»Laß sie laufen, mein Junge,« sagte er, indem er den Arm des

Steuermannes zurückhielt. »Sie werden Noth genug haben, von der Ecke

dort weg zukommen; vor =uns= aber liegt die blaue weite See, und mit dem

Bewußtsein, all jenen Gefahren so glücklich entgangen zu sein, mag ich

kein Menschenleben mehr zerstören.«

Fußnoten:

[32] Das aus einer Art Baumrinde bereitete und gedruckte Zeug. Das

ungedruckte heißt Tapa.

[33] Bolutu ist nach dem Glauben der Tonga-Inseln der Aufenthalt der

Seligen. Sie denken sich diesen Ort als eine große, wunderbar schöne

Insel, mit allen Früchten reich gesegnet, die weit gegen Nord-Westen

liegt -- so weit in der That, daß sie dieselbe mit ihren Canoes nicht

erreichen können. Dort werden ihre Seelen zu Hotuas oder göttergleichen

Geistern, die auch -- besonders die Seelen der Häuptlinge -- im Stande

sind, Einfluß auf das Leben der Sterblichen auszuüben. Sie erzählen

sich, daß einmal ein Boot von den Tonga-Inseln dorthin verschlagen sei,

und die Leute wären ans Land gesprungen und hätten sich von den

prachtvollen Früchten pflücken wollen; sie hätten aber keine ergreifen

können; denn unter ihren Händen wurden sie zu Luft. Auch durch die

Bäume, die dort wuchsen, konnten sie gerade hindurchgehen. Sie standen

leibhaftig vor ihnen, bildeten aber keinen festen Körper. Ein Hotua kam

da zu ihnen und ermahnte sie, die Insel so rasch als möglich zu

verlassen, und voll Angst schifften sie sich augenblicklich wieder ein.

Der Wind blies auch so günstig und scharf, daß sie Tonga schon nach

einigen Tagen erreichten; aber am Ufer angekommen, mußten sie alle

sterben. Ihre Körper hatten die Luft von Bolutu nicht vertragen können.

An eine Strafe nach dem Tode glauben die Tonga-Insulaner nicht.

II.

Im Ostindischen Archipel.

Der Balinese.

Östlich von Java, und von dieser Insel nur durch einen schmalen Seearm

getrennt, liegt das zwar kleine, aber wunderschöne, gebirgige Eiland

=Bali,=, von einem kriegerischen, kräftigen, arbeitsamen Volke bewohnt

und bis in seine Berge hinauf vortrefflich cultivirt und angebaut.

Trotz seiner Nähe bei dem schon längst den Holländern unterworfenen Java

hatte es sich dennoch bis zur neueren Zeit seine vollkommene

Unabhängigkeit zu bewahren gewußt, und erst in den letzten Jahren gelang

es den Holländern, theils durch Verrath unter den Eingeborenen, theils

durch ihre Truppen unter dem Commando Sr. Hoheit des Herzogs Bernhard

von Weimar, die Rajahs Balis wenigstens dahin zu bringen, daß sie ihre

Oberherrschaft anerkannten.

Die Balinesen sind, was die Missionäre »blinde Heiden« nennen, d. h. sie

haben ihre eigenen Götter (Brachma, Schiwa und Wischnu) und ihren

eigenen Glauben, den sie sich entschieden weigern abzulegen. Ihre

Javanischen Nachbarn gingen ihnen darin allerdings schon seit längerer

Zeit mit gutem Beispiel voran, indem sie zum Islam übertraten. Von den

muhamedanischen Priestern besonders, aber auch dann und wann von

christlichen Missionären sind schon verschiedene Versuche gemacht, sie

das abschwören zu machen, was andere Nationen eine =Irrlehre= nennen.

Bis jetzt war es jedoch vergeblich, und wenn es irgend noch eines

Beweises bedürfte, daß die christliche Religion keineswegs unumgänglich

nothwendig dazu ist, ein wildes Volk zu civilisiren, so liefern diese

Balinesen als =Heiden=, und ihre Nachbarn, die Javanen, als

=Muhamedaner= davon den schlagendsten Beweis.

