geflüstert, und der alte Häuptling stand auf, die Fremden zu begrüßen.
Die Leute im Boot ließen sich jetzt deutlich erkennen. Am Steuer saß ein
Europäer, die vier Rudernden waren aber sogenannte Kanakas, Eingeborene
der Sandwichs-Inseln, die jedoch mit den Riemen ganz vortrefflich
umzugehen wußten. Einige der Insulaner liefen ihnen entgegen, und halfen
ihnen das Boot auf den Corallensand ziehen, während sie mit den Fremden
ihre Begrüßungen wechselten. Die Sandwichs-Insulaner haben jedoch eine
von den Tonga's sehr verschiedene Sprache, und die Indianer konnten sich
nicht unter einander verständigen, während der Fremde die Tonga-Sprache
vollkommen gut und fließend redete.
Es war eine breitschulterige, kräftige und ächte Seemanns-Gestalt, die
den Engländer nicht verläugnen konnte, mit blauen, klaren Augen,
wettergebräunten Zügen und festgelocktem hellbraunem Haar. Er ging auch
ohne Weiteres auf Toanonga, den er bald als den How der Insel erkannt
hatte, zu, schüttelte ihm die Hand und redete ihn mit dem üblichen Gruße
der Insel an. Auf Spund, der mit der Bibel unter dem Arm nicht weit
davon stand, warf er nur einen flüchtigen und wie überraschten Blick --
denn der Bursche sah in seiner halb indianischen halb Matrosen-Tracht,
mit dem dicken Buch unterm Arm und dem gar nicht recht dazu passenden
breiten Gesicht, komisch genug aus. Er nickte ihm aber nur zu und
achtete weiter nicht auf ihn. Hatte er doch lange genug die
verschiedenen Inselgruppen besucht, um daran gewohnt zu sein, Missionare
und weggelaufene Matrosen auf ihnen zu finden, wenn er auch nicht gleich
wußte, zu welcher der beiden so verschiedenen Classen der Weiße hier
gehören mochte.
Seine Absicht war, wie er Toanonga gleich von vorn herein erklärte,
Alles von Cocosnußöl, was auf der Insel vorräthig sei, aufzukaufen und
dafür Waaren, wie sie die Insulaner gerade gebrauchten, einzutauschen.
Toanonga hörte ihm aufmerksam zu und sagte ihm dann, daß er die nöthigen
Befehle dazu geben werde. Damit ließ er den Fremden stehen und wandte
sich seinen eigenen Leuten wieder zu, wo bald einer der jungen Bursche,
der mit dem Canoe draußen an Bord des Fahrzeugs gewesen war, an seine
Seite glitt.
»Nu, Tibi--ano,« sagte da der Alte, als er weit genug von dem Fremden
entfernt war, um nicht von ihm gehört zu werden, »wie viel Weiße sind
draußen auf dem großen Canoe?«
»Noch fünf, Toanonga;« lautete die Antwort, »außer dem hier und noch
drei Kanakas. Der hier Capitain.«
»Ah, vortrefflich!« nickte Toanonga, »sehr gut das! und haben sie
Kanonen?«
»Zwei; nicht sehr große.«
Der alte Häuptling schmunzelte vergnügt vor sich hin, und warf dabei
vorsichtig den Blick umher, sich zu überzeugen, ob seine Anordnungen
ausgeführt würden. Neben dem Schiffsboot standen zwei der Egis und sechs
oder acht andere Insulaner, während die Kanakas, von einem der
Monui-Leute geführt, zu einer kleinen Gruppe von Cocospalmen gegangen
waren, dort eine Anzahl Nüsse herunter zu werfen. Der Capitain des
Schooners stand neben Spund, der ihm gerade Bericht über den Untergang
der _Lucy Walker_ abstattete.
Eben jetzt kam Mac Kringo aus dem nächsten Pandanus-Dickicht und ging
auf den Capitain zu. Zu seinem Erstaunen sah er aber, daß nicht allein
eine Menge Indianer bewaffnet waren, sondern ein Theil von ihnen sogar
im Dickicht versteckt blieb. Mit den Sitten der Insulaner bekannt,
zweifelte er keinen Augenblick daran, daß sie irgend etwas Böses gegen
die Fremden beabsichtigen, und je eher er deshalb den Bedrohten warnen
konnte, desto besser.
