wildes Feuer zu glühen schien. -- »Zurück! -- Den Häschern überliefern?
-- Hahaha, sie sollen's wagen, den Tiger zu halten, wenn er im Ansprung
ist! =Uhi!=« schrie er da plötzlich mit wildgellendem Ton, indem er mit
der Rechten den Radotan aus der Scheide riß, während die Linke den Bast
aus seinem Haar warf, daß die langen rabenschwarzen Locken ihm wild die
Schultern und Stirn umflatterten. -- »=Uhi!= Glentek ist frei, aus den
Bergen stürzt sich der Strom ins flache Land, von Stein zu Stein den
Abgrund niederspringend, aus dem Dickicht schnellt sich der Tiger seiner
Beute zu. Die Anaconda liegt im Palmenwipfel und schießt, dem Pfeil
gleich, von der Höhe nieder auf ihren Raub, und so bricht Glentek jetzt
hinaus in's Freie -- =uhi!= Dewa Argo, wo sind deine Mörder, wo die
feigen Schurken, die dich verrathen haben? -- Ich komme, ich komme dich
zu rächen!«
Entsetzt war der Gusti zurückgesprungen und hatte die eigene Waffe von
der Seite gerissen, um sich zu vertheidigen. Aber ihm galt der Angriff
nicht, und mitten hinein zwischen die Häscher, die jetzt die Thür
aufgerissen, den Rasenden zu fassen, sprang Glentek, den geflammten
Radotan in der Faust. -- »Da und da!« schrie er, nach links und rechts
hinüberstoßend, »habt ihr Stahl -- theilt euch drein, =uhi!=« Und wie
die beiden zum Tod getroffen zusammenbrachen, flog der Rasende mit einem
Satz über sie fort dem Ausgang zu und auf die Straße hinaus.
Wunderbarer Weise kommt dieser Zustand, der in seinem ganzen Wesen die
vollkommenste Ähnlichkeit mit der beschriebenen Berserkerwuth unserer
Vorfahren hat und im Norden jetzt ganz verschwunden scheint, sehr häufig
auf den Inseln des indischen Archipels vor. Das Volk schreit dann Amok,
Amok (ein Wahnsinniger), und alles, was nicht bewaffnet ist, flieht
scheu zur Seite, während die Bewaffneten den Wüthenden so rasch wie
möglich zu tödten suchen -- wie man bei uns einen tollen Hund unschädlich
machen würde. Dieser Zustand von Raserei endet jedesmal mit dem Tode des
Unglücklichen, den er erfaßt hat.
»Amok, Amok!« schrie das Volk draußen und stob auseinander. Die
Fruchtverkäufer ließen ihre Körbe fallen und flohen in die Seitenstraßen
hinein, die Reisträger ließen ihre zusammengedrehten Bündel im Stich,
die Frauen rafften ihre Kinder auf und flohen in die nächsten Häuser,
deren Thüren zugeschlossen wurden; einzelne junge Burschen flüchteten
sogar vor der furchtbaren, den Weg niederrasenden Gestalt in Areka- und
Cocospalmen hinauf, um dem unmittelbaren Anprall zu entgehen.
Vom Hause des Gusti sprang der Unglückliche aber, unbekümmert um das ihm
folgende Geschrei, quer über den Marktplatz fort, mitten zwischen die
Chinesen hinein, die hier feil hielten und Tische und Stände
überstürzend zur Seite stoben. Fünf oder sechs von ihnen verwundete oder
tödtete der Rasende, wild und rücksichtslos nur nach allem stoßend, was
ihm in den Weg kam, gerade wie ein toller Hund schnappt und um sich
beißt, und übersprang jetzt, ohne Achtung auf Weg und Steg, einzelne der
Butju und giftigen Buntajahecken, deren stachliche Zweige ihn blutig
rissen.
Der Schrei Amok zuckte indessen wie ein Blitz durch die Stadt, auch den
Entferntesten Warnung gebend, und von allen Seiten stürmten Bewaffnete
herbei, den Rasenden unschädlich zu machen und sich selbst, wie Frauen
und Kinder von der Gefahr zu befreien.
