Kelah betrachtete die ineinandergeknickte Gestalt der Tochter wenige

Minuten schweigend. Er mochte wohl ahnen, was in ihr vorging, kannte er

doch den Abscheu, den alle Kinder -- ja fast alle Erwachsene in den

Bergen vor dem alten Chinesen hatten, und fürchtete er ihn doch selbst

weit mehr als er ihn liebte. Die Sache war aber einmal abgemacht und

nichts weiter daran zu thun, und die Tochter mochte jetzt, ehe er weiter

mit ihr darüber sprach, mit dem Gedanken ein wenig vertraut werden. Daß

sie sich seinem Willen nicht widersetzte, verstand sich von selbst. Er

ging deshalb in sein Haus zurück, um für sich selber auf den morgenden

Tag seinen besten Staat, Kopftuch und Sarong, die rothe Kattunjacke und

seinen schönsten Khris hervorzusuchen. Es war ja auch eigentlich bei

der ganzen Sache nichts weiter zu besprechen und alles Nöthige so gut

wie abgemacht.

Staunend sahen indeß Laykas' Geschwister die Trauer der Schwester, über

deren Ursache sie sich nicht Rechenschaft zu geben wußten. Was es

bedeute, des Schang-hai Frau zu sein, wußten sie noch nicht, und darum

brauchte Laykas doch nicht das mühsam heraufgetragene Wasser wieder den

Berg hinunterlaufen und den Kopf hängen zu lassen. Nur ein unbestimmtes

Gefühl sagte ihnen, daß mit der geliebten Schwester doch eigentlich

Alles wohl nicht so sei, wie es sein solle, und wie der Vater nur erst

einmal ins Haus gegangen war, drängten sie sich ängstlich schüchtern um

sie her, zupften sie am Sarong und baten sie leise und schmeichelnd

aufzustehen und sie wieder anzusehen wie vorher.

Das Zureden der Kinder aber weckte den bis dahin gewaltsam

zurückgedrängten Schmerz der Jungfrau. Alles, was sie bis dahin lieb

gehabt, an dem ihr Herz gehangen, sollte sie jetzt verlassen und dafür

das Furchtbarste eintauschen, was ihrer Seele nur in Schrecken und

Entsetzen vorschwebte -- das Weib des Mannes zu werden, von dem sie

jetzt nicht einmal wußte, ob sie ihn mehr fürchtete oder mehr

verabscheute. Ihre Thränen flossen unaufhaltsam, und der ganze zarte

Körper zitterte in der furchtbaren, kaum mehr gebändigten Bewegung.

Die Sonne sank, und sie saß noch immer auf der Stelle -- die Kinder

waren zum Haus hinaufgelaufen, dem Vater zu sagen, daß Laykas krank wäre

und weinte. Dieser bedeutete sie aber, die Schwester zufrieden zu

lassen, sie würde schon wieder von selber froh und heiter werden.

Als es dunkelte, ging endlich die Mutter zu ihr hinaus.

»Laykas,« sagte sie freundlich, die Hand auf ihre Schulter legend, »komm

herein ins Haus -- der Vater wird sonst böse, und der Thau fällt auch

schon stark.«

»Mutter,« stöhnte das arme Kind und faßte die Hand der Frau; »ich kann

nicht -- ich =kann= nicht das Weib Schang-hai's werden.«

»Der Vater hat's gesagt,« seufzte die Frau leise und mitleidig, das zu

ihr gewendete, von Thränen überströmte Gesicht des Mädchens streichelnd.

»Du weißt, was der sagt, müssen wir thun. Mir wär's auch lieber, ein

armer Javane hätte sein Jawort erhalten, als der alte reiche Sünder,

aber -- was geschehen, ist nun einmal nicht zu ändern. So komm, Laykas,

komm mit ins Haus und fasse Muth. Es wird vielleicht noch Alles besser

gehen, als wir jetzt denken.«

»Und Maono?« seufzte das Mädchen mit angstgepreßter, zitternder Stimme.

