erwarteten Zusammenkunft wären abgerufen worden. Nur ihr Frühstück
erhielten sie wie gewöhnlich, dann war Alles still -- nicht einmal ein
Fischer-Canoe sahen sie in dem Binnenwasser der Riffe, so hatte die
heute gehaltene Rathsversammlung das Interesse der Insulaner in
Anspruch genommen.
Endlich kam der, eines Theils gefürchtete, andern Theils aber auch
wieder sehnlichst erwartete Bote; denn selbst die schlimmste
Wirklichkeit kann in manchen Fällen oft weniger peinlich sein, als diese
ewig zögernde Ungewißheit, in der sich des Menschen Herz in solchem
Falle verzehrt.
Ein junger Bursch, der auf der Insel Constabel-Dienste versah, sich
sonst aber in nichts von den Übrigen auszeichnete, als wo möglich noch
fauler als der Rest zu sein, kam endlich und meldete den Papalangis, daß
Toanonga und die Versammlung der Egis sie erwarte.
Mac Kringo theilte den Übrigen die Botschaft mit, und Lemon brummte
halblaut vor sich hin: Die Egis sollen verdammt sein!
Das nahm der Botschafter aber entsetzlich übel; denn wenn er auch kein
Englisch verstand, hatten die Eingeborenen jenes Wort »verdammt« doch so
oft von dort landenden Fremden gehört, um zu wissen, daß es etwas sehr
Böses und Häßliches bedeute. Er hielt deshalb auch dem kleinen
sauertöpfischen Burschen eine lange und heftige Strafpredigt, die
dieser jedoch mit weiter nichts als einem noch viel mürrischeren »Geh
zum Teufel« erwiderte.
Mac Kringo gab sich freilich alle Mühe, den Frieden wieder herzustellen
und den Eingeborenen zu besänftigen, indem er ihn zu überzeugen suchte,
daß er den Papalangi ganz falsch verstanden habe. Der Bursche wußte aber
recht gut, was er selber gehört hatte, und der Zug setzte sich endlich,
von ihm angeführt, langsam in Bewegung.
»Hört einmal, Kameraden,« sagte da Mac Kringo als sie schon unterwegs
waren, indem er sich gegen die kleine Schaar wandte, »ich habe euch
schon versichert, daß ich nicht glaube, wir hätten irgend etwas von dem
rothen Gesindel zu fürchten. Sollten sie uns aber =doch= zu Leib wollen,
und es ist immer gut, auch auf das Schlimmste vorbereitet zu sein, dann
wollen wir uns auch nicht wie die Schafe zur Schlachtbank führen lassen,
sondern lieber wie englische Matrosen sterben und noch so vielen der
rothen Brotfruchtfresser, wie möglich, die Schädel einschlagen. Seid ihr
damit einverstanden?«
»Gewiß,« rief Pfeife für die Übrigen; »irgend etwas wird man ja dort
schon finden, womit man zuschlagen kann, und wenn das =nicht= wäre, so
hat jeder seine Fäuste und sein Messer bei der Hand, die lumpigen
Schufte nach Herzenslust zu bearbeiten.«
»Gut,« sagte Mac Kringo. »In dem Falle liegt unsere einzige Aussicht auf
Erfolg aber nur darin, daß wir uns nicht =trennen= lassen, sondern fest
zusammen halten. Sechs handfeste Burschen wie wir können es dann auch
schon mit einem Schock solchen weichlichen Gesindels aufnehmen, und im
schlimmsten Falle arbeiten wir uns zu einem Canoe durch, plündern einen
Brotfruchtbaum und ein paar Cocospalmen und gehen in See.«
»Das sind schöne Aussichten!« seufzte Spund, »und bedenkt nur dabei, daß
wir sie durch Widersetzlichkeit immer noch erbitterter machen!«
»Wenn =du= dich willst fressen lassen,« kreischte Pfeife, »so hat
natürlich Niemand was dawider. Ich danke aber dafür, und wenn sie uns
wirklich einmal zu Leib wollen, so liegt nachher verwünscht wenig daran,
ob wir sie dabei in guter oder böser Laune behalten.«
»Pst -- da sind sie!« flüsterte aber in diesem Augenblicke Mac Kringo,
der durch die Büsche hin die hellen buntfarbigen Kleider der
Eingeborenen schon erkannt hatte. »Jetzt haltet euch ruhig, und im
Nothfalle fest zusammen. Unsere Messer haben wir doch wenigstens alle
im Gürtel, und was sie auch vorhaben, sie sollen uns wenigstens nicht
unvorbereitet finden.«
Weiteres Gespräch war jetzt auch unmöglich geworden, denn wie sie den
nächsten Busch umschritten, sahen sie sich plötzlich der ganzen
Versammlung gegenüber, die sie sich allerdings nicht so zahlreich
gedacht. Die Einwohnerschaft der ganzen Insel schien aber hier
versammelt und der große weite Raum vor Toanonga's Hütte, in dem die
Egis den Mittelpunkt bildeten, schwärmte ordentlich von braunen
lebendigen Gestalten beiderlei Geschlechts.
