Diese hohen ausgesetzten Preise waren denn auch die Ursache gewesen, daß

sich Maono, ein junger kräftiger Sundanese -- wie die Bewohner der

östlichen Gebirgshälfte von Java im Gegensatz zu den westlichen, den

Javanen, eigentlich heißen -- dem gefährlichsten Handwerk, das seine

Berge kennen, dem Tigerfang ausschließlich zugewandt. Er hatte es aber

nicht aus Gierde nach Schätzen gethan, denn der wackere Bursch bedurfte

deren für sich selber nicht; sondern nur um sein Mädchen, seine Laykas,

dem drängenden Vater abzukaufen, und für sich selber dann, an ihrer

Seite, ein neues stilles Leben zu beginnen, wählte er sein gefährliches

Geschäft, durch das allein er hoffen durfte, in kurzer Zeit ein kleines

Capital zurückzulegen -- wenn ihn nicht die Tiger selbst zerrissen. Ohne

Laykas aber konnte er sich das Leben doch nicht denken, und was galt ihm

jetzt die Gefahr, der er sich hier jede Stunde aussetzte, wenn er damit

die Hoffnung gewann, ihren Besitz zu erkaufen! Dieser Platz schien ihm

dabei vor allen andern passend, sein Vorhaben auszuführen, und in dem

Dickicht selber, in dem er sich mit seinem Klevang einen kleinen Raum

freigeschlagen, errichtete er aus Bambusstäben seine feste Hütte, deckte

sie mit den Fasern der Arekapalme und Bambuslaub zu festen Matten

geflochten, und stellte Fallen, legte Gruben an und fing in rascher

Reihenfolge fünf starke Tiger, die er allein mit seiner Lanze in der

Grube tödtete.

Maono war an dem Abend erst mit der Dämmerung nach Hause gekommen. Vor

einigen Tagen fast selber von einem riesigen Tiger überrascht, dessen

Wechsel er in dem Pfad, nahe bei seiner Hütte gespürt, hatte er kurz vor

Dunkelwerden eine neue Grube beendet und mit der Lockspeise belegt, und

sich jetzt, müde und erschöpft vom schweren Graben und Balkenschleppen,

auf sein Lager geworfen. Aber sein Schlaf, fortwährend von Gefahr

umgeben, war nur leicht, und wie der Griff seiner Thüre niederklappte,

diese sich öffnete und eine dunkle Gestalt auf seiner Schwelle

zusammenbrach, griff er die Lanze auf, die immer dicht neben ihm an

seinem Lager lehnte, und fuhr, sprungfertig wie der Tiger selber, empor,

dessen Angriff er fast fürchtete.

Aber Alles blieb ruhig -- draußen rauschte der Wald, die Frösche

quackten in dem nahen Sumpf, und laut und donnernd schlug plötzlich ein

wild dröhnendes Gebrüll an sein Ohr.

»Ha?« lachte der junge kecke Jäger vor sich hin, »hast du das Weite

wieder gesucht, mein Bursche, wie du das Lager des Feinds gewittert? --

Aber nein -- das konnte der Tiger nicht sein, denn der steckt noch dort

im Alang Alang[40] draußen, und folgt vielleicht jetzt gerade meiner ihm

gelegten Witterung. Aber die Thür öffnete sich doch, und ich dächte, ich

hätte vorhin einen dunklen Schatten dort gesehen.« Vorsichtig, mit

vorgehaltener, zur Vertheidigung oder zum Angriff bereiter Lanze näherte

er sich langsam der Thür; der Mondenschein fiel hell und voll darauf,

und bald erkannte sein scharfes Auge eine da kauernde menschliche

Gestalt.

»Der Menschentiger!« knirschte er zwischen den Zähnen durch, und die

krampfhaft gepackte Lanze drängte sich fast unwillkürlich zurück, zum

Todesstoß ausholend. -- Aber das sah nicht wie ein Angriff aus; die Arme

fortgestreckt vom Körper lag die dunkle Gestalt still und regungslos zu

seinen Füßen -- in seiner Gewalt. So hätte sich ihm das Ungeheuer, das

er mehr fürchtete als alle Tiger der Welt, im Leben nicht preis gegeben.

