»Verbannt -- =ich= von Bali, von meinem Vaterland?« rief da Glentek,

wild emporfahrend und die Waffe, die er in seinen Händen trug, fester

fassend -- »nie, nie im Leben! Ihr mögt mich tödten -- ich habe den Tod

verdient und mag nicht länger leben, aber =verbannen= könnt und =dürft=

ihr mich nicht. Ein Sklavenleben für Glentek, fern von der Heimath, fern

von meiner Palmen Wehen? -- Nie -- nie und nimmer!«

»Ich zahle die zwei Säcke Kupfer!« rief aber rasch der Capitain. --

»Gebt mir einen eurer Leute mit an Bord, Gusti, der mag sie

zurückbringen, und mein Freund dort bürgt euch indessen dafür. -- Laßt

den Verklagten hier und seiner Wege gehen. Er hat Strafe genug durch die

Angst ausgestanden.«

»Sein Urtheilsspruch ist gefällt,« entgegnete finster der Gusti. »Ließen

wir um geringe Geldstrafe den Diebstahl frei, ihr Weißen selber wäret

die Ersten, die Klage auf Klage häuften und uns am Ende zwängen, unsere

Gesetze zu ändern. Aber nicht allein das Verbrechen,« setzte er mit

einem ernsten Blick auf den jungen Mann hinzu, »nein auch der =Wille=

der Menschen mag seine Geltung finden. Er, dessen Adern noch junges,

rasches Blut durchströmt, =wollte= den Tod, und seines Vaters wegen

freut es mich, daß ich die Strafe in Verbannung mildern darf. Wer sich

aber einmal eines solchen Verbrechens selbst geziehen, kann nicht in

unserer Gemeinschaft lebend bleiben. Er hat sich selbst gerichtet.«

»=Gusti!=« rief der Gefangene, sich stolz, ja selbst drohend gegen den

Richter wendend.

Der alte Mann aber, ohne die Bewegung weiter zu beachten, schüttelte nur

langsam mit dem Kopf und sagte wieder finster:

»Sendet das Geld an Land und nehmt dafür den Gefangenen hier mit in See.

Vielleicht macht ihr noch einmal einen tüchtigen Matrosen aus ihm.

-- Kein Wort weiter,« setzte er rasch und fast ängstlich hinzu, als sich

der Verurtheilte noch einmal an ihn wenden wollte; -- »ich habe den

Urtheilsspruch gefällt; an meinen Leuten hier liegt es jetzt, ihn

ausgeführt zu sehen.«

Und mit den Worten verließ er rasch das Haus.

Gegen den Spruch des Gusti gab es keine Appellation. Wenn aber ein Wesen

in dem weiten dichtgedrängten Raum in steigendem Interesse, in

erwachender Hoffnung und endlich in jubelnder Lust der Wendung gefolgt

war, die das Todesurtheil nahm, so war das Kassiar, die Angeklagte. Nur

so lange des Gusti Gegenwart ihr Herz mit Scheu und Angst erfüllte,

wagte sie nicht zu sprechen, wagte sie nicht, ihren Gefühlen Worte zu

geben. Jetzt aber, als er den Rücken gewandt und in der

zusammendrängenden Masse der Übrigen verschwunden war, hob sie sich vom

Boden auf, flog auf Glentek zu und bedeckte seine Hände und Knie mit

Küssen. Aber Glenteks Geist war weit von da, in seinen Bergen, die er

von nun an nie wieder betreten sollte. -- Sein Auge blickte stier in die

Leere und krampfhaft hielt indeß die Rechte das treue Rohr, die Linke

seinen Radotan gefaßt.

»Glentek, Glentek,« bat da Kassiar, noch immer zu seinen Füßen

hingeschmiegt, -- »o sage, daß du mir nicht zürnst, sage, daß du mich

nicht hassest und ich dir folgen darf, wohin dein Schritt sich wendet

-- weit über das Meer, an ferne, wüste Küsten, in nebelbedeckte Länder,

in öde Steppen, wohin es ist, wenn nur dein Blick mir dort wieder

freundlich lächelt, wenn nur dein Liebeslaut wie früher zu meinem Herzen

dringt.«

Glentek hörte sie nicht. -- Still und regungslos stand er da und vor

seinen Augen wehten die Farnpalmen seiner Berge, vor seinen Ohren

rauschten die wilden plätschernden Quellen und tönte der schrille Ruf

des wilden Huhns, der gellende Schrei des Tigers.

