»Ich möchte nur wissen,« knurrte da Lemon, einen Seitenblick nach dem

Böttcher werfend, »warum Spund um Gnade gebeten hat, wie sie uns zum

Frühstück riefen.«

»Laß du nur dein Spotten, Lemon,« brummte, als die Anderen lachten, der

also geneckte -- »Gnade haben wir alle nöthig, und ob das, was der Alte

sagte, auf Tongaisch hieß: Gieb ihnen ein Spanferkel und Brotfrucht,

oder schneid' ihnen den Hals ab, hast du so wenig gewußt wie ich. Wenn

ich nur jetzt erst eine Ahnung hätte, wie wir diesen Heiden wieder

entgingen und von der Insel fortkämen!«

»Fort?« rief Legs erstaunt aus -- »wer will denn wieder fort? -- ich

wahrhaftig nicht. Ich danke meinem Schutzgeist, der mich hergebracht

hat, und denke gar nicht daran, wieder an Bord irgend eines anderen

blutigen Schiffes zurück zu gehen. Mögen die Thran sieden, die ein

Vergnügen daran finden; =ich= befinde mich wohl wo ich gerade bin, und

denke Bürger und Einwohner, wie sie bei uns sagen, auf Monui zu werden.«

»Da kommt der Alte wieder,« unterbrach Mac Kringo das Gespräch --

»nehmt euch zusammen, Jungens, und macht ihn nicht böse. Er hat uns nun

einmal in der Tasche, und wir müssen sehen, daß wir ihn zum Freund

behalten.«

Von Toanonga schien ihnen aber nichts Feindseliges zu drohen.

Der gutmüthige alte Mann, ohne jedoch seiner Würde im Mindesten etwas zu

vergeben, mochte sich im Gegentheil in dem Bewußtsein behaglich fühlen,

der Protector dieser von ihm abhängigen Papalangis zu sein. Mac Kringo

hatte ihn auch darin bald durchschaut und sein Betragen schon ganz

darnach geregelt.

Er stand auf, sobald sich der alte Häuptling ihrem Eßplatz näherte,

begrüßte ihn ehrfurchtsvoll und fragte ihn, was zu seinen Befehlen

stände, und Toanonga, den das sichtlich erfreute, winkte ihm huldreich

mit der Hand und bedeutete ihm dann, daß er sich freuen würde, wenn die

Fremden seinen Leuten keinen Anlaß zu Klagen geben wollten. Sie seien

allerdings für jetzt noch Gefangene, bis das Gericht der Egis oder

Häuptlinge über sie entschieden hätte; denn dem, was diese über sie

beschließen würden, müßten sie sich allerdings fügen; aber er hoffe, daß

sie mit ihrer Lage zufrieden sein sollten. Das hänge jedoch, wie schon

gesagt, lediglich von ihrem eigenen Betragen ab. Für jetzt sei ihnen

eine leerstehende Hütte, die er Mac Kringo an einer vorragenden

Landzunge zeigte, zum Wohnort angewiesen; dorthin würden sie auch

geschickt bekommen, was sie zum Leben brauchten. -- Außerdem sei ihnen

aber für jetzt der Verkehr mit den Eingeborenen, besonders den Frauen,

untersagt, und er erwarte, daß sie jenen Platz nicht verlassen würden,

bis sie abgeholt würden.

Damit, und als ob er sich jetzt genug mit den Leuten eingelassen, machte

er eine höchst würdevolle, wie verabschiedende Bewegung mit der einen

Hand, drehte sich dann ab, und verließ die darüber etwas verdutzten

Matrosen, ohne irgend einen Einwand anzuhören oder nur zu erwarten.

3.

Die Leute waren über diese Ankündigung, die ihnen Mac Kringo

gewissenhaft übersetzte, allerdings etwas bestürzt. Daß sie erst noch

einem Gericht der Egis unterworfen werden sollten, hatten sie nicht mehr

geglaubt. Wer wußte denn, was diese über sie beschließen würden? und daß

ihnen nicht alle Insulaner so freundlich gesinnt und auch nicht so

gutmüthig waren, wie der alte Toanonga, hatten sie lange schon gemerkt.