Der Fremde war indessen mit Spund in ziemlich lebhaftem Gespräch schräg
an der Corallenbank hinausgeschritten. Toanonga hatte ihm eben gewinkt,
zu ihm zu kommen. Dort aber, wo der Corallensand aufhörte und der
Fruchtboden begann, stand ein kleiner Streifen von Casuarinen mit ein
paar Pandanus-Bäumen und einem Unterwuchs von einzelnen niederen
Büschen. Im Schatten derselben lagen etwa acht oder neun Insulaner. So
wie jedoch der Capitain an ihnen vorüberschritt und hinter dem kleinen
Buschstreifen vom Bord seines eigenen Schiffes aus nicht mehr gesehen
werden konnte, sprangen diese plötzlich empor und warfen sich auf ihn.
Überrascht wie er war, gelang es dabei Zweien, sich seines linken Armes
zu bemächtigen, aber sicher zu ihrem Schaden, denn mit dem rechten
schlug er sie mit zwei rasch geführten Stößen, auch schon im nächsten
Augenblick bewußtlos zu Boden. Die Überzahl war jedoch zu groß; ehe er
sich gegen die Anderen wenden konnte, hingen diese überall um ihn her,
und trotz seinem wüthenden Sträuben fand er sich bald gebunden und in
der Gewalt der Feinde.
Spund war ein höchst überraschter Zeuge des Ganzen gewesen, und Alles so
schnell gekommen, daß er wirklich gar nicht einmal daran dachte, dem
Landsmann beizustehen.
Mac Kringo, der ebenfalls in der Nähe war, hatte allerdings etwas
Ähnliches gefürchtet, aber er übersah auch mit einem Blick, daß sie hier
mit Gewalt gegen die Übermacht der Eingeborenen nichts ausrichten
konnten und verhielt sich deshalb gleichfalls ganz ruhig.
»Hallo, ihr Halunken!« schrie dabei der Engländer in der Tonga-Sprache,
»ist das eure Gastfreundschaft, mit der ihr einen Fremden bewillkommt,
und ihm vorher euer verrätherisches _chio do fa_ entgegen ruft? und ihr
da,« wandte er sich gegen die Weißen, als er Mac Kringo gerade
erblickte, »=zwei= Engländer und lassen mich hier von den verdammten
Rothfellen mißhandeln? Ihr seid schöne Canaillen! hätte ich nur =Einen=
von meinen weißen Leuten hier an Land, ein ganzes Schock dieser braunen
Schufte wäre mir nicht zu nahe gekommen.«
Die Kanakas hatten allerdings ihrem Capitain im Anfang zu Hülfe springen
wollen, da sie aber von allen Seiten kriegerische und bewehrte Gestalten
auftauchen sahen, wichen sie scheu zurück, es ihrem Führer überlassend,
sich allein aus dieser Verlegenheit heraus zu arbeiten.
Vollkommen ruhig bei diesem plötzlich hereingebrochenen Kampfe war
Toanonga geblieben, der nun erst, als er den Weißen gebunden und
unschädlich gemacht sah, zu ihm trat.
»Ist das die Freundschaft, die du mir durch dein Canoe hast anbieten
lassen, wortbrüchiger Häuptling?« rief ihm der gereizte Engländer
entgegen.
»Ruhig, mein Freund!« suchte ihn indessen Toanonga zu beschwichtigen.
