Herzog Wilhelm von Breysach, der, seit seiner heimlichen Verbindung
mit einer Gräfin, namens Katharina von Heersbruck, aus dem Hause
Alt-Hüningen, die unter seinem Range zu sein schien, mit seinem
Halbbruder, dem Grafen Jakob dem Rotbart, in Feindschaft lebte, kam
gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts, da die Nacht des heiligen
Remigius zu dämmern begann, von einer in Worms mit dem deutschen
Kaiser abgehaltenen Zusammenkunft zurück, worin er sich von diesem
Herrn, in Ermangelung ehelicher Kinder, die ihm gestorben waren, die
Legitimation eines, mit seiner Gemahlin vor der Ehe erzeugten,
natürlichen Sohnes, des Grafen Philipp von Hüningen, ausgewirkt hatte.
Freudiger, als während des ganzen Laufs seiner Regierung in die
Zukunft blickend, hatte er schon den Park, der hinter seinem Schlosse
lag, erreicht: als plötzlich ein Pfeilschuß aus dem Dunkel der
Gebüsche hervorbrach, und ihm, dicht unter dem Brustknochen, den Leib
durchbohrte. Herr Friedrich von Trota, sein Kämmerer, brachte ihn,
über diesen Vorfall äußerst betroffen, mit Hülfe einiger andern
Ritter, in das Schloß, wo er nur noch, in Armen seiner bestürzten
Gemahlin, die Kraft hatte, einer Versammlung von Reichsvasallen, die
schleunigst, auf Veranstaltung der letztern, zusammenberufen worden
war, die kaiserliche Legitimationsakte vorzulegen; und nachdem, nicht
ohne lebhaften Widerstand, indem, in Folge des Gesetzes, die Krone an
seinen Halbbruder, den Grafen Jakob den Rotbart, fiel, die Vasallen
seinen letzten bestimmten Willen erfüllt, und unter dem Vorbehalt,
die Genehmigung des Kaisers einzuholen, den Grafen Philipp als
Thronerben, die Mutter aber, wegen Minderjährigkeit desselben, als
Vormünderin und Regentin anerkannt hatten: legte er sich nieder und
starb.
Die Herzogin bestieg nun, ohne weiteres, unter einer bloßen Anzeige,
die sie, durch einige Abgeordnete, an ihren Schwager, den Grafen
Jakob den Rotbart, tun ließ, den Thron; und was mehrere Ritter des
Hofes, welche die abgeschlossene Gemütsart des letzteren zu
durchschauen meinten, vorausgesagt hatten, das traf, wenigstens dem
äußeren Anschein nach, ein: Jakob der Rotbart verschmerzte, in kluger
Erwägung der obwaltenden Umstände, das Unrecht, das ihm sein Bruder
zugefügt hatte; zum mindesten enthielt er sich aller und jeder
Schritte, den letzten Willen des Herzogs umzustoßen, und wünschte
seinem jungen Neffen zu dem Thron, den er erlangt hatte, von Herzen
Glück. Er beschrieb den Abgeordneten, die er sehr heiter und
freundlich an seine Tafel zog, wie er seit dem Tode seiner Gemahlin,
die ihm ein königliches Vermögen hinterlassen, frei und unabhängig
auf seiner Burg lebe; wie er die Weiber der angrenzenden Edelleute,
seinen eignen Wein, und, in Gesellschaft munterer Freunde, die Jagd
liebe, und wie ein Kreuzzug nach Palästina, auf welchem er die Sünden
einer raschen Jugend, auch leider, wie er zugab, im Alter noch
wachsend, abzubüßen dachte, die ganze Unternehmung sei, auf die er
noch, am Schluß seines Lebens, hinausgehe. Vergebens machten ihm
seine beiden Söhne, welche in der bestimmten Hoffnung der Thronfolge
erzogen worden waren, wegen der Unempfindlichkeit und
Gleichgültigkeit mit welcher er, auf ganz unerwartete Weise, in diese
unheilbare Kränkung ihrer Ansprüche willigte, die bittersten Vorwürfe:
er wies sie, die noch unbärtig waren, mit kurzen und spöttischen
Machtsprüchen zur Ruhe, nötigte sie, ihm am Tage des feierlichen
Leichenbegängnisses, in die Stadt zu folgen, und daselbst, an seiner
Seite, den alten Herzog, ihren Oheim, wie es sich gebühre, zur Gruft
zu bestatten; und nachdem er im Thronsaal des herzoglichen Palastes,
dem jungen Prinzen, seinem Neffen, in Gegenwart der Regentin Mutter,
gleich allen andern Großen des Hofes, die Huldigung geleistet hatte,
kehrte er unter Ablehnung aller Ämter und Würden, welche die letztere
ihm antrug, begleitet von den Segnungen des, ihn um seine Großmut und
Mäßigung doppelt verehrenden Volks, wieder auf seine Burg zurück.
Die Herzogin schritt nun, nach dieser unverhofft glücklichen
Beseitigung der ersten Interessen, zur Erfüllung ihrer zweiten
Regentenpflicht, nämlich, wegen der Mörder ihres Gemahls, deren man
im Park eine ganze Schar wahrgenommen haben wollte, Untersuchungen
anzustellen, und prüfte zu diesem Zweck selbst, mit Herrn Godwin von
Herrthal, ihrem Kanzler, den Pfeil, der seinem Leben ein Ende gemacht
hatte. Inzwischen fand man an demselben nichts, das den Eigentümer
hätte verraten können, außer etwa, daß er, auf befremdende Weise,
zierlich und prächtig gearbeitet war. Starke, krause und glänzende
Federn steckten in einem Stiel, der, schlank und kräftig, von dunkelm
Nußbaumholz, gedrechselt war; die Bekleidung des vorderen Endes war
von glänzendem Messing, und nur die äußerste Spitze selbst, scharf
wie die Gräte eines Fisches, war von Stahl. Der Pfeil schien für die
Rüstkammer eines vornehmen und reichen Mannes verfertigt zu sein, der
entweder in Fehden verwickelt, oder ein großer Liebhaber von der Jagd
war; und da man aus einer, dem Knopf eingegrabenen, Jahrszahl ersah,
daß dies erst vor kurzem geschehen sein konnte: so schickte die
Herzogin, auf Anraten des Kanzlers, den Pfeil, mit dem Kronsiegel
versehen, in alle Werkstätten von Deutschland umher, um den Meister,
der ihn gedrechselt hatte, aufzufinden, und, falls dies gelang, von
demselben den Namen dessen zu erfahren, auf dessen Bestellung er
gedrechselt worden war.
Fünf Monden darauf lief an Herrn Godwin, den Kanzler, dem die
Herzogin die ganze Untersuchung der Sache übergeben hatte, die
Erklärung von einem Pfeilmacher aus Straßburg ein, daß er ein Schock
solcher Pfeile, samt dem dazu gehörigen Köcher, vor drei Jahren für
den Grafen Jakob den Rotbart verfertigt habe. Der Kanzler, über
diese Erklärung äußerst betroffen, hielt dieselbe mehrere Wochen lang
in seinem Geheimschrank zurück; zum Teil kannte er, wie er meinte,
trotz der freien und ausschweifenden Lebensweise des Grafen, den
Edelmut desselben zu gut, als daß er ihn einer so abscheulichen Tat,
als die Ermordung eines Bruders war, hätte für fähig halten sollen;
zum Teil auch, trotz vieler andern guten Eigenschaften, die
Gerechtigkeit der Regentin zu wenig, als daß er, in einer Sache, die
das Leben ihres schlimmsten Feindes galt, nicht mit der größten
Vorsicht hätte verfahren sollen. Inzwischen stellte er, unter der
Hand, in der Richtung dieser sonderbaren Anzeige, Untersuchungen an,
und da er durch die Beamten der Stadtvogtei zufällig ausmittelte, daß
der Graf, der seine Burg sonst nie oder nur höchst selten zu
verlassen pflegte, in der Nacht der Ermordung des Herzogs daraus
abwesend gewesen war: so hielt er es für seine Pflicht, das Geheimnis
fallen zu lassen, und die Herzogin, in einer der nächsten Sitzungen
des Staatsrats, von dem befremdenden und seltsamen Verdacht, der
durch diese beiden Klagpunkte auf ihren Schwager, den Grafen Jakob
den Rotbart fiel, umständlich zu unterrichten.
Die Herzogin, die sich glücklich pries, mit dem Grafen, ihrem
Schwager, auf einem so freundschaftlichen Fuß zu stehen, und nichts
mehr fürchtete, als seine Empfindlichkeit durch unüberlegte Schritte
zu reizen, gab inzwischen, zum Befremden des Kanzlers, bei dieser
zweideutigen Eröffnung nicht das mindeste Zeichen der Freude von sich;
vielmehr, als sie die Papiere zweimal mit Aufmerksamkeit überlesen
hatte, äußerte sie lebhaft ihr Mißfallen, daß man eine Sache, die so
ungewiß und bedenklich sei, öffentlich im Staatsrat zur Sprache
bringe. Sie war der Meinung, daß ein Irrtum oder eine Verleumdung
dabei statt finden müsse, und befahl, von der Anzeige schlechthin bei
den Gerichten keinen Gebrauch zu machen. Ja, bei der
außerordentlichen, fast schwärmerischen Volksverehrung, deren der
Graf, nach einer natürlichen Wendung der Dinge, seit seiner
Ausschließung vom Throne genoß, schien ihr auch schon dieser bloße
Vortrag im Staatsrat äußerst gefährlich; und da sie voraus sah, daß
ein Stadtgeschwätz darüber zu seinen Ohren kommen würde, so schickte
sie, von einem wahrhaft edelmütigen Schreiben begleitet, die beiden
Klagpunkte, die sie das Spiel eines sonderbaren Mißverständnisses
nannte, samt dem, worauf sie sich stützen sollten, zu ihm hinaus, mit
der bestimmten Bitte, sie, die im voraus von seiner Unschuld
überzeugt sei, mit aller Widerlegung derselben zu verschonen.
Der Graf der eben mit einer Gesellschaft von Freunden bei der Tafel
saß, stand, als der Ritter mit der Botschaft der Herzogin, zu ihm
eintrat, verbindlich von seinem Sessel auf; aber kaum, während die
Freunde den feierlichen Mann, der sich nicht niederlassen wollte,
betrachteten, hatte er in der Wölbung des Fensters den Brief
überlesen: als er die Farbe wechselte, und die Papiere mit den Worten
den Freunden übergab: Brüder, seht! welch eine schändliche Anklage,
auf den Mord meines Bruders, wider mich zusammengeschmiedet worden
ist! Er nahm dem Ritter, mit einem funkelnden Blick, den Pfeil aus
der Hand, und setzte, die Vernichtung seiner Seele verbergend,
inzwischen die Freunde sich unruhig um ihn versammelten, hinzu: daß
in der Tat das Geschoß sein gehöre und auch der Umstand, daß er in
der Nacht des heiligen Remigius aus seinem Schloß abwesend gewesen,
gegründet sei! Die Freunde fluchten über diese hämische und
niederträchtige Arglistigkeit; sie schoben den Verdacht des Mordes
auf die versuchten Ankläger selbst zurück, und schon waren sie im
Begriff, gegen den Abgeordneten, der die Herzogin, seine Frau, in
Schutz nahm, beleidigend zu werden: als der Graf, der die Papiere
noch einmal überlesen hatte, indem er plötzlich unter sie trat,
ausrief: ruhig, meine Freunde!--und damit nahm er sein Schwert, das
im Winkel stand, und übergab es dem Ritter mit den Worten: daß er
sein Gefangener sei! Auf die betroffene Frage des Ritters: ob er
recht gehört, und ob er in der Tat die beiden Klagpunkte, die der
Kanzler aufgesetzt, anerkenne? antwortete der Graf: ja! ja! ja!
--Inzwischen hoffe er der Notwendigkeit überhoben zu sein, den Beweis
wegen seiner Unschuld anders, als vor den Schranken eines förmlich
von der Herzogin niedergesetzten Gerichts zu führen. Vergebens
bewiesen die Ritter, mit dieser Äußerung höchst unzufrieden, daß er
in diesem Fall wenigstens keinem andern, als dem Kaiser, von dem
Zusammenhang der Sache Rechenschaft zu geben brauche; der Graf, der
sich in einer sonderbar plötzlichen Wendung der Gesinnung, auf die
Gerechtigkeit der Regentin berief, bestand darauf, sich vor dem
Landestribunal zu stellen, und schon, indem er sich aus ihren Armen
losriß, rief er, aus dem Fenster hinaus, nach seinen Pferden, willens,
wie er sagte, dem Abgeordneten unmittelbar in die Ritterhaft zu
folgen: als die Waffengefährten ihm gewaltsam, mit einem Vorschlag,
den er endlich annehmen mußte, in den Weg traten. Sie setzten in
ihrer Gesamtzahl ein Schreiben an die Herzogin auf, forderten als ein
Recht, das jedem Ritter in solchem Fall zustehe, freies Geleit für
ihn, und boten ihr zur Sicherheit, daß er sich dem von ihr
errichteten Tribunal stellen, auch allem, was dasselbe über ihn
verhängen möchte, unterwerfen würde, eine Bürgschaft von 20 000 Mark
Silbers an.
Die Herzogin, auf diese unerwartete und ihr unbegreifliche Erklärung,
hielt es, bei den abscheulichen Gerüchten, die bereits über die
Veranlassung der Klage, im Volk herrschten, für das Ratsamste, mit
gänzlichem Zurücktreten ihrer eignen Person, dem Kaiser die ganze
Streitsache vorzulegen. Sie schickte ihm, auf den Rat des Kanzlers,
sämtliche über den Vorfall lautende Aktenstücke zu, und bat, in
seiner Eigenschaft als Reichsoberhaupt ihr die Untersuchung in einer
Sache abzunehmen, in der sie selber als Partei befangen sei. Der
Kaiser, der sich wegen Verhandlungen mit der Eidgenossenschaft grade
damals in Basel aufhielt, willigte in diesen Wunsch; er setzte
daselbst ein Gericht von drei Grafen, zwölf Rittern und zwei
Gerichtsassessoren nieder; und nachdem er dem Grafen Jakob dem
Rotbart, dem Antrag seiner Freunde gemäß, gegen die dargebotene
Bürgschaft von 20 000 Mark Silbers freies Geleit zugestanden hatte,
forderte er ihn auf, sich dem erwähnten Gericht zu stellen, und
demselben über die beiden Punkte: wie der Pfeil, der, nach seinem
eignen Geständnis, sein gehöre, in die Hände des Mörders gekommen?
auch: an welchem dritten Ort er sich in der Nacht des heiligen
Remigius aufgehalten habe, Red und Antwort zu geben.
