gemacht, schien sich aber über eine solche Entdeckung noch mehr zu
freuen, als über die anderen Handwerker. Er machte sogar Miene, von
seinem Sitze aufzustehen, besann sich aber doch noch in Zeiten, daß sich
das nicht recht für ihn schicken würde. Dem also entdeckten Schmiede
winkte er jedoch sehr gnädig mit der Hand und befahl ihm, als besondere
Auszeichnung, daß er an seine Seite käme.
Lemon wußte nicht recht, was er aus der ganzen Sache machen solle, und
schnitt ein bitterböses Gesicht, folgte aber nichts desto weniger dem
Befehle.
Fast alle Matrosen sind halbe Segelmacher, und Pfeife wurde deshalb von
dem Schotten als solcher vorgestellt. Jetzt blieb also nur noch Legs für
ein selbst zu erwählendes Metier, und da die Leute gemerkt hatten, daß
ihnen das mehr Ansehen gab, wollte natürlich Keiner mehr gemeiner
Matrose sein.
»Hol's der Henker,« sagte Legs, »wenn ihr Alles weggenommen habt, bleibt
nichts weiter für mich übrig, wie Koch. Stell mich dem alten runzeligen
Rothfell deshalb als Koch vor, Lord Douglas.«
Das geschah; diese Entdeckung schien aber die beabsichtigte Wirkung
nicht hervorzubringen; denn Toanonga sah den kleinen Burschen mit einem
halb mitleidigen, halb geringschätzigen Blicke an und wiederholte
mehrmals das ihm von Mac Kringo genannte Geschäft des Mannes:
»_Tangata fe-umu, Tangata fe-umu_,« wobei er den dicken Kopf von einer
Schulter auf die andere warf.
»Na? steht das dem Alten nicht an,« fragte Legs, etwas bestürzt über
diese augenscheinlichen Beweise des Mißfallens -- »was schneidet er denn
für Gesichter?«
»Laß nur gehen, Legs,« beschwichtigte ihn aber der Schotte, »ob es ihm
recht ist oder nicht, bleibt sich gleich. Er weiß nun alles, was er
wissen will, und jetzt, denke ich, werden uns die Frauen vorgeführt
werden.«
»=Ich= weiß, wen ich nehme,« schmunzelte da Legs, der an das
wunderschöne Mädchen dachte, das er draußen im Wasser gefunden. »Nachher
kann ich's hier schon eine Weile auf der Insel aushalten. Wenn wir nur
Tabak hätten!«
»Sprich mir nur nicht von Tabak,« brummte Spund, »ich bin froh, wenn ich
ihn einmal einen Augenblick vergessen habe. Wie ich das Wort nur nennen
höre, läuft mir das Wasser schon im Maul zusammen.«
»Hallo, da kommen die Frauen!« rief Legs, der indessen überall umher
geschaut hatte, das Mädchen von gestern unter der Schaar heraus zu
finden, sie aber bis dahin noch nicht entdecken konnte, »na, nu wird's
losgehen.«
6.
Legs hatte ganz recht gesehen. Unter den Frauen entstand in diesem
Augenblicke eine auffallend lebhafte Bewegung, und während bis dahin die
Männer hauptsächlich den innern Ring der Zuschauer gebildet hatten,
drängte sich jetzt der weibliche Theil der Bevölkerung vor, um an der
Verhandlung und ihrem weiteren Verfolge vielleicht thätigen Antheil zu
nehmen.
Jedenfalls geschah dieses auf ein Zeichen, vielleicht auf einen Befehl
Toanonga's, der indessen seine Augen aufmerksam im Kreise umhergehen
ließ und die ihm näher drängenden Frauen zu mustern schien. War das
wirklich der Fall gewesen, so kam er damit bald zu einem Resultate; denn
er sah nach wenigen Minuten schon wieder still und nachdenkend vor sich
nieder, nur dann und wann nach den Egis hinüberhorchend, die indessen
eine desto lebhaftere Debatte führten.
