Aber von dem Schotten bekamen sie im Anfang nur verworrene und

unzusammenhängende Antworten; denn in dessen Kopfe bildete sich ein

neuer Plan, ob er sich mit den Kameraden nicht vielleicht dieser Gewehre

bemächtigen könnte. Nirgends aber entdeckte er die dazu gehörige

Munition, und mißlang der Versuch, so waren sie alle verloren. Trotzdem

gelang es ihm aber doch vielleicht, die Waffen wenigstens für die

Insulaner unbrauchbar zu machen, und darüber mit sich im Reinen, begann

er plötzlich eine lebendige Erzählung. Er beschrieb den Frauen, wie sie

nun bald in Besitz eines großen Schiffes mit Kanonen sein würden, mit

dem sie nach Hagai hinüberfahren und die dortigen Insulaner züchtigen

könnten. Dabei schilderte er mit lebhaften Gestikulationen ihre Landung

dort und ihren Angriff, und erfaßte dazu, um das anschaulicher zu

machen, eines der Gewehre. Die Frauen, die den Knall dieser für sie

furchtbaren Waffen kannten, wandten erschreckt die Köpfe und baten ihn,

die Muskete hinzulegen. Mac Kringo that das, aber nicht ohne vorher den

Stein aus dem Schlosse entfernt zu haben, den er geschickt in seine

eigene Tasche schob. Immer aufs Neue kam er dabei auf den Angriff

zurück, bis er von sämmtlichen Gewehren die Steine entfernt hatte. Die

Frauen aber schöpften natürlich keinen Verdacht, denn sie konnten nicht

wissen, daß der Papalangi in solcher Schnelligkeit und vor ihren Augen

im Stande sein sollte, die Waffen vollständig unbrauchbar zu machen.

Darüber war wohl eine halbe Stunde vergangen, und der Schotte sah jetzt

durch die offenen Bambusstäbe der Hütte, daß Jonas draußen angekommen

und von Toanonga gesehen war. Das Boot mußte auch den dicht vor der

Einfahrt kreuzenden Schooner schon erreicht haben, und es drängte ihn,

zu wissen, ob die übrigen Kameraden in der Nähe und seines Rufs

gewärtig seien.

Sein erster Blick, so wie er ins Freie trat, war nach dem Schiffe

hinüber. Dieses hatte eben gewendet und hielt von den Riffen ab, denn

der Wind war so schwach geworden, daß die Mannschaft an Bord nicht mit

Unrecht fürchten mochte, auf die Corallen getrieben zu werden. Aber das

Boot war schon auf dem Rückweg, und die nächste halbe Stunde brachte

ihnen entweder Hülfe oder sah sie schlimmer in Gefangenschaft als je.

Toanonga schien indeß gar nicht mit der Ankunft des andern Weißen

einverstanden, ging auch ohne weitere Umstände auf Jonas zu und fragte

ihn, was er da schon wieder wolle.

»Was ich da will?« entgegnete dieser etwas verblüfft, »Tabak, bei Gott,

wenn das Boot landet, denn ich denke, es ist lange genug, daß wir keinen

gesehen haben.«

»Gut, Freund,« entgegnete Toanonga ruhig, »du sollst Tabak haben, jetzt

aber geh hin, wo du hergekommen bist, und laß dich nicht eher wieder

hier sehen, als bis ich dich rufe.«

»Aber ...« sagte der Matrose, der jetzt nicht wußte, ob er dem

erhaltenen Befehle folgen solle oder nicht. Der alte Häuptling ließ ihn

jedoch gar nicht ausreden.

»Hast du gehört, was ich mit dir gesprochen?« fragte er, und zwar viel

ernster, als er ihn noch je gesehen. »Komm her, Ma Kino, schicke mir den

Zimmermann einmal fort; ich habe gesagt, er soll weggehen, und ich will

ihn hier nicht länger sehen.«

Mac Kringo war, schon nichts Gutes ahnend, herangetreten. Wollten sie

sich aber jetzt schon dem Befehl widersetzen, so mußte er fürchten, daß

ihr ganzer Plan scheitern würde. Unter einer Viertelstunde konnte das

Boot nämlich nicht heran sein, und bis dahin würden die Eingeborenen sie

leicht bewältigt haben.

