Er erzählte jetzt -- immer noch mit gebundenen Händen, obgleich seinen

Füßen Freiheit gegeben war, daß er erst spät Abends von der Plantage

seines Landsmannes nach Tji-dasang hatte zurückkehren wollen, als er

plötzlich eine Gestalt vor sich auf dem Weg gesehn, und wie er im

Schatten eines Baumes stehn geblieben, beim hellen Licht des Mondes

Laykas, seine =Braut= erkannt habe. Bei seinem Anblick sei sie in den

Wald, und zwar den Fußpfad hinein geflohen, der nach Maonos Hütte zu

führte; und nicht gesonnen, sie dort zu lassen, ohne seine, durch

Einwilligung des Vaters gewonnenen Rechte auf sie geltend zu machen, sei

er ihr dorthin gefolgt. Wie sie selber den Pfad entlang gekommen, wisse

er nicht, aber er sei, als er dem dunklen Gang gefolgt, in die hier

verborgene Grube gestürzt. Um Hülfe zu rufen, habe er sich nicht

getraut, aus Furcht, vielleicht eines der gefährlichen Raubthiere

herbeizulocken, bis gegen Morgen die Tigerin, wahrscheinlich auf seiner

Spur folgend, zu ihm hineingebrochen wäre. Jetzt habe er mit gellender

Stimme um Hülfe geschrieen und die Bestie, dadurch vielleicht

geängstigt, den entgegengesetzten Winkel behauptet, ohne ihm ein Leides

zu thun. Erst am Morgen sei Maono gekommen, der aber hätte ihn für einen

Menschentiger gehalten und beinahe umgebracht, wenn er sich nicht sein

Leben mit schweren Versprechungen erkauft.

Schang-hai schien auch die ganze Sache wirklich für abgemacht zu halten

und nicht einmal daran zu denken, die gegebenen Versprechungen zu

erfüllen. Er verlangte jetzt mit finsterer Miene losgebunden zu werden,

und drohte widrigenfalls das ganze Verfahren dem holländischen

Residenten (der obersten Gerichtsperson des Distrikts nach dem

Gouverneur) anzuzeigen. Wenn er sich aber so weit sicher glaubte, hatte

er sich doch geirrt. Die Eingeborenen, die fast sämmtlich in dem letzten

Jahr einen näheren oder entfernteren Verwandten durch die Raubthiere,

und wie sie fest glaubten, hauptsächlich durch einen »Menschentiger«

eingebüßt, gedachten alle der dunklen wilden Erzählungen, die schon seit

langen Jahren ihre Nachbarschaft über den kleinen Chinesen durchlaufen,

und waren nicht gesonnen, den scheinbaren Beweis seiner Schuld so leicht

und rasch wieder aus den Händen zu lassen. Der Vorschlag wurde deshalb

auch ohne Weiteres gemacht und ihm nicht einmal von Kelah widersprochen,

in einer Art Gottesurtheil den Verdächtigen zu prüfen. Er sollte nämlich

wieder in die Grube hinunter, und zwar gerade =auf= die Tigerin geworfen

werden. Griff ihn die dann an, so wollten sie suchen, ihn so rasch wie

möglich wieder herauf zu ziehen und er durfte frei ausgehen, ließ sie

ihn aber unbelästigt, wie sie es die ganze Nacht gethan, so war es ein

sicheres Zeichen, daß er zu ihrem Geschlecht gehörte, und dann sollte

er, wie die wilde Bestie selber, mit Lanzen getödtet werden. Seine

Erzählung, wie er in die Grube gekommen, glaubte ihm Niemand, und selbst

die jetzt darum befragte Laykas erzählte, daß er unter der Palme am Weg

wie ein Tiger gekauert, und sie seine Sprünge hinter sich her, wie die

des wilden Raubthiers, gehört und erkannt hätte.

Der alte Kelah selbst schämte sich, daß er einem solchen Ungeheuer seine

Tochter versprochen. Durfte Schang-hai doch jetzt nie daran denken,

seine Schuld von ihm einzufordern, und so stimmte er auf das eifrigste

für dessen Tod. Überhaupt thaten das alle, die dem Chinesen eine

bedeutende Summe schuldig waren.