Da berührte eine Hand leicht seine Schulter, und als ob ihn ein

elektrischer Schlag getroffen hätte, zuckte er empor und sah wild um

sich her.

»Es wird Zeit, Glentek,« sagte da die freundliche Stimme des Holländers,

der gut genug mit den Sitten der Eingeborenen bekannt war, um zu wissen,

daß den Meisten Verbannung viel fürchterlicher ist als der Tod, und der

Mitleid mit dem jungen Burschen fühlte. -- »Der Capitain will segeln,

und du weißt, daß dir die Gesetze deines eigenen Landes nicht gestatten,

länger -- lebendig -- auf diesem Boden zu weilen.«

»Es ist gut,« entgegnete Glentek, der sich rasch sammelte und jetzt wohl

fühlte, daß er sich dem Unvermeidlichen auch wie ein Mann fügen müsse.

»Es ist gut -- ich bin bereit.«

»Und darf ich mit dir gehen, mein Glentek -- darf ich dir folgen, wohin

dein Fuß sich wendet?« bat das Mädchen, noch immer an seine Knie

geschmiegt.

Der junge Bursche schüttelte langsam mit dem Kopf.

»Fahre wohl, Kassiar,« sagte er ernst aber ohne Bitterkeit im Ton, indem

er leise mit seiner Hand ihr Haupt berührte. »Unsere Wege trennen sich

hier. Ich träumte einst von einem Glück an deiner Seite -- das ist

vorbei.«

»Glentek!« klagte in herzzerreißendem Tone das arme Kind.

»Lebewohl!« sprach der Jüngling und schob leise die Hand, die sein

Gewand noch immer fest gefaßt hielt, zurück. Kassiar gehorchte der

Bewegung und ließ ihn los, während sie flehend die Arme zu ihm

ausstreckte, aber er wandte sich langsam von ihr ab und schritt, dem

Winken des Europäers folgend, ohne auch nur noch einmal den Blick

zurückzuwerfen, dem Strande zu.

5.

Fünf Jahre waren nach den im vorigen Kapitel beschriebenen Vorgängen

verflossen, und manches hatte sich indessen auf Bali verändert. Den

Holländern war der kriegerische Geist des Nachbarvolkes, der auch oft in

übermüthigen, seeräuberischen Thaten ausbrach, schon lange lästig

geworden, und sie hatten gesucht die Rajahs von Bali für sich zu

gewinnen, daß sie wenigstens ihre Oberherrschaft =anerkannten=, wenn sie

auch jetzt keine anderen Schritte weiter thaten. Dem entgegen stand aber

stets der einflußreichste Mann von Bali, der alte Dewa Argo, der

Oberpriester der Insel. Dieser trat mit allen Kräften für die

Unabhängigkeit der Insel in die Schranken, wollte von keinen Verträgen

mit den Fremden wissen und behauptete, daß sie selbst noch so viel

Gewalt wie Fähigkeit hätten, ihre Insel zu regieren und in Ordnung zu

halten. Allen versuchten Bestechungen blieb er ebenfalls unzugänglich,

bis ihn ein plötzlicher Tod jählings hinwegraffte. Die allgemeine

Stimmung sagte, er sei durch Gift gestorben.

Schon vorher hatten die Holländer versucht, sich die Insel durch die

Gewalt der Waffen zu unterwerfen. In offener Schlacht und im niedern

Küstenland waren die Insulaner, obgleich sie sich mit wilder Tapferkeit

den überlegenen Waffen der Feinde entgegenwarfen, auch besiegt worden,

in ihren Bergen hätten sie sich aber noch lange und für immer halten

können. Die Holländer sahen das auch recht gut ein. Um das Leben ihrer

eigenen Leute zu schonen, die bei einem fortgesetzten Kampf mit den

zähen Bergvölkern den Gefahren des Klimas nicht allein, sondern auch den

furchtbaren Strapazen und Entbehrungen ausgesetzt bleiben mußten,

begannen sie nach des Dewa Argo Tode friedliche Verhandlungen mit den

Rajahs, die ihnen jetzt nicht mehr so feindlich entgegen standen. Diese

wußten sie größtentheils für sich zu gewinnen, brachen dadurch die

Einigkeit derselben und rückten ihrem Ziele, das sie mit ihren

Geschützen und Bajonetten vielleicht im Leben nicht, oder doch nur mit

furchtbaren und unverhältnißmäßigen Opfern erreicht hätten, durch Geduld

und Schlauheit näher und näher.

