wo es die ersten Opfer des Wracks getroffen, und der phosphorisirende
Schaum der züngelnden Wellen half ihnen getreulich die dunklen, in
Wasser schwimmenden Gestalten zu erkennen, so daß sechs Verunglückte
nach und nach ihrem nassen Grab entrissen wurden.
Wohl kreuzten sie noch eine Weile dort auf und ab, zu sehen, ob noch ein
Anderer ihre Hülfe in Anspruch nehmen würde. -- Aber Alles blieb stumm
und still auf der kochenden Fluth. Der schrille Ruf einer
aufgescheuchten Möwe tönte hier und da durch die Dunkelheit, oder der
Schaum zischte in dem schweren Niederschlagen eines sich überstürzenden
Wogenkammes -- sonst war Alles ruhig wie das Grab.
Da dröhnte der Signalschuß des fremden Schiffes durch die Nacht, dem der
höhnende Jubelruf der Tonga-Insulaner antwortete, und dorthin schwang im
Nu der Bug des flüchtigen Canoes, die Freunde einzuholen und sich ihnen
wieder anzuschließen.
Den Gefangenen befahl indeß ein federgeschmückter dunkler Krieger, sich
mitten in das Boot zu legen, und wenn sie seine Worte auch nicht
verstanden, ließ ihnen doch die drohende Geberde und gehobene Waffe
keinen Zweifel über seine Absicht. An Widerstand war überhaupt nicht zu
denken, und so gehorchten sie denn schweigend dem Befehl.
Das Fahrzeug war allerdings eines jener geräumigen, außerordentlich
langen und trefflich gebauten Kriegscanoes; glücklicher Weise aber nicht
für den Krieg, sondern nur für die Brautfahrt, mit vielleicht halber
Mannschaft besetzt, so daß sie ohne Gefahr für sich selber die
Schiffbrüchigen -- und jetzt Gefangenen -- aufnehmen konnten. Nichts
desto weniger mußten sich diese vollkommen ruhig verhalten und lagen,
auf dem Boden des Canoes lang ausgestreckt, eng und gedrückt genug,
immer Zwei neben einander.
Der Wind heulte mit erneuter Wuth über die aufgeregte See; die Blitze
zuckten, und der Donner prasselte in wilden jähen Schlägen schallend
drein, während das schlanke Fahrzeug mit vollgeblähtem Segel mit den
Wogen bäumte und sank, und gar nicht selten züngelnde Spritzwellen über
Bord nahm.
Jonas, der eine der Geretteten, fühlte dabei wohl, daß er eng genug
zusammen gepreßt einen seiner Kameraden neben sich hatte, war aber noch
nicht im Stande gewesen, heraus zu bekommen, wer das sei, und auch bis
zu diesem Augenblicke viel zu sehr mit sich selber beschäftigt gewesen,
besondere Nachforschung zu halten. Jetzt aber verrieth ihm ein
außergewöhnlich greller und langanhaltender Blitz das Gesicht seines
Nebenmannes, und er erkannte den kleinen Legs.
Legs lag, seine kurzen, etwas gebogenen Beine fest angezogen, auf dem
Rücken, schloß die Augen und schien mit auf der Brust gefalteten Händen
vollständig sich in sein Schicksal zu ergeben.
»Legs,« flüsterte da Jonas, der neben ihm auf dem Bauch lag, und sich
nur mit einiger Schwierigkeit nach ihm herumdrehen konnte, »Legs bist du
das?«
»Ich wollte, ich wär's nicht,« stöhnte der arme Teufel, ohne jedoch die
Augen dabei zu öffnen -- »das ist eine schöne Lage hier für einen
ordentlichen Christen, wo einem das verdammte Seewasser am Nacken hinein
und am ganzen Rücken hinunter läuft -- das halbe Boot muß voll sein.«
»Das sei Gott geklagt,« stöhnte Jonas, »ich kann den Mund schon kaum
über Wasser halten, und habe mir den Hals beinah abgedreht. Wenn ich nur
wenigstens auch auf den Rücken läge, wie du -- so wie ich mich aber
rühre, hauen mir vielleicht die verwünschten braunen Bestien Eins über.
