Mit Tagesanbruch am nächsten Morgen herrschte an der Landung von Monui

ein außerordentlich reges Leben und Treiben. Schon gestern Abends hatten

die Insulaner von ihrem Strand aus das nahende Segel erkannt, und

Früchte und Gemüse wurden gepflückt und ausgegraben und alle möglichen

anderen Gegenstände hervorgesucht, um, sobald das fremde Fahrzeug

herankäme, einen lebhaften Tauschhandel mit ihm zu eröffnen. War doch

schon vieles, was ihnen die weißen Männer bringen konnten, auf der sonst

so einfachen Insel zum Bedürfniß geworden, während sie jetzt bei dem

bevorstehenden Krieg auch noch hofften, mehr Feuerwaffen und Munition

und damit den gewissen Sieg über die feindlichen Stämme zu erlangen.

Mac Kringo hatte Spund noch am vorigen Abend getroffen und ihm seinen

Plan mitgetheilt. Zu seinem Erstaunen schien der würdige Bursche aber

nicht die mindeste Lust zu haben, darauf einzugehen. Seit er nämlich die

Bibel erhalten und fleißig darin gelesen hatte, war das, was bei ihm

früher nur eine Art von stiller Neigung gewesen, zur wirklich fixen Idee

geworden, daß er nämlich berufen sei, diese Heiden zu Christen zu

machen.

Vergebens suchte ihm der Schotte eine solche Idee auszureden und ihm

begreiflich zu machen, daß er ganz gewiß ein tüchtiger Matrose und

Böttcher sei, höchst wahrscheinlich aber einen nur sehr mittelmäßigen

Prediger abgeben würde. Spund ließ sich nicht irre machen; entgegnete,

daß Petrus auch nur ein Fischer gewesen sei, also auch nicht einmal ein

Böttcher, und Alles nur eben auf den Beruf ankomme. Dabei war er fest

überzeugt, daß ihr Schiff, die »_Lucy Walker_,« nur seinetwegen

verbrannt sei, um ihn hier, an dieser für ihn bestimmten Stelle

festzuhalten, und die Übrigen -- Mac Kringo wie die anderen Kameraden --

konnten Gott danken, daß sie mit ihm in einem Boote gewesen seien, sonst

wären sie auch zu Grunde gegangen.

Über den Brand des Fahrzeuges hätte ihm nun allerdings der Schotte einen

besseren Aufschluß geben können, und schien einmal nicht übel Lust dazu

zu haben, überlegte sich aber doch die Sache anders und schwieg.

Vergebens waren aber alle Versuche seinerseits, den Kameraden von dem

einmal gefaßten Vorsatz abzubringen. Nur dazu verstand er sich, ihren

Planen, wenn sie wirklich fliehen wollten, kein Hinderniß in den Weg zu

legen, ja, sie eher nach besten Kräften zu fördern. Und das geschah noch

in seinem eigenen Interesse; denn von dem Christenthum der Kameraden

hielt er außerordentlich wenig und fürchtete eher, in seinen neuen und

frommen Planen durch die Anderen gestört und verspottet zu werden. Je

früher sie also die Insel verließen und ihm das Feld räumten, desto eher

durfte er hoffen, ein Resultat zu erreichen.

Das Fahrzeug war indessen mit der frischen Morgenbrise rasch näher

gekommen, und es ließ sich jetzt deutlich erkennen, daß es keineswegs

ein großer Wallfischfänger, sondern, wie die beiden Matrosen gestern

Abends richtig gesehen hatten, nur ein kleiner Schooner von vielleicht

hundert oder hundertzwanzig Tonnen war. Im Anfang hatten die Insulaner

auch ihre Canoes bereit gehalten, mit denen sie das fremde Fahrzeug

anlaufen wollten, und Mac Kringo überlegte sich schon dabei, ob es in

dem Falle nicht möglich sein würde, ein Canoe selbst mit Gewalt zu

nehmen und einen offenen Fluchtversuch zu wagen. Da änderten die

Indianer plötzlich ihren Plan. So wie das Fahrzeug nahe genug kam, die

Stärke desselben deutlich erkennen zu können, hatte Toanonga seine Egis

zu einer raschen Berathung zusammenberufen. Die Unterredung mußte auch

sehr wichtig sein, denn sie besprachen sich lange und heimlich mit

einander, und als sich ihnen der Schotte nähern wollte, wurde er

zurückgewiesen.