Was die Cultur Balis' betrifft, so läßt diese nichts zu wünschen übrig.

Jedes Plätzchen, das Frucht liefern kann, ist benutzt, und die Balinesen

bauen sogar weit mehr, als sie zu ihrem eigenen Bedarf brauchen. Manches

Schiff hat dort schon für den europäischen Markt seine Ladung von Reis,

Zucker, Kaffee und anderen Produkten eingenommen, während hunderte von

Prauen (die inländischen Fahrzeuge) der benachbarten Inseln, ja selbst

bis von China herüber, in stetem und lebendigem Verkehr mit dem kleinen

Reiche stehen. Die Balinesen haben dabei ihre eigenen Rajahs oder

Fürsten, und die dem Lande dienlichen Gesetze werden mit

unnachsichtlicher Strenge von ihren weltlichen und geistlichen

Oberhäuptern in Kraft gehalten. Auf allen schweren Vergehen, selbst auf

Diebstahl, steht Todesstrafe. -- Außerdem sind sie aber auch noch in

vielen Künsten geschickt und erfahren. Vorzüglich ihre Stahl- und

Goldarbeiten, ihre Korbflechtereien und Webereien sind berühmt in der

ganzen Inselgruppe des ostindischen Archipels. Ihre Landestracht ist

dabei anständig und geschmackvoll, und dem Klima vollkommen angemessen.

So viel als kurze Einleitung für den Leser, der die kleine Insel bis

jetzt vielleicht kaum dem Namen nach oder doch nur nach Beschreibungen

kannte, welche ihre Bewohner beinah wie eine Räuber- und Piratenbande

erscheinen ließ. Jede Sache hat freilich ihre zwei Seiten.

1.

Es war im September des Jahres 184*, als in dem südlichsten Rayat von

Bali, in Badong, ein junger Bergbewohner rüstig aus der fruchtbaren

Hochebene nieder der Süd-West-Küste der Insel und der Bai von Balikota

zu stieg. Wohl führte eine breite, gut unterhaltene und fahrbare Straße

von Badong zu dem kleinen Städtchen Kota an dieser Bai hinab. Der junge

Balinese hätte aber, um auf sie zu gelangen, zu weit westlich aus dem

Wege gehen müssen, und da er überdies auch nicht gewohnt war, einer

breiten, bequemen Straße zu folgen, so suchte er sich lieber in gerader

Richtung die nähere, wenn auch nicht eben so glatte Bahn.

Diese führte ihn durch weite mit Mais und Zuckerrohr bepflanzte Flächen

und an den schmalen Dämmen bewässerter Reisfelder hin, zu den Rändern

steiler, dichtbewaldeter Ravinen, die das Land durchschnitten und mit

ihrer wilden üppigen Vegetation in die urbar gemachten und in

vollkommenster Cultur gehaltenen Felder gar wunderlich hinein griffen.

Der Thau lag noch in voller funkelnder Pracht auf den Blättern und

Blüthen, und hing in schweren Tropfen an den blitzenden Halmen, das

saftige Grün der Hänge mit zauberhaftem Schimmer übergießend. Hoch und

kühn daraus hervor ragte die stolze Cocospalme, die Königin der Wälder,

mit ihrer schwankenden, zitternden Blattkrone, die der Südost-Monsoon

hier nur in leichtem Säuseln erreichen konnte, und die Arekapalme

streckte aus kleinen Fruchtdickichten den schlanken, zierlichen,

pfeilartigen Stamm. Tief und schattig in den reizenden Hainen lagen die

Bambushütten der Eingeborenen gar still versteckt, und die dunklen

Ränder derselben wurden nur hie und da durch die purpurrothe

Blüthenmasse des Tjanging[34] unterbrochen, der mit seinen unregelmäßig

und reich über die Landschaft gestreuten Bäumen der ganzen Scenerie eine

eigene wunderbare Färbung gab.

Wo der junge Eingeborene seinen Pfad suchte, war noch wenig Leben. Hie

und da arbeiteten erst einzelne Gruppen in den Feldern, meistens Frauen,

die mit der Hand den reifen Reis abschnitten und auf die Ränder trugen.