Inmitten des Platzes stand ein riesiger Tamarindenbaum, um den herum
neun hochstämmige Cocospalmen angepflanzt schienen. Dadurch erhielten
sie dem Platz den Schatten, die Sonne mochte stehen, wo sie wollte[25],
und konnten ihre Versammlungen zu jeder beliebigen Tageszeit halten.
Dort waren feine Matten ausgebreitet, welche die Bewohner aller der
Südsee-Inseln so trefflich zu flechten verstehen, und die Egis von Monui
bildeten, mit Toanonga in der Reihe sitzend, einen vollkommenen Kreis.
In demselben nahmen die verschiedenen Häuptlinge ihre Plätze ein, aber
keineswegs nach Gutdünken, sondern sie waren ihnen vorher von dem
Ceremonienmeister angewiesen worden. Toanonga behauptete den Ehrenplatz
und saß, den Rücken seinem Hause zugedreht, mit dem Gesicht der
reizenden Bai zugewandt, die hier durch rechts und links auslaufende
Landzungen gebildet wurde. Zu beiden Seiten dann von ihm ab kamen ihm
zunächst die Angesehendsten und vom edelsten Blut, bis sich mit den
geringeren Häuptlingen der Kreis ihm gegenüber wieder schloß.
Um die Egis aber her, und zwar so gedrängt, daß sie fast deren Rücken
berührten, saßen[26] die übrigen Eingeborenen, Männer und Frauen, bunt
durch einander, und wer dem Kreise nicht so nahe kommen konnte, zu hören
was da verhandelt wurde, ließ es sich wenigstens von den näher Sitzenden
mittheilen.
Außerhalb dieses fast dicht geschlossenen Kreises hatten die Kinder
ihren Tummelplatz gewählt, sich haschend und überschlagend, und mit den
nackten Füßen auf dem scharfen Corallensande allerlei wilde Lust
treibend.
Die Berathung war indessen nicht gleich von Anfang an so öffentlich --
wenn auch im Freien -- verhandelt worden. Bis die Egis unter sich einig
geworden, hatte man das Volk in ehrerbietiger Ferne gehalten, und erst
als die Hauptsache vorüber war, ließ man die Neugierigen hinzu. Wollte
jedoch der alte Toanonga die Galerieen wieder geräumt haben, so brauchte
er nur ein Zeichen zu geben, und Keiner hätte daran gedacht, sich dem
Befehle zu widersetzen.
Jetzt übrigens, da die gefangenen Fremden in Sicht kamen, wurde eine
andere Ordnung nöthig, um sie würdig zu empfangen, und einer der als
Constabel agirenden Burschen schrie deshalb den Zuhörern zu, Raum zu
geben. Diese mußten auch schon wissen, um was es sich handle, denn sie
wichen nach rechts und links zurück, die Fronte gegen die Bai offen
lassend, während die mit dem Rücken nach dem Wasser zu sitzenden
Häuptlinge ebenfalls aufstanden.
Geschäftige Hände ergriffen dabei rasch ihre Matten, und trugen sie
hinter Toanonga und die ihm zunächst sitzenden Häuptlinge, wo sie mit
ihnen eine zweite Reihe bildeten. Dadurch war der Raum vor dem alten
Häuptling frei geworden, an beiden Seiten aber kauerte die
Einwohnerschaft von Monui.