Es war am Montag nach Trinitatis, als er Graf Jakob der Rotbart, mit
einem glänzenden Gefolge von Rittern, der an ihn ergangenen
Aufforderung gemäß, in Basel vor den Schranken des Gerichts erschien,
und sich daselbst, mit Übergehung der ersten, ihm, wie er vorgab,
gänzlich unauflöslichen Frage, in Bezug auf die zweite, welche für
den Streitpunkt entscheidend war, folgendermaßen faßte: "Edle Herren!"
und damit stützte er seine Hände auf das Geländer, und schaute aus
seinen kleinen blitzenden Augen, von rötlichen Augenwimpern
überschattet, die Versammlung an. "Ihr beschuldigt mich, der von
seiner Gleichgültigkeit gegen Krone und Szepter Proben genug gegeben
hat, der abscheulichsten Handlung, die begangen werden kann, der
Ermordung meines, mir in der Tat wenig geneigten, aber darum nicht
minder teuren Bruders; und als einen der Gründe, worauf ihr eure
Anklage stützt, führt ihr an, daß ich in der Nacht des heiligen
Remigius, da jener Frevel verübt ward, gegen eine durch viele Jahre
beobachtete Gewohnheit, aus meinem Schlosse abwesend war. Nun ist
mir gar wohl bekannt, was ein Ritter, der Ehre solcher Damen, deren
Gunst ihm heimlich zuteil wird, schuldig ist; und wahrlich! hätte der
Himmel nicht, aus heiterer Luft, dies sonderbare Verhängnis über mein
Haupt zusammengeführt: so würde das Geheimnis, das in meiner Brust
schläft, mit mir gestorben, zu Staub verwest, und erst auf den
Posaunenruf des Engels, der die Gräber sprengt, vor Gott mit mir
erstanden sein. Die Frage aber, die kaiserliche Majestät durch euren
Mund an mein Gewissen richtet, macht, wie ihr wohl selbst einseht,
alle Rücksichten und alle Bedenklichkeiten zu Schanden; und weil ihr
denn wissen wollt, warum es weder wahrscheinlich, noch auch selbst
möglich sei, daß ich an dem Mord meines Bruders, es sei nun
persönlich oder mittelbar, Teil genommen, so vernehmt, daß ich in der
Nacht des heiligen Remigius, also zur Zeit, da er verübt worden,
heimlich bei der schönen, in Liebe mir ergebenen Tochter des
Landdrosts Winfried von Breda, Frau Wittib Littegarde von Auerstein
war."
Nun muß man wissen, daß Frau Wittib Littegarde von Auerstein, so wie
die schönste, so auch, bis auf den Augenblick dieser schmählichen
Anklage, die unbescholtenste und makelloseste Frau des Landes war.
Sie lebte, seit dem Tode des Schloßhauptmanns von Auerstein, ihres
Gemahls, den sie wenige Monden nach ihrer Vermählung an einem
ansteckenden Fieber verloren hatte, still und eingezogen auf der Burg
ihres Vaters; und nur auf den Wunsch dieses alten Herrn, der sie gern
wieder vermählt zu sehen wünschte, ergab sie sich darin, dann und
wann bei den Jagdfesten und Banketten zu erscheinen, welche von der
Ritterschaft der umliegenden Gegend, und hauptsächlich von Herrn
Jakob dem Rotbart, angestellt wurden. Viele Grafen und Herren, aus
den edelsten und begütertsten Geschlechtern des Landes, fanden sich
mit ihren Werbungen, bei solchen Gelegenheiten um sie ein, und unter
diesen war ihr Herr Friedrich von Trota, der Kämmerer, der ihr einst
auf der Jagd gegen den Anlauf eines verwundeten Ebers tüchtiger Weise
das Leben gerettet hatte, der Teuerste und Liebste; inzwischen hatte
sie sich aus Besorgnis, ihren beiden, auf die Hinterlassenschaft
ihres Vermögens rechnenden Brüdern dadurch zu mißfallen, aller
Ermahnungen ihres Vaters ungeachtet, noch nicht entschließen können,
ihm ihre Hand zu geben. Ja, als Rudolf, der Ältere von beiden sich
mit einem reichen Fräulein aus der Nachbarschaft vermählte, und ihm,
nach einer dreijährigen kinderlosen Ehe, zur großen Freude der
Familie, ein Stammhalter geboren ward: so nahm sie, durch manche
deutliche und undeutliche Erklärung bewogen, von Herrn Friedrich,
Ihrem Freunde, in einem unter vielen Tränen abgefaßten Schreiben,
förmlich Abschied, und willigte, um die Einigkeit des Hauses zu
erhalten, in den Vorschlag ihres Bruders, den Platz als Äbtissin in
einem Frauenstift einzunehmen, das unfern ihrer väterlichen Burg an
den Ufern des Rheins lag.
Grade um die Zeit, da bei dem Erzbischof von Straßburg dieser Plan
betrieben ward, und die Sache im Begriff war zur Ausführung zu kommen,
war es, als der Landdrost, Herr Winfried von Breda, durch das von
dem Kaiser eingesetzte Gericht, die Anzeige von der Schande seiner
Tochter Littegarde, und die Aufforderung erhielt, dieselbe zur
Verantwortung gegen die von dem Grafen Jakob wider sie angebrachte
Beschuldigung nach Basel zu befördern. Man bezeichnete ihm, im
Verlauf des Schreibens, genau die Stunde und den Ort, in welchem der
Graf, seinem Vorgeben gemäß, bei Frau Littegarde seinen Besuch
heimlich abgestattet haben wollte, und schickte ihm sogar einen, von
ihrem verstorbenen Gemahl herrührenden Ring mit, den er beim Abschied,
zum Andenken an die verflossene Nacht, aus ihrer Hand empfangen zu
haben versicherte. Nun litt Herr Winfried eben, am Tage der Ankunft
dieses Schreibens, an einer schweren und schmerzvollen Unpäßlichkeit
des Alters; er wankte, in einem äußerst gereizten Zustande, an der
Hand seiner Tochter im Zimmer umher, das Ziel schon ins Auge fassend,
das allem was Leben atmet gesteckt ist; dergestalt, daß ihn, bei
Überlesung dieser fürchterlichen Anzeige, der Schlag augenblicklich
rührte, und er, indem er das Blatt fallen ließ, mit gelähmten
Gliedern auf den Fußboden niederschlug. Die Brüder, die gegenwärtig
waren, hoben ihn bestürzt vom Boden auf, und riefen einen Arzt herbei,
der zu seiner Pflege, in den Nebengebäuden wohnte; aber alle Mühe,
ihn wieder ins Leben zurück zu bringen, war umsonst: er gab, während
Frau Littegarde besinnungslos in dem Schoß ihrer Frauen lag, seinen
Geist auf, und diese, da sie erwachte, hatte auch nicht den letzten
bittersüßen Trost, ihm ein Wort zur Verteidigung ihrer Ehre in die
Ewigkeit mitgegeben zu haben. Das Schrecken der beiden Brüder über
diesen heillosen Vorfall, und ihre Wut über die der Schwester
angeschuldigte und leider nur zu wahrscheinliche Schandtat, die ihn
veranlaßt hatte, war unbeschreiblich. Denn sie wußten nur zu wohl,
daß Graf Jakob der Rotbart ihr in der Tat, während des ganzen
vergangenen Sommers, angelegentlich den Hof gemacht hatte; mehrere
Turniere und Bankette waren bloß ihr zu Ehren von ihm angestellt, und
sie, auf eine schon damals sehr anstößige Weise, vor allen andern
Frauen, die er zur Gesellschaft zog, von ihm ausgezeichnet worden.
Ja, sie erinnerten sich, daß Littegarde, grade um die Zeit des
besagten Remigiustages, eben diesen von ihrem Gemahl herstammenden
Ring, der sich jetzt, auf sonderbare Weise in den Händen des Grafen
Jakob wieder fand, auf einem Spaziergang verloren zu haben vorgegeben
hatte; dergestalt, daß sie nicht einen Augenblick an der
Wahrhaftigkeit der Aussage, die der Graf vor Gericht gegen sie
abgeleistet hatte, zweifelten. Vergebens--inzwischen unter den
Klagen des Hofgesindes die väterliche Leiche weggetragen
ward--umklammerte sie, nur um einen Augenblick Gehör bittend, die
Kniee ihrer Brüder; Rudolf, vor Entrüstung flammend, fragte sie,
indem er sich zu ihr wandte: ob sie einen Zeugen für die Nichtigkeit
der Beschuldigung für sich aufstellen könne? und da sie unter Zittern
und Beben erwiderte: daß sie sich leider auf nichts, als die
Unsträflichkeit ihres Lebenswandels berufen könne, indem ihre Zofe
grade wegen eines Besuchs, den sie in der bewußten Nacht bei ihren
Eltern abgestattet, aus ihrem Schlafzimmer abwesend gewesen sei: so
stieß Rudolf sie mit Füßen von sich, riß ein Schwert das an der Wand
hing, aus der Scheide, und befahl ihr, in mißgeschaffner Leidenschaft
tobend, indem er Hunde und Knechte herbeirief, augenblicklich das
Haus und die Burg zu verlassen. Littegarde stand bleich wie Kreide,
vom Boden auf; sie bat, indem sie seinen Mißhandlungen schweigend
auswich, ihr wenigstens zur Anordnung der erforderten Abreise die
nötige Zeit zu lassen; doch Rudolf antwortete weiter nichts, als, vor
Wut schäumend: hinaus, aus dem Schloß! dergestalt, daß da er auf
seine eigne Frau, die ihm mit der Bitte um Schonung und
Menschlichkeit, in den Weg trat, nicht hörte, und Sie, durch einen
Stoß mit dem Griff des Schwerts, der ihr das Blut fließen machte,
rasend auf die Seite warf, die unglückliche Littegarde, mehr tot als
lebendig, das Zimmer verließ: sie wankte, von den Blicken der
gemeinen Menge umstellt, über den Hofraum der Schloßpforte zu, wo
Rudolf ihr ein Bündel mit Wäsche, wozu er einiges Geld legte,
hinausreichen ließ, und selbst hinter ihr, unter Flüchen und
Verwünschungen, die Torflügel verschloß.
Dieser plötzliche Sturz, von der Höhe eines heiteren und fast
ungetrübten Glücks, in die Tiefe eines unabsehbaren und gänzlich
hilflosen Elends, war mehr als das arme Weib ertragen konnte.
Unwissend, wohin sie sich wenden solle, wankte sie, gestützt am
Geländer, den Felsenpfad hinab, um sich wenigstens für die
einbrechende Nacht ein Unterkommen zu verschaffen; doch ehe sie noch
den Eingang des Dörfchens, das verstreut im Tale lag, erreicht hatte,
sank sie schon ihrer Kräfte beraubt, auf den Fußboden nieder. Sie
mochte, allen Erdenleiden entrückt, wohl eine Stunde so gelegen haben,
und völlige Finsternis deckte schon die Gegend, als sie, umringt von
mehreren mitleidigen Einwohnern des Orts, erwachte. Denn ein Knabe,
der am Felsenabhang spielte, hatte sie daselbst bemerkt, und in dem
Hause seiner Eltern von einer so sonderbaren und auffallenden
Erscheinung Bericht abgestattet; worauf diese, die von Littegarden
mancherlei Wohltaten empfangen hatten, äußerst bestürzt sie in einer
so trostlosen Lage zu wissen, sogleich aufbrachen, um ihr mit Hülfe,
so gut es in ihren Kräften stand, beizuspringen. Sie erholte sich
durch die Bemühungen dieser Leute gar bald, und gewann auch, bei dem
Anblick der Burg, die hinter ihr verschlossen war, ihre Besinnung
wieder; sie weigerte sich aber das Anerbieten zweier Weiber, sie
wieder auf das Schloß hinauf zu führen, anzunehmen, und bat nur um
die Gefälligkeit, ihr sogleich einen Führer herbei zu schaffen, um
ihre Wanderung fortzusetzen. Vergebens stellten ihr die Leute vor,
daß sie in ihrem Zustande keine Reise antreten könne; Littegarde
bestand unter dem Vorwand, daß ihr Leben in Gefahr sei, darauf,
augenblicklich die Grenzen des Burggebiets zu verlassen; ja, sie
machte, da sich der Haufen um sie, ohne ihr zu helfen, immer
vergrößerte, Anstalten, sich mit Gewalt los zu reißen, und sich
allein, trotz der Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht, auf den Weg
zu begeben; dergestalt daß die Leute notgedrungen, aus Furcht, von
der Herrschaft, falls ihr ein Unglück zustieße, dafür in Anspruch
genommen zu werden, in ihren Wunsch willigten, und ihr ein Fuhrwerk
herbeischafften, das mit ihr, auf die wiederholt an sie gerichtete
Frage, wohin sie sich denn eigentlich wenden wolle, nach Basel fuhr.
Aber schon vor dem Dorfe änderte sie, nach einer aufmerksamem
Erwägung der Umstände, ihren Entschluß, und befahl ihrem Führer
umzukehren, und sie nach der, nur wenige Meilen entfernten Trotenburg
zu fahren. Denn sie fühlte wohl, daß sie ohne Beistand, gegen einen
solchen Gegner, als der Graf Jakob der Rotbart war, vor dem Gericht
zu Basel nichts ausrichten würde; und niemand schien ihr des
Vertrauens, zur Verteidigung ihrer Ehre aufgerufen zu werden,
würdiger, als ihr wackerer, ihr in Liebe, wie sie wohl wußte, immer
noch ergebener Freund, der treffliche Kämmerer Herr Friedrich von
Trota. Es mochte ohngefähr Mitternacht sein, und die Lichter im
Schlosse schimmerten noch, als sie äußerst ermüdet von der Reise, mit
ihrem Fuhrwerk daselbst ankam. Sie schickte einen Diener des Hauses,
der ihr entgegen kam, hinauf, um der Familie ihre Ankunft anmelden zu
lassen; doch ehe dieser noch seinen Auftrag vollführt hatte, traten
auch schon Fräulein Bertha und Kunigunde, Herrn Friedrichs Schwestern,
vor die Tür hinaus, die zufällig, in Geschäften des Haushalts, im
untern Vorsaal waren. Die Freundinnen hoben Littegarden, die ihnen
gar wohl bekannt war, unter freudigen Begrüßungen vom Wagen, und
führten sie, obschon nicht ohne einige Beklemmung, zu ihrem Bruder
hinauf, der in Akten, womit ihn ein Prozeß überschüttete, versenkt,
an einem Tische saß. Aber wer beschreibt das Erstaunen Herrn
Friedrichs, als er auf das Geräusch, das sich hinter ihm erhob, sein
Antlitz wandte, und Frau Littegarden, bleich und entstellt, ein
wahres Bild der Verzweiflung, vor ihm auf Knieen nieder sinken sah.