Der Sikup[35] strich noch einsam nach Beute über die stille Gegend. Hie

und da stand auch wohl ein einsiedlerischer Tjanga mit den langen Beinen

und riesigem, fast unverhältnißmäßig großem Schnabel am Rande der

Reisfelder und trat dem rasch Heranschreitenden mehr, wie es schien,

aus Höflichkeit, als aus besonderer Sorge für seine eigene Sicherheit

ein paar Fuß aus dem Weg. Oder eine Schaar wilder Pfauen, die an dem

Rand der Ravine gesessen und sich gesonnt hatte, bäumte auf und schaute

mit den langen Hälsen neugierig nach dem einzelnen Wanderer nieder.

Dieser aber war viel zu sehr mit sich selber und seinen eigenen Gedanken

beschäftigt, um solchen, überdies durchaus gewöhnlichen Gegenständen

auch nur einen Blick zu widmen. Rasch nur suchte er durch manche sich

ihm in den Weg stellende Hindernisse seine Bahn, und hielt zum ersten

Male an, als er eine Art Absatz oder Terrasse des Hanges erreicht hatte,

von der aus sich eine weite Aussicht nach Süden und Südwest über die

Küste und das ferne Meer gewinnen ließ.

Über Gebüsch und Palmen hin, die den steilen, tiefablaufenden Hang

bedeckten, konnte er den breiten Cocoshain überschauen, der das kleine

Städtchen Kota mit der ganzen dortigen Küste umgürtete, während das

blaue freundliche Meer an dessen anderer Seite den Strand beschäumte.

Massen kleinerer Segel, meist inländische Prauen, hie und da aber auch

chinesische Dschunken, kreuzten durch das stille, von einer leichten

Brise kaum bewegte Wasser, und nur ein einziges europäisches Schiff lag

gerade über der Corallenbank und durch die südlich auslaufende Spitze

des Landes (von den Engländern Tafelhoek genannt) gegen den

Südost-Monsoon geschützt, draußen vor Anker. Seine Segel waren zwar noch

fest, aber es schien ziemlich schwer geladen und ging tief im Wasser,

während einzelne Boote noch immer mehr Fracht hinüber brachten. Die

holländische Flagge wehte von des Fremden Gaffel.

Der junge Balinese blieb hier stehen und schaute lange und sinnend in

das freundliche Thal hinab, das sich seinen Blicken öffnete. Aber seine

Gedanken waren nicht mehr freundlicher Art. So frisch und froh vorher

sein Auge dem niederen Lande entgegengeleuchtet hatte, so zog sich jetzt

seine Stirn in düstere, krause Falten, und mit untergeschlagenen Armen

schaute er schweigend zu dem fremden, unwillkommenen Gast, zu der ihm

verhaßten, feindlichen Flagge hinüber.

Es war eine edle, schöne, schlanke und doch so kräftige Gestalt, wie sie

unter der einzelnen wehenden Palme stand. Und Hoheit und Schmerz lag in

den Zügen, als ob der zürnende Gott der Berge selbst aus seines Waldes

Schatten getreten sei und jetzt den Feind seines Landes, seines Volkes

vor sich erblicke. Die Züge seines Gesichts konnten fast griechisch

genannt werden. Die leicht gebogene Nase, die hohe Stirn, die

schwellenden und doch zart geschnittenen Lippen schienen kaum einem

indischen Stamme anzugehören; aber die dunkle Bronzefarbe der Haut, die

dunklen feurigen Augen, das lange, rabenschwarze aber weichlockige Haar

verriethen den Sohn dieser Küste, das Kind dieser Berge. Er ging ganz in

die Landestracht gekleidet. Um den Kopf trug er fast turbanähnlich ein

dunkelfarbiges, mit rothen und gelben Streifen durchzogenes Tuch, nur

daß oben die üppige Masse seines schwarzen, langen Haares herausquoll.

Um seine Hüften, bis fast zu den Knieen niederreichend, schlang sich ein

gleiches von ähnlicher Farbe, der sogenannte Kammen, und der Sappot,

eine Art schottischer Plaid, aber auch aus inländischem Zeug gewebt,

hing ihm in leichtem, malerischem Wurfe über die Schulter, mit dem einen

langen Zipfel die rechte Brust bedeckend.