Der Gusti von Kota, einer der den Holländern am meisten geneigten

Balinesen und der intime Freund des jetzt dort installirten

holländischen Consuls, saß in dieser Zeit Morgens nach dem Frühstück,

und eben aus einer langen europäischen Pfeife rauchend, in seinem Hause,

als ein Eingeborener in schmutzigen, zerrissenen Kammen, den Oberleib

nothdürftig durch den ebenfalls zerfetzten Sappot bedeckt, selbst ohne

Kopftuch, die wilden langen Haare nur durch Bast auf seinem Scheitel

zusammengebunden, die Veranda betrat, und ohne sich vorher bei dem

Richter anmelden zu lassen, ja ohne, wie es die Sitte gebot, auf der

Erde knieend seinen Befehl zu erwarten, rasch an den Wachen vorüber in

das Zimmer schritt, in dem der Gusti sonst die kleineren Verhöre

abzuhalten und Bittende zu empfangen pflegte.

Der junge Eingeborene glich aber keinem Bittenden. Den Radotan

ausgenommen, der im Kammen stak, war er allerdings völlig unbewaffnet,

doch seine ganze Haltung war trotz der zerrissenen Kleidung so kühn und

edel, daß selbst die Gerichtsdiener, die das Haus umlagerten und den

Hofstaat des Gustis bildeten, nicht wagten, ihn zurück zu halten. Nur an

die Thür drängten sie sich, um dem leisesten Ruf ihres Gebieters rasche

Folge leisten zu können, wenn der Fremde, den Niemand von ihnen kannte,

etwa gar Unehrerbietiges oder Böses im Schilde führen sollte. Daß er ein

Recht hatte, aufgerichtet zu ihrem Gusti hineinzutreten, konnten sie

nicht bezweifeln, er hätte es sonst nicht gewagt, da ihm die Strafe

gleich auf dem Fuße folgen müßte.

Der Gusti lehnte auf seinem mit weichen Kissen der Dapatwolle belegten

Bambussopha und hob sich allerdings überrascht empor, als er die wilde

Gestalt so kühn und trotzig zu sich eintreten sah.

»Ist das Landessitte?« sagte er strafend, indem er den Fremden dabei mit

forschendem Blick musterte, »in solcher Art den Gusti aufzusuchen? --

Waren keine Diener an der Thür, die dich melden konnten? Bist du hier zu

Hause, auf deiner eigenen Schwelle, daß du die schuldige Ehrfurcht

vergissest, die dem Obern gebührt?«

»Verzeih den raschen Eintritt, Gusti!« rief mit tiefbewegter aber

unterdrückter Stimme, vielleicht um nicht von den außenstehenden Dienern

gehört zu werden, der Fremde. »Aber der Zweck, um den ich komme, mag

mich entschuldigen, mein Name dir bürgen, daß ich als Gleicher dir nahen

darf. Kennst du mich noch?«

Der Gusti musterte die edlen, aber wild verstörten Züge des Fremden, die

fahlen Wangen und eingefallenen Augen, dann sagte er kopfschüttelnd:

»Nein. Zu viele Gestalten ziehen an meinem Blick vorüber. Dein Antlitz

ist mir bekannt, und doch weiß ich nicht, wo ich zum letzten Mal dich

sah. Dein Name?«

»Glentek von Benoi.«

»Glentek?« rief der Richter, erschreckt von seinem Sitz emporspringend.