»Mate,« sagte da Legs, indem er seinen Hosenbund etwas höher über die
Hüften heraufzog und aus alter Gewohnheit -- denn Tabak hatte schon
lange Keiner von ihnen mehr -- auf die Erde spuckte -- »die Geschichte
wird feierlich -- was sagest =du= dazu.«
»Mein Leben lang will ich keine Schiffsplanke betreten,« murmelte Pfeife
zwischen den Zähnen durch, »wenn ich nicht wünsche, daß ich hier fort
wäre. Da stehen ein paar Hundert breitschulterige Kerle herum, mit den
Waffen vielleicht hinter den nächsten Büschen versteckt, was sollen wir
Sechs gegen die ausrichten?«
»Bah, =so= viel für die ganze Band',« brummte der, fast um einen Kopf
kleinere Matrose. »Meinen Hals setz' ich zum Pfand, daß die Kerle nicht
einmal die Courage haben, uns etwas am Zeuge zu flicken. Ja, wenn wir
Einer oder Zwei wären, aber einer ganzen Bootsmannschaft -- wenn auch
unserem Harpunier und Bootsteuerer der Hals voll Wasser gelaufen ist --
kommen sie schon nicht zu nah.«
»Du, der Alte fängt an,« flüsterte da Pfeife, indem er den Kameraden in
die Seite stieß, »jetzt bin ich neugierig.«
Toanonga hatte indessen -- die Hände in voller Ruhe auf seinem Bauch
gefaltet -- die ankommenden Papalangis Einen nach dem Andern aufmerksam
gemustert. Als sie aber auf Anordnung eines der Leute vor ihm
niedergesessen oder vielmehr gekauert waren, und sich halb schüchtern im
Gefühl der sie umgebenden Menschenmenge, halb wieder trotzig und im
schlimmsten Falle zum Äußersten entschlossen, im Kreise umsahen, nickte
er ihnen mit seinem gutmüthigen Lächeln zu und sagte:
»_Chio do fa, Papalangis -- chio do fa!_«
5.
Die Leute, die aus dem freundlichen Gesicht des Alten neuen Muth
schöpften, erwiderten den Gruß rasch, und dieser fuhr, den Kopf dabei
langsam auf und ab neigend, einer in Bewegung gesetzten Pagoge nicht
ganz unähnlich, fort:
»Ich habe euch rufen lassen, Freunde, um mit euch ein ernstes Wort über
euch und eure Zukunft zu sprechen. Du da vorn, wie heißest du gleich?
-- verstehst ja wohl unsere Sprache genug, den Anderen wieder zu
erzählen, was ich dir gesagt habe?«
»Mac Kringo heiße ich,« erwiderte der also angeredete Schotte, indem er
den Kopf etwas neigte. »Rede nur, Toanonga; ich verstehe Alles, und es
soll kein Wort davon verloren gehen.«
»Gut, Freund -- desto besser. So passe wohl auf, denn es kommt für euch
viel darauf an, daß du auch eben recht verstehest.«
»Du weißt, unter welchen Umständen wir euch auf diese Insel
zurückbekommen haben. Es war nicht unser Wunsch, und wir hätten euch
lieber in eurem großen Canoe fortsegeln sehen. Du weißt auch, daß ihr
oder euer Capitain -- das bleibt sich gleich, denn ihr gehörtet zusammen
und standet einander bei -- mir hier, der ich euch alle freundlich
aufgenommen, ein großes Leid anthun wolltet. Das war eure Dankbarkeit,
ich will euch das aber nicht so übel nehmen, denn ihr Papalangis wißt es
vielleicht nicht besser, und wenn ihr erst einmal eine Zeit lang
zwischen uns gelebt habt, werdet ihr schon gescheidtere und bessere
Menschen werden. Trotzdem nun hat der wackere und tapfere _Tai
manavachi_, während er eurem bösen Capitain mitten im Sturm seine Braut
wieder abnahm, euch, seine Feinde, die ihr verunglückt waret, aus dem
Meer gerettet und ans Land gebracht, und euch auch weiter nicht das
geringste Leid zugefügt. Er hatte eurem Capitain versprochen, euch
