Tuban herüber führte, und als sich die beiden jungen Leute darnach
umsahen, kam ein kleiner Trupp Europäer, mit einer Dame an der Spitze,
an deren Seite ein paar eingeborene Rajahs und auch der Gusti von Kota
dahin sprengten. Sie wollten quer über den mit Waringhis bewachsenen
Platz hinüber nach eines Holländers Wohnung, die dort lag. Die Dame warf
auch nur im Vorbeisprengen einen flüchtigen Blick auf das junge Paar,
als sie plötzlich ihrem Pferd rasch in die Zügel griff, daß es aufbäumte
und schäumend in sein Gebiß knirschte und zurücklenkte, wo jene Beiden
standen.
»Mein Tuch!« rief sie dabei; »beim Himmel, die Dirne dort hält mein
gestohlenes Tuch!«
»Aber, liebes Kind!« rief ihr Gatte, der Capitain des auf der Rhede
liegenden holländischen Schiffes, »mach' hier keine Scene. Reite hinüber
zum Haus, ich werde das Tuch reclamiren und sehen, wie es sich damit
verhält.«
Die Dame aber, taub gegen die Vorstellungen, rief gereizt:
»Daß mir die Diebin in die Hecken schlüpft und sich nicht wieder an der
Küste sehen läßt, nicht wahr. Mich hat ein glücklicher Zufall hierher
geführt, und den will ich benutzen.«
»Was ist -- was gibt's?« rief der Gusti, der ebenfalls sein Pferd rasch
parirt hatte und gerade an ihre Seite sprengte, als sie vor dem trotzig
zu ihnen aufschauenden Glentek und dem Mädchen hielten.
»Das Tuch ist, glaub' ich, gestohlen und Madame hat es wieder erkannt,«
dolmetschte ein anderer Europäer dem eingeborenen Richter in
balinesischer Sprache.
»=Gestohlen?=« schrie Glentek, der die Worte gehört hatte, wild
emporfahrend, und seine Hand zuckte wie unwillkürlich nach dem Radotan.
»Ruhig, mein Bursche!« rief aber finster der Gusti; »die Sache wird sich
finden. -- Her das Tuch, Kassiar -- zögerst du, Dirne?«
Kassiar hatte erbleichend die Beschuldigung gehört, und ihr Auge haftete
eine Weile in Angst und Schrecken auf dem einen Fremden, dem Capitain
des Schiffs, als ob sie von ihm Schutz und Entschuldigung erwarten
dürfe. Der Gusti hatte ihr indeß das Tuch aus der Hand genommen und
der weißen Frau hingereicht, damit sich diese überzeugen könne, ob es
wirklich das ihre sei.
»Gewiß -- gewiß!« rief aber diese, als sie es auf dem Pferd mit der
einen Hand in die Höhe hob und einen forschenden Blick darauf geworfen.
»Das ist mein Tuch, das ich seit Jahren nicht mehr getragen und in
meines Mannes Sekretär liegen hatte. Als ich aber neulich zufällig
einmal darnach fragte und es zu sehen verlangte, war es verschwunden.
Niemand konnte sich erklären wie, und jetzt trägt es die Dirne in der
Hand.«
»Und hast du keine Vertheidigung für dich, Kassiar?« rief mit
unterdrückter Stimme, aber in Todesangst der junge Bergbewohner. »Läßt
du die Fremden dich eine =Diebin= nennen, und wirfst ihnen die Lüge
nicht zurück in ihr Gesicht?«
»Woher hast du das Tuch?« fragte jetzt der Gusti das zitternde und mit
niedergeschlagenen Augen vor ihm stehende Mädchen. »Nun, wirst du deinem
Richter antworten, Dirne?«
Wieder hob sich der Blick Kassiars scheu und flüchtig zu dem Fremden
empor, aber nur einen Moment weilte er dort. Erbleichend wandte sie ihr
Haupt ab, dem Geliebten zu, und barg ihr Antlitz dann, wie ihre Schuld
bekennend, in den Händen.