Das sah nun allerdings aus, als ob die Indianer etwas im Schilde

führten; aber was konnten sie beabsichtigen? einen offenen Angriff? Ihre

Canoes lagen sämmtlich in einer kleinen, durch Mangrove-Büsche

geschützten Bai, um aber mit ihnen hinaus in See zu kommen, mußten sie

über das offene, wohl eine halbe Stunde breite Binnenwasser, das

zwischen den Corallenriffen und dem Ufer lag, und nur ein einziger

schmaler Weg blieb ihnen durch die Riffe und die darüber stürzende

Brandung ins Freie. Das fremde Fahrzeug hätte also in einem solchen

Falle entweder Zeit genug behalten, sich gegen einen solchen Angriff zu

rüsten oder demselben auch, mit der jetzt frisch wehenden Brise, leicht

entgehen können.

Das schien aber auch nicht in der Absicht der Eingeborenen zu liegen,

denn ihre Canoes wurden nicht gerüstet. Nur ein einzelnes, ganz kleines

ruderte, von zwei Insulanern bemannt, hinaus, der Einfahrt zu.

Bis jetzt hatte sich nun allerdings Mac Kringo als Dolmetscher der Insel

betrachtet, und daß Toanonga diesmal seine Hülfe nicht in Anspruch

nehmen wollte, machte ihn stutzig. Jedenfalls aber bekam er dadurch

einen Vorwand, den alten Häuptling nach der Ursache zu fragen, und ging

deshalb langsam auf ihn zu. Hatte er ein Geheimniß, so wollte er es bald

aus ihm heraus bekommen.

Jonas war vor einer Viertelstunde, der gestrigen Verabredung gemäß,

richtig eingetroffen, von dem Alten aber augenblicklich wieder

fortgeschickt worden und befand sich jetzt mit Legs auf der Landzunge

und ziemlich in der Nähe. Nur von Pfeife hatte der Schotte nichts

erfahren können. Spund wußte seiner Aussage nach allerdings die Stelle,

wo seine Wohnung stand, wollte ihn aber in den letzten vier Wochen mit

keinem Auge gesehen haben und behauptete nur, daß er einige Mal längere

Unterredungen mit Toanonga selber gehabt.

Der alte Häuptling saß wie gewöhnlich vor seiner Hütte und nickte dem

Schotten, als er ihn kommen sah, freundlich und herablassend zu.

»Willst du keinen Handel mit dem Schiff treiben, Toanonga?« fragte ihn

dieser, als er, neben ihm angekommen, sich bei ihm niedergelassen hatte.

»Brauchst du keinen Tabak und keine Beile mehr?«

»Je nun, Ma Kino,« schmunzelte der Alte, »können immer Alles gebrauchen.

-- Wenn Papalangis aber mit Toanonga handeln wollen, mögen sie selber

herüberkommen.«

»Aber ein Canoe ist doch schon zu ihnen hinübergefahren.«

»Ja,« sagte der Alte gleichgültig, »habe es auch gesehen; sind

neugierige junge Leute, die vielleicht einmal zuschauen wollen, was die

Papalangis an Bord haben.«

Mac Kringo wußte recht gut, daß sich der Alte nur so stellte, als ob

jenes Canoe aus freien Stücken dort hinüber gefahren sei. Ohne seine

Erlaubniß durfte nämlich gar kein Fahrzeug das Binnenwasser verlassen,

mit irgend einem Schiffe Handel zu treiben. Er ließ sich jedoch nichts

merken und antwortete nur ruhig:

»Sie werden aber nicht verstehen, was die Papalangis zu ihnen sagen.«

»Bah!« lachte der Alte, »ist auch nicht nöthig! was werden die

Papalangis viel sagen? Aber weißt du, Ma Kino, was das für ein Schiff

ist? doch keines, das herumfährt, Wallfische zu fangen?«

»Ich glaube kaum,« sagte der Schotte, »und denke eher, daß es zu euch

kommt Cocosnußöl einzutauschen.«

»Hm, das habe ich mir auch gedacht! Ob sie wohl Kanonen an Bord haben?«

»Jedenfalls,« meinte Mac Kringo, der dadurch alle etwaigen Gelüste des

Häuptlings auf das Schiff abzuwenden suchte. »Bewaffnet sind derartige

Schiffe immer gut, denn sie wissen nie, ob sie Freunde oder Feinde auf

den Inseln finden.«

Toanonga erwiderte nichts hierauf, sondern sah eine Weile nachdenkend

vor sich nieder; endlich sagte er:

