erschüttert, am Arm einer Freundin nach dem Kloster hinausgegangen
war, in der wehmütigen Absicht, auf einem Spaziergang, weil eben das
Wetter schön war, den entsetzlichen Schauplatz in Augenschein zu
nehmen, auf welchem Gott ihre Söhne wie durch unsichtbare Blitze zu
Grunde gerichtet hatte: fanden die Weiber den Dom, weil eben gebaut
wurde, am Eingang durch Planken versperrt, und konnten, wenn sie sich
mühsam erhoben, durch die Öffnungen der Bretter hindurch von dem
Inneren nichts, als die prächtig funkelnde Rose im Hintergrund der
Kirche wahrnehmen. Viele hundert Arbeiter, welche fröhliche Lieder
sangen, waren auf schlanken, vielfach verschlungenen Gerüsten
beschäftigt, die Türme noch um ein gutes Dritteil zu erhöhen, und die
Dächer und Zinnen derselben, welche bis jetzt nur mit Schiefer
bedeckt gewesen waren, mit starkem, hellen, im Strahl der Sonne
glänzigen Kupfer zu belegen. Dabei stand ein Gewitter, dunkelschwarz,
mit vergoldeten Rändern, im Hintergrunde des Baus; dasselbe hatte
schon über die Gegend von Aachen ausgedonnert, und nachdem es noch
einige kraftlose Blitze, gegen die Richtung, wo der Dom stand,
geschleudert hatte, sank es, zu Dünsten aufgelöst, mißvergnügt
murmelnd in Osten herab. Es traf sich, daß da die Frauen von der
Treppe des weitläufigen klösterlichen Wohngebäudes herab, in
mancherlei Gedanken vertieft, dies doppelte Schauspiel betrachteten,
eine Klosterschwester, welche vorüberging, zufällig erfuhr, wer die
unter dem Portal stehende Frau sei; dergestalt, daß die Äbtissin, die
von einem, den Fronleichnamstag betreffenden Brief, den dieselbe bei
sich trug, gehört hatte, unmittelbar darauf die Schwester zu ihr
herabschickte, und die niederländische Frau ersuchen ließ, zu ihr
herauf zu kommen. Die Niederländerin, obschon einen Augenblick
dadurch betroffen, schickte sich nichts desto weniger ehrfurchtsvoll
an, dem Befehl, den man ihr angekündigt hatte, zu gehorchen; und
während die Freundin, auf die Einladung der Nonne, in ein dicht an
dem Eingang befindliches Nebenzimmer abtrat, öffnete man der Fremden,
welche die Treppe hinaufsteigen mußte, die Flügeltüren des schön
gebildeten Söllers selbst. Daselbst fand sie die Äbtissin, welches
eine edle Frau, von stillem königlichen Ansehn war, auf einem Sessel
sitzen, den Fuß auf einem Schemel gestützt, der auf Drachenklauen
ruhte; ihr zur Seite, auf einem Pulte, lag die Partitur einer Musik.
Die Äbtissin, nachdem sie befohlen hatte, der Fremden einen Stuhl
hinzusetzen, entdeckte ihr, daß sie bereits durch den Bürgermeister
von ihrer Ankunft in der Stadt gehört; und nachdem sie sich, auf
menschenfreundliche Weise, nach dem Befinden ihrer unglücklichen
Söhne erkundigt, auch sie ermuntert hatte, sich über das Schicksal,
das dieselben betroffen, weil es einmal nicht zu ändern sei,
möglichst zu fassen: eröffnete sie ihr den Wunsch, den Brief zu sehen,
den der Prädikant an seinen Freund, den Schullehrer in Antwerpen
geschrieben hatte. Die Frau, welche Erfahrung genug besaß,
einzusehen, von welchen Folgen dieser Schritt sein konnte, fühlte
sich dadurch auf einen Augenblick in Verlegenheit gestürzt; da jedoch
das ehrwürdige Antlitz der Dame unbedingtes Vertrauen erforderte, und
auf keine Weise schicklich war, zu glauben, daß ihre Absicht sein
könne, von dem Inhalt desselben einen öffentlichen Gebrauch zu machen;
so nahm sie, nach einer kurzen Besinnung, den Brief aus ihrem Busen,
und reichte ihn, unter einem heißen Kuß auf ihre Hand, der
fürstlichen Dame dar. Die Frau, während die Äbtissin den Brief
überlas, warf nunmehr einen Blick auf die nachlässig über dem Pult
aufgeschlagene Partitur; und da sie, durch den Bericht des
Tuchhändlers, auf den Gedanken gekommen war, es könne wohl die Gewalt
der Töne gewesen sein, die, an jenem schauerlichen Tage, das Gemüt
ihrer armen Söhne zerstört und verwirrt habe: so fragte sie die
Klosterschwester, die hinter ihrem Stuhle stand, indem sie sich zu
ihr umkehrte, schüchtern: "ob dies das Musikwerk wäre, das vor sechs
Jahren, am Morgen jenes merkwürdigen Fronleichnamsfestes, in der
Kathedrale aufgeführt worden sei?" Auf die Antwort der jungen
Klosterschwester: ja! sie erinnere sich davon gehört zu haben, und es
pflege seitdem, wenn man es nicht brauche, im Zimmer der
hochwürdigsten Frau zu liegen: stand, lebhaft erschüttert, die Frau
auf, und stellte sich, von mancherlei Gedanken durchkreuzt, vor den
Pult. Sie betrachtete die unbekannten zauberischen Zeichen, womit
sich ein fürchterlicher Geist geheimnisvoll den Kreis abzustecken
schien, und meinte, in die Erde zu sinken, da sie grade das gloria in
excelsis aufgeschlagen fand. Es war ihr, als ob das ganze Schrecken
der Tonkunst, das ihre Söhne verderbt hatte, über ihrem Haupte
rauschend daherzöge; sie glaubte, bei dem bloßen Anblick ihre Sinne
zu verlieren, und nachdem sie schnell, mit einer unendlichen Regung
von Demut und Unterwerfung unter die göttliche Allmacht, das Blatt an
ihre Lippen gedrückt hatte, setzte sie sich wieder auf ihren Stuhl
zurück. Inzwischen hatte die Äbtissin den Brief ausgelesen und sagte,
indem sie ihn zusammen faltete: "Gott selbst hat das Kloster, an
jenem wunderbaren Tage, gegen den Übermut Eurer schwer verirrten
Söhne beschirmt. Welcher Mittel er sich dabei bedient, kann Euch,
die Ihr eine Protestantin seid, gleichgültig sein: Ihr würdet auch
das, was ich Euch darüber sagen könnte, schwerlich begreifen. Denn
vernehmt, daß schlechterdings niemand weiß, wer eigentlich das Werk,
das Ihr dort aufgeschlagen findet, im Drang der schreckenvollen
Stunde, da die Bilderstürmerei über uns hereinbrechen sollte, ruhig
auf dem Sitz der Orgel dirigiert habe. Durch ein Zeugnis, das am
Morgen des folgenden Tages, in Gegenwart des Klostervogts und
mehrerer anderen Männer aufgenommen und im Archiv niedergelgt ward,
ist erwiesen, daß Schwester Antonia, die das Werk dirigieren konnte,
während des ganzen Zeitraums seiner Aufführung, krank, bewußtlos,
ihrer Glieder schlechthin unmächtig, im Winkel ihrer Klosterzelle
darniedergelegen habe; eine Klosterschwester, die ihr als leibliche
Verwandte zur Pflege ihres Körpers beigeordnet war, ist während des
ganzen Vormittags, da das Fronleichnamsfest in der Kathedrale
gefeiert worden, nicht von ihrem Bette gewichen. Ja, Schwester
Antonia würde ohnfehlbar selbst den Umstand, daß sie es nicht gewesen
sei, die, auf so seltsame und befremdende Weise, auf dem Altan der
Orgel erschien, bestätigt und bewahrheitet haben: wenn ihr gänzlich
sinnberaubter Zustand erlaubt hätte, sie darum zu befragen, und die
Kranke nicht noch am Abend desselben Tages, an dem Nervenfieber, an
dem sie danieder lag, und welches früherhin gar nicht
lebensgefährlich schien, verschieden wäre. Auch hat der Erzbischof
von Trier, an den dieser Vorfall berichtet ward, bereits das Wort
ausgesprochen, das ihn allein erklärt, nämlich, daß die heilige
Cäcilie selbst dieses zu gleicher Zeit schreckliche und herrliche
Wunder vollbracht habe; und von dem Papst habe ich soeben ein Breve
erhalten, wodurch er dies bestätigt." Und damit gab sie der Frau den
Brief, den sie sich bloß von ihr erbeten hatte, um über das, was sie
schon wußte, nähere Auskunft zu erhalten, unter dem Versprechen, daß
sie davon keinen Gebrauch machen würde, zurück; und nachdem sie
dieselbe noch gefragt hatte, ob zur Wiederherstellung ihrer Söhne
Hoffnung sei, und ob sie ihr vielleicht mit irgend etwas, Geld oder
eine andere Unterstützung, zu diesem Zweck dienen könne, welches die
Frau, indem sie ihr den Rock küßte, weinend verneinte: grüßte sie
dieselbe freundlich mit der Hand und entließ sie.
Hier endigt diese Legende. Die Frau, deren Anwesenheit in Aachen
gänzlich nutzlos war, ging mit Zurücklassung eines kleinen Kapitals,
das sie zum Besten ihrer armen Söhne bei den Gerichten niederlegte,
nach dem Haag zurück, wo sie ein Jahr darauf, durch diesen Vorfall
tief bewegt, in den Schoß der katholischen Kirche zurückkehrte: die
Söhne aber starben, im späten Alter, eines heitern und vergnügten
Todes, nachdem sie noch einmal, ihrer Gewohnheit gemäß, das gloria in
excelsis abgesungen hatten.
Die Marquise von O...
(Nach einer wahren Begebenheit, deren Schauplatz vom Norden nach dem
Süden verlegt worden)
In M..., einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, ließ die
verwitwete Marquise von O..., eine Dame von vortrefflichem Ruf, und
Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen
bekannt machen: daß sie, ohne ihr Wissen, in andre Umstände gekommen
sei, daß der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden
solle; und daß sie, aus Familienrücksichten, entschlossen wäre, ihn
zu heiraten. Die Dame, die einen so sonderbaren, den Spott der Welt
reizenden Schritt, beim Drang unabänderlicher Umstände, mit solcher
Sicherheit tat, war die Tochter des Herrn von G..., Kommandanten der
Zitadelle bei M... Sie hatte, vor ungefähr drei Jahren, ihren Gemahl,
den Marquis von O..., dem sie auf das innigste und zärtlichste
zugetan war, auf einer Reise verloren, die er, in Geschäften der
Familie, nach Paris gemacht hatte. Auf Frau von G...s, ihrer
würdigen Mutter, Wunsch, hatte sie, nach seinem Tode, den Landsitz
verlassen, den sie bisher bei V... bewohnt hatte, und war, mit ihren
beiden Kindern, in das Kommandantenhaus, zu ihrem Vater,
zurückgekehrt. Hier hatte sie die nächsten Jahre mit Kunst, Lektüre,
mit Erziehung, und ihrer Eltern Pflege beschäftigt, in der größten
Eingezogenheit zugebracht: bis der... Krieg plötzlich die Gegend
umher mit den Truppen fast aller Mächte und auch mit russischen
erfüllte. Der Obrist von G..., welcher den Platz zu verteidigen
Order hatte, forderte seine Gemahlin und seine Tochter auf, sich auf
das Landgut, entweder der letzteren, oder seines Sohnes, das bei V...
lag, zurückzuziehen. Doch ehe sich die Abschätzung noch, hier der
Bedrängnisse, denen man in der Festung, dort der Greuel, denen man
auf dem platten Lande ausgesetzt sein konnte, auf der Waage der
weiblichen Überlegung entschieden hatte: war die Zitadelle von den
russischen Truppen schon berennt, und aufgefordert, sich zu ergeben.
Der Obrist erklärte gegen seine Familie, daß er sich nunmehr
verhalten würde, als ob sie nicht vorhanden wäre; und antwortete mit
Kugeln und Granaten. Der Feind, seinerseits, bombardierte die
Zitadelle. Er steckte die Magazine in Brand, eroberte ein Außenwerk,
und als der Kommandant, nach einer nochmaligen Aufforderung, mit der
Übergabe zauderte, so ordnete er einen nächtlichen Überfall an, und
eroberte die Festung mit Sturm.
Eben als die russischen Truppen, unter einem heftigen Haubitzenspiel,
von außen eindrangen, fing der linke Flügel des Kommandantenhauses
Feuer und nötigte die Frauen, ihn zu verlassen. Die Obristin, indem
sie der Tochter, die mit den Kindern die Treppe hinabfloh, nacheilte,
rief, daß man zusammenbleiben, und sich in die unteren Gewölbe
flüchten möchte; doch eine Granate, die, eben in diesem Augenblicke,
in dem Hause zerplatzte, vollendete die gänzliche Verwirrung in
demselben. Die Marquise kam, mit ihren beiden Kindern, auf den
Vorplatz des Schlosses, wo die Schüsse schon, im heftigsten Kampf,
durch die Nacht blitzten, und sie, besinnungslos, wohin sie sich
wenden solle, wieder in das brennende Gebäude zurückjagten. Hier,
unglücklicher Weise, begegnete ihr, da sie eben durch die Hintertür
entschlüpfen wollte, ein Trupp feindlicher Scharfschützen, der, bei
ihrem Anblick, plötzlich still ward, die Gewehre über die Schultern
hing, und sie, unter abscheulichen Gebärden, mit sich fortführte.
Vergebens rief die Marquise, von der entsetzlichen, sich unter
einander selbst bekämpfenden, Rotte bald hier, bald dorthin gezerrt,
ihre zitternden, durch die Pforte zurückfliehenden Frauen, zu Hülfe.
Man schleppte sie in den hinteren Schloßhof, wie sie eben, unter den
schändlichsten Mißhandlungen, zu Boden sinken wollte, als, von dem
Zetergeschrei der Dame herbeigerufen, ein russischer Offizier
erschien, und die Hunde, die nach solchem Raub lüstern waren, mit
wütenden Hieben zerstreute. Der Marquise schien er ein Engel des
Himmels zu sein. Er stieß noch dem letzten viehischen Mordknecht,
der ihren schlanken Leib umfaßt hielt, mit dem Griff des Degens ins
Gesicht, daß er, mit aus dem Mund vorquellendem Blut, zurücktaumelte;
bot dann der Dame, unter einer verbindlichen, französischen Anrede
den Arm, und führte sie, die von allen solchen Auftritten sprachlos
war, in den anderen, von der Flamme noch nicht ergriffenen, Flügel
des Palastes, wo sie auch völlig bewußtlos niedersank. Hier traf er,
da bald darauf ihre erschrockenen Frauen erschienen, Anstalten, einen
Arzt zu rufen; versicherte, indem er sich den Hut aufsetzte, daß sie
sich bald erholen würde; und kehrte in den Kampf zurück.