In dem Kammen stak vorn, wie bei allen Balinesen, die Kompec oder

Sirihtasche (zum Betelkauen) aus feingeflochtenem und buntgefärbtem

Bambus verfertigt, und hinten, wie bei den Südamerikanern, der lange

Dolch oder Khris (im Balinesischen Radotan) in hölzerner, wunderlich

geformter und mit Goldplättchen zierlich ausgelegter Scheide, während

der Griff aus einem dunklen fein gravirten Metall bestand und ebenfalls

mit Gold eingelegt war. An den Füßen trug er zierlich genähte

Ledersandalen mit einem schmalen, goldgestickten Band quer über den

Spann herüber. Sonst waren Arme und Beine nackt, aber voll und kräftig

geformt, und nur um das Gelenk der linken Hand schlang sich ihm ein fast

weibischer Schmuck, ein schmales Armband aus den purpurrothen,

steinharten und herzförmigen Beeren einer Akazienart aufgereiht und zum

schmalen Bande zusammengeflochten.

Als einzige Waffe hielt die Hand dabei ein langes dünnes Blasrohr, aus

hartem schwerem Holz gebohrt, von etwa fünf Fuß Länge, an das oben mit

Streifen Rattan (spanischem Rohr) eine eiserne Lanzenspitze so an der

Seite befestigt war, daß sie dem Schuß des Pfeils oder Bolzens nicht

hinderlich sein konnte. Der Köcher, der die kleinen aus Bambus

gefertigten, mit einer Pflanzenmark-Mundspitze versehenen und mit Gift

bestrichenen Pfeile trug, stak ebenfalls in Kammen, an der linken Seite.

Die Waffe stemmte er jetzt auf einen Stein, und mit dem linken Arm sich

daran stützend, daß sein Haupt sich sinnend an die Lanzenspitze legte,

murmelte er mit leiser, halbunterdrückter Stimme vor sich hin:

»Wieder so ein Schiff mit seiner stolzen dreifarbigen Fahne, wieder und

wieder eins, in Handel und Freundschaft scheinbar, und =uns= zum Nutzen,

wie sie sagen, heimlich aber nur sich und ihr räuberisches Ziel im Auge.

Halb =sind= wir ja schon besiegt,« setzte er mit finsterem Grimm hinzu,

die Worte durch die zusammengepreßten Zähne zischend, »und wenn nicht

noch der wackere Dewa Argo dem Treiben fest entgegenstünde und mit aller

ihm zu Gebote stehenden Macht an unsern Sitten und Gesetzen hielte, den

Fremden keinen Fuß breit Boden weiter gönnend, wie säh's um Bali aus!

Hielt er die Hand nicht über unser Land gestreckt, wie bald würden die

Fremden, die Brachma verdammen möge, das Land überschwemmen und den

ganzen Fluch ihres Geschlechts über uns bringen. In den Thälern wüthet

schon die furchtbare Radjadja[36], und die Leichen ihrer Opfer verpesten

die Luft.«

»Die alten Prophezeihungen werden wahr,« fuhr der Einsame in seinem

Selbstgespräch inzwischen fort. »Der weiße Jakal hat den schwarzen

überlistet und wüthet in seinem Jagdgrund, während unsere Götter ihr

Haupt abwenden, um die Schmach ihrer muthlosen Kinder nicht zu schauen.

»Der weiße Tiger wird kommen und uns verschlingen, wenn wir ihm nicht

gehorchen,« sagt der Orakelspruch jenes weisen Rajah, der tausende von

Armen schon entnervt und die Herzen mit Angst und Muthlosigkeit gefüllt

hat. Ei, er möchte kommen und es versuchen, und unsere Lanzen und

Pfeilspitzen würden sein Herz finden, daß sein Blut den Boden düngte.