»Wer kann's ändern?« meinte die Mutter, mit den Achseln zuckend. »Unser

Geschlecht ist dazu bestimmt, Leiden zu ertragen, und wir dürfen nicht

murren. Es ist Allahs Wille. Der arme Bursch thut mir auch leid,« setzte

sie leise hinzu, »aber was kann er gegen den reichen Chinesen in die

Wagschale werfen?«

»Und opfert er jetzt nicht sein Leben, die Nachbarschaft von den

gefährlichen Tigern zu befreien?« rief Laykas. »Haust er jetzt nicht

allein und abgeschieden mitten im Wald in steter Gefahr, von den Bestien

selber erfaßt zu werden, nur um eine kleine Summe zu erschwingen, daß

wir zusammen den Hausstand beginnen könnten, gegen den selbst der Vater

bis jetzt nichts einzuwenden gehabt?«

»Das ist alles wahr, mein Kind,« sagte die Mutter, das aufgeregte

Mädchen freundlich begütigend, »aber damals hatte Schang-hai noch nicht

um dich gefreit, und du weißt selber, welche große Hülfe der für uns

ist. Das einzige Reisfeld, von dem wir unsere Nahrung ziehen, ist in den

Händen deines künftigen Mannes, selbst die Arenpalmen um unsere Hütte

her gehörten nicht mehr unser, wenn es Schang-hai gefiele, sie zu

fordern. Die Büffel, die unser Feld bearbeiten, haben wir von ihm

geborgt, er kann sie jeden Augenblick zurückfordern. Die Weide selbst,

auf die wir sie treiben, gehört dem Chinesen, und schon lange habe ich

mir gedacht, daß er nicht umsonst so nachsichtig und gütig mit uns

gewesen und seinen Lohn wohl eines Tages einfordern würde. -- Und doch

hab' ich ihm unrecht damit gethan, denn er hat dich zum =Weibe= begehrt,

und damit uns armen, niederen Leuten, wie auch dir, die größte Ehre

erwiesen, die ein so hochstehender Mann Jemand nur erweisen kann.«

»Ehre -- Ehre!« jammerte das arme Mädchen, »mir bringt diese Ehre den

Tod -- und Maono, armer Maono!«

Sie stand langsam auf, schüttelte die Thränen von ihren Wimpern und

folgte der Mutter langsam in das Haus, wo sie den Vater schon behaglich

auf seiner Matte ausgestreckt und seine Pfeife rauchend fanden.

3.

Laykas ging ruhig in die Ecke, in der ihr Lager auf einem niederen

Bambusgestell bereitet war, und wenn sich der Alte auch ein paarmal

nach ihr umdrehte und sie augenscheinlich anzureden wünschte, unterließ

er es doch jedesmal wieder. Sie mochte sich die Sache die Nacht über

durchdenken, wenn sie nur morgen dann ein fröhliches Gesicht zeigte --

nur bis die Feierlichkeit überstanden war. Nachher mochte Schang-hai

allein sehen, wie er mit ihr fertig wurde.

Nach und nach wurde es still in dem kleinen dunklen Raum; draußen

rauschten die Palmen ihr flüsterndes Nachtlied durch den Wald und der

unten vorbeispringende Bergstrom sandte das Geräusch des fallenden

Wassers in leisem, dumpfem Murmeln bis hierher. Dann und wann vielleicht

unterbrach der gellende Schrei eines Nachtvogels die heilige Stille, und

einmal tönte dumpf und hohl das gierige Gebrüll eines Tigers vom Wald

herüber. Dann war alles wieder still. Laykas konnte ihr Herz schlagen

hören, wie es mit ängstlichem Klopfen ihr den Schlaf von den Lidern

trieb.