Man band ihm jetzt die Hände los und die Schnur wieder um den Leib, wie

ihn Maono vorher heraufgezogen, und Laykas selber stand in sprachloser

Erwartung dabei, ob die Tigerin da unten den verkappten Gefährten

erkennen oder in wilder Wuth über ihn herfallen würde. Schang-hai hatte

aber keineswegs Lust, eins von beiden Resultaten, beide gleich

schrecklich für den Unglücklichen, abzuwarten. Mit Drohungen war indeß

nichts auszurichten und sein Leben soweit gefährdet, daß der nächste

Augenblick schon jeden zu spät kommenden Entschluß nutzlos gemacht

hätte. Er lag auf der Folter -- ein Leugnen hätte ihn zu der wilden

Bestie hinunter geworfen, die schon bereit lag ihn, als einen

vermutheten Angreifer, mit Klauen und Zähnen zu empfangen. Nur eine

Rettung blieb für ihn -- er kannte seine Leute, und mit bleichen,

zitternden Lippen rief er: »Halt!«

»Hinunter mit ihm!« tönte Kehlahs heisere Stimme. --

»Laßt mich reden,« bat aber der Chinese, »was nützt euch mein Tod --

was mein Geständniß, =daß= ich ein Menschentiger sei --.« --

»Er bekennt es!« rief jubelnd Maono, und die Andern sahen mit scheuem,

erschrecktem Blick auf den Unglücklichen. Dieser aber, den

augenblicklichen Vortheil der wenigstens gestatteten Rede benutzend,

fuhr rasch und ängstlich fort. »Wenn ihr mich tödtet, verfällt mein Hab

und Gut dem Staat -- den Holländern. Ich habe keine Kinder -- keine

Verwandte -- in meinen Büchern sind alle meine Schuldner angegeben. Die

weißen Männer werden sie einzutreiben wissen. Schenkt mir das Leben und

ich will nicht allein Maono geben, was ich ihm versprochen habe -- ich

erlasse auch euch, die ihr hier seid, was ich noch sonst von euch zu

fordern hätte, und will selber in den nächsten Tagen dieses Land

verlassen. -- Seid ihr das zufrieden?«

Ein Streit entstand jetzt unter den Sundanesen. Ein Theil, und zwar die,

die ihm bis dahin noch am freundlichsten gewesen, riefen jetzt, da sie

sein geglaubtes Geständniß gehört, daß er getödtet werden müsse, denn er

habe bekannt, daß er ein Menschentiger sei, und in der nächsten Nacht

werde er, wenn man ihn freilasse, nur soviel wüthender über sie

herfallen, um die jetzige Mißhandlung zu rächen. Andere dagegen, mit

dem erlangten Gewinn zufrieden und doch auch vielleicht nicht ganz

sicher, wie die Weißen den =Mord= ansehn würden, stimmten dafür, ihn

unter der Bedingung, daß er binnen drei Tagen den Distrikt verlasse, die

drei Nächte aber den Fuß nicht über seine Schwelle setze, frei zu geben.

Der Chinese versprach alles. Neben ihm lauerte der nackte Tod, in den

ihn der tolle Aberglauben dieser Menschen jauchzend hineingeworfen hätte

-- und vor ihm lag das Leben!

Seine Banden wurden jetzt gelöst, und während Kelah, etwas verlegen

allerdings, aber doch auch außer Stande, anders zu handeln, dem jungen

wackeren Maono in derselben Zeit etwa die Tochter zusagte, als er sie,

nach der Absicht des vorigen Abends, hatte in das Haus des jetzt

geächteten Chinesen führen wollen, schlich dieser, in scheuer Angst, daß

seine Freilassung die hinter ihm her jauchzende und tobende Schaar doch

am Ende noch gereuen könne, den Wald entlang, bis er die Straße

erreichte, und eilte dann, so rasch ihn seine Füße trugen, der eigenen

Wohnung zu.

Das Jauchzen, das Schang-hai gehört, galt freilich nicht ihm, sondern

dem Tod des gefangenen Tigers, auf den die jungen Bursche jetzt ihre

Khrise und Klewangs schleuderten, bis Maono das vor Wuth und Schmerzen

schäumende, brüllende Thier mit dem sicheren Wurf seiner Lanze erlegte.