Aber nur zusammen müßten wir stehen, in innigem Bündniß, nicht jeder

Rajah für sich selber aus kleinlicher, erbärmlicher Furcht das Bündniß

des Feindes suchen, um von sich selber dessen Rache abzuwenden, für sich

selber die Regierung zu erhalten. Das Wohl der Völker, lügen sie dabei,

hätten sie im Auge, und nur ihr eigener Ehrgeiz macht sie blind gegen

Ehre und Pflicht, und treibt sie, die Völker, die ihrem Schutz durch

Brachma anvertraut, nichtswürdig zu verrathen.«

»Wie stehen wir jetzt dem Feinde gegenüber? -- Unsere Prauen liegen

müssig am Strande, unsere Arme werden durch gefährliche Unterhandlungen

gefesselt gehalten, und die Flagge jener Fremden weht stolz unseren

Tempeln entgegen, und schändet uns und unsere Götter. Fluch über solche

Unthätigkeit, über das Zaudern und Zögern und Wählen und Fürchten. Wenn

das so fort geht, wird der Name Balinese bald gleichbedeutend werden mit

Sklave und Feigling. O mein schönes, armes Vaterland!«

Er stand noch lange da, seinen finsteren, schmerzlichen Gedanken sich

überlassend, als sein Auge plötzlich auf das Armband fiel, das er am

linken Handgelenke trug, und ein freundlicherer Ausdruck seine schönen

und edlen Züge belebte.

»Kassiar,« murmelte er leise, indem ein flüchtiges Lächeln über sein

Antlitz glitt, »Kassiar, du Blume des Thales, dich wenigstens will ich

dem giftigen Einfluß jener Fremden entreißen und mit mir in meine Berge

führen. Dort bieten wir dem fremden Einfluß Trotz, und kommt einmal die

Zeit, in der mein Vaterland den Fluch erkennt, den es sich selber

muthwillig aufzuladen scheint, dann brechen wir hervor, und unser

Schlachtschrei soll die Feinde zurück auf ihre Schiffe schrecken. --

Kassiar!«

Und mit dem Namen der Geliebten auf den Lippen, griff er die Lanze auf,

und sprang mit leichtem Schritt den Hang hinab, der Richtung Kota's zu.

Hier mußte er freilich noch ein breites mit Zuckerrohr bepflanztes Feld

durchschneiden, das nördlich von dem kleinen in die Tanjong-Bai

ausmündenden Kali oder Flusse lag. Eine Brücke gab es über den Strom

nicht, aber eine Cocospalme, die dicht am Uferrand gestanden, war von

dem angeschwellten Wasser unterwühlt hinübergestürzt, daß ihr Wipfel

eben das jenseitige Ufer berührte. Auf dieser lief er hinüber, drängte

sich durch den morastigen, mit niedrigen Büschen bedeckten Uferstrich,

der die nördliche Seite der von Tuban nach Kota führenden Straße und den

Palmenwald begrenzte, und fand sich bald im Schatten der wundervollen

Punjannjo's, der Cocospalmen, wo er auf glattem, ebenem Wege rüstig

dahin schritt.

2.

Wie das über ihm rauschte und zitterte, in einsamer, wundervoller

Waldespracht! -- Wie das flüsterte und raschelte, und mit den langen,

herrlichen Blättern wehte und ineinandergriff! -- Hier war nichts

Fremdes, nichts Verhaßtes mehr; das war sein eigenes, schönes Vaterland,

die Cocospalme seines Stammes Bild, und wie das Herz ihm wieder

aufging in Stolz und Lust und die Sehnsucht nach der Geliebten es

rascher schlagen machte, wurde sein Schritt auch leichter und

elastischer, und freundlich nickte er den Leuten zu, die er am Wege

traf, und die Reis und andere Feldfrüchte, oder Matten und Körbe in die

Stadt zu Markte trugen.

Schon hatte er hier die Gärten erreicht, die theils mit der

rothblühenden Butju (_rosa sinensis_), theils mit der Buntaja (einer

sehr giftigen Rankenpflanze, welche durch bloße Berührung schon

Entzündungen und Anschwellungen bewirkt) eingezäunt waren, und hie und

da schaute aus dem dunklen Laub einzelner Kaffee- und Muskatnußbüsche,

oder zwischen den hochgezogenen Sirih-Ranken die stille, lauschige

Bambushütte der Eingeborenen hervor, während die Cocospalmen in einem

dichten Hain ihre Kronen in einander legten und kühlen Schatten auf den

zwischen ihnen durchführenden Weg warfen.

