»Wird die Flamme lichterloh hier am Deck emporleuchten -- unsere einzige

Hoffnung ist, ihnen vorher mit den Booten aus dem Wege zu kommen. So,

rasch hinein -- mit dem Seitenwind laufen wir dann ein Stück nach Norden

hinauf und sind morgen Früh hoffentlich, wenn die Sonne aufgeht, aus

Sicht.«

Die Mannschaft hatte indessen in wilder Hast Alles herbeigeschleppt, was

an Provisionen aus der ihnen geöffneten und von dem Feuer noch nicht

angegriffenen Proviantkammer zu erreichen war. Die kleinen, überdies

immer bereiteten Wasserfässer für jedes Boot waren gefüllt und standen

am Deck, jeden Augenblick hinuntergelassen zu werden, da man die oben in

der Schwebe hängenden Boote, Unglück zu verhüten, nicht so schwer

beladen durfte, ehe sie auf dem Wasser ruhten.

Der zweite Harpunier war indeß beordert, Munition und Gewehre aus der

vordern Cajüte herbeizuschaffen, die Leute zu bewaffnen, und Capitain

Silwitch sprang jetzt selber in seine Cajüte hinunter, die Gefangene

herauf zu holen, ehe sich das Feuer dorthinein etwa die Bahn gebrochen

hätte.

Vor allen Dingen seine Papiere und Geld zu sich steckend, für alle Fälle

gerüstet zu sein, trat er zu Hua, die noch gebunden und regungslos in

dem Sopha lehnte, auf das er sie gelegt.

»Mädchen, herauf mit dir!« rief er ihr zu, nach ihren Armen fühlend,

ihre Banden zu lösen. »Das Schiff brennt und wir müssen flüchten.«

»Hotuas Fluch hat dich getroffen,« lachte aber die Jungfrau zornig auf,

»seiner Rache bist du verfallen. Schon seit ich in deiner Macht bin,

hab' ich den grimmen Feind gewittert, der in den Eingeweiden deines

Schiffes wühlt -- er ist von Minute zu Minute mächtiger geworden und da

drinnen kannst du das fröhliche Knistern hören, wie er sich die Bahn

gräbt ins Freie. Du bist verloren und der Sturm draußen läßt dir die

Wahl jetzt zwischen Feuer und Wasser -- zu verderben, wohin du dich

wendest.«

»Noch nicht, mein Herz,« lachte aber der Seemann in fester, trotziger

Entschlossenheit, »so lange jene Canoes draußen in solchem Wetter leben

können, brauchen wir auch in einem tüchtigen, regelrechten Boot nicht

viel zu fürchten.«

»Canoes? -- was für Canoes?« frug Hua rasch aufhorchend.

»Es ist gut, mein Schatz,« sagte der Seemann ausweichend, den das Wort

schon gereute, das er gesprochen; »euere Fischercanoes mein' ich. Und

nun komm!« und ihre Banden mit einem Messer durchschneidend, führte er

das Mädchen, die ihm jetzt willig folgte, an Deck hinauf. Der Rauch

unten verstattete ihnen schon kaum noch das Athmen, während rasch die

Nacht einbrach und ihren dunklen Schleier über das Meer legte.

Der erste Harpunier hatte indeß die Mannschaft in ihre verschiedenen

Boote gewiesen, während er das eigene für sich und seine Leute wie für

den Capitain mit seiner Gefangenen freibehielt, auch die Instrumente und

einen Theil der Waffen da hineinstaute. Die übrigen sollten flott

werden, so rasch sie könnten. An der Starbordseite hatte sich schon die

Flamme durch das dünne Deck die Bahn gebrochen, und einmal nur erst ein

wirkliches Luftloch für die Gluth geöffnet, und jeden Augenblick konnte

dann das ganze Schiff in Flammen stehn. Die Boote blieben jetzt ihre

einzige Rettung.

Als sie das Deck erreichten, schaute Hua rasch und spähend umher, und

horchte in peinlicher Angst in die Nacht hinaus, aber nichts ließ sich

weder erkennen noch hören und ihr nächster Blick, mit kalter

Entschlossenheit nur einen Erfolg zur Flucht, sei diese so verzweifelt

wie sie wolle, berechnend, musterte die Mannschaft der verschiedenen

Boote erst und fiel dann auf das wild erregte Meer. Tief aufseufzend hob

sich da ihre Brust, als sie das Trostlose eines jeden solchen Versuchs

fühlte, und schaudernd wandte sie sich ab von dem Manne, der sie Allem

entrissen, was ihr lieb und theuer war auf der Welt, und der sie jetzt

umfaßte, sie wieder in das Boot zu heben, dem einen Element vertrauend,

was das andere entfesselt bedrohte.