Und morgen? -- Der Kopf brannte ihr im Fieber, wenn sie an den morgenden

Tag dachte! So mußte dem unglücklichen Verbrecher zu Muthe sein, der mit

der nächsten Sonne zum Richtplatz geführt werden sollte und jetzt, an

Ketten, im festen, verschlossenen Raum, des Henkers harrte, der ihn

hinaus zum Galgen führen sollte. -- Und =war= sie denn eingeschlossen

und gefesselt? -- Als ob ein scharfer Khris ihr Herz getroffen, so fuhr

sie bei dem Gedanken empor. -- Flucht -- Flucht vor der Gefahr war noch

möglich -- aber wohin? --

Wohin? -- Gleichviel, und wenn in den Tod! Lieber die Glieder im tiefen

Strom gebettet, als in das Haus jenes furchtbaren Menschen! Lieber von

den Tatzen des gierigen Tigers zerrissen, als von den Armen des

Gefürchteten umschlungen! Und hatte sie denn nicht des Vaters Spruch dem

Tode schon geweiht? War denn das =Leben=, wenn sie Tage, vielleicht gar

Wochen, Jahre in jenem furchtbaren Elend vergehen -- sterben mußte?

In immer rascheren Schlägen pochte ihr Herz, das die fest darauf

gepreßte Hand nicht mehr zu bändigen vermochte, und der Athem stockte

ihr, als sie sich leise und geräuschlos auf ihrem Lager aufrichtete, um

auf den Schlaf der Ihrigen zu lauschen. -- Sie athmeten tief und ruhig

-- ihr Vater träumte wohl gar von dem »Glück und Heil«, das er mit der

Tochter Opfer über seine Hütte gebracht, und sah im Geist sich schon

geachtet und geehrt -- ja warum nicht auch =gefürchtet= von den

Nachbarn. -- Fort! -- Das war der einzige Gedanke, der sie jetzt trieb.

-- Fort aus der Heimath -- aus der Eltern Haus, von dem Herzen der

Mutter fort, an der sie mit inniger Liebe hing, von den Geschwistern,

für die sie ihr Leben gern geopfert hätte -- denn das war mehr als Tod,

was man von ihr verlangte!

In der Hütte war es vollkommen dunkel; nur durch einen Spalt der

geflochtenen Bambuswand schaute hell und blinkend ein Stern herein.

Geräuschlos glitt sie von ihrem Lager nieder und über den Boden hin.

Hätten sie selbst gewacht, sie würden die Flucht des Mädchens nicht

vernommen haben. Wie sie die Thüre erreichte, richtete sie sich auf und

blieb an der Schwelle stehen. Ohne Abschied sollte sie fort, von allen,

die ihrem Herzen theuer waren -- ohne ein freundliches Wort von der

Mutter, ohne eine Umarmung von den Geschwistern? -- Aber sie durfte

nicht zögern -- der Vater regte sich auf seinem Lager. Wenn sie jetzt

entdeckt wurde, ehe sie das Freie erreicht hatte, war sie verloren.

Sie öffnete den hölzernen Drücker der Thür so leise als möglich, und

stand im nächsten Augenblick auf der Schwelle. Rasch fiel die Thür

wieder hinter ihr ins Schloß, und während sie im Haus drin Stimmen zu

hören glaubte, glitt sie über den kleinen freien Platz, der ihre Wohnung

umgab, hinweg und in den Schatten eines dichten Mangustengebüsches

hinein, das, mit anderen Fruchtbäumen wechselnd, bis zum Rand der

Reisfelder lief. In dunkler Nacht brauchte sie hier keine Verfolgung

mehr zu fürchten -- sie war gerettet.

Gerettet? -- Guter Gott -- wie hatten noch gestern Abend diese Bäume,

unter denen sie jetzt stand und die ihrer Eltern Haus umgaben, diese

Palmen und Pisang so traulich, so heimlich gerauscht, wie lieb war jedes

Blatt ihr da gewesen, und jetzt! -- Stand sie nicht so wenige Stunden

später wie eine Fremde in dem trauten Hain, und lag die Welt, nur wenige

Schritte von dem Vaterhaus entfernt, nicht plötzlich so kalt und öde um

sie her, als ob sie, inmitten all des Glückes und Segens, das Gottes

Hand darüber hingestreut, doch weiter nichts als eine Ausgestoßene wäre?