»Wär' ein vortrefflich Ding, wenn wir auch Kanonen hätten; was meinst

du, Ma Kino? könnten nach Hapai hinüberfahren und die ganze Insel

wegnehmen. Bum -- bum! wie die Hapai-Burschen laufen würden, wenn

Toanonga mit solchen großen Dingern zu ihnen käme!«

»Die Papalangis verkaufen nur nicht gern ihre Kanonen,« meinte der

Schotte, »sie brauchen sie immer selber und können hier keine anderen

dafür wieder bekommen.«

»Wär' auch gar nicht nöthig,« sagte Toanonga finster, »brauchen hier

nicht herzukommen und Tonga-Leute todt zu schießen -- Tonga-Leute gehen

auch nicht zu den Papalangis und fangen dort Krieg an.«

Wieder machte er eine Pause, und Mac Kringo schwieg ebenfalls, da er

nicht recht wußte, was er ihm darauf erwidern sollte! Jedenfalls merkte

er aber, daß der Alte etwas auf dem Herzen habe und nur nicht recht mit

der Sprache herauswollte.

»Sag einmal, Ma Kino,« fuhr da endlich Toanonga fort, »gefällt es dir

auf Monui?«

»Mir? gewiß!« erwiderte durch die Frage etwas überrascht der Schotte,

denn bis jetzt hatte sich der alte Häuptling entsetzlich wenig darum

gekümmert, ob ihnen das Leben dort zusagte oder nicht.

»Und möchtest du wieder hinaus und Wallfische fangen?«

»Ich danke schön, wenn es nicht sein =muß=, gewiß nicht!« lachte der

Matrose.

Toanonga schien mit der Antwort zufrieden, denn er nickte leise vor sich

hin.

»Gut,« sagte er dann, »und wenn wir jetzt so ein paar Kanonen und solch

ein großes Schiff hätten, dann könnten wir's bald noch besser bekommen.

Wenn Ma Kino mit nach Hapai geht und dort viel Beute macht, kann er sich

Frauen nehmen, so viel er will, die Mädchen von Hapai sind jung und

schön.«

»Wo, zum Henker! will der Alte hinaus?« dachte der Schotte. »Hat er doch

am Ende Absichten auf das Schiff, und sollen wir ihm die Castanien aus

dem Feuer holen? darin irrst du dich aber, mein Bursche, denn was =du=

wegschenkst, ist auch gewöhnlich nicht werth, daß man es aufhebt.«

»Pfeife ist ein guter Bursche,« sprang da plötzlich Toanonga auf ein

anderes Thema über, »und Spund sehr gut, nur ein Bißchen dumm, Jonas

nicht viel werth, Schmied gar nicht, und Koch ganz schlechter Kerl --

werde ihm noch zwei Frauen geben, wenn er mit denen nicht Frieden hält.«

Mac Kringo lachte, denn er dachte in dem Augenblicke daran, was ihm

Jonas gestern Abends erzählt und welche schwere Zeit der arme Legs

schon jetzt mit seinen Frauen hatte. Die Gelegenheit war aber auch zu

günstig, etwas von Pfeife's Aufenthalt zu erfahren, und er fragte

deshalb den Alten, wo er stecke und was er treibe.

»Pfeife,« sagte Toanonga, der nur die Spitznamen der Matrosen erfahren

hatte und sie danach nannte, »Pfeife geht es sehr gut. Braver Papalangi,

arbeitet fleißig und macht Segel für die Canoes, und Lemon hilft ihm.«

»Lemon ist bei ihm?« rief Mac Kringo schnell.

Toanonga antwortete ihm nicht darauf, denn seine Aufmerksamkeit wurde in

diesem Augenblicke zu sehr durch den Schooner in Anspruch genommen.