»Man wird dich reden machen,« sagte indessen ruhig der Gusti. »Cheh
Lascie, Maras, führt sie in mein Haus und haltet sie dort bewacht, bis
ich selbst hinüber komme.«
Und seinem Pferd die Sporen gebend, winkte er der übrigen Gesellschaft
freundlich, ihren Weg fortzusetzen. Die kleine Cavalcade sprengte auch
gleich darauf wieder dem Hause des Holländers zu, wo sie zahlreiche
Diener empfingen, ihnen die Pferde abnahmen und sie in die Halle
geleiteten. Sie waren alle dort zu Tische geladen, ebenso der Gusti von
Kota, und es wurde neun Uhr Abends, ehe dieser wieder in seine Wohnung
hinüber ging, um der Verhafteten für die Nacht in einem der Gefängnisse
einen Platz anzuweisen. Das Hauptverhör sollte am nächsten Morgen sein.
3.
Der nächste Morgen kam, und Maderai, der Gusti von Kota, hatte seinen
Platz zwischen den übrigen Richtern eingenommen, während das Volk in
neugierigem, dichtem Schwarm den weiten Raum der großen Bambushütte
füllte. Jedes Schmuckes baar, die Haare glatt und schlicht
herabgekämmt, die Schultern mit einem dunklen selbstgewebten Zeug
bedeckt, ohne Goldringe in den Ohren oder um die Arme, stand das
wunderschöne Mädchen seitwärts in einer kleinen Einfriedigung von
Bambusstäben und harrte der Klägerin, die vorgefordert war, gegen das
des Diebstahls beschuldigte Mädchen aufzutreten. Das verhängnißvolle
Tuch hing an einem Stab neben des Gusti Sitz. Immer aber noch erschien
die Klägerin nicht, und draußen das Schiff in der Bai, das seine Segel
heute Morgen schon gelöst, seine Flagge aufgehißt und seine Boote an
Bord genommen hatte, war augenscheinlich im Begriff, ihre Küste zu
verlassen. Ließen die Weißen also die Klage gegen das Mädchen fallen, so
war sie frei. Von den Eingeborenen konnte ihr Niemand die Schuld
beweisen.
Da senkte sich wieder eins der Boote zum Wasser nieder, deutlich konnte
man, selbst von hier aus, erkennen, wie der Capitain mit seiner Frau
hineinstieg, die hellen Kleider der Europäerin, die noch einmal an Land
kam, um eins der eingeborenen Mädchen verurtheilen zu lassen,
schimmerten bis hier herüber, und langsam und regelmäßig fielen die
Ruder ein, das scharfgebaute Boot zum Ufer treibend, das bald seinen
scharfen Bug an dem Corallensand des Strandes scheuerte.
Capitain Van Soeken kam aber nicht freiwillig heute Morgen zum Gericht.
Das Schiff lag zur Abfahrt bereit mit Fracht und Wasser an Bord, Wind
und Strömung waren günstig, seine Papiere in Ordnung und selbst den
Anker hatte er schon früh am Morgen heben lassen, um jeden Augenblick
die Segel loswerfen und in See gehen zu können.
»Was liegt denn an dem Tuch?« sagte er beschwichtigend, als seine Frau
am frühen Morgen darauf drang, hinüber zu rudern an Land und es beim
Gusti, mit Hinterlegung ihrer Klage, abzuholen. »Du mochtest es so nicht
mehr tragen, und kommen wir nach Amsterdam zurück, so sollst du dir eins
dafür aussuchen, wie es dein Herz verlangt.«
»Mir liegt nichts an dem Tuch,« entgegnete aber, den Blick fest und
mißtrauisch auf den Gatten geheftet, die Frau. »Mir ist's der Sache
selber wegen, die Diebin zu bestrafen. Drei- oder viermal hab' ich sie
schon hier an Bord gesehen; was hatte sie anders hier zu thun, wenn
nicht -- Gelegenheit auszuspüren?«
»Sie kam mit den andern Mädchen,« sagte kopfschüttelnd der Capitain,
»lieber Gott, bei dem Volke muß man der Neugierde auch etwas zu gut
halten.«
»Und wie kam sie in die Kajüte hinunter und in den Sekretär?« rief
Madame, die Worte scharf betonend. »Van Soeken, hier liegt, wie ich fast
fürchte, ein Geheimniß zu Grunde, das die Schuld der Dirne um ein
gewaltiges vergrößert -- und =verringert=. Ich gebe dir mein Wort --«
»Aber liebes, gutes Kind,« bat sie der Capitain, »sei doch vernünftig,
und setze dir nicht eine Menge thörichter Sachen muthwillig in den Kopf.