Glentek hatte unter der Zeit die einzelnen Hecken übersprungen. -- Er
fühlte es nicht, daß ihm die Glieder brannten von dem Gift, und mit
gezücktem Messer floh er jetzt gerade über den nächsten offenen Zaun, in
dem sich die Netzlegereien und Webereien befanden. »Amok, Amok!« tönte
der Schrei hinter ihm her, und die Weber und Netzstricker flohen
entsetzt zur Seite. Nur ein junger Bursche, ein Knabe von kaum mehr als
zehn oder zwölf Jahren, faßte keck und rasch ein quer über den Platz
liegendes Seil von Cocosbast, das an der andern Seite an einem Pflock
befestigt war, und hob es in die Höhe. Der Rasende stürmte heran, die
Haare hingen ihm wild über das Gesicht nieder, und mit der blanken Waffe
stieß er blind in die Luft. Da blieb sein Fuß in dem ausgespannten Seile
hängen, und während er der Länge nach zu Boden schlug, entfiel seiner
Hand die Waffe. Zwar raffte er sich im Augenblick wieder empor, aber ehe
er den Radotan wieder ergreifen konnte, fielen die Weber und
Netzstricker mit ihren Bäumen und eigenen Messern über ihn her. --
»Amok, Amok!« schrie die Schaar. Glentek griff des einen Arm, brach ihn
mit Gewalt ab im Gelenk und warf sich dann auf einen andern, um ihn mit
den Zähnen zu fassen und zu zerfleischen. Aber ein furchtbarer Schlag,
der ihn über die Stirn traf, warf ihn bewußtlos zurück und zu Boden, und
im nächsten Augenblick suchten die Waffen Aller seinen Körper -- wühlten
in seiner Leiche.
Unten am Strand, zwischen diesem, dem Fahrweg, der von Kota nach dem
Banksal führt, und den beiden malayischen Begräbnißplätzen, steht eine
einzelne, vom Wetter zerrissene, von unzähligen Orchideen überwachsene
und von Pandanus und wilden Strandgewächsen dicht umgebene Cocospalme.
Unter der ruht der Körper Glenteks von Benoi. Sein Land ist allerdings
in Frieden mit den Fremden, die Waffen sind begraben und
Friedenstraktate unterzeichnet worden. Aber die Macht und der Einfluß
der Holländer wachsen dort von Tag zu Tag, ihre Flagge weht schon am
Strand, und nicht lange wird es dauern, so flattert sie auch von den
Bergen des einst freien Volkes.
Fußnoten:
[34] Tjanging, der westindische Corallenbaum, der in der letzten Hälfte
des Jahres in Bali in Blüthe steht, und dann gar keine Blätter trägt, so
daß ihn nur die langen, purpurrothen und büschelartig zusammenstehenden
Kelche seiner Blumen vollkommen bedecken.
[35] Eine rothe Falkenart mit weißer Brust, welche die Balinesen
wahrscheinlich Sikup, den Soldaten, nennen, weil ihre Krieger ein
ähnliches Schild vorn tragen.
[36] Die Radjadja ist nämlich die Blatternkrankheit, die von den
Europäern nach Bali gebracht wurde. Die Seuche forderte dort ungeheure
Opfer und trat mit seltener Bösartigkeit auf. Einem eigenthümlichen
Aberglauben nach beerdigen die Balinesen die an dieser Krankheit
Gestorbenen nicht wie ihre anderen Todten, sondern bedecken nur die
Körper leicht mit Erde und lassen Kopf und Füße frei. Es ist leicht
begreiflich, wie in dem heißen Klima Bali's die Verwesung so vieler
menschlicher Körper die Ansteckung der Seuche nur vermehren und die Luft
im wahren Sinne des Wortes verpesten mußte.
Der Menschentiger.
1.
In den Preanger Regentschaften auf Java in Tji-dasang, einem kleinen
Dorf oder Kampong, hatte sich schon seit einiger Zeit, und mit
Bewilligung der holländischen Behörden, ein chinesischer Kaufmann
niedergelassen, der mit den Eingeborenen in seiner Nachbarschaft nicht
allein einen einträglichen Tauschhandel trieb, sondern auch ein ziemlich
großes, dort in der Nähe gelegenes Gut gepachtet hatte, und Kaffee, Reis
und andere Landesprodukte selber darauf zog.