Wohin jetzt? -- Wie sie zuerst den Gedanken an Flucht erfaßte, war es

der Tod, den sie suchen wollte, um sich von aller Noth, von allem Elend

zu befreien. Jetzt aber, wo der Himmel wieder hell und klar mit all

seinen tausend und tausend Sternen über ihr blitzte, wie sie wieder das

Flüstern der Bäume, das Murmeln des Baches hörte, da klammerte das

jugendliche Leben sich auch wieder fest und innig an die Welt, und

unwillkürlich fast, ehe sie sich nur selber eines bestimmten Ziels

bewußt war, floh ihr Fuß jetzt von der Richtung fort, in der der

reißende und tiefe Bergstrom lag. In der Flucht aber, mit der freien

Bewegung ihrer Glieder den Körper von der frischen Nachtluft gekühlt,

mit dem Bewußtsein, jetzt zum erstenmal in ihrem Leben selbstständig,

unabhängig, ja sogar der Willkür ihres Vaters entgegen zu handeln,

kräftigte sich auch der Muth des armen flüchtigen Kindes. Ihr Auge

blitzte kühner und entschlossener, ihre kleine Hand ballte sich fast

krampfhaft und die fest zusammengepreßten Zähne, die keck und trotzig

aufgeworfenen Lippen verriethen das zu seinem Selbstbewußtsein erwachte

Weib.

Unschlüssig hatte sie allerdings noch einen Augenblick gestanden, als

sie das nächste Thal erreichte. Aber nicht mehr über das Ziel, dem sie

zufliehen wollte, war sie in Ungewißheit -- =das= sollte Batavia sein,

so fern dasselbe auch lag, denn dort zwischen den Fremden, von denen sie

schon soviel erzählen gehört, durfte sie am leichtesten hoffen,

unentdeckt zu bleiben. Arbeiten wollte sie ja, was ihre Kräfte nur

vermochten, und von früh bis spät; war sie das schwerste Mühen doch von

Kindesbeinen auf gewohnt! -- Dorthin reichte auch nicht der Arm

Schang-hai's, und einmal nur aus dem Distrikt hinaus, indem der

Schreckliche zu herrschen schien, glaubte sie nichts mehr von ihm

fürchten zu dürfen.

