Diese _Cava_[31]-Partie schien auch erst die vorhergegangene einfache

Formalität der Heirath zu bestätigen und zu kräftigen; denn dadurch, daß

die Häuptlinge es der Mühe werth hielten, eine solche anzuordnen und die

Fremden daran Theil nehmen zu lassen, heiligten sie den eben

geschlossenen Bund, der jetzt ohne Toanonga's Bewilligung nicht wieder

gelöst werden konnte.

Einen schweren Stand hatten die Seeleute aber erst noch bei dem

_Cava_-Fest, denn die Bereitung dieses Trankes kannte Keiner von ihnen,

nicht einmal Mac Kringo. Pfeife besonders, als er merkte, was dort

vorging, wurde steinübel, und Legs wollte schon aufspringen und

hinauslaufen. Der Schotte aber, der sich leicht denken konnte, daß etwas

Derartiges von den jetzt nur freundlich gesinnten Eingeborenen als die

größte Beleidigung angesehen werden würde, bewog sie mit großer Mühe,

sitzen zu bleiben und auch dieses noch über sich ergehen zu lassen.

Später konnten sie ja solchen Einladungen schon weit eher ausweichen.

Spund stimmte ihm darin auch vollkommen bei, und während die Anderen,

als die Schale an sie kam, nur so thaten, als ob sie schluckten, nahm

er, seinen Willen und Gehorsam zu zeigen, einen langen und herzhaften

Schluck.

Das sollte er aber schwer büßen. Kaum hatte er die Mischung hinunter,

als sich ihm der Magen gewaltsam umdrehte, und er mußte, unter dem

Gelächter der Eingeborenen, von seinen Kameraden hinausgeschafft werden.

Damit war indessen auch jedem Anspruch, den die Egis noch an sie machen

konnten, Genüge geleistet. Während die Insulaner noch bei ihrer

Cava-Partie blieben, deren Freuden sie sich oft bis in später Nacht

hingeben, wurden die Seeleute, jetzt jeder Aufsicht und Überwachung

enthoben, von jungen Leuten in die ihnen zugewiesenen Wohnungen

abgeführt und durften sich von dem Augenblick an als Bürger von Monui

betrachten.

Fußnoten:

[23] Wie: Pfui -- schäme dich.

[24] Tuas werden die zur niedrigsten Classe gehörigen Bewohner der Insel

genannt. Überhaupt besteht auf den Tonga-Inseln -- wenn man es nicht

gerade Kastengeist nennen will -- eine strenge Absonderung der

verschiedenen Gesellschaftsschichten, die kaum schroffer in dem alten

durch und durch civilisirten Europa sein kann. Mesalliancen kommen

äußerst selten vor, und bei jedem Festmahl wird die Rangordnung durch

besondere Ceremonienmeister unerbittlich aufrecht erhalten.

[25] Die Tonga-Inseln liegen, wie bekannt, innerhalb der Wendekreise S.

Br. Die größte Zeit im Jahre haben sie also die Sonne um Mittag im

=Norden=, einen kleinen Theil des Jahres aber, etwa um März, im =Süden=.

[26] In der Nähe der Häuptlinge gilt es nicht für schicklich, zu

=stehen=.

[27] Hotuas sind die obersten Götter.

[28] Süße Kartoffeln und Yams.

[29] Auf den Tonga-Inseln ist der Koch der verachtetste unter den

verschiedenen Handwerkern.

[30] Tapa ist das aus der Rinde verschiedener Bäume ausgeschlagene Zeug,

das die Frauen auf allen Südsee-Inseln selber verfertigen.

[31] Die _Cava_ ist die Wurzel einer pfefferartigen Pflanze (auf den

übrigen Inseln Ava genannt), aus der ein gährendes und besonders bei

festlichen Gelegenheiten benutztes Getränk bereitet wird. Nur die Art

der Zubereitung ist für den nicht daran Gewöhnten widerlich und

abschreckend, indem die Wurzeln von den daran Theil nehmenden

Eingeborenen =gekaut= und dann in eine Schüssel gelegt werden, wo man

sie nachher mit Wasser übergießt. Dieses Wasser, nachdem es den Saft aus

den Wurzeln gezogen hat, wird als eine Delicatesse getrunken.