Übrigens wurden sie bald gewahr, wie die Ausführung der Anordnung auf

dem Fuße folge; denn kaum hatte der Häuptling sie verlassen, als sich

ein junger Bursch ihnen als Begleiter vorstellte, sie nach ihrem vor der

Hand einzunehmenden Hause oder Gefängniß abzuführen. Daß sie ihm

gehorchen mußten, verstand sich von selbst.

Merkwürdig blieb aber dabei wie sehr sie von den übrigen Eingebornen

ignorirt wurden. Man that vollkommen, als ob sie gar nicht auf der Insel

seien, und während die Männer, die ihnen auf dem schmalen Pfade

begegneten, über sie hinweg in die Wipfel der Cocospalmen starrten,

gerade als wenn sie dort in diesem Augenblick etwas höchst Interessantes

entdeckt hätten, glitten die Mädchen und Frauen und Kinder, die sie

unterwegs trafen, scheu in das Dickicht, drückten sich dort hinter einen

Busch oder Stamm und ließen sie ungegrüßt vorüber ziehen.

Alle die frohen und leichtherzigen Hoffnungen, die ihnen das Frühstück

gebracht, zerstörte denn auch dieses unheimliche Betragen wieder. Sie

kamen sich vor wie Ausgestoßene, Verfehmte, die Jeder mied, und still

und schweigend wanderten sie zuletzt ihre Bahn, dem etwa eine halbe

Stunde Wegs entfernten Orte ihrer Bestimmung entgegen.

Der Platz dort gefiel ihnen aber gar nicht. Eine schmale, an manchen

Stellen kaum zwanzig Schritt breite Landzunge -- eigentlich nur ein mit

Vegetation bedeckter Corallenstreifen -- lief zu dem Platz aus, auf dem

eine alte, halb verfallene Bambushütte stand, und wenn die Eingeborenen

wirklich etwas Böses gegen sie im Sinne hatten, waren sie dort ohne

Waffen, ohne Boot, vollständig in ihre Hände gegeben.

Daran ließ sich aber nichts mehr ändern, der Befehl lautete: sie dort

abzuliefern, oder vielmehr sie dort sich selber zu überlassen, und der

Erfolg bewies, wie klug der alte Toanonga die Stelle ausgewählt. Eine

einzige Schildwacht nämlich, auf den schmalsten Theil der Landzunge

postirt, konnte jede ihrer Bewegungen überwachen, und daß sie sich

dieser nicht mit Gewalt widersetzen durften, wußten sie recht gut.

So vergingen ihnen acht volle Tage, in denen die Langeweile sie bald

umbrachte. Der alte Häuptling hatte ihnen allerdings ein paar hölzerne

Harpunen geschickt, um sich ihre Fische selbst damit zu fangen, und ein

altes, sehr kleines Canoe war ihnen ebenfalls gegeben worden. Der Raum

aber, in dem sie umherfahren konnten, blieb immer sehr beschränkt, da

ein bis an die Oberfläche steigender Corallengürtel die ganze Landzunge

einfaßte. Übrigens wußten sie mit der leichten Harpune nicht ordentlich

umzugehen und fingen wenig oder gar nichts damit.

Nichts desto weniger litten sie keinen Mangel, denn jeden Morgen

brachten ihnen ein paar Eingeborene Brotfrucht und Cocosnüsse, mit denen

sie sich freilich vor der Hand begnügen mußten. Die aber, die ihnen die

Lebensmittel ablieferten, ließen sich auf gar keine Unterhaltung mit den

Gefangenen ein. Die von Mac Kringo an sie gerichteten Fragen

beantworteten sie kurz oder gar nicht, und nur das eine Wort _mawquaw_

-- »wartet!« hörten sie alle Tage.

Die Eingeborenen hatten allerdings in der Zeit mehr zu thun, als sich

mit den gefangenen Europäern einzulassen. Die Verbindung Hua's mit _Tai

manavachi_ wurde gefeiert -- wie Mac Kringo doch herausbekommen hatte --

und das _Cava_-Trinken beschäftigte sie fast ausschließlich den ganzen

Tag. Der Lärm ihrer Tänze und Sänge schallte auch oft, von der Brise

getragen, bis zu den armen Gefangenen herüber; das war aber auch alles,

was sie von der Feierlichkeit genossen, denn die weißen Tuas[24]

durften nicht Theil nehmen an einem Feste des ersten Häuptlings.