Wenn wir hinüber könnten zum Verhör, würde ich dir rasch beweisen, wie
das Ganze ein einfacher Diebstahl ist, wegen dem ich dich aber =recht
herzlich= bitte, kein großes Aufheben zu machen und die Sache lieber
fallen zu lassen. Du weißt, wie furchtbar streng die Eingeborenen jeden
Diebstahl unter sich strafen, wie die Frauen schwere jahrelange
Gefängnißstrafe in niederen Bambuskäfigen und Verbannung, die Männer den
Tod zu gewärtigen haben. Die Eingeborenen sind dabei so unendlich
freundlich und gastfrei gegen uns gewesen; laß uns nicht mit einer
solchen Erinnerung, einer solchen Kleinigkeit wegen, von ihnen
scheiden.«
»Wenn wir hinüber =könnten=, sagst du?« rief die Frau. »So willst du
=nicht= gehen?«
»Aber siehst du denn nicht, daß unser Fahrzeug segelfertig liegt und ich
wahrhaftig vor meinen Leuten nicht verantworten kann, die schöne Zeit
zu versäumen?«
»Das Schiff ist dein -- ist unser Eigenthum, wir können damit thun, was
wir wollen. -- Aber ich sehe schon, wie es ist. -- Rücksicht auf die
Leute willst du nehmen -- auf dein Weib nicht. Und soll ich dir sagen,
weshalb du dich fürchtest, das Land wieder und jenen Gerichtshof zu
betreten?«
»Fürchten? -- Aber, bestes Kind --«
»=Soll= ich's dir sagen, oder glaubst du gar, ich sei blind und hätte
den Blick nicht gesehen, den das Mädchen gestern auf dich warf, als ich
sie des Diebstahls beschuldigte?«
»Auf mich?«
»Auf =dich=, hab' ich gesagt, und wagtest du heute, der Dirne mit einer
=Klage= gegenüber zu treten, würfe sie dir entgegen, daß =du= ihr das
Tuch =geschenkt=.«
»Aber liebe, beste Marie!«
»Das Tuch =geschenkt=, sag' ich!« rief die Frau, mehr und mehr in
eifersüchtigen Zorn gerathend, da die augenscheinliche Verlegenheit des
Mannes ihren Verdacht nur mehr und mehr bestätigte. »Und wenn du mir das
Gegentheil jetzt nicht =beweisest=, so schwör' ich dir, so wahr ich
Marie heiße und das Unglück habe, dein Weib zu sein, das Schiff hier
zu verlassen und am Lande Schutz zu suchen.«
»Aber Marie, so nimm doch nur Vernunft an!« bat der Capitain.
»Und weigerst du dich, auch =mich= an Land zu setzen, dann, bei dem
ewigen Gott, spring ich über Bord und mache diesem Leben, das doch von
da an nur Qual und Elend für mich haben müßte, ein rasches Ende. --
Verrathen und betrogen -- lieber nicht leben, als mit =der= Gewißheit
dem Grabe langsamer aber ebenso sicher entgegen sehen.«
»Aber so sprich doch nur vernünftig!« rief Van Soeken, so gewissermaßen
zur Verzweiflung getrieben. »Wenn dir das Schiff selber so wenig am
Herzen liegt, einer solchen Bagatelle, einer wahnsinnigen Idee wegen
Wind und Strömung zu versäumen, gut, so sag' mir wenigstens, was du
verlangst und eile damit.«
»Was ich verlange?« rief rasch triumphirend die Frau, »augenblicklich
mit dir an Land zu fahren und Zeuge der Gerichtsverhandlung zu sein.«
»=Du= mit mir? weshalb? -- Einer genügt vollkommen, und wenn du es
verlangst und wenn es dich beruhigt, will ich hinüber fahren, die Klage
einlegen und dir das Tuch, an dem dein Herz so hängt, zurückbringen.«
»Du allein? -- Das glaub' ich dir!« lächelte die Frau den Gatten hämisch
an. »Wenn du mich hier an Bord wüßtest, wär' das Geschäft da drüben wohl
bald und glücklich abgemacht. Fort mit dir! =Euch allen= ist nicht zu
trauen, und wo der Eine den Andern unterstützen kann, thut er's mit
Freuden, gilt es ja doch nur, das arme, verrathene Weib zu täuschen.«
»So komm denn, meinetwegen,« sprach der Capitain, der keinen Ausweg
weiter sah, der peinlichen Geschichte zu entgehen, »du bist auch im
Stande, eher den =Lügen= der Dirne zu glauben, wenn sie sich irgend eine
Ausflucht suchen sollte, als deinem Mann. Aber komm, du sollst
wenigstens sehen, daß =ich= deine wahnsinnige Anklage nicht fürchte und
mit gutem Gewissen dem Verhör entgegen gehe. Ist mein Boot noch unten,
Steuermann?« rief er dann mit lauter Stimme dem vorn am Anker stehenden
Officier hinüber.