"Meine teuerste Littegarde!" rief er, indem er aufstand, und sie vom
Fußboden erhob: "was ist Euch widerfahren?" Littegarde, nachdem sie
sich auf einen Sessel niedergelassen hatte, erzählte ihm, was
vorgefallen; welch eine verruchte Anzeige der Graf Jakob der Rotbart,
um sich von dem Verdacht, wegen Ermordung des Herzogs, zu reinigen,
vor dem Gericht zu Basel in Bezug auf sie, vorgebracht habe; wie die
Nachricht davon ihrem alten, eben an einer Unpäßlichkeit leidenden
Vater augenblicklich den Nervenschlag zugezogen, an welchem er auch,
wenige Minuten darauf, in den Armen seiner Söhne verschieden sei; und
wie diese in Entrüstung darüber rasend, ohne auf das, was sie zu
ihrer Verteidigung vorbringen könne, zu hören, sie mit den
entsetzlichsten Mißhandlungen überhäuft, und zuletzt, gleich einer
Verbrecherin, aus dem Hause gejagt hatten. Sie bat Herrn Friedrich,
sie unter einer schicklichen Begleitung nach Basel zu befördern, und
ihr daselbst einen Rechtsgehülfen anzuweisen, der ihr, bei ihrer
Erscheinung vor dem von dem Kaiser eingesetzten Gericht, mit klugem
und besonnenen Rat, gegen jene schändliche Beschuldigung, zur Seite
stehen könne. Sie versicherte, daß ihr aus dem Munde eines Parthers
oder Persers, den sie nie mit Augen gesehen, eine solche Behauptung
nicht hätte unerwarteter kommen können, als aus dem Munde des Grafen
Jakobs des Rotbarts, indem ihr derselbe seines schlechten Rufs sowohl,
als seiner äußeren Bildung wegen, immer in der tiefsten Seele
verhaßt gewesen sei, und sie die Artigkeiten, die er sich, bei den
Festgelagen des vergangenen Sommers, zuweilen die Freiheit genommen
ihr zu sagen, stets mit der größten Kälte und Verachtung abgewiesen
habe. "Genug, meine teuerste Littegarde!" rief Herr Friedrich, indem
er mit edlem Eifer ihre Hand nahm, und an seine Lippen drückte:
"verliert kein Wort zur Verteidigung und Rechtfertigung Eurer
Unschuld! In meiner Brust spricht eine Stimme für Euch, weit
lebhafter und überzeugender, als alle Versicherungen, ja selbst als
alle Rechtsgründe und Beweise, die Ihr vielleicht aus der Verbindung
der Umstände und Begebenheiten, vor dem Gericht zu Basel für Euch
aufzubringen vermögt. Nehmt mich, weil Eure ungerechten und
ungroßmütigen Brüder Euch verlassen, als Euren Freund und Bruder an,
und gönnt mir den Ruhm, Euer Anwalt in dieser Sache zu sein; ich will
den Glanz Eurer Ehre vor dem Gericht zu Basel und vor dem Urteil der
ganzen Welt wiederherstellen!" Damit führte er Littegarden, deren
Tränen vor Dankbarkeit und Rührung, bei so edelmütigen Äußerungen
heftig flossen, zu Frau Helenen, seiner Mutter hinauf, die sich
bereits in ihr Schlafzimmer zurückgezogen hatte; er stellte sie
dieser würdigen alten Dame, die ihr mit besonderer Liebe zugetan war,
als eine Gastfreundin vor, die sich, wegen eines Zwistes, der in
ihrer Familie ausgebrochen, entschlossen habe, ihren Aufenthalt
während einiger Zeit auf seiner Burg zu nehmen; man räumte ihr noch
in derselben Nacht einen ganzen Flügel des weitläufigen Schlosses ein,
erfüllte, aus dem Vorrat der Schwestern, die Schränke, die sich
darin befanden, reichlich mit Kleidern und Wäsche für sie, wies ihr
auch, ganz ihrem Range gemäß, eine anständige ja prächtige
Dienerschaft an: und schon am dritten Tage befand sich Herr Friedrich
von Trota, ohne sich über die Art und Weise, wie er seinen Beweis vor
Gericht zu führen gedachte, auszulassen, mit einem zahlreichen
Gefolge von Reisigen und Knappen auf der Straße nach Basel.
Inzwischen war, von den Herren von Breda, Littegardens Brüdern, ein
Schreiben, den auf der Burg statt gehabten Vorfall anbetreffend, bei
dem Gericht zu Basel eingelaufen, worin sie das arme Weib, sei es nun,
daß sie dieselbe wirklich für schuldig hielten, oder daß sie sonst
Gründe haben mochten, sie zu verderben, ganz und gar, als eine
überwiesene Verbrecherin, der Verfolgung der Gesetze preis gaben.
Wenigstens nannten sie die Verstoßung derselben aus der Burg,
unedelmütiger und unwahrhaftiger Weise, eine freiwillige Entweichung;
sie beschrieben, wie sie sogleich, ohne irgend etwas zur Verteidigung
ihrer Unschuld aufbringen zu können, auf einige entrüstete Äußerungen,
die ihnen entfahren wären, das Schloß verlassen habe; und waren, bei
der Vergeblichkeit aller Nachforschungen, die sie beteuerten,
ihrethalb angestellt zu haben, der Meinung, daß sie jetzt
wahrscheinlich, an der Seite eines dritten Abenteurers, in der Welt
umirre, um das Maß ihrer Schande zu erfüllen. Dabei trugen sie, zur
Ehrenrettung der durch sie beleidigten Familie, darauf an, ihren
Namen aus der Geschlechtstafel des Bredaschen Hauses auszustreichen,
und begehrten, unter weitläufigen Rechtsdeduktionen, sie, zur Strafe
wegen so unerhörter Vergehungen, aller Ansprüche auf die
Verlassenschaft des edlen Vaters, den ihre Schande ins Grab gestürzt,
für verlustig zu erklären. Nun waren die Richter zu Basel zwar weit
entfernt, diesem Antrag, der ohnehin gar nicht vor ihr Forum gehörte,
zu willfahren; da inzwischen der Graf Jakob, beim Empfang dieser
Nachricht, von seiner Teilnahme an dem Schicksal Littegardens die
unzweideutigsten und entscheidendsten Beweise gab, und heimlich, wie
man erfuhr, Reuter ausschickte, um sie aufzusuchen und ihr einen
Aufenthalt auf seiner Burg anzubieten: so setzte das Gericht in die
Wahrhaftigkeit seiner Aussage keinen Zweifel mehr, und beschloß die
Klage die wegen Ermordung des Herzogs über ihn schwebte, sofort
aufzuheben. Ja, diese Teilnahme, die er der Unglücklichen in diesem
Augenblick der Not schenkte, wirkte selbst höchst vorteilhaft auf die
Meinung des in seinem Wohlwollen für ihn sehr wankenden Volks; man
entschuldigte jetzt, was man früherhin schwer gemißbilligt hatte, die
Preisgebung einer ihm in Liebe ergebenen Frau, vor der Verachtung
aller Welt, und fand, daß ihm unter so außerordentlichen und
ungeheuren Umständen, da es ihm nichts Geringeres, als Leben und Ehre
galt, nichts übrig geblieben sei, als rücksichtslose Aufdeckung des
Abenteuers, das sich in der Nacht des heiligen Remigius zugetragen
hatte. Demnach ward, auf ausdrücklichen Befehl des Kaisers, der Graf
Jakob der Rotbart von neuem vor Gericht geladen, um feierlich, bei
offnen Türen, von dem Verdacht, zur Ermordung des Herzogs mitgewirkt
zu haben, freigesprochen zu werden. Eben hatte der Herold, unter den
Hallen des weitläufigen Gerichtssaals, das Schreiben der Herren von
Breda abgelesen, und das Gericht machte sich bereit, dem Schluß des
Kaisers gemäß, in Bezug auf den ihm zur Seite stehenden Angeklagten,
zu einer förmlichen Ehrenerklärung zu schreiten: als Herr Friedrich
von Trota vor die Schranken trat, und sich, auf das allgemeine Recht
jedes unparteiischen Zuschauers gestützt, den Brief auf einen
Augenblick zur Durchsicht ausbat. Man willigte, während die Augen
alles Volks auf ihn gerichtet waren, in seinen Wunsch; aber kaum
hatte Herr Friedrich aus den Händen des Herolds das Schreiben
erhalten, als er es, nach einem flüchtig hinein geworfenen Blick, von
oben bis unten zerriß, und die Stücken, samt seinem Handschuh, die er
zusammen wickelte, mit der Erklärung dem Grafen Jakob dem Rotbart ins
Gesicht warf: daß er ein schändlicher und niederträchtiger Verleumder,
und er entschlossen sei, die Schuldlosigkeit Frau Littegardens an
dem Frevel, den er ihr vorgeworfen, auf Tod und Leben, vor aller Welt,
im Gottesurteil zu beweisen!--Graf Jakob der Rotbart, nachdem er,
blaß im Gesicht, den Handschuh aufgenommen, sagte: "so gewiß als Gott
gerecht, im Urteil der Waffen, entscheidet, so gewiß werde ich dir
die Wahrhaftigkeit dessen, was ich, Frau Littegarden betreffend,
notgedrungen verlautbart, im ehrlichen ritterlichen Zweikampf
beweisen! Erstattet, edle Herren", sprach er, indem er sich zu den
Richtern wandte, "kaiserlicher Majestät Bericht von dem Einspruch,
welchen Herr Friedrich getan, und ersucht sie, uns Stunde und Ort zu
bestimmen, wo wir uns, mit dem Schwert in der Hand, zur Entscheidung
dieser Streitsache begegnen können!" Dem gemäß schickten die Richter,
unter Aufhebung der Session, eine Deputation, mit dem Bericht über
diesen Vorfall an den Kaiser ab; und da dieser durch das Auftreten
Herrn Friedrichs, als Verteidiger Littegardens, nicht wenig in seinem
Glauben an die Unschuld des Grafen irre geworden war: so rief er, wie
es die Ehrengesetze erforderten, Frau Littegarden, zur Beiwohnung des
Zweikampfs, nach Basel, und setzte zur Aufklärung des sonderbaren
Geheimnisses, das über dieser Sache schwebte, den Tag der heiligen
Margarethe als die Zeit, und den Schloßplatz zu Basel als den Ort an,
wo beide, Herr Friedrich von Trota und der Graf Jakob der Rotbart, in
Gegenwart Frau Littegardens einander treffen sollten.
Eben ging, diesem Schluß gemäß, die Mittagssonne des Margarethentages
über die Türme der Stadt Basel, und eine unermeßliche Menschenmenge,
für welche man Bänke und Gerüste zusammen gezimmert hatte, war auf
dem Schloßplatz versammelt, als auf den dreifachen Ruf des vor dem
Altan der Kampfrichter stehenden Herolds, beide, von Kopf zu Fuß in
schimmerndes Erz gerüstet, Herr Friedrich und der Graf Jakob, zur
Ausfechtung ihrer Sache, in die Schranken traten. Fast die ganze
Ritterschaft von Schwaben und der Schweiz war auf der Rampe des im
Hintergrund befindlichen Schlosses gegenwärtig; und auf dem Balkon
desselben saß, von seinem Hofgesinde umgeben, der Kaiser selbst,
nebst seiner Gemahlin, und den Prinzen und Prinzessinnen, seinen
Söhnen und Töchtern. Kurz vor Beginn des Kampfes, während die
Richter Licht und Schatten zwischen den Kämpfern teilten, traten Frau
Helena und ihre beiden Töchter Bertha und Kunigunde, welche
Littegarden nach Basel begleitet hatten, noch einmal an die Pforten
des Platzes, und baten die Wächter, die daselbst standen, um die
Erlaubnis, eintreten, und mit Frau Littegarden, welche, einem uralten
Gebrauch gemäß, auf einem Gerüst innerhalb der Schranken saß, ein
Wort sprechen zu dürfen. Denn obschon der Lebenswandel dieser Dame
die vollkommenste Achtung und ein ganz uneingeschränktes Vertrauen in
die Wahrhaftigkeit ihrer Versicherungen zu erfordern schien, so
stürzte doch der Ring, den der Graf Jakob aufzuweisen hatte, und noch
mehr der Umstand, daß Littegarde ihre Kammerzofe, die einzige, die
ihr hätte zum Zeugnis dienen können, in der Nacht des heiligen
Remigius beurlaubt hatte, ihre Gemüter in die lebhafteste Besorgnis;
sie beschlossen die Sicherheit des Bewußtseins, das der Angeklagten
inwohnte, im Drang dieses entscheidenden Augenblicks, noch einmal zu
prüfen, und ihr die Vergeblichkeit, ja Gotteslästerlichkeit des
Unternehmens, falls wirklich eine Schuld ihre Seele drückte,
auseinander zu setzen, sich durch den heiligen Ausspruch der Waffen,
der die Wahrheit unfehlbar ans Licht bringen würde, davon reinigen zu
wollen. Und in der Tat hatte Littegarde alle Ursache, den Schritt,
den Herr Friedrich jetzt für sie tat, wohl zu überlegen; der
Scheiterhaufen wartete ihrer sowohl, als ihres Freundes, des Ritters
von Trota, falls Gott sich im eisernen Urteil nicht für ihn, sondern
für den Grafen Jakob den Rotbart, und für die Wahrheit der Aussage
entschied, die derselbe vor Gericht gegen sie abgeleistet hatte.