Prächtige Gelegenheit für einen Menschen hier, als Ballast für die
wilden Hallunken im Boot zu liegen!«
»Jedenfalls wollen sie uns erst einweichen,« stöhnte Legs in wahrhaft
stoischem Gleichmuth, »um uns nachher eher gar zu bekommen.«
»Die Teufel wären's im Stande, uns auch noch zu braten,« seufzte Jonas,
»und wenn ich das gewiß wüßte, hätt' ich große Lust, das ganze Ding hier
umzuwerfen und uns alle mit einander auszuschütten. Eben so gern oder
noch lieber von einem verdammten Haifisch auf einmal verschluckt, wie
von solch einer nichtswürdigen Rothhaut stückweis geröstet zu werden.«
»Und daran ist nur der vermaledeite Capitain schuld,« brummte Legs, »der
das Mädchen -- Heiland was für ein Donner! -- der das Mädchen hätte da
lassen sollen, wo sie der liebe Gott hingesetzt. Jetzt haben wir die
Geschichte -- den Teufel zu zahlen und kein Pech heiß, und Legs wird
wieder, wie gewöhnlich, die Suppe ausessen müssen, die Andere für ihn
eingebrockt.«
»Na,« brummte Jonas, »=du= sitzest dieses Mal nicht allein an der
Schüssel, und wenn« -- der Satz wurde auf gewaltsame Weise unterbrochen,
denn das Boot stieg in dem Augenblicke mit dem Bug auf die Spitze einer
Woge, und das zurückschießende, darin befindliche Seewasser füllte den
geöffneten Mund des armen Teufels dermaßen, daß er durch Sprudeln und
Spucken kaum wieder Luft und Athem bekommen konnte.
Seine Lage wurde jetzt auch so unerträglich, ja, gefährlich, da das
Canoe reichlich Wasser eingenommen hatte, daß er sich gewaltsam begann
umzudrehen und Legs dadurch erbarmungslos gegen die Seitenwand drückte.
Legs übrigens, keineswegs in der Stimmung, sich das Mindeste gefallen
zu lassen, fluchte laut und wurde nur zum Schweigen gebracht, als er die
drohend über sich gebeugte Gestalt eines der Wilden erblickte. Beim
Leuchten eines Blitzes erkannte er aber den dunkeln Feind, wie den, mit
der Waffe oder einem Ruder gehobenen Arm, und kniff mit einem kurzen
Stoßseufzer beide Augen fest zusammen.
Die Gefangenen konnten jetzt hören, daß sich ihr Fahrzeug wieder der
kleinen Canoeflotte angeschlossen hatte, und dadurch gewannen sie
wenigstens =einen= Vortheil. Die Indianer nämlich wandten nun ihre
Aufmerksamkeit wieder dem eigenen Boote zu und begannen das
übergeschlagene Wasser auszuschöpfen -- nicht etwa aus Mitleid für die am
Boden liegenden Weißen, sondern nur um ihr Canoe zu erleichtern und in
dem Wettlauf, der Insel zu, nicht zurückzubleiben.
Die Lage der auf dem Boden des Canoes ausgestreckten Gefangenen war
dadurch um ein Wesentliches verbessert, und wenn die zürnenden Elemente
ihre Herzen auch noch mit banger Furcht erfüllten, schienen sie doch
wenigstens für den Augenblick der Gefahr enthoben zu sein, selbst in dem
Boote zu ertrinken. Das war aber auch für jetzt der ganze Vortheil, den
sie davon hatten, denn mitten im Sturme und Ungewitter schossen die
Boote dahin, und Jonas, der einmal den Kopf hob, zu sehen, wo sie
eigentlich wären, begriff gar nicht, wie ihre Sieger in der
stockfinstern Nacht nur überhaupt einen Cours halten konnten. --
Verfehlten sie aber das Land -- ein Fleckchen Erde von wenigen
Quadrat-Meilen in dem weiten Ocean -- und hielten sie jetzt hinaus in
die offene See, was sollte dann zuletzt aus ihnen werden?