»Ja, Mynheer,« lautete die Antwort zurück; »soll gleich aufgeholt
werden. Alles fertig.«
»Halt! -- wir fahren noch einmal an Land.«
»Noch einmal an Land?« brummte der Steuermann nicht wenig erstaunt, »na,
da bitt' ich zu grüßen, Ebbe und Brise, wie sie im Buche stehen, alles
klar, und noch einmal an Land? Wo so eine Schürze an Bord ist, hört
doch der ordentliche Dienst gleich auf. Hol's der Teufel, möchte nur
wissen, was jetzt wieder im Wind ist.«
Das Brummen half ihm aber nichts. Die Jölle wurde langseits gehalten,
der Kajütsjunge hing die Treppe wieder aus, und wenige Minuten später
schnitten die Ruder in die klare Fluth und trieben das schlanke Boot
pfeilschnell dem Lande zu.
4.
Lautes Murmeln durchlief die Versammlung der Eingeborenen, zu denen sich
auch jetzt der auf Bali wohnende Europäer eingefunden hatte, um Zeuge
der Verhandlung zu sein.
»Dort kommt der Fremde mit der weißen Frau -- arme Kassiar -- wie viel
lange Jahre wird sie in dem Käfig sitzen müssen, des bunten Lappens
wegen -- und wie bleich sie aussieht und geknickt! -- Wie rachsüchtig
die Fremden sind und wie habgierig -- arme Kassiar!«
Zwischen den Eingeborenen lehnte ein junger Mann an einer der hölzernen
Stützen des Hauses. Er ging in die Tracht der Bergbewohner gekleidet,
mit dem Radotan im Gürtel, und sein Blasrohr mit der Lanzenspitze im
Arm. Aber er sprach mit Niemand; kein Laut kam über seine Lippen, kein
Ton des Mitleidens mit dem Opfer, oder des Hasses gegen die Kläger. Es
war Glentek, und als Kassiars Blick ihn dort erspäht, wo er stand, hatte
ihr Auge den Boden gesucht und sich noch nicht wieder von dort gehoben.
Jetzt traten die Fremden in den Saal. Der Holländer war ihnen entgegen
gegangen, die Dame zu dem für sie bestimmten Sitz zu führen. Der Gusti
nickte ihnen freundlich zu, und als das Geräusch verstummt war, das ihr
Betreten des Raumes verursacht hatte, erhob sich der Gusti von seinem
Sitz, überflog mit flüchtigem, aber strengem Blick die Versammlung, und
begann dann mit seiner lauten, klangvollen Stimme die Anrede.
»Männer von Bali! wir sind versammelt, die Anklage einer weißen Frau zu
hören gegen eine unseres Stammes, die des Diebstahls bezüchtigt wird.
Ihr wißt, wie streng unsere Gesetze sind, wie sie den Diebstahl beim
Mann mit dem Tode, bei der Frau mit schwerem Kerker strafen, und ihr
werdet Zeugen sein, daß den Fremden Gerechtigkeit werde in unserm
Lande.«
Nach dieser Einleitung forderte er den der Bali-Sprache vollkommen
mächtigen Europäer, der sich erboten hatte, für die Dame zu
dolmetschen, auf, seine Klage vorzubringen und hier, öffentlich vor
Gericht, zu bestätigen, daß das Tuch der Europäerin und von Bord des
Schiffes entwendet sei. Sie habe dabei anzugeben, ob es dort offen
gelegen, oder aus einem verschlossenen Raum genommen wurde, was die
Strafe für das Vergehen noch verschärfen würde.