Frau Littegarde, als sie Herrn Friedrichs Mutter und Schwestern zur
Seite eintreten sah, stand, mit dem ihr eigenen Ausdruck von Würde,
der durch den Schmerz, welcher über ihr Wesen verbreitet war, noch
rührender ward, von ihrem Sessel auf, und fragte sie, indem sie ihnen
entgegen ging: was sie in einem so verhängnisvollen Augenblick zu ihr
führe? "Mein liebes Töchterchen", sprach Frau Helena, indem sie
dieselbe auf die Seite führte: "wollt Ihr einer Mutter, die keinen
Trost im öden Alter, als den Besitz ihres Sohnes hat, den Kummer
ersparen, ihn an seinem Grabe beweinen zu müssen; Euch, ehe noch der
Zweikampf beginnt, reichlich beschenkt und ausgestattet, auf einen
Wagen setzen, und eins von unsern Gütern, das jenseits des Rheins
liegt, und Euch anständig und freundlich empfangen wird, von uns zum
Geschenk annehmen?" Littegarde, nachdem sie ihr, mit einer Blässe,
die ihr über das Antlitz flog, einen Augenblick starr ins Gesicht
gesehen hatte, bog, sobald sie die Bedeutung dieser Worte in ihrem
ganzen Umfang verstanden hatte, ein Knie vor ihr.
Verehrungswürdigste und vortreffliche Frau! sprach sie; kommt die
Besorgnis, daß Gott sich, in dieser entscheidenden Stunde, gegen die
Unschuld meiner Brust erklären werde, aus dem Herzen Eures edlen
Sohnes?--"Weshalb?" fragte Frau Helena.--Weil ich ihn in diesem Falle
beschwöre das Schwert, das keine vertrauensvolle Hand führt, lieber
nicht zu zücken, und die Schranken, unter welchem schicklichen
Vorwand es sei, seinem Gegner zu räumen: mich aber, ohne dem Gefühl
des Mitleids, von dem ich nichts annehmen kann, ein unzeitiges Gehör
zu geben, meinem Schicksal, das ich in Gottes Hand stelle, zu
überlassen!--"Nein!" sagte Frau Helena verwirrt; "mein Sohn weiß von
nichts! Es würde ihm, der vor Gericht sein Wort gegeben hat, Eure
Sache zu verfechten, wenig anstehen, Euch jetzt, da die Stunde der
Entscheidung schlägt, einen solchen Antrag zu machen. Im festen
Glauben an Eure Unschuld steht er, wie Ihr seht, bereits zum Kampf
gerüstet, dem Grafen Eurem Gegner gegenüber; es war ein Vorschlag,
den wir uns, meine Töchter und ich, in der Bedrängnis des Augenblicks,
zur Berücksichtigung aller Vorteile und Vermeidung alles Unglücks
ausgedacht haben."--Nun, sagte Frau Littegarde, indem sie die Hand
der alten Dame, unter einem heißen Kuß, mit ihren Tränen befeuchtete:
so laßt ihn sein Wort lösen! Keine Schuld befleckt mein Gewissen;
und ginge er ohne Helm und Harnisch in den Kampf, Gott und alle seine
Engel beschirmen ihn! Und damit stand sie vom Boden auf, und führte
Frau Helena und ihre Töchter auf einige, innerhalb des Gerüstes
befindliche Sitze, die hinter dem, mit roten Tuch beschlagenen Sessel,
auf dem sie sich selbst niederließ, aufgestellt waren.
Hierauf blies der Herold, auf den Wink des Kaisers, zum Kampf, und
beide Ritter, Schild und Schwert in der Hand, gingen auf einander los.
Herr Friedrich verwundete gleich auf den ersten Hieb den Grafen; er
verletzte ihn mit der Spitze seines, nicht eben langen Schwertes da,
wo zwischen Arm und Hand die Gelenke der Rüstung in einander griffen;
aber der Graf, der, durch die Empfindung geschreckt, zurücksprang,
und die Wunde untersuchte, fand, daß, obschon das Blut heftig floß,
doch nur die Haut obenhin geritzt war: dergestalt, daß er auf das
Murren der auf den Rampe befindlichen Ritter, über die
Unschicklichkeit dieser Aufführung, wieder vordrang, und den Kampf,
mit erneuerten Kräften, einem völlig Gesunden gleich, wieder
fortsetzte. Jetzt wogte zwischen beiden Kämpfern der Streit, wie
zwei Sturmwinde einander begegnen, wie zwei Gewitterwolken, ihre
Blitze einander zusendend, sich treffen, und, ohne sich zu vermischen,
unter dem Gekrach häufiger Donner, getürmt um einander herumschweben.
Herr Friedrich stand, Schild und Schwert vorstreckend, auf dem
Boden, als ob er darin Wurzel fassen wollte, da; bis an die Sporen
grub er sich, bis an die Knöchel und Waden, in dem, von seinem
Pflaster befreiten, absichtlich aufgelockerten, Erdreich ein, die
tückischen Stöße des Grafen, der, klein und behend, gleichsam von
allen Seiten zugleich angriff, von seiner Brust und seinem Haupt
abwehrend. Schon hatte der Kampf, die Augenblicke der Ruhe, zu
welcher Entatmung beide Parteien zwang, mitgerechnet, fast eine
Stunde gedauert. als sich von neuem ein Murren unter den auf dem
Gerüst befindlichen Zuschauern erhob. Es schien, es galt diesmal
nicht den Grafen Jakob, der es an Eifer, den Kampf zu Ende zu bringen
nicht fehlen ließ, sondern Herrn Friedrichs Einpfählung auf einem und
demselben Fleck, und seine seltsame, im Anschein nach fast
eingeschüchterte, wenigstens starrsinnige Enthaltung alles eignen
Angriffs. Herr Friedrich, obschon sein Verfahren auf guten Gründen
beruhen mochte, fühlte dennoch zu leise, als daß er es nicht sogleich
gegen die Forderung derer, die in diesem Augenblick über seine Ehre
entschieden, hätte aufopfern sollen; er trat mit einem mutigen
Schritt aus dem, sich von Anfang herein gewählten Standpunkt, und der
Art natürlicher Verschanzung, die sich um seinen Fußtritt gebildet
hatte, hervor, über das Haupt seines Gegners, dessen Kräfte schon zu
sinken anfingen, mehrere derbe und ungeschwächte Streiche, die
derselbe jedoch unter geschickten Seitenbewegungen mit seinem Schild
aufzufangen wußte, danieder schmetternd. Aber schon in den ersten
Momenten dieses dergestalt veränderten Kampfs, hatte Herr Friedrich
ein Unglück, das die Anwesenheit höherer, über den Kampf waltender
Mächte nicht eben anzudeuten schien; er stürzte, den Fußtritt in
seinen Sporen verwickelnd, stolpernd abwärts, und während er, unter
der Last des Helms und des Harnisches, die seine oberen Teile
beschwerten, mit in dem Staub vorgestützter Hand, in die Kniee sank,
stieß ihm Graf Jakob der Rotbart, nicht eben auf die edelmütigste und
ritterlichste Weise, das Schwert in die dadurch bloßgegebene Seite.
Herr Friedrich sprang, mit einem Laut des augenblicklichen Schmerzes,
von der Erde empor. Er drückte sich zwar den Helm in die Augen, und
machte, das Antlitz rasch seinem Gegner wieder zuwendend, Anstalten,
den Kampf fortzusetzen: aber während er sich, mit vor Schmerz
krummgebeugtem Leibe auf seinen Degen stützte, und Dunkelheit seine
Augen umfloß: stieß ihm der Graf seinen Flammberg noch zweimal, dicht
unter dem Herzen, in die Brust; worauf er, von seiner Rüstung
umrasselt, zu Boden schmetterte, und Schwert und Schild neben sich
niederfallen ließ. Der Graf setzte ihm, nachdem er die Waffen über
die Seite geschleudert, unter einem dreifachen Tusch der Trompeten,
den Fuß auf die Brust; und inzwischen alle Zuschauer, der Kaiser
selbst an der Spitze, unter dumpfen Ausrufungen des Schreckens und
Mitleidens, von ihren Sitzen aufstanden: stürzte sich Frau Helena, im
Gefolge ihrer beiden Töchter, über ihren teuern, sich in Staub und
Blut wälzenden Sohn. "O mein Friedrich!" rief sie, an seinem Haupt
jammernd niederknieend; während Frau Littegarde ohnmächtig und
besinnungslos, durch zwei Häscher, von dem Boden des Gerüstes, auf
welchen sie herab gesunken war, aufgehoben und in ein Gefängnis
getragen ward. "Und o die Verruchte", setzte sie hinzu, "die
Verworfene, die, das Bewußtsein der Schuld im Busen, hierher zu
treten, und den Arm des treusten und edelmütigsten Freundes zu
bewaffnen wagt, um ihr ein Gottesurteil, in einem ungerechten
Zweikampf zu erstreiten!" Und damit hob sie den geliebten Sohn,
inzwischen die Töchter ihn von seinem Harnisch befreiten, wehklagend
vom Boden auf, und suchte ihm das Blut, das aus seiner edlen Brust
vordrang, zu stillen. Aber Häscher traten auf Befehl des Kaisers
herbei, die auch ihn, als einen dem Gesetz Verfallenen, in Verwahrsam
nahmen; man legte ihn, unter Beihülfe einiger Ärzte, auf eine Bahre,
und trug ihn, unter der Begleitung einer großen Volksmenge
gleichfalls in ein Gefängnis, wohin Frau Helena jedoch und ihre
Töchter, die Erlaubnis bekamen, ihm, bis an seinen Tod, an dem
niemand zweifelte, folgen zu dürfen.
Es zeigte sich aber gar bald, daß Herrn Friedrichs Wunden, so
lebensgefährliche und zarte Teile sie auch berührten, durch eine
besondere Fügung des Himmels nicht tödlich waren; vielmehr konnten
die Ärzte, die man ihm zugeordnet hatte, schon wenige Tage darauf die
bestimmte Versicherung an die Familie geben, daß er am Leben erhalten
werden würde, ja, daß er, bei der Stärke seiner Natur, binnen wenigen
Wochen, ohne irgend eine Verstümmlung an seinem Körper zu erleiden,
wieder hergestellt sein würde. Sobald ihm seine Besinnung, deren ihn
der Schmerz während langer Zeit beraubte, wiederkehrte, war seine an
die Mutter gerichtete Frage unaufhörlich: was Frau Littegarde mache?
Er konnte sich der Tränen nicht enthalten, wenn er sich dieselbe in
der Öde des Gefängnisses, der entsetzlichsten Verzweiflung zum Raube
hingegeben dachte, und forderte die Schwestern, indem er ihnen
liebkosend das Kinn streichelte, auf, sie zu besuchen und sie zu
trösten. Frau Helena, über diese Äußerung betroffen, bat ihn, diese
Schändliche und Niederträchtige zu vergessen; sie meinte, daß das
Verbrechen, dessen der Graf Jakob vor Gericht Erwähnung getan, und
das nun durch den Ausgang des Zweikampfs ans Tageslicht gekommen,
verziehen werden könne, nicht aber die Schamlosigkeit und Frechheit,
mit dem Bewußtsein dieser Schuld, ohne Rücksicht auf den edelsten
Freund, den sie dadurch ins Verderben stürze, das geheiligte Urteil
Gottes, gleich einer Unschuldigen, für sich aufzurufen. Ach, meine
Mutter, sprach der Kämmerer, wo ist der Sterbliche, und wäre die
Weisheit aller Zeiten sein, der es wagen darf, den geheimnisvollen
Spruch, den Gott in diesem Zweikampf getan hat, auszulegen? "Wie?"
rief Frau Helena: "blieb der Sinn dieses göttlichen Spruchs dir
dunkel? Hast du nicht, auf eine nur leider zu bestimmte und
unzweideutige Weise, dem Schwert deines Gegners im Kampf
unterlegen?"--Sei es! versetzte Herr Friedrich: auf einen Augenblick
unterlag ich ihm. Aber ward ich durch den Grafen überwunden? Leb
ich nicht? Blühe ich nicht, wie unter dem Hauch des Himmels,
wunderbar wieder empor, vielleicht in wenig Tagen schon mit der Kraft
doppelt und dreifach ausgerüstet, den Kampf, in dem ich durch einen
nichtigen Zufall gestört ward, von neuem wieder
aufzunehmen?--"Törichter Mensch!" rief die Mutter. "Und weißt du
nicht, daß ein Gesetz besteht, nach welchem ein Kampf, der einmal
nach dem Ausspruch der Kampfrichter abgeschlossen ist, nicht wieder
zur Ausfechtung derselben Sache vor den Schranken des göttlichen
Gerichts aufgenommen werden darf?" Gleichviel! versetzte der Kämmerer
unwillig. Was kümmern mich diese willkürlichen Gesetze der Menschen?
Kann ein Kampf, der nicht bis an den Tod eines der beiden Kämpfer
fortgeführt worden ist, nach jeder vernünftigen Schätzung der
Verhältnisse für abgeschlossen gehalten werden? und dürfte ich nicht,
falls mir ihn wieder aufzunehmen gestattet wäre, hoffen, den Unfall,
der mich betroffen, wieder herzustellen, und mir mit dem Schwert
einen ganz andern Spruch Gottes zu erkämpfen, als den, der jetzt
beschränkter und kurzsichtiger Weise dafür angenommen wird?