Der Schooner.

1.

Die Brotfrucht war zum zweiten Male gereift, und die Bäume standen mit

diesem wunderbaren Geschenk beladen, das ein gütiger Himmel den

glücklichen Bewohnern jener Inseln gespendet. Überall auf Monui

herrschte Überfluß, und die leichtherzigen Eingeborenen hätten jeden Tag

als Fest feiern können. Das rege, thätige Leben auf der Insel galt aber

einem andern Zweck, und nicht zu Lust und Frieden sammelten sich die

Männer in häufigen Berathungen und suchten aus allen Ecken die fast

vergessenen Waffen wieder hervor.

Was hilft den Menschen ein Paradies, wenn sie darin nicht ihre

Leidenschaft zähmen können! Was hilft ihnen der Überfluß an allem zum

Leben Nöthigen, wenn sie sich mit dem, womit Gott sie in so reichem

Maaße überschüttet, nicht begnügen können oder wollen! Die Südsee-Inseln

sind uns darin ein lebendiges Beispiel. Hier bringt die Natur alles

hervor, was der Mensch zum Leben braucht. Ohne Arbeit, ohne Anstrengung,

von einer wundervollen Scenerie umgeben, in ihrem Familienleben

glücklich, von Krankheiten wenig heimgesucht, könnten diese Menschen

ein wahrhaft glückliches Dasein führen -- wenn sie eben den Anderen das

gönnten, was sie selber so reichlich besitzen. Selbst in diesem

reizenden Lande schlummern aber die Leidenschaften nicht, und

Herrschsucht, Ehrgeiz und Aberglauben lassen sie das nicht friedlich

genießen, wonach sie in ihrer unmittelbaren Umgebung nur die Hand

auszustrecken brauchten, um es zu erreichen.

So hatten auch die Bewohner von Monui fast zwei Jahre in Frieden mit den

Nachbar-Inseln gelebt. Kaum aber waren die Wunden der letzten Kämpfe

oberflächlich verharrscht, als sie des ruhigen Lebens schon wieder

überdrüssig wurden.

Von Hapai aus war ihnen bis jetzt nämlich, einem alten Abkommen nach,

ein jährlicher, höchst unbedeutender Tribut von Gnatu[32] und

Cava-Wurzeln bezahlt worden, und das Ganze mehr eine Form gewesen, als

daß sie je einen wirklichen Nutzen davon gehabt. Diesen Tribut hatten

die Hapai-Insulaner in diesem Jahre nicht bezahlt, und auf eine Mahnung

deshalb die Bewohner von Monui wissen lassen, sie hielten sich nicht

mehr für daran gebunden. Das Ganze betraf auch in der That nur eine

religiöse Ceremonie, die auf Monui schon lange abgeschafft worden. Wie

das aber mit alten Verpflichtungen manchmal so geht, waren diese

Geschenke noch eine Zeit lang beibehalten, bis es die Hapai-Leute selber

müde wurden.

Monui allein hätte mit ihnen auch keinen Krieg anfangen können, das

wußten sie recht gut; jetzt aber, da der tapfere _Tai manavachi_

Toanonga's Schwiegersohn geworden war, beschlossen die Egis oder

Häuptlinge, dessen Hülfe in Anspruch zu nehmen und mit Speer und Keule

das einzutreiben, zu dessen Besitz sie sich berechtigt glaubten. Ihrer

Meinung nach war es ihnen zur Ehrensache geworden, die paar

Kleinigkeiten nicht aufzugeben; was kümmerte es sie, daß sie um ein paar

Stück Gnatu und einen Korb voll Wurzeln den Frieden ihres Landes und ihr

Familienglück in die Schanze schlugen!

Möglich ist dabei, daß sie durch die Verstärkung der sechs Papalangis

auf ihrer Insel noch mehr in ihrem kriegerischen Entschluß bestärkt

wurden. Von einem Wallfischfänger, der vor einigen Monaten bei ihnen

angelegt, hatte Toanonga zugleich mit einigem Handwerkszeug auch mehrere

Musketen und Munition dazu eingehandelt, und allerdings konnten ihm da

die Weißen, die mit solchen Waffen ordentlich umzugehen wußten, eine

wichtige Hülfe leisten. Als jenes Schiff anlegte, wußte der alte schlaue

Häuptling, außer dem Schotten, alle seine Gefangenen fern davon zu

halten. Er ließ auch gar kein Boot ans Ufer, sondern trieb den

Tauschhandel, nur von Mac Kringo begleitet, durch seine Canoes.

