, fast wahnsinnig vorAngst getan, und
wie sie nun Tod und Lebend aransetzen wolle, ihn aus der
Gefangenschaft, worin sie ihn selbst gestürzt, wieder zu befreien.
"Meine Waffen!" rief Herr Strömli, indem er zu dem Maultier seiner
Frau eilte und seine Büchse herabnahm. Er sagte, während auch
Adelbert und Gottfried, seine rüstigen Söhne, und die drei wackern
Diener sich bewaffneten: "Vetter Gustav hat mehr als einem von uns
das Leben gerettet; jetzt ist es an uns, ihm den gleichen Dienst zu
tun"; und damit hob er seine Frau, welche sich erholt hatte, wieder
auf das Maultier, ließ dem Knaben Nanky, aus Vorsicht, als eine Art
von Geisel, die Hände binden; schickte den ganzen Troß, Weiber und
Kinder, unter dem bloßen Schutz seines dreizehnjährigen, gleichfalls
bewaffneten Sohnes, Ferdinand, an den Möwenweiher zurück; und nachdem
er noch Toni, welche selbst einen Helm und einen Spieß genommen hatte,
über die Stärke der Neger und ihre Verteilung im Hofraume ausgefragt
und ihr versprochen hatte, Hoangos sowohl, als ihrer Mutter, so viel
es sich tun ließ, bei dieser Unternehmung zu schonen; stellte er sich
mutig, und auf Gott vertrauend, an die Spitze seines kleinen Haufens,
und brach, von Toni geführt, in die Niederlassung auf. Toni, sobald
der Haufen durch die hintere Pforte eingeschlichen war, zeigte Herrn
Strömli das Zimmer, in welchem Hoango und Babekan ruhten; und während
Herr Strömli geräuschlos mit seinen Leuten in das offne Haus eintrat,
und sich sämtlicher zusammengesetzter Gewehre der Neger bemächtigte,
schlich sie zur Seite ab in den Stall, in welchem der fünfjährige
Halbbruder des Nanky, Seppy, schlief Denn Nanky und Seppy,
Bastardkinder des alten Hoango, waren diesem, besonders der letze,
dessen Mutter kürzlich gestorben war, sehr teuer; und da, selbst in
dem Fall, daß man den gefangenen Jüngling befreite, der Rückzug an
den Möwenweiher und die Flucht von dort nach Port au Prince, der sie
sich anzuschließen gedachte, noch mancherlei Schwierigkeiten
ausgesetzt war: so schloß sie nicht unrichtig, daß der Besitz beider
Knaben, als einer Art von Unterpfand, dem Zuge, bei etwaiger
Verfolgung der Neger, von großem Vorteil sein würde. Es gelang ihr,
den Knaben ungesehen aus seinem Bette zu heben, und in ihren Armen,
halb schlafend, halb wachend, in das Hauptgebäude hinüberzutragen.
Inzwischen war Herr Strömli, so heirnlich, als es sich tun ließ, mit
seinem Haufen in Hoangos Stubentüre eingetreten; aber statt ihn und
Babekan, wie er glaubte, im Bette zu finden, standen, durch das
Geräusch geweckt, beide, obschon halbnackt und hilflos, in der Mitte
des Zimmers da. Herr Strömli, indem er seine Büchse in die Hand nahm,
rief: sie sollten sich ergeben, oder sie wären des Todes! Doch
Hoango, statt aller Antwort, riß ein Pistol von der Wand und platzte
es, Herrn Strömli am Kopf streifend, unter die Menge los. Herrn
Strömlis Haufen, auf dies Signal, fiel wütend über ihn her; Hoango,
nach einem zweiten Schuß, der einem Diener die Schulter durchbohrte,
ward durch einen Säbelhieb an der Hand verwundet, und beide, Babekan
und er, wurden niedergeworfen und mit Stricken am Gestell eines
großen Tisches fest gebunden. Mittlerweile waren, durch die Schüsse
geweckt, die Neger des Hoango, zwanzig und mehr an der Zahl, aus
ihren Stallen hervorgestürzt, und drangen, da sie die alte Babekan im
Hause schreien hörten, wütend gegen dasselbe vor, um ihre Waffen
wieder zu erobern. Vergebens postierte Herr Strömli, dessen Wunde
von keiner Bedeutung war, seine Leute an die Fenster des Hauses, und
ließ, um die Kerle im Zaum zu halten, mit Büchsen unter sie feuern;
sie achteten zweier Toten nicht, die schon auf dem Hofe umher lagen,
und waren im Begriff, Äxte und Brechstangen zu holen, um die Haustür,