Das war ein Mensch. Und als er endlich, noch immer scheu und vorsichtig

und sprungbereit dem fremden Wesen näher trat, und sich langsam und

scheu niederbog, um es mit der Hand zu berühren, da fühlte er unter den

Fingern das weiche warme zarte Fleisch und wußte jetzt, daß es ein

jedenfalls im Wald verirrtes Weib sein mußte, das vor den Tigern

flüchtend, hier bei ihm Schutz gesucht.

Er stellte die Lanze neben die Thür, und beugte sich nieder, die Arme

aufzuheben und in die Hütte zu tragen, als der bewußtlose Körper wieder

Leben gewann. Die erste Bewegung aber war der scheu nach rückwärts

gedrehte Kopf, ob der Entsetzliche ihr folge und -- »Laykas!« schrie

Maono, und schlang staunend und erschreckt den Arm um die Geliebte.

»Schütze mich, Maono!« war aber alles, was Laykas im Anfang über die

bleichen Lippen bringen konnte, und zugleich drängte sie sich jetzt

scheu von der Thür hinweg.

»Fürchte dich nicht, mein Herz,« sagte Maono freundlich ihre Angst

beschwichtigend. »Wenn ich auch nicht begreife, wie du in Nacht und

Dunkel den Weg -- Allah schütze mich!« rief er plötzlich, in

Todesschreck emporfahrend -- »wie bist du denn zu dieser Hütte gekommen?

Den Pfad entlang?«

»Den Pfad entlang, bis zum Pinangdickicht, und dann in wilder Flucht

durch die Stämme und Dornen durch, die mir die Haut zerfleischten.«

»Dich hat dein guter Geist beschirmt,« sprach Maono, liebkosend ihr die

Haare aus der feuchten Stirn streichend. »Aber um deiner Liebe willen,

Laykas, was führt dich in der Nacht in dieses Dickicht, das selbst die

Männer deines Kampongs nur am hellen Tag in Trupps betreten? Wenn du nun

in die Klauen einer der gierigen Bestien gefallen wärst? Wie elend wäre

ich gewesen, ob ich auch deinen Tod blutig an ihnen gerächt! Oder droht

dir Gefahr von anderer Seite, als den wilden Thieren dieser Waldung?«

Das Mädchen hatte sprechen, hatte dem Geliebten die Vorgänge des letzten

Abends erzählen, und dann ruhig von ihm Abschied nehmen wollen, um ins

weite ferne Land hinaus zu ziehn. Das Schreckbild aber, das in der

letzten Stunde wie aus dem Boden herausgewachsen, vom Mondlicht bleich

beschienen, vor ihrem entsetzten Blicke aufgetaucht war, hatte ihre

Sinne und Gedanken so betäubt, verwirrt, daß nur das eine Wort Raum in

ihnen fand. -- »Schang-hai!«

»Ha! -- was mit dem?« fuhr Maono auf, »drängte der alte Sünder deinen

Vater zum Äußersten? Den Tod über ihn! Aber nicht lange mehr, so hat

Maono Geld und wird --.«

»Dort -- dort -- hinter mir!« stöhnte Laykas und deutete mit zitterndem

Arm durch die noch offene Thür hinaus ins Freie, »er folgt mir --

schütze mich!«

»Wer? -- Schang-hai?« rief Maono mit weit geöffneten stieren Augen,

indem ein furchtbarer Verdacht vor seiner mit all den Schreckbildern

blinden Aberglaubens gefüllten Seele emporstieg. »Schang-hai -- jetzt im

Wald? -- Auf deiner Fährte?« Und rasch und unwillkürlich suchte die Hand

die fort gestellte Waffe.

Nur mit unendlicher Mühe bezwang sich das arme, zum Tod erschöpfte

Mädchen endlich soweit, dem Jüngling zuerst die Vorgänge der letzten

Viertelstunde, die plötzliche Erscheinung des Chinesen und ihre wilde

Flucht zu erzählen, denn in des Geliebten Nähe fühlte sie sich

wenigstens vor augenblicklicher Verfolgung sicher. Dann aber, wie sie

sich mehr und mehr erhohlte, und Maono jetzt die Thüre schloß, auf dem

kleinen Herd ein prasselndes Feuer von dürren Bambusstäben entzündete,

das Licht und Wärme verbreitete, und dann seine Matte zur Flamme zog,

daß sie ihnen als Sitz diene, da ging sie auch auf die Vorgänge des

letzten Abends zurück, sagte, was ihr mit der heutigen Sonne gedroht und

sie zur Flucht getrieben, und bat den Geliebten jetzt mit leiser

ängstlicher Stimme sie am nächsten Morgen nur wenigstens bis durch den

Wald zu geleiten, damit sie nicht etwa nach ihr ausgeschickten

Verfolgern in die Hände fiele, und vor allem -- dem furchtbaren

Schang-hai nicht wieder begegnete.