Mit Blitzesschnelle durchlief indeß die Kunde von dem gefangenen

Menschentiger, und dem Versprechen, das Schang-hai, sein Leben zu

retten, gegeben, den Kampong. Ein holländischer Unterbeamter, der sich

gerade dort aufhielt, ging allerdings hierauf zu Schang-hai, forderte

ihn auf, in seinem Besitzthum zu bleiben und sicherte ihm den vollen

Schutz der holländischen Gesetze zu, nach denen selbst die abgezwungenen

Versprechungen nicht bindend waren. Schang-hai aber, der dem Tod unter

den Händen der Eingeborenen zu nahe gewesen, als daß er ihnen noch

einmal hätte trauen mögen, und recht gut wußte, daß ihn auf den Verdacht

hin, in dem er jetzt einmal unter den Sundanesen stand, alle Gesetze der

Welt vor einem heimlichen Angriff nicht schützen konnten, zog es vor,

mit einem kleinen Verlust seiner Güter sein gegebenes Versprechen zu

halten. Ein anderer Chinese übernahm seinen Pacht und kaufte ihm auch

sein Waarenlager ab, und am dritten Morgen -- die Nächte hielt er sich

in seinem Haus fest eingeschlossen, -- verließ er unter einer erbetenen

und erhaltenen Bedeckung malayischen, dort in der Nähe stationirten

Militärs die Preanger Regentschaften, um in ihre Grenzen wahrscheinlich

nie mehr zurückzukehren.

Fußnoten:

[37] Badek heißt auf Java eine eigenthümliche Art, weißes Zeug in den

verschiedenartigsten Mustern zu drucken und zu färben. Es wird nämlich

zu dem Zweck die Zeichnung aus =freier Hand= mit einer kleinen

Kupferröhre, aus der heißes Wachs sickert, auf das Tuch =an beiden

Seiten= aufgetragen und dieses dann erst gefärbt, wonach die Stellen,

auf denen kein Wachs liegt, die Farbe annehmen. Bei schwierigen und

theuern Mustern geschieht dies mühsame Auftragen der Zeichnung

verschiedene Male, um ebensoviele Farben herauszubringen.

[38] In den Javanischen Bergen dient der schilfartige Bambus zu sehr

verschiedenartigen Verrichtungen und besonders benutzen die Frauen die

stärksten, oft vier bis fünf Zoll im Durchmesser haltenden Stöcke, das

Wasser darin zu tragen.

[39] Ein rockähnliches Stück Tuch von vielleicht drei Fuß Breite, unten

und oben gleich weit, das über den Hüften eng zusammengezogen und durch

einen in das Zeug hineingesteckten knoten gehalten wird. Es wird von

beiden Geschlechtern getragen.

[40] Alang Alang, das hohe schilfige Gras, das in der Wildniß fast alle

offenen Stellen ausfüllt und der Lieblingsplatz der Raubthiere ist.

Der Khris[41].

Am Kali Besaar[42] in Batavia, dem großen Handels-Viertel des Ostens, wo

die Ostindische Maatschappy ihre gewaltigen Niederlagen, und der

Batavische Kaufmann sein Comtoir und Waarenlager hat, war heute ein

regeres Gedränge als gewöhnlich. Die Menschenströmung, die sonst mehr an

beiden Ufern des kleinen Flusses ziemlich gleich vertheilt auf- und

abwogte, schien gerade heute auch mehr dem Mittelpunkt der Hauptstraße

zuzupressen. Dort hatte sich unter den Bambus Schuppen und zwischen den

aufgefahrenen Cabriolets und Cabs der Kaufleute, eine Masse Chinesischer

und Javanischer Fruchtverkäufer angesammelt und hielt ihre duftigen

saftigen Waaren, vor den glühenden Sonnenstrahlen durch das hölzerne

Dach geschützt, feil.

Es war eine Auction in einem der großen, düsteren Gebäude, und zwar

nicht von importirten Europäischen Waaren oder veralteten Gütern, oder

von inländischen Producten, wie sie die Maatschappy oft hält -- oder gar

von spanischen Dollarn, wie sie vor noch gar nicht so langer Zeit hier

ebenfalls stattgefunden, sondern nur von Naturalien, Waffen,

Vogelbälgen, Geräthschaften, Anzügen, Instrumenten etc. etc. der

benachbarten Inseln, die den Nachlaß eines verstorbenen Deutschen

Naturforschers bildeten, und jetzt hier, da kein Testament über die

Sammlung selber disponirte, öffentlich versteigert werden sollten. Alles

das, woran ein tüchtiger, wackerer, muthiger Mann seine ganze Lebenszeit

gesetzt, es zusammenzubringen und der Nachwelt aufzubewahren, sollte

hier, wie das eine Menschenherz zu schlagen aufgehört, in wenig Stunden

wieder in alle Winde zerstreut und verworfen werden, und lachend und

erzählend, zankend und schreiend, drängten sich indeß die Fremden aus

und ein, besahen die Schätze, die ihren Augen preis gegeben waren und

die nur Wenige von ihnen zu würdigen wußten, und packten das Gekaufte

gleichgültig in ihre Cabriolets, es Abends mit nach Haus zu nehmen.