"Gleichwohl", entgegnete die Mutter bedenklich, "sind diese Gesetze,
um welche du dich nicht zu bekümmern vorgibst, die waltenden und
herrschenden; sie üben, verständig oder nicht, die Kraft göttlicher
Satzungen aus, und überliefern dich und sie, wie ein
verabscheuungswürdiges Frevelpaar, der ganzen Strenge der peinlichen
Gerichtsbarkeit."--Ach, rief Herr Friedrich; das eben ist es, was
mich Jammervollen in Verzweiflung stürzt! Der Stab ist, einer
Überwiesenen gleich, über sie gebrochen; und ich, der ihre Tugend und
Unschuld vor der Welt erweisen wollte, bin es, der dies Elend über
sie gebracht: ein heilloser Fehltritt in die Riemen meiner Sporen,
durch den Gott mich vielleicht, ganz unabhängig von ihrer Sache, der
Sünden meiner eignen Brust wegen, strafen wollte, gibt ihre blühenden
Glieder der Flamme und ihr Andenken ewiger Schande preis!--Bei diesen
Worten stieg ihm die Träne heißen männlichen Schmerzes ins Auge; er
kehrte sich, indem er ein Tuch ergriff, der Wand zu, und Frau Helena
und ihre Töchter knieten in stiller Rührung an seinem Bett nieder,
und mischten, indem sie seine Hand küßten, ihre Tränen mit den
seinigen. Inzwischen war der Turmwächter, mit Speisen für ihn und
die Seinigen, in sein Zimmer getreten, und da Herr Friedrich ihn
fragte, wie sich Frau Littegarde befinde: vernahm er in abgerissenen
und nachlässigen Worten desselben, daß sie auf einem Bündel Stroh
liege, und noch seit dem Tage, da sie eingesetzt worden, kein Wort
von sich gegeben habe. Herr Friedrich ward durch diese Nachricht in
die äußerste Besorgnis gestürzt; er trug ihm auf, der Dame, zu ihrer
Beruhigung zu sagen, daß er, durch eine sonderbare Schickung des
Himmels, in seiner völligen Besserung begriffen sei, und bat sich von
ihr die Erlaubnis aus, sie nach Wiederherstellung seiner Gesundheit,
mit Genehmigung des Schloßvogts, einmal in ihrem Gefängnis besuchen
zu dürfen. Doch die Antwort, die der Turmwächter von ihr, nach
mehrmaligem Rütteln derselben am Arm, da sie wie eine Wahnsinnige,
ohne zu hören und zu sehen, auf dem Stroh lag, empfangen zu haben,
vorgab, war: nein, sie wolle, so lange sie auf Erden sei, keinen
Menschen mehr sehen;--ja, man erfuhr, daß sie noch an demselben Tage
dem Schloßvogt, in einer eigenhändigen Zuschrift, befohlen hatte,
niemanden, wer es auch sei, den Kämmerer von Trota aber am
allerwenigsten, zu ihr zu lassen; dergestalt, daß Herr Friedrich, von
der heftigsten Bekümmernis über ihren Zustand getrieben, an einem
Tage, an welchem er seine Kraft besonders lebhaft wiederkehren fühlte,
mit Erlaubnis des Schloßvogts aufbrach, und sich, ihrer Verzeihung
gewiß, ohne bei ihr angemeldet worden zu sein, in Begleitung seiner
Mutter und beiden Schwestern, nach ihrem Zimmer verfügte.
Aber wer beschreibt das Entsetzen der unglücklichen Littegarde, als
sie sich, bei dem an der Tür entstehenden Geräusch, mit halb offner
Brust und aufgelöstem Haar, von dem Stroh, das ihr untergeschüttet
war, erhob und statt des Turmwächters, den sie erwartete, den
Kämmerer, ihren edlen und vortrefflichen Freund, mit manchen Spuren
der ausgestandenen Leiden, eine wehmütige und rührende Erscheinung,
an Berthas und Kunigundens Arm bei sich eintreten sah. "Hinweg!"
rief sie, indem sie sich mit dem Ausdruck der Verzweiflung rückwärts
auf die Decken ihres Lagers zurückwarf, und die Hände vor ihr Antlitz
drückte: "wenn dir ein Funken von Mitleid im Busen glimmt, hinweg!
"--Wie, meine teuerste Littegarde? versetzte Herr Friedrich. Er
stellte sich ihr, gestützt auf seine Mutter, zur Seite und neigte
sich in unaussprechlicher Rührung über sie, um ihre Hand zu ergreifen.
"Hinweg!" rief sie, mehrere Schritt weit auf Knien vor ihm auf dem
Stroh zurückbebend: "wenn ich nicht wahnsinnig werden soll, so
berühre mich nicht! Du bist mir ein Greuel; loderndes Feuer ist mir
minder schrecklich, als du!"--Ich dir ein Greuel? versetzte Herr
Friedrich betroffen. Womit, meine edelmütige Littegarde, hat dein
Friedrich diesen Empfang verdient?--Bei diesen Worten setzte ihm
Kunigunde, auf den Wink der Mutter, einen Stuhl hin, und lud ihn,
schwach wie er war, ein, sich darauf zu setzen. "O Jesus!" rief jene,
indem sie sich, in der entsetzlichsten Angst, das Antlitz ganz auf
den Boden gestreckt, vor ihm niederwarf: "räume das Zimmer, mein
Geliebter, und verlaß mich! Ich umfasse in heißer Inbrunst deine
Kniee, ich wasche deine Füße mit meinen Tränen, ich flehe dich, wie
ein Wurm vor dir im Staube gekrümmt, um die einzige Erbarmung an:
räume, mein Herr und Gebieter, räume mir das Zimmer, räume es
augenblicklich und verlaß mich!"--Herr Friedrich stand durch und
durch erschüttert vor ihr da. Ist dir mein Anblick so unerfreulich
Littegarde? fragte er, indem er ernst auf sie niederschaute.
"Entsetzlich, unerträglich, vernichtend!" antwortete Littegarde, ihr
Gesicht mit verzweiflungsvoll vorgestützten Händen, ganz zwischen die
Sohlen seiner Füß bergend. "Die Hölle, mit allen Schauern und
Schrecknissen, ist süßer mir und anzuschauen lieblicher, als der
Frühling deines mir in Huld und Liebe zugekehrten Angesichts!"--Gott
im Himmel! rief der Kämmerer; was soll ich von dieser Zerknirschung
deiner Seele denken? Sprach das Gottesurteil, Unglückliche, die
Wahrheit, und bist du des Verbrechens, dessen dich der Graf vor
Gericht geziehen hat, bist du dessen schuldig?--"Schuldig, überwiesen,
verworfen, in Zeitlichkeit und Ewigkeit verdammt und verurteilt!"
rief Littegarde, indem sie sich den Busen, wie eine Rasende zerschlug:
"Gott ist wahrhaftig und untrüglich; geh, meine Sinne reißen, und
meine Kraft bricht. Laß mich mit meinem Jammer und meiner
Verzweiflung allein!"--Bei diesen Worten fiel Herr Friedrich in
Ohnmacht; und während Littegarde sich mit einem Schleier das Haupt
verhüllte, und sich, wie in gänzlicher Verabschiedung von der Welt,
auf ihr Lager zurücklegte, stürzten Bertha und Kunigunde jammernd
über ihren entseelten Bruder, um ihn wieder ins Leben zurück zu rufen.
"O sei verflucht!" rief Frau Helena, da der Kämmerer wieder die
Augen aufschlug: "verflucht zu ewiger Reue diesseits des Grabes, und
jenseits desselben zu ewiger Verdammnis: nicht wegen der Schuld, die
du jetzt eingestehst, sondern wegen der Unbarmherzigkeit und
Unmenschlichkeit, sie eher nicht, als bis du meinen schuldlosen Sohn
mit dir ins Verderben herabgerissen, einzugestehn! Ich Törin!" fuhr
sie fort, indem sie sich verachtungsvoll von ihr abwandte, "hätte ich
doch einem Wort, das mir, noch kurz vor Eröffnung des Gottesgerichts,
der Prior des hiesigen Augustinerklosters anvertraut, bei dem der
Graf, in frommer Vorbereitung zu der entscheidenden Stunde, die ihm
bevorstand, zur Beichte gewesen, Glauben geschenkt! ihm hat er, auf
die heilige Hostie, die Wahrhaftigkeit der Angabe, die er vor Gericht
in Bezug auf die Elende, niedergelegt, beschworen; die Gartenpforte
hat er ihm bezeichnet, an welcher sie ihn, der Verabredung gemäß,
beim Einbruch der Nacht erwartet und empfangen, das Zimmer ihm, ein
Seitengemach des unbewohnten Schloßturms, beschrieben, worin sie ihn,
von den Wächtern unbemerkt, eingeführt, das Lager, von Polstern
bequem und prächtig unter einem Thronhimmel aufgestapelt, worauf sie
sich, in schamloser Schwelgerei, heimlich mit ihm gebettet! Ein
Eidschwur in einer solchen Stunde getan, enthält keine Lüge: und
hätte ich, Verblendete, meinem Sohn, auch nur noch in dem Augenblick
des ausbrechenden Zweikampfs, eine Anzeige davon gemacht: so würde
ich ihm die Augen geöffnet haben, und er vor dem Abgrund an welchem
er stand, zurückgebebt sein.--Aber komm!" rief Frau Helena, indem sie
Herrn Friedrich sanft umschloß, und ihm einen Kuß auf die Stirne
drückte: "Entrüstung, die sie der Worte würdigt, ehrt sie; unsern
Rücken mag sie erschaun, und vernichtet durch die Vorwürfe, womit wir
sie verschonen, verzweifeln!"--Der Elende! versetzte Littegarde,
indem sie sich gereizt durch diese Worte emporrichtete. Sie stützte
ihr Haupt schmerzvoll auf ihre Kniee, und indem sie heiße Tränen auf
ihr Tuch niederweinte, sprach sie: Ich erinnere mich, daß meine
Brüder und ich, drei Tage vor jener Nacht des heiligen Remigius, auf
seinem Schlosse waren; er hatte, wie er oft zu tun pflegte, ein Fest
mir zu Ehren veranstaltet, und mein Vater, der den Reiz meiner
aufblühenden Jugend gern gefeiert sah, mich bewogen, die Einladung,
in Begleitung meiner Brüder, anzunehmen. Spät, nach Beendigung des
Tanzes, da ich mein Schlafzimmer besteige, finde ich einen Zettel auf
meinem Tisch liegen, der, von unbekannter Hand geschrieben und ohne
Namensunterschrift, eine förmliche Liebeserklärung enthielt. Es traf
sich, daß meine beiden Brüder grade wegen Verabredung unserer Abreise,
die auf den kommenden Tag festgesetzt war, in dem Zimmer gegenwärtig
waren; und da ich keine Art des Geheimnisses vor ihnen zu haben
gewohnt war, so zeigte ich ihnen, von sprachlosem Erstaunen ergriffen,
den sonderbaren Fund, den ich soeben gemacht hatte. Diese, welche
sogleich des Grafen Hand erkannten, schäumten vor Wut, und der ältere
war willens, sich Augenblicks mit dem Papier in sein Gemach zu
verfügen; doch der jüngere stellte ihm vor, wie bedenklich dieser
Schritt sei, da der Graf die Klugheit gehabt, den Zettel nicht zu
unterschreiben; worauf beide in der tiefsten Entwürdigung über eine
so beleidigende Aufführung, sich noch in derselben Nacht mit mir in
den Wagen setzten, und mit dem Entschluß, seine Burg nie wieder mit
ihrer Gegenwart zu beehren, auf das Schloß ihres Vaters zurück
kehrten.--Dies ist die einzige Gemeinschaft, setzte sie hinzu, die
ich jemals mit diesem Nichtswürdigen und Niederträchtigen gehabt!
--"Wie?" sagte der Kämmerer, indem er ihr sein tränenvolles Gesicht
zukehrte: "diese Worte waren Musik meinem Ohr!--Wiederhole sie mir!"
sprach er nach einer Pause, indem er sich auf Knieen vor ihr
niederließ, und seine Hände faltete: "Hast du mich, um jenes Elenden
willen, nicht verraten, und bist du rein von der Schuld, deren er
dich vor Gericht geziehen?" Lieber! flüsterte Littegarde, indem sie
seine Hand an ihre Lippen drückte--"Bist dus?" rief der Kämmerer:
"bist dus?-- Wie die Brust eines neugebornen Kindes, wie das
Gewissen eines aus der Beichte kommenden Menschen, wie die Leiche
einer, in der Sakristei, unter der Einkleidung, verschiedenen Nonne!
--"O Gott, der Allmächtige!" rief Herr Friedrich, ihre Kniee
umfassend: "habe Dank! Deine Worte geben mir das Leben wieder; der
Tod schreckt mich nicht mehr, und die Ewigkeit, soeben noch wie ein
Meer unabsehbaren Elends vor mir ausgebreitet, geht wieder, wie ein
Reich voll tausend glänziger Sonnen, vor mir auf!"--Du Unglücklicher,
sagte Littegarde, indem sie sich zurück zog: wie kannst du dem, was
dir mein Mund sagt, Glauben schenken?--"Warum nicht?" fragte Herr
Friedrich glühend.--Wahnsinniger! Rasender! rief Littegarde; hat das
geheiligte Urteil Gottes nicht gegen mich entschieden? Hast du dem
Grafen nicht in jenem verhängnisvollen Zweikampf unterlegen, und er
nicht die Wahrhaftigkeit dessen, was er vor Gericht gegen mich
angebracht, ausgekämpft?--"O meine teuerste Littegarde", rief der
Kämmerer: "bewahre deine Sinne vor Verzweiflung! türme das Gefühl,
das in deiner Brust lebt, wie einen Felsen empor: halte dich daran
und wanke nicht, und wenn Erd und Himmel unter dir und über dir zu
Grunde gingen! Laß uns, von zwei Gedanken, die die Sinne verwirren,
den verständlicheren und begreiflicheren denken, und ehe du dich
schuldig glaubst, lieber glauben, daß ich in dem Zweikampf, den ich
für dich gefochten, siegte!--Gott, Herr meines Lebens", setzte er in
diesem Augenblick hinzu, indem er seine Hände vor sein Antlitz legte,
"bewahre meine Seele selbst vor Verwirrung! Ich meine, so wahr ich
selig werden will, vom Schwert meines Gegners nicht überwunden worden
zu sein, da ich schon unter den Staub seines Fußtritts hingeworfen,
wieder ins Dasein erstanden bin. Wo liegt die Verpflichtung der
höchsten göttlichen Weisheit, die Wahrheit im Augenblick der
glaubensvollen Anrufung selbst, anzuzeigen und auszusprechen? O
Littegarde", beschloß er, indem er ihre Hand zwischen die seinigen
drückte: "im Leben laß uns auf den Tod, und im Tode auf die Ewigkeit
hinaus sehen, und des festen, unerschütterlichen Glaubens sein: deine
Unschuld wird, und wird durch den Zweikampf, den ich für dich
gefochten, zum heitern, hellen Licht der Sonne gebracht werden!"--Bei
diesen Worten trat der Schloßvogt ein; und da er Frau Helena, welche
weinend an einem Tisch saß, erinnerte, daß so viele Gemütsbewegungen
ihrem Sohne schädlich werden könnten: so kehrte Herr Friedrich, auf
das Zureden der Seinigen, nicht ohne das Bewußtsein, einigen Trost
gegeben und empfangen zu haben, wieder in sein Gefängnis zurück.