So schäumten sie in toller Flucht durch die aufgerüttelten Wogen. Der
Sturm hatte schon ausgetobt, und nur noch mattleuchtende Blitze am
nordwestlichen Himmel verriethen, welche Bahn er genommen; die See ging
aber nichts desto weniger noch hohl, und es erforderte die ganze
Geschicklichkeit und Kaltblütigkeit der Insulaner, ihre Fahrzeuge flott
und unbeschädigt zu halten.
Die englischen Matrosen hatten dabei keine Ahnung, in welcher Richtung
das Land lag, welche Richtung sie selber steuerten. Das vordere Canoe
schien jedoch dieselbe anzugeben, und ein in kurzen Zwischenräumen dort
ausgestoßener und langgezogener Schrei -- der wie ein Weheruf über die
Fluth schallte -- hielt die verschiedenen Canoes zusammen. So viel
entging ihnen aber nicht, daß der Wind ihnen nur wenig günstig sei, denn
das Mattensegel war scharf angebraßt und die zu windwärts
überschlagenden Wellen verriethen ebenfalls, daß sie so dicht wie
möglich am Winde lägen, gegen die hohe See also schwerlich raschen
Fortgang machen würden.
Stunde nach Stunde verging auch, und noch war ihnen keine Nacht im Leben
so lang vorgekommen wie diese, die gar kein Ende nehmen wollte. Da
plötzlich hallte ein wilder, jubelnder Ton über das Wasser, und als
Jonas erstaunt den Kopf hob und danach aushorchte, herrschte in dem
Augenblicke Todtenstille rings umher. Ihm selber aber war es, als ob er
in der Ferne und zwar gerade voraus die Brandung hören könne, wie sie
sich tosend über den Riffen dieser Inseln bricht; und als ob auch die
Indianer diesem willkommenen Laute -- dem Zeichen des nahen Landes --
gelauscht, so brach jetzt donnernd ihr Jubelruf durch die Nacht.
Doch nicht allein der Brandung jauchzten sie entgegen, noch ein anderes,
willkommneres Zeichen hatten sie erblickt, und zwar einen rothen
Feuerschein, der mit seinem flackernden Licht zu ihnen herüber glühte.
Das war das Zeichen des befreundeten Stammes auf Monui, der das Feuer
auf einer der vorragendsten Bergkuppen entzündet und unterhalten hatte,
den kühnen Schiffern als Leitstern zu dienen.
Auf dem vorderen Boot hatten sie es zuerst entdeckt, und in froher Lust
stimmten die Häuptlinge, die sich im ersten Boot mit ihrem jungen Führer
_Tai manavachi_ befanden, den Siegesgesang ihrer Heimat an.
Kaum aber trug die Brise die geliebte Weise zu den anderen Canoes
hinüber, als diese jauchzend einfielen und der donnernde Chor das
rauschende Brechen der Wogen selber übertäubte.
Im Osten dämmerte dabei der Tag -- immer breiter, immer lichter wurde
der Streifen, und nur kurze Zeit noch verfloß, bis sie die düstern
Umrisse des nicht mehr so fernen Landes deutlich vor ihrem Bug erkennen
konnten.