Sie sprachen aber so rasch, daß Mac Kringo nur einzelne Worte davon
verstehen konnte. Der alte How oder König schien jedoch mit allem, was
sie sagten, einverstanden; nur einmal protestirte er, und die Sache
mußte den neben ihm sitzenden Lemon betreffen, auf den er wiederholt
deutete. Lemon merkte ebenfalls etwas Ähnliches, und der mürrische
Blick, mit dem er den Alten betrachtete, hatte etwas unendlich
Komisches. Toanonga nahm aber weiter nicht die geringste Notiz von ihm,
und die übrigen Egis schienen sich endlich seiner ausgesprochenen
Meinung zu fügen.
»Ma Kino,« sagte da plötzlich der Alte, indem er sich an den Schotten
wandte, »ich und die Egis sind darüber einig geworden, wie sie euch
versorgen wollen, und ich will dich kurz mit ihrem Entschluß bekannt
machen, welche Frauen euch zugetheilt werden sollen.«
»Zugetheilt?« fragte der Schotte rasch, »das ist in unserem Lande nicht
Sitte und meine Kameraden sind völlig damit einverstanden, daß wir uns
lieber die, welche uns am besten gefallen, aussuchen wollen.«
»Das glaube ich euch recht gern,« sagte der alte Toanonga gutmüthig,
während die zunächst sitzenden Frauen unter einander kicherten und
flüsterten. »Wenn aber hier überhaupt eine =Wahl= Statt finden sollte,
so wären es unsere =Frauen=, die dazu ein Recht hätten. Von =euch= kann
gar keine Rede sein. Da die Frauen aber in Geschäftssachen sehr
kurzsichtig sind, und die Männer für sie denken müssen, so haben die
Egis das übernommen, und du wirst jetzt hören, was wir darüber
beschlossen.«
»Aber meine Kameraden werden damit nicht einverstanden sein,« warf Mac
Kringo ein.
»Bah -- ich habe dich für einen vernünftigen Papalangi gehalten,« sagte
kopfschüttelnd der Alte. »Was wollt ihr denn thun? -- haben wir euch
nicht gekauft? -- Könnten wir euch nicht die Schädel einschlagen, wenn
wir sonst Lust dazu hätten, und habt ihr das etwa nicht auch verdient?
-- Wer kümmerte sich hier um euch, wenn wir euch in ein durchlöchertes
Canoe setzten und euch hinaus in die Bai ziehen ließen, dort nach
Gefallen zu sinken oder zu schwimmen, he? also sprich nicht solch dummes
Zeug und sei gescheidt. Wenn =ihr= etwas an der Sache ändern könntet, so
hätten wir euch um Rath gefragt. Da das nicht der Fall war, so habt ihr
für jetzt weiter nichts zu thun als zu gehorchen.«
Der Alte sprach diese Worte mit seiner gewohnten, gutmüthigen
Freundlichkeit, aber doch auch mit so viel Entschiedenheit im Ton, daß
Mac Kringo bald merkte, wie sie mit ihm und den Eingeborenen überhaupt
standen. Die Schaar der Insulaner war sich, den unbewaffneten Weißen
gegenüber, ihres Übergewichts wohl bewußt, und an Widersetzlichkeit von
ihrer Seite war in der That nicht zu denken. Klug genug also, die nicht
für den Augenblick zu reizen, die einmal die Gewalt in Händen hatten,
beschloß Mac Kringo, sich vor der Hand allem zu fügen, was sie über ihn
und die Kameraden verhängen würden. Mit der Zeit kam dann auch Rath, und
sie fanden vielleicht Mittel und Wege, sich einer ihnen lästig werdenden
Gefangenschaft zu entziehen.
Toanonga kümmerte sich indessen wenig um das, was sein Dolmetscher etwa
denken oder beabsichtigen mochte. Er hatte ihn mit dem Willen der Egis,
der vor allen Dingen auch der seinige war, bekannt gemacht, und daß der
durchgeführt werden mußte, verstand sich von selbst.