»Unglücklicher, was treibt dich wieder her zu uns? -- Weißt du nicht,

daß dein Leben in dem Augenblick verfallen ist, wo du des Landes Küste

wieder betrittst, das dich verbannte und von sich stieß?«

»Ich weiß es,« sagte Glentek ruhig, »mein Leben aber wäre von geringem

Werth für das, was jetzt mich herführt.«

»Kassiar?« rief der Richter, und ein Zug des Mitleidens zuckte über das

sonst so starre strenge Antlitz des Mannes. »Sie ist todt, Glentek. Der

Gram um dich vielleicht, vielleicht die Reue hat sie das erste Jahr

hinweggerafft. Die kühle Erde deckt ihr gebrochenes Herz.«

»Arme Kassiar!« seufzte Glentek leise. -- »Doch ihr ist wohl -- wohler

als mir, der ich fünf Jahre der Verzweiflung fern von meinem Vaterland

gelebt. Nein, Gusti, nicht die Liebe zu dem Mädchen führt mich an diesen

Strand zurück, -- seit jenem Tag schon war sie für mich begraben, und

was ich seitdem erlebt, hat mir bewiesen, daß Kassiar Glenteks von Benoi

doch nicht würdig war. Sie ruhe sanft; ich habe ihr verziehen.«

»Und was trieb sonst dich her?« fragte erstaunt der Gusti.