Ihr Fuß zögerte auch, als sie das Deck verlassen sollte; zog sie den Tod

nicht solchem Leben vor? -- Aber =die Canoes=? -- das eine Wort, so

unbestimmt und vague, hatte neue Hoffnungen in ihr geweckt. Wurden sie

verfolgt, so lag Rettung im Bereich der Möglichkeit, denn ihre

Landsleute sind berühmt selbst unter den kühnen Nachbargruppen im Bau

trefflicher Canoes, mit denen sie hunderte von Meilen weit die See

befahren und nicht selten sogar Stürmen trotzen.

»Komm, komm, mein Täubchen,« mahnte sie aber der Engländer, ihr Sträuben

fühlend, »du kennst die Gefahr nicht, der wir hier mit jeder Secunde

zögern ausgesetzt sind; an ein verwünschtes Faß Pulver unter Deck hab'

ich bis jetzt noch gar nicht gedacht -- über Bord Leute, über Bord in

euere Boote, wenn euch euer Leben lieb ist!« und das Mädchen auffassend,

schwang er sich in demselben Moment über die Railing, als das Boot, von

beiden Krahnen gesenkt, niederfiel auf das Wasser und noch von dem rasch

die Fluth durchschneidenden Schiff den nachstürzenden Wellen immer

wieder entführt wurde.

Lemon behauptete indeß das Ruder in all seiner sauertöpfigen

Hartnäckigkeit, denn das Schiff mußte die Bahn halten, bis sämmtliche

Boote frei waren. Eine Handspeiche neben sich, die er zuletzt in's Rad

stecken wollte, es auf seiner Stelle zu halten, wenn er seinen Posten

verlassen mußte, stand er mit unerschütterter Ruhe den jetzt aus mehren

Stellen an Deck brechenden Krater unter sich beobachtend und anscheinend

vollkommen gleichgiltig, daß Alle das Schiff verließen und ihn allein

auf dem brennenden Sarg zurückließen. Rechts und links glitten schon

die glücklich niedergelassenen Boote, mit ihren Segeln gesetzt, ab von

dem seinem Geschick verfallenen Schiff, und nur noch das eigene hing

unter den Krahnen.

Eine helle Flammensäule stieg in diesem Augenblick mit blendendem Strahl

hoch auf in die Nacht; ein Theil des Decks war eingestürzt und die Gluth

brach lodernd hinaus in's Freie.

»Nieder mit euch, nieder!« schrie des Capitains Stimme über das Wasser,

der mit dem eigenen Boot dicht im Fahrwasser seines Schiffes folgte;

»nieder, oder ihr seid verloren!«

Der Schotte und Pfeife standen an den Tauen, vierten, auf den jetzt

rasch gegebenen Befehl des Harpuniers, das Boot nieder, langseits dem

Schiff und sprangen dann rasch hinein, Jonas und der ihm aus einem

andern Boote beigegebene Legs mit Spunt, dem Böttcher, reichten ihnen

die schon bereit liegenden kleinen Fässer mit Wasser und Proviant nach,

und ihnen mit dem Harpunier folgend, war Lemon der letzte Mann an Bord.

»Komm von Bord, Sir!« rief sein Officier, »schnell! um dein Leben!«

»Werdet doch wohl warten, bis ich komme?« knurrte der sauertöpfische

Gast in voller Ruhe, und die Handspeiche einschiebend und ein dort

liegendes Fall darumschlagend, daß sie nicht wieder herausrutschen

konnte, blieb er noch einen Moment stehen, das Deck kopfschüttelnd zu

überschauen und stieg dann rasch an der Seite nieder, von halbwegs ab

auf eine der _thwarts_ oder Bootbänke springend. Das Boot hatte indeß

seine Segel schon gesetzt, löste das Springtau und kam frei, und allein

fort schoß der brennende Koloß, wie ein angeschossener Eber seine wilde

unbewußte Bahn, die Todeswunde im Herzen, da er nicht mehr entfliehen

konnte in toller, blindstürmender Wuth.