»Du bist jetzt in unserer Gewalt, und es ist außerordentlich
leichtsinnig von dir, durch nutzloses Schimpfen einen mächtigeren Feind
zu reizen. Wenn wir dir hätten ein Leids zufügen wollen, so brauchten
wir dir nur den Schädel einzuschlagen, und die Sache wäre abgemacht
gewesen. Wenn du dich aber ruhig verhältst und das thust, was wir von
dir verlangen, so hast du nicht allein für dich oder die Deinen nichts
zu fürchten, sondern kannst auch nach einiger Zeit deine Reise
ungehindert fortsetzen.«
»Und was verlangst du von mir?« fragte der Fremde. »Wenn es etwas ist,
das ich erfüllen kann, wär' es doch wohl vernünftiger gewesen, mich auf
andere Weise darum zu fragen, als so über mich herzufallen!«
»Daß du es erfüllen =kannst=, wußte ich vorher,« erwiderte vorsichtig
Toanonga, »nur darauf kam es an, ob du es erfüllen =wolltest=, und ich
hielt es deshalb für besser, mir eben diesen guten Willen vorher zu
sichern.«
»Eine verdammt schöne Art!« fluchte der Capitain, »wenn du dich nur
nicht darin geirrt hast!«
»Ich glaube kaum,« sagte vollkommen gleichmüthig der Häuptling. »Wie
heißest du?«
»Jacobs,« brummte der Fremde verdrießlich.
»Und dein Schiff?«
»Bonito.«
»Sehr gut. Nun sieh, wir brauchen hier auf Monui dein Schiff und deine
Kanonen, um nach Hapai hinüber zu fahren, und die Häuptlinge zu
züchtigen, die ihre Verbindlichkeiten gegen uns nicht erfüllt haben.«
»Mein Schiff!« schrie Jacobs wild emporzuckend, »den Teufel auch! das
brauche ich selber! und wenn ihr das haben wollt, so holt es Euch
draußen; seid aber versichert, daß euch mein Steuermann auf eine Art
empfängt, die euch nicht behagen wird.«
»Das habe ich mir etwa gedacht,« lachte der Alte, »und dich hier
festgehalten, um uns die Mühe zu ersparen. Du bist in unserer Gewalt,
wie du recht gut weißt, und meine Egis haben beschlossen, dir das Leben
zu nehmen, wenn du nicht nach unserem Willen thust. Fügst du dich aber
in das, was du doch nicht mehr verhindern kannst, so verspreche ich dir,
daß wir dein Schiff allerdings jetzt nehmen und deine Kanonen gebrauchen
werden, daß du es aber wieder bekommen sollst, wenn wir in Hapai gesiegt
haben.«
»Der Teufel trau' euch!« rief Jacobs, »und im allergünstigsten Falle
hätte ich ein paar Monate von meiner besten Zeit verloren. Nein! Thut
mit mir, was ihr wollt, aber das Schiff bekommt ihr nicht. Und darauf
verlaßt euch, daß mein Bruder, der Steuermann an Bord des Bonito ist,
blutige Rache nehmen wird, wenn ihr mir ein Leides thut.«
»Sei vernünftig, Freund! Was kann er uns zufügen?« sagte Toanonga, »er
muß froh sein, wenn er unseren Canoes entgeht. Du hast nur noch fünf
weiße Männer an Bord, und der Wind draußen wird schon schwächer. Wenn
wir noch ein paar Stunden warten und rudern dann hinaus, so könnt ihr
nicht einmal fort, und dann ist das Schiff unser, und du bekommst nie
etwas davon wieder.«
Jacobs wollte heftig darauf erwidern, Mac Kringo aber, der indessen
hinzugetreten war, blinzelte ihm heimlich zu und sagte dann zu dem
Alten:
»Laß mich mit ihm reden, Toanonga; er wird Vernunft annehmen, wenn er
einsieht, daß er doch nichts daran ändern kann.«
Toanonga sah den Schotten etwas überrascht an, denn er hatte sein Kommen
gar nicht bemerkt und mochte ihm auch vielleicht nicht so ganz trauen.
Da er die Fremden aber ganz in seiner Gewalt wußte, schien er dem
Vorschlage nach einiger Überlegung beizustimmen.
»Gut, Ma Kino,« sagte er, »sprich du mit ihm.«
»Und was willst du, daß er thun soll?« fragte der Schotte.
»Er soll hinausschicken und die anderen weißen Männer an Land rufen. Er
mag ihnen sagen lassen, daß sie Messer und Tabak mitbringen, um dafür
Cocosöl einzutauschen!«
»Daß ich ein Esel wäre!« rief Jacobs. »Ich soll mir selber die Hände
binden, nicht wahr?«
»Seid ihr der Capitain des Schooners?« fragte ihn der Schotte in
englischer Sprache.