Am neunten Tage Morgens war Alles vorüber, und _Tai manavachi_ führte

seine junge Frau auf seiner kleinen Flotte mit hinweg, der eigenen

Heimat zu. Die Insulaner gaben ihnen noch eine lange Strecke das Geleit;

dann kehrten sie zurück, und es war jetzt plötzlich so still auf Monui

geworden, daß die sonst so lebendige Insel fast wie ausgestorben schien.

Um Mittag herum waren die jungen Leute allerdings schon wieder

zurückgekehrt, aber bei den Matrosen ließ sich Niemand blicken als ihr

gewöhnlicher Bote, der die Lebensmittel brachte.

Spund, vor allen Anderen, war damit nun allerdings vollkommen

einverstanden. Er lag den ganzen Tag im Schatten einer mächtigen, unfern

von ihrer Hütte wachsenden Cocospalme, seinen Platz nur eben so viel

verändernd, wie sich die Sonne drehte. Auch Jonas und Lemon schienen

sich in diesem Leben wohl zu fühlen. Mac Kringo dagegen verlangte es

nach einer Beschäftigung, und während er die Morgenstunden darauf

verwandte, meist verunglückte Versuche im Fischfang zu machen, benutzte

er den Nachmittag, ein Kartenspiel aus Holz zu fabriciren. Er hatte

nämlich eine Holzart dort gefunden, die sich ziemlich leicht spaltete,

und war mit wahrhaft eiserner Geduld daran gegangen, mit seinem

Taschenmesser, an dem sich eine kleine Säge befand, einen Stamm

abzuschneiden und dünne Scheiben davon herzurichten. Wenn die Sache auch

außerordentlich langsam ging, war es für ihn doch eine Beschäftigung und

versprach später sogar eine Unterhaltung.

Legs hatte ihm im Anfange aufmerksam zugesehen. So lange er selber

nichts zu thun brauchte, war es ihm recht, wenn ein Anderer arbeitete.

Endlich aber bekam er auch selbst das Zusehen satt, nahm eine Harpune

und schlenderte langsam hinaus, den Strand entlang.

Dort versuchte er allerdings erst eine Weile, ein paar der in dem

krystallklaren Wasser umherschwimmenden Fische zu harpuniren; im

=tiefen= Wasser überstach er sie aber jedes Mal, und im seichten stieß

er die Harpune so oft und vergebens gegen die harten Corallen, daß er

bald die beinernen, überdies nicht sehr dauerhaften Spitzen abgebrochen

hatte, das unnütze Holz dann zu Boden und sich selber unter einen

breitästigen Pandanusbaum warf, den Sonnen-Untergang hier in aller Ruhe

abzuwarten.

Eine halbe Stunde mochte er etwa so gelegen haben, und er fing schon an

schläfrig zu werden. Die Augenlider wurden ihm schwer, und er war eben

im Begriff, wirklich einzuschlafen, als er unfern von sich und schon

halb träumend etwas auf dem Wasser plätschern hörte.

_There she blows_, murmelte er halblaut vor sich hin, denn im Geist saß

er oben im Top vom Vormast auf der _Lucy Walker_, nach Wallfischen

ausschauend, und das Plätschern kam ihm wie das Blasen der Fische vor.

Da es sich jedoch wiederholte, wurde er auch endlich wach, schlug die

müden Augen auf und sah plötzlich, kaum hundert Schritt von sich

entfernt, eines der wunderhübschen Tonga-Mädchen auf den Corallen im

Wasser stehen.

Der ganze weibliche Theil der Bevölkerung hatte sich nun bis jetzt --

den Befehlen des Häuptlings nach -- so fern von den Papalangis gehalten,

daß ihnen die ganzen neun Tage hindurch keine einzige nur in Sicht

gekommen. Um so mehr wunderte sich jetzt Legs, eine von ihnen so ganz in

der Nähe, und zwar auf dem den Weißen angewiesenen Fischgrunde zu

sehen.