Inzwischen war, vor dem zu Basel von dem Kaiser eingesetzten Tribunal,
gegen Herrn Friedrich von Trota sowohl, als seine Freundin, Frau
Littegarde von Auerstein, die Klage wegen sündhaft angerufenen
göttlichen Schiedsurteils eingeleitet, und beide, dem bestehenden
Gesetz gemäß, verurteilt worden, auf dem Platz des Zweikampfs selbst,
den schmählichen Tod der Flammen zu erleiden. Man schickte eine
Deputation von Räten ab, um es den Gefangenen anzukündigen, und das
Urteil würde auch, gleich nach Wiederherstellung des Kämmerers an
ihnen vollstreckt worden sein, wenn es des Kaisers geheime Absicht
nicht gewesen wäre, den Grafen Jakob den Rotbart, gegen den er eine
Art von Mißtrauen nicht unterdrücken konnte, dabei gegenwärtig zu
sehen. Aber dieser lag, auf eine in der Tat sonderbare und
merkwürdige Weise, an der kleinen, dem Anschein nach unbedeutenden
Wunde, die er, zu Anfang des Zweikampfs, von Herrn Friedrich erhalten
hatte, noch immer krank; ein äußerst verderbter Zustand seiner Säfte
verhinderte, von Tage zu Tage, und von Woche zu Woche, die Heilung
derselben, und die ganze Kunst der Ärzte, die man nach und nach aus
Schwaben und der Schweiz herbeirief, vermochte nicht, sie zu
schließen. Ja, ein ätzender der ganzen damaligen Heilkunst
unbekannter Eiter, fraß auf eine krebsartige Weise, bis auf den
Knochen herab im ganzen System seiner Hand um sich, dergestalt, daß
man zum Entsetzen aller seiner Freunde genötigt gewesen war, ihm die
ganze schadhafte Hand, und späterhin, da auch hierdurch dem Eiterfraß
kein Ziel gesetzt ward, den Arm selbst abzunehmen. Aber auch dies,
als eine Radikalkur gepriesene Heilmittel vergrößerte nur, wie man
heutzutage leicht eingesehen haben würde, statt ihm abzuhelfen, das
Übel; und die Ärzte, da sich sein ganzer Körper nach und nach in
Eiterung und Fäulnis auflöste, erklärten, daß keine Rettung für ihn
sei, und er noch, vor Abschluß der laufenden Woche, sterben müsse.
Vergebens forderte ihn der Prior des Augustinerklosters, der in
dieser unerwarteten Wendung der Dinge die furchtbare Hand Gottes zu
erblicken glaubte, auf, im Bezug auf den zwischen ihm und der
Herzogin Regentin bestehenden Streit, die Wahrheit einzugestehen; der
Graf nahm, durch und durch erschüttert, noch einmal das heilige
Sakrament auf die Wahrhaftigkeit seiner Aussage, und gab, unter allen
Zeichen der entsetzlichsten Angst, falls er Frau Littegarden
verleumderischer Weise angeklagt hätte, seine Seele der ewigen
Verdammnis preis. Nun hatte man, trotz der Sittenlosigkeit seines
Lebenswandels, doppelte Gründe, an die innerliche Redlichkeit dieser
Versicherung zu glauben: einmal, weil der Kranke in der Tat von einer
gewissen Frömmigkeit war, die einen falschen Eidschwur, in solchem
Augenblick getan, nicht zu gestatten schien, und dann, weil sich aus
einem Verhör, das über den Turmwächter des Schlosses derer von Breda
angestellt worden war, welchen er, behufs eines heimlichen Eintritts
in die Burg, bestochen zu haben vorgegeben hatte, bestimmt ergab, daß
dieser Umstand gegründet, und der Graf wirklich in der Nacht des
heiligen Remigius, im Innern des Bredaschen Schlosses gewesen war.
Demnach blieb dem Prior fast nichts übrig, als an eine Täuschung des
Grafen selbst, durch eine dritte ihm unbekannte Person zu glauben;
und noch hatte der Unglückliche, der, bei der Nachricht von der
wunderbaren Wiederherstellung des Kämmerers, selbst auf diesen
schrecklichen Gedanken geriet, das Ende seines Lebens nicht erreicht,
als sich dieser Glaube schon zu seiner Verzweiflung vollkommen
bestätigte. Man muß nämlich wissen, daß der Graf schon lange, ehe
seine Begierde sich auf Frau Littegarden stellte, mit Rosalien, ihrer
Kammerzofe, auf einem nichtswürdigen Fuß lebte; fast bei jedem Besuch,
den ihre Herrschaft auf seinem Schlosse abstattete, pflegte er dies
Mädchen, welches ein leichtfertiges und sittenloses Geschöpft war,
zur Nachtzeit auf sein Zimmer zu ziehen. Da nun Littegarde, bei dem
letzten Aufenthalt, den sie mit ihren Brüdern auf seiner Burg nahm,
jenen zärtlichen Brief, worin er ihr seine Leidenschaft erklärte, von
ihm empfing: so erweckte dies die Empfindlichkeit und Eifersucht
dieses seit mehreren Monden schon von ihm vernachlässigten Mädchens;
sie ließ, bei der bald darauf erfolgten Abreise Littegardens, welche
sie begleiten mußte, im Namen derselben einen Zettel an den Grafen
zurück, worin sie ihm meldete, daß die Entrüstung ihrer Brüder über
den Schritt, den er getan, ihr zwar keine unmittelbare Zusammenkunft
gestattete: ihn aber einlud, sie zu diesem Zweck, in der Nacht des
heiligen Remigius, in den Gemächern ihrer väterlichen Burg zu
besuchen. Jener, voll Freude über das Glück seiner Unternehmung,
fertigte sogleich einen zweiten Brief an Littegarden ab, worin er ihr
seine bestimmte Ankunft in der gesagten Nacht meldete, und sie nur
bat, ihm, zur Vermeidung aller Irrung, einen treuen Führer, der ihn
nach ihren Zimmern geleiten könne, entgegen zu schicken; und da die
Zofe, in jeder Art der Ränke geübt, auf eine solche Anzeige rechnete,
so glückte es ihr, dies Schreiben aufzufangen, und ihm in einer
zweiten falschen Antwort zu sagen, daß sie ihn selbst an der
Gartenpforte erwarten würde. Darauf, am Abend vor der verabredeten
Nacht, bat sie sich unter dem Vorwand, daß ihre Schwester krank sei,
und daß sie dieselbe besuchen wolle, von Littegarden einen Urlaub
aufs Land aus; sie verließ auch, da sie denselben erhielt, wirklich,
spät am Nachmittag, mit einem Bündel Wäsche den sie unter dem Arm
trug, das Schloß, und begab sich, vor aller Augen nach der Gegend, wo
jene Frau wohnte, auf den Weg. Statt aber diese Reise zu vollenden,
fand sie sich bei Einbruch der Nacht, unter dem Vorgeben, daß ein
Gewitter heranziehe, wieder auf der Burg ein, und mittelte sich, um
ihre Herrschaft, wie sie sagte, nicht zu stören, indem es ihre
Absicht sei in der Frühe des kommenden Morgens ihre Wanderung
anzutreten, ein Nachtlager in einem der leerstehenden Zimmer des
verödeten und wenig besuchten Schloßturms aus. Der Graf, der sich
bei dem Turmwächter durch Geld den Eingang in die Burg zu verschaffen
wußte, und in der Stunde der Mitternacht, der Verabredung gemäß, von
einer verschleierten Person an der Gartenpforte empfangen ward,
ahndete, wie man leicht begreift, nichts von dem ihm gespielten
Betrug; das Mädchen drückte ihm flüchtig einen Kuß auf den Mund, und
führte ihn, über mehrere Treppen und Gänge des verödeten
Seitenflügels, in eines der prächtigsten Gemächer des Schlosses
selbst, dessen Fenster vorher sorgsam von ihr verschlossen worden
waren. Hier, nachdem sie seine Hand haltend, auf geheimnisvolle
Weise an den Türen umhergehorcht, und ihm, mit flüsternder Stimme,
unter dem Vorgeben, daß das Schlafzimmer des Bruders ganz in der Nähe
sei, Schweigen geboten hatte, ließ sie sich mit ihm auf dem zur Seite
stehenden Ruhebette nieder; der Graf, durch ihre Gestalt und Bildung
getäuscht, schwamm im Taumel des Vergnügens, in seinem Alter noch
eine solche Eroberung gemacht zu haben; und als sie ihn beim ersten
Dämmerlicht des Morgens entließ, und ihm zum Andenken an die
verflossene Nacht einen Ring, den Littegarde von ihrem Gemahl
empfangen und den sie ihr am Abend zuvor zu diesem Zweck entwendet
hatte, an den Finger steckte, versprach er ihr, sobald er zu Hause
angelangt sein würde, zum Gegengeschenk einen anderen, der ihm am
Hochzeitstage von seiner verstorbenen Gemahlin verehrt worden war.
Drei Tage darauf hielt er auch Wort, und schickte diesen Ring, den
Rosalie wieder geschickt genug war aufzufangen, heimlich auf die Burg;
ließ aber, wahrscheinlich aus Furcht, daß dies Abenteuer ihn zu weit
führen könne, weiter nichts von sich hören, und wich, unter
mancherlei Vorwänden, einer zweiten Zusammenkunft aus. Späterhin war
das Mädchen eines Diebstahls wegen, wovon der Verdacht mit ziemlicher
Gewißheit auf ihr ruhte, verabschiedet und in das Haus ihrer Eltern,
welche am Rhein wohnten, zurückgeschickt worden, und da, nach Verlauf
von neun Monaten, die Folgen ihres ausschweifenden Lebens sichtbar
wurden, und die Mutter sie mit großer Strenge verhörte, gab sie den
Grafen Jakob den Rotbart, unter Entdeckung der ganzen geheimen
Geschichte, die sie mit ihm gespielt hatte, als den Vater ihres
Kindes an. Glücklicherweise hatte sie den Ring, der ihr von dem
Grafen übersendet worden war, aus Furcht, für eine Diebin gehalten zu
werden, nur sehr schüchtern zum Verkauf ausbieten können, auch in der
Tat, seines großen Werts wegen, niemand gefunden, der ihn zu erstehen
Lust gezeigt hätte: dergestalt, daß die Wahrhaftigkeit ihrer Aussage
nicht in Zweifel gezogen werden konnte, und die Eltern, auf dies
augenscheinliche Zeugnis gestützt, klagbar, wegen Unterhaltung des
Kindes, bei den Gerichten gegen den Grafen Jakob einkamen. Die
Gerichte, welche von dem sonderbaren Rechtsstreit, der in Basel
anhängig gemacht worden war, schon gehört hatten, beeilten sich,
diese Entdeckung, die für den Ausgang desselben von der größten
Wichtigkeit war, zur Kenntnis des Tribunals zu bringen; und da eben
ein Ratsherr in öffentlichen Geschäften nach dieser Stadt abging, so
gaben sie ihm, zur Auflösung des fürchterlichen Rätsels, das ganz
Schwaben und die Schweiz beschäftigte, einen Brief mit der
gerichtlichen Aussage des Mädchens, dem sie den Ring beifügten, für
den Grafen Jakob den Rotbart mit.