Die Klage lautete jetzt, von dem Dolmetscher in balinesischer Sprache
vorgetragen, auf allerdings erschwerende Umstände, da das Tuch von Bord,
und zwar aus einem verschlossenen Kasten gestohlen sei. Hiergegen trat
aber der Capitain selber auf, indem er erklärte, er habe mehrere jener
Stücke Zeug vor einiger Zeit aus seinem Kasten genommen und draußen
liegen lassen. Das Tuch könne darunter gewesen sein.
Kassiar wurde jetzt gefragt, wie sie zu dem Tuch gekommen sei, ob sie es
wirklich heimlich von Bord genommen, oder irgend etwas vorzubringen
habe, was zu ihrer Entschuldigung in der Sache reden könne. Zitternd
stand das Mädchen von ihrem Sitze auf. Mehrere Minuten gebrauchte sie,
sich so weit zu sammeln, daß sie den Blick zu ihrer Klägerin erheben
konnte. Neben dieser stand der Capitain, und ihr Auge schweifte kurze
Zeit von Van Soeken zu dessen Gattin und zurück, bis es sich endlich auf
den Seemann heftete. Dieser aber konnte dem Blick, so viel Mühe er
sich auch gab, nicht begegnen. Langsam erhob sich dabei ihr Arm, bis er
auf den Kläger deutete, und eine Weile stand sie so, einer wunderschönen
Statue gleich, kein Glied des Körpers regend, nicht mit den Wimpern
zuckend, dem Manne gegenüber. Auch die Frau des Capitains war
aufgesprungen, der nächste Moment sollte vielleicht schon ihren längst
gefaßten Verdacht bestätigen, und ihr Auge flog wild, in fast peinlicher
Spannung, von den Lippen des Mädchens zu den unverkennbar bleichen Zügen
des Gatten.
»Ihr wollt wissen, woher das Tuch in meine Hand gekommen?« sagte da
endlich Kassiar mit leiser, wunderbar ruhiger Stimme, ohne ihre Stellung
auch nur mit dem Zucken einer Muskel zu verändern, -- »und jene Frau dort
klagt Kassiar des Diebstahls an -- so hört denn -- ich habe jenes Tuch
--«
Dicht hinter dem Holländer hob sich in diesem Augenblick die schlanke
Gestalt Glenteks still und ruhig empor, und auch sein Blick hing in
athemloser Spannung an den Lippen der Angeschuldigten. Da traf ihn
Kassiars Auge, und plötzlich in sich zusammenbrechend, ihr Antlitz in
den Händen bergend, rief sie mit markdurchschneidender Stimme aus:
»=Gestohlen!=« und sank bewußtlos auf den Boden nieder.
»Armes Kind -- arme Kassiar!« klang es von den Lippen der Eingeborenen,
und einige der Frauen drängten sich durch die Wachen, die Ohnmächtige zu
unterstützen und ins Leben zurückzurufen.
»Das Geständniß genügt,« sagte da der Gusti ernst, der sich ebenfalls
von seinem Sitze erhoben hatte, indem er das neben ihm hängende Tuch von
dem Stabe herunter nahm und einem seiner Diener übergab, damit er es der
Europäerin, als ihr Eigenthum, zurückbringe. -- »Das unglückliche, junge
Mädchen mag indeß der Sorgfalt der Frauen überlassen bleiben, bis es
sich erholt hat, dann aber der Obhut der Gefängnißwärter übergeben
werden. In dem Krankeng büße sie fünf Jahre lang.«
»Halt!« rief da eine ernste, klangvolle Stimme in den Tumult von Tönen
hinein, der diesem Urtheilsspruch folgte, »halt, hört erst mich. -- Das
Mädchen ist unschuldig!«
Wunderbar war die Wirkung, die diese wenigen Worte auf die Versammelten
ausübten, und selbst die Ohnmächtige schienen sie ins Leben
zurückgerufen zu haben. Zu gleicher Zeit sprang Glentek, der junge
Krieger aus den Bergen, die Ballustrade, die ihn von dem innern Raume
trennte, mit einem Satz überspringend, in diesen hinein und ging mit
leichtem Schritt dem Gusti zu, vor dem er, auf seine kurze Lanze
gestützt und das Haupt vor ihm beugend, ehrerbietig, doch fest
entschlossen stehen blieb.