Das Mädchen erweckte aber auch noch außerdem seine Neugierde, was sie

dort eigentlich treibe, denn sie stand in dem seichten Wasser, das ihr

bis über die Knie ging, vollkommen ruhig, und schlug nur manchmal mit

der rechten, flachen Hand darauf, daß es weit hinausschallte. -- Auf

solche Art konnte sie doch keine Fische fangen.

Nun war ihnen allerdings streng untersagt worden, mit den Eingeborenen,

besonders mit den Frauen, zu verkehren, wenn die aber selber zu =ihnen=

kamen, glaubte Legs auch keiner Verantwortung unterworfen zu sein.

Jedenfalls hatten sie die Erlaubniß, dort, wo sich die Dirne befand, zu

fischen, und wenn er davon Gebrauch machte und das Mädchen da draußen

zufällig fand, war es nicht seine Schuld. Froh auch, etwas gefunden zu

haben, die langweiligen Stunden rascher zu vertreiben, griff er die

weggeworfene und jetzt vollkommen nutzlose Harpune wieder auf, um die

Waffe wenigstens als Beweis seiner Beschäftigung bei sich zu haben,

glitt dann unter seinem Baume vor und langsam in das seichte warme

Wasser hinein und nahm jetzt eine solche Richtung, daß er dem Mädchen da

draußen, wenn sie wieder zum Ufer zurück wollte, leicht den Weg

abschneiden konnte. Er glaubte nämlich, daß sie nur hier herausgekommen

wäre, weil sie keinen der Fremden in der Nähe vermuthet hätte.

So wenig als möglich Geräusch machend, näherte er sich dabei langsam dem

jungen Ding, das viel zu sehr da draußen beschäftigt schien, um auf

irgend etwas Anderes zu achten. Der Boden aber, auf dem er ging, war

nicht eben. Die Corallen bildeten allerdings hier einen ziemlich festen,

bei niederem Wasser etwa zwei Fuß tiefen Grund; hier und da waren aber

doch durch ihre Verzweigungen nicht ausgefüllte Löcher geblieben. Legs

watete dort hinaus, achtete aber mehr auf das Mädchen als den Grund, auf

dem er hinschritt, versah eines von jenen Löchern und schlug so lang --

oder vielmehr so kurz er war, aufs Wasser.

Etwas bestürzt, raffte er sich allerdings wieder gleich empor und

erwartete jetzt nichts Anderes, als die erschreckte Schöne dem Lande

zufliehen zu sehen. Das Mädchen aber, das sich nun nach dem Geräusch

umgedreht hatte, blieb lachend stehen und schien sich nicht im

Geringsten zu fürchten, ja, ihn sogar zu erwarten.

Legs, mit einem Kernfluch über seine eigene Ungeschicklichkeit, ließ

sich denn auch nicht lange nöthigen und watete, nur allerdings

vorsichtiger geworden, langsam auf die Schöne zu, die indessen ihre

wunderliche Beschäftigung ruhig und unbekümmert fortsetzte.

Mit der Sprache der Leute konnte der Matrose nun allerdings noch nicht

zu Stande kommen; einzelne Wörter und Benennungen hatte er sich aber

doch gemerkt, besonders den Gruß der Insulaner, ihr herzlich klingendes

und so oft gehörtes _chio do fa_, das er auch vor der Hand zur

Einleitung für ein weiteres Gespräch verwandte.

_Chio do fa_, lächelte das hübsche Kind zurück, und Legs, um weitere

Vocabeln verlegen, faßte sich endlich ein Herz und fragte auf gut

Englisch, was sie da mache.

Das Mädchen, eines der hübschesten der Insel, mit weiter keiner

Bekleidung als einer wunderlich geflochtenen, schmalen Matte um die

Hüften und einem kurzen Stück Tapa über den Schultern, das die Bewegung

ihrer Arme keineswegs beeinträchtigte, schüttelte aber als Antwort nur

lachend mit dem Kopf -- ein Zeichen, daß sie nicht verstehe, was er sage.