»Mein Vaterland!« rief der Balinese mit vor innerer Bewegung fast

erstickter Stimme. »Ich habe ertragen,« fuhr er nach einer kleinen

Pause, in der er sich gewaltsam sammelte, ruhiger aber immer noch in

großer Aufregung fort, -- »ertragen die langen Jahre hindurch, was nur

ein Mensch ertragen kann. Die Feinde -- denn unsere =Feinde= sind jene

Männer, deren Flaggen jetzt von vielen Schiffen im Hafen draußen wehen,

wenn sie auch freundlich und mit gleißnerischer Zunge zu uns kommen --

die Feinde halten uns nun einmal für eine untergeordnete Raçe bestimmt

zu gehorchen und ihnen Schätze anzusammeln, die sie weit überm Meere

drüben dann verprassen. Ich bin dort gewesen, ich habe ihre Macht und

Größe gesehen, ihre zahlreichen Schiffe, ihre zahllosen Mannschaften,

ihre künstlichen mörderischen Waffen, die Wagen, die mit Blitzesschnelle

das Land durchfliegen, ihre Häuser, in denen sie tausende von Menschen

zu =einem= Zweck beschäftigen. -- Aber ich habe auch ihre Waarenplätze

gesehen, in denen sie die Produkte einer =Welt= aufhäufen, und dort

begriffen, wie ein Volk, das erst so weit gegangen, das solche

Bedürfnisse für sein =Leben= hat, nicht stehen bleiben kann und wird,

mehr und mehr zu gewinnen, mehr und mehr an sich zu reißen. Die

Holländer haben das Geld und die Macht in Händen, und =Freundschaft=

zwischen einem solchen Staat und uns ist nicht mehr denkbar. Der

Schwache wird und muß des Stärkeren Beute werden.«

»Aber was hat das alles mit =dir= zu thun?« sprach der Gusti, erstaunt

den Beredten anschauend. »Ich weiß das alles,« fügte er mit Stolz hinzu,

»es ist ein mächtiges Volk und unser Freund, -- und um mir das zu sagen,

brauchtest du dein Leben nicht zu wagen.«

»Mein =Leben=!« rief der Balinese wieder, verächtlich mit dem Fuße den

Boden stampfend. »Was gilt mein Leben hier, wo Balis Heil das

Losungswort sein muß? Höre mich weiter. -- Ich wanderte, lebte fünf

lange Jahre zwischen ihnen und lernte ihre Sprache, lernte lesen und

schreiben mit =ihren= Zeichen und Worten und eine neue Welt eröffnete

sich mir. Nicht mehr auf Andere brauchte ich mich zu verlassen, um

Nachricht aus der Heimath zu vernehmen. -- Mit eigenen Augen konnte ich

in all den Blättern, die täglich dort im Volk verbreitet werden, selber

lesen, wie sich mein Volk hier wacker allen Eingriffen in seine Rechte,

die jene Fremden wagten, widersetzt. O wie mir das Herz pochte, als ich

die Kunde mit eigenen Augen sah, daß meine Landsleute mit Lanze, Bogen

und Blasrohr herab ins flache Land gestiegen waren, dem Feind die nackte

Brust entgegenzuwerfen und ihn zurück ins Meer zu treiben! O wie das da

im Herzen stach und brannte, daß ich nicht Theil nehmen durfte an ihren

Kämpfen, an ihren Siegen, daß ich =verbannt= von Bali war, ein

Ausgestoßener von meiner Mutter Erde, und doch für sie die heiße,

brennende Liebe im Innern tragend! So war mir zu Muth, als ich von Balis

Siegen las. Wie aber, als ich von unserer Niederlage hörte, von

Vortheilen, die die Holländer über uns gewonnen, von Bedingungen, die

uns vorgelegt wären, ihren Frieden anzunehmen und ihre Oberherrschaft

anzuerkennen!«

»Mich litt es nicht mehr in Europa. -- Längst schon hatt' ich die

Summe, die jener Weiße für mich gezahlt, abverdient -- mehr noch

vielleicht, als er mir dankte. Ich rettete sein Weib bei einer Landung

mit dem Boot in einer Stadt im brittischen Indien, und wenn ich das

Verhältniß recht begreife, in dem die beiden Gatten mit einander leben,

so glaub' ich, hab' ich mich für vergangenes Leid gerächt. So, frei von

ihm, schiffte ich mich auf einem andern Fahrzeug ein, das mich nach

Soerabaja an der Javanischen Küste brachte, und hier -- Brachma versenge

mich, wenn mich die Nachricht nicht wie ein Todesstoß im Herzen traf --

hörte ich, daß das einzige Herz von Bali, das voll Kraft und

Vaterlandsliebe im Stande war, die feindlichen und eifersüchtigen Rajahs

mit starker Hand zusammenzuhalten, daß das einzige Herz in Bali, das,

von reiner Liebe für die Heimath beseelt, auch die Gefahr begriff, in

der wir schwebten, daß der Dewa Argo von feiger, verrätherischer Hand

vergiftet und der Fremde im Begriff sei, mit vorgeschützter Freundschaft

mein Vaterland zu unterwerfen. Wohl hörte ich von tapferen Schaaren, die

aus den Bergen mit Radotan und Speer hernieder stiegen, dem Feinde zu

begegnen. Aber die =Seele= fehlt, die jetzt die Massen im Zügel halten

könnte. Mein Vater selber ist alt; viele der anderen Rajahs standen

schon früher im Verdacht, mit fremdem Gelde, wenn nicht gekauft, doch

arg geblendet zu sein. Dumpfe Gerüchte gingen dabei umher, daß Bali

Priester nach Indien abgesandt habe, die Lehre des Islam zu prüfen und

zu bestimmen, ob wir selber den alten Göttern treulos werden sollten. Da

litt es mich nicht mehr in Feindes Land; die Gefahr, die meinem Leben

drohte, durfte mich nicht schrecken. Mein Leben gehört ja Bali, mein

Arm, mein Herz. -- Für das ersparte Geld erhandelte ich mir ein kleines

Boot, setzte meine Segel und steuerte, selig in dem Gedanken, welchem

Ziel ich entgegenflog, der vaterländischen Küste wieder zu. In Tabannar

wollt' ich landen und von dort meine Heimat erreichen, als mich der

Sturm erfaßte, der vor wenigen Tagen diese Küste peitschte, und mich

herunter in die Bai warf. Mein Kahn füllte sich und sank unfern von

Sersek, und mit Schwimmen rettete ich mich wieder an die Küste, die mich

vor so viel Jahren einst als Verbrecher von sich stieß.«

»Und was suchst du hier, Verblendeter?« fragte der Gusti, der der

leidenschaftlichen Erzählung des Flüchtlings ernst und kopfschüttelnd

gelauscht hatte.