Jetzt hatte er die ersten Wohnungen der Stadt erreicht; rechts am Wege

leuchtete ihm schon das helle Dach des Gustis -- des Dorfoberhauptes --

entgegen, und von dort hinauf, der Cocosnußölmühle zu, die von den

Weißen angelegt worden, gleich über dem breiten Platz, der sich dort

ausdehnte -- wie rasch das Herz ihm an zu pochen fing -- dort wohnte

Kassiar, und mit fast kindischer, jubelnder Lust malte er sich schon im

Geiste die Überraschung der Geliebten aus, die keine Ahnung von seiner

Nähe hatte.

Mehrere junge Mädchen waren ihm begegnet; manche aufgeputzt, wie zu

einem ihrer Feste, andere in das einfach gewebte Zeug des Landes

gekleidet. Aber er achtete ihrer nicht; sein Auge suchte zwischen den an

ihm vorbeigleitenden Dächern hin, die wohlbekannte Gruppe schlanker

Arekapalmen, die das Haus der Geliebten umstanden, und jetzt -- schon

wollte er um des Gustis Garten in die Straße einbiegen, denn dort ragten

die schlanken Wipfel grüßend und freundlich nickend schon hervor, -- da

schritt ein junges Mädchen die Straße herab, und sein Fuß haftete wie

angewurzelt an dem Boden fest.

Das war Kassiar -- und wieder war sie's nicht. Die lieben dunklen Augen

gehörten freilich ihr -- der schlanke Wuchs, der leichte elastische Gang,

dem Kiedang ihrer Wälder gleich -- und dennoch schien sie ihm vollkommen

fremd, denn Tracht und Sitte, wie er's bis jetzt an ihr gewohnt gewesen,

glich sich gar nicht mehr. Das dunkle volle Haar war mit Blumen, rothen

Beeren und kleinen farbigen Muscheln geschmückt, wie den Putz ähnlich

auch andere eingeborene Mädchen trugen, aber in den Ohren hingen ihr

goldene Zierrathen, wie sie die verhaßten Weißen mit herüber gebracht,

den weichen runden Arm umschloß ein goldenes, steinbesetztes Band, und

um die Schultern lag ihr ein himmelblau und roth gestreiftes seidenes

Tuch und hing mit dem einen Zipfel vorn über die linke Brust herab.

Leichten Schrittes kam sie den Weg herab, der nach dem Strande nieder

führte, und wenn ihr Blick auch auf den jungen Krieger über die Straße

herüber fiel, war sie doch zu sehr mit ihren eigenen Gedanken

beschäftigt, um viel auf ihn zu achten. So wollte sie eben an ihm

vorüber eilen, als sein Ruf sie aufhielt und rasch nach ihm herüber

sehen machte.

»Kassiar!« -- Der eine Blick genügte -- zitternd und erschreckt, die

Hände vorgestreckt, ihre Farbe, die selbst unter der zarten aber dunklen

Haut sichtbar wurde, kommend und schwindend, die Arme halb nach dem

geliebten Manne ausgestreckt, halb ihn damit abwehrend, stand das junge

Mädchen einer schönen Statue gleich da.

»Glentek!« hauchte sie dabei, »wo kommst du her, oder liegt dein Körper

oben in den Bergen, von scharfer Waffe oder Tigerzahn zerrissen, und nur

dein Geist hat mich hier aufgesucht?«

Glentek barg einen Augenblick die Stirne in der Hand und strich sich die

langen Haare dann zurück, indem er seinen Blick dabei scheu und erstaunt

auf die Jungfrau heftete.

»Und das ist Kassiar?« sagte er endlich halblaut und schüchtern, indem

er langsam über die Straße hinüber schritt und vor dem zitternden

Mädchen stehen blieb; »ist das das Weib, das ich mir in die Berge holen

wollte, um sie der Gefahr hier zu entziehen, die ihr von Fremden und

fremdem Glanz und Luxus droht? -- Es ist zu spät, wie ich sehe, und

Kassiar hat nicht allein Glentek vergessen, sondern auch ihr Vaterland.