Hier standen ein Paar Holländer zusammen, die einen Bogen spannten und

einen der Pfeile in die Luft hinaufschnellten, zu sehen, wie weit er

tragen würde, dort arbeitete sich ein Anderer, mit einem ausgestopften

Affen unter dem Arm, aus dem Gedränge, und wurde von seinen Bekannten

jubelnd empfangen. Inländische Diener schleppten Lasten von fremdartigen

Geräthschaften und Schilden und Speeren heran, Andere trugen Schädel von

Tigern und Krokodillen, und an einen Bambusstab geschlungen, den sie auf

den Schultern trugen, keuchten zwei Javanen mit einem Elephantenschädel

herbei, ihn zum Zierrath in das Landhaus des in Weltevreden oder Kramat

wohnenden glücklichen Käufers hinaufzuschaffen.

Zwei Weiße, der Capitain eines vor einiger Zeit eingelaufenen

Holländischen Kauffahrers, und ein Amerikanischer Kaufmann, der sich

schon seit längeren Jahren in Batavia niedergelassen, waren ebenfalls

durch das rege Leben und Treiben angelockt worden, das Haus zu betreten

und die ausgestellten Sachen in Augenschein zu nehmen. Es kostete

freilich Mühe, bis sie sich durch das Gedränge von Chinesen, Javanen und

Europäern, die in allen Sprachen der Welt hier durch einander schrieen,

Bahn machten. Endlich aber erreichten sie doch den weiten luftigen Raum,

in dem die Waaren, theils an den Wänden hängend, theils auf den

Seitentischen ausgelegt, wirr und unordentlich, wie man sie eben aus

den Kisten gepackt, aufgeschichtet und zerstreut lagen. Auf den Tischen

herum springende Chinesen schienen dabei das Ganze zu überwachen, auf

die Gebote zu horchen, das Erstandene auszuliefern, und das Geld dafür

in Empfang zu nehmen, wobei sie noch außerdem auf die Finger ihrer

Landsleute zu passen hatten, die in dieser Hinsicht in eben keinem

besondern Rufe stehen.

Die Auction selber fand, von einem Liplap[43] geführt, in Holländischer

und Malayischer Sprache zugleich statt, und ganze Bündel seltener Speere

und Pfeile, Bögen, Schilde, Schmuck von Muscheln und Zähnen, geflochtene

Geräthschaften, geschnittene Gefäße und künstlich und sauber verfertigte

Zierrathen, wie Kasten mit ausgestopften Vogelbälgen und Thieren, mit

Schmetterlingen und Käfern, Sammlungen von Früchten, Conchilien und

Mineralien, wurden um einen Spottpreis, oft gleich nach dem ersten

flüchtigen Gebot, den Käufern zugeschlagen.

Die beiden Männer hatten sich endlich mit nicht geringer Mühe dorthin

Bahn gemacht, wo eine Anzahl sehr schöner Waffen, besonders Khrise, auf

einem kleinen Seitentische lagen, und eben, dem Wunsch eines Franzosen

nach, zum Kaufe ausgeboten wurden. Manche davon waren sehr künstlich, ja

kostbar gearbeitet, und mit Gold und Steinen eingelegt, wie mit

herrlichen damascirten Klingen; andere wieder einfach und derb

gearbeitet, mit glatter hölzerner Scheide und nicht selten mit dem

Haarbüschel der erlegten Feinde geziert, wie es auf Borneo die Sitte der

Krieger ist. Der Franzose erstand eine ziemliche Anzahl derselben um

einen ziemlich hohen Preis, während ein dicht neben ihm stehender Javane

die einzelnen Waffen, jede besonders, aus der Scheide zog und aufmerksam

betrachtete, ohne jedoch darauf mit zu bieten.