Maono hatte mit keinem Laut, keinem Wort ihre ganze leidenschaftliche

Erzählung unterbrochen -- nur seine Augen funkelten, seine Glieder

zitterten, und wie unwillkürlich suchte oft die Rechte, während er mit

der Linken die an ihm lehnende Geliebte umfaßt hielt, den im Gürtel

steckenden Khris. Laykas für ihn verloren, einem Ungeheuer verkauft oder

in die Fremde hinausgestoßen -- es blieb sich fast gleich, und keine

Hülfe -- keine Rettung aus dieser furchtbaren Noth! Blieb Laykas hier,

so wußte er recht gut, daß schon am nächsten Morgen, noch dazu, da

Schang-hai die Richtung ihrer Flucht wissen mußte, Boten nach ihr

ausgesendet würden, um sie zurückzufordern; und setzte die Unglückliche

auch ihre Flucht fort, was half es ihr -- allein da draußen im Wald --

allein in der Welt? --.

»=Allein?=« rief er da plötzlich, und richtete sich rasch und hoch

empor, »nein Laykas, nicht allein laß ich dich mehr hinaus in die fremde

Welt, nicht allein selbst durch diese gefährdeten Waldungen mehr. =Ich=

fliehe mit dir -- die Berge kenn' ich alle, von den Reisfeldern, die an

ihrem Fuße liegen, bis zu den nackten Lavagipfeln ihrer glühenden

Krater, und nicht nach Batavia gehen wir dann, zu den fremden Weißen und

ihren verdorbenen Sitten, wo dein Vater auch unsere Spur wieder

auffinden und uns zurückfordern könnte in das alte Leid. Gerade Nord

hinauf ziehen wir; in Indramaju lebt mir ein Bruder, und von dort führ'

ich dich in dessen Prau hinauf nach den »tausend Inseln.« Dorthin wagen

sie nicht uns --.« Er hielt plötzlich inne, denn gar nicht weit von der

Hütte entfernt tönte so dröhnend, daß das Laub auf dem Dach zu zittern

schien, das tiefe furchtbare Gebrüll eines Tigers herüber, dem sich ein

wilder, gellender Schrei, wie fast aus gequälter Menschenbrust kommend,

beimischte.

»Der ist in der Grube!« jubelte Maono, in seiner Jagdlust fast die

augenblickliche Gefahr der Geliebten vergessend, und mit dem rasch

aufgegriffenen Speer sprang er der Thür der Hütte zu.

»Maono!« bat aber Laykas, ängstlich seinen Arm ergreifend, »gehe nicht

fort von mir. Laß mich nicht hier allein, ich würde vor Angst vergehen.

Und wenn nun Schang-hai wirklich meinen Schritten gefolgt wäre.«

»Wäre er's nur!« zischte Maono, den Speer fester packend, zwischen den

Zähnen durch. »Aber horch, Laykas -- hörtest du nicht jetzt --?« -- Er

hatte die Thür aufgestoßen und horchte, halb unschlüssig, ob er gehen

oder bleiben solle, in die Nacht hinaus.

»Ich höre nichts als das Rascheln des Windes im Wipfel der Bäume,«

flüsterte die Jungfrau; »es ist so furchtbar todt und still da draußen!«

5.

Maono stand noch lange und lauschte in den Wald hinein. Es drängte ihn

hinaus, um nachzusehen, ob er den grimmen Feind gefangen, und doch

konnte er die Maid hier nicht allein zurücklassen. So verging die Nacht.

Mehr aber befestigte sich auch dabei in ihm der einmal gefaßte

Entschluß, die Geliebte nicht allein ziehen zu lassen, sondern mit ihr

den fernen, nicht unter Holländischer Botmäßigkeit stehenden Inseln

zuzufliehen.