Dieser kreuzte jetzt dicht vor den Riffen und hatte gerade das zu ihm

ausgekommene Canoe langseit genommen. Mac Kringo lag auch nichts daran,

sich jetzt noch länger hier aufzuhalten, denn er wußte Alles, was er

wissen wollte, und da Toanonga das Gespräch nicht wieder aufnahm, erhob

er sich und verließ langsam, als ob er in den Wald wieder

hineinschlendern wollte, den Platz. Sobald er dem Alten übrigens aus

Sicht war, eilte er, jeden gebahnten Weg vermeidend, so rasch er konnte,

der Landspitze zu, auf der er die Kameraden wußte. Diesen mußte er seine

Vermuthungen mittheilen und gemeinschaftlich mit ihnen einen Plan

berathen.

3.

Mac Kringo hatte geglaubt, seinen Weg ziemlich unbemerkt verfolgen zu

können. Das, sah er bald, war nicht möglich, denn von allen Seiten kamen

Insulaner und besonders Frauen herbei, und zwar die letzteren nur aus

Neugierde, einen so seltenen Gegenstand, wie ein fremdes Schiff, zu

betrachten. Im Anfange suchte er ihnen auszuweichen, da er aber dadurch

Verdacht zu erregen fürchtete, folgte er zuletzt dem offenen Fußweg und

unterhielt sich mit denen, die ihm begegneten. Allerdings wurde er

einige Male gefragt, warum er nicht am Strand bliebe und wohin er wolle;

er gab aber ausweichende Antworten und meinte, es würde wohl noch eine

Weile dauern, bis die Weißen ans Land kämen, und er könne vielleicht

indessen selber einige Yams aus einem dort in der Nähe liegenden und ihm

gehörenden Felde holen, um sie nachher gegen Tabak einzutauschen.

So kam er endlich zu dem Gebüsch, das die Landspitze begränzte, und

einmal dort, traf er auch Niemanden mehr, denn die da draußen stehende

Hütte lag unbewohnt. Nur die Fischer übernachteten manchmal in

derselben, wenn sie von dort aus mit der Morgendämmerung auf den Fang

gehen wollten.

An der bezeichneten Stelle fand er übrigens die ihn schon ungeduldig

erwartenden Kameraden und zu seiner Freude auch Lemon, den Jonas in der

Nähe der Canoes angetroffen und dorthin bestellt hatte.

»Donnerwetter! daß ist gut, daß du kommst, Lord Douglas!« schrie ihm

Legs, der eine mächtige Kriegskeule in der Hand trug, schon von Weitem

entgegen. »Ich weiß hier ganz in der Nähe ein kleines Canoe, und in

einer halben Stunde können wir draußen an Bord und in Sicherheit sein.