Wie sie sich da aufgeputzt, mag sie wohl einem der fremden Männer für

kurze Zeit gefallen; werden aber die jungen Leute von Bali ihr wieder

ihre Heldenlieder singen?«

»Glentek!« bat das Mädchen, ihm die Hand entgegen streckend mit

herzlichem, flehendem Ton, »ist =das= dein Gruß, mit dem du mich nach so

langer Zeit der Trennung empfängst, und hast du in den Bergen oben deine

Kassiar so ganz vergessen -- so ganz vergessen und verlernt sie zu

lieben?«

Glentek erwiderte nichts darauf, aber sein Blick hing noch immer fest

und vorwurfsvoll an dem bunten, fremdländischen Staat, der die Geliebte

schmückte, an den goldenen Ringen im Ohr und um den Arm, an dem

seidenen Tuch, das ihre Schultern umschloß. Endlich sagte er langsam und

traurig:

»Dich vergessen, Kassiar? -- Mächtiger Brachma, mein Herz vergäße ebenso

leicht zu schlagen, mein Ohr den Ruf des Vaterlandes zu hören! Dich

vergessen, Kassiar? -- Und bin ich deinetwegen nicht drei Tage gewandert

und die letzte Nacht, um nur recht bald dein liebes Antlitz wieder zu

schauen, deine Hand in der meinen zu fühlen, dem Flüstern deiner Worte

zu lauschen? Die Sterne haben mir von dir gesprochen, wenn sie vom

dunklen Himmel niederfunkelten, der Wasserfall rauschte mir deinen Namen

Tage lang, Nächte lang, und meiner Palmen Wipfel kannten keinen andern

Laut. -- Dich vergessen, Kassiar? -- Jeder Vogel zwitscherte mir das

liebe Wort, in jedem Tropfen perlenden Thaues sah ich dein Bild, und nur

die Sehnsucht nach dir hielt Schritt mit der wachsenden Liebe -- und

jetzt --«

»Und jetzt, Glentek?« sagte das Mädchen und streckte ihm freundlich die

Hand entgegen, »war das nun der ganze Gruß, den du deiner Kassiar bieten

konntest?«

»Ich weiß nicht,« entgegnete der junge Krieger leise und mit tief

bewegter Stimme, »ich weiß ja gar nicht, ob es noch =meine= Kassiar

ist. Die Augen lachen mich noch so freundlich an, wie vordem, wenn auch

nicht so offen, so treuherzig mehr. Die süße Stimme ist es immer noch,

aber der äußere Tand, der sie umschlossen hält, der Schmuck des Fremden,

der ihre schlanken Glieder entstellt, anstatt sie zu zieren -- der ist

mir fremd, der verhüllt mir Kassiar, daß mein Auge das alte Herz nicht

mehr darunter finden kann. Und ich weiß nicht, =wem= es jetzt

entgegenschlägt.«

»Du böser Glentek,« lächelte die Maid, seine Hand ergreifend und ihr

Haupt an seine Schulter lehnend, »=du= weißt nicht, wem es schlägt?«

»Von wem ist denn der Putz -- von wem das Tuch?« sagte der junge

Balinese noch immer nicht beruhigt.

»Wenn es dich ärgert, nehm ich's ab und trag's im Leben nicht wieder,«

rief schnell Kassiar, das Tuch von ihren Schultern ziehend.

»Und wer gab es dir?« fragte Glentek finster. »Kassiar ist nicht so

reich, daß sie der Fremden kostbarste Stoffe mit Reis und Kaffee kaufen

könnte.«

»Du brauchst mich deshalb nicht so finster anzusehen, Glentek,« sagte,

mit einem halbscheuen Blick zu ihm empor, das junge Mädchen. »Du

weißt, daß -- daß die Fremden jetzt alles thun, der Balinesen guten

Willen zu erkaufen und sie zu Freunden sich zu machen -- und da --«

»Und da?« wiederholte Glentek finster, aber seine Frage wurde überhört.

Inselwelt. Erster Band. Indische Skizzen · 第 12 / 20 段