So wurden denn jetzt auf Monui die Kriegsrüstungen mit möglichstem Eifer

betrieben, und ein Canoe war schon an _Tai manavachi_ abgeschickt

worden, ihn zu einer bestimmten Zeit nach Hapai zu bestellen, auf welche

Insel sie ihre Angriffe vereint machen wollten. Die sechs Europäer

hatten indeß ihre Wohnungen auf Monui so zerstreut angewiesen bekommen,

daß sie einander nur selten zu sehen bekamen. Mac Kringo und Lemon

behielt Toanonga jedoch, wie schon früher erwähnt, in seiner Nähe. Mac

Kringo lebte überhaupt dabei am unabhängigsten, da er sich wohlweislich

für einen Egi seines Schiffes ausgegeben.

In der That hätte er auch mit dem neulich dort angelaufenen

Wallfischfänger wieder in See gehen können; denn so bald er es verlangt,

würde ihn der Capitain schwerlich ausgeliefert haben. Einesteils mochte

er aber die Kameraden nicht im Stich lassen, und anderntheils war ihm

das bequeme, müßige Leben am Lande noch viel zu neu, um es gleich wieder

mit der harten Arbeit am Bord eines Wallfischfängers zu vertauschen. In

den letzten Monaten aber, und besonders seit er erfahren, daß sie sich

alle mit an einem Kriegszuge betheiligen sollten, bei dem sie nicht das

mindeste Interesse hatten und ihr Leben um nichts aufs Spiel setzen

mußten, fing er doch an, sich wieder hier fort zu sehnen, und bereute

schon, die letztgebotene Gelegenheit nicht benutzt zu haben.

Alle Matrosen machen es so, besonders die in der Südsee kreuzenden. So

lange sie an Bord sind, verwünschen sie ihr Schicksal, fühlen eine

ungeheure Sehnsucht nach festem Lande und benutzen regelmäßig die erste,

beste Gelegenheit, zu desertiren. So wie sie aber eine Weile auf dem

festen Lande gelebt haben, auf das sie sich vorher so sehr gewünscht,

wird ihnen die Sache langweilig, und sie ruhen nicht, bis sie wieder das

Deck eines Fahrzeuges unter den Füßen fühlen.

Mac Kringo besonders hatte sich in der letzten Zeit viel mit allerlei

Planen zu ihrer Flucht beschäftigt, die aber jetzt viel schwieriger

auszuführen schienen, als je. Da die Insulaner nämlich einen Überfall

auf Hapai beabsichtigten, und die Drohung, den Tribut von dort

gewaltsam einzufordern, schon hinüber gesandt hatten, mußten sie auch

von daher ein Gleiches fürchten, und bewachten deshalb alle

Landungsplätze Tag und Nacht auf das Sorgfältigste. Wie sollte da ein

Canoe unbemerkt, unverfolgt entkommen?

Der Schotte gab übrigens deshalb die Hoffnung nicht auf, und war

ziemlich fest entschlossen, die erste passende Gelegenheit zu benutzen.

So schlenderte er eines Tages durch die Berge der nicht sehr großen aber

wunderschönen Insel, und zwar in der Absicht, den höchsten Gipfel ihrer

Anhöhen zu besteigen und von dort aus zu schauen, ob er nicht in irgend

einer Richtung hin eine andere Insel erkennen könne. Gelang es ihnen

nur, auf eine solche zu entkommen, wo sie nicht mehr als gekaufte

Gefangene betrachtet wurden, so durften sie von dort auch weit eher

hoffen, entweder von einem Schiff erlöst zu werden oder vielleicht in

einem Canoe Neuseeland oder Australien zu erreichen.