»Ja wohl, der bin ich. Waret ihr mit auf der _Lucy Walker_?«
»Ja. -- Wie viel Weiße habt ihr noch am Bord, auf die ihr euch fest
verlassen könnt?«
»Fünf, mit dem Steuermann.«
»Den Steuermann können wir nicht rechnen,« sagte der Schotte, »der muß
an Bord bleiben. Wissen die anderen Vier mit Gewehren umzugehen?«
»Vortrefflich. Drei sind Franzosen von Taiti, und der Vierte ist ein
Deutscher. Aber glaubt ihr wirklich, daß die Rothfelle ihre Drohung
ausführen würden?«
»Ich fürchte fast, ja. Sie sind sonst gutmüthig und friedlich genug,
aber jetzt gerade zu einem Kriege gerüstet, und ich möchte euch nicht
rathen, sie zum Äußersten zu treiben.«
»Aber wenn ich das Boot ans Ufer kommen lasse, bin ich verloren, denn
sobald sie ihre Canoes hinausschicken, kann mein Steuermann mit den paar
Kanakas das Fahrzeug nicht allein halten.
»Habt ihr Musketen an Bord?«
»Gewiß.«
Mac Kringo schwieg eine Weile und sah nachdenkend vor sich nieder.
Toanonga aber, der ein paar Schritte davon entfernt mit einem Häuptling
sprach, wurde schon ungeduldig und drehte sich nach ihnen um.
»So wie so ist es eine verzweifelte Geschichte,« sagte da der Schotte.
»Gebt ihr euch ihnen nicht gutwillig, so brauchen sie Gewalt, und euer
eigenes Leben ist dann in ihren Händen. Mit so schwacher Besatzung
hättet ihr nicht so leicht an Land kommen sollen. Trotzdem ist es doch
am Ende noch möglich, sie anzuführen, wenn ihr euch verpflichten wollt,
uns Europäer von dieser Insel mit fortzunehmen.«
»Wie viel seid Ihr?«
»Sechs; und so tüchtige Matrosen, wie ihr euch wünschen könnt.«
»Aber hier stehen wenigstens sechszig bewaffnete Insulaner um uns her.«
»Deshalb müssen wir euere vier Leute noch vom Boot zu Hülfe haben.«
»Und dann sollen wir uns mit Gewalt durchschlagen?«
»Wir müssen es versuchen! Ich weiß wenigstens keine andere Möglichkeit,
euch zu helfen.«
»Und wer bürgt mir dafür, Freund, daß =ihr= es ehrlich mit mir meint?«
sagte Jacobs. »Ihr habt mich hier ohne Warnung den Rothfellen in die
Hände laufen lassen, und wie kann ich wissen, ob ihr nicht mit ihnen
unter Einer Decke steckt!«
»Das Mißtrauen muß ich euch allerdings zu Gute halten,« sagte Mac
Kringo, »und wenn ihr meinem ehrlichen Gesicht nicht glaubt, habe ich
keine weitere Bürgschaft für euch, als die Versicherung, daß uns allen,
oder wenigstens Fünfen von uns, der Boden hier unter den Füßen brennt,
und wir Gott danken wollen, wenn wir die Insel im Rücken haben. Jetzt
thut was ihr wollt; wenn ihr einen anderen Rath wißt, euch zu helfen, so
ist es mir lieb, wo nicht, so sagt mir euere Meinung bald, denn wie ich
sehe, fängt der Alte da hinten an, die Geduld zu verlieren.«
»Ihr habt Recht,« sagte Jacobs nach kurzer Pause, »es ist das die
einzige Rettung. Im allerschlimmsten Falle kann dann mein Bruder, der
Steuermann, doch am Ende noch mit den paar Kanakas und dem Fahrzeug
entkommen, sobald er merkt, daß für uns Alles verloren ist. Aber auf
welche Art kann ich ihm Kunde schicken? Wenn die Insulaner wenigstens
meine Leute zurückrudern ließen!«
»Ich glaube schwerlich, daß Toanonga das zugiebt,« sagte der Schotte,
»denn der günstige Erfolg seiner ganzen List beruht nur darauf, daß die
am Bord keinen Verdacht schöpfen. Aber da kommt er selber, jetzt wollen
wir gleich hören, wie er sich die Sache weiter ausgedacht hat.«
Toanonga war wirklich ungeduldig geworden, denn da er sich nun einmal
mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, das Schiff den Fremden
wegzunehmen und zu seinen eigenen Zwecken zu verwenden, erschien es ihm
höchst rücksichtslos von dem Papalangi, daß er ihn auch noch so lange
darauf warten ließ.