Der Platz war in kurzer Zeit völlig erobert, und der Kommandant, der
sich nur noch wehrte, weil man ihm keinen Pardon geben wollte, zog
sich eben mit sinkenden Kräften nach dem Portal des Hauses zurück,
als der russische Offizier, sehr erhitzt im Gesicht, aus demselben
hervortrat, und ihm zurief, sich zu ergeben. Der Kommandant
antwortete, daß er auf diese Aufforderung nur gewartet habe, reichte
ihm seinen Degen dar, und bat sich die Erlaubnis aus, sich ins Schloß
begeben, und nach seiner Familie umsehen zu dürfen. Der russische
Offizier, der, nach der Rolle zu urteilen, die er spielte, einer der
Anführer des Sturms zu sein schien, gab ihm, unter Begleitung einer
Wache, diese Freiheit; setzte sich, mit einiger Eilfertigkeit, an die
Spitze eines Detachements, entschied, wo er noch zweifelhaft sein
mochte, den Kampf, und bemannte schleunigst die festen Punkte des
Forts. Bald darauf kehrte er auf den Waffenplatz zurück, gab Befehl,
der Flamme, welche wütend um sich zu greifen anfing, Einhalt zu tun,
und leistete selbst hierbei Wunder der Anstrengung, als man seine
Befehle nicht mit dem gehörigen Eifer befolgte. Bald kletterte er,
den Schlauch in der Hand, mitten unter brennenden Giebeln umher, und
regierte den Wasserstrahl; bald steckte er, die Naturen der Asiaten
mit Schaudern erfüllend, in den Arsenälen, und wälzte Pulverfässer
und gefüllte Bomben heraus. Der Kommandant, der inzwischen in das
Haus getreten war, geriet auf die Nachricht von dem Unfall, der die
Marquise betroffen hatte, in die äußerste Bestürzung. Die Marquise,
die sich schon völlig, ohne Beihülfe des Arztes, wie der russische
Offizier vorher gesagt hatte, aus ihrer Ohnmacht wieder erholt hatte,
und bei der Freude, alle die Ihrigen gesund und wohl zu sehen, nur
noch, um die übermäßige Sorge derselben zu beschwichtigen, das Bett
hütete, versicherte ihn, daß sie keinen andern Wunsch habe, als
aufstehen zu dürfen, um ihrem Retter ihre Dankbarkeit zu bezeugen.
Sie wußte schon, daß er der Graf F..., Obristlieutenant vom t...n
Jägerkorps, und Ritter eines Verdienst- und mehrerer anderen Orden
war. Sie bat ihren Vater, ihn inständigst zu ersuchen, daß er die
Zitadelle nicht verlasse, ohne sich einen Augenblick im Schloß
gezeigt zu haben. Der Kommandant, der das Gefühl seiner Tochter
ehrte, kehrte auch ungesäumt in das Fort zurück, und trug ihm, da er
unter unaufhörlichen Kriegsanordnungen umherschweifte, und keine
bessere Gelegenheit zu finden war, auf den Wällen, wo er eben die
zerschossenen Rotten revidierte, den Wunsch seiner gerührten Tochter
vor. Der Graf versicherte ihn, daß er nur auf den Augenblick warte,
den er seinen Geschäften würde abmüßigen können, um ihr seine
Ehrerbietigkeit zu bezeugen. Er wollte noch hören, wie sich die Frau
Marquise befinde? Als ihn die Rapporte mehrerer Offiziere schon
wieder in das Gewühl des Krieges zurückrissen. Als der Tag anbrach,
erschien der Befehlshaber der russischen Truppen, und besichtigte das
Fort. Er bezeugte dem Kommandanten seine Hochachtung, bedauerte, daß
das Glück seinen Mut nicht besser unterstützt habe, und gab ihm, auf
sein Ehrenwort, die Freiheit, sich hinzubegeben, wohin er wolle. Der
Kommandant versicherte ihn seiner Dankbarkeit, und äußerte, wie viel
er, an diesem Tage, den Russen überhaupt, und besonders dem jungen
Grafen F..., Obristlieutenant vom t...n Jägerkorps, schuldig geworden
sei. Der General fragte, was vorgefallen sei; und als man ihn von
dem frevelhaften Anschlag auf die Tochter desselben unterrichtete,
zeigte er sich auf das äußerste entrüstet. Er rief den Grafen F...
bei Namen vor. Nachdem er ihm zuvörderst wegen seines eignen
edelmütigen Verhaltens eine kurze Lobrede gehalten hatte: wobei der
Graf über das ganze Gesicht rot ward; schloß er, daß er die
Schandkerle, die den Namen des Kaisers brandmarkten, niederschießen
lassen wolle; und befahl ihm, zu sagen, wer sie seien? Der Graf F...
antwortete, in einer verwirrten Rede, daß er nicht im Stande sei,
ihre Namen anzugeben, indem es ihm, bei dem schwachen Schimmer der
Reverberen im Schloßhof, unmöglich gewesen wäre, ihre Gesichter zu
erkennen. Der General, welcher gehört hatte, daß damals schon das
Schloß in Flammen stand, wunderte sich darüber; er bemerkte, wie man
wohl bekannte Leute in der Nacht an ihren Stimmen erkennen könnte;
und gab ihm, da er mit einem verlegenen Gesicht die Achseln zuckte,
auf, der Sache auf das allereifrigste und strengste nachzuspüren. In
diesem Augenblick berichtete jemand, der sich aus dem hintern Kreise
hervordrängte, daß einer von den, durch den Grafen F... verwundeten,
Frevlern, da er in dem Korridor niedergesunken, von den Leuten des
Kommandanten in ein Behältnis geschleppt worden, und darin noch
befindlich sei. Der General ließ diesen hierauf durch eine Wache
herbeiführen, ein kurzes Verhör über ihn halten; und die ganze Rotte,
nachdem jener sie genannt hatte, fünf an der Zahl zusammen,
erschießen. Dies abgemacht, gab der General, nach Zurücklassung
einer kleinen Besatzung, Befehl zum allgemeinen Aufbruch der übrigen
Truppen; die Offiziere zerstreuten sich eiligst zu ihren Korps; der
Graf trat, durch die Verwirrung der Auseinander-Eilenden, zum
Kommandanten, und bedauerte, daß er sich der Frau Marquise, unter
diesen Umständen, gehorsamst empfehlen müsse: und in weniger, als
einer Stunde, war das ganze Fort von Russen wieder leer.
Die Familie dachte nun darauf, wie sie in der Zukunft eine
Gelegenheit finden würde, dem Grafen irgend eine Äußerung ihrer
Dankbarkeit zu geben; doch wie groß war ihr Schrecken, als sie erfuhr,
daß derselbe noch am Tage seines Aufbruchs aus dem Fort, in einem
Gefecht mit den feindlichen Truppen, seinen Tod gefunden habe. Der
Kurier, der diese Nachricht nach M... brachte, hatte ihn mit eignen
Augen, tödlich durch die Brust geschossen, nach P... tragen sehen, wo
er, wie man sichere Nachricht hatte, in dem Augenblick, da ihn die
Träger von den Schultern nehmen wollten, verblichen war. Der
Kommandant, der sich selbst auf das Posthaus verfügte, und sich nach
den näheren Umständen dieses Vorfalls erkundigte, erfuhr noch, daß er
auf dem Schlachtfeld, in dem Moment, da ihn der Schuß traf, gerufen
habe: "Julietta! Diese Kugel rächt dich!" und nachher seine Lippen
auf immer geschlossen hätte. Die Marquise war untröstlich, daß sie
die Gelegenheit hatte vorbeigehen lassen, sich zu seinen Füßen zu
werfen. Sie machte sich die lebhaftesten Vorwürfe, daß sie ihn, bei
seiner, vielleicht aus Bescheidenheit, wie sie meinte, herrührenden
Weigerung, im Schlosse zu erscheinen, nicht selbst aufgesucht habe;
bedauerte die Unglückliche, ihre Namensschwester, an die er noch im
Tode gedacht hatte; bemühte sich vergebens, ihren Aufenthalt zu
erforschen, um sie von diesem unglücklichen und rührenden Vorfall zu
unterrichten; und mehrere Monden vergingen, ehe sie selbst ihn
vergessen konnte.
Die Familie mußte nun das Kommandantenhaus räumen, um dem russischen
Befehlshaber darin Platz zu machen. Man überlegte anfangs, ob man
sich nicht auf die Güter des Kommandanten begeben sollte, wozu die
Marquise einen großen Hang hatte; doch da der Obrist das Landleben
nicht liebte, so bezog die Familie ein Haus in der Stadt, und
richtete sich dasselbe zu einer immerwährenden Wohnung ein. Alles
kehrte nun in die alte Ordnung der Dinge zurück. Die Marquise
knüpfte den lange unterbrochenen Unterricht ihrer Kinder wieder an,
und suchte, für die Feierstunden, ihre Staffelei und Bücher hervor:
als sie sich, sonst die Göttin der Gesundheit selbst, von
wiederholten Unpäßlichkeiten befallen fühlte, die sie ganze Wochen
lang, für die Gesellschaft untauglich machten. Sie litt an
Übelkeiten, Schwindeln und Ohnmachten, und wußte nicht, was sie aus
diesem sonderbaren Zustand machen solle. Eines Morgens, da die
Familie beim Tee saß, und der Vater sich, auf einen Augenblick, aus
dem Zimmer entfernt hatte, sagte die Marquise, aus einer langen
Gedankenlosigkeit erwachend, zu ihrer Mutter: wenn mir eine Frau
sagte, daß sie ein Gefühl hätte, ebenso, wie ich jetzt, da ich die
Tasse ergriff, so würde ich bei mir denken, daß sie in gesegneten
Leibesumständen wäre. Frau von G... sagte, sie verstände sie nicht.
Die Marquise erklärte sich noch einmal, daß sie eben jetzt eine
Sensation gehabt hätte, wie damals, als sie mit ihrer zweiten Tochter
schwanger war. Frau von G... sagte, sie würde vielleicht den
Phantasus gebären, und lachte. Morpheus wenigstens, versetzte die
Marquise, oder einer der Träume aus seinem Gefolge würde sein Vater
sein; und scherzte gleichfalls. Doch der Obrist kam, das Gespräch
ward abgebrochen, und der ganze Gegenstand, da die Marquise sich in
einigen Tagen wieder erholte, vergessen.
Bald darauf ward der Familie, eben zu einer Zeit, da sich auch der
Forstmeister von G..., des Kommandanten Sohn, in dem Hause
eingefunden hatte, der sonderbare Schrecken, durch einen Kammerdiener,
der ins Zimmer trat, den Grafen F... anmelden zu hören. Der Graf F..
.! sagte der Vater und die Tochter zugleich; und das Erstaunen machte
alle sprachlos. Der Kammerdiener versicherte, daß er recht gesehen
und gehört habe, und daß der Graf schon im Vorzimmer stehe, und warte.
Der Kommandant sprang sogleich selbst auf, ihm zu öffnen, worauf er,
schön, wie ein junger Gott, ein wenig bleich im Gesicht, eintrat.
Nachdem die Szene unbegreiflicher Verwunderung vorüber war, und der
Graf, auf die Anschuldigung der Eltern, daß er ja tot sei, versichert
hatte, daß er lebe; wandte er sich, mit vieler Rührung im Gesicht,
zur Tochter, und seine erste Frage war gleich, wie sie sich befinde?
Die Marquise versicherte, sehr wohl, und wollte nur wissen, wie er
ins Leben erstanden sei? Doch er, auf seinem Gegenstand beharrend,
erwiderte: daß sie ihm nicht die Wahrheit sage; auf ihrem Antlitz
drücke sich eine seltsame Mattigkeit aus; ihn müsse alles trügen,
oder sie sei unpäßlich, und leide. Die Marquise, durch die
Herzlichkeit, womit er dies vorbrachte, gut gestimmt, versetzte: nun
ja; diese Mattigkeit, wenn er wolle, könne für die Spur einer
Kränklichkeit gelten, an welcher sie vor einigen Wochen gelitten
hätte; sie fürchte inzwischen nicht, daß diese weiter von Folgen sein
würde. Worauf er, mit einer aufflammenden Freude, erwiderte: er auch
nicht! und hinzusetzte, ob sie ihn heiraten wolle? Die Marquise
wußte nicht, was sie von dieser Aufführung denken solle. Sie sah,
über und über rot, ihre Mutter, und diese, mit Verlegenheit, den Sohn
und den Vater an; während der Graf vor die Marquise trat, und indem
er ihre Hand nahm, als ob er sie küssen wollte, wiederholte: ob sie
ihn verstanden hätte? Der Kommandant sagte: ob er nicht Platz nehmen
wolle; und setzte ihm, auf eine verbindliche, obschon etwas
ernsthafte, Art einen Stuhl hin. Die Obristin sprach: in der Tat,
wir werden glauben, daß Sie ein Geist sind, bis Sie uns werden
eröffnet haben, wie Sie aus dem Grabe, in welches man Sie zu P...