Der Schotte konnte seinen Weg ziemlich ungehindert verfolgen, denn Monui

war noch nicht so durch die aus Brasilien nach diesen Inseln gebrachten

Guiaven-Büsche überwuchert worden, wie es einige der Gesellschafts-Inseln

sind. Die schlanken Palmen und andere hochstämmige Waldbäume hielten

hier das kleine Holz noch ziemlich unter, und die Wälder in der Nähe des

Strandes waren verhältnißmäßig licht. Erst auf den Höhen wurden die

Büsche dichter, und als Mac Kringo einmal die verschiedenen Anpflanzungen

von süßen Kartoffeln und Yams im Rücken hatte, mußte er sich schon

sorgfältiger seinen Weg suchen.

Da hörte er plötzlich, in nicht gar weiter Entfernung von sich, die

regelmäßigen Schläge eines Beils, denen er eine Weile horchte, denn er

hatte keine besondere Lust, hier mit einem Eingeborenen zusammen zu

treffen. Das anhaltende Arbeiten des Holzhackenden überzeugte ihn aber

bald, daß das kein Indianer sei, und ziemlich erfreut, einen seiner

Kameraden da zu finden, drängte er sich rasch durch das Gebüsch der

Richtung zu, von der das Geräusch herüber tönte.

Er hatte sich auch nicht geirrt; denn vorsichtig aus einem kleinen

Dickicht herausschauend, erkannte er bald seinen früheren Kameraden

Jonas, und zwar emsig beschäftigt, einen starken, hochstämmigen Baum zu

fällen.

»Hallo! Jonas!« rief er ihn endlich an, nachdem er dem Eifrigen eine

kleine Weile zugeschaut, »du arbeitest ja, als wenn du die Geschichte im

Accord hättest.«

»Lord Douglas! so wahr ich lebe!« rief der Matrose erfreut, indem er

seinen alten Kameraden erkannte. »Wo kommst du her, mein Bursche? Es ist

eine halbe Ewigkeit, daß wir einander nicht gesehen haben, und es thut

dem Auge ordentlich wohl, eine weiße Haut unter diesen Rothfellen zu

treffen. Jetzt kann man doch wieder einmal ein vernünftiges Wort

Englisch sprechen, denn die Zunge habe ich mir schon fast mit dem

Radebrechen ihrer vermaledeiten Sprache abgedreht.«

»Aber du siehst gut aus!« rief ihm der Schotte entgegen. »Das Leben als

glücklicher Familienvater scheint dir vortrefflich zu bekommen! Wie

befinden sich die jungen Jonasse?«

Der Matrose antwortete mit einem lästerlichen Fluche.

»Da kannst du auch noch lachen?« setzte er dann hinzu, »aber es ist

wahrhaftig ein Scandal, einem ehrlichen Christenmenschen eine solche

dunkelbraune Ehehälfte und ein Nest voll junger Heiden aufzuhängen.

Verdammt will ich sein, wenn ich das diesem alten, wackeligen Toanonga

nicht gedenke.«

»Hast du nichts von Legs gehört?« fragte der Schotte.

Jonas lachte.

»Das ist das Einzige, was mich noch tröstet,« schmunzelte er mit einem

breiten Grinsen über das Gesicht: »der großmäulige kleine Bursche ist

noch schlimmer angekommen als wir.«

»Und wie verträgt er sich mit seinen Frauen? Er muß ja doch in deiner

Nähe wohnen?«

»Ja wohl, unsere beiden Häuser stehen kaum fünfhundert Schritt aus

einander,« lachte Jonas, »und ich habe in der ersten Zeit immer ganz

genau hören können, wenn er sich mit seiner Familie unterhielt.«

»Und jetzt nicht mehr?«

»Jetzt haben sie ihn unter. Die ersten Wochen prügelte er seine Frauen

abwechselnd, und, wie ich glaube, nach jeder Mahlzeit, wahrscheinlich um

sich etwas Bewegung zu machen. Das bekamen sie aber bald satt, und

nahmen sich Hülfstruppen ins Haus. Ein ganzer Schwarm Vettern und Basen,

und was weiß ich, wer sonst noch! quartierte sich bei ihm ein und zehrte

von ihm, und als er die eines schönen Morgens hinauswerfen wollte,

fielen sie über ihn her und prügelten ihn, von den beiden Frauen redlich

dabei unterstützt, windelweich. Ich hörte den Lärm und lief hinüber; da

man sich aber nicht in fremde Familienstreitigkeiten mischen soll,

störte ich sie auch nicht in ihrem Vergnügen und ging wieder zu Hause.