Legs fand jetzt, daß er das Englische aufgeben und sich mehr auf Zeichen

beschränken müsse. Deßhalb auf das Wasser deutend und mit der Hand ihre

bisherige Bewegung nachahmend, sah er sie dabei so komisch fragend an,

daß das junge Ding in fröhlichem Übermuth wieder laut aufjubelte und

dabei ein paar Reihen Zähne zeigte, die ihr wie Perlen zwischen den

rosigen Lippen lagen. Jedenfalls hatte sie aber verstanden, was er

meinte, denn sie nickte ihm freundlich zu und sagte:

»_Ang-a!_«

»_Ang-a_ -- ja wohl,« brummte Legs vor sich hin -- »jetzt bin ich so

klug wie vorher. Was ist _Ang-a_?«

»_=Ang-a!=_« wiederholte aber das Mädchen lauter als vorher und wie

erstaunt, daß der Fremde nicht wissen solle, was _Ang-a_ sei. Trotzdem

schüttelte Legs noch immer bedeutend mit dem Kopf, und da sie wohl

merken mußte, daß ihm die so deutlich gegebene Erklärung doch noch immer

nicht genüge, setzte sie lächelnd hinzu -- »_mawquaw!_«

=Das= Wort verstand Legs. Die vollen neun Tage hindurch hatten sie das

jeden Morgen von dem Burschen gehört, der ihnen das Essen brachte

-- warte ein wenig! -- und als er darauf rasch und befriedigt mit dem

Kopfe nickte, drehte sich die Kleine von ihm ab und schlug aufs Neue,

wie vorher, das stille Wasser mit der flachen Hand.

Er sah jetzt, daß sie im linken Arm ein kleines Bündel mit Stücken

gerösteter Brotfrucht und anderen Lebensmitteln trug -- aber wozu? --

Wollte sie so lange hier draußen im Wasser stehen bleiben, daß sie sich

ihr Mittagsessen gleich mit herausgenommen? -- Er war dabei näher zu ihr

hinan getreten, und der weiche, elastische Körper des Mädchens, so in

Arms Bereich von ihm gebracht, schimmerte ihm so verführerisch aus der

leichten Umhüllung entgegen, daß er allen Warnungen zum Trotz seinen Arm

langsam ausstreckte und um ihre Taille legte.

Die Insulanerin nahm jedoch nicht die geringste Notiz davon, und Legs

war selber so erstaunt über den günstigen Erfolg seiner Kühnheit, daß er

ein paar Minuten regungslos in dieser Stellung verharrte, ohne sich

natürlich weiter um das zu kümmern, was auf dem Wasser vorging.

»_Gia-hi!_« sagte da plötzlich die braune Schöne, indem sie ein Stück

der Brotfrucht nahm und neben sich ins Wasser warf.

Legs konnte nicht umhin, den Kopf nach jener Richtung zu drehen, denn er

sah sich dort plötzlich etwas bewegen. Im nächsten Augenblicke erkannte

er aber auch zu seinem Entsetzen die Finne eines gar nicht etwa so sehr

kleinen Haifisches, der sich in demselben Moment etwas auf die Seite

warf und mit dem geöffneten, bis über die Oberfläche reichenden Rachen

das Stück Brotfrucht aufschnappte und verschlang. So nahe war ihnen die

Bestie gekommen, daß er sie hätte mit der Hand auf den Kopf schlagen

können.

»_Ang-a!_« lachte das Mädchen noch einmal laut auf, indem sie dem

Ungethüm einen neuen Leckerbissen zuwarf.

»_Ang-a =hell=!_« schrie aber Legs, der im Todesschreck einen Schritt

zurückprallte, denn selbst der beherzte Matrose fürchtet nichts mehr auf

der Welt als den Hai, seinen ärgsten Feind. »Das ist ein =Hai=, bei

allem, was da schwimmt!«

Unwillkürlich drückte er sich dabei hinter das kecke, wilde Ding, das

sich ein solch gefährlich Spielzeug ausgesucht. Die Insulanerin aber,

mit einem schelmischen Blick auf den Fremden, dessen Entsetzen ihr nicht

entgangen war, ließ das nächste Stück Brotfrucht dicht neben sich und

mehr nach rückwärts fallen, so daß der Fisch in seinem nächsten Sprung

danach in Wirklichkeit Legs' etwas ausgebogene Extremitäten streifte.