»Komm, Jonas,« sagte er deshalb zu dem Kameraden, »geh zurück in den

Busch, es hilft jetzt nichts, wir müssen ihm gehorchen -- aber nicht zu

weit fort. Wo sind die Anderen?«

»Nicht hundert Schritte von hier, wo da drüben die rothen Blumen

stehen.«

»Desto besser, in einer Viertelstunde kann das Boot da sein; so wie ihr

mich aber Hülfe schreien hört, kommt herbei, so rasch euch eure Füße

tragen.«

Jonas ging fort. Toanonga hatte jedoch ihrem Gespräch mit unruhigem

Blicke gelauscht. Es gefiel ihm nicht, daß sich die Beiden jetzt gerade

in ihrer Sprache so lange unterhielten, und natürlich wäre es ihm sehr

unbequem gewesen, Leute in der Nähe zu haben, die am Ende den andern

Weißen hätten beistehen können. Übrigens ließ er sich gegen Mac Kringo

nichts merken, nahm eine junge neben ihm am Boden liegende Cocosnuß auf

und sagte zu dem Schotten. »Hast du ein Messer bei dir?«

»Ja wohl,« erwiderte rasch dieser, dem daran lag, Toanonga nicht auch

gegen sich mißtrauisch zu machen. »Soll ich sie dir öffnen?«

»Laß nur sein,« erwiderte der Alte, »ich thue es selber.« Damit nahm er

das Messer und stach ein Stück aus der weichen Schale der Nuß heraus,

trank den Saft und warf die Schale bei Seite. Mac Kringo streckte die

Hand aus, das Messer wieder zurück zu empfangen, Toanonga aber schob es

mit vollkommener Gemüthsruhe in sein eigenes Lendentuch und sagte:

»Warte noch ein wenig, Ma Kino, du brauchst es doch jetzt nicht, nachher

sollst du es wieder bekommen. Sieh, das Boot ist schon beinahe am Ufer,

und unsere Freunde werden gleich da sein.«

Der Schotte biß die Zähne auf einander vor Wuth, von der alten Rothhaut

auf eine solche Art um seine einzige Waffe gebracht zu sein. Im ersten

Augenblick hatte er auch nicht übel Lust, auf ihn zu springen und es ihm

mit Gewalt zu entreißen. Gerade jetzt aber kamen vier der Egis an ihm

vorbei und gingen nach der Landung hinunter, während sich von den

übrigen Seiten die Insulaner ebenfalls herbeizogen, die ankommenden

Weißen gleich in Empfang zu nehmen. Wenn er sich nun doch mit den

Kameraden in die Hütte warf und die dort liegenden Gewehre aufgriff --

es war das vielleicht die letzte Hülfe, und in dem ersten panischen

Schrecken der Eingeborenen durfte er hoffen, das rasch herbeischießende

Boot zu erreichen. Aber auch zu jenen Waffen war ihm der Weg

abgeschnitten, denn eine Anzahl dunkler Krieger sammelte sich eben vor

dem Eingang der Hütte.

Da sah er, wie Toanonga langsam auf den Capitain des Schooners zuschritt

und neben ihm stehen blieb, und in der Todesangst, seinen ganzen Plan

gescheitert zu sehen, griff er zu dem letzten verzweifelten Mittel. Er

schritt auf die Beiden zu und fragte den Engländer mit vor innerer

Aufregung bebender Stimme, ob er keine Wehr, kein Messer, kein Pistol

bei sich habe.

»Nichts,« sagte dieser, »als meine Hände; ich habe keine Gefahr

gefürchtet, und als ich vom Bord ging, nur mein kleines Taschen-Teleskop

eingesteckt.«

»Bei Gott, das thuts!« lachte Mac Kringo wild vor sich hin. »Zieht es

heimlich in der Tasche aus, fasst dann den Alten, haltet es ihm vor den

Kopf, und droht ihm, daß ihr ihn über den Haufen schießen wollt, so wie

er sich rührt.«

»Mit dem Teleskop?« fragte der Capitain überrascht.

»Was wissen die von einem Teleskop?« rief Mac Kringo, »sie sehen das

blitzende Metall und halten das -- aber wir versäumen die Zeit, es ist

kein Augenblick mehr zu verlieren.«

Toanonga hatte den Schotten, während er sprach, aufmerksam betrachtet,

als ob er den Sinn der ihm fremden Worte errathen wolle. Das Boot war

aber kaum noch hundert Schritte vom Ufer entfernt, und die rudernden

Matrosen hatten in diesem Augenblicke ihre Riemen eingeworfen, weil sie

wahrscheinlich nicht näher an die vielen Eingeborenen fahren wollten.