-- Was macht denn Lemon?«

»Lemon,« sagte der Schotte, »kommt aus dem grimmigsten Ärger gar nicht

heraus, aber nur deshalb, weil es ihm so gut geht, und er gar nicht

weiß, worüber er vernünftiger Weise schimpfen =könnte=. Er hat mir noch

heute Morgens versichert: er wollte lieber auf dem schmierigsten

Wallfischfänger Tag und Nacht Thran auskochen, ehe er noch acht Tage auf

der Insel bliebe.«

»Und wenn wir heute wieder an Bord säßen, wäre er der Erste, der sich

fortwünschte. Weißt du nichts von Pfeife?«

»Keine Silbe. Seit sechs Monaten, glaube ich, habe ich den mit keinem

Auge gesehen.«

»Und wo steckt Spund?«

»Spund wohnt auch eine Strecke von uns entfernt, kommt aber doch

manchmal hinauf, da er für den Alten zu arbeiten hat. Er beschäftigt

sich übrigens jetzt eifrig mit der Bekehrung seiner Familie, die er

absolut zu Christen machen will, und behauptet: der liebe Gott hätte ihn

nur zu dem Zweck auf die Insel gesetzt, den Heiden das Evangelium zu

bringen. Auch mit dem alten Toanonga hat er schon ein paar Versuche

gemacht, der ist aber so zäh wie Leder und läßt sich auf nichts ein.

Wie das Schiff neulich da war, ruhte Spund sogar nicht eher, als bis ich

ihm eine Bibel von Bord mitbrachte.«

»Ein Schiff war da?« rief Jonas erstaunt, »und davon haben wir kein Wort

erfahren?«

»Ja, der Alte hat sich wohl gehütet, daß Ihr's gewahr wurdet!« lachte

der Schotte. »Die Boote durften nicht einmal an's Land, womit der

Capitain auch vollkommen einverstanden schien; denn er fürchtete

wahrscheinlich, daß ihm welche von seinen Leuten durchbrennen würden.

Lemon ist übrigens mit dem Schiff der schlimmste Streich passirt, denn

er hat Schmiedewerkzeug gekriegt, und soll nun arbeiten und kann nicht.

Das Einzige, was er mit Mühe und Noth fertig bringt, sind Pfeilspitzen,

die er gar kläglich aus Nägeln zurecht hämmert.«

»Hör' einmal, Lord Douglas,« sagte er da, nachdem er eine Weile

stillschweigend vor sich hingesehen, »ich glaube doch beinahe, daß wir

damals mit dem -- mit dem Feuer, du weißt schon -- einen dummen Streich

gemacht!«

»Je weniger wir dann davon reden, desto besser ist's,« meinte der

Schotte, »denn geschehene Dinge sind nun einmal nicht zu ändern. Was

hatten wir denn auf dem blutigen Blubberkasten, daß wir nicht, wenn

wir's hier einmal satt bekommen, auf jedem anderen Schiffe eben so gut

wiederfinden?«

»Das ist schon wahr, und wenn wir's hätten haben können, wie wir's uns

im Anfang gedacht, wär' ich der Letzte, der die Veränderung bereute;

aber gleich als Versorger von einer Frau und vier Kindern hingestellt zu

werden, das heißt die Häuslichkeit doch ein Bißchen übertreiben. Wer

steht uns außerdem dafür, daß wir nicht, wenn ihnen hier wieder ein halb

Dutzend Ehemänner wegsterben, vielleicht noch Jeder ein oder zwei Frauen

zugelegt bekommen, und dann sieh Legs an, wie's dem jetzt geht! -- Hast

du denn schon von dem neuen Kriegszug gehört?«

»Gewiß; sie rüsten schon mit aller Macht, und die Geschichte wird

nächstens losgehen.«

»Na, ja,« sagte Jonas, »und wir sollen auch dabei sein und unsere Haut

zu Markte tragen; das ist aber gegen den Contrakt, und ich müßte mich

sehr irren, wenn ich nicht gerade in der Zeit sterbenskrank würde.«

»Hallo! ein Segel!« rief da Mac Kringo plötzlich, der, während Jonas

sprach, durch die Büsche hin auf das Meer hinausgesehen hatte. »Das

Weiße dort drüben =muß= ein Segel sein!«

»Gewiß ist das ein Segel!« bestätigte Jonas, nachdem er eine Weile --

seine Augen mit der Hand gegen die Sonne schützend -- nach der

angedeuteten Richtung hinausgeschaut hatte.