Aber sollte sie ihre Berge verlassen, ohne ein Wort des Abschieds von

dem Geliebten? -- Sollte er denn nicht einmal wissen, wohin sie den Fuß

gewandt? -- Schreiben, wie es die Weißen und Chinesen thaten, konnte sie

nicht, und wie hätte ihn je eine mündliche Botschaft erreicht, die nicht

zugleich ihren neuen Aufenthalt zu verrathen drohte? Dort drüben, wo der

dunkle Waldesschatten, vom Mond nur schwach beschienen, lag, oben am

Hügelhang, mitten im wilden Dickicht, hauste er, und durfte sie dorthin,

allein, bei Nacht den Fuß zu setzen wagen? -- Jene Gegend war ihrer

Tiger wegen gefürchtet, und grade deshalb hatte sich Maono dort

niedergelassen, um desto eifriger den Fang betreiben zu können und sein

höchstes Ziel, den Besitz seines treuen Mädchens, zu erreichen. Wohl

getraute sie sich den Pfad zu finden, der zu der einsamen Hütte führte

-- denn mit der Mutter war sie vor noch gar nicht so langer Zeit einmal

am Tage dort gewesen, um Arekanüsse zu holen. Wie aber durfte sie der

Gefahr trotzen, von den lauernden Bestien überrascht zu werden? Nachts

und im Dunkel, ob der Mond am Himmel steht oder nicht, kommt der Tiger

aus seinen Dickichten, in denen er den Tag über versteckt gelegen,

hervor und schleicht ins Freie hinaus, seine Beute zu erlegen. Ein Rind,

das er trifft, ein Pferd, ein Stück Wild, es ist ihm alles willkommen,

und gleich gierig stürzt er über alles her. Die Bestien aber, welche

schon einmal in früherer Zeit Menschenfleisch gekostet, und denen

dasselbe wohl geschmeckt haben mochte, ziehen von da an diese Beute

jeder andern vor. Das sind dann die gefährlichsten Raubthiere, und dem

Menschen mit ihrer furchtbaren Kraft, ihrer List und Blutgier vor allen

anderen furchtbar. Der Javane nennt diese denn auch in ganz besonderer

Auszeichnung »die Menschenfresser.«

Laykas zögerte, aber es war nur ein Augenblick. Wie klein schien ihr

diese Gefahr gegen die andere, der sie sich erst gewaltsam durch die

Flucht entzogen! Stieg nicht der Mond gerade in all seiner Pracht und

Klarheit, fast gefüllt, am östlichen Himmel empor? Der leuchtete ihrem

Pfad -- er und die Liebe sollten sie führen! Und hatte sie Maono von

ihrem Plan in Kenntniß gesetzt, wußte =er=, und nur er allein, wohin sie

sich gewandt, und weshalb sie den verzweifelten Schritt gethan, dann

konnte sie auch mit fröhlichem Muth, mit leichtem Herzen ihren weiten,

mühseligen Marsch durch fremde unbekannte Distrikte, zu fremden

Menschen, in eine ihr fremde Welt antreten, und das arme hülflose

Mädchen sah, trotz der Gefahren, die überall ihre Bahn umlauerten, mit

froher, ruhiger Zuversicht der ungewissen Zukunft entgegen.

Wie sie freilich in dem fernen Batavia, wenn sie es erst glücklich

erreicht, ihr Leben fristen sollte, war ihr jetzt selber noch nicht

klar. Nur das fühlte sie, daß sie arbeiten konnte und wollte, und aus

ihrer Gegend selbst waren ja schon in früherer Zeit Einzelne dorthin

ausgewandert, und mit Geld und guten kostbaren Kleidern zurückgekehrt --

warum sollte es =ihr= dort fehlen?

Rüstig schritt sie, nur dann und wann einen scheuen Blick zurückwerfend,

ob sie nicht verfolgt würde, ihrem schmalen Pfade entlang, der sie,

sobald sie das Fruchtdickicht ihrer eigenen Heimat verlassen, am

Hügelhang hin, und zwischen einer Anzahl von Reisfeldern hindurchführte.

Es war ein beschwerlicher Weg, bei dem unsicheren Licht des kaum

aufgegangenen Mondes die schmalen schlüpfrigen Raine zwischen den unter

Wasser gesetzten Reisfeldern einzuhalten, aber sie kannte hier jeden Fuß

breit Boden und wußte, daß sie rascher vorwärts eilen konnte, sobald sie

nur einmal die steinigen Hügelhänge, in denen ihr jetziges Ziel lag,

erreicht hatte.

Hier begann freilich auch das Gebüsch, wilder Pisang, prachtvolle Farn-

und einzelne Arekapalmen, mit einem dichten Unterholz anderer Laubbäume

-- hier begann für sie die Gefahr in den Hinterhalt eines der furchtbaren

Raubthiere, und der blutgierigen Bestie in den Rachen zu laufen, und als

sie den düsteren Waldesschatten erreichte, in den der Mond jetzt seine

wunderlichen Lichter warf, blickte sie im Anfang scheu und rasch umher

und hielt auch wohl den flüchtigen Schritt plötzlich an, um irgend einem

fremdartigen Geräusch, einem Rascheln im Busch besser zu lauschen, das

ihr Herz schneller klopfen machte. Das aber waren immer nur Momente;

ihre Flucht hielt es nicht auf, und eine Ravine kreuzend, erreichte sie

jetzt wieder, kaum noch tausend Schritt von der Hütte entfernt, in der

Maono seine Wohnung aufgeschlagen, einen offenen Strich Landes, durch

den die breite, gut in Stand gehaltene Straße am Rand der Ravine hin

lief. Diese Straße führte von Tji-dasang aus zuerst nach dem großen Gut

eines Chinesen, und stand weiter unten mit der Javanischen

Hauptpoststraße, die durch die ganze Insel läuft, in Verbindung. Diese

Straße mußte sie ebenfalls kreuzen, der Pfad aber, den sie kannte, und

der durch die ihr gegenüberliegende Dickung führte, lag etwas weiter

oben, gerade an der Stelle, wo eine wohl dreißig Fuß hohe Farnpalme

ihren federnartigen Wipfel über dem Fuhrweg schaukelte. Gerade durch den

Wald zu brechen wäre ihr, selbst am hellen Tag nicht möglich gewesen, so

dicht in einander flocht diese gewaltige Vegetation ihre Zweige und

Lianen, und rasch der Straße aufwärts folgend, sah sie schon von weitem

den Schatten der Palme über die weiße Straße hinüber hängen, als sie,

dicht neben sich im Weg sich etwas regen sah.