»Und nun komm mein Lieb!« sagte der junge Jäger, als das erste dämmernde

Licht im Osten sichtbar wurde und rasch wachsend seinen grauen

Silberschein in die düsteren Waldesschatten warf. Er band sich dabei

sein Kopftuch fester um die langen schwarzen Haare, steckte seine Waffen

in den Sarang, band etwas Reis in ein Tuch, das sich das Mädchen um die

Schulter knüpfte, und mit den unter den Fuß geschnürten Sandalen trat er

hinaus vor seine Thür, Laykas an der Hand. Erst freilich wollte er noch

seine Gruben untersuchen, wenn er die gemachte Beute auch einem Andern

überlassen mußte, und rasch schritt er jetzt den schmalen Pfad voran,

der Stelle zu, von wo, wie er glaubte, das letzte wüthende Gebrüll

herüber geschallt.

Es war dies eben die letzte Grube, die er gegraben, und schon von

weitem, so viel es ihm das matte Licht des jungen Morgens zu sehen

gestattete, erkannte er die eingebrochenen Zweige der Decke, das sichere

Zeichen einer gefangenen Beute.

»Ich hab' ihn!« flüsterte er halb zurückgewandt, mit blitzenden Augen

seinem Mädchen zu »ich hab' ihn! -- Da drinn wird er kauern scheu und

tückisch und lauernd, die glutrothen Augen in Furcht und Haß zu mir

aufgedreht, wenn ich die Decke hebe. Warte, Gesell, das soll meine

letzte Arbeit hier im Lande sein, dir den Speer noch in den Leib zu

werfen -- dann mag er verbluten da unten, und die Geier sich sein

Fleisch zu Neste tragen.«

Er bog sich nieder, den Hauptzweig der Decke von der Grube

zurückzuwerfen, als Laykas schüchtern fragte:

»Und wird er nicht herausspringen können, wenn du die Decke wegnimmst?«

»Nicht von dort,« lachte nun der junge Mann, »die Grube ist tief, und

der Boden durch eingetriebene Stäbe in der Mitte der Art bedeckt, daß

seine Hintertatzen nicht einmal einen festen Anhalt fassen können --

siehst du dort?« --

»Hülfe!« tönte in demselben Augenblick eine Menschenstimme kläglich zu

ihm herauf, »rettet mich!«

»Ein Menschentiger!« schrie der Sundanese in jubelnder Luft

emporspringend, »ich hab' ihn, ich hab' ihn! -- Nun Laykas, gehn wir

nicht fort, nun braucht Maono nicht zu fliehn, und wenn ich deinem Vater

mit vollen Händen Geld in's Haus geschleppt, dann mag der alte

tückische Chinese nur heimziehen nach seinem Zopf- und Opiumland.«

»Aber Maono,« bat Laykas in Todesangst, »da unten in der Grube liegt ein

Mensch.«

»Ein Mensch? -- Ein Tiger ist's; ich hab' ihn selbst gesehn, seine

funkelnden Augen, seine streifige Haut, seine fletschenden Zähne! -- Er

hat die Wurzel nicht, daß er sich wieder verwandeln kann. Da -- sieh

dort!« rief er, während er die übergelegten Zweige mit der Hand bei

Seite riß, »siehst du die lauernde, kauernde Gestalt? -- Siehst du, wie

er sich sprungfertig hinein in die Ecke, und doch das breite boshafte

Gesicht scheu zu Boden drückt, weil er sich schämt im Sonnenscheine

ertappt zu sein?«

»Hülfe!« tönte da wieder leise und ängstlich, daß sie gehört würde,

dicht =unter= ihnen eine Menschenstimme, und wie Maono, jetzt selber

erschreckt, die ihm nächsten Zweige bei Seite riß, erkannte er in immer

steigendem Erstaunen erst eine menschliche Gestalt, fest und ängstlich

in eine Ecke gedrückt, die chinesische Tracht derselben, und jetzt, als

sich das Antlitz des da unten in so furchtbarer Nachbarschaft kauernden

langsam zu ihm aufdrehte, die scheuen, widerwärtigen Züge seines

Nebenbuhlers.