»Das muß aber noch weit sein, denn es kommt mir so klein vor. Kannst du

ausmachen, nach welcher Richtung es steht?«

»Spitz jedenfalls, und am Ende nach uns zu, denn wenn es hier

vorbeigesegelt wäre, hätten wir es schon früher sehen müssen. -- Das

kann auch kein Wallfischfänger sein, man kann ja den ganzen Rumpf

erkennen, und doch zeigt er nicht viel Segel.«

»Am Ende ist das einer der kleinen Schooner,« sagte der Schotte, »die

zwischen den Inseln herumkreuzen und Cocosöl und Perlmutterschalen

eintauschen. Das wäre am Ende eine Gelegenheit, von hier fortzukommen.«

»Aber wer weiß, wie wir es nachher finden?« meinte Jonas, »und solche

kleine Fahrzeuge haben auch selten viel Platz an Bord. Ja, wenn man

wüßte, daß man damit nach Australien könnte! Dort soll ein tüchtiger

Arbeiter in ein paar Jahren ein reicher Mann werden.«

»Auf einen Wallfischfänger gehe ich nicht wieder, so viel weiß ich,«

sagte der Schotte; »hol' der Teufel das Hundeleben, die Pferdearbeit,

und die Capitaine, die wahrhaftig gar nicht wissen, wie sie einen

armen Teufel von Matrosen nur genug quälen und schinden sollen!«

»Wahrhaftig, das Schiff hält gerade auf uns zu!« rief jetzt Jonas, der

indessen keinen Blick von dem fernen Segel verwandt hatte. »Hinunter

möchte ich doch jedenfalls, wenn es vielleicht ein Boot ans Land

schickte.«

»Hör einmal, Jonas, ich will dir was sagen,« meinte der Schotte, nachdem

beide eine Weile schweigend das ansegelnde Fahrzeug betrachtet hatten.

»Wozu ich selber Lust habe, weiß ich in dem Augenblicke selbst noch

nicht, und um zu einem Entschluß zu kommen, muß man natürlich doch erst

wissen, was das für ein Fahrzeug ist und wohin es geht. Jedenfalls

wollen wir aber unten in der Nähe sein, wenn es wirklich landet oder

wenigstens ein Boot herüberschickt; denn in die Corallenriffe wird es

sich keinesfalls hereingetrauen. Wann glaubst du, daß es heran sein

kann?«

»Heute Abend kaum mehr,« sagte Jonas, »der Wind ist fast ganz

eingeschlafen, und es kann nur langsam vorwärtsrücken. Hat es übrigens

Lust, Monui anzulaufen, so können wir uns fest darauf verlassen, daß es

morgen früh mit Tagesanbruch vor den Riffen liegt.«

»Gut, dann sei du morgen, gleich nach Tagesanbruch, unten bei Toanonga;

eine Ausrede wirst du schon finden; bringe aber Legs mit, denn es ist am

Ende besser, daß wir so viel als möglich von uns beisammen sind.«

»Wenn wir nur wüßten, wo Pfeife steckt!«

»Den hat der Alte jedenfalls in die Nähe der Canoes gesetzt,« sagte Mac

Kringo, »das Segelwerk derselben in Ordnung zu bringen, und Spund wird

dort wohl mit ihm zusammengekommen sein. Spund sehe ich aber jedenfalls

heute Abend, denn Toanonga hat ihn hinbestellt, etwas mit ihm zu

besprechen.«

»Verstehen sie denn einander?«

»Vortrefflich! Spund, in der festen Überzeugung, daß er die Leute hier

bekehren muß, hat das Unglaubliche geleistet und spricht die Sprache

schon fast so gut wie ich; dem Alten wird er aber langweilig, weil er

ihn nie zufrieden läßt.«

»Seit wann ist denn da die Frömmigkeit bei ihm zum Durchbruch gekommen?«

»Ach, du weißt ja,« lachte der Schotte, »daß er uns schon immer am Bord

Predigten gehalten hat; es ist einmal seine schwache Seite. Aber ich

will machen, daß ich wieder hinunter komme, denn er möchte früher dort

sein, und ich finde ihn nachher nicht mehr.«

»Wird aber der Alte nichts merken, wenn wir dort alle zusammentreffen?«

fragte Jonas.