»Ma Kino,« begann er deshalb nach kurzer Pause, denn das Wort Mac Kringo
konnte er nicht gut aussprechen, indem er den vor ihm sitzenden Schotten
fest und scharf ansah, »du bist, wie du sagst, auf eurem großen Canoe
ein Egi gewesen, und es ist deshalb auch in der Ordnung, daß mit dir der
Anfang gemacht wird. Die Anderen kommen nachher in der Reihenfolge, die
ihnen gebührt. Da du nun unsere Sprache verstehst, gedenke ich dich in
meiner Nähe zu behalten, welcher Ehre du dich hoffentlich würdig machen
wirst, und zu dem Zweck und um dich auch zugleich recht wohnlich bei uns
einzurichten, habe ich dir eine passende Frau bestimmt, die du gut
behandeln und für die du sorgen wirst. Hast du mich verstanden?«
Mac Kringo nickte schweigend mit dem Kopf, denn der Alte fing an, ihm in
seiner Ruhe und Bestimmtheit zu imponiren. Die Veränderung fiel ihm auch
auf, wie sich Toanonga jetzt und damals benahm, als ihr Capitain noch
mit seiner ganzen Schiffsmannschaft hier lag. Damals war er ihnen weit
mehr als Freund und guter Bursche entgegengekommen, während er jetzt,
von seinem ganzen Stamme umgeben und den wenigen Weißen gegenüber, nicht
ernst und würdevoll genug aussehen konnte. Doch das alles zuckte ihm nur
in flüchtigen Gedanken durch das Hirn, denn der gegenwärtige Moment war
für ihn selber viel zu entscheidend, um sich mit anderen Beobachtungen
aufzuhalten.
Toanonga winkte nämlich einer Frau, die, nicht mehr ganz jung, aber doch
noch in den besten Jahren, den Kopf gebeugt, in dem vorderen Ringe saß.
Auf das Zeichen, das sie unter den gesenkten Augenlidern vor gesehen
haben mußte, richtete sich aber etwas auf und sah Toanonga an. -- Mac
Kringo war für sie gar nicht da.
»Mefo Hupe,« sagte Toanonga, die Frau anredend, »du bekommst hier einen
Versorger. Ma Kino wird mit dir in deine Hütte ziehen und das Feld für
dich und deine Kinder bearbeiten.«
»Deine Kinder?« rief der Schotte erstaunt, während die Frau wieder, als
Zeichen des Gehorsams, den Kopf senkte, »sind denn Kinder auch dabei?«
»Allerdings,« erwiderte freundlich der alte How, »und um so viel besser
für dich, denn du hast gleich eine Familie, in der du zu Hause bist.
Mefo Hupe war die Frau eines tapferen Egi's, Luttanaki mit Namen, der in
dem letzten Kampfe gegen die Hapai-Leute getödtet wurde. Er hatte vorher
sieben Hapai-Krieger mit eigener Hand erschlagen; du wirst deshalb nicht
verfehlen, die Frau ehrerbietig zu behandeln. Geh jetzt in deine
Wohnung, Mefo Hupe, und bereite dich zu der üblichen Feierlichkeit vor.«
Die Frau stand auf und verließ, ohne auch nur einen Blick auf ihren
künftigen Gatten zu werfen, die Versammlung, und Mac Kringo wußte
wirklich kaum, ob das hier alles nur ein Scherz sein sollte, oder ob
die Insulaner wirklich Ernst machten. An dem Letzteren brauchte er aber
kaum zu zweifeln, denn Toanonga sah gar nicht wie Spaßen aus. Wie er
sich aber noch überlegte, ob es nicht vielleicht schicklich wäre, daß er
wenigstens ein paar Worte mit seiner künftigen Frau spräche, wandte sich
der Alte schon wieder an ihn, und zwar um zwischen ihm und dem jetzt an
die Reihe kommenden Lemon zu dolmetschen.
Nun war dem How oder König dieser Insel nichts erwünschter, als einen
Schmied unter den Papalangis gefunden zu haben; denn den großen Nutzen,
den ihnen eiserne Werkzeuge gewährten, hatte er schon lange kennen
gelernt. Diesen beschloß er deshalb auch unter seine ganz besondere
Protection zu nehmen und für sich selber zu benutzen. Daß ein Schmied
auch Werkzeug haben muß, ehe er eine Arbeit liefern kann, fiel ihm nicht
ein. Der Fremde war nun einmal ein Schmied, und damit die Sache
abgethan.