»Was ich suche?« rief aber Glentek staunend aus. »Ein Heer, dem Feind zu

begegnen! -- Die Schaaren der Unseren suche ich, die sich um die

wehenden Lanzen ihrer Rajahs gesammelt haben, die Pässe unserer Berge

zu besetzen und Tod und Verderben in die Reihen der Feinde zu

schleudern, wenn sie es wagen sollten, uns da anzugreifen. -- Dich hab'

ich aufgesucht vor allen anderen, weil ich wohl wußte, Gusti, du würdest

den Sohn deines Freundes, wenn du ihn einst auch zum Tode verurtheilen

mußtest, nicht =verrathen=, und dich bitte ich jetzt, mir die Pässe zu

nennen, in denen die Unseren stehen, daß ich im Stande bin, mich ihnen

anzuschließen. Gram und Leid haben mir so tiefe Furchen in die Haut

gegraben, daß ich nicht fürchte, dort erkannt zu werden, -- nur meinen

Vater will ich sehen, und dann ja gern das Leben, das doch dem Vaterland

gehört, für dieses opfern.«

»Du träumst, Glentek,« entgegnete ihm da ruhig der Gusti. -- »Was

sprichst du von gerüsteten Schaaren, von Feinden und Gefahren, die dem

Lande drohen? Bali hat sich seit langer Zeit keines so ungetrübten

Friedens erfreut als gerade jetzt. Nicht geschlagen, wenn auch in

kleinen Gefechten besiegt, haben unsere Rajahs doch eingesehen, daß es

für das Volk besser sei, sich die Freundschaft des mächtigen Nachbars zu

erhalten. Dessen Truppen sind jetzt nach Java zurückgezogen, die wenigen

ausgenommen, die er zum Schutz seines Handels hier zurückgelassen. Kein

Blut wird mehr auf Bali vergossen werden, eingebildeter, thörichter

Rechte oder Vorurtheile wegen.«

»Kein Blut auf Bali vergossen?« rief Glentek, einen Schritt entsetzt

zurücktretend, »und ist der Mord des Dewa Argo denn gerächt?«

»Der =Mord= des Dewa Argo? Wer sagt dir, daß ein Mord geschehen sei? Der

Dewa Argo starb natürlichen Tod.«

»Und Bali ist nicht in Aufruhr?« rief Glentek, kaum seinen Sinnen

trauend; »die Krieger ziehen nicht in Schaaren, um endlich den letzten

Feind von unserem Boden zu vertreiben?«

»Du träumst, sag' ich dir!« sprach kopfschüttelnd der Gusti. »Bali ist

ruhig, und wenn du hier herüber kamst, die Hoffnung auf blutige Kämpfe

im Herzen tragend, so hast du dich zu unserem Heil getäuscht. Es wäre

dir besser gewesen, du hättest Bali nie wieder gesehen.«

»Friede und Freundschaft mit den Mördern des Hohenpriesters!« schrie da

Glentek, sich mit blitzenden Augen emporrichtend. »Ha, Gusti, da kennst

du nicht die Stimme der Gebirge und ihren Geist! Hier im flachen Lande,

unter Malayen und Chinesen magst du, an sklavische Sitten gewöhnt, dich

auch dem Willen fremder Eroberer haben fügen lernen, aber besser kenne

ich dort =mein= Volk. Mein Ruf soll durch die Berge schallen, mein

wohlbekanntes Flammenzeichen die Brüder zusammenrufen und wenn sie in

jubelnden Schwärmen aus den Klüften und Schluchten unserer bergigen

Heimath niederbrechen --«

»Wahnsinniger, halt ein!« rief der Gusti, von seinem Lager

emporspringend und den Arm in Zorn und Abscheu gegen ihn ausstreckend.