»Hm!« meinte der Schotte, »besser ist es freilich, wir lassen uns nicht

gleich alle zusammen sehen, wenn wir nur in der Nähe sind. Legs mag

deshalb auf die Landspitze hinaus gehen, wo wir damals die Woche

gesessen haben, und dorthin soll Spund auch Pfeife schicken, wenn er ihn

auftreiben kann. Wir Übrigen müssen dann sehen, wie wir uns am besten in

der Nähe halten. Wirst du übrigens fortgeschickt, so widersprich nicht,

sondern geh' in den Wald hinein, als ob du nach Hause wolltest, und sieh

dann zu, daß du ebenfalls unbemerkt zu den Andern auf die Landspitze

kommst.«

»Und sollen wir Waffen mitbringen?«

»Wenn es =heimlich= geschehen kann, ja! Man weiß nie, was vorfällt; die

Eingeborenen gehen ja auch jetzt alle schwer bewaffnet umher; aber je

weniger ihr euch damit sehen laßt, desto besser ist es.«

»Gut, das wäre also abgemacht. Auf Wiedersehen morgen! Hol's der Teufel!

es ist doch endlich einmal eine Abwechselung in diesem so verzweifelt

langweiligen Leben. Ob wir nun dableiben oder nicht, jedenfalls können

wir doch von dem Schiff etwas Tabak bekommen, und ich kann dir

versichern, ich habe einen ordentlichen Heißhunger darauf.

Donnerwetter, da fällt mir ein! hast du denn neulich von dem

Wallfischfänger keinen mitgebracht?«

»Ein verwünscht kleines Stückchen,« sagte zögernd der Schotte. »Die

Leute waren schon drei Jahre aus, und der Capitain hielt sie furchtbar

knapp mit Tabak.«

»Hast du welchen bei dir?« fragte Jonas gierig.

»Hm, ich weiß selber nicht einmal -- einen Mund voll höchstens.«

»Junge, Junge! und da läßt du mich hier die ganze Zeit mit trockenem

Maule stehen! Du wirst doch wahrhaftig mit mir theilen?«

Mac Kringo suchte eine lange Weile in seinen Taschen, endlich brachte er

ein kleines Stückchen heraus, daß er indessen mühsam von einem größern

=in= der Tasche abgedreht.

»Das ist alles, was ich noch habe, kaum ein Bissen, aber schneide dir

die Hälfte herunter, daß du wenigstens einmal wieder den Geschmack davon

bekommst.«

»Hurrah! Tabak!« schrie Jonas, der das Stück schon vorher mit den

Blicken verschlang. »Junge, wenn ich meine Familie gegen Tabak und Grog

eintauschen könnte, so wollte ich mir kein besseres Leben, wie das hier

auf der Insel, wünschen. Na, vielleicht bekommen wir morgen einen

ordentlichen Vorrath. So viel weiß ich, ich packe meiner Frau ganze

Toilette morgen ein, um wenigstens zum Tauschen irgend etwas bei der

Hand zu haben. Und nun _good-bye_! mit Tagesanbruch morgen früh bin ich

unten bei Toanonga's Haus.«

Damit winkte er dem Freunde einen kurzen Gruß zu und verschwand bald in

den Büschen. Mac Kringo verharrte noch eine Weile auf seiner Stelle,

sich über die Richtung des Segels größere Gewißheit zu verschaffen. Es

blieb aber bald keinem Zweifel mehr unterworfen, daß es wirklich näher

kam. Mit =dem= Winde hätte es auch gar nicht von ihnen fortsegeln

können, und darüber beruhigt, stieg er den Weg zurück ins Thal, den er

vorher herauf gekommen.

2.

Inselwelt. Erster Band. Indische Skizzen · 第 8 / 20 段