Toanonga wandte sich, dort hinunter zu gehen, als er plötzlich die Hand

des Fremden auf seiner Schulter fühlte. Erstaunt drehte er den Kopf nach

ihm um, stieß aber ein überraschtes und erschrecktes _Oiau!_ aus, als

er plötzlich vor seinen Augen das unbekannte drohende Instrument

erblickte.

»Rühre dich, und du bist des Todes!« schrie dabei der Engländer, und

»Hülfe! Hülfe!« tönte Mac Kringo's gellende Stimme über den Platz.

Die ihm nächsten Insulaner wollten herzuspringen, ihrem Häuptling

beizustehen. Mit ausgebreiteten Armen warf sich ihnen aber Mac Kringo

entgegen und rief. »Halt! halt! um Toanonga's willen, er bringt ihn um,

so wie ihr euch ihm naht!«

»Hurrah, Jungen! Hurrah!« tönte in diesem Augenblicke Legs' Jubelruf

durch den Lärm, »hier sind die Burschen! Nieder mit den Rothfellen!«

Überrascht wandten die Insulaner dorthin den Kopf, als vom Wasser her

schnell hinter einander zwei Schüsse fielen und die Kugeln dicht über

ihnen in die Stämme der Palmen schlugen. Jacobs stieß zugleich einen

scharfen, eigenthümlichen Schrei aus, ein Zeichen für seine Leute, und

während die beiden Tonga-Insulaner, die mit im Boot waren, erschreckt

über Bord sprangen und dem Lande zu schwammen, griffen zwei der Leute

wieder zu den Rudern, und die andern Beiden stießen Patronen in ihre

abgeschossenen Gewehre nieder.

Mac Kringo war aber indessen auch nicht müßig gewesen. Mit raschem

Griff hatte er sich wieder in den Besitz seines Messers gesetzt, und

sein scharfer Pfiff zeigte den Gefährten die Stelle, auf der er sich

befand. Panischer Schrecken schien indessen die Insulaner erfaßt zu

haben, die mit dem bedrohten How vor sich und den Feinden an beiden

Seiten nicht wußten, welcher Gefahr sie zuerst begegnen sollten.

»Nach dem Boot! Nach dem Boot!« rief Mac Kringo, der recht gut fühlte,

daß sie diesen ersten Moment der Bestürzung benutzen mußten, und mit der

Rechten Toanonga's Arm ergreifend, während er in der linken das gezückte

Messer hielt, folgte Jacobs an der andern Seite seinem Beispiel. Dieser

hielt aber sein Teleskop noch immer drohend vor, in dessen blitzender

Nähe der erschreckte Häuptling sein Leben aufs Äußerste gefährdet

glaubte.

Auch die am Ufer postirten Indianer hatten bestürzt Raum gegeben, da sie

nur unbewaffnete Weiße zu empfangen gedachten, keineswegs aber darauf

vorbereitet waren, den auf sie gerichteten Gewehren zu begegnen. Das

Boot berührte in diesem Augenblick den Strand, und Spund, der nur ein

halb freiwilliger Theilnehmer des Angriffs gewesen war, sprang in

demselben Moment ans Land, als Legs mit Jonas, Pfeife und Lemon durch

die Schaar der am Ufer gedrängten Männer und Frauen hindurchbrach, den

sicheren Bord zu erreichen. Rechts und links theilten sie dabei

Keulenschläge aus, und Jonas, Pfeife und Lemon erfaßten schon den Rand

des Bootes und schwangen sich hinein, als zwei der Frauen sich plötzlich

und rücksichtslos auf Legs warfen und ihn schreiend zurückhielten.

»Du bist unser, du darfst nicht fort!« schrien sie dabei, und eine

ergriff die kurze Kriegskeule, die er geführt, und riß sie ihm aus den

Händen, während sich die andere an seinen Hals hängte und laute

Wehklagen dabei ausstieß.