Für Lemon hatte er deshalb auch eine der jüngsten zu vergebenden Frauen
bestimmt, und Mac Kringo mußte ihn mit dem seiner harrenden Glücke
bekannt machen. Toanonga erstaunte aber nicht wenig, als der Matrose,
der die ganze Sache immer noch für einen schlechten Spaß hielt und
mürrischer als je war, ein Gesicht zu der Eröffnung schnitt, als ob er
den Dolmetscher hätte umbringen können.
»Unsinn!« knurrte er dabei, »laß dich doch nicht von dem alten Rothfell
zum Narren haben, Lord Douglas!«
»Aber er ist in vollem Ernst.«
»Bah -- Dummheiten -- sag ihm nur, ich wollte keine Frau haben. Erstlich
möcht' ich überhaupt nicht heirathen, und dann -- hätte ich auch schon
zwei Frauen in England.«
»Zwei?« rief der Schotte überrascht.
»Na, wenn die Erste nicht in der Zeit gestorben,« brummte der
sauertöpfische Gesell -- »ich habe mich wenigstens nie darum bekümmert,
und weiß jetzt nicht einmal wo meine =zweite= ist.«
»Was sagt er,« fragte Toanonga, der sich den sichtbaren Unwillen des
Fremden nicht erklären konnte.
»Hm,« meinte Mac Kringo -- »er -- er sagt, er hätte schon eine Frau, und
nach unseren Gesetzen dürfen wir nicht mehr nehmen.«
»Oh -- weiter nichts?« lachte Toanonga gutmüthig, »da sag' ihm nur, daß
er sich deshalb keine Sorgen mache, denn hier sind wir auf Monui, und
ich selber habe =neun= Frauen. Doch das findet sich alles; ich erlaube
ihm, daß er die Frau nimmt, die ich ihm gebe, und an das Andere hat er
sich nicht zu kehren. Außerdem wird er seine Hütte auf meinem Grund und
Boden haben und unter meinem ganz besonderen Schutze stehen. Sag' ihm
das!«
Die zweite Frau stand auf ein Zeichen Toanonga's ebenfalls auf und
verließ den Kreis. Lemon aber, den Mac Kringo den neuen und verschärften
Befehl übersetzt hatte, konnte von dem Schotten nur mit Mühe beruhigt
werden, daß er sich hier nicht gleich vor der ganzen Versammlung
widersetzte. Die ihm bestimmte Frau hatte er nicht einmal angesehn.
Toanonga aber nahm weiter keine Notiz von ihm, da er noch die
Verlobungen der vier anderen Weißen zu beseitigen hatte. Mit diesen
verfuhr er jedoch ziemlich summarisch, wenigstens nahm er Jonas, Pfeife
und Spund zusammen, zeigte dabei auf drei neben ihm sitzende Frauen, von
denen zwei kleine Kinder auf dem Schooß hatten, und ließ die drei
Matrosen durch Mac Kringo bedeuten, daß sie dieselben zu Frauen bekommen
sollten, wie sie gerade in der Reihe säßen. Als Empfehlung
wahrscheinlich bemerkte er nur nebenbei, daß die eine vier, die andere
drei und die dritte fünf Kinder habe.
Auf eine Antwort der betreffenden Personen wartete er ebenfalls nicht.
Kam es doch hier nur darauf an, daß er eben seinen Willen kund that und
die verschiedenen Partieen gewisser Maßen einander vorstellte.
Jetzt war nur noch Legs übrig, der bis dahin vergebens gesucht hatte,
Mac Kringo zu bewegen, ein gut Wort für ihn in Betreff des Mädchens
einzulegen, das er mit vielem Vergnügen heirathen wolle. Mac Kringo aber
war bis dahin von Toanonga viel zu sehr in Anspruch genommen worden, ihm
willfahren zu können und erst jetzt, da der alte Häuptling den sechsten
Mann fast vergessen zu haben schien, hielt er es an der Zeit, die
Aufmerksamkeit des Alten auf ihn zu lenken.
»Hier, How,« sagte er dabei, »ist noch Einer, der dir gern eine Bitte
vortragen möchte.«
»=Der?=« sagte Toanonga, indem er einen fast verächtlichen Blick nach
der Stelle hinüber warf, wo Legs saß, ohne diesen selbst anzusehen --
»der ist gut für nichts -- das ist blos der Koch[29].«
»Der soll also gar keine Frau haben?« fragte Mac Kringo, und bereuete
schon, daß er sich nicht selber als Koch anstatt als Egi angegeben
hatte.