Im Handel mit den Eingeborenen nahm er alles an, was ihm diese bringen
konnten: eingekochten Arenzucker und geflochtene Matten, Hüte,
ge»badek«te[37] Tücher und Sarongs, gewebte Zeuge, Hühner, Wild,
Cocosöl, kurz alles Mögliche. Er selber brachte ihnen dabei eine Masse
Dinge von Batavia mit, die sie oft noch nicht einmal dem Namen nach
kannten, lehrte sie Spiegel und Schmuck, bunte Kattune und andere Sachen
kennen und that, als Vertreter der Civilisation in dieser Berggegend,
sein Möglichstes, die einfachen Menschen mit so viel neuen Bedürfnissen
bekannt zu machen, als irgend anging.
Die Chinesen sind im Ganzen, wie sonst auch nur zu häufig ihre Moralität
beschaffen sein mag, ein ungemein fleißiges und unternehmendes Volk, und
so geschah es denn auch hier, daß Schang-hai, wie er nach seinem
Geburtsort hieß, obgleich er nur ein sehr kleines Kapital und einen
geringen Waarenvorrath mit in die Berge gebracht hatte, bald sein
Vermögen verzehn-, ja verhundertfachte und für einen der Reichsten in
der dortigen Gegend, jedenfalls unter den Eingeborenen galt.
Die Javanen sind ziemlich abergläubischer Natur und haben, wenn sie sich
auch meist zum Islam bekennen, doch noch manches von ihren alten
heidnischen Überlieferungen beibehalten, an denen sie mit
außerordentlicher Hartnäckigkeit hängen. Es kommt dazu, daß dergleichen
Aberglauben meistens von der wilden, sie umgebenden Natur nicht nur
begünstigt, sondern oft auch durch sie begründet wird. So schrieben sie
auch Schang-hai, dessen rasch wachsenden Reichthum sie natürlich nicht
allein von seinem Unternehmungsgeist und seiner Schlauheit abhängig
glaubten, ebenfalls bald geheime Kräfte und Künste zu. Daß er sich gern
im Wald aufhielt und oft Tage lang ausblieb -- wobei er in Wirklichkeit
nur kleine geheimgehaltene Geschäftsreisen machte -- konnte sie nur noch
mehr darin bestärken. Ebenso schien er nicht die mindeste Furcht vor den
in jener Gegend noch in ziemlicher Anzahl sich aufhaltenden Tigern zu
haben, und das war ihnen besonders verdächtig.
Der Tiger, wie die Gefahr, der sie von diesen wilden Bestien stets
ausgesetzt waren, spielte überhaupt in ihrem ganzen Leben eine sehr
bedeutende Rolle, und wunderliche Sagen über das geheimnißvolle Treiben
dieser Thiere, das sie nur aus seinen furchtbaren Angriffen und
blutdürstigen Verheerungen, wie aus seiner rücksichtslosen Grausamkeit
kannten, waren dort überall im Umlauf.
Eine der bekannteren ist die vom =Menschentiger=, die in mancher
Hinsicht unserer deutschen Sage vom =Wehrwolf= entspricht.
Es soll nämlich im Wald, nur von wenigen Auserwählten gekannt, ein Kraut
wachsen, daß die wunderbarsten Kräfte besitzt. Der Genuß der Wurzel
besonders verwandelt den Menschen in einen Tiger, und zwar in der
wörtlichen Bedeutung des Wortes, in all seiner zähnefletschenden
gestreiften Furchtbarkeit, und nur der Genuß einer anderen heilwirkenden
Wurzel ist im Stande, ihm seine menschliche Gestalt zurückzugeben. Diese
Menschentiger sind dann die gierigsten, grausamsten Bestien in der
ganzen Thierwelt, und besonders dem Menschen gefährlich. Dabei haben sie
ihren Menschenverstand bewahrt und wissen jeder ihnen drohenden Gefahr
auch auf das Schlaueste und Geschickteste zu entgehen.