Legs, so theilnahmlos er sich bis jetzt gegen alles gezeigt, was ihn
umgab, hatte doch nicht umhin gekonnt, mit dem dämmernden Tag einen
Ausguck zu halten. Kaum drehte er aber den Kopf herum, als er auch schon
die zackigen Umrisse der nicht mehr fernen Küste am Horizont erkannte,
und wieder in seine alte Lage zurückfallend, brummte er halb laut vor
sich hin:
»Na ja -- da sind wir wieder. Die rothen Canaillen müssen Nasen wie die
Spürhunde haben, daß sie in der Nacht ihren Cours halten konnten -- und
jetzt freue dich, Benjamin, und steh bei den Fallen, denn ich will ein
Landlubber sein, wenn ich nicht schon das Feuer rieche, an dem wir
geschmort werden sollen. -- Jonas! -- he, Jonas! -- schläfst du!«
»Schlafen?« knurrte der Angeredete, »da soll einer auch schlafen, wenn
diese rothen Heiden einen Spektakel machen, daß die Fische auf dem
Grunde auseinander fahren. Mir ist überhaupt nichts weniger als
schläfrig zu Muthe. Hörst du die Brandung?«
»Bah, schon seit einer halben Stunde,« sagte Legs. »Wir werden gleich
Anker werfen. Schildkröten und Seeschlangen, wie sich die guten Leute
auf Monui freuen werden, uns wieder zu sehen.«
»Ja, kann ich mir etwa denken,« brummte Jonas, »und so eine dürre
Spiere, wie du bist, kann lachen! Die hat verdammt wenig dabei zu
befürchten; aber wenn ich =meine= Rippen und Arme und Beine anfühle, ist
mir's schon immer, als ob ich ausgenommen und mit heißen Steinen gefüllt
und sauber in Bananenblätter eingepackt in einem von ihren verwünschten
Backöfen schwitzte. Meine einzige Hoffnung ist nur jetzt noch die, daß
ich vor lauter Gift und Galle ganz bitter schmecken und vollständig
ungenießbar sein werde.«
»Na, ihr habt euch ja alle so schrecklich danach gesehnt, an Bord
bleiben zu können,« meinte Legs, »jetzt könnt ihr das Vergnügen
genießen.«
»Und du wohl nicht?« sagte Jonas, den Kopf rasch nach ihm hinumdrehend,
-- »aber meinetwegen,« setzte er, wieder in seine alte Lage
zurücksinkend, hinzu -- »mir ist's recht, und, wenn sie uns nicht
geradezu todtschlagen und auffressen, befinden wir uns dann am Ende noch
immer besser hier, als auf dem blutigen Blubberkocher der _Lucy Walker_,
die jetzt wenigstens ihre Thranfässer sicher auf Meeresgrund gelöscht
hat.«
Erschreckt schaute er in die Höhe, denn wie er gerade aufsah, hing
anscheinend dicht über ihnen eine mächtige Woge mit silberblitzendem
Kamm, die im nächsten Augenblick über ihnen zusammenbrechen und ihr
schwankes Fahrzeug rettungslos begraben mußte. -- Aber die Woge blieb
stehen, und der Jubel der Eingeborenen sagte ihm bald, daß es die
Brandung gewesen sei, die über den Riffen ihre ewigen Sturzwellen thürmt
-- daß sie die Einfahrt in das glatte Binnenwasser glücklich erreicht,
und nur noch kaum eine englische Meile von dem gestern Abends mit so
ganz anderen Erwartungen verlassenen Lande entfernt seien.
Vom Ufer aus begrüßte sie auch schon das Jubelgeschrei der Wilden, die
alle mit einander am Strande versammelt schienen, die glücklich und
siegreich Heimgekehrten zu begrüßen.
Die gefangenen Matrosen hoben wohl die Köpfe und blickten dort hinüber,
aber der Jubel galt =ihnen= nicht, das wußten sie recht gut, und
mißmuthig, und Manche wohl mit ängstlich pochendem Herzen sanken sie in
ihre früheren Stellungen zurück, die Landung und damit den Befehl zum
Aufstehen zu erwarten.
Die Indianer, in deren Gewalt sie sich befanden, hatten sich übrigens
die ganze Zeit entsetzlich wenig um sie gekümmert, und nur nicht
gelitten, daß sie sich bewegten. Außerdem hatten die Gefangenen aber
auch keine Ahnung, was aus ihrem Capitain und der übrigen Mannschaft
geworden sein konnte. Ob die Wilden ihre Kameraden gefangen oder
sämmtlich erschlagen und nur =sie= vielleicht für ein ganz besonderes
Festmahl aufgespart hatten, oder ob sie von dem Schiff, dessen Schüsse
sie gehört, gerettet worden -- sie wußten's nicht und -- kümmerten sich
auch in der That nicht viel darum. In diesem Augenblicke hatte Jeder zu
viel mit sich selber und seiner eigenen Haut zu thun, um besonders viel
auf den Nachbar zu denken.