»O ja,« erwiderte aber Toanonga -- »es waren sieben Frauen da, für euch
sechs. -- Der Koch bekommt die beiden letzten. Sind ein Bischen alt und
nicht gerade hübsch, haben aber zusammen sieben Kinder -- gut genug für
den Koch. Die da drüben sind's.«
Mac Kringo mußte an sich halten, daß er nicht laut auf lachte. Legs
gönnte er übrigens die beiden; denn der kleine Bursche war, trotz seiner
ansehnlichen Statur, immer der gewesen, der sich schon an Bord am
unbändigsten gezeigt und nicht selten Streit angefangen hatte. Unendlich
komisch kam es ihm dabei vor, sich den etwas krummbeinigen Kameraden als
doppelten Familienvater zu denken, und daß seine Ehe interessant und
keineswegs langweilig werden würde, dafür bürgten die Gesichter der
beiden Frauen. Schienen sie doch selbst in diesem Augenblick schon nicht
übel Lust zu haben, einander in die Haare zu gerathen.
»Nun, Lord Douglas, was sagt er?« fragte Legs, der sich schon so mit dem
Gedanken vertraut gemacht hatte, ein wackerer Bürger von Monui zu
werden, daß er die Zeit kaum erwarten konnte. »Soll ich den kleinen
Wildfang zur Frau haben? Hol's der Teufel, wir passen auch in der Figur
zusammen und müssen ein prächtiges Paar geben!«
»Legs,« erwiderte aber Mac Kringo, der sich nicht enthalten konnte, bei
dieser Bemerkung einen Blick nach den gebogenen Extremitäten des
Seemanns hinunter zu werfen, »es thut mir leid, daß der Alte deine
Wünsche nicht berücksichtigen kann. Ob die fragliche Schöne schon
versprochen ist, oder ob er vielleicht selber ein Auge auf sie geworfen
hat und sie zu seiner zehnten Frau machen will, weiß ich nicht. Er wird
dich aber, in Rücksicht deiner Verdienste, entschädigen, und du sollst
zwei andere dafür bekommen.«
»=Zwei?=« rief Legs erstaunt auffahrend.
»Ja, mein Junge; die beiden Schönheiten da drüben mit der braunen, etwas
runzeligen Haut und den Unmassen Blumen und bunten Lappen um sich her
gesteckt.«
»Mach keinen dummen Spaß!« rief Legs ärgerlich, indem er einen halb
zornigen, halb scheuen Blick nach den beiden Unholdinnen hinüberwarf.
»Na, wahrhaftig, mein Junge,« sagte aber Mac Kringo gutmüthig, »es ist
dem Alten da drüben grimmiger Ernst, und nach Tisch, so viel ich
verstanden habe, werden wir alle zusammengespließt werden. Von uns hat
Jeder schon seinen Theil angewiesen bekommen, wie du ja auch gehört
hast, und die Beiden sind mit sieben dazu gehörenden Kindern für dich
aufgehoben. Na, hoffentlich führt ihr eine recht glückliche Ehe
zusammen.«
»Verdammt will ich sein,« rief aber Legs, in allem Eifer in die Höhe
springend, »wenn ich mich solcher Art zum Narren halten lasse. Sollte
der alte Holzkopf aber wirklich im Ernst meinen, daß ich mich dazu
hergäbe, ein Alt-Weiber-Spittel und eine Klein-Kinder-Bewahr-Anstalt auf
der Insel anzulegen, so kannst du ihm nur sagen, Lord Douglas, daß er
sich da verwünscht in der Person geirrt hat. Wenn er einen von uns dazu
haben wolle, so konnte er Spund nehmen, mich aber soll er ungeschoren
lassen, so viel weiß ich.«
»Und was willst du machen?«
»Was ich machen will? dem den Schädel einschlagen, der mir irgendwie zu
nahe kommt.«
»Unsinn!« sagte Mac Kringo ruhig, »du siehst, daß wir Andern uns alle in
das Unvermeidliche gefügt haben, und du allein kannst nicht gegen die
ganze Insel anspringen. Bietet sich einmal eine günstige Gelegenheit,
dann kannst du dich darauf verlassen, daß Keiner von uns säumen wird,
sie zu benutzen, und je fester wir dann zusammen halten, desto besser.