Mit einem halben, kaum unterdrückten Aufschrei flog sie zurück, und wie

gelähmt erstarrten ihr in dem Moment, vor dem entsetzlichen, jede

Willenskraft vernichtenden Schreck die Glieder, denn vor ihr stand, halb

scheu unter seinen großen Hut zurückgedrückt, und doch auch wieder fast

eben so überrascht, wie sie selber, auf sie schauend, der furchtbare

Schang-hai. Die kleine, breite, wie zum Sprung ineinandergepreßte

Gestalt war nicht zu verkennen, und seine Augen schienen wie glühende

Lichter nach ihr herüber zu funkeln.

»Allah schütze mich!« stöhnte die Jungfrau. Als ob aber mit den

herausgestoßenen Worten der Zauber gebrochen wäre, der sie bis dahin

gefangen gehalten, so floh sie jetzt, einem aufgescheuchten Reh gleich,

mit Blitzesschnelle der Farnpalme zu, und dort mit einem Sprung den

weiten Graben überfliegend, in den Wald hinein. Scheu drehte sie den

Kopf zurück -- sie hörte Schritte hinter sich -- das Laub raschelte, und

kaum ihrer Sinne noch mächtig, verfolgte sie ihre Flucht in wilder Hast

immer den Pfad entlang, bis sie sich endlich an der wohlbekannten Gruppe

von Arekapalmen fand. Wieder glaubte sie ein dumpfes Geräusch hinter

sich zu hören, aber durch die Palmen hin kannte sie einen näheren Pfad

zur Hütte, und glitt wie eine Schlange in den dunklen Schatten des

dichten Unterwuchses von Pisang- und Cacaobüschen hinein. Jetzt hatte

sie das Bambushaus erreicht -- die hohen Stufen flog sie hinan, preßte

den Drücker nieder, und als dieser dem Griff nachgab, und die Thür sich

in ihren Angeln drehte, brach sie, nicht mehr im Stande die furchtbare

Aufregung der letzten Stunden zu ertragen, auf der Schwelle ohnmächtig

zusammen.

4.

Mitten im wilden, dichten Wald auf Java, findet der Wanderer oder Jäger,

wenn er sich durch einen halbverwachsenen alten Pfad Bahn gehauen,

manchmal weite Gruppen schlanker hochstämmiger Cocos- und Arekapalmen in

der tiefsten Wildniß stehn. Sonst sind dies stets, besonders die

letzteren, sichere Zeichen von der Nähe menschlicher Wohnungen, und

noch mehr bestätigen gewöhnlich schattige Fruchtdistrikte von

Mangusten-, Romboutan-, Nangka- und Manga-Bäumen, und wie die

wundervollen Bäume alle heißen, solche Vermuthung, und scheinen dem

Fremden wie bittend die beladenen Zweige entgegenzustrecken, daß er sie

nur in etwas von ihrem drückenden Reichthum befreien möge. Und doch

würde in den meisten Fällen der mit dem Land Unbekannte kaum ein Merkmal

finden, daß solche Stelle je bewohnt gewesen und noch andere Geschöpfe

als Tiger und Rhinoceros hier dem weichen Boden ihre Fährten

eingedrückt.

Und dennoch standen dort früher die leichten Hütten der Eingeborenen,

deren Spur jetzt freilich der Zahn der Zeit vom Boden vertilgt, und ihre

letzten Überreste unter der verwesenden dichten Laubdecke dieser üppigen

Vegetation begraben hat. Nur die Natur selber blieb ewig jung, und höher

und kräftiger noch hoben die Palmen ihre wehenden Kronen empor, und

schauten stolz und kühn aus dem dichten Laubmeer hervor, das sie ringsum

überragten.