Mac Kringo und Jacobs hatten indeß den ihnen Schutz gebenden Häuptling

bis fast zum Boote geschleppt. Jetzt aber brach auch die Wuth der

Eingeborenen aus, die wahrscheinlich glauben mochten, die Papalangis

wollten ihren How gefangen mit fortführen. Mit wildem Aufschrei stürmten

sie herbei, und eben von Toanonga's Hause wieder kam ein kleiner Trupp

von Kriegern mit den dort aufgegriffenen Musketen gesprungen.

»Hieher, Legs! hieher Spund!« schrie da Mac Kringo, indem er Toanonga

los ließ und an Jacobs' Seite mit flüchtigen Sätzen zum Boot hinunter

floh.

»Bestien!« knirschte auch Legs zwischen den zusammengebissenen Zähnen

hindurch, und ohne die geringste Rücksicht auf das zarte Geschlecht

versetzte er den beiden Frauen ein paar so wohl gezielte Schläge

zwischen die Augen, daß sie mit einem Weheruf zurücktaumelten. Im

nächsten Augenblicke war er frei und rannte an Toanonga vorüber dem

Boote zu. Die Eingeborenen aber, die jetzt ihren Häuptling außer Gefahr

sahen, sandten ihnen einen Hagel von Pfeilen nach, während die mit

Musketen Bewaffneten anlegten, aber vergebens die Hähne schnappen

ließen.

Diese vorbeschriebenen Scenen waren blitzesschnell auf einander gefolgt.

In demselben Moment aber, in dem Legs seinen beiden Frauen entsprang,

war Spund vollständig einig mit sich geworden, seine Kameraden allein

flüchten zu lassen. Zu seinem Entsetzen hatte er nämlich die halbe

Mißhandlung bemerkt, die Toanonga, den er sehr schätzte, erlitten, und

eilte jetzt rasch auf ihn zu, ihm seine Hülfe anzubieten. Toanonga

dagegen hielt gerade Spund für den ärgsten Verräther von Allen, da er,

anstatt die Weißen in seine Hände zu liefern, die Leute an Bord

jedenfalls gewarnt und sie bewaffnet herüber gebracht hatte. So ruhig

und leidenschaftlos er sich deshalb auch sonst benahm, so zornig und

empört war er jetzt. War nicht die Häuptlingswürde in ihm geschändet?

hatten die Weißen nicht gewagt, Hand an ihn, den How dieser Insel, zu

legen? Deshalb also dem ihm nächsten Krieger eine Keule entreißend,

führte er einen so gutgemeinten und raschen Schlag nach dem Schädel des

armen Teufels, daß er ihm jedenfalls verderblich geworden wäre. Zu

seinem Glück schleppte Spund aber noch immer das Buch mit sich herum,

daß er fast unwillkürlich mit beiden Händen empor hob, als er die Keule

niedersausen sah. Allerdings brach der dicke Band die Gewalt des

Schlages in etwas; derselbe war aber zu kräftig geführt worden, um sich

ganz aufhalten zu lassen, und wie das getroffene Buch auf Spund's Kopf

niederprallte, warf es den Böttcher hinterrücks auf die scharfen

Corallen.

Toanonga sah ihn stürzen, kümmerte sich aber nicht weiter um ihn, denn

wichtigere Sachen erforderten seine Aufmerksamkeit. »Nach den Canoes,

nach den Canoes!« donnerte seine Stimme die Bai entlang, und während die

mit den Musketen bewehrten Insulaner noch immer umsonst versuchten, die

verstümmelten Waffen abzudrücken, sprang die Mehrzahl der jungen Leute

flüchtigen Fußes am Wasserrand hin, die Canoes zu erreichen. Konnten sie

doch dem schwer geladenen Boot der Papalangis noch immer den Weg

abschneiden.

Einzelne waren jedoch noch zu Toanonga's Schutze zurückgeblieben und ein

paar von diesen sprangen auf Spund zu, den also Niedergeworfenen völlig

abzufertigen. Mac Kringo hatte aber im Boot die Gefahr des Kameraden

gesehen, und während die Mannschaft desselben das halb auf den Strand

gerathene Fahrzeug zurück in ein tiefes Wasser drückte, griff er eine

der Musketen auf und feuerte sie über die Köpfe der Insulaner in die

Luft. Das rettete Spund. Bei dem Schuß fuhren die Wilden unwillkürlich

zurück, während derselbe auf den Matrosen gerade die entgegengesetzte

Wirkung hervorbrachte. Mit einem Satze war er in die Höhe, und Buch wie

Glaubenseifer hinter sich lassend, warf er sich Hals über Kopf in das

Wasser hinein, den Kameraden zu folgen. Der mit so grimmer Wuth nach ihm

geführte Schlag des alten Häuptlings hatte ihn, wenn auch nicht

beschädigt, doch so erschreckt, daß er gar nicht daran dachte, einen

zweiten derartigen Angriff abzuwarten.