ungestraft ziehen zu lassen, wenn er Hua, die damals noch in eurem
Canoe war, kein Leid zufügen wollte, und da euer Capitain sie darauf
frei ließ, glaubte er auch an euch sein Wort halten zu müssen. -- _Tai
manavachi_ ist ein großer und edler Häuptling, und sein gegebenes Wort
war heilig. Die Hotuas hatten es gehört, und er wußte, daß er es nicht
brechen durfte. So -- sag' jetzt deinen Freunden erst einmal, was ich
mit dir gesprochen.«
Mac folgte dem Befehl und übersetzte den Übrigen die kurze und einfache
Rede. Die Matrosen hörten ihm aufmerksam zu, bis ihn Legs endlich
unterbrach und ausrief:
»Schon gut, schon gut, das ist eine alte Geschichte, und das Meiste
davon wissen wir schon. Er soll uns ein frisches Garn spinnen. Hol' der
Böse die Saalbadereien!«
»Nur Geduld, Mate!« rief aber auch Jonas; »wenn einer ein Schiff vom
Stapel lassen will, muß er erst sehen, ob Alles dicht und in Ordnung
ist. Er hat jetzt die Geschichte kalfatert und Masten eingesetzt und
Takelwerk angeschlagen. Paß einmal auf, jetzt wird er die Segel setzen
und 14 Knoten die Stunde gehen.«
»Haben sie Alles verstanden,« fragte Toanonga.
»Alles,« sagte der Schotte, der klug genug war, den Alten so viel als
möglich bei guter Laune zu erhalten, »und sie bitten dich fortzufahren.«
»Schön,« erwiderte der alte Häuptling, zufrieden dabei mit dem Kopfe
nickend: »Ich muß dir nun sagen, daß ich im Anfang gar keine Lust hatte,
euch hier auf der Insel zu behalten. Ihr waret Kriegsgefangene von _Tai
manavachi_ und ich wollte, er sollte euch mit hinüber nach Tonga nehmen.
_Tai manavachi_ hat aber ein großes Herz. Er sagte, daß seine jungen
Leute sehr zornig auf euch wären, und er nicht wisse, ob er dann sein
Wort halten könne: euch kein Leid zuzufügen. Überdies könnte er euch
auch nicht gebrauchen und wolle nichts mehr mit euch zu thun haben.«
Sehr freundlich von _Tai manavachi_, dachte Mac Kringo, erwiderte aber
laut kein Wort und verzog keine Miene, und der Alte fuhr nach kurzer
Pause fort:
»Da ihm aber nach unseren Gesetzen nun das Recht über euch zusteht, so
haben wir, die Egis des Landes, uns die Sache überlegt, euch ihm
abgekauft und beschlossen, euch hier auf Monui zu behalten.«
»=Abgekauft?=« rief Mac Kringo erstaunt.
»Ja, Freund,« sagte der Alte, ganz unbefangen und freundlich dabei
lächelnd, »=abgekauft=. Nicht etwa, denn ich wüßte nicht, was ich mit
euch anfangen sollte, sondern die Egis, und zu welchem Zwecke, will ich
dir gleich auseinandersetzen, wenn du den Übrigen erst meine Worte
erklärt hast.«
Mac Kringo that das diesmal schnell genug, denn die Nachricht hatte ihn
selber überrascht, Legs aber rief lachend aus:
»Da hätte ich den Alten für gescheidter gehalten. Wer =uns= kauft, ist
bös angeführt, denn ich will verdammt sein, wenn ich selbst mein
=eigener Herr= sein möchte.«
»Und was wollen sie da mit uns machen?« fragte Spund erschreckt; »da
sollen wir wohl =arbeiten=?«
»Bah!« lachte Jonas; »die Arbeit, die =die= faulen Burschen hier zu
verrichten haben, könnte man recht gut vor dem Frühstück fertig bringen,
ehe der Kaffee kalt wird; -- Lumpenvolk das, einen weißen
Christenmenschen zu =kaufen=! Aber so viel weiß ich, daß ich mich schon
dumm genug anstellen werde.«
»Und dazu brauchst du dich auch gar nicht zu verstellen,« brummte Lemon.