Bis dahin aber bleibt uns nichts Anderes übrig, als uns denen zu fügen,
die für den Augenblick das Heft in Händen halten. Zeigst du dich ihnen
widerspänstig, so ist gar nicht abzusehen =was= sie mit dir anfangen,
und wenn sie dich selbst todtschlügen, kann sie kein Mensch daran
verhindern und würde sich Niemand später darum kümmern.«
»Und die beiden Vogelscheuchen sollt' ich heirathen?«
»Du kommst in eine ganz anständige Familie,« lachte Mac Kringo -- »aber
jetzt paß auf, der Alte entläßt die Versammlung und wird noch Aufträge
für mich haben. Halt' dich indessen zu Spund und den Anderen, damit ihr
zusammen seid, wenn man uns verlangt.«
Toanonga winkte ihm auch wirklich in diesem Augenblick, denn es galt
nichts Geringeres, als die nöthigen Vorbereitungen für die
Trauungs-Ceremonie der Fremden zu treffen, die auf den Inseln
außerordentlich streng genommen werden. Daß diese alle heidnischer Art
waren, versteht sich von selbst; den Weißen konnten sie aber nicht
erlassen werden, da nur =durch= dieselben ihre Ehen geheiligt und
gesetzlich wurden.
7.
Die verschiedenen Bräute hatte man indessen schon entfernt, um sie für
die Feierlichkeit anzukleiden, und Toanonga übergab jetzt die Fremden
einer Anzahl seiner jungen Leute, sie etwas anständig und passend
auszustatten.
Ihre Kleider waren nämlich durch ihren letzten Unglücksfall so arg
mitgenommen worden, daß sie ihre Blöße kaum mehr bedeckten; besonders
hingen ihnen die Hemden in Lumpen von den Schultern. Toanonga ließ
deshalb Jedem ein Stück Tapa[30] reichen, und die Insulaner wiesen sie
dabei auf das freundlichste an, wie sie sich mit Blumen und einigen
anderen Schlingpflanzen würdig schmücken konnten. Nur Mac Kringo jedoch,
der klug genug war, ihnen zu Willen zu sein, und Spund, der dem Frieden
noch immer nicht traute und Alles geduldig mit sich geschehen ließ,
fügten sich dem Vorschlage. Die Übrigen mit Lemon an der Spitze
verweigerten jede solche Aufmerksamkeit für ihre zukünftigen Frauen.
Von den Eingeborenen hatten sie aber in der That nichts mehr zu
befürchten, denn von dem Augenblick an, wo Toanonga und das Gericht der
Egis ihre Aufnahme erklärt und dadurch geheiligt hatte, betrachteten die
Leute sie als Freunde und als ihres Gleichen, und brachten ihnen jetzt
sogar von verschiedenen Seiten Lebensmittel herbei, damit sie sich
erholen und stärken konnten.
Nach der einfachen Sitte dieser Stämme hatten sie aber auch in der That
weit mehr gethan, als irgend ein civilisirtes Volk, sei es noch so fromm
und christlich, an ihrer Stelle gethan haben würde. Die Leute, die
ihnen, trotz aller empfangenen Wohlthaten und trotz der früheren
freundlichen Aufnahme, vorsätzlich Böses zugefügt und im Begriff gewesen
waren, dem alten Häuptling der Insel sein liebstes Kind zu stehlen,
strafte man nicht allein nicht, als man sie in Händen hatte, sondern man
nahm sie sogar als gleichberechtigt mit den übrigen Bewohnern des Landes
auf, gestattete ihnen den Besitz von Grund und Boden, und ließ sie
unmittelbar in die Familien des Landes eintreten.