»Nun mach rasch, Ma Kino,« sagte er, als er zu ihm trat, »meine Leute
wollen nicht länger warten, und wir haben auch keine Zeit zu verlieren,
denn der Tag vergeht. Was sagt der Papalangi?«
»Er fügt sich deinem Willen,« erwiderte der Schotte; »wenn ihr keinem
von ihnen ein Leides thun und ihnen das Fahrzeug, sobald ihr es
gebraucht habt, zurückgeben wollt.«
»Nun versteht sich, versteht sich,« erwiderte der Alte, ungeduldig mit
dem Kopfe schüttelnd.
»Aber der Steuermann hat Antheil an dem Fahrzeug,« fuhr Mac Kringo fort,
»und wird es nicht gutwillig hergeben wollen.«
»Nicht gutwillig hergeben wollen?« lachte Toanonga, »wenn wir die Weißen
erst an Land haben, brauchen wir ihn nicht lange zu fragen.«
»Aber wie willst du die an Land bekommen, Toanonga?« fragte der Schotte.
»Wer soll hinüberfahren, sie zu holen? Denn eine Flagge haben wir nicht
hier, ihnen ein Zeichen damit zu geben.«
»Du hast Recht,« sagte Toanonga, und sah sinnend vor sich nieder. Den
Papalangi selber durfte er nicht schicken, der wäre natürlich nicht
wieder gekommen, und die Kanakas durfte er auch nicht hinüber lassen, da
die ja Zeuge des Überfalls ihres Capitains gewesen waren.
Mac Kringo, wie einem der anderen Weißen auf der Insel traute er
ebenfalls nicht, und das Einzige blieb, daß er ein paar von seinen
eigenen Leuten hinüber rudern ließ. Dabei konnte er sich aber nicht
verhehlen, daß die Fremden kaum einem Befehl Folge leisten würden, der
ihnen von den Eingeborenen einer fremden Insel gebracht wurde. Ein paar
Mal kam ihm freilich der Gedanke, ohne Weiteres mit seinem Canoe
hinauszufahren und den Schooner, der doch nicht ohne seinen Capitain
absegeln konnte, zu entern; aber er fürchtete die Kanonen und durfte
seine kriegsfähigen, jungen Leute, gerade im Begriff, einen Kriegszug
zu unternehmen, nicht also gefährden; so lange er deshalb hoffen durfte,
seinen Plan mit List durchzusetzen, wollte er jede Gewaltthat gern
vermeiden.
»Spricht jemand bei euch an Bord die Tonga-Sprache?« fragte da Mac
Kringo, während der Alte noch mit sich zu Rathe ging, den fremden
Capitain in englischer Sprache.
»Nein, kein Mensch,« sagte dieser.
»Desto besser,« nickte der Schotte und fuhr dann, zu Toanonga gewendet,
fort: »Darf ich dir einen Vorschlag machen, die Leute an Bord das wissen
zu lassen, was du willst?«
»Allerdings, sehr gern!« rief der Alte, dem damit ein großer Gefallen
geschehen wäre.
»Nun gut, so schicke Spund mit zwei Tongaleuten hinüber.«
»Spund?« fragte Toanonga, und schüttelte bedenklich mit dem Kopf.