Auch in der Nähe von Tji-dasang hatten die Tiger, trotz der vom Staat
ausgesetzten Prämien von fünfzehn Gulden, sehr überhand genommen, und
besonders in einzelnen Kampongs große Verwüstungen unter den Heerden
angerichtet, ja gar nicht selten sogar die mit dem Auskochen von
Arenzucker beschäftigten Arbeiter überfallen und zu Holz geschleppt.
Wohl waren die Eingeborenen außerordentlich thätig gewesen, durch Fallen
und Gruben einen Theil dieser gefährlichen Raubthiere in ihre Gewalt zu
bekommen und unschädlich zu machen; aber dies gelang ihnen bei nur sehr
wenigen, und Jäger sind die Malayen und Javanen überhaupt nicht. Sie
wissen zum Beispiel gar nicht mit Schießgewehren umzugehen, und wenn sie
auch dann und wann einmal in Begleitung der Holländer eine solche Waffe
führen, gefährden sie sich selbst und ihre Nachbarn weit mehr damit, als
das Wild. Selbst Bogen und Pfeile führen sie nur zum Spiel, und ihre
eigentlichen Waffen sind die Lanze, eine auf einen Bambus befestigte
damascirte Stahlspitze, und der stets an der Seite getragene Klewang,
eine Art kurzes Schwert, das ihnen hauptsächlich dazu dient, sich in den
Dickichten Bahn zu hauen. Dazu ist es freilich auch dadurch vortrefflich
geeignet, daß es vorn an der Spitze am schwersten ist und daher zum
Hiebe die nöthige Wucht erhält. Den Khris oder Dolch haben sie fast
alle im Gürtel stecken; die Lanze tragen sie dagegen nur ausnahmsweise,
auf der Jagd und bei besonders festlichen Gelegenheiten.
Die Chinesen auf Java sind indessen noch viel weniger Jäger, und führen
selbst nicht einmal eine Waffe -- es müßte denn hie und da einmal
heimlich geschehen, wozu sich aber wieder die leichte Nationalkleidung
nicht eignet, die sie nach einem Gesetz der Holländer auf Java tragen
=müssen=.
Schang-hai war unverheirathet. Wie sich indessen seine
Vermögensverhältnisse von Tag zu Tag besserten, fühlte er auch das
Bedürfniß, eine Lebensgefährtin zu wählen und sich damit endlich einmal
eine »häusliche Bequemlichkeit« zu schaffen. Es fing an ihm ungenehm zu
werden, in seinem Hause allein zu sitzen, und als er alle seine übrigen
Geschäfte besorgt hatte, glaubte er sich auch diesen »Luxus« -- wie er
es bis dahin genannt -- gestatten zu dürfen.
Das wäre nun allerdings vortrefflich gewesen, wenn er daran schon vor
einer längeren Reihe von Jahren gedacht und es ausgeführt hätte. Leider
hatte aber der Chinese seine besten Lebensjahre damit verschwendet,
Reichthümer aufzuhäufen, und da er nie, selbst nicht in seiner Jugend,
auf Körperschönheit Anspruch machen durfte, so konnte ihm das Alter in
dieser Hinsicht noch weniger günstig sein. Schang-hai war mit einem
Wort ein kleiner, dicker, häßlicher, unansehnlicher Chinese, dessen Zopf
sich schon grau zu färben begann, und die kleinen, etwas feuchten,
brennend schwarzen Augen bekamen durch einen schielenden Blick selbst
einen widerwärtigen, abstoßenden Ausdruck. Nichts desto weniger wußte
er, was ihm auch der Spiegel über seine eigene Persönlichkeit sagte,
doch recht gut, daß in der Welt mit Geld vieles, wenn nicht alles zu
erreichen ist, und vielleicht war dies auch die Ursache, daß er seine
beste Lebenszeit ebenso sorglos und unbekümmert hatte verstreichen
lassen.