6.

Die Engländer kletterten, so wie das Boot flott war, hinein und griffen

die Ruder auf, während die Mannschaft des Schooners mit den Gewehren im

Anschlag stehen blieb, ihren Rückzug zu decken. Das Boot ging aber

durch die vermehrte Besetzung ziemlich schwer im Wasser und machte

keineswegs so raschen Fortgang, wie Mac Kringo gehofft hatte.

»Teufel noch einmal!« flüsterte er Lemon, der auf der Ruderbank vor ihm

saß, zu, »die Rothfelle bekommen doch am Ende Zeit, uns mit ihren Canoes

den Weg abzuschneiden.«

»Wenn ich ihnen den Spaß nicht verdorben hätte!« lachte aber Lemon

ingrimmig vor sich hin. »In alle die Canoes, die dort lagen, habe ich

ein wunderhübsches Loch hineingebohrt, und bis sie die jetzt wieder

ausschöpfen und flott machen, sind wir lange draußen.«

»Das war gescheidt, mein Bursche!« rief der Schotte, »hehehe, wie sie

uns verwünschen werden, wenn sie den Streich merken! Das war aber auch

nöthig; denn das alte runde Ding hier schleicht gerade so durchs Wasser,

als wenn wir in einem Spülfaß säßen.«

Ein paar Schüsse wurden in diesem Augenblicke vom Ufer ihnen

nachgefeuert. Entweder hatten die Insulaner den Verlust der Steine

bemerkt und ersetzt, oder noch andere Musketen gehabt. Keine der Kugeln

traf jedoch das Boot; eine zischte vorüber, und die anderen fielen schon

zu kurz.

Sie näherten sich jetzt dem schmalen Eingang der Riffe, als sie die

ersten Canoes der Verfolger aus einer geschützten Bucht vorschießen

sahen. Durch Lemon's List waren sie aber hinlänglich aufgehalten worden,

um den Flüchtigen einen ziemlichen Vorsprung zu gestatten, und da Leute

genug im Boot saßen, einander abzulösen, so ließen sie die Ruder aus

Leibeskräften arbeiten.

Die Indianer schienen ihre Canoes auch nicht alle auf einmal flott

bekommen zu haben; denn als das Boot die Riffe verließ, folgten ihnen

erst zwei, und ein drittes wurde eben sichtbar; dann entzog die über die

Corallen stürzende Brandung das innere Wasser der Bai ihren Blicken, und

sie konnten nichts weiter von dem, was dort vorging, erkennen.

Der Schooner lag etwa eine halbe englische Meile weiter draußen. Der

Steuermann hatte aber vom Masttop aus die Flucht des Bootes und die

verfolgenden Canoes bemerkt, ja, sogar die Schüsse von dort herüber

gehört und, trotz der Gefahr, die ihm selber von den Riffen drohte, die

Segel backgebraßt, seine Leute erst wieder aufzunehmen. Noch waren diese

auch eine ziemliche Strecke vom Schooner entfernt, als die ersten Canoes

schon im Eingang der Bai sichtbar wurden und mit reißender Schnelle

näher kamen; aber überholen konnten sie das Boot nicht mehr. Jetzt lief

es langseit, und wenige Secunden später kletterten schon die Matrosen

mit lautem Jubelruf an den ihnen zugeworfenen Tauen empor.

Alle wußten aber, daß sie sich trotzdem nicht eher für gerettet halten

konnten, als bis sie die Insel windwärts brachten und die drohenden

Riffe hinter sich ließen. Die Segel flogen deshalb herum, um auch den

geringsten Luftzug zu fangen, den ihnen die schwache Brise bot, und

während der Bug nach Westen abfiel, an den Riffen hinzulaufen, sprang

Mac Kringo an der Want des Vordermastes empor, einen Überblick nach der

Insel zu gewinnen.