Hol' der Teufel das Hundeleben auf der Insel! Ich hab's zum Sterben satt

und will mein Lebtag an Monui denken.«

»Unsinn!« sagte aber Jonas, »wenn wir jetzt hier mit einem Canoe

abfahren, schneiden sie uns den Weg ab, ehe wir halb aus der Bai hinaus

sind, und dann dürfen wir uns nur jeden Gedanken an Flucht vergehen

lassen.«

»Wo ist Pfeife?« fragte Mac Kringo, »den dürfen wir doch auf keinen Fall

zurück lassen.«

»Pfeife steckt drüben bei den Canoes,« rief Lemon, »und näht Segel. Da

müssen wir Spund aber auch mitnehmen, und wenn wir warten wollen, bis

wir erst alle Sechse einmal zusammen haben, können wir uns auch darauf

verlassen, daß wir sitzen bleiben.«

»Jungens,« sagte da Mac Kringo, der indessen gesucht hatte, durch die

dichten Mangrove-Büsche einen Überblick nach der innern Bai zu gewinnen,

»mit eurem Plane ist es nichts. Da draußen fährt eben das Schiffsboot,

von dem Canoe begleitet, das heute Morgen hinausgegangen ist, durch die

Riffe, und das anzurufen, dazu sind wir zu weit entfernt, und es würde

auch die Insulaner augenblicklich aufmerksam machen.«

»Und weshalb brauchen wir es anzurufen?« rief Legs ärgerlich, »laß die

immer fahren. Wenn wir nur erst einmal an Bord sind, sollen uns die

Rothfelle wahrhaftig nicht wieder herunter bringen.«

»Du redest, wie du's verstehst,« erwiderte ruhig der Schotte, »und

glaubst du denn, Toanonga hat nicht Verstand genug, die Weißen in dem

Falle als Geißel an Land zu behalten? So wie der merkte, daß wir ihm

durchs Netz gingen, machte er die Klappe zu und hätte die Anderen fest,

und der Capitain von dem Schooner wird uns wahrhaftig nicht mit in See

nehmen und seine eigenen Leute dafür zurück lassen.«

»Dann ist die ganze Geschichte wieder faul!« fluchte Legs; »das kommt

aber von dem ewigen Trödeln und Berathen her! Erst hat =der= ein

Bedenken und dann =der=, und dabei bleiben wir richtig jedesmal in der

Falle sitzen. Das sag' ich euch, wenn sich mir irgend eine Gelegenheit

zur Flucht bietet, auf euch warte ich nicht, denn mit euren überklugen

und ewigen Bedenklichkeiten kommt ihr überall zu kurz.«

»Renn' du nur mit dem Kopf gegen die Wand,« sagte Mac Kringo ruhig, »so

wirst du schon bei Zeiten finden, wo du bleibst. Übrigens sei so gut und

schrei nicht so, denn wir sind keineswegs so weit vom Wege entfernt, und

deine und Pfeife's Stimme hört man eine Meile durch den Wald.«

»Na gut,« sagte Legs, der Warnung jedoch Folge leistend und nicht so

laut als vorher, »wenn du denn so genau weißt, was wir thun und lassen

müssen, so erzähl' uns auch jetzt, was nun werden soll und was du im

Sinne hast!«

»Ja, wenn ich überhaupt etwas im Sinne hätte!« entgegnete Mac Kringo,

»darüber scheinen wir allerdings einig zu sein, daß wir hier fort

wollen, um auf irgend einer andern Insel als freie Männer auftreten zu

können. Ob das aber mit diesem Schiffe geschehen kann, ist noch die

Frage. Wir wissen ja nicht einmal, ob der Capitain Platz für uns an Bord

und überhaupt Lust hat, sich mit uns einzulassen. Manche dieser Herren

sind verdammt mißtrauisch, und hüten sich, besonders in der Nähe von

Australien, englische Matrosen in größerer Zahl aufzunehmen. Sie trauen

nicht, ob es nicht am Ende statt verunglückter oder entlaufener Seeleute

entsprungene Sträflinge aus den dortigen Colonien sind.«

»Ja, wozu sind wir aber dann hier zusammengekommen?« rief Lemon. »Wenn

wir nicht wenigstens einen Versuch machen, fährt das Boot wieder ab, und

wir bleiben so klug wie vorher.«

»Lord Douglas steckt überhaupt immer voller Plane, aus denen nie etwas

wird!« rief Legs ärgerlich. »Wie klug konnte er damals sprechen, als die

_Lucy Walker_ noch hier lag! und wäre das Feuer nicht da zufällig

ausgebrochen, so schwämmen wir jetzt wieder ganz ruhig mit dem alten

Kasten im Eismeer umher und ruderten mit Fausthandschuhen hinter

schmierigen Wallfischen drein.«

»Ja, aber« ... wollte Jonas etwas darauf entgegnen, der Schotte

unterbrach ihn jedoch und sagte:

»Wenn wir mit dem Maul hier wegzubringen wären, Legs, dann glaube ich

allerdings, daß du uns allein helfen könntest. Jetzt aber sei so gut und

laß uns mit deinem Unsinn zufrieden, und hört erst einmal meinen

Vorschlag. Wißt ihr dann was Besseres, so soll es mich freuen, ich bin

gern erbötig, euch Folge zu leisten.«

»Na, da komm endlich einmal klar, und reib' nicht so lange auf dem Sand

herum!« rief Lemon; »die Zeit vergeht, und wir haben wahrhaftig keine

übrig.«

»So hört,« sagte Mac Kringo, »ich muß vor allen Dingen jetzt zum Alten,

um dort zu dolmetschen, wenn die Fremden nichts von der Tonga-Sprache

verstehen. Dort will ich mit dem Steuermann oder wer nun gerade an Land

gekommen ist, schon Gelegenheit finden, ein paar Worte allein zu

sprechen. Wollen sie uns mitnehmen, dann findet sich auch eine

Gelegenheit, fortzukommen, und in dem Fall habe ich selber nichts

dagegen, daß wir es zum Äußersten treiben und Gewalt brauchen, wenn wir

eben auf keine andere Weise fortkommen können. Können sie uns freilich

nicht mitnehmen, dann bleibt es für uns das Beste, uns so ruhig wie

möglich zu verhalten. Jeder geht nachher wieder seiner Beschäftigung

nach, und wir warten eine günstige Gelegenheit ab.«

»Doch wie dem auch sei, von da drüben werde ich euch ein Zeichen geben,

damit ihr wißt, was ihr zu thun habt. Seht ihr jene in die Bai

auslaufende spitze Corallenbank, auf der ein einzelner Pfahl steckt? --

=Die= behaltet im Auge. Rudert das Boot dorthin, und winken sie euch

von Bord aus, so gilt das als ein Zeichen, daß sie uns mitnehmen können,

dann kommt so rasch ihr könnt an die Landung, bringt auch irgend eine

Waffe mit, im Nothfall unseren Weg mit Gewalt zu erzwingen. Bekommt ihr

aber von dem Boot =kein= Zeichen, dann heißt das so viel, daß sie uns

nicht haben wollen, und dann versteht es sich von selbst, daß wir für

jetzt jeden Fluchtversuch aufgeben.«

»Das klingt doch endlich einmal wie Vernunft,« brummte Legs. »Nun mach'

aber, daß du fortkommst, denn mir brennt der Boden schon unter den

Füßen. Ha, ha, ha, wie sich meine Familie freuen wird, wenn ich heute

nicht zum Essen komme.«

»Und was wird aus Pfeife?« fragte Jonas.

»Ihr habt ja Zeit genug, dem unsern Plan mitzutheilen,« entgegnete der

Schotte; »kommt ihr mit dem Canoe, so nehmt ihn ein; im andern Falle

sagt ihm nur Bescheid, aber kommt mir nicht Alle in einem Klumpen,

sondern vertheilt euch hübsch, daß die Insulaner nichts merken. Es muß

aussehen, als ob ihr nur zufällig an den Strand kommt. Und jetzt

_good-bye_! wenn das Glück gut geht, sehen wir uns vielleicht an Bord

wieder!«

Toanonga hatte indessen in aller Ruhe der Ankunft eines Bootes von dem

fremden Fahrzeug entgegengesehen, und an ihm bemerkte man nicht das

Geringste von der Aufregung, die unter den Egis selber zu herrschen

schien. Daß diese dagegen etwas Besonderes und Außergewöhnliches

erwarteten, war augenscheinlich. Waffen wurden herbeigebracht und in der

Nähe versteckt, und in Toanonga's Hause selber die bis dahin

eingepackten Musketen hervorgesucht und geladen, ohne daß sich jedoch

der alte Häuptling im Geringsten selbst darum bemüht hätte. Er ließ das

alles seine Häuptlinge besorgen, und wenn man ihn so dasitzen sah, würde

man kaum geglaubt haben, daß all das thätige Leben um ihn her nur einzig

und allein von ihm selber ausgegangen sei.

Um die Papalangis hatte sich indessen Niemand bekümmert, und eigentlich

war es Toanonga ganz recht, daß sie sich gerade jetzt nicht am Strand

befanden. Spund allein kam endlich langsam dort herauf geschlendert, und

ohne sich an die geheimnißvolle Geschäftigkeit der Insulaner zu kehren

oder selbst besonders auf das Schiff zu achten, das ihn doch eigentlich

hätte interessiren müssen, schien er ein ganz anderes Ziel im Auge zu

haben.

Feierlich schritt er auf den alten Häuptling zu, mit dem er sich in

seiner Sprache schon recht gut unterhalten konnte. Wenn es auch manchmal

ein wenig verkehrt herauskam, verstand doch Toanonga immer, was er

eigentlich sagen wollte.

»Ah Spund,« redete ihn der Häuptling freundlich an, »es ist gut, daß du

gerade kommst. Ma Kino steckt wer weiß wo im Busch, und wenn Papalangis

ans Land kommen, muß doch Jemand da sein, der mit ihnen spricht;

Papalangis schrecklich dummes Volk! müssen erst immer zu Tonga-Inseln

kommen, um die Sprache zu lernen!«

Spund ließ sich ohne Weiteres neben dem alten Häuptling nieder und

sagte.