Der Holländische Capitain hatte indessen dem ganzen Handel ziemlich

gleichgültig zugeschaut, bis der Franzose seine Einkäufe gemacht und den

Platz mit den Erstandenen Waffen geräumt hatte. Auch der Javane schien

genug von dem ganzen Treiben gesehn zu haben, zog seinen Sarong fester

um sich und verließ das Zimmer. Indessen entdeckte der Chinesische

Aufseher unter den übrigen Sachen noch einen zurückgebliebenen Khris und

legte ihn auf den Tisch des Verkäufers.

»Ach wahrhaftig, da ist =noch= einer!« rief dieser, »nun, meine Herren,

wer bietet darauf, denn unser Khriskäufer ist fort -- noch ein

werthvolles Stück, mit prächtigen Granaten besetzt und fein damascirter

Klinge -- dreißig Gulden zum Ersten, dreißig Gulden zum Ersten sag' ich,

die Waffe ist hundert werth« --

»Ein und dreißig Gulden,« bot der Holländische Capitain.

»Ein und dreißig Gulden, guter Gott, ein Spottpreis,« sagte der

Auctionator, -- »ein und dreißig Gulden zum Ersten.«

»Vierzig!« bot ein daneben stehender Engländer. »Fünf und vierzig!« der

Capitain wieder, und erstand zuletzt die wirklich schöne und

geschmackvoll, wenn auch einfach gearbeitete Waffe, bis zu sieben und

achtzig Gulden hinaufgetrieben. Augenscheinlich lag ihm aber sehr wenig

daran, und sie in seine Tasche schiebend, sah er dem Verkauf der übrigen

Sachen noch eine kurze Weile zu, ergriff dann den Arm des Amerikaners

wieder, und verließ den durch die zahlreiche Menschenmenge doch schwül

und dumpfig gewordenen Raum, die freie Luft zu erreichen.

»Man sollte doch wahrhaftig schon aus Grundsatz nie eine Auction

betreten,« sagte er hier, als er die Waffe wieder vorzog und

betrachtete, »wenn man nicht irgend etwas Bestimmtes kaufen will und

wirklich braucht. So fest ich mir vorgenommen hatte, mein gutes Geld

nicht muthwillig an irgend einen nutzlosen Gegenstand zu verschleudern,

hab' ich mich doch hier wieder mit dem Ding da anführen lassen, und bin

um ein Stück Eisen reicher, und um sieben und achtzig Gulden ärmer

geworden, als ich vorher war.«

Der Amerikaner hatte den Khris indessen aus der Scheide gezogen und

prüfend betrachtet und sagte lachend:

»Lieber Freund, das geht uns oft so auf der Welt, und wir vor allen

Anderen können uns gratuliren, daß die Menschen im Allgemeinen eben

nicht das nur kaufen, was sie gerade nothwendig brauchen, denn unser

ganzer Handelsstand beruht darauf, daß sie das eben =nicht= thun. Der

Mensch bedarf zu seinem Leben wirklich =nöthig= entsetzlich wenig, und

wollte er sich darauf beschränken, wie sollte es dann mit Handel und

Wandel, um Schifffahrt und Verkehr aussehen. Der Luxus gerade, für den

wir civilisirte Menschen gar keine Grenze mehr haben, weil er mit

unserem einfachsten Leben schon so fest verwachsen ist, hält die Sache

in Gang, und bleibt eben nur so lange wirklich Luxus, als wir auch ihn

nicht »nothwendig brauchen,« wo er dann zum =Bedürfniß= und zu dem wird,

was wir eben zum Leben haben müssen.«

»Nun aber der Khris hier ist doch wirklich Luxus«, lachte der Capitain.

»Für Sie in diesem Augenblick, ja, aber wie lange vielleicht, und Sie

brauchen ihn nicht allein nothwendig, sondern müssen sogar noch eine

Menge anderer ähnlicher Sachen dazu haben, ein »=Naturalien-Cabinet=« zu

vervollständigen. Mit =einer= Sache muß der Mensch anfangen, und das

Eine zieht eben das Andere nach. Sehn Sie zum Beispiel den Javanen an;