Das war diesem aber außer dem Spaß, denn während der Fisch in die Höhe

schnappte, den für ihn hingeworfenen Bissen zu ergreifen, wußte Legs

jetzt wirklich nicht, ob der Angriff ihm oder der Brotfrucht galt,

stieß einen lauten Schrei aus und that, so weit er springen konnte,

einen Satz zurück. Dabei fiel er aber wieder, so lang er war, ins Wasser

und schlug jetzt aus Leibeskräften mit Armen und Beinen um sich, um

durch lautes Plätschern und Lärmmachen, als =einziges= Hülfsmittel, den

furchtbaren Feind fern von sich zu halten.

Er hörte dabei nicht das laute glockenrein klingende Lachen der jungen

Dirne, sah nicht, daß der Hai, durch das ungewohnte Geräusch erschreckt,

schon lange wieder hinaus aus der seichten Fluth und durch irgend ein

Loch der Corallenwände in tieferes Wasser gefahren war. Nur mit jeder,

von ihm selbst aufgeschlagenen Welle, während er sich in aller Hast dem

sicheren Ufer zuarbeitete, fürchtete er das gefräßige Ungeheuer dicht

hinter sich, das vielleicht nur auf einen günstigen Moment wartete, ihn

zu ergreifen, und wälzte sich solcher Art schreiend und mit Armen und

Beinen schlagend, bis zum nächsten Landvorsprung hin.

Einen solchen furchtbaren Lärm hatte er dabei gemacht, daß seine

Kameraden erschreckt aufsprangen und der Richtung zueilten, von der sie

die Hülferufe gehört. Nicht wenig erstaunt waren sie aber, Legs in

solcher Aufregung ankommen und das Mädchen draußen im Wasser so herzlich

lachen zu sehen, ohne daß sie auch nur die geringste Ursache für Eines

oder das Andere erkennen konnten.

Von den Eingeborenen waren indessen ebenfalls Einige durch den Lärm

herbeigerufen worden. Diese erriethen übrigens, wie es schien, was da

draußen vorgefallen, denn sie amüsirten sich unter einander

vortrefflich, ohne jedoch den Weißen dabei zu nahe zu kommen.

Jedenfalls verhinderte sie ein strenges Verbot ihres Häuptlings, sie

würden diese Gelegenheit sonst gewiß nicht versäumt haben, sich nach

Herzenslust über den Fremden lustig zu machen.

Legs behielt deshalb auch volle Freiheit, sein Abenteuer den Kameraden

nach seiner eigenen Art zu erzählen, und demnach war er draußen beim

Fischen von einem furchtbar großen Hai angegriffen und verfolgt worden

und nur durch seine Geistesgegenwart der Gefahr entgangen, von dem

Ungeheuer erfaßt und unter Wasser gezogen zu werden. Mac Kringo

schüttelte freilich dazu den Kopf und fragte, wie es denn käme, daß der

Hai nicht das Mädchen da draußen angegriffen, und warum die Dirne so

entsetzlich gelacht hätte. Legs jedoch meinte, die Braunfelle hätten

gut lachen; an die ginge ein Hai gar nicht, und da sie sich selber

sicher wüßten, so wäre es keine Kunst, sich über einen Anderen lustig zu

machen.

Die Aufmerksamkeit der Matrosen sollte aber bald auf etwas Anderes

gerichtet werden, denn ein Bote von Toanonga kam gegen Abend, ihnen

anzuzeigen, daß sie sich am nächsten Morgen bereit halten sollten, zu

der Rathsversammlung der Häuptlinge abgeholt zu werden.

Weiteres war nun aus dem Burschen nicht heraus zu bekommen. Entweder

wußte er selber nicht mehr, oder durfte nicht mehr sagen. Den Seeleuten

war aber bei der ganzen Sache nicht wohl zu Muthe, denn die Vorladung,

wie die ganze Versammlung wurde gar so feierlich gehalten.

Was wollten sie denn eigentlich noch mit ihnen? Daß sie an dem Raub der

Häuptlingstochter unschuldig waren, wußte der alte Toanonga so gut wie

sie selber, und konnte man sie also deshalb noch bestrafen? -- Wenn man

sie also nicht bestrafen wollte, wozu dann eine Rathsversammlung halten?