Von der frischen Brise getrieben, schossen die wackeren Canoes indeß
dem Landungsplatze entgegen, und der Federschmuck, mit dem die
hochgeschwungenen Buge geziert waren, flatterte lustig im frischen
Winde. Jetzt formten sie sich in langer Reihe, das Boot ihres jungen
Häuptlings mit Hua in seinen Armen voran, die anderen ihm folgend in
wildem Jubel und mit Siegesliedern, und als die scharfgebauten Schnäbel
den Corallensand berührten, da stießen die am Ufer versammelten
Insulaner ein solches tolles entsetzliches Geschrei aus, daß die Luft
ordentlich erbebte und die Gefangenen in banger Ahnung zusammenschauderten.
2.
Wohl waren sie an dem Raub des Mädchens vollkommen unschuldig, würden
aber diese Barbaren darauf Rücksicht nehmen? Sie gehörten mit zu dem
Schiff, das die Gastfreundschaft der Eingeborenen in so undankbarer,
böser Weise vergolten, und was der Capitain gesündigt, konnte jetzt
wahrscheinlich die Mannschaft entgelten.
Im Anfang nahm aber Niemand von ihnen auch nur die mindeste Notiz. Die
Mannschaft der Canoes sprang, so wie ihre Fahrzeuge Grund berührten,
über Bord und an Land, und schaute sich nicht einmal nach den
Europäern um. Diese blieben auch noch immer, eines weiteren Befehls
gewärtig, im Boote und richteten sich nur jetzt halb auf, dem wilden
Toben am Lande zuzusehen.
»Guten Morgen, Lemon,« sagte da Jonas, als er den also benannten
Kameraden dicht neben sich erblickte -- »auch mit angekommen? -- und
Spund, Pfeife und Lord Douglas sind auch mit da?«
»Die ganze blutige Gesellschaft,« knurrte Lemon mit einem Gesicht, als
ob er sich und die ganze übrige Welt hätte vergiften können. »Jetzt
haben wir die Bescheerung!«
»Und wo ist unser zweiter Harpunier?« fragte Jonas, sich nach diesem
unter den Gefangenen umsehend, »denn =unser= Boot ist doch wenigstens
hier beisammen.«
»Das ist dem zweiten Harpunier seine Sache!« knurrte Lemon.
»Wahrscheinlich frühstückt er heute Morgen mit irgend einem Haifisch --
hol' ihn der Teufel!«
»Hallo, Mates, an Land!« rief da der Schotte Mac Kringo seinen Kameraden
zu -- »seht ihr nicht, wie uns das dicke Rothfell da drüben zuwinkt und
schreit? -- Sie wollen die Canoes wahrscheinlich auf die Corallen
ziehen.«
»Na dann _look out for a squall_!« murmelte Jonas vor sich hin, indem er
langsam den voransteigenden Gefährten folgte. »Jetzt wird die Bombe
platzen.«
Seine Befürchtung zeigte sich indessen, wenigstens für den Augenblick,
unbegründet, denn die Insulaner, die für jetzt noch viel zu sehr mit dem
geretteten Mädchen, der Tochter des Häuptlings, zu thun hatten, thaten
gar nicht, als ob die weißen Männer auch nur auf der Welt wären. Ohne
selbst bei dem Aufslandziehen der Boote ihre Hülfe in Anspruch zu
nehmen, ließ man den kleinen Trupp der eingebrachten Europäer
unbeachtet, selbst unbewacht am Ufer stehen, und Alles drängte sich
jetzt nur um Hua her, Männer, Frauen und Kinder, sie zu bewillkommnen,
sie zu umarmen.
In vielen Augen standen sogar Freudenthränen, mit denen sie das geliebte
und schon fast verloren gegebene Kind begrüßten.
Während aber noch ein Theil der Insulaner so umhersprang und jubelte
oder sich wieder und wieder die Abenteuer der letzten Nacht von den
Freunden erzählen ließ, gingen andere mehr praktisch auf die nächsten
Bedürfnisse der Neuangekommenen ein, die jedenfalls nach ihrer langen
gefährlichen Fahrt Hunger haben mußten. Im Schatten der nächsten
Palmen wurden ihre gewöhnlichen Kochgruben zum Rösten der Ferkel rasch
hergerichtet, Brotfrüchte, Bananen und Fische herzugeschafft und Alles
geordnet, ein baldiges und reichliches Mahl zu versprechen.