Es war eben an dem zur Hinrichtung Herrn Friedrichs und Littegardens
bestimmten Tage, welche der Kaiser, unbekannt mit den Zweifeln, die
sich in der Brust des Grafen selbst erhoben hatten, nicht mehr
aufschieben zu dürfen glaubte, als der Ratsherr zu dem Kranken, der
sich in jammervoller Verzweiflung auf seinem Lager wälzte, mit diesem
Schreiben ins Zimmer trat. "Es ist genug!" rief dieser, da er den
Brief überlesen, und den Ring empfangen hatte: "ich bin das Licht der
Sonne zu schauen, müde! Verschafft mir", wandte er sich zum Prior,
"eine Bahre, und führt mich Elenden, dessen Kraft zu Staub versinkt,
auf den Richtplatz hinaus: ich will nicht, ohne eine Tat der
Gerechtigkeit verübt zu haben, sterben!" Der Prior, durch diesen
Vorfall tief erschüttert, ließ ihn sogleich, wie er begehrte, durch
vier Knechte auf ein Traggestell heben; und zugleich mit einer
unermeßlichen Menschenmenge, welche das Glockengeläut um den
Scheiterhaufen, auf welchen Herr Friedrich und Littegarde bereits
festgebunden waren, versammelte, kam er, mit dem Unglücklichen, der
ein Kruzifix in der Hand hielt, daselbst an. "Halt!" rief der Prior,
indem er die Bahre, dem Altan des Kaisers gegenüber, niedersetzen
ließ: "bevor ihr das Feuer an jenen Scheiterhaufen legt, vernehmt ein
Wort, das euch der Mund dieses Sünders zu eröffnen hat!"--Wie? rief
der Kaiser, indem er sich leichenblaß von seinem Sitz erhob, hat das
geheiligte Urteil Gottes nicht für die Gerechtigkeit seiner Sache
entschieden, und ist es, nach dem was vorgefallen, auch nur zu denken
erlaubt, daß Littegarde an dem Frevel, dessen er sie geziehen,
unschuldig sei?--Bei diesen Worten stieg er betroffen vom Altan herab;
und mehr denn tausend Ritter, denen alles Volk, über Bänke und
Schranken herab, folgte, drängten sich um das Lager des Kranken
zusammen. "Unschuldig", versetzte dieser, indem er sich gestützt auf
den Prior, halb darauf emporrichtete: "wie es der Spruch des höchsten
Gottes, an jenem verhängnisvollen Tage, vor den Augen aller
versammelten Bürger von Basel entschieden hat! Denn er, von drei
Wunden, jede tödlich, getroffen, blüht, wie ihr seht, in Kraft und
Lebensfülle; indessen ein Hieb von seiner Hand, der kaum die äußerste
Hülle meines Lebens zu berühren schien, in langsam fürchterlicher
Fortwirkung den Kern desselben selbst getroffen, und meine Kraft, wie
der Sturmwind eine Eiche, gefällt hat. Aber hier, falls ein
Ungläubiger noch Zweifel nähren sollte, sind die Beweise: Rosalie,
ihre Kammerzofe, war es, die mich in jener Nacht des heiligen
Remigius empfing, während ich Elender in der Verblendung meiner Sinne,
sie selbst, die meine Anträge stets mit Verachtung zurückgewiesen
hat, in meinen Armen zu halten meinte!" Der Kaiser stand erstarrt wie
zu Stein, bei diesen Worten da. Er schickte, indem er sich nach dem
Scheiterhaufen umkehrte, einen Ritter ab, mit dem Befehl, selbst die
Leiter zu besteigen, und den Kämmerer sowohl als die Dame, welche
letztere bereits in den Armen ihrer Mutter in Ohnmacht lag,
loszubinden und zu ihm heranzuführen. "Nun, jedes Haar auf eurem
Haupt bewacht ein Engel!" rief er, da Littegarde, mit halb offner
Brust und entfesselten Haaren, an der Hand Herrn Friedrichs, ihres
Freundes, dessen Kniee selbst, unter dem Gefühl dieser wunderbaren
Rettung, wankten, durch den Kreis des in Ehrfurcht und Erstaunen
ausweichenden Volks, zu ihm herantrat. Er küßte beiden, die vor ihm
niederknieten, die Stirn; und nachdem er sich den Hermelin, den seine
Gemahlin trug, erbeten, und ihn Littegarden um die Schultern gehängt
hatte, nahm er, vor den Augen aller versammelten Ritter, ihren Arm,
in der Absicht, sie selbst in die Gemächer seines kaiserlichen
Schlosses zu führen. Er wandte sich, während der Kämmerer
gleichfalls statt des Sünderkleids, das ihn deckte, mit Federhut und
ritterlichem Mantel geschmückt ward, gegen den auf der Bahre
jammervoll sich wälzenden Grafen zurück, und von einem Gefühl des
Mitleidens bewegt, da derselbe sich doch in den Zweikampf, der ihn zu
Grunde gerichtet, nicht eben auf frevelhafte und gotteslästerliche
Weise eingelassen hatte, fragte er den ihm zur Seite stehenden Arzt:
ob keine Rettung für den Unglücklichen sei?--"Vergebens!" antwortete
Jakob der Rotbart, indem er sich, unter schrecklichen Zuckungen, auf
den Schoß seines Arztes stützte: "und ich habe den Tod, den ich
erleide, verdient. Denn wißt, weil mich doch der Arm der weltlichen
Gerechtigkeit nicht mehr ereilen wird, ich bin der Mörder meines
Bruders, des edeln Herzogs Wilhelm von Breysach: der Bösewicht, der
ihn mit dem Pfeil aus meiner Rüstkammer nieder warf, war sechs Wochen
vorher, zu dieser Tat, die mir die Krone verschaffen sollte, von mir
gedungen!"--Bei dieser Erklärung sank er auf die Bahre zurück und
hauchte seine schwarze Seele aus. "Ha, die Ahndung meines Gemahls,
des Herzogs, selbst!" rief die an der Seite des Kaisers stehende
Regentin, die sich gleichfalls vom Altan des Schlosses herab, im
Gefolge der Kaiserin, auf den Schloßplatz begeben hatte: "mir noch im
Augenblick des Todes, mit gebrochenen Worten, die ich gleichwohl
damals nur unvollkommen verstand, kund getan!"--Der Kaiser versetzte
in Entrüstung: so soll der Arm der Gerechtigkeit noch deine Leiche
ereilen! nehmt ihn, rief er, indem er sich umkehrte, den Häschern zu,
und übergebt ihn gleich, gerichtet wie er ist, den Henkern: er möge,
zur Brandmarkung seines Andenkens, auf jenem Scheiterhaufen verderben,
auf welchem wir eben, um seinetwillen, im Begriff waren, zwei
Unschuldige zu opfern! Und damit, während die Leiche des Elenden in
rötlichen Flammen aufprasselnd, vom Hauche des Nordwindes in alle
Lüfte verstreut und verweht ward, führte er Frau Littegarden, im
Gefolge aller seiner Ritter, auf das Schloß. Er setzte sie, durch
einen kaiserlichen Schluß, wieder in ihr väterliches Erbe ein, von
welchem die Brüder in ihrer unedelmütigen Habsucht schon Besitz
genommen hatten; und schon nach drei Wochen ward, auf dem Schlosse zu
Breysach, die Hochzeit der beiden trefflichen Brautleute gefeiert,
bei welcher die Herzogin Regentin, über die ganze Wendung, die die
Sache genommen hatte, sehr erfreut, Littegarden einen großen Teil der
Besitzungen des Grafen, die dem Gesetz verfielen, zum Brautgeschenk
machte. Der Kaiser aber hing Herrn Friedrich, nach der Trauung, eine
Gnadenkette um den Hals; und sobald er, nach Vollendung seiner
Geschäfte mit der Schweiz, wieder in Worms angekommen war, ließ er in
die Statuten des geheiligten göttlichen Zweikampfs, überall wo
vorausgesetzt wird, daß die Schuld dadurch unmittelbar ans Tageslicht
komme, die Worte einrücken: "wenn es Gottes Wille ist."
Die heilige Cäcilie
oder
die Gewalt der Musik
(Eine Legende)
Um das Ende des sechzehnten Jahrhunderts, als die Bilderstürmerei in
den Niederlanden wütete, trafen drei Brüder, junge in Wittenberg
studierende Leute, mit einem vierten, der in Antwerpen als Prädikant
angestellt war, in der Stadt Aachen zusammen. Sie wollten daselbst
eine Erbschaft erheben, die ihnen von Seiten eines alten, ihnen allen
unbekannten Oheims zugefallen war, und kehrten, weil niemand in dem
Ort war, an den sie sich hätten wenden können, in einem Gasthof ein.
Nach Verlauf einiger Tage, die sie damit zugebracht hatten, den
Prädikanten über die merkwürdigen Auftritte, die in den Niederlanden
vorgefallen waren, anzuhören, traf es sich, daß von den Nonnen im
Kloster der heiligen Cäcilie, das damals vor den Toren dieser Stadt
lag, der Fronleichnamstag festlich begangen werden sollte; dergestalt,
daß die vier Brüder, von Schwärmerei, Jugend und dem Beispiel der
Niederländer erhitzt, beschlossen, auch der Stadt Aachen das
Schauspiel einer Bilderstürmerei zu geben. Der Prädikant, der
dergleichen Unternehmungen mehr als einmal schon geleitet hatte,
versammelte, am Abend zuvor, eine Anzahl junger, der neuen Lehre
ergebener Kaufmannssöhne und Studenten, welche, in dem Gasthofe, bei
Wein und Speisen, unter Verwünschungen des Papsttums, die Nacht
zubrachten; und, da der Tag über die Zinnen der Stadt aufgegangen,
versahen sie sich mit Äxten und Zerstörungswerkzeugen aller Art, um
ihr ausgelassenes Geschäft zu beginnen. Sie verabredeten frohlockend
ein Zeichen, auf welches sie damit anfangen wollten, die
Fensterscheiben, mit biblischen Geschichten bemalt, einzuwerfen; und
eines großen Anhangs, den sie unter dem Volk finden würden, gewiß,
verfügten sie sich, entschlossen keinen Stein auf dem andern zu
lassen, in der Stunde, da die Glocken läuteten, in den Dom. Die
Äbtissin, die, schon beim Anbruch des Tages, durch einen Freund von
der Gefahr, in welcher das Kloster schwebte, benachrichtigt worden
war, schickte vergebens, zu wiederholten Malen, zu dem kaiserlichen
Offizier, der in der Stadt kommandierte, und bat sich, zum Schutz des
Klosters, eine Wache aus; der Offizier, der selbst ein Feind des
Papsttums, und als solcher, wenigstens unter der Hand, der neuen
Lehre zugetan war, wußte ihr unter dem staatsklugen Vorgeben, daß sie
Geister sähe, und für ihr Kloster auch nicht der Schatten einer
Gefahr vorhanden sei, die Wache zu verweigern. Inzwischen brach die
Stunde an, da die Feierlichkeiten beginnen sollten, und die Nonnen
schickten sich, unter Angst und Beten, und jammervoller Erwartung der
Dinge, die da kommen sollten, zur Messe an. Niemand beschützte sie,
als ein alter, siebenzigjähriger Klostervogt, der sich, mit einigen
bewaffneten Troßknechten, am Eingang der Kirche aufstellte. In den
Nonnenklöstern führen, auf das Spiel jeder Art der Instrumente geübt,
die Nonnen, wie bekannt, ihre Musiken selber auf; oft mit einer
Präzision, einem Verstand und einer Empfindung, die man in männlichen
Orchestern (vielleicht wegen der weiblichen Geschlechtsart dieser
geheimnisvollen Kunst) vermißt. Nun fügte es sich, zur Verdoppelung
der Bedrängnis, daß die Kapellmeisterin, Schwester Antonia, welche
die Musik auf dem Orchester zu dirigieren pflegte, wenige Tage zuvor,
an einem Nervenfieber heftig erkrankte; dergestalt, daß abgesehen von
den vier gotteslästerlichen Brüdern, die man bereits, in Mänteln
gehüllt, unter den Pfeilern der Kirche erblickte, das Kloster auch,
wegen Aufführung eines schicklichen Musikwerks, in der lebhaftesten
Verlegenheit war. Die Äbtissin, die am Abend des vorhergehenden
Tages befohlen hatte, daß eine uralte von einem unbekannten Meister
herrührende, italienische Messe aufgeführt werden möchte, mit welcher
die Kapelle mehrmals schon, einer besondern Heiligkeit und
Herrlichkeit wegen, mit welcher sie gedichtet war, die größesten
Wirkungen hervorgebracht hatte, schickte, mehr als jemals auf ihren
Willen beharrend, noch einmal zur Schwester Antonia herab, um zu
hören, wie sich dieselbe befinde; die Nonne aber, die dies Geschäft
übernahm, kam mit der Nachricht zurück, daß die Schwester in gänzlich
bewußtlosem Zustande daniederliege, und daß an ihre Direktionsführung,
bei der vorhabenden Musik, auf keine Weise zu denken sei.
Inzwischen waren in dem Dom, in welchem sich nach und nach mehr denn
hundert, mit Beilen und Brechstangen versehene Frevler, von allen
Ständen und Altern, eingefunden hatten, bereits die bedenklichsten
Auftritte vorgefallen; man hatte einige Troßknechte, die an den
Portälen standen, auf die unanständigste Weise geneckt, und sich die
frechsten und unverschämtesten Äußerungen gegen die Nonnen erlaubt,
die sich hin und wieder, in frommen Geschäften, einzeln in den Hallen
blicken ließen: dergestalt, daß der Klostervogt sich in die Sakristei
verfügte, und die Äbtissin auf Knieen beschwor, das Fest einzustellen
und sich in die Stadt, unter den Schutz des Kommandanten zu begeben.
Aber die Äbtissin bestand unerschütterlich darauf, daß das zur Ehre
des höchsten Gottes angeordnete Fest begangen werden müsse; sie
erinnerte den Klostervogt an seine Pflicht, die Messe und den
feierlichen Umgang, der in dem Dom gehalten werden würde, mit Leib
und Leben zu beschirmen; und befahl, weil eben die Glocke schlug, den
Nonnen, die sie, unter Zittern und Beben umringten, ein Oratorium,
gleichviel welches und von welchem Wert es sei, zu nehmen, und mit
dessen Aufführung sofort den Anfang zu machen.
Eben schickten sich die Nonnen auf dem Altan der Orgel dazu an; die
Partitur eines Musikwerks, das man schon häufig gegeben hatte, ward
verteilt, Geigen, Hoboen und Bässe geprüft und gestimmt: als
Schwester Antonia plötzlich, frisch und gesund, ein wenig bleich im
Gesicht, von der Treppe her erschien; sie trug die Partitur der
uralten, italienischen Messe, auf deren Aufführung die Äbtissin so
dringend bestanden hatte, unter dem Arm. Auf die erstaunte Frage der
Nonnen. "Wo sie herkomme? Und wie sie sich plötzlich so erholt
habe?" antwortete sie: gleichviel, Freundinnen, gleichviel! verteilte
die Partitur, die sie bei sich trug, und setzte sich selbst, von
Begeisterung glühend, an die Orgel, um die Direktion des
vortrefflichen Musikstücks zu übernehmen. Demnach kam es, wie ein
wunderbarer, himmlischer Trost, in die Herzen der frommen Frauen; sie
stellten sich augenblicklich mit ihren Instrumenten an die Pulte; die
Beklemmung selbst, in der sie sich befanden, kam hinzu, um ihre
Seelen, wie auf Schwingen, durch alle Himmel des Wohlklangs zu führen;
das Oratorium ward mit der höchsten und herrlichsten musikalischen
Pracht ausgeführt; es regte sich, während der ganzen Darstellung,
kein Odem in den Hallen und Bänken; besonders bei dem salve regina
und noch mehr bei dem gloria in excelsis, war es, als ob die ganze
Bevölkerung der Kirche tot sei: dergestalt, daß den vier
gottverdammten Brüdern und ihrem Anhang zum Trotz, auch der Staub auf
dem Estrich nicht verweht ward, und das Kloster noch bis an den
Schluß des dreißigjährigen Krieges bestanden hat, wo man es, vermöge
eines Artikels im westfälischen Frieden, gleichwohl säkularisierte.
Sechs Jahre darauf, da diese Begebenheit längst vergessen war, kam
die Mutter dieser vier Jünglinge aus dem Haag an, und stellte, unter
dem betrübten Vorgeben, daß dieselben gänzlich verschollen wären, bei
dem Magistrat zu Aachen, wegen der Straße, die sie von hier aus
genommen haben mochten, gerichtliche Untersuchungen an. Die letzten
Nachrichten, die man von ihnen in den Niederlanden, wo sie eigentlich
zu Hause gehörten, gehabt hatte, waren, wie sie meldete, ein vor dem
angegebenen Zeitraum, am Vorabend eines Fronleichnamsfestes,
geschriebener Brief des Prädikanten, an seinen Freund, einen
Schullehrer in Antwerpen, worin er demselben, mit vieler Heiterkeit
oder vielmehr Ausgelassenheit, von einer gegen das Kloster der
heiligen Cäcilie entworfenen Unternehmung, über welche sich die
Mutter jedoch nicht näher auslassen wollte, auf vier dichtgedrängten
Seiten vorläufige Anzeige machte. Nach mancherlei vergeblichen
Bemühungen, die Personen, welche diese bekümmerte Frau suchte,
auszumitteln, erinnerte man sich endlich, daß sich schon seit einer
Reihe von Jahren, welche ohngefähr auf die Angabe paßte, vier junge
Leute, deren Vaterland und Herkunft unbekannt sei, in dem durch des
Kaisers Vorsorge unlängst gestifteten Irrenhause der Stadt befanden.