Da er dabei vernünftig genug war, bei einer Heirath nicht an die
Vergrößerung seines Reichthums zu denken, sondern sich bereits
entschlossen hatte, ein armes, aber hübsches junges Mädchen zu seiner
Gattin zu erheben, so brauchte er, zumal da ihn die etwas wunderlichen
gesellschaftlichen Verhältnisse des Landes, in dem er sich befand, darin
begünstigten, an einem Erfolg nicht einen Augenblick zu zweifeln. Die
Eltern, die eine unbeschränkte Gewalt über ihre Kinder, besonders über
ihre Töchter besitzen, verkaufen dieselben meist an gute »Partieen«,
denn eine =Heirath= kann man ein solches Ehebündniß kaum nennen. Der
Mißbrauch geht darin so weit, daß die Europäer auf Java sich oft
Mädchen auf eine bestimmte Reihe von Jahren für eine zwischen beiden
Theilen bestimmte Summe ins Haus kaufen und dabei nicht einmal eine
Ceremonie für nöthig halten.
Das war übrigens Schang-hai's Absicht nicht. Er wollte sich wirklich
eine Frau nehmen, die ihm dann nicht bei der ersten passenden oder
unpassenden Gelegenheit wieder davonlaufen und der Unbequemlichkeit der
Wahl aufs Neue aussetzen konnte. Sein Auge fiel dabei auf die Tochter
eines armen Javanen, den er sich in der letzten Zeit besonders
verpflichtet und ihn so in Händen hatte, daß er überhaupt gar nicht
seine Einwilligung hätte verweigern können -- wenn ihm das überhaupt in
den Sinn gekommen. Kelah, wie der Eingeborene hieß, dachte aber auch
nicht einmal an etwas derartiges, und wenn er den kleinen dicken
Chinesen mit dem »falschen Blick« auch sicherlich mehr fürchtete als
liebte, fühlte er sich doch durch den eines Tages ganz unerwartet
gestellten Antrag viel zu sehr geehrt, als daß er mit seiner
Einwilligung als Vater auch nur einen Augenblick hätte zögern können.
Was Laykas, die Tochter, anbetraf, so war es eine Sache, die sich ganz
von selbst verstand, daß sie weiter nichts zu thun hatte, als den ihr
vom Vater gegebenen Befehlen zu folgen. Hätte das Mädchen denn auch ein
größeres Glück, eine größere Ehre träumen können? Daß Laykas den
Chinesen =lieben= sollte, verlangte kein Mensch von ihr -- nicht einmal
ihr Bräutigam selber, und daß sie diesen jetzt, wie alle Kinder und
Mädchen des Kampongs, =fürchtete=, und ebenso gern einem Tiger als ihm
in den Weg gelaufen wäre, wenn er einmal die Straße herab kam, war eine
Sache, die sich jedenfalls -- wenn sie nur erst einmal seine Frau war --
von selber gab. Ihr Schicksal sollte ihr aber nicht lange verborgen, ja
nicht einmal Raum zum Überlegen bleiben.
Schang-hai hatte nämlich schon seit einer Woche, ohne irgend Jemand zu
sagen weshalb, die Vorbereitungen zu der Festlichkeit herrichten lassen,
die er auf das Glänzendste auszustatten gedachte. Der reiche Chinese
wollte den Eingeborenen einmal zeigen, was er im Stande sei an Glanz und
Pracht in diesen Bergen zu leisten. Das Anhalten um die Braut selber
verschob er natürlich als eine Sache, die in wenigen Minuten abgemacht
werden konnte, bis zum letzten Augenblick. Bedurfte es ja doch unter
solchen Umständen auch nur eigentlich des Befehls, sie in sein Haus zu
führen.
2.
Eines hatte er dabei übersehen oder, wenn es ihm je eingefallen, so
gering angeschlagen, daß es eine weitere Beachtung nicht verdiente, --
daß nämlich seine von ihm ausersehene Braut schon eine andere frühere
Zuneigung haben könne. Das Herz eines jungen Mädchens fragt ja auch
nicht immer erst die Eltern, ehe es sich zu einem andern Herzen
hingezogen fühlt. Darauf kam hier aber gar nichts an; das Herz verlangte
Schang-hai überhaupt nicht weiter, als es eben zu seiner bequemen
Häuslichkeit unumgänglich nöthig war; er wollte die Hand des Mädchens,
und die gehörte bis jetzt noch Niemand.