mit einer Handvoll Reis hält er seine Mahlzeit; eine Bambushütte, die

ihn eben nothdürftig gegen Thau und Regen schützt, genügt ihm zur

Wohnung, ein Stück Baumwollenzeug und ein Strohhut zur Kleidung, und was

für einen Gefallen glauben Sie wohl, daß Sie einem solchen Menschen mit

einer Astrallampen oder mit irgend einer Europäischen Zimmer-Verzierung

erweisen würden? Gehen Sie aber zu einem der unter Holländischen Einfluß

stehenden Häuptlinge, und Sie werden Astrallampen und Zimmer-Verzierungen,

Teppiche, Kronleuchter, Wandgemälde etc. etc. im wahren Überfluß als

=nothwendiges Bedürfniß= finden. Die Khrise spielen übrigens in dem

Leben der Javanen eine sehr bedeutende Rolle, und einzelne von ihnen

erben von Vater zum Sohn und Enkel herab, und dürfen nimmer verkauft

werden. Viele davon sind jedoch in den letzten Kriegen in den Besitz der

Weißen gekommen, und öfters ist es vorgekommen, daß Javanische

Häuptlinge, die ihre Stammwaffe in fremden Händen fanden, bedeutende

Summen gegeben haben, sie wieder zu erlangen.«

»Ich wollte, ein solcher Javanischer Häuptling hätte Lust zu =diesem=

Khris«, lachte der Capitain, die Waffe aus der Scheide ziehend und in

der Sonne blitzen lassend, »mit einigen Prozenten Gewinn könnte er

ungemein leicht wieder Eigenthümer derselben werden.«

»Dort steht gleich Einer,« sagte der Yankee, »und wenn ich nicht irre

sogar derselbe, der da drüben im Verkaufslokal die Waffen so genau

betrachtete. Der kann uns wenigstens sagen, was das Messer wirklich

werth ist, und wir erfahren dann gleich, ob Sie einen guten Kauf gemacht

haben. Heh, Freund, komm einmal hier her, und sage, wie dir der Khris da

gefällt.«

Der also Angeredete, der unfern von ihnen mit untergeschlagenen Armen an

einem Pfeiler lehnte, war ein schlanker, stattlicher Bursch von ungefähr

zwei bis drei und zwanzig Jahren, und die dunklere Hautfarbe, wie die

edelgeschnittenen Züge und blitzenden Augen verriethen allerdings den

Javanen, der sich von den Sunda'nern (wie die Bewohner der östlichen

Insel genannt werden) wesentlich unterscheidet. So knechtisch diese aber

den Holländern, ihren jetzigen Herren, gegenüber sind, so wenig nahm der

Bursche hier Notiz von der Anrede, die er jedenfalls gehört haben mußte.

Mit eben nicht ganz freundlichem Blick die Gestalten der beiden Männer

nur flüchtig überfliegend, wandte er den Kopf halb zur Seite, und schien

keineswegs gesonnen, auch nur ein Glied zu rühren, der Aufforderung

Folge zu leisten.

»Hallo, der ist unabhängig,« lachte der Amerikaner vor sich hin, »und

wir werden zu =ihm= gehen müssen, wenn wir etwas von ihm wissen wollen.

-- Heda, Freund!« setzte er dann in Malayischer Sprache hinzu, die Waffe

dabei aus des Capitains Hand nehmend und auf den Javanen zugehend,

»kannst du mir sagen, was das Messer hier einmal gekostet?«

Der Javane zog die Brauen finster zusammen, richtete sich dann stolz und

trotzig empor, und wollte sich eben, ohne ein Wort auf die Anfrage zu

erwidern, von den ihm jedenfalls verhaßten Weißen abwenden, als sein

Auge auf den Khris fiel und er in demselben Moment auch wie

unwillkührlich den Arm danach ausstreckte. Das Blut schoß ihm dabei in

die Schläfe und er suchte fest und forschend den Blick des Fremden, als

ob er dessen Absicht in seinem Antlitz lesen wollte. Aber es war auch

wirklich nur ein Moment, der Arm glitt zurück in seine alte Stellung,

ebenso der Körper, der sich wieder nachlässig gegen den Pfeiler drückte;

nur den Blick konnte er nicht losreißen von der Waffe, und der

Amerikaner mußte seine Frage wiederholen, ehe er sie nur verstand.