gelegt hatte, erstanden sind. Der Graf setzte sich, indem er die
Hand der Dame fahren ließ, nieder, und sagte, daß er, durch die
Umstände gezwungen, sich sehr kurz fassen müsse; daß er, tödlich
durch die Brust geschossen, nach P... gebracht worden wäre; daß er
mehrere Monate daselbst an seinem Leben verzweifelt hätte; daß
während dessen die Frau Marquise sein einziger Gedanke gewesen wäre;
daß er die Lust und den Schmerz nicht beschreiben könnte, die sich in
dieser Vorstellung umarmt hätten; daß er endlich, nach seiner
Wiederherstellung, wieder zur Armee gegangen wäre; daß er daselbst
die lebhafteste Unruhe empfunden hätte; daß er mehrere Male die Feder
ergriffen, um in einem Briefe, an den Herrn Obristen und die Frau
Marquise, seinem Herzen Luft zu machen; daß er plötzlich mit
Depeschen nach Neapel geschickt worden wäre; daß er nicht wisse, ob
er nicht von dort weiter nach Konstantinopel werde abgeordert werden;
daß er vielleicht gar nach St. Petersburg werde gehen müssen; daß ihm
inzwischen unmöglich wäre, länger zu leben, ohne über eine notwendige
Forderung seiner Seele ins Reine zu sein; daß er dem Drang bei seiner
Durchreise durch M..., einige Schritte zu diesem Zweck zu tun, nicht
habe widerstehen können; kurz, daß er den Wunsch hege, mit der Hand
der Frau Marquise beglückt zu werden, und daß er auf das
ehrfurchtsvollste, inständigste und dringendste bitte, sich ihm
hierüber gütig zu erklären.--Der Kommandant, nach einer langen Pause,
erwiderte: daß ihm dieser Antrag zwar, wenn er, wie er nicht zweifle,
ernsthaft gemeint sei, sehr schmeichelhaft wäre. Bei dem Tode ihres
Gemahls, des Marquis von O..., hätte sich seine Tochter aber
entschlossen, in keine zweite Vermählung einzugehen. Da ihr jedoch
kürzlich von ihm eine so große Verbindlichkeit auferlegt worden sei:
so wäre es nicht unmöglich, daß ihr Entschluß dadurch, seinen
Wünschen gemäß, eine Abänderung erleide; er bitte sich inzwischen die
Erlaubnis für sie aus, darüber im Stillen während einiger Zeit
nachdenken zu dürfen. Der Graf versicherte, daß diese gütige
Erklärung zwar alle seine Hoffnungen befriedige; daß sie ihn, unter
anderen Umständen, auch völlig beglücken würde; daß er die ganze
Unschicklichkeit fühle, sich mit derselben nicht zu beruhigen: daß
dringende Verhältnisse jedoch, über welche er sich näher auszulassen
nicht im Stande sei, ihm eine bestimmtere Erklärung äußerst
wünschenswert machten; daß die Pferde, die ihn nach Neapel tragen
sollten, vor seinem Wagen stünden; und daß er inständigst bitte, wenn
irgend etwas in diesem Hause günstig für ihn spreche,--wobei er die
Marquise ansah--ihn nicht, ohne eine gütige Äußerung darüber,
abreisen zu lassen. Der Obrist, durch diese Aufführung ein wenig
betreten, antwortete, daß die Dankbarkeit, die die Marquise für ihn
empfände, ihn zwar zu großen Voraussetzungen berechtige: doch nicht
zu so großen; sie werde bei einem Schritte, bei welchem es das Glück
ihres Lebens gelte, nicht ohne die gehörige Klugheit verfahren. Es
wäre unerläßlich, daß seiner Tochter, bevor sie sich erkläre, das
Glück seiner näheren Bekanntschaft würde. Er lade ihn ein, nach
Vollendung seiner Geschäftsreise, nach M... zurückzukehren, und auf
einige Zeit der Gast seines Hauses zu sein. Wenn alsdann die Frau
Marquise hoffen könne, durch ihn glücklich zu werden, so werde auch
er, eher aber nicht, mit Freuden vernehmen, daß sie ihm eine
bestimmte Antwort gegeben habe. Der Graf äußerte, indem ihm eine
Röte ins Gesicht stieg, daß er seinen ungeduldigen Wünschen, während
seiner ganzen Reise, dies Schicksal vorausgesagt habe; daß er sich
inzwischen dadurch in die äußerste Bekümmernis gestürzt sehe; daß ihm,
bei der ungünstigen Rolle, die er eben jetzt zu spielen gezwungen
sei, eine nähere Bekanntschaft nicht anders als vorteilhaft sein
könne; daß er für seinen Ruf, wenn anders diese zweideutigste aller
Eigenschaften in Erwägung gezogen werden solle, einstehen zu dürfen
glaube; daß die einzige nichtswürdige Handlung, die er in seinem
Leben begangen hätte, der Welt unbekannt, und er schon im Begriff sei,
sie wieder gut zu machen; daß er, mit einem Wort, ein ehrlicher Mann
sei, und die Versicherung anzunehmen bitte, daß diese Versicherung
wahrhaftig sei.--Der Kommandant erwiderte, indem er ein wenig,
obschon ohne Ironie, lächelte, daß er alle diese Äußerungen
unterschreibe. Noch hätte er keines jungen Mannes Bekanntschaft
gemacht, der, in so kurzer Zeit, so viele vortreffliche Eigenschaften
des Charakters entwickelt hätte. Er glaube fast, daß eine kurze
Bedenkzeit die Unschlüssigkeit, die noch obwalte, heben würde; bevor
er jedoch Rücksprache genommen hätte, mit seiner sowohl, als des
Herrn Grafen Familie, könne keine andere Erklärung, als die gegebene,
erfolgen. Hierauf äußerte der Graf, daß er ohne Eltern und frei sei.
Sein Onkel sei der General K..., für dessen Einwilligung er stehe.
Er setzte hinzu, daß er Herr eines ansehnlichen Vermögens wäre, und
sich würde entschließen können, Italien zu seinem Vaterlande zu
machen.--Der Kommandant machte ihm eine verbindliche Verbeugung,
erklärte seinen Willen noch einmal; und bat ihn, bis nach vollendeter
Reise, von dieser Sache abzubrechen. Der Graf, nach einer kurzen
Pause, in welcher er alle Merkmale der größten Unruhe gegeben hatte,
sagte, indem er sich zur Mutter wandte, daß er sein Äußerstes getan
hätte, um dieser Geschäftsreise auszuweichen; daß die Schritte, die
er deshalb beim General en Chef, und dem General K..., seinem Onkel,
gewagt hätte, die entscheidendsten gewesen wären, die sich hätten tun
lassen; daß man aber geglaubt hätte, ihn dadurch aus einer Schwermut
aufzurütteln, die ihm von seiner Krankheit noch zurückgeblieben wäre;
und daß er sich jetzt völlig dadurch ins Elend gestürzt sehe.--Die
Familie wußte nicht, was sie zu dieser Äußerung sagen sollte. Der
Graf fuhr fort, indem er sich die Stirn rieb, daß wenn irgend
Hoffnung wäre, dem Ziele seiner Wünsche dadurch näher zu kommen, er
seine Reise auf einen Tag, auch wohl noch etwas darüber, aussetzen
würde, um es zu versuchen.--Hierbei sah er, nach der Reihe, den
Kommandanten, die Marquise und die Mutter an. Der Kommandant blickte
mißvergnügt vor sich nieder, und antwortete ihm nicht. Die Obristin
sagte: gehn Sie, gehn Sie, Herr Graf; reisen Sie nach Neapel;
schenken Sie uns, wenn Sie wiederkehren, auf einige Zeit das Glück
Ihrer Gegenwart; so wird sich das Übrige finden.--Der Graf saß einen
Augenblick, und schien zu suchen, was er zu tun habe. Drauf, indem
er sich erhob, und seinen Stuhl wegsetzte: da er die Hoffnungen,
sprach er, mit denen er in dies Haus getreten sei, als übereilt
erkennen müsse, und die Familie, wie er nicht mißbillige, auf eine
nähere Bekanntschaft bestehe: so werde er seine Depeschen, zu einer
anderweitigen Expedition, nach Z..., in das Hauptquartier,
zurückschicken, und das gütige Anerbieten, der Gast dieses Hauses zu
sein, auf einige Wochen annehmen. Worauf er noch, den Stuhl in der
Hand, an der Wand stehend, einen Augenblick verharrte, und den
Kommandanten ansah. Der Kommandant versetzte, daß es ihm äußerst
leid tun würde, wenn die Leidenschaft, die er zu seiner Tochter
gefaßt zu haben scheine, ihm Unannehmlichkeiten von der
ernsthaftesten Art zuzöge: daß er indessen wissen müsse, was er zu
tun und zu lassen habe, die Depeschen abschicken, und die für ihn
bestimmten Zimmer, beziehen möchte. Man sah ihn bei diesen Worten
sich entfärben, der Mutter ehrerbietig die Hand küssen, sich gegen
die Übrigen verneigen und sich entfernen.
Als er das Zimmer verlassen hatte, wußte die Familie nicht, was sie
aus dieser Erscheinung machen solle. Die Mutter sagte, es wäre wohl
nicht möglich, daß er Depeschen, mit denen er nach Neapel ginge, nach
Z... zurückschicken wolle, bloß, weil es ihm nicht gelungen wäre, auf
seiner Durchreise durch M..., in einer fünf Minuten langen
Unterredung, von einer ihm ganz unbekannten Dame ein Jawort zu
erhalten. Der Forstmeister äußerte, daß eine so leichtsinnige Tat ja
mit nichts Geringerem, als Festungsarrest, bestraft werden würde!
Und Kassation obenein, setzte der Kommandant hinzu. Es habe aber
damit keine Gefahr, fuhr er fort. Es sei ein bloßer Schreckschuß
beim Sturm; er werde sich wohl noch, ehe er die Depeschen abgeschickt,
wieder besinnen. Die Mutter, als sie von dieser Gefahr unterrichtet
ward, äußerte die lebhafteste Besorgnis, daß er sie abschicken werde.
Sein heftiger, auf einen Punkt hintreibender Wille, meinte sie,
scheine ihr gerade einer solchen Tat fähig. Sie bat den Forstmeister
auf das dringendste, ihm sogleich nachzugehen, und ihn von einer so
unglückdrohenden Handlung abzuhalten. Der Forstmeister erwiderte,
daß ein solcher Schritt gerade das Gegenteil bewirken, und ihn nur in
der Hoffnung, durch seine Kriegslist zu siegen, bestärken würde. Die
Marquise war derselben Meinung, obschon sie versicherte, daß ohne ihn
die Absendung der Depeschen unfehlbar erfolgen würde, indem er lieber
werde unglücklich werden, als sich eine Blöße geben wollen. Alle
kamen darin überein, daß sein Betragen sehr sonderbar sei, und daß er
Damenherzen durch Anlauf, wie Festungen, zu erobern gewohnt scheine.
In diesem Augenblick bemerkte der Kommandant den angespannten Wagen
des Grafen vor seiner Tür. Er rief die Familie ans Fenster, und
fragte einen eben eintretenden Bedienten, erstaunt, ob der Graf noch
im Hause sei? Der Bediente antwortete, daß er unten, in der
Domestikenstube, in Gesellschaft eines Adjutanten, Briefe schreibe
und Pakete versiegle. Der Kommandant, der seine Bestürzung
unterdrückte, eilte mit dem Forstmeister hinunter, und fragte den
Grafen, da er ihn auf dazu nicht schicklichen Tischen seine Geschäfte
betreiben sah, ob er nicht in seine Zimmer treten wolle? Und ob er
sonst irgend etwas befehle? Der Graf erwiderte, indem er mit
Eilfertigkeit fortschrieb, daß er untertänigst danke, und daß sein
Geschäft abgemacht sei; fragte noch, indem er den Brief zusiegelte,
nach der Uhr; und wünschte dem Adjutanten, nachdem er ihm das ganze
Portefeuille übergeben hatte, eine glückliche Reise. Der Kommandant,
der seinen Augen nicht traute, sagte, indem der Adjutant zum Hause
hinausging: Herr Graf, wenn Sie nicht sehr wichtige Gründe
haben--Entscheidende! fiel ihm der Graf ins Wort; begleitete den
Adjutanten zum Wagen, und öffnete ihm die Tür. In diesem Fall würde
ich wenigstens, fuhr der Kommandant fort, die Depeschen--Es ist nicht
möglich, antwortete der Graf, indem er den Adjutanten in den Sitz hob.
Die Depeschen gelten nichts in Neapel ohne mich. Ich habe auch
daran gedacht. Fahr zu!--Und die Briefe Ihres Herrn Onkels? rief der
Adjutant, sich aus der Tür hervorbeugend. Treffen mich, erwiderte
der Graf, in M... Fahr zu, sagte der Adjutant, und rollte mit dem
Wagen dahin.
Hierauf fragte der Graf F..., indem er sich zum Kommandanten wandte,
ob er ihm gefälligst sein Zimmer anweisen lassen wolle? Er würde
gleich selbst die Ehre haben, antwortete der verwirrte Obrist; rief
seinen und des Grafen Leuten, das Gepäck desselben aufzunehmen: und
führte ihn in die für fremden Besuch bestimmten Gemächer des Hauses,
wo er sich ihm mit einem trocknen Gesicht empfahl. Der Graf kleidete
sich um; verließ das Haus, um sich bei dem Gouverneur des Platzes zu
melden, und für den ganzen weiteren Rest des Tages im Hause
unsichtbar, kehrte er erst kurz vor der Abendtafel dahin zurück.
Inzwischen war die Familie in der lebhaftesten Unruhe. Der
Forstmeister erzählte, wie bestimmt, auf einige Vorstellungen des
Kommandanten, des Grafen Antworten ausgefallen wären; meinte, daß
sein Verhalten einem völlig überlegten Schritt ähnlich sehe; und
fragte, in aller Welt, nach den Ursachen einer so auf Kurierpferden
gehenden Bewerbung. Der Kommandant sagte, daß er von der Sache
nichts verstehe, und forderte die Familie auf, davon weiter nicht in
seiner Gegenwart zu sprechen. Die Mutter sah alle Augenblicke aus
dem Fenster, ob er nicht kommen, seine leichtsinnige Tat bereuen, und
wieder gut machen werde. Endlich, da es finster ward, setzte sie
sich zur Marquise nieder, welche, mit vieler Emsigkeit, an einem
Tisch arbeitete, und das Gespräch zu vermeiden schien. Sie fragte
sie halblaut, während der Vater auf und niederging, ob sie begreife,
was aus dieser Sache werden solle? Die Marquise antwortete, mit
einem schüchtern nach dem Kommandanten gewandten Blick: wenn der
Vater bewirkt hätte, daß er nach Neapel gereist wäre, so wäre alles
gut. Nach Neapel! rief der Kommandant, der dies gehört hatte. Sollt
ich den Priester holen lassen? Oder hätt ich ihn schließen lassen
und arretieren, und mit Bewachung nach Neapel schicken sollen?--Nein,
antwortete die Marquise, aber lebhafte und eindringliche
Vorstellungen tun ihre Wirkung; und sah, ein wenig unwillig, wieder
auf ihre Arbeit nieder.--Endlich gegen die Nacht erschien der Graf.
Man erwartete nur, nach den ersten Höflichkeitsbezeugungen, daß
dieser Gegenstand zur Sprache kommen werde, um ihn mit vereinter
Kraft zu bestürmen, den Schritt, den er gewagt hatte, wenn es noch
möglich sei, wieder zurückzunehmen. Doch vergebens, während der
ganzen Abendtafel, erharrte man diesen Augenblick. Geflissentlich
alles, was darauf führen konnte, vermeidend, unterhielt er den
Kommandanten vom Kriege, und den Forstmeister von der Jagd. Als er
des Gefechts bei P..., in welchem er verwundet worden war, erwähnte,
verwickelte ihn die Mutter bei der Geschichte seiner Krankheit,
fragte ihn, wie es ihm an diesem kleinen Orte ergangen sei, und ob er
die gehörigen Bequemlichkeiten gefunden hätte. Hierauf erzählte er
mehrere, durch seine Leidenschaft zur Marquise interessanten, Züge:
wie sie beständig, während seiner Krankheit, an seinem Bette gesessen
hätte; wie er die Vorstellung von ihr, in der Hitze des Wundfiebers,
immer mit der Vorstellung eines Schwans verwechselt hätte, den er,
als Knabe, auf seines Onkels Gütern gesehen; daß ihm besonders eine
Erinnerung rührend gewesen wäre, da er diesen Schwan einst mit Kot
beworfen, worauf dieser still untergetaucht, und rein aus der Flut
wieder emporgekommen sei; daß sie immer auf feurigen Fluten
umhergeschwommen wäre, und er Thinka gerufen hätte, welches der Name
jenes Schwans gewesen, daß er aber nicht im Stande gewesen wäre, sie
an sich zu locken, indem sie ihre Freude gehabt hätte, bloß am Rudern
und In-die-Brust-sich-werfen; versicherte plötzlich, blutrot im
Gesicht, daß er sie außerordentlich liebe: sah wieder auf seinen
Teller nieder, und schwieg. Man mußte endlich von der Tafel aufstehen;
und da der Graf, nach einem kurzen Gespräch mit der Mutter, sich
sogleich gegen die Gesellschaft verneigte, und wieder in sein Zimmer
zurückzog: so standen die Mitglieder derselben wieder, und wußten
nicht, was sie denken sollten. Der Kommandant meinte: man müsse der
Sache ihren Lauf lassen. Er rechne wahrscheinlich auf seine
Verwandten bei diesem Schritte. Infame Kassation stünde sonst darauf.