»Krieg und Verderben willst du aufs Neue in diese Thäler bringen, in

denen der Schlachtenschrei kaum erstorben, das Blut kaum ausgetrocknet

und verdampft ist? Das Messer des Richters hängt über dir, und du wagst

es, uns mit Meuterei zu drohen! -- Weißt du, daß ein Wort von mir dich

den draußen nur darauf harrenden Dienern in die Hände wirft?«

»Glaubst du, den Glentek fingen sie lebendig?« lachte da der junge

Balinese wild auf, »wenn er sich nicht geben will? Denkst du, dieser

Radotan wäre nicht im Stande, sich die Bahn zu brechen? Und zehn Fuß

Vorsprung dann, mit all deinem Schwarm von Dienern auf den Fersen,

brächte mich nicht in wenigen Minuten in die Dickichte dieser Wälder und

unerreichbar frei von euren Sclaven? Hältst du es mit den, dann schlimm

für dich, wenn wir als rächendes Gericht wieder von den Bergen und über

dich hereinbrechen! Kein Erbarmen hast du dann von uns zu hoffen. Und

nun thue dein Schlimmstes, denn in wenigen Minuten bin ich frei.«

»Verblendeter!« sagte aber der Gusti, ohne seine Stellung auch nur um

eines Zolles Breite zu verändern. »Zum Glück für Bali kommt dein wilder

Schlachtenschrei zu spät. Schon vor zwei Monaten ist der Handels- und

Schutz- und Trutz-Vertrag mit Holland abgeschlossen, und während wir die

Oberherrschaft der Fremden, die uns nun doch einmal in den Waffen und an

Macht überlegen sind, anerkennen mußten, haben wir uns heilig

verpflichtet, die Waffen nicht mehr gegen sie zu ergreifen.«

»Die Oberherrschaft der Fremden anerkannt? -- verpflichtet die Waffen

nicht mehr aufzugreifen gegen den Feind des Vaterlands?« rief Glentek

entsetzt und seinen Ohren kaum trauend -- »das ist =Landesverrath=!«

»Ein Friedensbündniß ist geschlossen;« erwiderte der Gusti, »und wer

eine Waffe hebt, das zu brechen, den trifft nach unserem Gesetze der

Tod.«

»=Der Tod!=« wiederholte Glentek in hohlem geisterhaftem Ton, und sein

Schultertuch um das Haupt ziehend, blieb er viele Minuten lang

zerknirscht, vernichtet stehen. Alles war verloren, worauf er noch

seine Hoffnung gesetzt -- ihre Schwerter in die Scheiden zurückgestoßen,

ihre Hände selber durch das Friedensbündniß gekettet.

Der Gusti fühlte Mitleid mit dem Jüngling, und das eigene Mißtrauen

vielleicht, ob jenes Bündniß für Bali so segensreich wirken könne, wie

er es einst gehofft, mochte ihn mit antreiben, die junge Kraft dem

Vaterlande zu erhalten, sie nicht muthwillig zu zerstören.

»Du warst im Irrthum, Glentek,« sagte er, aufstehend und freundlich

seine Schulter berührend, »als du das Land in Waffen wähntest. Es ist

tiefer Friede, und wir können und wollen uns nicht länger mit dem

mächtigen Gegner messen, dessen Geschütze unsere jungen Leute zu

Hunderten niedermähten. Die alten Gesetze dieses Landes sind aber noch

in Kraft geblieben und denen wärst du verfallen, entdeckte außer mir

auch noch ein anderer deinen Namen -- deine Schuld. Tritt hier hinein

und erfrische deinen Körper erst mit den Speisen, die hier stehen, und

dann geh' hinunter zum Strand. -- Gerade dem Wrack gegenüber, das an der

Küste liegt, findest du ein kleines grün gemaltes Boot. Es ist mein

Eigenthum. Nimm es und kehre damit nach Java zurück.«

Glentek schwieg, und ohne seine Stellung zu verändern, barg er noch

immer das Antlitz in dem Sappot. Als er die Arme endlich sinken ließ,

war sein Gesicht fahl und todtenähnlich geworden, und er sagte mit

leiser, aber fest entschlossener Stimme: »Ich bleibe hier!«

»Unglücklicher!« schrie aber der Gusti, »willst du denn muthwillig in

dein Verderben rennen? Täusche dich nicht, ich selber, wenn ich es

wollte, könnte dich nicht schützen.«

»Das sollst du auch nicht, Gusti!« sagte da der Jüngling plötzlich, und

ein eigenes wildes Feuer glühte aus den rastlos umherblitzenden Augen.

»Ich sehe, wie es ist; mein Vaterland ist verrathen und verkauft, unsere

Tempel werden zerstört, unsere Priester und Rajahs vertrieben, unser

freier Boden selbst wird unter das Joch gedrückt, und ehe ein Jahrzehnt

vergeht, weht von diesen Bergen die verhaßte dreifarbige Fahne. Stirb

Glentek, stirb, du nicht allein bist Sclave, dein ganzes Volk hat sich

verkauft -- verrathen!«

»Wahnsinniger!« rief der Gusti, seinen Arm ergreifend. »Du wirst dich

selbst den Häschern überliefern, die deinen Namen draußen vor der Thür

gehört.«

Inselwelt. Erster Band. Indische Skizzen · 第 14 / 20 段