»Schang-hai!« jauchzte aber der junge Sundanese, als er seinen Verdacht

in solcher Weise gerechtfertigt und bewiesen sah, ohne daran zu denken,

dem also Gefangenen Hülfe zu leisten. »Hab' ich also recht gehabt? --

Bist du mir auf die Lockspeise gesprungen und hast die Grube drunter

nicht gemerkt? -- Deine Wurzel hilft dir jetzt nichts mehr, ob du da

unten auch noch so kläglich thust! Hat doch der ganze Kampong schon die

langen Jahre Verdacht auf dich gehabt, und endlich, endlich halt' ich

dich!«

»Schang-hai!« stöhnte auch Laykas und barg, zusammenschaudernd vor dem

furchtbaren Gedanken, daß sie dem Entsetzlichen hatte sollen zu eigen

sein, ihr Antlitz in den Händen. Zu sehr theilte sie übrigens den

Aberglauben ihres Volkes, um nicht aus vollem Herzen alles zu glauben,

was an dunklen Gerüchten ihren Stamm durchlief. Und hätte der Mensch da

unten in der Grube auch neben dem Tiger aushalten können, wäre er nicht

seines Gleichen gewesen? -- Nimmermehr! Das Raubthier würde ihn

hundertmal zerrissen haben.

Wunderbar war es jetzt zu sehn, wie sich der Tiger in der Ecke der Grube

vor dem hellen Sonnenstrahl, wie dem Laut der Menschenstimme immer mehr

und mehr zusammendrückte, und während Maono in jubelnder Lust oben

stand, den Triumph so glücklichen Fanges feiernd, erhob jetzt der

unglückliche Chinese drunten mehr und mehr die Stimme und bat den

Eingeborenen, ihn doch nur um Allahs Willen, wenn er =seine= Götter

nicht anerkenne, aus seiner furchtbaren drohenden Lage zu befreien. Er

versprach, ihn dabei zum reichen angesehenen Mann zu machen -- versprach

auf Laykas, deren Stimme er ebenfalls erkannt, zu verzichten -- er hätte

seine eigene Seligkeit verpfändet, wenn man es von ihm in diesem

Augenblick verlangt, um nur von der entsetzlichen Todesgefahr befreit zu

sein, nur seine Spanne Leben zu retten.

Eine ebenso große Gefahr drohte ihm aber in diesem Augenblick gerade von

daher, von wo er Rettung erhoffte. Maono nämlich, in der festen

Überzeugung, daß der gefangene Chinese wirklich ein =Menschentiger= sei,

der nur, als er sich ertappt sah, seine menschliche Gestalt wieder

angenommen, beschloß ohne Weiteres, die Gegend von diesem Ungeheuer zu

befreien. Während der Chinese deshalb unten bat und flehte, befestigte

Maono oben ganz ruhig und unbefangen die lange feste Leine am oberen

Theil seiner Lanze, um diese nach dem Wurf wieder zurückziehen zu

können, und trat dann an den Rand der Grube, die Waffe zum Todeswurf

erhoben.

»Vorbereitung zum Tode,« sagte er dabei ruhig, »brauchst du drunten wohl

nicht, denn wer in Nacht und Finsterniß in =solcher= Verwandlung

umherschleicht, weiß genau, was ihm bevorsteht, wenn man ihn endlich

einmal ertappt. So nimm denn --«

»Halt ein -- halt ein!« schrie aber der Unglückliche, der die drohende

Bewegung bemerkt, in Todesangst. »Ich schenke dir Hütte und Felder von

Laykas' Vater, mit all den Thieren, die ihm zugehören. Ich schenke dir

sechs meiner besten Büffel und die zwei großen Reisfelder, die hinter

deinem neuen Hause liegen. -- Ich schenke dir vier Säcke Deute außerdem

und all die Arenpalmen, die auf dem Grundstück stehen, und du magst

Laykas zur Frau nehmen, -- aber wirf den Speer weg, um meines Lebens

willen -- wirf den Speer fort und reich' mir die Schnur herunter! Der

Tiger dort in der Ecke wirft immer gierigere Blicke auf mich -- ich bin

verloren, wenn du mich nicht rettest.«

Maono warf =nicht=; diese ungeheuern Versprechungen, die ihm der

Gefangene machte, brachten seinen Entschluß, ihn zu tödten und seinen

Fangpreis dafür einzuziehen, doch zum Wanken. Er war damit reicher als

er es je gehofft, und in der Gewalt behielt er den Chinesen ja noch

immer.