»Habt Acht auf eure Segel!« rief ihnen der Capitain zu, der mit seinem

rascheren Boot gerade an ihnen vorüberschoß, während die jetzt

vollkommen ausgebrochene Gluth am Bord der armen »_Lucy Walker_« einen

hellen Schein über das Wasser warf und alle Gegenstände deutlich

erkennen ließ; »das obere Fall da hat sich umgeschlagen.«

»Wirf es herüber, Jonas!« rief der Harpunier, der den Steuerriemen in

der Hand hielt, »wirf es herüber, Mann, aber rasch, denn das Segel faßt

jetzt den Wind nicht genug, und wenn uns die nächste Welle erwischt,

füllen wir -- Pest und Tod -- werft einen Theil der Ladung über Bord,

wir gehen ja fast bis an den Rand im Wasser und sind verloren, wenn uns

eine einzige Welle überwäscht.«

Jonas, überhaupt etwas ängstlicher Natur, und mit dem bösen Gewissen,

Mitwisser der That zu sein, die sie Alle jetzt in Todesgefahr gebracht,

stand zitternd von seinem Sitz auf, dem Befehl Folge zu leisten, während

Andere noch unschlüssig zwischen den eingestauten Sachen wählten, was

sie hinauswerfen sollten.

»Rasch, Leute, rasch, _damn it_, ihr steht da, als ob euch der Compaß

gebrochen wäre; faßt zu!«

Ein schriller, jubelnder Schrei gellte in diesem Augenblick in so

furchtbarer Wildheit über das Wasser, daß sich die Leute erschreckt

danach wandten, und Jonas das schon gefaßte Tau seiner Hand wieder

entgleiten ließ.

»Teufel!« fluchte der Harpunier, »die Wilden!« und in demselben Moment

fast antwortete von dem vor ihnen dahinschießenden Boot des Capitains

aus ein lauter, weit schallender Hilferuf Huas, dem herausfordernden

Schlachtschrei ihrer Landsleute.

»Wahr' dein Segel, Mann, wahr' dein Segel!« kreischte der Harpunier, als

dieses, durch das verworfene Tau eingepreßt, den Wind nicht faßte und zu

flappen anfing.

»Eure Riemen, Boys, eure Riemen!« gellte die entsetzte Stimme des

Harpuniers, als die ihnen folgende Welle drohend hinter ihnen

dreinstürmte. Die Leute griffen auch fast mechanisch nach den Rudern --

aber zu spät; hoch über ihnen stand die gläserne, von dem jetzt

helllodernden Schiff noch grell beleuchtete See -- wenige Secunden fast

war es, als ob sie in der Luft, über der sicher gefaßten Beute hing und

jetzt ein gellender Aufschrei und die Mannschaft des geschwemmten,

überladenen Bootes, rang mit der schäumenden Fluth.

6.

Durch die tanzenden Wogen, über die leuchtende quillende Fluth schossen

die dunklen Canoes der Eingebornen, die Mattensegel geschwellt, heran,

und im Bug des vordersten stand eine hohe, edle Gestalt mit wehendem

Haar und Hüftentuch, die weite See mit dem Adlerblick überfliegend, wo

ihn die stürzende Woge auf ihren Kamm hob und in jagender Schnelle

voranriß.

Es war der junge Häuptling _Tai manavachi_, der dem Tod selbst trotzend,

seine kleine Flotte dem frechen Räuber in Nacht und Wetter nachführte

und verzweifelnd schon die trostlose Jagd hatte aufgeben wollen, als

der Feuerschein des fremden Schiffes jubelnd von ihm entdeckt wurde.

Auch auf den andern Canoes hatten sie schnell die Wahrheit des Unfalls

ihrer Feinde begriffen, und der gellende Jubelruf, der Schlachtenschrei

ihres Stammes, mit dem sie ihre Lanzen und Speere fester packten, war

es, der das Blut des sonst wahrlich unerschrockenen jungen Engländers in

den Adern gerinnen machte.