Frau von G... fragte ihre Tochter, was sie denn von ihm halte? Und
ob sie sich wohl zu irgend einer Äußerung, die ein Unglück vermiede,
würde verstehen können? Die Marquise antwortete: Liebste Mutter!
Das ist nicht möglich. Es tut mir leid, daß meine Dankbarkeit auf
eine so harte Probe gestellt wird. Doch es war mein Entschluß, mich
nicht wieder zu vermählen; ich mag mein Glück nicht, und nicht so
unüberlegt, auf ein zweites Spiel setzen. Der Forstmeister bemerkte,
daß wenn dies ihr fester Wille wäre, auch diese Erklärung ihm Nutzen
schaffen könne, und daß es fast notwendig scheinen ihm irgend eine
bestimmte zu geben. Die Obristin versetzte, daß da dieser junge Mann,
den so viele außerordentliche Eigenschaften empfehlen, seinen
Aufenthalt in Italien nehmen zu wollen, erklärt habe, sein Antrag,
nach ihrer Meinung, einige Rücksicht, und der Entschluß der Marquise
Prüfung verdiene. Der Forstmeister, indem er sich bei ihr niederließ,
fragte, wie er ihr denn, was seine Person anbetreffe, gefalle? Die
Marquise antwortete, mit einiger Verlegenheit: er gefällt und
mißfällt mir; und berief sich auf das Gefühl der anderen. Die
Obristin sagte: wenn er von Neapel zurückkehrt, und die Erkundigungen,
die wir inzwischen über ihn einziehen könnten, dem Gesamteindruck,
den du von ihm empfangen hast, nicht widersprächen: wie würdest du
dich, falls er alsdann seinen Antrag wiederholte, erklären? In
diesem Fall, versetzte die Marquise, würd ich--da in der Tat seine
Wünsche so lebhaft scheinen, diese Wünsche--sie stockte, und ihre
Augen glänzten, indem sie dies sagte--um der Verbindlichkeit willen,
die ich ihm schuldig bin, erfüllen. Die Mutter, die eine zweite
Vermählung ihrer Tochter immer gewünscht hatte, hatte Mühe, ihre
Freude über diese Erklärung zu verbergen, und sann, was sich wohl
daraus machen lasse. Der Forstmeister sagte, indem er unruhig vom
Sitz wieder aufstand, daß wenn die Marquise irgend an die Möglichkeit
denke, ihn einst mit ihrer Hand zu erfreuen, jetzt gleich notwendig
ein Schritt dazu geschehen müsse, um den Folgen seiner rasenden Tat
vorzubeugen. Die Mutter war derselben Meinung, und behauptete, daß
zuletzt das Wagstück nicht groß wäre, indem bei so vielen
vortrefflichen Eigenschaften, die er in jener Nacht, da das Fort von
den Russen erstürmt ward, entwickelte, kaum zu fürchten sei, daß sein
übriger Lebenswandel ihnen nicht entsprechen sollte. Die Marquise
sah, mit dem Ausdruck der lebhaftesten Unruhe, vor sich nieder. Man
könnte ihm ja, fuhr die Mutter fort, indem sie ihre Hand ergriff,
etwa eine Erklärung, daß du, bis zu seiner Rückkehr von Neapel, in
keine andere Verbindung eingehen wollest, zukommen lassen. Die
Marquise sagte: diese Erklärung, liebste Mutter, kann ich ihm geben;
ich fürchte nur, daß sie ihn nicht beruhigen, und uns verwickeln wird.
Das sei meine Sorge! erwiderte die Mutter, mit lebhafter Freude;
und sah sich nach dem Kommandanten um. Lorenzo! fragte sie, was
meinst du? Und machte Anstalten, sich vom Sitz zu erheben. Der
Kommandant, der alles gehört hatte, stand am Fenster, sah auf die
Straße hinaus, und sagte nichts. Der Forstmeister versicherte, daß
er, mit dieser unschädlichen Erklärung, den Grafen aus dem Hause zu
schaffen, sich anheischig mache. Nun so macht! macht! macht! rief
der Vater, indem er sich umkehrte: ich muß mich diesem Russen schon
zum zweitenmal ergeben!--Hierauf sprang die Mutter auf, küßte ihn und
die Tochter, und fragte, indem der Vater über ihre Geschäftigkeit
lächelte, wie man dem Grafen jetzt diese Erklärung augenblicklich
hinterbringen solle? Man beschloß, auf den Vorschlag des
Forstmeisters, ihn bitten zu lassen, sich, falls er noch nicht
entkleidet sei, gefälligst auf einen Augenblick zur Familie zu
verfügen. Er werde gleich die Ehre haben zu erscheinen! ließ der
Graf antworten, und kaum war der Kammerdiener mit dieser Meldung
zurück, als er schon selbst, mit Schritten, die die Freude beflügelte,
ins Zimmer trat, und zu den Füßen der Marquise, in der
allerlebhaftesten Rührung niedersank. Der Kommandant wollte etwas
sagen: doch er, indem er aufstand, versetzte, er wisse genug! küßte
ihm und der Mutter die Hand, umarmte den Bruder, und bat nur um die
Gefälligkeit, ihm sogleich zu einem Reisewagen zu verhelfen. Die
Marquise, obschon von diesem Auftritt bewegt, sagte doch: ich fürchte
nicht, Herr Graf, daß Ihre rasche Hoffnung Sie zu weit--Nichts!
Nichts! versetzte der Graf; es ist nichts geschehen, wenn die
Erkundigungen, die Sie über mich einziehen mögen, dem Gefühl
widersprechen, das mich zu Ihnen in dies Zimmer zurückberief.
Hierauf umarmte der Kommandant ihn auf das herzlichste, der
Forstmeister bot ihm sogleich seinen eigenen Reisewagen an, ein Jäger
flog auf die Post, Kurierpferde auf Prämien zu bestellen, und Freude
war bei dieser Abreise, wie noch niemals bei einem Empfang. Er hoffe,
sagte der Graf, die Depeschen in B... einzuholen, von wo er jetzt
einen näheren Weg nach Neapel, als über M... einschlagen würde; in
Neapel würde er sein Möglichstes tun, die fernere Geschäftsreise nach
Konstantinopel abzulehnen; und da er, auf den äußersten Fall,
entschlossen wäre, sich krank anzugeben, so versicherte er, daß wenn
nicht unvermeidliche Hindernisse ihn abhielten, er in Zeit von vier
bis sechs Wochen unfehlbar wieder in M... sein würde. Hierauf
meldete sein Jäger, daß der Wagen angespannt, und alles zur Abreise
bereit sei. Der Graf nahm seinen Hut, trat vor die Marquise, und
ergriff ihre Hand. Nun denn, sprach er, Julietta, so bin ich
einigermaßen beruhigt; und legte seine Hand in die ihrige; obschon es
mein sehnlichster Wunsch war, mich noch vor meiner Abreise mit Ihnen
zu vermählen. Vermählen! riefen alle Mitglieder der Familie aus.
Vermählen, wiederholte der Graf, küßte der Marquise die Hand, und
versicherte, da diese fragte, ob er von Sinnen sei: es würde ein Tag
kommen, wo sie ihn verstehen würde! Die Familie wollte auf ihn böse
werden; doch er nahm gleich auf das wärmste von allen Abschied, bat
sie, über diese Äußerung nicht weiter nachzudenken, und reiste ab.
Mehrere Wochen, in welchen die Familie, mit sehr verschiedenen
Empfindungen, auf den Ausgang dieser sonderbaren Sache gespannt war,
verstrichen. Der Kommandant empfing vom General K..., dem Onkel des
Grafen, eine höfliche Zuschrift; der Graf selbst schrieb aus Neapel;
die Erkundigungen, die man über ihn einzog, sprachen ziemlich zu
seinem Vorteil; kurz, man hielt die Verlobung schon für so gut, wie
abgemacht: als sich die Kränklichkeiten der Marquise, mit größerer
Lebhaftigkeit, als jemals, wieder einstellten. Sie bemerkte eine
unbegreifliche Veränderung ihrer Gestalt. Sie entdeckte sich mit
völliger Freimütigkeit ihrer Mutter, und sagte, sie wisse nicht, was
sie von ihrem Zustand denken solle. Die Mutter, welche so sonderbare
Zufälle für die Gesundheit ihrer Tochter äußerst besorgt machten,
verlangte, daß sie einen Arzt zu Rate ziehe. Die Marquise, die durch
ihre Natur zu siegen hoffte, sträubte sich dagegen; sie brachte
mehrere Tage noch, ohne dem Rat der Mutter zu folgen, unter den
empfindlichsten Leiden zu: bis Gefühle, immer wiederkehrend und von
so wunderbarer Art, sie in die lebhafteste Unruhe stürzten. Sie ließ
einen Arzt rufen, der das Vertrauen ihres Vaters besaß, nötigte ihn,
da gerade die Mutter abwesend war, auf den Diwan nieder, und
eröffnete ihm, nach einer kurzen Einleitung, scherzend, was sie von
sich glaube. Der Arzt warf einen forschenden Blick auf sie; schwieg
noch, nachdem er eine genaue Untersuchung vollendet hatte, eine
Zeitlang: und antwortete dann mit einer sehr ernsthaften Miene, daß
die Frau Marquise ganz richtig urteile. Nachdem er sich auf die
Frage der Dame, wie er dies verstehe, ganz deutlich erklärt, und mit
einem Lächeln, das er nicht unterdrücken konnte, gesagt hatte, daß
sie ganz gesund sei, und keinen Arzt brauche, zog die Marquise, und
sah ihn sehr streng von der Seite an, die Klingel, und bat ihn, sich
zu entfernen. Sie äußerte halblaut, als ob er der Rede nicht wert
wäre, vor sich nieder murmelnd: daß sie nicht Lust hätte, mit ihm
über Gegenstände dieser Art zu scherzen. Der Doktor erwiderte
empfindlich: er müsse wünschen, daß sie immer zum Scherz so wenig
aufgelegt gewesen wäre, wie jetzt; nahm Stock und Hut, und machte
Anstalten, sich sogleich zu empfehlen. Die Marquise versicherte, daß
sie von diesen Beleidigungen ihren Vater unterrichten würde. Der
Arzt antwortete, daß er seine Aussage vor Gericht beschwören könne:
öffnete die Tür, verneigte sich, und wollte das Zimmer verlassen.
Die Marquise fragte, da er noch einen Handschuh, den er hatte fallen
lassen, von der Erde aufnahm: und die Möglichkeit davon, Herr Doktor?
Der Doktor erwiderte, daß er ihr die letzten Gründe der Dinge nicht
werde zu erklären brauchen; verneigte sich ihr noch einmal, und ging
ab.
Die Marquise stand, wie vom Donner gerührt. Sie raffte sich auf, und
wollte zu ihrem Vater eilen; doch der sonderbare Ernst des Mannes,
von dem sie sich beleidigt sah, lähmte alle ihre Glieder. Sie warf
sich in der größten Bewegung auf den Diwan nieder. Sie durchlief,
gegen sich selbst mißtrauisch, alle Momente des verflossenen Jahres,
und hielt sich für verrückt, wenn sie an den letzten dachte. Endlich
erschien die Mutter; und auf die bestürzte Frage, warum sie so
unruhig sei? erzählte ihr die Tochter, was ihr der Arzt soeben
eröffnet hatte. Frau von G... nannte ihn einen Unverschämten und
Nichtswürdigen, und bestärkte die Tochter in dem Entschluß, diese
Beleidigung dem Vater zu entdecken. Die Marquise versicherte, daß es
sein völliger Ernst gewesen sei, und daß er entschlossen scheine, dem
Vater ins Gesicht seine rasende Behauptung zu wiederholen. Frau von
G... fragte, nicht wenig erschrocken, ob sie denn an die Möglichkeit
eines solchen Zustandes glaube? Eher, antwortete die Marquise, daß
die Gräber befruchtet werden, und sich dem Schoße der Leichen eine
Geburt entwickeln wird! Nun, du liebes wunderliches Weib, sagte die
Obristin, indem sie sie fest an sich drückte: was beunruhigt dich
denn? Wenn dein Bewußtsein dich rein spricht: wie kann dich ein
Urteil, und wäre es das einer ganzen Konsulta von Ärzten, nur
kümmern? Ob das seinige aus Irrtum, ob es aus Bosheit entsprang:
gilt es dir nicht völlig gleichviel? Doch schicklich ist es, daß wir
es dem Vater entdecken.--O Gott! sagte die Marquise, mit einer
konvulsivischen Bewegung: wie kann ich mich beruhigen. Hab ich nicht
mein eignes, innerliches, mir nur allzuwohlbekanntes Gefühl gegen
mich? Würd ich nicht, wenn ich in einer andern meine Empfindung
wüßte, von ihr selbst urteilen, daß es damit seine Richtigkeit habe?
Es ist entsetzlich, versetzte die Obristin. Bosheit! Irrtum! fuhr
die Marquise fort. Was kann dieser Mann, der uns bis auf den
heutigen Tag schätzenswürdig erschien, für Gründe haben, mich auf
eine so mutwillige und niederträchtige Art zu kränken? Mich, die ihn
nie beleidigt hatte? Die ihn mit Vertrauen, und dem Vorgefühl
zukünftiger Dankbarkeit, empfing? Bei der er, wie seine ersten Worte
zeugten, mit dem reinen und unverfälschten Willen erschien, zu helfen,
nicht Schmerzen, grimmigere, als ich empfand, erst zu erregen? Und
wenn ich in der Notwendigkeit der Wahl, fuhr sie fort, während die
Mutter sie unverwandt ansah, an einen Irrtum glauben wollte: ist es
wohl möglich, daß ein Arzt, auch nur von mittelmäßiger
Geschicklichkeit, in solchem Falle irre? Die Obristin sagte ein
wenig spitz: und gleichwohl muß es doch notwendig eins oder das
andere gewesen sein. Ja! versetzte die Marquise, meine teuerste
Mutter, indem sie ihr, mit dem Ausdruck der gekränkten Würde, hochrot
im Gesicht glühend, die Hand küßte: das muß es! Obschon die Umstände
so außerordentlich sind, daß es mir erlaubt ist, daran zu zweifeln.
Ich schwöre, weil es doch einer Versicherung bedarf, daß mein
Bewußtsein, gleich dem meiner Kinder ist; nicht reiner,
Verehrungswürdigste, kann das Ihrige sein. Gleichwohl bitte ich Sie,
mir eine Hebamme rufen zu lassen, damit ich mich von dem, was ist,
überzeuge, und gleichviel alsdann, was es sei, beruhige. Eine
Hebamme! rief Frau von G... mit Entwürdigung. Ein reines Bewußtsein,
und eine Hebamme! Und die Sprache ging ihr aus. Eine Hebamme, meine
teuerste Mutter, wiederholte die Marquise, indem sie sich auf Knieen
vor ihr niederließ; und das augenblicklich, wenn ich nicht wahnsinnig
werden soll. O sehr gern, versetzte die Obristin; nur bitte ich, das
Wochenlager nicht in meinem Hause zu halten. Und damit stand sie auf,
und wollte das Zimmer verlassen. Die Marquise, ihr mit
ausgebreiteten Armen folgend, fiel ganz auf das Gesicht nieder, und
umfaßte ihre Kniee. Wenn irgend ein unsträfliches Leben, rief sie,
mit der Beredsamkeit des Schmerzes, ein Leben, nach Ihrem Muster
geführt, mir ein Recht auf Ihre Achtung gibt, wenn irgend ein
mütterliches Gefühl auch nur, so lange meine Schuld nicht sonnenklar
entschieden ist, in Ihrem Busen für mich spricht: so verlassen Sie
mich in diesen entsetzlichen Augenblicken nicht.--Was ist es, das
dich beunruhigt? fragte die Mutter. Ist es weiter nichts, als der
Ausspruch des Arztes? Weiter nichts, als dein innerliches Gefühl?