»Und wirst du halten, was du da gelobt?« fragte er zögernd.

»Rette mich, und ich gebe dir mehr, als ich dir versprochen,« winselte

der Unglückliche.

»Du willst ihn nicht tödten?« fragte Laykas erstaunt, »wenn du ihn

aufziehst, wird er seine Tigergestalt wieder annehmen und uns Beide

vernichten.«

»Dagegen giebt es ein Mittel,« lachte der junge Sundanese, indem er

jetzt, von einem neuen Plan ergriffen und rasch entschlossen, die starke

Schnur von der Lanze warf, während er dem Mädchen die Waffe reichte.

»Da, Laykas,« sprach er dabei, »nimm du den Speer und fass' ihn fest,

indessen ich den Burschen in die Höhe ziehe. Bleibt er, was er ist, so

werd' ich schon allein mit ihm fertig, denkt er aber zu seiner alten

List zu greifen, so bald er sich im Freien weiß, siehst du das geringste

Zeichen der gelben Streifen an den Seiten, der vorgestreckten Tatzen --

dann stößt du ihm die Lanze bis ans Heft ins Herz, und mit meinem Khris

schick' ich ihn rasch wieder in die Grube zurück. Und jetzt fass' an da

unten!« rief er, ohne sich weiter um den daneben liegenden Tiger zu

bekümmern, dem Chinesen zu, indem er ihm die Leine niederwarf. »Schling'

dir die Schnur um den Leib und ich ziehe dich herauf zu mir.«

Schang-hai befolgte mit zitternden Händen den gegebenen Befehl, scheu

dabei den Blick fortwährend nach der kauernden, aber regungslosen Bestie

gewandt. Stärker funkelten dabei die Augen des Tigers, als er seinen

Mitgefangenen sich bewegen sah, fester drückte er sich zurück, auf die

Hintertatzen zum Sprung zurückgebogen. Die tückischen Augen glänzten in

einem grünen Feuer, die kurzen spitzen Ohren waren dicht an den Kopf

zurückgelegt und die grimmen fletschenden blendendweißen Zähne zeigten

sich in ihrer vollen furchtbaren Pracht. -- Trotzdem wagte er den Sprung

nicht und schien nur einen Angriff auf sich selber zu erwarten, dem er,

so gerüstet, begegnen wollte.

Es war ein merkwürdiger Anblick, die Gruppe zu beobachten, die in diesem

Augenblick oben an der Grube stand. Der Chinese, der sich die Schnur um

den Leib geknüpft und mit Händen und Füßen, wenn auch noch immer scheu

den Kopf nach der ihm nächsten Gefahr zurückdrehend, nachgeholfen, hatte

eben mit den Händen den obern Rand erreicht. Maono lehnte, den linken

Arm zum bessern Halt um eine schlanke dünne Arekapalme geschlagen, den

Fuß gegen ihre Wurzel gestemmt, das Seil in der Hand dort und zog aus

allen Kräften den schweren kleinen Chinesen aufwärts, und neben ihm,

die gefällte Lanze zum Stoß bereit in der Hand, mit funkelnden und doch

in ängstlicher Scheu blitzenden Augen, halb Muth, halb Furcht in den

belebten Zügen, stand das wunderschöne Mädchen, nackt bis zum Gürtel,

die schwarzen langen Locken ihre Schultern umflatternd, die Verwandlung

des Ungeheuers mit jedem Augenblick erwartend.

Aber von dem armen kleinen Chinesen brauchten sie nichts zu fürchten,

und kaum hatte er den obern Rand vollständig erreicht und sich in

scheuer Angst einen Schritt davon hinweggeschleppt, als er, zum Tode

erschöpft und von dem Entsetzen der letzten Stunden aufgerieben,

bewußtlos neben der Grube zu Boden brach und es ruhig geschehen ließ,

daß ihm der Sundanese Arme und Füße mit derselben Leine fest

zusammenschnürte, an der er ihn heraufgezogen.

6.