Er kannte nämlich das Binnenwasser von Monui genau und wußte, daß gerade

nach Westen zu den übrigen Canoes ein anderer Paß blieb. Den mußten sie

nehmen, wenn sie ihnen den Weg abschneiden wollten; und daß der Schooner

nicht nach Osten entkommen konnte, war den Eingeborenen bekannt genug.

In dieser Vermuthung hatte er sich denn auch nicht geirrt, denn oben

kaum angelangt, erkannte er schon sieben stark bemannte Canoes, die über

die glatte Bai herüberschossen und denen der Schooner gar nicht mehr

vorbeilaufen konnte.

Es blieb ihnen jetzt nichts Anderes übrig, als sich zu einem Kampfe zu

rüsten; denn daß die Insulaner, solcher Art um die schon sicher

geglaubte Beute betrogen, ihren Angriff mit erbitterter Wuth machen

würden, ließ sich denken. Jacobs erfuhr übrigens kaum die neue Gefahr,

die ihm drohte, als er auch mit gutem Muth den Befehl gab, das Deck zum

Kampfe klar zu machen. Die vier Kanakas hatte er allerdings an Land

zurück lassen müssen -- und den Sandwichs-Insulanern schien diese

Gelegenheit sehr erwünscht gekommen zu sein --, dafür war aber seine

Mannschaft durch sechs tüchtige Matrosen verstärkt worden, und mit den

zwei kleinen Kanonen, die er am Bord führte, hoffte er sich die Wilden

schon vom Leibe zu halten.

Mac Kringo that es freilich leid, daß er jetzt vielleicht genöthigt sein

sollte, auf die zu schießen, die ihn doch eigentlich freundlich

aufgenommen. Dabei wußte er aber recht gut, daß sie keine Gnade zu

erwarten hätten, wenn sie zum zweiten Male in die Hände der Eingeborenen

fielen, und der Selbsterhaltung mußte jede andere Rücksicht weichen.

Ihre einzige Hoffnung war noch, daß die Brise stärker werden sollte, wo

sie den Canoes dann bald entgangen wären. Im Gegentheil schien aber der

Wind fast ganz einzuschlafen, und mit der Ungewißheit, nach welcher

Richtung hin hier die Strömung ging, donnerte ihnen die Brandung schon

drohend in das Ohr. Der Capitain ließ allerdings das Senkblei werfen,

aber sie fanden, obgleich gar nicht mehr so weit von den Riffen

entfernt, keinen Grund.

Gerade vor ihnen lief eine Corallenspitze ziemlich hoch nach Norden

hinauf, und wenn sie diese umschiffen konnten, hofften sie an den dort

mehr ablaufenden Riffen eher hinunter zu können. Gerade dort aber wurden

jetzt die ersten Canoes sichtbar, während die drei, die ihnen gefolgt

waren, ihren Angriff nur zu verzögern schienen, bis sie von ihren

Freunden unterstützt werden konnten.

Der Capitain des Schooners hatte nicht gern die Feindseligkeiten

eröffnen wollen, jetzt aber sah er ein, daß ihm keine weitere Wahl

blieb; denn einen Erfolg konnte er sich nur, bei der großen Übermacht

der Insulaner, in dem Falle versprechen, wenn es ihm gelang, sie etwas

einzuschüchtern. Die vorn am Bug stehende Kanone wurde deshalb

gerichtet, Jacobs ergriff selbst die Lunte, und die Kugel schlug gleich

darauf so glücklich ein, daß sie das geschnitzte Hintertheil eines der

Canoes wegriß und, wie es schien, den Steuernden beschädigte.

Das ließen sich die Insulaner übrigens zur Warnung dienen; denn während

sie bis jetzt ihre Fahrzeuge auf einem Trupp zusammen gehalten hatten,

vertheilten sie dieselben, und es schien, daß sie einen Angriff von

allen Seiten und zu gleicher Zeit beabsichtigten.

»Da kommt die Brise!« rief da plötzlich der Steuermann des Schooners,

der seinen Stand an der hinteren Kanone bekommen hatte, und als sich

alle Blicke dorthin wandten, sahen sie, wie sich in der That die

Oberfläche der See nach Osten zu dunkel färbte und kräuselte. Aber die

Canoes mochten das ebenfalls bemerkt haben und wußten jetzt, daß sie

ihren Angriff keinen Augenblick mehr verzögern durften. Die Ruderer

strengten alle ihre Kräfte an, die verschiedenen, ihnen angewiesenen

Plätze so rasch als möglich einzunehmen, und dies erreicht, glitten sie

von allen Seiten zugleich heran.