Da dieselben jedoch an der Ausschweifung einer religiösen Idee krank
lagen, und ihre Aufführung, wie das Gericht dunkel gehört zu haben
meinte, äußerst trübselig und melancholisch war; so paßte dies so
wenig auf den, der Mutter nur leider zu bekannten Gemütsstand ihrer
Söhne, als daß sie auf diese Anzeige, besonders da es fast herauskam,
als ob die Leute katholisch wären, viel hätte geben sollen.
Gleichwohl, durch mancherlei Kennzeichen, womit man sie beschrieb,
seltsam getroffen, begab sie sich eines Tages, in Begleitung eines
Gerichtsboten, in das Irrenhaus, und bat die Vorsteher um die
Gefälligkeit, ihr zu den vier unglücklichen, sinnverwirrten Männern,
die man daselbst aufbewahre, einen prüfenden Zutritt zu gestatten.
Aber wer beschreibt das Entsetzen der armen Frau, als sie gleich auf
den ersten Blick, so wie sie in die Tür trat, ihre Söhne erkannte:
sie saßen, in langen, schwarzen Talaren, um einen Tisch, auf welchem
ein Kruzifix stand, und schienen, mit gefalteten Händen schweigend
auf die Platte gestützt, dasselbe anzubeten. Auf die Frage der Frau,
die ihrer Kräfte beraubt, auf einen Stuhl niedergesunken war: was sie
daselbst machten? Antworteten ihr die Vorsteher: "daß sie bloß in
der Verherrlichung des Heilands begriffen wären, von dem sie, nach
ihrem Vorgeben, besser als andre, einzusehen glaubten, daß er der
wahrhaftige Sohn des alleinigen Gottes sei." Sie setzten hinzu: "daß
die Jünglinge, seit nun schon sechs Jahren, dies geisterartige Leben
führten; daß sie wenig schliefen und wenig genössen; daß kein Laut
über ihre Lippen käme; daß sie sich bloß in der Stunde der
Mitternacht einmal von ihren Sitzen erhöben; und daß sie alsdann, mit
einer Stimme, welche die Fenster des Hauses bersten machte, das
gloria in excelsis intonierten." Die Vorsteher schlossen mit der
Versicherung: daß die jungen Männer dabei körperlich vollkommen
gesund wären; daß man ihnen sogar eine gewisse, obschon sehr ernste
und feierliche, Heiterkeit nicht absprechen könnte; daß sie, wenn man
sie für verrückt erklärte, mitleidig die Achseln zuckten, und daß sie
schon mehr als einmal geäußert hätten: "wenn die gute Stadt Aachen
wüßte, was sie, so würde dieselbe ihre Geschäfte bei Seite legen, und
sich gleichfalls, zur Absingung des gloria, um das Kruzifix des Herrn
niederlassen."
Die Frau, die den schauderhaften Anblick dieser Unglücklichen nicht
ertragen konnte und sich bald darauf, auf wankenden Knieen, wieder
hatte zu Hause führen lassen, begab sich, um über die Veranlassung
dieser ungeheuren Begebenheit Auskunft zu erhalten, am Morgen des
folgenden Tages, zu Herrn Veit Gotthelf, berühmten Tuchhändler der
Stadt; denn dieses Mannes erwähnte der von dem Prädikanten
geschriebene Brief, und es ging daraus hervor, daß derselbe an dem
Projekt, das Kloster der heiligen Cäcilie am Tage des
Fronleichnamsfestes zu zerstören, eifrigen Anteil genommen habe.
Veit Gotthelf, der Tuchhändler, der sich inzwischen verheiratet,
mehrere Kinder gezeugt, und die beträchtliche Handlung seines Vaters
übernommen hatte, empfing die Fremde sehr liebreich: und da er erfuhr,
welch ein Anliegen sie zu ihm führe, so verriegelte er die Tür, und
ließ sich, nachdem er sie auf einen Stuhl niedergenötigt hatte,
folgendermaßen vernehmen: "Meine liebe Frau! Wenn Ihr mich, der mit
Euren Söhnen vor sechs Jahren in genauer Verbindung gestanden, in
keine Untersuchung deshalb verwickeln wollt, so will ich Euch
offenherzig und ohne Rückhalt gestehen: ja, wir haben den Vorsatz
gehabt, dessen der Brief erwähnt! Wodurch diese Tat, zu deren
Ausführung alles, auf das Genaueste, mit wahrhaft gottlosem
Scharfsinn, angeordnet war, gescheitert ist, ist mir unbegreiflich;
der Himmel selbst scheint das Kloster der frommen Frauen in seinen
heiligen Schutz genommen zu haben. Denn wißt, daß sich Eure Söhne
bereits, zur Einleitung entscheidenderer Auftritte, mehrere
mutwillige, den Gottesdienst störende Possen erlaubt hatten: mehr
denn dreihundert, mit Beilen und Pechkränzen versehene Bösewichter,
aus den Mauern unserer damals irregeleiteten Stadt, erwarteten nichts
als das Zeichen, das der Prädikant geben sollte, um den Dom der Erde
gleich zu machen. Dagegen, bei Anhebung der Musik, nehmen Eure Söhne
plötzlich, in gleichzeitiger Bewegung, und auf eine uns auffallende
Weise, die Hüte ab, sie legen, nach und nach, wie in tiefer
unaussprechlicher Rührung, die Hände vor ihr herabgebeugtes Gesicht,
und der Prädikant, indem er sich, nach einer erschütternden Pause,
plötzlich umwendet, ruft uns allen mit lauter fürchterlicher Stimme
zu: gleichfalls unsere Häupter zu entblößen! Vergebens fordern ihn
einige Genossen flüsternd, indem sie ihn mit ihren Armen leichtfertig
anstoßen, auf, das zur Bilderstürmerei verabredete Zeichen zu geben:
der Prädikant, statt zu antworten, läßt sich, mit kreuzweis auf die
Brust gelegten Händen, auf Knieen nieder und murmelt, samt den
Brüdern, die Stirn inbrünstig in den Staub herab gedrückt, die ganze
Reihe noch kurz vorher von ihm verspotteter Gebete ab. Durch diesen
Anblick tief im Innersten verwirrt, steht der Haufen der jämmerlichen
Schwärmer, seiner Anführer beraubt, in Unschlüssigkeit und
Untätigkeit, bis an den Schluß des, vom Altan wunderbar
herabrauschenden Oratoriums da; und da, auf Befehl des Kommandanten,
in eben diesem Augenblick mehrere Arretierungen verfügt, und einige
Frevler, die sich Unordnungen erlaubt hatten, von einer Wache
aufgegriffen und abgeführt wurden, so bleibt der elenden Schar nichts
übrig, als sich schleunigst, unter dem Schutz der gedrängt
aufbrechenden Volksmenge, aus dem Gotteshause zu entfernen. Am Abend,
da ich in dem Gasthofe vergebens mehrere Mal nach Euren Söhnen,
welche nicht wiedergekehrt waren, gefragt hatte, gehe ich, in der
entsetzlichsten Unruhe, mit einigen Freunden wieder nach dem Kloster
hinaus, um mich bei den Türstehern, welche der kaiserlichen Wache
hilfreich an die Hand gegangen waren, nach ihnen zu erkundigen. Aber
wie schildere ich Euch mein Entsetzen, edle Frau, da ich diese vier
Männer nach wie vor, mit gefalteten Händen, den Boden mit Brust und
Scheiteln küssend, als ob sie zu Stein erstarrt wären, heißer
Inbrunst voll vor dem Altar der Kirche daniedergestreckt liegen sehe!
Umsonst forderte sie der Klostervogt, der in eben diesem Augenblick
herbeikommt, indem er sie am Mantel zupft und an den Armen rüttelt,
auf, den Dom, in welchem es schon ganz finster werde, und kein Mensch
mehr gegenwärtig sei, zu verlassen: sie hören, auf träumerische Weise
halb aufstehend, nicht eher auf ihn, als bis er sie durch seine
Knechte unter den Arm nehmen, und vor das Portal hinaus führen läßt:
wo sie uns endlich, obschon unter Seufzern und häufigem
herzzerreißenden Umsehen nach der Kathedrale, die hinter uns im Glanz
der Sonne prächtig funkelte, nach der Stadt folgen. Die Freunde und
ich, wir fragen sie, zu wiederholten Malen, zärtlich und liebreich
auf dem Rückwege, was ihnen in aller Welt Schreckliches, fähig, ihr
innerstes Gemüt dergestalt umzukehren, zugestoßen sei; sie drücken
uns, indem sie uns freundlich ansehen, die Hände, schauen
gedankenvoll auf den Boden nieder und wischen sich--ach! von Zeit zu
Zeit, mit einem Ausdruck, der mir noch jetzt das Herz spaltet, die
Tränen aus den Augen. Drauf, in ihre Wohnungen angekommen, binden
sie sich ein Kreuz, sinnreich und zierlich von Birkenreisern zusammen,
und setzen es, einem kleinen Hügel von Wachs eingedrückt, zwischen
zwei Lichtern, womit die Magd erscheint, auf dem großen Tisch in des
Zimmers Mitte nieder, und während die Freunde, deren Schar sich von
Stunde zu Stunde vergrößert, händeringend zur Seite stehen, und in
zerstreuten Gruppen, sprachlos vor Jammer, ihrem stillen,
gespensterartigen Treiben zusehen: lassen sie sich, gleich als ob
ihre Sinne vor jeder andern Erscheinung verschlossen wären, um den
Tisch nieder, und schicken sich still, mit gefalteten Händen, zur
Anbetung an. Weder des Essens begehren sie, das ihnen, zur Bewirtung
der Genossen, ihrem am Morgen gegebenen Befehl gemäß, die Magd bringt,
noch späterhin, da die Nacht sinkt, des Lagers, das sie ihnen, weil
sie müde scheinen, im Nebengemach aufgestapelt hat; die Freunde, um
die Entrüstung des Wirts, den diese Aufführung befremdet, nicht zu
reizen, müssen sich an einen, zur Seite üppig gedeckten Tisch
niederlassen, und die, für eine zahlreiche Gesellschaft zubereiteten
Speisen, mit dem Salz ihrer bitterlichen Tränen gebeizt, einnehmen.
Jetzt plötzlich schlägt die Stunde der Mitternacht; Eure vier Söhne,
nachdem sie einen Augenblick gegen den dumpfen Klang der Glocke
aufgehorcht, heben sich plötzlich in gleichzeitiger Bewegung, von
ihren Sitzen empor; und während wir, mit niedergelegten Tischtüchern,
zu ihnen hinüberschauen, ängstlicher Erwartung voll, was auf so
seltsames und befremdendes Beginnen erfolgen werde: fangen sie, mit
einer entsetzlichen und gräßlichen Stimme, das gloria in excelsis zu
intonieren an. So mögen sich Leoparden und Wölfe anhören lassen,
wenn sie zur eisigen Winterzeit, das Firmament anbrüllen: die Pfeiler
des Hauses, versichere ich Euch, erschütterten, und die Fenster, von
ihrer Lungen sichtbarem Atem getroffen, drohten klirrend, als ob man
Hände voll schweren Sandes gegen ihre Flächen würfe, zusammen zu
brechen. Bei diesem grausenhaften Auftritt stürzen wir besinnungslos,
mit sträubenden Haaren auseinander; wir zerstreuen uns, Mäntel und
Hüte zurücklassend, durch die umliegenden Straßen, welche in kurzer
Zeit, statt unsrer, von mehr denn hundert, aus dem Schlaf
geschreckter Menschen, angefüllt waren; das Volk drängt sich, die
Haustüre sprengend, über die Stiege dem Saale zu, um die Quelle
dieses schauderhaften und empörenden Gebrülls, das, wie von den
Lippen ewig verdammter Sünder, aus dem tiefsten Grund der
flammenvollen Hölle, jammervoll um Erbarmung zu Gottes Ohren
heraufdrang, aufzusuchen. Endlich, mit dem Schlage der Glocke Eins,
ohne auf das Zürnen des Wirts, noch auf die erschütterten Ausrufungen
des sie umringenden Volks gehört zu haben, schließen sie den Mund;
sie wischen sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn, der ihnen,
in großen Tropfen, auf Kinn und Brust niederträuft; und breiten ihre
Mäntel aus, und legen sich, um eine Stunde von so qualvollen
Geschäften auszuruhen, auf das Getäfel des Bodens nieder. Der Wirt,
der sie gewähren läßt, schlägt, sobald er sie schlummern sieht, ein
Kreuz über sie; und froh, des Elends für den Augenblick erledigt zu
sein, bewegt er, unter der Versicherung, der Morgen werde eine
heilsame Veränderung herbeiführen, den Männerhaufen, der gegenwärtig
ist, und der geheimnisvoll mit einander murmelt, das Zimmer zu
verlassen. Aber leider! schon mit dem ersten Schrei des Hahns,
stehen die Unglücklichen wieder auf, um dem auf dem Tisch
befindlichen Kreuz gegenüber, dasselbe öde, gespensterartige
Klosterleben, das nur Erschöpfung sie auf einen Augenblick
auszusetzen zwang, wieder anzufangen. Sie nehmen von dem Wirt,
dessen Herz ihr jammervoller Anblick schmelzt, keine Ermahnung, keine
Hülfe an; sie bitten ihn, die Freunde liebreich abzuweisen, die sich
sonst regelmäßig am Morgen jedes Tages bei ihnen zu versammeln
pflegten; sie begehren nichts von ihm, als Wasser und Brot, und eine
Streu, wenn es sein kann, für die Nacht: dergestalt, daß dieser Mann,
der sonst viel Geld von ihrer Heiterkeit zog, sich genötigt sah, den
ganzen Vorfall den Gerichten anzuzeigen und sie zu bitten, ihm diese
vier Menschen, in welchen ohne Zweifel der böse Geist walten müsse,
aus dem Hause zu schaffen. Worauf sie, auf Befehl des Magistrats, in
ärztliche Untersuchung genommen, und, da man sie verrückt befand, wie
Ihr wißt, in die Gemächer des Irrenhauses untergebracht wurden, das
die Milde des letzt verstorbenen Kaisers, zum Besten der
Unglücklichen dieser Art, innerhalb der Mauern unserer Stadt
gegründet hat." Dies und noch Mehreres sagte Veit Gotthelf, der
Tuchhändler, das wir hier, weil wir zur Einsicht in den inneren
Zusammenhang der Sache genug gesagt zu haben meinen, unterdrücken;
und forderte die Frau nochmals auf, ihn auf keine Weise, falls es zu
gerichtlichen Nachforschungen über diese Begebenheit kommen sollte,
darin zu verstricken.