Laykas war eine wunderliebliche Maid, und der alte Chinese hatte keinen
schlechten Geschmack in ihrer Wahl bewiesen. Schlank und voll von
Körper, mit Reizen, die von der dunklen Bronzefarbe der Haut eher noch
erhöht als vermindert wurden, mit einem Antlitz von fast griechischer
Schönheit, wie man es da oben in den Bergen auch gar nicht so selten
findet, die dunklen Wangen von so sanfter Frische, daß das steigende und
schwindende Blut deutlich auf ihnen sichtbar ward, mit feurigen offenen
Augen und Händen und Füßen, um die sie manche stolze Weiße beneidet
haben würde, war sie die Zierde ihres Stammes, der Stolz ihrer Eltern,
und selig wäre der Mann unter ihren Landsleute gewesen, den sie einst
mit ihrer Liebe beglückt hätte.
Leichten und frohen Herzens hatte sie sich dabei willig und gern jeder
noch so schweren Arbeit in ihrer Eltern Hause unterzogen. Nie kam eine
Klage über ihre Lippen, und ein freundliches Wort, einen freundlichen
Blick hatte sie für alle -- konnte sie den Sturm ahnen, der sich über
ihrem Haupte zusammenzog?
So kam sie auch heute, singend und mit den Kindern lachend, die neben
ihr herliefen, den Berg herauf, denn sie hatte unten im Thale, in den
breiten, hohen Bambusstöcken[38] Wasser heraufgeholt. Nur einen
Sarong[39] von blau und rothem, selbstge»badek«tem Stoff, der ihr bis
zur halben Wade niederhing und die zarten feingeformten Knöchel zeigte,
trug sie um die schlanke Hüfte festgesteckt; der Oberkörper, wie das in
den Preanger Regentschaften meist Sitte ist, war vollkommen nackt, und
die schwere Wucht des rabenschwarzen Haares hielt sie mit einer großen
Schildplattnadel befestigt. Die beiden mit Wasser gefüllten
Bambusstöcke, die wohl bei drei Fuß Länge, fünf Zoll und mehr im
Durchmesser haben mochten, trug sie an einem Querstock, an dem sie vorn
und hinten herunterhingen, auf der Schulter, und trotz der gar nicht
unbedeutenden Last war doch der Schritt des jungen, frischen, kräftigen
Mädchens leicht und elastisch.
In der Thür der Hütte begegnete ihr aber schon der Vater, der eben,
noch freudestrahlend, von Tji-dasang zurückgekehrt war und den
Augenblick nicht erwarten zu können schien, wo er der Tochter die
Freudenbotschaft mittheilen sollte.
»Was hast du, Vater?« rief das Mädchen, dem die fröhliche Bewegung in
dem sonst ziemlich mürrischen, einsilbigen Alten nicht entgangen war,
und mitten im Gang hielt sie, die Hände zur Stütze auf die Hüften
stemmend, an, daß die beiden Bambusröhren langsam herüber und hinüber
schwankten. »Was hast du, Vater? Es ist doch nicht --« und das Blut
schoß ihr in diesem Augenblick vor freudigem Schreck in Wangen und
Schläfe, als sie daran dachte, daß vielleicht Maono, der brave arme
Bursch, hier bei ihrem Vater gewesen wäre und -- sie konnte keinen
Gedanken ausdenken, so wirr und toll schwirrten ihr die Vermuthungen
durch den Kopf. Und so treu und rein war dabei der Jungfrau Seele, daß
kein schlimmer Verdacht, keine Furcht den Spiegel ihres Herzens trüben
machte. Lachte doch ihr Vater, und das konnte ja nur Gutes für die
Tochter deuten.
»Freu' dich mit mir, Laykas!« rief ihr dieser, als er sie halten sah,
entgegen, »freu' dich mit deinen Eltern, denn dein und ihr Glück ist
gemacht.«
»Maono?« war alles, was Laykas herausbringen konnte, und sie fühlte
dabei, wie roth sie wurde.