Unschlüssig, was nun zu beginnen und welcher Weg am besten

einzuschlagen, entschloß sich Maono endlich dazu, Hülfe vom nächsten

Kampong herbeizuholen. Die Männer dort sollten entscheiden, ob der also

ertappte und überführte Chinese als ein entdeckter »Menschentiger« noch

den Tod verdiene, wonach der Kampong selber den auf solchen Fang

gesetzten Lohn gezahlt hätte, oder ob er mit dem versprochenen Lösegeld

freikomme, die Gegend aber auf immer verlassen solle. -- Das schien ihm

nach kurzer Überlegung das Beste; hätten doch sonst die Nachbarn gar am

Ende glauben können, er habe den Mann aus Eifersucht schuldlos ermordet.

Laykas deshalb mit der Waffe bei dem Gebundenen zurücklassend, damit sie

ihm dieselbe ins Herz stoße, sobald er den Geringsten Versuch mache,

sich zu befreien, eilte er jetzt so rasch er konnte, den schmalen Pfad

entlang, der aus dem Walde auf die Straße führte, um von dort aus den

Kampong Tji-dasang zu erreichen.

Die Mühe wurde ihm übrigens erspart; denn da er die Lichtung erreichte,

fand er sich einer Schaar von Männern, Laykas Vater, Kelah, an der

Spitze, gegenüber, die bis hierher der Spur des flüchtigen Mädchens

gefolgt waren, und jetzt eben unschlüssig auf der stark betretenen

Straße standen, welcher Richtung sie von hier aus folgen sollten.

Maonos Ruf brachte sie bald an seine Seite, und mit wenigen flüchtigen

Worten schilderte er jetzt Kelah die Vorgänge der letzten Nacht, den

Fang des so gefürchteten Menschentigers, mit einer mächtigen Tigerin

zusammen. Ohne weiter eine Antwort abzuwarten, wandte er sich dann und

schritt, von allen in schweigender Scheu gefolgt, den Pfad zurück, den

er gekommen, bis zu der Stelle, wo er den Gefangenen unter Laykas

Aufsicht zurückgelassen.

Schang-hai hatte sich indeß von seiner Ohnmacht erholt, und das junge

Mädchen, das neben ihm die Wacht hielt, mit den flehendsten Worten

gebeten, ihn loszubinden. Laykas würde aber ebenso bald, ja vielleicht

noch eher daran gedacht haben, den in der Grube gefangenen Tiger als den

Gebundenen an ihrer Seite zu befreien, und der mit Haß und Furcht

gemischte Blick, mit dem sie der geringsten seiner Bewegungen folgte,

wie die oft drohend gehobene Lanze verrieth ihm, daß er von ihr nichts

zu hoffen hatte. Endlich schlug das Geräusch von Stimmen an sein Ohr,

und mit einem leise, aber aus vollem Herzen gemurmelten Dank erkannte er

den alten Kelah neben Maono an der Spitze des Zugs.

Hatte er übrigens gehofft, bei diesem unbedingten Schutz zu finden, so

war er dabei im Irrthum und der alte Sundanese viel zu schlau, um nicht

im Augenblick zu übersehen, wie die Sache stand. Einestheils stak er

selbst zu tief in dem Aberglauben seines Volkes, um auch nur einen

Augenblick zu zweifeln, daß der Chinese das wirklich sei, dessen ihn

Maono beschuldigt hatte. Wenn er aber die Versprechungen hielt, die er

dem jungen Mann gethan und die ihm dieser unterwegs schon mitgetheilt,

so stand er auch ganz anders neben dem Chinesen. Wie hätte er überhaupt

nach der jetzt gemachten Entdeckung noch daran denken dürfen, ihm die

Tochter zur Frau zu geben! Hierbei hatte er übrigens zwischen den

anderen, weit mehr angesehenen Eingeborenen auch nur eine ganz

untergeordnete Stimme, und Schang-hai fand bald, daß er zuerst einem

förmlichen Verhör Rede stehen mußte, ehe er hoffen durfte, selbst von

diesen Leuten, die ihn sonst mit der höflichsten, oft kriechenden

Artigkeit behandelten, in Freiheit gesetzt zu werden.

Inselwelt. Erster Band. Indische Skizzen · 第 17 / 20 段