»So viel ist aber sicher, und Legs hat Recht, ich hätte die Rothhäute
auch für gescheidter gehalten, als daß sie Kerle wie Spund und Pfeife
kauften.«
»Na, sei du nur --«
»Ruhig!« unterbrach aber Mac Kringo die Kameraden; »ist das jetzt eine
Zeit zum Necken? Hört erst, was der Alte weiter zu sagen hat, nachher
können wir darüber reden.«
»=Was= sagen sie?« fragte Toanonga.
»Sie lassen dich nur bitten, fortzufahren,« erwiderte Mac Kringo.
»Gut, sehr gut,« nickte der Alte wieder, während jetzt besonders die
Frauen unter den Zuhörern sich vordrängten, als ob sie kein Wort von dem
verlieren wollten, was da verhandelt würde. »Die Egis haben euch also,
wie ich dir schon vorher erzählt, gekauft, und eigentlich blieb ihm
nichts Anderes übrig; denn was sollten wir mit euch machen? ihr habt
keinen Tabak, keine Glasperlen, keine Beile, kein Zeug, für das wir euch
zu einer weiten Seefahrt ausrüsten könnten, und ihr werdet doch wohl
einsehen, daß wir euch das nicht auch noch obendrein schenken können,
weil ihr eines Egi Tochter habt entführen wollen und dabei verunglückt
seid.«
»Aber wir können uns vielleicht selber ein Boot bauen oder ein Canoe
aushauen,« unterbrach ihn jetzt Mac Kringo, dem der Gedanke nicht recht
behagen wollte, den rothen Gesellen käuflich überlassen zu sein.
»Womit?« fragte ihn aber ganz trocken der Alte. »Habt ihr selber Beile?
Habt ihr Segel und Ruder? Habt ihr Proviant? Nein, Freund; wir haben
schon Schaden genug durch euch gelitten und wollen jetzt auch einigen
Nutzen aus euch ziehen.«
»Aber was sollen wir thun?« fragte der Schotte ungeduldig.
»Das wirst du gleich hören,« lautete die ruhige Antwort des Alten. »Die
Egis haben euch allerdings gekauft, aber mit Gütern, die dem Lande
selber gehören, deshalb können sie auch nicht und wollen sie nicht eure
Dienste für =sich= in Anspruch nehmen. Krieg haben wir jetzt nicht; wir
leben mit allen benachbarten Inseln in Frieden, und _Tai manavachi_ ist
unser mächtiger Bundesgenosse geworden. Wäre das nicht der Fall, so
würden wir euch vielleicht in unseren Canoes verwenden können, deren
Behandlung ihr bald lernen würdet. Überhaupt seid ihr Weißen entsetzlich
unwissende Menschen, für die es ein großes Glück ist, daß sie nach
unserer Insel gekommen sind -- ihr könnt nicht einmal Fische fangen.
Doch das alles werdet ihr wohl nach und nach begreifen, wenn ihr erst
einmal selber für euch und die Euren sorgen müßt.«
»Wenn wir das aber alles nicht können und verstehen,« brummte Mac
Kringo, »was wollt ihr denn mit uns machen?«
»Du bist entsetzlich ungeduldig,« sagte Toanonga, »ich war ja eben im
Begriff, dir das zu erklären. Vor allen Dingen wollte ich dir nur erst
begreiflich machen, daß wir uns den Kopf zerbrochen haben, euch eine
ordentliche Stellung hier anzuweisen, und ich selber habe da endlich
einen Vorschlag gemacht, dem die anderen Egis nach reiflicher Überlegung
beigepflichtet sind. Unser Entschluß deshalb ist der folgende: Auf Monui
leben, seit unsrem letzten Krieg im vorigen Jahre, einige Frauen ohne
Männer. Diese haben also auch niemanden mehr, der für sie sorgt, und
mußten deshalb von den Egis oder vielmehr von dem Lande selber erhalten
werden. Unter unsern Einwohnern hat sich aber bis jetzt noch niemand
gefunden, der sie wieder heirathen wollte; der Männer sind auch durch
die vielen Kriege weniger geworden, und diese Frauen begannen für uns
eine Last zu werden.«
Mac Kringo hatte die Einleitung in immer wachsendem Staunen zugehört,
denn er begriff gar nicht, was ihre Verhältnisse mit dem der Wittwen auf
Monui zu thun haben könnten. Eben so wußte er recht gut, daß in diesem
gesegneten Lande niemand dem Andern zur Last sein =konnte=, denn wo die