»Wer bist du?« fragte dieser freundlich den ihm fremden Krieger, indem
sein Auge mit Wohlgefallen auf den schlanken, kräftigen Gliedern, wie
den offenen Zügen des Jünglings hafteten. »Was weißt du von der Schuld
des Mädchens hier, das ihr Vergehen schon offen eingestanden?«
»Ich selber bin der Dieb,« sagte der Eingeborene, und wenn auch seine
Lippen bei der Lüge zitterten und seine Wangen sich entfärbten,
begegnete er fest und unerschüttert dabei dem Blick des erstaunt zu ihm
niederschauenden Richters.
»Du wärst der Dieb?« sagte da der alte Gusti nach langer, peinlicher
Pause, indeß er sorgfältiger als vorher noch die edle Gestalt des jungen
Eingebornen gemustert hatte und ernst und zweifelnd dabei mit dem Kopfe
schüttelte; »wer bist du und woher stammst du?«
»Ich heiße Glentek und meines Vaters Haus liegt in dem Hochland von
Benoi.«
»Bist du mit dem Rajah Glentek dort verwandt?« rief rasch und erschreckt
der Gusti.
»Er ist mein Vater,« erwiderte mit kaum hörbarer Stimme der junge
Balinese.
»Unglücklicher!« rief der Gusti da, die Hand abwehrend vor sich
ausstreckend, »wozu bekennst du dich? Und weißt du, welche Strafe =dir=
bevorstände?«
»=Der Tod!=« sagte Glentek ruhig und unerschüttert -- »ich weiß es,
Gusti; aber ein Glentek kann nicht dulden, daß ein Weib =seinetwegen=
unschuldig leide.«
Ein wildes Gemurmel durchlief wieder die Schaar der Eingeborenen, und
der Holländer war zu seinen Freunden hinüber getreten, diesen die
Wendung mitzutheilen, welche die Sache zu nehmen schien.
»Wie kann der Bursche dort der Dieb sein?« rief da Mevrouw Van Soeken
rasch und zürnend, »ich habe ihn noch nie an Bord gesehen. Er hat, so
viel ich weiß, das Schiff in seinem Leben nicht betreten.«
»Das ist eine Liebesgeschichte,« sagte der Holländer kopfschüttelnd,
»ich glaube selbst nicht, daß der junge Bursche mit der ganzen
Geschichte etwas zu thun gehabt, und will dem Gusti wenigstens meine
Meinung darüber sagen.«
»Du siehst nun, liebes Kind,« flüsterte der Capitain, dem sich bei
dieser Wendung eine große Last von der Seele wälzte, der Gattin zu, »daß
dein Verdacht vollkommen grundlos war. Der Bursche dort ist sehr
wahrscheinlich der Bräutigam, vielleicht der Mann der Dirne, der jetzt
bekennt, das Tuch entwandt zu haben, um der Geliebten ein seiner Meinung
nach kostbares Geschenk damit zu machen.«
»Wir wollen sehen, wir wollen sehen!« murmelte Madame in fast
fieberhafter Aufregung. »Aber -- sie können ihn doch nicht deshalb
ermorden?«
»Der Balinesen Strafe auf Diebstahl ist der Tod,« sagte der Capitain
gleichgültig. »Ich glaube nicht, daß sie mit ihm eine Ausnahme machen
werden. Doch will ich sehen, was sich bei dem Gusti für ihn thun läßt.
Lieber Gott, wenn wir jetzt nur nicht Wind und Strömung damit
versäumten!«
Der Gusti hörte aufmerksam an, was ihm der Weiße als Aussage der
Klägerin mittheilte, und wandte sich dann langsam und ernst an den
Jüngling.
»Hast du das Schiff dort draußen je betreten, Glentek?« fragte er ihn,
und sein Auge haftete dabei fest und prüfend auf den Zügen des jungen
Mannes.
»Könnt' ich das Tuch sonst entwendet haben?« entgegnete dieser finster.