Nichts weiter, meine Mutter, versetzte die Marquise, und legte ihre
Hand auf die Brust. Nichts, Julietta? fuhr die Mutter fort. Besinne
dich. Ein Fehltritt, so unsäglich er mich schmerzen würde, er ließe
sich, und ich müßte ihn zuletzt verzeihn; doch wenn du, um einem
mütterlichen Verweis auszuweichen, ein Märchen von der Umwälzung der
Weltordnung ersinnen, und gotteslästerliche Schwüre häufen könntest,
um es meinem, dir nur allzugerngläubigen, Herzen aufzubürden: so wäre
das schändlich; ich würde dir niemals wieder gut werden.--Möge das
Reich der Erlösung einst so offen vor mir liegen, wie meine Seele vor
Ihnen, rief die Marquise. Ich verschwieg Ihnen nichts, meine Mutter.
--Diese Äußerung, voll Pathos getan, erschütterte die Mutter. O
Himmel! rief sie: mein liebenswürdiges Kind! Wie rührst du mich!
Und hob sie auf, und küßte sie, und drückte sie ihre Brust. Was denn,
in aller Welt, fürchtest du? Komm, du bist sehr krank. Sie wollte
sie in ein Bett führen. Doch die Marquise, welcher die Tränen häufig
flossen, versicherte, daß sie sehr gesund wäre, und das ihr gar
nichts fehle, außer jenem sonderbaren und unbegreiflichen Zustand.
--Zustand! rief die Mutter wieder; welch ein Zustand? Wenn dein
Gedächtnis über die Vergangenheit so sicher ist, welch ein Wahnsinn
der Furcht ergriff dich? Kann ein innerliches Gefühl denn, das doch
nur dunkel sich regt, nicht trügen? Nein! Nein! sagte die Marquise,
es trügt mich nicht! Und wenn Sie die Hebamme rufen lassen wollen,
so werden Sie hören, daß das Entsetzliche, mich Vernichtende, wahr
ist. Komm, meine liebste Tochter, sagte Frau von G..., die für ihren
Verstand zu fürchten anfing. Komm, folge mir, und lege dich zu Bett.
Was meintest du, daß dir der Arzt gesagt hat? Wie dein Gesicht
glüht! Wie du an allen Gliedern so zitterst! Was war es schon, das
dir der Arzt gesagt hat? Und damit zog sie die Marquise, ungläubig
nunmehr an den ganzen Auftritt, den sie ihr erzählt hatte, mit sich
fort.--Die Marquise sagte: Liebe! Vortreffliche! indem sie mit
weinenden Augen lächelte. Ich bin meiner Sinne mächtig. Der Arzt
hat mir gesagt, daß ich in gesegneten Leibesumständen bin. Lassen
Sie die Hebamme rufen: und sobald sie sagt, daß es nicht wahr ist,
bin ich wieder ruhig. Gut, gut! erwiderte die Obristin, die ihre
Angst unterdrückte. Sie soll gleich kommen; sie soll gleich, wenn du
dich von ihr willst auslachen lassen, erscheinen, und dir sagen, daß
du eine Träumerin, und nicht recht klug bist. Und damit zog sie die
Klingel, und schickte augenblicklich einen ihrer Leute, der die
Hebamme rufe.
Die Marquise lag noch, mit unruhig sich hebender Brust, in den Armen
ihrer Mutter, als diese Frau erschien, und die Obristin ihr, an
welcher seltsamen Vorstellung ihre Tochter krank liege, eröffnete.
Die Frau Marquise schwöre, daß sie sich tugendhaft verhalten habe,
und gleichwohl halte sie, von einer unbegreiflichen Empfindung
getäuscht, für nötig, daß eine sachverständige Frau ihren Zustand
untersuche. Die Hebamme, während sie sich von demselben
unterrichtete, sprach von jungem Blut und der Arglist der Welt;
äußerte, als sie ihr Geschäft vollendet hatte, dergleichen Fälle
wären ihr schon vorgekommen; die jungen Witwen, die in ihre Lage
kämen, meinten alle auf wüsten Inseln gelebt zu haben; beruhigte
inzwischen die Frau Marquise, und versicherte sie, daß sich der
muntere Korsar, der zur Nachtzeit gelandet, schon finden würde. Bei
diesen Worten fiel die Marquise in Ohnmacht. Die Obristin, die ihr
mütterliches Gefühl nicht überwältigen konnte, brachte sie zwar, mit
Hülfe der Hebamme, wieder ins Leben zurück. Doch die Entrüstung
siegte, da sie erwacht war. Julietta! rief die Mutter mit dem
lebhaftesten Schmerz. Willst du dich mir entdecken, willst du den
Vater mir nennen? Und schien noch zur Versöhnung geneigt. Doch als
die Marquise sagte, daß sie wahnsinnig werden würde, sprach die
Mutter, indem sie sich vom Diwan erhob: geh! geh! du bist
nichtswürdig! Verflucht sei die Stunde, da ich dich gebar! und
verließ das Zimmer.
Die Marquise, der das Tageslicht von neuem schwinden wollte, zog die
Geburtshelferin vor sich nieder, und legte ihr Haupt heftig zitternd
an ihre Brust. Sie fragte, mit gebrochener Stimme, wie denn die
Natur auf ihren Wegen walte? Und ob die Möglichkeit einer
unwissentlichen Empfängnis sei?--Die Hebamme lächelte, machte ihr das
Tuch los, und sagte, das würde ja doch der Frau Marquise Fall nicht
sein. Nein, nein, antwortete die Marquise, sie habe wissentlich
empfangen, sie wolle nur im allgemeinen wissen, ob diese Erscheinung
im Reiche der Natur sei? Die Hebamme versetzte, daß dies, außer der
heiligen Jungfrau, noch keinem Weibe auf Erden zugestoßen wäre. Die
Marquise zitterte immer heftiger. Sie glaubte, daß sie
augenblicklich niederkommen würde, und bat die Geburtshelferin, indem
sie sich mit krampfhafter Beängstigung an sie schloß, sie nicht zu
verlassen. Die Hebamme beruhigte sie. Sie versicherte, daß das
Wochenbett noch beträchtlich entfernt wäre, gab ihr auch die Mittel
an, wie man, in solchen Fällen, dem Leumund der Welt ausweichen könne,
und meinte, es würde noch alles gut werden. Doch da diese
Trostgründe der unglücklichen Dame völlig wie Messerstiche durch die
Brust fuhren, so sammelte sie sich, sagte, sie befände sich besser,
und bat ihre Gesellschafterin sich zu entfernen.
Kaum war die Hebamme aus dem Zimmer, als ihr ein Schreiben von der
Mutter gebracht ward, in welchem diese sich so ausließ: "Herr von G...
wünsche, unter den obwaltenden Umständen, daß sie sein Haus verlasse.
Er sende ihr hierbei die über ihr Vermögen lautenden Papiere, und
hoffe daß ihm Gott den Jammer ersparen werde, sie wieder zu sehen.
"--Der Brief war inzwischen von Tränen benetzt; und in einem Winkel
stand ein vermischtes Wort: diktiert.--Der Marquise stürzte der
Schmerz aus den Augen. Sie ging, heftig über den Irrtum ihrer Eltern
weinend, und über die Ungerechtigkeit, zu welcher diese
vortrefflichen Menschen verführt wurden, nach den Gemächern ihrer
Mutter. Es hieß, sie sei bei ihrem Vater; sie wankte nach den
Gemächern ihres Vaters. Sie sank, als sie die Türe verschlossen fand,
mit jammernder Stimme, alle Heiligen zu Zeugen ihrer Unschuld
anrufend, vor derselben nieder. Sie mochte wohl schon einige Minuten
hier gelegen haben, als der Forstmeister daraus hervortrat, und zu
ihr mit flammendem Gesicht sagte: sie höre daß der Kommandant sie
nicht sehen wolle. Die Marquise rief: mein liebster Bruder! unter
vielem Schluchzen; drängte sich ins Zimmer, und rief: mein teuerster
Vater! und streckte die Arme nach ihm aus. Der Kommandant wandte ihr,
bei ihrem Anblick, den Rücken zu, und eilte in sein Schlafgemach.
Er rief, als sie ihn dahin verfolgte, hinweg! und wollte die Türe
zuwerfen; doch da sie, unter Jammern und Flehen, daß er sie schließe,
verhinderte, so gab er plötzlich nach und eilte, während die Marquise
zu ihm hineintrat, nach der hintern Wand. Sie warf sich ihm, der ihr
den Rücken zugekehrt hatte, eben zu Füßen, und umfaßte zitternd seine
Kniee, als ein Pistol, das er ergriffen hatte, in dem Augenblick, da
er es von der Wand herabriß, losging, und der Schuß schmetternd in
die Decke fuhr. Herr meines Lebens! rief die Marquise, erhob sich
leichenblaß von ihren Knieen, und eilte aus seinen Gemächern wieder
hinweg. Man soll sogleich anspannen, sagte sie, indem sie in die
ihrigen trat; setzte sich, matt bis in den Tod, auf einen Sessel
nieder, zog ihre Kinder eilfertig an, und ließ die Sachen einpacken.
Sie hatte eben ihr Kleinstes zwischen den Knieen, und schlug ihm noch
ein Tuch um, um nunmehr, da alles zur Abreise bereit war, in den
Wagen zu steigen: als der Forstmeister eintrat, und auf Befehl des
Kommandanten die Zurücklassung und Überlieferung der Kinder von ihr
forderte. Dieser Kinder? fragte sie; und stand auf. Sag deinem
unmenschlichen Vater, daß er kommen, und mich niederschießen, nicht
aber mir meine Kinder entreißen könne! Und hob, mit dem ganzen Stolz
der Unschuld gerüstet, ihre Kinder auf, trug sie ohne daß der Bruder
wagt hätte, sie anzuhalten, in den Wagen, und fuhr ab.
Durch diese schöne Anstrengung mit sich selbst bekannt gemacht, hob
sie sie sich plötzlich, wie an ihrer eigenen Hand, aus der ganzen
Tiefe, in welche das Schicksal sie herabgestürzt hatte, empor. Der
Aufruhr, der ihre Brust zerriß, legte sich, als sie im Freien war,
sie küßte häufig die Kinder, diese ihre liebe Beute, und mit großer
Selbstzufriedenheit gedachte sie, welch einen Sieg sie, durch die
Kraft ihres schuldfreien Bewußtseins, über ihren Bruder davon
getragen hatte. Ihr Verstand, stark genug, in ihrer sonderbaren Lage
nicht zu reißen, gab sich ganz unter der großen, heiligen und
unerklärlichen Einrichtung der Welt gefangen. Sie sah die
Unmöglichkeit ein, ihre Familie von ihrer Unschuld zu überzeugen,
begriff, daß sie sich darüber trösten müsse, falls sie nicht
untergehen wolle, und wenige Tage nur waren nach ihrer Ankunft in V...
verflossen, als der Schmerz ganz und gar dem heldenmütigen Vorsatz
Platz machte, sich mit Stolz gegen die Anfälle der Welt zu rüsten.
Sie beschloß, sich ganz in ihr Innerstes zurückzuziehen, sich, mit
ausschließendem Eifer, der Erziehung ihrer beiden Kinder zu widmen,
und des Geschenks, das ihr Gott mit dem dritten gemacht hatte, mit
voller mütterlichen Liebe zu pflegen. Sie machte Anstalten, in wenig
Wochen, sobald sie ihre Niederkunft überstanden haben würde, ihren
schönen, aber durch die lange Abwesenheit ein wenig verfallenen
Landsitz wieder herzustellen; saß in der Gartenlaube, und dachte,
während sie kleine Mützen, und Strümpfe für kleine Beine strickte,
wie sie die Zimmer bequem verteilen würde; auch, welches sie mit
Büchern füllen, und in welchem die Staffelei am schicklichsten stehen
würde. Und so war der Zeitpunkt, da der Graf F... von Neapel
wiederkehren sollte, noch nicht abgelaufen, als sie schon völlig mit
dem Schicksal, in ewig klösterlicher Eingezogenheit zu leben,
vertraut war. Der Türsteher erhielt Befehl, keinen Menschen im Hause
vorzulassen. Nur der Gedanke war ihr unerträglich, daß dem jungen
Wesen, das sie in der größten Unschuld und Reinheit empfangen hatte,
und dessen Ursprung, eben weil er geheimnisvoller war, auch
göttlicher zu sein schien, als der anderer Menschen, ein Schandfleck
in der bürgerlichen Gesellschaft ankleben sollte. Ein sonderbares
Mittel war ihr eingefallen, den Vater zu entdecken: ein Mittel, bei
dem sie, als sie es zuerst dachte, das Strickzeug selbst vor
Schrecken aus der Hand fallen ließ. Durch ganze Nächte, in unruhiger
Schlaflosigkeit durchwacht, ward es gedreht und gewendet um sich an
seine ihr innerstes Gefühl verletzende, Natur zu gewöhnen. Immer
noch sträubte sie sich, mit dem Menschen, der sie so hintergangen
hatte, in irgend ein Verhältnis zu treten: indem sie sehr richtig
schloß, daß derselbe doch, ohne alle Rettung, zum Auswurf seiner
Gattung gehören müsse, und, auf welchem Platz der Welt man ihn auch
denken wolle, nur aus dem zertretensten und unflätigsten Schlamm
derselben, hervorgegangen sein könne. Doch da das Gefühl ihrer
Selbständigkeit immer lebhafter in ihr ward, und sie bedachte daß der
Stein seinen Wert behält, er mag auch eingefaßt sein, wie man wolle,
so griff sie eines Morgens, da sich das junge Leben wieder in ihr
regte, ein Herz, und ließ jene sonderbare Aufforderung in die
Intelligenzblätter von M... rücken, die man am Eingang dieser
Erzählung gelesen hat.
Der Graf F..., den unvermeidliche Geschäfte in Neapel aufhielten,
hatte inzwischen zum zweitenmal an die Marquise geschrieben, und sie
aufgefordert, es möchten fremde Umstände eintreten, welche da wollten,
ihrer, ihm gegebenen, stillschweigenden Erklärung getreu zu bleiben.