Leute eben so genügsam von Brotfrucht und Wasser oder Cocosnüssen
lebten und von allem diesem übrig genug für sämmtliche Bewohner war,
konnte auch von keinem Nahrungsmangel die Rede sein. Er schüttelte
deshalb ungläubig mit dem Kopf und sagte:
»Hatten sie denn keine Brotfrucht, die sie essen, keine Fische, die sie
fangen konnten?«
»Du verstehst mich nicht,« erwiderte ruhig Toanonga. »Zu essen haben sie
allerdings genug, Dank den Hotuas[27], die unsere Inseln mit Allem
reichlich gesegnet haben. Frauen verlangen aber nicht bloß zu essen, sie
müssen auch einen Beschützer haben, denn sie fürchten sich, allein in
ihren Hütten zu wohnen. Wir haben ihnen deshalb bis jetzt ein großes
Haus eingeräumt, in dem sie zusammen leben konnten, aber sie wollten
sich dort nicht mit einander vertragen. Sie haben sich gezankt und
Streitigkeiten unter einander angefangen, die dann von den Egis wieder
geschlichtet werden mußten, und es ist kein Friede zwischen ihnen
geworden.«
»Segne meine Seele,« knurrte Lemon, »das ist ein langer Palaver, und mir
schlafen die Beine schon ein. Was sagt er, Lord Douglas?«
»Pst -- warte nur noch einen Augenblick,« beschwichtigte ihn der
Schotte, der zu begreifen begann, was man von ihnen verlange, und ein
heimliches Lachen kaum unterdrücken konnte.
»Damit das anders werde,« fuhr Toanonga langsam und bedächtig fort,
»haben wir =euch= ausersehen, und eurem Schutz sollen diese Frauen
übergeben werden.«
Mac Kringo glaubte noch immer, der Alte wollte sich einen Spaß mit ihnen
machen; dazu aber sah er doch viel zu ernsthaft aus, und er fragte
jetzt, immer noch seinen Ohren nicht recht trauend --
»=Wir?=«
»Ja, =Ihr=,« erwiderte Toanonga, gravitätisch mit dem Kopfe nickend.
»=Ihr= sollt sie =heirathen=, dann zieht ihr Jeder wieder in ein
besonderes Haus, und der ewige Scandal hört einmal auf. Es ziemt sich
auch nicht, daß die Frauen die Felder bestellen, _gumala_ und _ufi_[28]
darin zu ziehen. Das ist des Mannes Sache, und ihr werdet das fortan
übernehmen. Du weißt jetzt unseren Willen und wirst ihn deinen Freunden
mittheilen. Hast du mich verstanden?«
»Gewiß,« rief Mac Kringo rasch, und mußte an sich halten, daß er nicht
gerade hinaus lachte, denn die Sache kam ihm doch zu komisch vor.
»Was will er?« fragte aber jetzt auch Spund, der sich vor Neugierde kaum
lassen konnte.
»Nun, Messmates,« redete da Mac Kringo die Kameraden an, indem er sich
gegen sie wandte und so ernsthaft wie nur irgend möglich dabei
auszusehen versuchte, »jetzt =ist= die Bombe endlich geplatzt, und so
viel kann ich euch vor der Hand sagen: gehängt werden wir =nicht=.«
»Aber was ist's? -- was will das alte dicke Rothfell? -- wozu haben sie
uns gekauft?« fragten die Übrigen durch einander.
»Ja, es ist freilich was Erschreckliches,« schmunzelte Mac Kringo, indem
er die ziemlich abgerissene Schaar vor sich überblickte, »und wenn man
euch hier nach einander ansieht, sollte man eigentlich kaum glauben, daß
ihr recht dazu passen würdet.«
»Na, zum Teufel, Lord Douglas,« rief jetzt aber auch Jonas, den bei der
langen Vorbereitung schon ganz unheimlich zu Muthe wurde -- »so schieß
einmal los! Was sollen wir denn thun?«
»Wir sollen =heirathen=,« antwortete Mac Kringo mit einem so ernsthaften
Gesicht, als ihm das irgend möglich war; die fünf Seelen brachen aber
in ein schallendes Gelächter aus, das, merkwürdiger Weise, auch die als
Zuschauer umherkauernden Indianer anstecken mußte. Was sich wenigstens
an jungen Männern dort hinzugedrängt, stimmte plötzlich aus vollem
Herzen in das Lachen mit ein, und die bis zu diesem Augenblicke noch so
ernste Rathsversammlung schien in diesem Ausbruch unerwarteter
Fröhlichkeit ihren ganzen Respect zu verlieren.