Jonas schlug jetzt vor, daß sie suchen sollten, sich in der Nacht eines

Canoes zu bemächtigen und damit aufs Gerathewohl in See zu gehen. Inseln

lägen doch noch mehrere dort herum, und eine oder die andere würden

sie schon finden, wenn sie nicht gar unterwegs ein Schiff anträfen, das

sie aufnehmen könnte. Das war aber ein verzweifelter Plan; denn erstens

wußten sie, daß sie streng bewacht wurden, dann hatten sie gar keine

Waffen, um sich, wenn angegriffen, zu vertheidigen, und ohne Provision

und Instrumente in See zu gehen, wo ihnen der nächste Sturm außerdem

verderblich werden mußte, wäre mehr als Tollkühnheit, es wäre einfach

Wahnsinn gewesen.

Mac Kringo, der überhaupt als Dolmetscher ein gewisses Ansehen bei den

Kameraden gewonnen hatte, stimmte gleich dagegen und erklärte, daß =er=

auf keinen Fall sich bei einem solchen verzweifelten Unternehmen

betheiligen würde. Hätten sie jetzt die ganze lange Zeit nutzlos

verstreichen lassen, so bliebe ihnen nun auch weiter nichts übrig, als

das Letzte abzuwarten, und daß sie nichts dabei für ihr Leben zu

fürchten hätten, glaube er ihnen mit Bestimmtheit versichern zu können.

Die Eingeborenen seien viel zu gutmüthig, ihnen mit vorbedachter

Grausamkeit etwas zu Leide zu thun, und seiner Meinung nach wäre die

ganze Geschichte weiter nichts, als eine Idee des alten Toanonga, der

sich, den Europäern gegenüber, gern ein wenig wichtig machen wolle. Das

Ganze würde darauf hinaus laufen, daß man ihnen vorhalte, wie gut und

großmüthig die Bewohner von Tonga, und wie schlecht die Papalangis

seien, und zuletzt würde man sie auf der Insel ruhig gewähren lassen, zu

treiben was ihnen gerade beliebe.

Ob er nun das Richtige getroffen oder nicht, blieb sich gleich; darin

hatte er jedenfalls Recht, daß ein Fluchtversuch jetzt im letzten

Augenblick Wahnsinn gewesen wäre, und die Bootsmannschaft entschloß sich

denn auch endlich, das Resultat, wie es auch ausfallen möge, geduldig

abzuwarten.

4.

Der nächste Morgen kam, und die Leute versuchten, soweit ihnen das

irgend möglich war, =Toilette= zu machen. Damit sah es aber entsetzlich

windig aus, denn bei ihrer Flucht von Bord hatten sie nur das

Nothwendigste mitnehmen können, und bei dem Sinken des Bootes auch

selbst das noch verloren. Nur Mac Kringo und Legs besaßen Hüte, nur

Spund und Jonas Jacken, und ihre Schuhe waren von dem scharfen

Corallenboden, auf dem sie =ohne= Schuhe gar nicht gehen konnten, schon

so mitgenommen worden, daß sie kaum noch zusammen hielten.

Die einzige Verbesserung, die sie mit sich vornehmen konnten, war die,

daß sie ihre Hemden auswuschen, um wenigstens mit reiner Wäsche vor den

Häuptlingen zu erscheinen, und was eine Kopfbedeckung betraf, so hatten

die, welche mit einer solchen nicht mehr versehen waren, darin die Mode

der Eingeborenen nachgeahmt und sich eine Art Kopfschutz aus den

Blättern der Cocospalme gefertigt, der die Augen wenigstens gegen das

blendende Sonnenlicht schirmte.

Nur Pfeife, einer gewissen Phantasie dabei folgend, war daran gegangen,

einen wirklichen Hut zu flechten -- was die Matrosen meist verstehen und

sich oft ihre Strohhüte selber machen. Das Cocosblatt zeigte sich aber

nicht geschmeidig genug dazu, und wenn er auch wirklich eine Art Hut

zusammen brachte, so hatte derselbe doch eine so wunderliche Form

bekommen, daß selbst Lemon lachte, als er ihn zum ersten Male sah.

Inselwelt. Erster Band. Indische Skizzen · 第 5 / 20 段