Sobald es ihm geglückt war, seine fernere Geschäftsreise nach
Konstantinopel abzulehnen, und es seine übrigen Verhältnisse
gestatteten, ging er augenblicklich von Neapel ab, und kam auch
richtig, nur wenige Tage nach der von ihm bestimmten Frist, in M...
an. Der Kommandant empfing ihn mit einem verlegenen Gesicht, sagte,
daß ein notwendiges Geschäft ihn aus dem Hause nötige, und forderte
den Forstmeister auf, ihn inzwischen zu unterhalten. Der
Forstmeister zog ihn auf sein Zimmer, und fragte ihn, nach einer
kurzen Begrüßung, ob er schon wisse, was sich während seiner
Abwesenheit in dem Hause des Kommandanten zugetragen habe. Der Graf
antwortete, mit einer flüchtigen Blässe: nein. Hierauf unterrichtete
ihn der Forstmeister von der Schande, die die Marquise über die
Familie gebracht hatte, und gab ihm die Geschichtserzählung dessen,
was unsre Leser soeben erfahren haben. Der Graf schlug sich mit der
Hand vor die Stirn. Warum legte man mir so viele Hindernissen in den
Weg! rief er in der Vergessenheit seiner. Wenn die Vermählung
erfolgt wäre: so wäre alle Schmach und jedes Unglück uns erspart!
Der Forstmeister fragte, indem er ihn anglotzte, ob er rasend genug
wäre, zu wünschen, mit dieser Nichtswürdigen vermählt zu sein? Der
Graf erwiderte, daß sie mehr wert wäre, als die ganze Welt, die sie
verachtete; daß ihre Erklärung über ihre Unschuld vollkommnen Glauben
bei ihm fände; und daß er noch heute nach V... gehen, und seinen
Antrag bei ihr wiederholen würde. Er ergriff auch sogleich seinen
Hut, empfahl sich dem Forstmeister, der ihn für seiner Sinne völlig
beraubt hielt, und ging ab.
Er bestieg ein Pferd und sprengte nach V... hinaus. Als er am Tore
abgestiegen war, und in den Vorplatz treten wollte, sagte ihm der
Türsteher, daß die Frau Marquise keinen Menschen spräche. Der Graf
fragte, ob diese, für Fremde getroffene, Maßregel auch einem Freund
des Hauses gälte; worauf jener antwortete, daß er von keiner Ausnahme
wisse, und bald darauf, auf eine zweideutige Art hinzusetzte: ob er
vielleicht der Graf F... wäre? Der Graf erwiderte, nach einem
forschenden Blick, nein; und äußerte, zu seinem Bedienten gewandt,
doch so, daß jener es hören konnte, er werde, unter solchen Umständen,
in einem Gasthofe absteigen, und sich bei der Frau Marquise
schriftlich anmelden. Sobald er inzwischen dem Türsteher aus den
Augen war, bog er um eine Ecke, und umschlich die Mauer eines
weitläufigen Gartens, der sich hinter dem Hause ausbreitete. Er trat
durch eine Pforte, die er offen fand, in den Garten, durchstrich die
Gänge desselben, und wollte eben die hintere Rampe hinaufsteigen, als
er, in einer Laube, die zur Seite lag, die Marquise, in ihrer
lieblichen und geheimnisvollen Gestalt, an einem kleinen Tischchen
emsig arbeiten sah. Er näherte sich ihr so, daß sie ihn nicht früher
erblicken konnte, als bis er am Eingang der Laube, drei kleine
Schritte von ihren Füßen, stand. Der Graf F...! sagte die Marquise,
als sie die Augen aufschlug und die Röte der Überraschung überflog
ihr Gesicht. Der Graf lächelte, blieb noch eine Zeitlang, ohne sich
im Eingang zu rühren, stehen; setzte sich dann, mit so bescheidener
Zudringlichkeit, als sie nicht zu erschrecken nötig war, neben ihr
nieder, und schlug, ehe sie noch, in ihrer sonderbaren Lage, einen
Entschluß gefaßt hatte, seinen Arm sanft um ihren lieben Leib. Von
wo, Herr Graf, ist es möglich, fragte die Marquise--und sah
schüchtern vor sich auf die Erde nieder. Der Graf sagte: von M...,
und drückte sie ganz leise an sich; durch eine hintere Pforte, die
ich offen fand. Ich glaubte auf Ihre Verzeihung rechnen zu dürfen,
und trat ein. Hat man Ihnen denn in M... nicht gesagt--?--fragte sie,
und rührte noch kein Glied in seinen Armen. Alles, geliebte Frau,
versetzte der Graf; doch von Ihrer Unschuld völlig überzeugt--Wie!
rief die Marquise, indem sie aufstand, und sich loswickelte; und Sie
kommen gleichwohl?--Der Welt zum Trotz, fuhr er fort, indem er sie
festhielt, und Ihrer Familie zum Trotz, und dieser lieblichen
Erscheinung sogar zum Trotz; wobei er einen glühenden Kuß auf ihre
Brust drückte.--Hinweg! rief die Marquise--So überzeugt, sagte er,
Julietta, als ob ich allwissend wäre, als ob meine Seele in deiner
Brust wohnte--Die Marquise rief: Lassen Sie mich! Ich komme, schloß
er--und ließ sie nicht--meinen Antrag zu wiederholen, und das Los der
Seligen, wenn Sie mich erhören wollen, von Ihrer Hand zu empfangen.
Lassen Sie mich augenblicklich! rief die Marquise; ich befehls Ihnen!
riß sich gewaltsam aus seinen Armen, und entfloh. Geliebte!
Vortreffliche! flüsterte er, indem er wieder aufstand, und ihr folgte.
--Sie hören! rief die Marquise, und wandte sich, und wich ihm aus.
Ein einziges, heimliches, geflüstertes--! sagte der Graf, und griff
hastig nach ihrem glatten, ihm entschlüpfenden Arm.--Ich will nichts
wissen, versetzte die Marquise, stieß ihn heftig vor die Brust zurück,
eilte auf die Rampe, und verschwand.
Er war schon halb auf die Rampe gekommen, um sich, es koste, was es
wolle, bei ihr Gehör zu verschaffen, als die Tür vor ihm zuflog, und
der Riegel heftig, mit verstörter Beeiferung, vor seinen Schritten
zurasselte. Unschlüssig, einen Augenblick, was unter solchen
Umständen zu tun sei, stand er, und überlegte, ob er durch ein, zur
Seite offen stehendes Fenster einsteigen, und seinen Zweck, bis er
ihn erreicht, verfolgen solle; doch so schwer es ihm auch in jedem
Sinne war, umzukehren, diesmal schien es die Notwendigkeit zu
erfordern, und grimmig erbittert über sich, daß er sie aus seinen
Armen gelassen hatte, schlich er die Rampe hinab, und verließ den
Garten, um seine Pferde aufzusuchen. Er fühlte daß der Versuch, sich
an ihrem Busen zu erklären, für immer fehlgeschlagen sei, und ritt
schrittweise indem er einen Brief überlegte, den er jetzt zu
schreiben verdammt war, nach M... zurück. Abends, da er sich, in der
übelsten Laune von der Welt, bei einer öffentlichen Tafel eingefunden
hatte, traf er den Forstmeister an, der ihn auch sogleich befragte,
ob er seinen Antrag in V... glücklich angebracht habe? Der Graf
antwortete kurz: nein! und war sehr gestimmt, ihn mit einer bitteren
Wendung abzufertigen; doch um der Höflichkeit ein Genüge zu tun,
setzte er nach einer Weile hinzu: er habe sich entschlossen, sich
schriftlich an sie zu wenden, und werde damit in kurzem ins Reine
sein. Der Forstmeister sagte: er sehe mit Bedauern, daß seine
Leidenschaft für die Marquise ihn seiner Sinne beraube. Er müsse ihm
inzwischen versichern, daß sie bereits auf dem Wege sei, eine andere
Wahl zu treffen; klingelte nach den neuesten Zeitungen, und gab ihm
das Blatt, in welchem die Aufforderung derselben an den Vater ihres
Kindes eingerückt war. Der Graf durchlief, indem ihm das Blut ins
Gesicht schoß, die Schrift. Ein Wechsel von Gefühlen durchkreuzte
ihn. Der Forstmeister fragte, ob er nicht glaube, daß die Person,
die die Frau Marquise suche, sich finden werde?--Unzweifelhaft!
versetzte der Graf, indessen er mit ganzer Seele über dem Papier lag,
und den Sinn desselben gierig verschlang. Darauf nachdem er einen
Augenblick, während er das Blatt zusammenlegte, an das Fenster
getreten war, sagte er: nun ist es gut! nun weiß ich, was ich zu tun
habe! kehrte sich sodann um; und fragte den Forstmeister noch, auf
eine verbindliche Art, ob man ihn bald wiedersehen werde; empfahl
sich ihm, und ging, völlig ausgesöhnt mit seinem Schicksal, fort.
-Inzwischen waren in dem Hause des Kommandanten die lebhaftesten
Auftritte vorgefallen. Die Obristin war über die zerstörende
Heftigkeit ihres Gatten und über die Schwäche, mit welcher sie sich,
bei der tyrannischen Verstoßung der Tochter, von ihm hatte
unterjochen lassen, äußerst erbittert. Sie war, als der Schuß in des
Kommandanten Schlafgemach fiel, und die Tochter aus demselben
hervorstürzte, in eine Ohnmacht gesunken, aus der sie sich zwar bald
wieder erholte; doch der Kommandant hatte, in dem Augenblick ihres
Erwachens, weiter nichts gesagt, als, es täte ihm leid, daß sie
diesen Schrecken umsonst gehabt, und das abgeschossene Pistol auf
einen Tisch geworfen. Nachher, da von der Abforderung der Kinder die
Rede war, war sie schüchtern, zu erklären, daß man zu einem solchen
Schritt kein Recht habe; sie bat mit einer, durch die gehabte
Anwandlung, schwachen und rührenden Stimme, heftige Auftritte im
Hause zu vermeiden; doch der Kommandant erwiderte weiter nichts, als,
indem er sich zum Forstmeister wandte, vor Wut schäumend: geh! und
schaff sie mir! Als der zweite Brief des Grafen F... ankam, hatte
der Kommandant befohlen, daß er nach V... zur Marquise
herausgeschickt werden solle, welche ihn, wie man nachher durch den
Boten erfuhr, bei Seite gelegt, und gesagt hatte, es wäre gut. Die
Obristin, der in der ganzen Begebenheit so vieles, und besonders die
Geneigtheit der Marquise, eine neue, ihr ganz gleichgültige
Vermählung einzusehen, dunkel war, suchte vergebens, diesen Umstand
zur Sprache zu bringen. Der Kommandant bat immer, auf eine Art, die
einem Befehle gleich sah, zu schweigen; versicherte, indem er einst,
bei einer solchen Gelegenheit, ein Porträt herabnahm, das noch von
ihr an der Wand hing, daß er sein Gedächtnis ihrer ganz zu vertilgen
wünsche; und meinte, er hätte keine Tochter mehr. Drauf erschien der
sonderbare Aufruf der Marquise in den Zeitungen. Die Obristin, die
auf das lebhafteste darüber betroffen war, ging mit dem Zeitungsblatt,
das sie von dem Kommandanten erhalten hatte, in sein Zimmer, wo sie
ihn an einem Tisch arbeitend fand, und fragte ihn, was er in aller
Welt davon halte? Der Kommandant sagte, indem er fortschrieb: o! sie
ist unschuldig. Wie! rief Frau von G..., mit dem alleräußersten
Erstaunen: unschuldig? Sie hat es im Schlaf getan, sagte der
Kommandant, ohne aufzusehen. Im Schlafe! versetzte Frau von G...
Und ein so ungeheurer Vorfall wäre--? Die Närrin! rief der
Kommandant, schob die Papiere über einander, und ging weg.
Am nächsten Zeitungstage las die Obristin, da beide beim Frühstück
saßen, in einem Intelligenzblatt, das eben ganz feucht von der Presse
kam, folgende Antwort:
"Wenn die Frau Marquise von O... sich, am 3ten... 11 Uhr morgens, im
Hause des Herrn von G..., ihres Vaters, einfinden will: so wird sich
derjenige, den sie sucht, ihr daselbst zu Füßen werfen."-Der Obristin
verging, ehe sie noch auf die Hälfte dieses unerhörten Artikels
gekommen war, die Sprache; sie überflog das Ende, und reichte das
Blatt dem Kommandanten dar. Der Obrist durchlas das Blatt dreimal,
als ob er seinen eignen Augen nicht traute. Nun sage mir, um des
Himmels willen, Lorenzo, rief die Obristin, was hältst du davon? O
die Schändliche! versetzte der Kommandant, und stand auf; o die
verschmitzte Heuchlerin! Zehnmal die Schamlosigkeit einer Hündin,
mit zehnfacher List des Fuchses gepaart, reichen noch an die ihrige
nicht! Solch eine Miene! Zwei solche Augen! Ein Cherub hat sie
nicht treuer!--und jammerte und konnte sich nicht beruhigen. Aber
was in aller Welt, fragte die Obristin, wenn es eine List ist, kann
sie damit bezwecken? Was sie damit bezweckt? Ihre nichtswürdige
Betrügerei, mit Gewalt will sie sie durchsetzen, erwiderte der Obrist.
Auswendig gelernt ist sie schon, die Fabel, die sie uns beide, sie
und er, am Dritten 11 Uhr morgens hier aufbürden wollen. Mein liebes
Töchterchen, soll ich sagen, das wußte ich nicht, wer konnte das
denken, vergib mir, nimm meinen Segen, und sei wieder gut. Aber die
Kugel dem, der am Dritten morgens über meine Schwelle tritt! Es
müßte denn schicklicher sein, ihn mir durch Bedienten aus dem Hause
zu schaffen.--Frau von G... sagte, nach einer nochmaligen Überlesung
des Zeitungsblattes, daß wenn sie, von zwei unbegreiflichen Dingen,
einem, Glauben beimessen solle, sie lieber an ein unerhörtes Spiel
des Schicksals, als an diese Niederträchtigkeit ihrer sonst so
vortrefflichen Tochter glauben wolle. Doch ehe sie noch vollendet
hatte, rief der Kommandant schon: tu mir den Gefallen und schweig!
und verließ das Zimmer. Es ist mir verhaßt, wenn ich nur davon höre.