Da hob Toanonga den Arm empor, und während die Insulaner augenblicklich
schwiegen, fühlten selbst die Seeleute, daß sie den alten Häuptling, in
dessen Gewalt sie sich doch nun einmal befanden, nicht ärgerlich machen
durften.
»Hast du deinen Freunden gesagt, was ich dir mitgetheilt?« fragte der
Alte -- »und weshalb lachen sie?«
»Sie freuen sich, daß du so gnädig mit ihnen verfahren willst,«
erwiderte Mac Kringo, rasch gefaßt. »Es gefällt ihnen hier auf der
Insel, und sie wollen gern bei euch bleiben. Die Hauptsache freilich,
daß du uns jetzt die Frauen zeigest, die wir nehmen sollen, damit wir
unsere Wahl treffen.«
»Es ist gut -- das hat noch Zeit,« erwiderte der Häuptling. »Vor allen
Dingen möchte ich erfahren, wer ihr eigentlich selber seid.«
»=Wir?=« sagte Mac Kringo erstaunt -- »nun, Seeleute.«
»Ja -- das weiß ich,« erwiderte Toanonga, »denn ihr seid alle auf dem
großen Canoe gekommen. Aber ich weiß auch, daß ihr auf euren Canoes
verschiedene Beschäftigungen habt. Euer Capitain hat mir erzählt, daß es
Unterhäuptlinge darauf gibt, dann aber auch Leute, die das Holz
bearbeiten und Boote machen, solche, die große Fässer arbeiten, solche,
die Eisen hämmern, solche, die mit Tauen und Segeln umzugehen wissen,
und so weiter; Was seid =ihr= also? Was bist =du= gewesen?«
»=Ich?=« erwiderte Mac Kringo, der recht gut einsah, daß er sich hier in
den Augen der Eingeborenen, ohne daß seine Kameraden das Geringste davon
zu erfahren brauchten, einen höheren Rang und dadurch mehr Ansehen geben
konnte. »=Ich= war ein Unterhäuptling.«
»Das habe ich mir gedacht,« sagte Toanonga, »und die Anderen?«
»Hm,« brummte der Schotte, »das mögen sie dir lieber selber sagen,« und
sich dann zu den Kameraden wendend, übersetzte er ihnen rasch, daß der
Alte ihren Stand am Bord zu wissen wünsche.
»Nun, ich bin Böttcher!« rief Spund.
»Allerdings,« nickte Mac Kringo -- »der hier, Toanonga, ist der Mann,
der die großen Fässer macht.«
»Gut -- sehr gut!« rief der Häuptling, »er mag deren hier für uns
machen, Cocosnußöl hinein zu thun -- und weiter?«
»Du, Jonas, hast dem Zimmermann ja manchmal geholfen,« redete diesen der
Schotte an. »Soll ich dich als Zimmermann aufführen? die Rothhäute haben
nachher mehr Respect.«
»Meinetwegen,« antwortete Jonas, »viel zu zimmern werde ich hier doch
nicht bekommen.«
»Und dies, Toanonga,« sagte der Schotte, »ist der Mann, der das Holz
behaut.«
»Sehr gut! Laß die Zwei bei Seite sitzen.«
»Nun, Lemon,« wandte sich der Schotte jetzt an diesen, »soll ich dich
als Schmied vorstellen?«
»Schmied,« brummte der Matrose, »ich habe in meinem Leben keinen Hammer
in der Hand gehabt.«
»Was thut das,« lachte Mac Kringo, »du wirst auch hier weder Hammer noch
Amboß finden, um dadurch in Verlegenheit zu kommen.«
»Dann meinetwegen,« sagte Lemon, »so lange sie kein Handwerkszeug haben,
will ich wohl ihr Schmied sein, wenn sie dann nur Frieden geben.«