»Weiß ich nicht,« sagte er dann, finster den Kopf zur Seite werfend,

»ist ein alter Khris -- wollt Ihr ihn verkaufen?«

»Junge, Junge[44],« sagte der Yankee, der schon lange im Ostindischen

Archipel wohnte und die Sitten und Gebräuche der Eingeborenen genau

kannte, in Holländischer Sprache zu dem Capitain, »der Bursche da weiß

mehr von dem Khris, als er uns jetzt verrathen mag, und giebt sich

umsonst die größte Mühe, gleichgültig dabei zu bleiben. Außerdem ist das

auch gar kein gewöhnlicher Eingeborener, wie ich im Anfang geglaubt. Was

für einen kostbaren Sarong er trägt, und welch' ein prachtvolles

golddurchwirktes Kopftuch -- hm, hm, wenn der ihn haben will, soll er

tüchtig dafür bezahlen.«

Des Javanen Auge war indessen bei den ihm unverständlichen Worten

forschend von dem Antlitz des einen der Fremden zu dem des anderen

geflogen, ohne daß er jedoch seine Stellung auch nur um eines Haares

Breite verändert hätte, nur als der Amerikaner schwieg, öffnete er die

Lippen wieder, als ob er die letzte Frage wiederholen wolle, zwang aber

das Wort zurück, das Anerbieten lieber von Jenen zu erwarten.

»Fordert nur nicht =zu= viel,« lachte der Capitain; »wenn er wirklich

Lust zum Kaufen hat, wollen wir ihn wenigstens nicht kopfscheu machen.«

»Nur nicht ängstlich,« entgegnete ihm der Freund, »entweder liegt ihm

daran, den Khris zu bekommen, dann ist kaum ein Preis zu hoch, den wir

fordern =können=, oder es liegt ihm Nichts daran, was ich aber nach

seinem ganzen Betragen kaum glaube, und dann wissen wir wenigstens,

woran wir sind -- laßt mich nur machen;« und sich dann an den Javanen

wendend, sagte er, indem er den Khris wieder aus der Scheide zog und die

grau damascirte Klinge in der Sonne blitzen ließ, »könntet ihr uns nicht

wenigstens sagen, was so ein Ding in eurer Gegend kostet, wenn man 's

machen ließ, und von welcher Insel es überhaupt stammt, -- von Java,

oder vielleicht von Macassar oder Sumatra?«

Der Javane streckte langsam die Hand nach dem Khris aus, nahm die

Waffe, betrachtete, ohne mehr als einen flüchtigen Blick auf den Griff

zu wenden, die Damascirung des Stahls mit prüfendem Auge, und gab ihn

dann ruhig zurück -- kein Muskel seines Gesichts verrieth mehr, daß er

irgend einen Antheil an der Waffe nehme.

»Und was ist er werth?« sagte der Capitain ungeduldig.

»Mit funfzig Gulden ist Geld und Arbeit daran bezahlt,« brach jetzt der

Eingeborene mit tiefer klangvoller Stimme das Schweigen.

»Funfzig Gulden? Nun ja,« fluchte der Capitain wieder in seiner eigenen

Sprache, »da habe ich wenigstens sieben und dreißig Gulden zum Fenster

hinausgeworfen, -- hol' der Teufel die Auctionen. Und den Braunen habt

ihr auch mit seiner Kauflust in falschem Verdacht gehabt.«

»Dann hat er den Khris jedenfalls im Anfang für einen Anderen gehalten,«

sagte der Kaufmann, »aber das schadet nichts; es ist immer ein schönes,

sauber gearbeitetes Stück, für das euch ein Naturalien-Cabinet in der

alten Welt leicht den vollen Preis wieder zahlt, solltet ihr es doch

einmal verkaufen wollen.« Und sich ohne weiteren Gruß oder fernere Notiz

von dem Javanen zu nehmen, von diesem abwendend, faßte er den Arm des

Capitains, und wollte mit ihm an dem Kali Besaar hinauf und der Brücke

zugehn, die unter dem Chinesischen Viertel nach dem andern Ufer

hinüberführte, als der Eingeborene ruhig sagte:

»Wollt ihr den Khris verkaufen?«

»Ja, wenn wir einen guten Preis dafür bekommen,« erwiderte ihm der

Kaufmann, sich halb nach ihm zurückwendend --

»Und was nennt ihr einen guten Preis?« frug der Eingeborene wieder.

»Fordert hundert Gulden,« sagte der Capitain, der etwas vom Malayischen

verstand, es aber nicht soviel sprach, sich in einen Handel einzulassen.

Inselwelt. Erster Band. Indische Skizzen · 第 18 / 20 段