Es ist wahr, der erste Antrag einzelner Häuptlinge hatte dahin gelautet,
kurzen Prozeß mit ihnen zu machen und die Gefangenen das büßen zu
lassen, was der Capitain oder Häuptling derselben verbrochen, wie diese
Stämme auch fast immer ihre Kriegsgefangenen tödten. Toanonga aber,
neben seiner angeborenen und natürlichen Gutmüthigkeit, war klug genug
gewesen, auf einen Ausweg zu sinnen, durch den er die Gefangenen und
ihre Kräfte für die Insel verwerthen konnte. Was hätte er oder einer der
anderen Insulaner davon gehabt, wenn man die Weißen vor den Kopf schlug
oder in die See warf? -- gar nichts. Die letzten Kriege hatten ihnen
dagegen mehr waffenfähige Männer gekostet, als die kleine Insel
entbehren konnte, und jetzt halfen sie sich mit den Fremden so gut, wie
sie eben konnten und so weit diese reichten.
Mit dieser Aufnahme in ihren Staats- und Familienkreis war aber auch
jeder Haß, jedes Gefühl der Rache oder Feindseligkeit gegen die Fremden
aus ihrem Herzen geschwunden. Es waren eben keine Fremden mehr, denn sie
gehörten von da an mit zu Monui so gut wie einer der dort Geborenen.
Ähnliches findet man fast unter allen wilden Stämmen, die sehr häufig
einzelne aus ihren Kriegsgefangenen, während sie die übrigen mit
durchdachter Grausamkeit zu Tode martern, zurückbehalten und mit der
größten Herzlichkeit in ihre Familien als Söhne aufnehmen.
Anders betrachteten dieses allerdings die Matrosen, die sich durch
solche gezwungene Heirathen auf das schlimmste mißhandelt glaubten. Legs
verlangte auch von den Übrigen, als die Eingeborenen ihre Versammlung
aufgehoben und die Papalangis sich selber überlassen hatten, daß sie
sich gemeinschaftlich solchem Urtheilsspruch widersetzen sollten. Waffen
hätten sie dabei wohl auch bekommen können, sobald sie nur in des alten
Toanonga Hütte einbrachen. In der ersten Überraschung wäre ihnen das
jedenfalls gelungen, und dort wurden, wie sie von früher wußten, eine
Anzahl von Beilen und Keulen aufbewahrt.
Hiergegen, als ein ganz wahnsinniges Unternehmen, das jedenfalls den
Untergang Aller zur Folge haben mußte, stimmte aber Mac Kringo, von
Spund und Jonas unterstützt, auf das entschiedenste, und da Lemon und
Pfeife ihren Zustand ebenfalls noch nicht so unerträglich fanden, um
gleich zu einem so verzweifelten Mittel zu greifen, so wurde Legs
vollständig überstimmt.
Die Ceremonie nahm indessen ihren Anfang und wurde, trotzdem, daß man
mit den Fremden nicht eben viel Umstände nöthig glaubte, doch ziemlich
feierlich betrieben.
Hier zeigte sich auch wieder die Gutmüthigkeit der Insulaner. Diese
wußten natürlich, daß die Weißen als Schiffbrüchige an ihre Insel
gekommen waren und gar nichts zum Leben Nöthiges gerettet hatten, und
brachten ihnen jetzt eine Menge Geschenke, um sie zu ihrem neu zu
errichtenden Haushalt auszustatten: Tapa zum Kleiden und starke Matten
zum Schlafen, Fischer-Geräthschaften und sogar Waffen, wie Keulen und
Bogen und Pfeile, um bei einem möglichen Angriff eines Feindes in die
Reihen der Krieger mit eintreten zu können.
Als die Fremden nun mit allem ausgerüstet waren, was sie zu ihrem
anständigen Erscheinen unter den Insulanern gebrauchten, denn um ihre
Lebensbedürfnisse durften sie keine Sorgen haben, versammelten sich, wie
es schien, fast alle Bewohner der Insel, um an der Festlichkeit Theil zu
nehmen. Die sieben Bräute waren schon in das für die Trauung bestimmte
Haus abgeholt, und Toanonga, an der Spitze seiner Egis, winkte die
Fremden heran und überlieferte ihnen, mit einigen mahnenden Worten, sich
gut zu betragen und ihrem neuen Vaterlande Ehre zu machen, ihre
künftigen Frauen, die sich dann aber augenblicklich wieder in ihre
verschiedenen Wohnungen zurückzogen. Den Fremden dagegen wurde bedeutet,
zurückzubleiben, um an einem _Cava_-Fest -- der Hauptsache bei der
ganzen Feierlichkeit -- Theil zu nehmen.