welche Herr Strömli verriegelt hatte, einzusprengen, als Toni,
zitternd und bebend, den Knaben Seppy auf dem Arm, in Hoangos Zimmer
trat. Herr Strömli, dem diese Erscheinung äußerst erwünscht war, riß
ihr den Knaben vom Arm; er wandte sich, indem er seinen Hirschfänger
zog, zu Hoango, und schwor, daß er den Jungen augenblicklich töten
würde, wenn er den Negern nicht zuriefe, von ihrem Vorhaben
abzustehen. Hoango, dessen Kraft durch den Hieb über die drei Finger
der Hand gebrochen war, und der sein eignes Leben, im Fall einer
Weigerung, ausgesetzt haben würde, erwiderte nach einigen Bedenken,
indem er sich vom Boden aufheben ließ: daß er dies tun wolle; er
stellte sich, von Herrn Strömli geführt, an das Fenster, und mit
einem Schnupftuch, das er in die linke Hand nahm, über den Hof
hinauswindend, rief er den Negern zu: "daß sie die Tür, indem es,
sein Leben zu retten, keiner Hülfe bedürfe, unberührt lassen sollten
und in ihre Ställe zurückkehren möchten!" Hierauf beruhigte sich der
Kampf ein wenig; Hoango schickte, auf Verlangen Herrn Strömlis, einen
im Hause eingefangenen Neger, mit der Wiederholung dieses Befehls, zu
dem im Hofe noch verweilenden und sich beratschlagenden Haufen hinab;
und da die Schwarzen, so wenig sie auch von der Sache begriffen, den
Worten dieses förmlichen Botschafters Folge leisten mußten, so gaben
sie ihren Anschlag, zu dessen Ausführung schon alles in Bereitschaft
war, auf, und verfügten sich nach und nach, obschon murrend und
schimpfend, in ihre Ställe zurück. Herr Strömli, indem er dem Knaben
Seppy vor den Augen Hoangos die Hände binden ließ, sagte diesem: daß
seine Absicht keine andere sei, als den Offizier, seinen Vetter aus
der in der Pflanzung über ihn verhängten Haft zu befreien, und daß,
wenn seiner Flucht nach Port au Prince keine Hindernisse in den Weg
gelegt würden, weder für sein, Hoangos, noch für seiner Kinder Leben,
die er ihm wiedergeben würde, etwas zu befürchten sein würde.
Babekan, welcher Toni sich näherte und zum Abschied in einer Rührung,
die sie nicht unterdrücken konnte, die Hand geben wollte, stieß diese
heftig von sich. Sie nannte sie eine Niederträchtige und Verräterin,
und meinte, indem sie sich am Gestell des Tisches, an dem sie lag,
umkehrte: die Rache Gottes würde sie, noch ehe sie ihrer Schandtat
froh geworden, ereilen. Toni antwortete: "ich habe euch nicht
verraten; ich bin eine Weiße, und dem Jüngling, den ihr gefangen
haltet, verlobt; ich gehöre zu dem Geschlecht derer, mit denen ihr im
offenen Kriege liegt, und werde vor Gott, daß ich mich auf ihre Seite
stellte, zu verantworten wissen" Hierauf gab Herr Strömli dem Neger
Hoango, den er zur Sicherheit wieder hatte fesseln und an die Pfosten
der Tür festbinden lassen, eine Wache; er ließ den Diener, der, mit
zersplittertem Schulterknochen, ohnmächtig am Boden lag, aufheben und
wegtragen; und nachdem er dem Hoango noch gesagt hatte, daß er beide
Kinder,den Nanky sowohl als den Seppy, nach Verlauf einiger Tage, in
Sainte Lüze, wo die ersten französischen Vorposten stünden, abholen
lassen könne, nahm er Toni, die, von mancherlei Gefühlen bestürmt,
sich nicht enthalten konnte zu weinen, bei der Hand, und führte sie,
unter den Flüchen Babekans und des alten Hoango, aus dem
Schlafzirnmer fort. Inzwischen waren Adelbert und Gottfried, Herrn
Strömlis Söhne, schon nach Beendigung des ersten, an den Fenstern
gefochtenen Hauptkampfs, auf Befehl des Vaters, in das Zimmer ihres
Vetters Gustav geeilt, und waren glücklich genug gewesen, die beiden
Schwarzen, die diesen bewachten, nach einem hartnäckigen Widerstand
zu überwältigen. Der eine lag tot im Zimmer; der andere hatte sich
mit einer schweren Schußwunde bis auf den Korridor hinausgeschleppt.