Die Frauen verrichteten dabei gar keine oder nur die leichteste Arbeit,
pflückten breite Blätter, besonders von den Hibiscusbäumen, die zu
Tischtüchern und Servietten dienen sollten, holten in leeren Cocosnüssen
Seewasser herbei, das die Stelle des Salzes vertrat, und pflückten
Früchte von den nächsten Büschen, welche dann die Knaben zu den
beabsichtigten Eßplätzen trugen.
Die Europäer standen indessen noch immer auf einem Trupp und leise
flüsternd zusammen, sahen zu, wie die Ferkel ausgenommen und geröstet
wurden, und wie die Gäste schon Miene machten, ihre verschiedenen, ihnen
durch den Rang angewiesenen Plätze einzunehmen.
Da trat plötzlich Toanonga, der Häuptling der Insel und Vater Hua's, aus
dem Kreis der Seinen, wackelte gemüthlich auf die Matrosen zu, vor denen
er, beide Hände auf seine Hüften legend, stehen blieb, und sagte:
»_Chio do fa_, ihr Männer -- _chio do fa_ -- ihr seid nicht lange
fortgeblieben und habt schöne Streiche mit eurem großen Canoe gemacht.
Wi[23]! -- Wi, ihr Burschen, war das der Dank, daß ihr so viel
Brotfrucht und Cocosnüsse und Bananen und Ferkel hier bekommen habt und
so freundlich von uns aufgenommen worden seid? -- Wi! schämt euch -- und
wie ihr jetzt da steht! -- Toanonga möchte nicht in eurer Haut stecken,
nicht um alle Glasperlen der ganzen Welt.«
Wenn die Meisten der Schaar auch nicht die Worte verstanden, fühlten
doch Alle deutlich genug, =was= der Mann eigentlich zu ihnen sagte, was
er sagen und denken mußte -- und er hatte Recht. Die armen Teufel
befanden sich so unbehaglich wie möglich und sahen, nach einem spätern
Vergleich Spund's, wirklich gerade so aus, wie ein Hund, den man beim
Stehlen erwischt.
Der alte würdige Insulaner war dabei sehr ernst und finster geworden,
und Spund, der Furchtsamste der Schaar, that schon einen Schritt vor,
ihm wo möglich zu Füßen zu fallen und um Gnade zu bitten. Mac Kringo
jedoch, der Einzige von ihnen, der die Landessprache verstand und
darin verkehren konnte, während die Übrigen bis jetzt nur Worte davon
begriffen, trat da vor und sagte:
»Du hast Recht, Toanonga, es war ein schlechter Streich, den dir der
Capitain gespielt -- aber was können =wir= dafür? Waren =wir= in dem
Boot, das deine Tochter vom Lande stahl? Nicht ein Einziger. Frag sie
selber, und sie muß dir meine Worte bestätigen. Du bist deshalb auch zu
vernünftig, uns das entgelten zu lassen, was ein Anderer verbrochen
hat.«
»Schweig du, bis du gefragt wirst, mein Bursche,« rief aber Toanonga,
der es für unter seiner Würde hielt, sich mit einer untergeordneten
Person -- und er wußte recht gut, daß die Matrosen das an Bord der
Schiffe waren -- in ein Argument einzulassen. »Ihr steckt alle mit
einander unter einer Decke, und wenn =du= in dem Boote gewesen wärest,
würdest du eben so gut gerudert haben, und wie die Anderen es gethan,
sobald es dir dein Capitain befohlen.«
»_Tai halla! tai halla!_ -- gewiß!« schrieen jetzt eine Menge junger
Burschen, die sich herbeigedrängt, so wie sie sahen, daß ihr Häuptling
mit den Papalangis sprach, und wilde Ausrufe, hier und da auch mit
Verwünschungen gemischt, kreuzten toll und laut durch einander.
Da hob Toanonga nur den Arm auf, und im Augenblick verstummte der Lärm.
Auf ein zweites, eben so gebieterisches Zeichen bemächtigte sich aber
eine Anzahl kleiner Burschen der Männer und suchte sie unter Lachen und
Schreien von ihrer Stelle hinweg und dem Holzrand zuzuführen.