»Zu welcher Zeit war das?«
»Bei Nacht.«
»Bei Nacht, und die Wachen entdeckten dich nicht?«
»Die stumpfsinnigen Europäer sind nicht so schlau, daß sie ein Balinese
nicht betrügen könnte,« rief aber der Krieger zornig, »Glenteks Fuß
berührt den Boden, wie des Nachtvogels Flügel die Luft. Nicht der Tiger
hört ihn, wenn er im Teing Dickicht ihn beschleicht, nicht der scheue
Hirsch im Alang Alang.«
»Glentek!« rief da Kassiars Stimme mit herzzerreißendem Ton ihn an. »O
glaubt ihm nicht, =meinet=wegen will er dem ehrlosen Tode trotzen. So
edel jeder Tropfen Blutes in ihm, er =lügt=, wenn er sich meinetwegen
schuldig nennt.«
»Hörst du das Mädchen?« sagte der Gusti auf die Jungfrau zeigend, die
sich in angstvoller Hast jetzt vom Boden hob und, die Haare aus der
Stirn streichend, auf den Jüngling zustürzte, vor ihm zu Boden sank,
seine Knie umfaßte und bittend ausrief:
»O Glentek, Glentek, kannst du deiner Kassiar verzeihen?«
Starr und regungslos blieb der Krieger stehen, und nur ein eigener
Ausdruck von Schmerz und Liebe durchzuckte seine Züge. Doch auch diese
Schwäche, wenn es je etwas derartiges gewesen, schwand im Augenblick.
Eisern wie vorher blieb das Antlitz der edlen, dunklen Gestalt, und er
sagte finster:
»Hat das Wort einer Dirne hier Gewicht gegen die Aussage Glenteks von
Benoi? -- Ihr seid Männer, und euch gegenüber erkläre ich, daß ich jenes
Tuch vom Bord des Schiffes heimlich entwendet habe. Wie und weshalb,
darauf weigere ich die Antwort. Jetzt thut mit mir nach dem Gesetz.«
»Darnach bleibt nichts mehr zu erfüllen als der Richterspruch,« sprach
feierlich und ernst der Gusti. »Glentek von Benoi, bereite dich zum
Tode, denn du hast keine Viertelstunde mehr zu leben.«
»Ich bin bereit,« erwiderte ruhig und mit fester Stimme der junge
Balinese.
»Halt -- das geht nicht -- das kann nicht sein!« rief aber hier der
Capitain, der ebenfalls hinzugetreten war, und genug vom Balinesischen
verstand, den Sinn des eben hier Verhandelten zu begreifen.
»Weiß der Europäer etwas, das die Schuld von den Händen des
Verurtheilten nimmt?« sagte der Gusti rasch.
»Nein, das nicht,« versetzte halb scheu und doch auch wieder
entschlossen der Capitain; »aber -- giebt es nichts in euren Gesetzen,
das im Stande ist, den Urtheilsspruch zu mildern? -- Kann das Verbrechen
nicht durch irgend eine Buße -- durch Geld vielleicht -- gesühnt werden?
Ich mag die Küste hier nicht verlassen und das Blut eines ihrer Kinder,
die mich alle so freundlich hier empfangen haben, mit hinaus nehmen auf
das blaue Wasser.« --
Aus der Schaar der Eingeborenen war indessen auf des Gusti Wink ein
Einzelner, der sich sonst in nichts von den Übrigen unterschied, heraus
und vor den Verurtheilten getreten. Hier zog er langsam sein Messer, den
balinesischen Radotan, aus dem Gürtel und wartete der weiteren Befehle
seines Oberen.
»Unsere Gesetze,« sagte der Gusti ernst, »verlangen für solchen
Diebstahl den =Tod= des Missethäters. Aber das Verbrechen ist an einem
Fremden verübt, und wenn er selbst auf Milderung besteht, =giebt= es
einen Ausweg.«
»Gott sei Dank!« rief der Capitain, als er die Worte vernahm. »Nennt mir
die Summe. Ich will lieber einen großen Verlust leiden, als Blut -- dies
Blut auf meiner Seele wissen.«
»Die Summe ist nicht so groß,« erwiderte der Gusti, »und ebenfalls durch
unsere Gesetze vorgeschrieben. Wenn der Fremde zwei Säcke Kupfer (der
Sack etwa dreißig Gulden) zahlt und sich verbindlich macht, den
Verurtheilten, der von da an sein Sklave ist, mit fortzuführen und nie
wieder an diese Küste zurück zu bringen, von der er verbannt ist für
immerdar, so ist sein Leben gerettet.«