Wenige Tage nachher erhielt der Kommandant, in Beziehung auf diesen
Zeitungsartikel, einen Brief von der Marquise, in welchem sie ihn, da
ihr die Gnade versagt wäre, in seinem Hause erscheinen zu dürfen, auf
eine ehrfurchtsvolle und rührende Art bat, denjenigen, der sich am
Dritten morgens bei ihm zeigen würde, gefälligst zu ihr nach V...
hinauszuschicken. Die Obristin war gerade gegenwärtig, als der
Kommandant diesen Brief empfing; und da sie auf seinem Gesicht
deutlich bemerkte, daß er in seiner Empfindung irre geworden war:
denn welch ein Motiv jetzt, falls es eine Betrügerei war, sollte er
ihr unterlegen, da sie auf seine Verzeihung gar keine Ansprüche zu
machen schien? so rückte sie, dadurch dreist gemacht, mit einem Plan
hervor, den sie schon lange, in ihrer von Zweifeln bewegten Brust,
mit sich herum getragen hatte. Sie sagte, während der Obrist noch,
mit einer nichtssagenden Miene, in das Papier hineinsah: sie habe
einen Einfall. Ob er ihr erlauben wolle, auf einen oder zwei Tage,
nach V... hinauszufahren? Sie werde die Marquise, falls sie wirklich
denjenigen, der ihr durch die Zeitungen, als ein Unbekannter,
geantwortet, schon kenne, in eine Lage zu versetzen wissen, in
welcher sich ihre Seele verraten müßte, und wenn sie die
abgefeimteste Verräterin wäre. Der Kommandant erwiderte, indem er,
mit einer plötzlich heftigen Bewegung, den Brief zerriß: sie wisse,
daß er mit ihr nichts zu schaffen haben wolle, und er verbiete ihr,
in irgend eine Gemeinschaft mit ihr zu treten. Er siegelte die
zerrissenen Stücke ein, schrieb eine Adresse an die Marquise, und gab
sie dem Boten, als Antwort, zurück. Die Obristin, durch diesen
hartnäckigen Eigensinn, der alle Möglichkeit der Aufklärung
vernichtete, heimlich erbittert, beschloß ihren Plan jetzt, gegen
seinen Willen, auszuführen. Sie nahm einen von den Jägern des
Kommandanten, und fuhr am nächstfolgenden Morgen, da ihr Gemahl noch
im Bette lag, mit demselben nach V... hinaus. Als sie am Tore des
Landsitzes angekommen war, sagte ihr der Türsteher, daß niemand bei
der Frau Marquise vorgelassen würde. Frau von G... antwortete, daß
sie von dieser Maßregel unterrichtet wäre, daß er aber gleichwohl nur
gehen, und die Obristin von G... bei ihr anmelden möchte. Worauf
dieser versetzte, daß dies zu nichts helfen würde, indem die Frau
Marquise keinen Menschen auf der Welt spräche. Frau von G...
antwortete, daß sie von ihr gesprochen werden würde, indem sie ihre
Mutter wäre, und daß er nur nicht länger säumen, und sein Geschäft
verrichten möchte. Kaum aber war noch der Türsteher zu diesem, wie
er meinte, gleichwohl vergeblichen Versuche ins Haus gegangen, als
man schon die Marquise daraus hervortreten, nach dem Tore eilen, und
sich auf Knieen vor dem Wagen der Obristin niederstürzen sah. Frau
von G... stieg, von ihrem Jäger unterstützt, aus, und hob die
Marquise, nicht ohne einige Bewegung, vom Boden auf. Die Marquise
drückte sich, von Gefühlen überwältigt, tief auf ihre Hand hinab, und
führte sie, indem ihr die Tränen häufig flossen, ehrfurchtsvoll in
die Zimmer ihres Hauses. Meine teuerste Mutter! rief sie, nachdem
sie ihr den Diwan angewiesen hatte, und noch vor ihr stehen blieb,
und sich die Augen trocknete: welch ein glücklicher Zufall ist es,
dem ich Ihre, mir unschätzbare Erscheinung verdanke? Frau von G...
sagte, indem sie ihre Tochter vertraulich faßte, sie müsse ihr nur
sagen, daß sie komme, sie wegen der Härte, mit welcher sie aus dem
väterlichen Hause verstoßen worden sei, um Verzeihung zu bitten.
Verzeihung! fiel ihr die Marquise ins Wort, und wollte ihre Hände
küssen. Doch diese, indem sie den Handkuß vermied, fuhr fort: denn
nicht nur, daß die, in den letzten öffentlichen Blättern eingerückte
Antwort auf die bewußte Bekanntmachung, mir sowohl als dem Vater, die
Überzeugung von deiner Unschuld gegeben hat; so muß ich dir auch
eröffnen, daß er sich selbst schon, zu unserm großen und freudigen
Erstaunen, gestern im Hause gezeigt hat. Wer hat sich--? fragte die
Marquise, und setzte sich bei ihrer Mutter nieder;--welcher er selbst
hat sich gezeigt--? und Erwartung spannte jede ihrer Mienen. Er,
erwiderte Frau von G..., der Verfasser jener Antwort, er persönlich
selbst, an welchen dein Aufruf gerichtet war.--Nun denn, sagte die
Marquise, mit unruhig arbeitender Brust: wer ist es? Und noch einmal:
wer ist es?--Das, erwiderte Frau von G..., möchte ich dich erraten
lassen. Denn denke, daß sich gestern, da wir beim Tee sitzen, und
eben das sonderbare Zeitungsblatt lesen, ein Mensch, von unsrer
genauesten Bekanntschaft, mit Gebärden der Verzweiflung ins Zimmer
stürzt, und deinem Vater, und bald darauf auch mir, zu Füßen fällt.
Wir, unwissend, was wir davon denken sollen, fordern ihn auf, zu
reden. Darauf spricht er: sein Gewissen lasse ihm keine Ruhe; er sei
der Schändliche, der die Frau Marquise betrogen, er müsse wissen, wie
man sein Verbrechen beurteile, und wenn Rache über ihn verhängt
werden solle, so komme er, sich ihr selbst darzubieten. Aber wer?
wer? wer? versetzte die Marquise. Wie sagt, fuhr Frau von G... fort,
ein junger, sonst wohlerzogener Mensch, dem wir eine solche
Nichtswürdigkeit niemals zugetraut hätten. Doch erschrecken wirst du
nicht, meine Tochter, wenn du erfährst, daß er von niedrigem Stande,
und von allen Forderungen, die man sonst an deinen Gemahl machen
dürfte, entblößt ist. Gleichviel, meine vortreffliche Mutter, sagte
die Marquise, er kann nicht ganz unwürdig sein, da er sich Ihnen
früher als mir, zu Füßen geworfen hat. Aber, wer? wer? Sagen Sie
mir nur: wer?
Nun denn, versetzte die Mutter, es ist Leopardo, der Jäger, den sich
der Vater jüngst aus Tirol verschrieb, und den ich, wenn du ihn
wahrnahmst, schon mitgebracht habe, um ihn dir als Bräutigam
vorzustellen. Leopardo, der Jäger! rief die Marquise, und drückte
ihre Hand, mit dem Ausdruck der Verzweiflung, vor die Stirn. Was
erschreckt dich? fragte die Obristin. Hast du Gründe, daran zu
zweifeln?--Wie? Wo? Wann? fragte die Marquise verwirrt. Das,
antwortete jene, will er nur dir anvertrauen. Scham und Liebe,
meinte er, machten es ihm unmöglich, sich einer andern hierüber zu
erklären, als dir. Doch wenn du willst, so öffnen wir das Vorzimmer,
wo er, mit klopfendem Herzen, auf den Ausgang wartet; und du magst
sehen, ob du ihm sein Geheimnis, indessen ich abtrete, entlockst.
--Gott, mein Vater! rief die Marquise; ich war einst in der
Mittagshitze eingeschlummert, und sah ihn von meinem Diwan gehen, als
ich erwachte!--Und damit legte sie ihre kleinen Hände vor ihr in
Scham erglühendes Gesicht. Bei diesen Worten sank die Mutter auf
Knieen vor ihr nieder. O meine Tochter! rief sie; o du Vortreffliche!
und schlug die Arme um sie. Und o ich Nichtswürdige! und verbarg
das Antlitz in ihren Schoß. Die Marquise fragte bestürzt: was ist
Ihnen, meine Mutter? Denn begreife, fuhr diese fort, o du Reinere
als Engel sind, daß von allem, was ich dir sagte, nichts wahr ist;
daß meine verderbte Seele an solche Unschuld nicht, als von der du
umstrahlt bist, glauben konnte, und daß ich dieser schändlichen List
erst bedurfte, um mich davon zu überzeugen. Meine teuerste Mutter,
rief die Marquise, und neigte sich voll froher Rührung zu ihr herab,
und wollte sie aufheben. Jene versetzte darauf: nein, eher nicht von
deinen Füßen weich ich, bis du mir sagst, ob du mir die Niedrigkeit
meines Verhaltens, du Herrliche, Überirdische, verzeihen kannst. Ich
Ihnen verzeihen, meine Mutter! Stehen Sie auf, rief die Marquise,
ich beschwöre Sie--Du hörst, sagte Frau von G..., ich will wissen, ob
du mich noch lieben, und so aufrichtig verehren kannst, als sonst?
Meine angebetete Mutter! rief die Marquise, und legte sich
gleichfalls auf Knieen vor ihr nieder; Ehrfurcht und Liebe sind nie
aus meinem Herzen gewichen. Wer konnte mir, unter so unerhörten
Umständen, Vertrauen schenken? Wie glücklich bin ich, daß Sie von
meiner Unsträflichkeit überzeugt sind! Nun denn, versetzte Frau von
G..., indem sie, von ihrer Tochter unterstützt, aufstand: so will ich
dich auf Händen tragen, mein liebstes Kind. Du sollst bei mir dein
Wochenlager halten; und wären die Verhältnisse so, daß ich einen
jungen Fürsten von dir erwartete, mit größerer Zärtlichkeit nicht und
Würdigkeit könnt ich dein pflegen. Die Tage meines Lebens nicht mehr
von deiner Seite weich ich. Ich biete der ganzen Welt Trotz; ich
will keine andre Ehre mehr, als deine Schande; wenn du mir nur wieder
gut wirst, und der Härte nicht, mit welcher ich dich verstieß, mehr
gedenkst. Die Marquise suchte sie mit Liebkosungen und Beschwörungen
ohne Ende zu trösten; doch der Abend kam heran, und Mitternacht
schlug, ehe es ihr gelang. Am folgenden Tage, da sich der Affekt der
alten Dame, der ihr während der Nacht eine Fieberhitze zugezogen
hatte, ein wenig gelegt hatte, fuhren Mutter und Tochter und Enkel,
wie im Triumph, wieder nach M... zurück. Sie waren äußerst vergnügt
auf der Reise, scherzten über Leopardo, den Jäger, der vorn auf dem
Bock saß; und die Mutter sagte zur Marquise, sie bemerke, daß sie rot
würde, so oft sie seinen breiten Rücken ansähe. Die Marquise
antwortete, mit einer Regung, die halb ein Seufzer, halb ein Lächeln
war: wer weiß, wer zuletzt noch am Dritten 11 Uhr morgens bei uns
erscheint!--Drauf, je mehr man sich M... näherte, je ernsthafter
stimmten sich wieder die Gemüter, in der Vorahndung entscheidender
Auftritte, die ihnen noch bevorstanden. Frau von G..., die sich von
ihren Plänen nichts merken ließ, führte ihre Tochter, da sie vor dem
Hause ausgestiegen waren, wieder in ihre alten Zimmer ein; sagte, sie
möchte es sich nur bequem machen, sie würde gleich wieder bei ihr
sein, und schlüpfte ab. Nach einer Stunde kam sie mit einem ganz
erhitzten Gesicht wieder. Nein, solch ein Thomas! sprach sie mit
heimlich vergnügter Seele; solch ein ungläubiger Thomas! Hab ich
nicht eine Seigerstunde gebraucht, ihn zu überzeugen. Aber nun sitzt
er, und weint. Wer? fragte die Marquise. Er, antwortete die Mutter.
Wer sonst, als wer die größte Ursache dazu hat. Der Vater doch
nicht? rief die Marquise. Wie ein Kind, erwiderte die Mutter; daß
ich, wenn ich mir nicht selbst hätte die Tränen aus den Augen wischen
müssen, gelacht hätte, so wie ich nur aus der Türe heraus war. Und
das wegen meiner? fragte die Marquise, und stand auf; und ich sollte
hier--? Nicht von der Stelle! sagte Frau von G... Warum diktierte
er mir den Brief! Hier sucht er dich auf, wenn er mich, so lange ich
lebe, wiederfinden will. Meine teuerste Mutter, flehte die
Marquise--Unerbittlich! fiel ihr die Obristin ins Wort. Warum griff
er nach der Pistole.--Aber ich beschwöre Sie--Du sollst nicht,
versetzte Frau von G..., indem sie die Tochter wieder auf ihren
Sessel niederdrückte. Und wenn er nicht heut vor Abend noch kommt,
zieh ich morgen mit dir weiter. Die Marquise nannte dies Verfahren
hart und ungerecht. Doch die Mutter erwiderte: Beruhige dich--denn
eben hörte sie jemand von weitem heranschluchzen: er kömmt schon!
Wo? fragte die Marquise, und horchte. Ist wer hier draußen vor der
Tür; dies heftige--? Allerdings, versetzte Frau von G... Er will,
daß wir ihm die Türe öffnen. Lassen Sie mich! rief die Marquise, und
riß sich vom Stuhl empor. Doch: wenn du mir gut bist, Julietta,
versetzte die Obristin, so bleib; und in dem Augenblick trat auch der
Kommandant schon, das Tuch vor das Gesicht haltend, ein. Die Mutter
stellte sich breit vor ihre Tochter, und kehrte ihm den Rücken zu.
Mein teuerster Vater! rief die Marquise, und streckte ihre Arme nach
ihm aus. Nicht von der Stelle, sagte Frau von G..., du hörst! Der
Kommandant stand in der Stube und weinte. Er soll dir abbitten, fuhr
Frau von G... fort. Warum ist er so heftig! Und warum ist er so
hartnäckig! Ich liebe ihn, aber dich auch; ich ehre ihn, aber dich
auch. Und muß ich eine Wahl treffen, so bist du vortrefflicher, als
er, und ich bleibe bei dir. Der Kommandant beugte sich ganz krumm,
und heulte, daß die Wände erschallten. Aber mein Gott! rief die
Marquise, gab der Mutter plötzlich nach, und nahm ihr Tuch, ihre
eigenen Tränen fließen zu lassen. Frau von G... sagte:--er kann nur
nicht sprechen! und wich ein wenig zur Seite aus. Hierauf erhob sich
die Marquise, umarmte den Kommandanten, und bat ihn, sich zu
beruhigen. Sie weinte selbst heftig. Sie fragte ihn, ob er sich
nicht setzen wolle? sie wollte ihn auf einen Sessel niederziehen; sie
schob ihm einen Sessel hin, damit er sich darauf setze: doch er
antwortete nicht; er war nicht von der Stelle zu bringen; er setzte
sich auch nicht, und stand bloß, das Gesicht tief zur Erde gebeugt,
und weinte. Die Marquise sagte, indem sie ihn aufrecht hielt, halb
zur Mutter gewandt: er werde krank werden; die Mutter selbst schien,
da er sich ganz konvulsivisch gebärdete, ihre Standhaftigkeit
verlieren zu wollen. Doch da der Kommandant sich endlich, auf die
wiederholten Anforderungen der Tochter, niedergesetzt hatte, und
diese ihm, mit unendlichen Liebkosungen, zu Füßen gesunken war: so
nahm sie wieder das Wort, sagte, es geschehe ihm ganz recht, er werde
nun wohl zur Vernunft kommen, entfernte sich aus dem Zimmer, und ließ
sie allein.