Die Brüder, deren einer, der Ältere, dabei selbst, obschon nur leicht,
am Schenkel verwundet worden war, banden den teuren lieben Vetter
los: sie umarmten und küßten ihn, und forderten ihn jauchzend, indem
sie ihm Gewehr und Waffen gaben, auf, ihnen nach dem vorderen Zimmer,
in welchem, da der Sieg entschieden, Herr Strömli wahrscheinlich
alles schon zum Rückzug anordne, zu folgen. Aber Vetter Gustav, halb
im Bette aufgerichtet, drückte ihnen freundlich die Hand; im übrigen
war er still und zerstreut, und statt die Pistolen, die sie ihm
darreichten, zu ergreifen, hob er die Rechte, und strich sich, mit
einem unaussprechlichen Ausdruck von Gram, damit über die Stirn. Die
Jünglinge, die sich bei ihm niedergesetzt hatten, fragten: was ihm
fehle? Und schon, da er sie mit seinem Arm umschloß, und sich mit
dem Kopf schweigend an die Schulter des Jüngern lehnte, wollte
Adelbert sich erheben, um ihm im Wahn, daß ihn eine Ohnmacht anwandle,
einen Trunk Wasser herbeizuholen: als Toni, den Knaben Seppy auf dem
Arm, an der Hand Herrn Strömlis, in das Zimmer trat. Gustav
wechselte bei diesem Anblick die Farbe; er hielt sich, indem er
aufstand, als ob er umsinken wollte, an den Leibern der Freunde fest;
und ehe die Jünglinge noch wußten, was er mit dem Pistol, das er
ihnen jetzt aus der Hand nahm, anfangen wollte: drückte er dasselbe
schon, knirschend vor Wut, gegen Toni ab. Der Schuß war ihr mitten
durch die Brust gegangen; und da sie, mit einem gebrochenen Laut des
Schmerzes, noch einige Schritte gegen ihn tat, und sodann, indem sie
den Knaben an Herrn Strömli gab, vor ihm niedersank: schleuderte er
das Pistol über sie, stieß sie mit dem Fuß von sich, und warf sich,
indem er sie eine Hure nannte, wieder auf das Bette nieder. "Du
ungeheurer Mensch!" riefen Herr Strörnli und seine beiden Söhne. Die
Jünglinge warfen sich über das Mädchen, und riefen, indem sie es
aufhoben, einen der alten Diener herbei, der dem Zuge schon in
manchen ähnlichen, verzweiflungsvollen Fällen die Hülfe eines Arztes
geleistet hatte; aber das Mädchen, das sich mit der Hand krampfhaft
die Wunde hielt, drückte die Freunde hinweg, und: "sagt ihm--!"
stammelte sie röchelnd, auf ihn, der sie erschossen, hindeutend, und
wiederholte: "sagt ihm--!" "Was sollen wir ihm sagen?" fragte Herr
Strömli, da der Tod ihr die Sprache raubte. Adelbert und Gottfried
standen auf und riefen dem unbegreiflich gräßlichen Mörder zu: ob er
wisse, daß das Mädchen seine Retterin sei; daß sie ihn liebe und daß
es ihre Absicht gewesen sei, mit ihm, dem sie alles, Eltern und
Eigentum, aufgeopfert, nach Port au Prince zu entliehen.--Sie
donnerten ihm Gustav! in die Ohren, und fragten ihn: ob er nichts
höre? Und schüttelten ihn und griffen ihm in die Haare, da er
unempfindlich, und ohne auf sie zu achten, auf dem Bette lag. Gustav
richtete sich auf. Er warf einen Blick auf das in seinem Blut sich
wälzende Mädchen; und die Wut, die diese Tat veranlaßt hatte, machte,
auf natürliche Weise, einem Gefühl gemeinen Mitleidens Platz. Herr
Strömli; heiße Tränen auf sein Schnupftuch niederweinend, fragte:
"warum, Elender, hast du das getan?" Vetter Gustav, der von dem Bette
aufgestanden war, und das Mädchen, indem er sich den Schweiß von der
Stirn abwischte, betrachtete, antwortete: daß sie ihn schändlicher
Weise zur Nachtzeit gebunden, und dem Neger Hoango übergeben habe.
"Ach!" rief Toni, und streckte, rnit einem unbeschreiblichen Blick,
ihre Hand nach ihm aus: "dich, liebsten Freund, band ich, weil--!"
Aber sie konnte nicht reden und ihn auch mit der Hand nicht erreichen;
sie fiel, mit einer plötzlichen Erschlaffung der Kraft, wieder auf
den Schoß Herrn Strömlis zurück. "Weshalb?" fragte Gustav blaß,
indem er zu ihr niederkniete. Herr Strömli, nach einer langen, nur
durch das Röcheln Tonis unterbrochenen Pause, in welcher man
vergebens auf eine Antwort von ihr gehofft hatte, nahm das Wort und
sprach: "weil, nach der Ankunft Hoangos, dich, Unglücklichen, zu
retten, kein anderes Mittel war; weil sie den Kampf, den du unfehlbar
eingegangen wärest, vermeiden, weil sie Zeit gewinnen wollte, bis wir,
die wir schon vermöge ihrer Veranstaltung herbeieilten, deine
Befreiung mit den Waffen in der Hand erzwingen konnten". Gustav
legte die Hände vor sein Gesicht. "Oh!" rief er, ohne aufzusehen,
und meinte, die Erde versänke unter seinen Füßen: "ist das, was ihr
mir sagt, wahr?" Er legte seine Arme um ihren Leib und sah ihr mit
jammervoll zerrissenem Herzen ins Gesicht. "Ach", rief Toni, und
dies waren ihre letzten Worte: "du hättest mir nicht mißtrauen sollen!"