»Spund ist eine gute, ehrliche Haut,« beruhigte ihn der Schotte, »und
wenn du dem drohest, du würdest ihm den Schädel einschlagen, sowie er
das Geringste verriethe, warnte er seinen eigenen Vater nicht. Außerdem
braucht er gar nichts zu bestellen, denn du weißt, daß die Papalangis
die Kunst verstehen, auf ein weißes Stück Zeug Zeichen zu malen, die
einem Anderen sagen, was er wissen soll.«
»Da kann der Fremde aber darauf setzen, was er will!«
»Er mag es in der Tonga-Sprache thun, und du kannst dich dann selber
überzeugen, daß er nichts sagt, als was du von ihm verlangst.«
Toanonga begriff noch nicht recht, wie das Ganze gemeint sei. Auf Spund
glaubte er sich übrigens am ersten verlassen zu können, und wollte jetzt
wenigstens sehen, was die Fremden im Sinne hätten. Er gab auch des
Gefangenen Hände frei, und dieser ging rasch auf Mac Kringo's Plan ein,
nahm seine Brieftafel aus der Tasche, riß ein Blatt heraus und schrieb
darauf in der Tonga-Sprache: Schicke mir augenblicklich die vier
Papalangis herüber und laß sie Messer und Tabak mitbringen; darunter
aber setzte er in Englisch nur die Worte: Verrath! schicke die vier
Matrosen gut bewaffnet!
Toanonga hatte neben ihm gestanden und ihm aufmerksam zugesehen, war
aber sehr erstaunt, daß der Fremde so rasch damit fertig wurde.
»Und da sollen sie jetzt wissen, was das bedeutet?« fragte er lachend.
»Nun wartet, das wollen wir gleich erfahren. Geh' einmal weg, Ma Kino,
der Fremde soll mir allein sagen, was er darauf gemalt hat.«
Der Schotte trat zurück, und Jacobs las Toanonga die im Tonga-Dialekt
geschriebenen Worte langsam vor. Darauf ging der Häuptling mit dem
Zettel zu Mac Kringo, und war aufs Äußerste erstaunt, als dieser ihm
jede Silbe genau wiederholte, wobei sich dieser jedoch wohl hütete, das
Englische mitzulesen. Toanonga traute aber noch immer nicht; denn die
Beiden konnten sich auch über diese Worte vorher verständigt haben. Er
ging also wieder zu Jacobs zurück und flüsterte ihm zu, die beiden Worte
=Monui= und =Toanonga= aufzuzeichnen. Davon konnte Mac Kringo jetzt
nichts wissen, als er aber diesem das Blatt zeigte, und der die Worte
ohne Schwierigkeit ablas, kannte sein Erstaunen keine Gränzen. Besonders
konnte er sich gar nicht denken, daß er Monui gleich erkannt habe, da
die fünf sehr auffälligen Bergspitzen der Insel gar nicht darin zu
unterscheiden waren.
Er machte den Versuch auch noch mit ein paar andern Worten, und würde
sich wahrscheinlich den ganzen Tag damit unterhalten haben, hätte die
Zeit nicht gedrängt. Von dem also abgefaßten Briefe versprach er sich
aber einen außerordentlichen Erfolg, nahm Spund zur Seite und flüsterte
lange und heimlich mit ihm. Spund schien auch mit Allem einverstanden
und nickte in Einem fort mit dem Kopfe. Die beiden Insulaner, die vorher
mit dem Canoe an Bord gewesen waren, wurden dann in dem Boot der Weißen
mit Spund abgeschickt, und dieser würdige Mann war jetzt nur in
Verlegenheit, wohin er mit seinem Buche indessen sollte. An Land durfte
er es nicht lassen; denn die Eingeborenen, die es sich einmal in den
Kopf gesetzt, daß es Beschwörungen und Zauberformeln enthalte, hatten
ihm schon eine Menge Blätter herausgerissen, wo sie deren nur habhaft
werden konnten. Mac Kringo wollte er es auch nicht anvertrauen, und
beschloß deshalb, es lieber mitzunehmen.