Unter diesen Palmen und dem wilden Gewirr von Pisang, Farren, Lianen und

andern Fruchtbüschen hat in früherer Zeit einmal ein urbargemachtes Feld

gelegen und des Menschen fleißige Hand dem Boden Nahrung für sich

abgezwungen. Kaum aber wurden die Menschen wieder abgezogen, so

forderte der Wald sein Eigenthum mit herrischer Gewalt zurück, streute

seinen Saamen darüber hin, und trieb die alten, bis dahin nur mit Noth

und Mühe zurückgehaltenen Wurzeln auf's neue in kräftigen Schößlingen

empor. Was dabei die Vegetation allein zu leisten vermag, beweisen schon

die Pisang oder Bananenstämme; denn in sechs Monaten treiben diese einen

Stamm von Beinesdicke, um im nächsten Jahr den Boden damit zu düngen,

und fünf oder sechs ähnlichen Schößlingen Saft und Nahrung zu geben.

Solche »todte Kampongs« sind fast immer, und mit nur wenigen Ausnahmen,

in früherer Zeit der überhand nehmenden Tiger wegen von ihren Bewohnern

geräumt worden, die lieber ihre Fruchtbäume und das mühsam bestellte

Feld im Stich ließen, um nur der gefährlichen Gesellschaft zu entgehen.

Weiter dem bebauten Lande zogen sie dann zu, und wenn sie da auch ihre

Arbeit von vorn beginnen, und das Wachsen neu gepflanzter Palmen und

Fruchtbäume erwarten mußten, waren doch ihre Familien auch mehr

gesichert, und Frau und Kinder brauchten nicht mehr, selbst in der Thür

der Hütte, wie das im Walde oft der Fall gewesen, den Angriff des

gierigen Räubers zu fürchten. Von den verlassenen Plätzen aber nahm der

Fürst der Javanischen Waldung, der Königstiger, Besitz, und in der neu

und dicht aufschießenden Wildniß konnte er seine Tage sicher und

ungestört verträumen, um dann erst Abends mit der Dämmerung seiner Beute

nachzugehn.

Auch diese Stelle, durch die der Fuß der armen geängstigten Maid

geflohen, war ein solcher »todter Kampong,« und die Tiger hatten sich in

der Nachbarschaft so vermehrt, daß sie sogar von dort aus die dicht

besiedelten Nachbardörfer aufsuchten und Schrecken und Entsetzen unter

den Bewohnern verbreiteten. Nicht allein sah sich die holländische

Regierung dadurch genöthigt, in der letzten Zeit einen erhöhten Preis

auf die Einbringung oder Tödtung dieser gefährlichen Raubthiere zu

setzen, sondern die Eingeborenen selber waren zusammengetreten und

sicherten noch besonders dem glücklichen Erleger eines Tigers reiche

Belohnung zu. Konnten sie doch nur auf solche Art hoffen, von ihnen

befreit zu werden, und ihre grimmen Reih'n gelichtet zu sehn.

Bei den Eingeborenen ging aber dabei nicht allein das Gerücht, sondern

war in ihrem angsterfüllten Hirn, von abergläubischer Furcht gestachelt,

zur festen Überzeugung herangewachsen, daß zwischen ihnen ein

=Menschentiger= sein entsetzlich Wesen treibe. Zu viele Menschen, und

zwar lauter Javanen, waren gerade in den letzten Monaten im Wald und

selbst bei ihrer Arbeit auf den dicht am Wald liegenden Feldern

zerrissen worden, von denen man viele unversehrt, nur mit zerrissener

Kehle wieder aufgefunden. Unter ihnen hatte jedenfalls ein solches

Ungeheuer gewüthet, und der Preis, den die Eingeborenen unter sich auf

den Fang desselben gesetzt, wäre hoch genug gewesen, den glücklichen

Jäger zum reichsten Mann des Kampongs zu machen, -- nur daß sich der

»Menschentiger« eben nicht fangen =ließ=.

Inselwelt. Erster Band. Indische Skizzen · 第 16 / 20 段