Und damit hauchte sie ihre schöne Seele aus. Gustav raufte sich
die Haare. "Gewiß!" sagte er, da ihn die Vettern von der Leiche
wegrissen: "ich hätte dir nicht mißtrauen sollen; denn du warst mir
durch einen Eidschwur verlobt, obschon wir keine Worte darüber
gewechselt hatten!" Herr Strörnli drückte jammernd den Latz, der des
Mädchens Brust umschloß, nieder. Er ermunterte den Diener, der mit
einigen unvollkommenen Rettungswerkzeugen neben ihm stand, die Kugel,
die, wie er meinte, in dem Brustknochen stecken müsse, auszuziehen;
aber alle Bemühung, wie gesagt, war vergebens, sie war von dem Blei
ganz durchbohrt, umd ihre Seele schon zu besseren Sternen entflohn.
--Inzwischen war Gustav ans Fenster getreten; und während Herr
Strömli und seine Söhne unter stillen Tränen beratschlagten, was mit
der Leiche anzufangen sei, und ob man nicht die Mutter herbeirufen
solle, jagte Gustav sich die Kugel, womit das andere Pistol geladen
war, durchs Hirn. Diese neue Schreckenstat raubte den Verwandten
völlig alle Besinnung. Die Hülfe wandte sich jetzt auf ihn; aber des
Ärmsten Schädel war ganz zerschmettert, und hing, da er sich das
Pistol in den Mund gesetzt hatte, zum Teil an den Wänden umher. Herr
Strömli war der erste, der sich wieder sammelte. Denn da der Tag
schon ganz hell durch die Fenster schien, und auch Nachrichten
einliefen, daß die Neger sich schon wieder auf dem Hofe zeigten: so
blieb nichts übrig, als ungesäumt an den Rückzug zu denken. Man
legte die beiden Leichen, die man nicht der mutwilligen Gewalt der
Neger überlassen wollte, auf ein Brett, und nachdem die Büchsen von
neuem geladen waren, brach der traurige Zug nach dem Möwenweiher auf.
Herr Strömli, den Knaben Seppy auf dem Arm, ging voran; ihm folgten
die beiden stärksten Diener, welche auf ihren Schultern die Leichen
trugen; der Verwundete schwankte an einem Stabe hinterher; und
Adelbert und Gottfried gingen mit gespannten Büchsen dem langsam
fortschreitenden Leichenzuge zur Seite. Die Neger, da sie den Haufen
so schwach erblickten, traten mit Spießen und Gabeln aus ihren
Wohnungen hervor, und schienen Miene zu machen, angreifen zu wollen;
aber Hoango, den man die Vorsicht beobachtet hatte, loszubinden, trat
auf die Treppe des Hauses hinaus, und winkte den Negern, zu ruhen.
"In Sainte Lüze!" rief er Herrn Strömli zu, der schon mit den Leichen
unter dem Torweg war. "In Sainte Lüze!" antwortete dieser; worauf
der Zug, ohne verfolgt zu werden, auf das Feld hinauskam und die
Waldung erreichte. Am Möwenweiher, wo man die Familie fand, grub man,
unter vielen Tränen, den Leichen ein Grab; und nachdem man noch die
Ringe, die sie an der Hand trugen, gewechselt hatte, senkte man sie
unter stillen Gebeten in die Wohnungen des ewigen Friedens ein. Herr
Strömli war glücklich genug, mit seiner Frau und seinen Kindern, fünf
Tage darauf, Sainte Lüze zu erreichen, wo er die beiden Negerknaben,
seinem Versprechen gemäß, zurückließ. Er traf kurz vor Anfang der
Belagerung in Port au Prince ein, wo er noch auf den Wällen für die
Sache der Weißen focht; und als die Stadt nach einer hartnäckigen
Gegenwehr an den General Dessalines überging, rettete er sich mit dem
französischen Heer auf die englische Flotte, von wo die Familie nach
Europa überschiffte, und ohne weitere Unfälle ihr Vaterland, die
Schweiz, erreichte. Herr Strömli kaufte sich daselbst mit dem Rest
seines kleinen Vermögens, in der Gegend des Rigi, an; und noch im
Jahr 1807 war unter den Büschen seines Gartens das Denkmal zu sehen,
das er Gustav, seinem Vetter, und der Verlobten desselben, der treuen
Toni, hatte setzen lassen.