Die Mannschaft des Schooners erwartete sie mit klopfenden Herzen, denn

über das ganze Fahrzeug zerstreut, konnten sie kaum mehr als einen Mann

jedem Canoe zur Abwehr entgegen stellen. Näher und näher kam auch der

dunkle Wasserstreifen geflogen. Schon konnten sie erkennen, wie sich die

kleinen Wellen tanzend hoben, und jetzt -- jetzt schlugen die Segel

flappend gegen den Mast und -- blähten aus. Vorn unter dem Bug kräuselte

und schäumte das klare Wasser, und während sie sich den vorderen Canoes

rasch näherten, ließen sie die hinteren zurück.

»Alle nach vorn, Jungens!« jubelte da Jacobs' Stimme über Deck. »Das kam

zur rechten Zeit! und Bill, du hältst den Schooner gerade auf das größte

Canoe da vorne mitten darauf!«

Immer stärker wurde die Brise, schon begann sich das schlanke Fahrzeug

ein wenig zu neigen, und die hinter ihm befindlichen Canoes durften

nicht mehr hoffen zur rechten Zeit heran zu kommen. Trotzdem gaben die

vorderen den Angriff nicht auf. Sie wußten wie wenig Leute ihnen die

Papalangis entgegenstellen konnten, und daß die erste Kanonenkugel

keinen größeren Schaden angerichtet, hatte ihren Muth noch eher erhöht.

Noch ging das Fahrzeug auch nicht rasch genug durchs Wasser, daß sie

nicht hätten anlaufen und entern können; aber mit immer größerer

Anstrengung mußten die an der Seite Befindlichen arbeiten, um nicht

zurückgelassen zu werden. Vor dem Schooner hatten sich jetzt vier Canoes

gesammelt, und als er heran kam, wichen sie eben genug aus, ihn hindurch

zu lassen. Gegen den Wind, wußten sie recht gut, konnte er nicht weiter

aufluven, und unter dem Wind lagen die Corallen.

Jacobs kannte seinen Schooner, der nur aber bei mittelmäßiger Brise mit

vier und einem halben Strich ganz vortrefflich segelte und dem Wind

ordentlich in die Zähne lief. So wie er deshalb die Absicht der

Eingeborenen merkte, war auch sein Plan gefaßt.

»Gebt Feuer,« rief er, »so wie ihr das Weiße von ihren Augen sehen

könnt!« und dann selber an sein Steuer springend, ließ er sein Fahrzeug

trotz der Corallen wohl zwei Strich abfallen. Den von rechts

herbeikommenden Canoes wich er dadurch aus und überraschte die beiden an

der linken Seite so vollkommen, daß der Bug des Bonito das Hintertheil

des einen ergriff und übersegelte. Die Mannschaft desselben hielt sich

allerdings zum Theil selbst an dem vorderen Tauwerk des Schooners und

suchte an Bord zu klettern. Nachdem die Matrosen aber ihre Gewehre in

die nächsten Canoes abschossen und dort Verwirrung verbreitet hatten,

drehten sie die Musketen um, und wo sich ein Kopf über der

Schanzkleidung zeigte, traf ihn auch ein wohlgezielter Schlag.

Noch heulten und tobten die Eingeborenen in wilder Wuth um sie her, als

der Bug des Schooners schon wieder scharf gegen den Wind aufluvte. Im

nächsten Moment schossen sie so dicht an der Corallenspitze vorüber, daß

sie mit einem Steine hätten in die Brandung werfen können, und ließen

jetzt die letzten Canoes, die dieser Gefahr selber entgehen mußten,

zurück. -- Noch wenige Secunden, und sie waren gerettet, jede Gefahr lag

hinter ihnen, und Bill, der Steuermann, sprang mit seiner Lunte an die

hinterste Kanone, den Feinden noch eine Kugel zurück zu schicken. Das

aber litt Jacobs nicht.

Inselwelt. Erster Band. Indische Skizzen · 第 11 / 20 段