Der Schotte stand mit vorn am Bug, als sie das auf den Corallensand
gezogene Boot wieder in tiefes Wasser schoben. Wie Spund aber bei ihm
vorbei an Bord stieg, flüsterte er ihm zu. »Bringe Hülfe, oder wir sind
verloren!«
»Ja, aber!« rief Spund ganz verblüfft, da er der erhaltenen Befehle
Toanongas gedachte. Mac Kringo ließ sich jedoch auf keine weitere
Erklärung ein, im nächsten Augenblick war das Boot flott, und die beiden
Indianer ruderten es rasch dem Eingang der Bai entgegen.
5.
Mac Kringo war jetzt mit seinem Plan im Reinen; die Kameraden durften
keinen Fluchtversuch im Canoe machen, so lange noch der Capitain des
Schooners am Ufer gefangen gehalten wurde. Ihre einzige Rettung lag im
Gegentheil darin, daß sie mit der Verstärkung vom Schooner, die
jedenfalls Gewehre mitbrachte, ihre eigene Schaar herbeizogen, und dann
den Indianern weit eher die Spitze bieten konnten. Langsam ging er
deshalb auf die, seinen Schiffsgenossen schon im Voraus bezeichnete
Corallenbank hinaus, blieb dort einen Augenblick stehen, und kehrte dann
zum Ufer zurück. Er wußte jetzt, daß er die Kameraden bald in der Nähe
hatte, und gelang es ihnen dann, sich bei dem Boote zusammen zu drängen
und dieses in Besitz zu nehmen, so durften sie hoffen, ihre Flucht
glücklich zu bewerkstelligen.
Allerdings waren alle in der Nähe wohnenden Indianer an der Landung
versammelt, da Toanonga seine Leute zusammen halten wollte, um die vier
Matrosen in Empfang zu nehmen. Gelang es ihnen jedoch, das Boot zu
besetzen, so hatten sie dadurch auch wieder den Vortheil, daß die
Indianer die wohl eine Viertelstunde entfernt liegenden Canoes nicht so
rasch erreichen konnten und ihnen einen tüchtigen Vorsprung lassen
mußten. In dem Bewußtsein freilich, daß sich jetzt der entscheidende
Augenblick näherte, und daß ihnen entweder Freiheit winkte, oder im
Falle des Mißlingens die größte Gefahr von den gereizten Eingeborenen
drohe, schlug ihm das Herz stürmisch und ängstlich in der Brust. Die
Minuten dehnten sich ihm zu Stunden aus, und in der Unruhe, in der er
sich befand, schritt er den Büschen zu, vielleicht einem der Kameraden
zu begegnen und ihm Vorsicht zu empfehlen.
Dort kam er an Toanonga's Haus vorbei, und wenn die Eingebornen auch
eines Häuptlings Wohnung nicht betreten dürfen, besonders wenn sich die
Frauen darin aufhalten, ohne von ihnen dazu aufgefordert zu sein, hatte
man es mit ihm, der als ein Häuptling der Weißen und als ein Fremdling
betrachtet wurde, nie so genau genommen. Im Gegentheil war er von Anfang
an den Frauen stets willkommen gewesen, da er, der Sprache mächtig,
ihnen viel vom Lande und von den Frauen der Papalangis erzählen konnte.
So trat er auch jetzt einen Augenblick hinein, um die ihm nachschauenden
Indianer glauben zu machen, er schlendre nur wie gewöhnlich absichtslos
in der Nachbarschaft umher.
Hatte er sich aber wirklich dort nur ein paar Minuten aufhalten wollen,
so änderte er bald seinen Plan; denn seinem scharfen in dem inneren Raum
umhergeworfenen Blick entgingen nicht die in einer Ecke lehnenden sechs
oder acht Musketen, die hier jedenfalls zu plötzlichem Gebrauch bereit
gelegt schienen. Den Frauen kam er dabei sehr erwünscht, denn diese
brannten vor Neugierde, etwas Näheres über das zu hören, was außen
vorging. Etwas Außergewöhnliches war jedenfalls im Werke, darüber
konnten sie sich nicht täuschen, wären die Gewehre auch nicht
hervorgeholt worden. Toanonga hatte ihnen jedoch nicht eine Silbe davon
erzählen wollen, und Niemanden sahen sie deshalb jetzt gerade lieber als
Mac Kringo.