»Maono?« meinte der Alte, verächtlich mit den Schultern zuckend, während
sich doch ein verschmitztes Lächeln über seine Züge stahl, »wer ist
Maono? So viel für den! Hat er doch nicht Reis genug für den morgenden
Tag und steckt nicht umsonst da mitten im Walde, um von Früchten und
Waldfleisch sein Leben zu fristen! Laykas ist für etwas Besseres
aufbewahrt.«
»Für =Besseres=, Vater?« sagte das Mädchen leise, und die mit Wasser
gefüllten Bambus wurden ihr in dem Augenblick so schwer, als ob sie sich
in Blei verwandelt hätten. Kaum konnte sie mit ihnen den letzten Gang
bis zur Hütte ersteigen. »Für was Besseres, Vater?« wiederholte sie hier
noch einmal. »Ich verlange nichts Besseres von Allah -- möge er es mir
gewähren.«
»Nichts Besseres?« lachte aber der Alte und konnte sich gar nicht wieder
zufrieden geben. »Wenn die Kinder nicht wissen, was ihnen gut ist,
müssen's die Alten soviel besser verstehen. Aber hör', Laykas was ich
dir sagen will, und fasse dich, denn solche Freude und Ehre wirst du
nicht erwartet haben.«
»Freude? -- Ehre?« rief das arme Mädchen erstaunt und eingeschüchtert,
denn bei all den Vorbereitungen begann ihr nichts Gutes zu ahnen.
»Nun, ich will dich nicht länger zappeln lassen,« schmunzelte der Alte;
»so höre denn, =Schang-hai= hat dich von mir zum Weib begehrt.«
»Schang-hai?« rief Laykas, und der Stab glitt von ihrer Schulter nieder,
daß die beiden Bambus umfielen und das Wasser in sprudelndem Quell
wieder den Berg hinunterschickten.
»Ja -- der reiche Schang-hai,« erwiderte mit selbstzufriedenem Lächeln
der Javane, den Schreck der Tochter natürlich der Freude und
Überraschung zuschreibend. »Aber läßt du nicht das ganze Wasser wieder
den Berg hinunterlaufen, Laykas? Nun laß nur sein, von jetzt an wirst du
Diener haben, die das für dich thun. Allah segne mich! Hätte ich doch
nie geglaubt, die Freude an meinem Kind -- und nur eine Tochter -- zu
erleben! Aber morgen mit dem Frühsten gehst du zum Bach hinab und badest
dich, bindest dann deinen besten Sarong um, und wenn die Sonne über die
Palmen steigt, werde ich dich zu deinem Bräutigam führen!«
»Bräutigam?« stöhnte Laykas, ihr Antlitz in den Händen bergend und dann
mit stierem, entsetztem Blick zu dem Vater aufschauend; »Schang-hai --
der furchtbare, entsetzliche Mensch, mein -- mein =Bräutigam=?«
»Nun ja, =hübsch= ist er gerade nicht,« lachte der Alte gutmüthig,
»darauf kommt auch nicht viel an. Aber =reich= ist er -- steinreich, und
dein Vater braucht jetzt nicht Haus und Feld aufzugeben und wieder in
den Wald hineinzuziehen, wie ich es thun müßte, wenn Schang-hai nur
daran dächte, seine Forderung einzutreiben. -- Du bist ein braves Kind,
mein Herz, und machst deinen Eltern viele, viele Freude.«
Laykas erwiderte kein Wort; wo sie stand, kauerte sie sich auf den Boden
nieder und legte den Kopf auf ihren Arm. Sie wußte, ihr Schicksal war
besiegelt, ihres Vaters Wille Gesetz, und kannte den Alten zu gut, um
auch nur einen Augenblick daran zu zweifeln, daß er Ernst, bittern Ernst
aus seiner Drohung machen würde. Sie war das Weib des gefürchteten
Schang-hai, dessen Nähe allein sie schon mit Entsetzen erfüllte, und
wenn die morgende Sonne über die Wipfel ihrer Bäume schien, -- ein
Schauder überrieselte sie -- führte sie ihr Vater in die Arme des
Schrecklichen, der von da an Macht und Gewalt über sie haben sollte ihr
Leben lang.