»Ja, Toanonga, Papalangis mögen in Manchem dumm sein, aber sie haben

doch wenigstens den rechten Glauben.«

»Glauben? Glauben haben wir auch!« sagte Toanonga. »Ich glaube, daß da

drüben von dem fremden Schiff gerade jetzt ein Boot abstößt und zu uns

herüber kommen wird.«

Spund seufzte tief auf.

»Ach,« stöhnte er, »daß du nur immer an irdische Dinge denken willst,

Toanonga! Weißt du denn, was uns bevorsteht, wenn wir plötzlich

sterben?«

»Sterben? wer denkt an Sterben!« lachte Toanonga. »Wenn das kommt, ist

es Zeit genug, und dann gehen wir hinüber nach Bolutu[33] und werden

Hotuas.«

»Ja, Hotuas!« ächzte Spund, »man wird euch behotuan! Sieh, Toanonga!«

setzte er dann gutmüthig hinzu, »du bist sonst ein braver Mann, und ich

mag dich gern leiden, und deshalb thut es mir immer leid, wenn ich dich

ansehe, und weiß, in welcher entsetzlichen Gefahr du schwebst.«

»Gefahr?« sagte der alte Häuptling, und sah rasch und mißtrauisch in die

Augen des Seemannes, »und was weißt du von Gefahr?«

»Ich weiß, was hier in dem Buche steht,« sagte Spund, auf die Bibel

zeigend, die er sorgfältig unter dem linken Arme trug. »Und daß wir

einmal an einen sehr bösen Platz kommen, wenn wir uns hier nicht zum

rechten Glauben bekehren.«

»So?« lächelte Toanonga, vollkommen beruhigt, denn die

Bekehrungsversuche des Matrosen hatten ihn bisher außerordentlich

gleichgültig gelassen. Er selber versuchte übrigens nie einen der Weißen

zu der Annahme seines eigenen Glaubens zu bewegen, weil er sich nicht

denken konnte, daß Papalangis auf Bolutu zugelassen würden. Was hätte es

ihm also geholfen, seine Zeit damit zu vergeuden? Seine augenscheinliche

Gleichgültigkeit gegen die Schrecken nach dem Tode reizte den Matrosen

aber nur noch mehr, ihm nachdrücklich in das Gewissen zu reden, und das

Buch vor sich auf die gekreuzten Beine legend, rief er aus:

»So? du sagst ganz ruhig: so? wenn wir aber sterben, werden wir nicht

mehr =so= sagen; dann kommen wir an einen Ort, wo da ist Heulen und

Zähneklappern und ein schreckliches Feuer, in dem wir gebrannt werden

von Ewigkeit zu Ewigkeit.«

»Ist das euer Glaube?« fragte Toanonga, »und kommen die Papalangis

wirklich an solchen Platz?«

»Allerdings!« rief Spund, der jetzt endlich des Häuptlings

Aufmerksamkeit dahin gelenkt hatte, wohin er sie haben wollte. »Wenn wir

nicht fromm und gottesfürchtig auf dieser Erde leben, wenn wir nicht an

Gott glauben, wenn wir sündhafte, schlechte Menschen sind und uns nicht

zu dem bekennen, was in diesem Buche steht, dann erleiden wir furchtbare

Strafen, Strafen, wo einem jetzt schon die Haut schaudert, wenn man nur

daran denkt. Und was sagst du nun, Toanonga?«

Der alte Häuptling hatte ihm aufmerksam zugehört und nickte dabei

langsam mit dem Kopfe.

»Hm, hm, hm!« sagte er dann, »=das ist sehr schlimm für Papalangis!=«

»Für Papalangis?« rief Spund überrascht, den diese Wendung ganz außer

Fassung brachte.

Toanonga deutete aber mit ausgestreckten Armen auf die Bai, auf der das

Boot der Weißen jetzt, von einem Canoe begleitet, schon heranglitt, und

das Gespräch war dadurch natürlich abgebrochen.

»Verdammter, dickköpfiger Heide!« murmelte aber Spund in sehr

unchristlicher Entrüstung halblaut und ärgerlich vor sich hin. »Na, daß

du einmal den ganzen Weg bergunter gehst, wenn du stirbst, darauf kannst

du dich doch fest verlassen.«

Toanonga nahm aber nicht mehr die geringste Notiz von ihm.

Inselwelt. Erster Band. Indische Skizzen · 第 9 / 20 段