Sobald sie draußen war, wischte sie sich selbst die Tränen ab, dachte,
ob ihm die heftige Erschütterung, in welche sie ihn versetzt hatte,
nicht doch gefährlich sein könnte, und ob es wohl ratsam sei, einen
Arzt rufen zu lassen? Sie kochte ihm für den Abend alles, was sie
nur Stärkendes und Beruhigendes aufzutreiben wußte, in der Küche
zusammen, bereitete und wärmte ihm das Bett, um ihn sogleich
hineinzulegen, sobald er nur, an der Hand der Tochter, erscheinen
würde, und schlich, da er immer noch nicht kam, und schon die
Abendtafel gedeckt war, dem Zimmer der Marquise zu, um doch zu hören,
was sich zutrage? Sie vernahm, da sie mit sanft an die Tür gelegtem
Ohr horchte, ein leises, eben verhallendes Gelispel, das, wie es ihr
schien, von der Marquise kam; und, wie sie durchs Schlüsselloch
bemerkte, saß sie auch auf des Kommandanten Schoß, was er sonst in
seinem Leben nicht zugegeben hatte. Drauf endlich öffnete sie die
Tür, und sah nun--und das Herz quoll ihr vor Freuden empor: die
Tochter still, mit zurückgebeugtem Nacken, die Augen fest geschlossen,
in des Vaters Armen liegen; indessen dieser, auf dem Lehnstuhl
sitzend, lange, heiße und lechzende Küsse, das große Auge voll
glänzender Tränen, auf ihren Mund drückte: gerade wie ein Verliebter!
Die Tochter sprach nicht, er sprach nicht; mit über sie gebeugtem
Antlitz saß er, wie über das Mädchen seiner ersten Liebe, und legte
ihr den Mund zurecht, und küßte sie. Die Mutter fühlte sich, wie
eine Selige; ungesehen, wie sie hinter seinem Stuhle stand, säumte
sie, die Lust der himmelfrohen Versöhnung, die ihrem Hause wieder
geworden war, zu stören. Sie nahte sich dem Vater endlich, und sah
ihn, da er eben wieder mit Fingern und Lippen in unsäglicher Lust
über den Mund seiner Tochter beschäftigt war, sich um den Stuhl
herumbeugend, von der Seite an. Der Kommandant schlug, bei ihrem
Anblick, das Gesicht schon wieder ganz kraus nieder, und wollte etwas
sagen; doch sie rief: o was für ein Gesicht ist das! küßte es jetzt
auch ihrerseits in Ordnung, und machte der Rührung durch Scherzen ein
Ende. Sie lud und führte beide, die wie Brautleute gingen, zur
Abendtafel, an welcher der Kommandant zwar sehr heiter war, aber noch
von Zeit zu Zeit schluchzte, wenig aß und sprach, auf den Teller
niedersah, und mit der Hand seiner Tochter spielte.
Nun galt es, beim Anbruch des nächsten Tages, die Frage: wer nur, in
aller Welt, morgen um 11 Uhr sich zeigen würde; denn morgen war der
gefürchtete Dritte. Vater und Mutter, und auch der Bruder, der sich
mit seiner Versöhnung eingefunden hatte, stimmten unbedingt, falls
die Person nur von einiger Erträglichkeit sein würde, für Vermählung;
alles, was nur immer möglich war, sollte geschehen, um die Lage der
Marquise glücklich zu machen. Sollten die Verhältnisse derselben
jedoch so beschaffen sein, daß sie selbst dann, wenn man ihnen durch
Begünstigungen zu Hülfe käme, zu weit hinter den Verhältnissen der
Marquise zurückblieben, so widersetzten sich die Eltern der Heirat;
sie beschlossen, die Marquise nach wie vor bei sich zu behalten, und
das Kind zu adoptieren. Die Marquise hingegen schien willens, in
jedem Falle, wenn die Person nur nicht ruchlos wäre, ihr gegebenes
Wort in Erfüllung zu bringen, und dem Kinde, es koste was es wolle,
einen Vater zu verschaffen. Am Abend fragte die Mutter, wie es denn
mit dem Empfang der Person gehalten werden solle? Der Kommandant
meinte, daß es am schicklichsten sein würde, wenn man die Marquise um
11 Uhr allein ließe. Die Marquise hingegen bestand darauf, daß beide
Eltern, und auch der Bruder, gegenwärtig sein möchten, indem sie
keine Art des Geheimnisses mit dieser Person zu teilen haben wolle.
Auch meinte sie, daß dieser Wunsch sogar in der Antwort derselben,
dadurch, daß sie das Haus des Kommandanten zur Zusammenkunft
vorgeschlagen, ausgedrückt scheine; ein Umstand, um dessentwillen ihr
gerade diese Antwort, wie sie frei gestehen müsse, sehr gefallen habe.
Die Mutter bemerkte die Unschicklichkeit der Rollen, die der Vater
und der Bruder dabei zu spielen haben würden, bat die Tochter, die
Entfernung der Männer zuzulassen, wogegen sie in ihren Wunsch
willigen, und bei dem Empfang der Person gegenwärtig sein wolle.
Nach einer kurzen Besinnung der Tochter ward dieser letzte Vorschlag
endlich angenommen. Drauf nun erschien, nach einer, unter den
gespanntesten Erwartungen zugebrachten, Nacht der Morgen des
gefürchteten Dritten. Als die Glocke eilf Uhr schlug, saßen beide
Frauen, festlich, wie zur Verlobung angekleidet, im Besuchzimmer; das
Herz klopfte ihnen, da man es gehört haben würde, wenn das Geräusch
des Tages geschwiegen hätte. Der eilfte Glockenschlag summte noch,
als Leopardo, der Jäger, eintrat, den der Vater aus Tirol
verschrieben hatte. Die Weiber erblaßten bei diesem Anblick. Der
Graf F..., sprach er, ist vorgefahren, und läßt sich anmelden. Der
Graf F...! riefen beide zugleich, von einer Art der Bestürzung in die
andre geworfen. Die Marquise rief: Verschließt die Türen! Wir sind
für ihn nicht zu Hause; stand auf, das Zimmer gleich selbst zu
verriegeln, und wollte eben den Jäger, der ihr im Wege stand,
hinausdrängen, als der Graf schon, in genau demselben Kriegsrock, mit
Orden und Waffen, wie er sie bei der Eroberung des Forts getragen
hatte, zu ihr eintrat. Die Marquise glaubte vor Verwirrung in die
Erde zu sinken; sie griff nach einem Tuch, das sie auf dem Stuhl
hatte liegen lassen, und wollte eben in ein Seitenzimmer entfliehn;
doch Frau von G..., indem sie die Hand derselben ergriff, rief:
Julietta--! und wie erstickt von Gedanken, ging ihr die Sprache aus.
Sie heftete die Augen fest auf den Grafen und wiederholte: ich bitte
dich, Julietta! indem sie sie nach sich zog: wen erwarten wir denn--?
Die Marquise rief, indem sie sich plötzlich wandte: nun? doch ihn
nicht--? und schlug mit einem Blick funkelnd, wie ein Wetterstrahl,
auf ihn ein, indessen Blässe des Todes ihr Antlitz überflog. Der
Graf hatte ein Knie vor ihr gesenkt; die rechte Hand lag auf seinem
Herzen, das Haupt sanft auf seine Brust gebeugt, lag er, und blickte
hochglühend vor sich nieder, und schwieg. Wen sonst, rief die
Obristin mit beklemmter Stimme, wen sonst, wir Sinnberaubten, als
ihn--? Die Marquise stand starr über ihm, und sagte: ich werde
wahnsinnig werden, meine Mutter! Du Törin, erwiderte die Mutter, zog
sie zu sich, und flüsterte ihr etwas in das Ohr. Die Marquise wandte
sich, und stürzte, beide Hände vor das Gesicht, auf den Sofa nieder.
Die Mutter rief. Unglückliche! Was fehlt dir? Was ist geschehn,
worauf du nicht vorbereitet warst?--Der Graf wich nicht von der Seite
der Obristin; er faßte, immer noch auf seinen Knieen liegend, den
äußersten Saum ihres Kleides, und küßte ihn. Liebe! Gnädige!
Verehrungswürdigste! flüsterte er: eine Träne rollte ihm die Wangen
herab. Die Obristin sagte: stehn Sie auf, Herr Graf, stehn Sie auf!
Trösten Sie jene; so sind wir alle versöhnt, so ist alles vergeben
und vergessen. Der Graf erhob sich weinend. Er ließ sich von neuem
vor der Marquise nieder, er faßte leise ihre Hand, als ob sie von
Gold wäre, und der Duft der seinigen sie trüben könnte. Doch diese--:
gehn Sie! gehn Sie! gehn Sie! rief sie, indem sie aufstand; auf
einen Lasterhaften war ich gefaßt, aber auf keinen--Teufel! öffnete,
indem sie ihm dabei, gleich einem Pestvergifteten, auswich, die Tür
des Zimmers, und sagte: ruft den Obristen! Julietta! rief die
Obristin mit Erstaunen. Die Marquise blickte, mit tötender Wildheit,
bald auf den Grafen, bald auf die Mutter ein; ihre Brust flog, ihr
Antlitz loderte: eine Furie blickt nicht schrecklicher. Der Obrist
und der Forstmeister kamen. Diesem Mann, Vater, sprach sie, als jene
noch unter dem Eingang waren, kann ich mich nicht vermählen! griff in
ein Gefäß mit Weihwasser, das an der hinteren Tür befestigt war,
besprengte, in einem großen Wurf, Vater und Mutter und Bruder damit,
und verschwand.
Der Kommandant, von dieser seltsamen Erscheinung betroffen, fragte,
was vorgefallen sei; und erblaßte, da er, in diesem entscheidenden
Augenblick, den Grafen F... im Zimmer erblickte. Die Mutter nahm den
Grafen bei der Hand und sagte: frage nicht; dieser junge Mann bereut
von Herzen alles, was geschehen ist; gib deinen Segen, gib, gib: so
wird sich alles noch glücklich endigen. Der Graf stand wie
vernichtet. Der Kommandant legte seine Hand auf ihn; seine
Augenwimpern zuckten, seine Lippen waren weiß, wie Kreide. Möge der
Fluch des Himmels von diesen Scheiteln weichen! rief er: wann
gedenken Sie zu heiraten?--Morgen, antwortete die Mutter für ihn,
denn er konnte kein Wort hervorbringen, morgen oder heute, wie du
willst; dem Herrn Grafen, der so viel schöne Beeiferung gezeigt hat,
sein Vergehen wieder gut zu machen, wird immer die nächste Stunde die
liebste sein.--So habe ich das Vergnügen, Sie morgen um 11 Uhr in der
Augustinerkirche zu finden! sagte der Kommandant; verneigte sich
gegen ihn, rief Frau und Sohn ab, um sich in das Zimmer der Marquise
zu verfügen, und ließ ihn stehen.
Man bemühte sich vergebens, von der Marquise den Grund ihres
sonderbaren Betragens zu erfahren; sie lag im heftigsten Fieber,
wollte durchaus von Vermählung nichts wissen, und bat, sie allein zu
lassen. Auf die Frage: warum sie denn ihren Entschluß plötzlich
geändert habe? und was ihr den Grafen gehässiger mache, als einen
andern? sah sie den Vater mit großen Augen zerstreut an, und
antwortete nichts. Die Obristin sprach: ob sie vergessen habe, daß
sie Mutter sei? worauf sie erwiderte, daß sie, in diesem Falle, mehr
an sich, als ihr Kind, denken müsse, und nochmals, indem sie alle
Engel und Heiligen zu Zeugen anrief, versicherte, daß sie nicht
heiraten würde. Der Vater, der sie offenbar in einem überreizten
Gemütszustande sah, erklärte, daß sie ihr Wort halten müsse; verließ
sie, und ordnete alles, nach gehöriger schriftlicher Rücksprache mit
dem Grafen, zur Vermählung an. Er legte demselben einen
Heiratskontrakt vor, in welchem dieser auf alle Rechte eines Gemahls
Verzicht tat, dagegen sich zu allen Pflichten, die man von ihm
fordern würde, verstehen sollte. Der Graf sandte das Blatt, ganz von
Tränen durchfeuchtet, mit seiner Unterschrift zurück. Als der
Kommandant am andern Morgen der Marquise dieses Papier überreichte,
hatten sich ihre Geister ein wenig beruhigt. Sie durchlas es, noch
im Bette sitzend, mehrere Male, legte es sinnend zusammen, öffnete es,
und durchlas es wieder; und erklärte hierauf, daß sie sich um 11 Uhr
in der Augustinerkirche einfinden würde. Sie stand auf, zog sich,
ohne ein Wort zu sprechen, an, stieg, als die Glocke schlug, mit
allen Ihrigen in den Wagen, und fuhr dahin ab.
Erst an dem Portal der Kirche war es dem Grafen erlaubt, sich an die
Familie anzuschließen. Die Marquise sah, während der Feierlichkeit,
starr auf das Altarbild; nicht ein flüchtiger Blick ward dem Manne
zuteil, mit welchem sie die Ringe wechselte. Der Graf bot ihr, als
die Trauung vorüber war, den Arm; doch sobald sie wieder aus der
Kirche heraus waren, verneigte sich die Gräfin vor ihm: der
Kommandant fragte, ob er die Ehre haben würde, ihn zuweilen in den
Gemächern seiner Tochter zu sehen, worauf der Graf etwas stammelte,
das niemand verstand, den Hut vor der Gesellschaft abnahm, und
verschwand. Er bezog eine Wohnung in M..., in welcher er mehrere
Monate zubrachte, ohne auch nur den Fuß in des Kommandanten Haus zu
setzen, bei welchem die Gräfin zurückgeblieben war. Nur seinem
zarten, würdigen und völlig musterhaften Betragen überall, wo er mit
der Familie in irgend eine Berührung kam, hatte er es zu verdanken,
daß er, nach der nunmehr erfolgten Entbindung der Gräfin von einem
jungen Sohne, zur Taufe desselben eingeladen ward. Die Gräfin, die,
mit Teppichen bedeckt, auf dem Wochenbette saß, sah ihn nur auf einen
Augenblick, da er unter die Tür trat, und sie von weitem
ehrfurchtsvoll grüßte. Er warf unter den Geschenken, womit die Gäste
den Neugebornen bewillkommten, zwei Papiere auf die Wiege desselben,
deren eines, wie sich nach seiner Entfernung auswies, eine Schenkung
von 20000 Rubel an den Knaben, und das andere ein Testament war, in
dem er die Mutter, falls er stürbe, zur Erbin seines ganzen Vermögens
einsetzte. Von diesem Tage an ward er, auf Veranstaltung der Frau
von G..., öfter eingeladen; das Haus stand seinem Eintritt offen, es
verging bald kein Abend, da er sich nicht darin gezeigt hätte. Er
fing, da sein Gefühl ihm sagte, daß ihm von allen Seiten, um der
gebrechlichen Einrichtung der Welt willen, verziehen sei, seine
Bewerbung um die Gräfin, seine Gemahlin, von neuem an, erhielt, nach
Verlauf eines Jahres, ein zweites Jawort von ihr, und auch eine
zweite Hochzeit ward gefeiert, froher, als die erste, nach deren
Abschluß die ganze Familie nach V... hinauszog. Eine ganze Reihe von
jungen Russen folgte jetzt noch dem ersten; und da der Graf, in einer
glücklichen Stunde, seine Frau einst fragte, warum sie, an jenem
fürchterlichen Dritten, da sie auf jeden Lasterhaften gefaßt schien,
vor ihm, gleich einem Teufel, geflohen wäre, antwortete sie, indem
sie ihm um den Hals fiel: er würde ihr damals nicht wie ein Teufel
erschienen sein, wenn er ihr nicht, bei seiner ersten Erscheinung,
wie ein Engel vorgekommen wäre.