Widerstand wäre unter allen Umständen fruchtlos gewesen, und die Leute
wollten dem Befehle schon ruhig gehorchen. Spund jedoch, der glaubte,
daß es jetzt an ihr Leben ginge, drängte sich bis zu Toanonga hin, und
vor diesem richtig auf die Kniee fallend, bat er den alten ehrlichen
Häuptling im breitesten Irisch um sein Leben.
Über das Gesicht des Alten stahl sich aber ein gutmüthiges Lächeln, denn
es that ihm wohl, nicht allein den Weißen gegenüber seine Autorität
gezeigt zu haben, sondern sich auch von ihnen gefürchtet zu sehen. Er
war aber viel zu weichherzig, ihnen irgend ein Leid anzuthun. Seine
Tochter hatte er wieder zurück, das Schiff, welches ihm hatte Schaden
zufügen wollen, war verbrannt, und die paar davon an seine Insel
verschlagenen Weißen dachte er nicht für Vergangenes zu bestrafen. Die
jungen Burschen hatten im Gegentheil die Papalangis nur eben zum
Frühstück führen sollen, das etwas abseits von den Eingebornen für sie
hergerichtet worden, und als ihnen dies jetzt von dem alten Häuptling
erklärt wurde, war dem armen Teufel eine große Last von der Seele
gewälzt.
Der leichte Muth, den Matrosen vor allen übrigen Menschen so besonders
eigen, gewann auch bald bei ihnen wieder die Überhand, und als sie jetzt
in einem kleinen Dickicht von Pandanus, Casuarinen und einzelnen
hochstämmigen Cocospalmen, unbelästigt von einem der Eingeborenen, um
das reichliche Mahl saßen, kehrte die, wenn auch nicht fröhliche, doch
sorglose Laune rasch zurück.
»Und da hätten wir endlich unseren Wunsch erfüllt,« brach Legs zuerst
das Schweigen, »da säßen wir auf dem Trocknen mit Schweinebraten und
Brotfrucht, statt Salzfleisches und Schiffszwiebacks, und Cocosmilch,
statt faulen Wassers und dünnen Grogs. Jungens, wenn die Sache nicht
schlimmer wird, so können wir es hier ruhig aushalten, und wenn erst ein
paar Tage vorüber sind, daß von der fatalen Mädchengeschichte nicht
weiter gesprochen wird, so dürfen wir am Ende gar noch unserem Schöpfer
danken, uns aus dem alten verbrannten Kasten hieher zurückgeführt zu
haben.«
»Sei nicht zu sicher, mein Bursche,« brummte jedoch der Schotte, »wir
wissen noch gar nicht, ob uns der Brand des Schiffes zum Heil
ausschlagen wird; denn ehe wir es uns versehen, kann uns die braune
Rotte über dem Halse sein.«
»Der liebe Gott hat es jedenfalls gethan,« bestätigte aber auch Spund,
eben mit einem delicat gebackenen Rippenstück beschäftigt, und Spund
gehörte überhaupt -- wo es ihm gerade paßte -- einer streng religiösen
und zwar methodistischen Richtung an. »Der liebe Gott hat es gethan, und
daß er euch nichtsnutziges Gesindel ebenfalls in seinen erbarmenden
Schutz genommen, ist nur wieder einer von seinen unbegreiflichen, aber
sicher zum Heil führenden Wegen.«
»Na, wir wollen hier nicht untersuchen, ob wir es verdient oder nicht
verdient haben,« sagte da =Pfeife=, »hier sind wir aber einmal, durch
die gütige Fürsehung von dem Wassertode und vielleicht noch vor
Schlimmerem bewahrt, und wie ich die Insulaner bis jetzt gefunden, so
glaube ich kaum, daß uns noch eine Gefahr für unser Leben droht. Hätten
sie Böses mit uns im Sinne, so brauchten sie uns nur einfach ersaufen zu
lassen; kein Mensch hätte ihnen dabei einen Vorwurf machen können.
Kalter, berechneter Blutdurst liegt aber nicht in ihrer Natur, und da
sie uns nicht im ersten Augenblicke die Schädel eingeschlagen haben, so
denk' ich, dürfen wir für unsere Sicherheit auch weiter nichts
fürchten.«