Hua aber hatte in jauchzender Seeligkeit die Nähe der Freunde gehört,

und wenn auch der antwortende Schrei zu schwach war, gegen den Wind an

die Retter zu erreichen, wußte sie doch nun, daß die Ihren, den Wogen

trotzend, mit kühnem Muth ihren Spuren gefolgt waren, und die einzelnen

Boote ihnen jetzt gar nicht mehr entgehen konnten.

»Ruhig, mein Täubchen, ruhig!« warnte sie aber drohend der neben ihr

stehende Capitain; »die Nacht ist dunkel und deine Stimme dringt doch

nicht zu ihnen hinüber, aber auch der Gefahr wollen wir uns nicht

aussetzen und -- ich möchte dir kein Leides thun -- aber wirst du noch

einmal laut, so muß ich dich wieder binden und knebeln, so weh mir das

selber thäte.«

Hua blickte wild und trotzig zu ihm empor, aber sie war auch schlau

genug, nicht nutzlos den Zorn Derer zu reizen, in deren Gewalt sie sich

noch befand, und kauerte von jetzt an still und schweigend im Boot,

aber ihre Blicke forschten, die Sehkraft bis zum Schmerze angestrengt,

in die Nacht hinaus, die Freunde zu entdecken.

Ein blendendes Licht breitete sich in dem Augenblicke über die See, und

als sie rasch die Blicke dem brennenden Schiffe zuwandten, sahen sie

einen hellen Strahl von seinem Deck emporschießen und ein dumpfer Krach

verkündete die Explosion des Pulvers. Das Fäßchen hatte aber zu hoch

unter Deck gelegen, dem Rumpf des Schiffes weiteren Schaden zu thun, als

das Deck oben zu sprengen und den Besahnmast zu splittern, der jetzt in

lichten Flammen einen Moment zur Seite schwankte, und dann schwerfällig

und tausend und tausend Funken emporwerfend, über Bord in See schlug.

»Mein armes Schiff!« seufzte der Capitain und blickte traurig herüber,

da traf ein anderer Ton sein Ohr und »ein Schuß!« rief fast die ganze

Bootsmannschaft wie aus einem Munde.

»Ein Schuß!« -- Ein Schiff war in der Nähe, das ihre Noth erkannt, und

das Signal gab zur Rettung -- ein Schuß, und von Gefahr umringt, zeigte

sich Hilfe. Der Schall kam aber vom Süden herauf, und sie mußten ihren

Cours jetzt ändern, die Boote deshalb zusammenrufend -- das Sinken des

einen war in der Erregung des Augenblicks von den andern gar nicht

bemerkt -- legten sie rasch über den andern Bug, schräg von den Wellen

abschneidend und konnten der Richtung, die ihnen jetzt ein zweiter und

dann bald darauf folgender dritter Signalschuß angab, genau folgen.

Einmal an Bord und die Canoes, denen sie bis dahin zu entgehen hofften,

waren ihnen nicht mehr gefährlich.

_Tai manavachi_ kam indeß mit geblähten Segeln und sieben vollbemannten

großen Kriegscanoes durch die Wellen schäumend an; ein Brautzug hatte es

werden sollen und war eine Jagd geworden auf den Räuber seines

Theuersten, was er auf dieser Welt kannte, und wie die jetzt schon sehr

gemäßigte, aber doch noch immer frische Brise mit den flatternden,

wehenden Zierrathen am Bug der schlanken, wunderlich geschnitzten

Fahrzeuge schlug und spielte, standen die wilden, trotzigen,

kriegerischen Gestalten, hinaus in die Nacht spähend, am Bord, die

geflüchteten Boote zu erkennen und zu verfolgen.

Ein Hilferuf traf ihr Ohr, neben ihnen im Wasser schrie sie ein

Schwimmender an um Rettung, und treibende Ruder und Sitze verriethen

ihnen rasch genug das Schicksal wenigstens eines der Boote. Einen

ängstlich suchenden Blick warf der junge Häuptling umher -- wenn gerade

dies Boot -- doch nein, sein Herz zog ihn weiter, und nur dem nächsten

Canoe ein paar Worte zurufend, das rasch zur Seite schoß und seinen Bug

gegen die nächsten Wellen anwarf, hier zu halten und die Verunglückten

aufzunehmen, verfolgten die Rächer unaufgehalten ihre Bahn.

Da dröhnte auch zu ihnen der Krach des explodirenden Pulvers herüber,

aber mehr als das, der helle, blitzähnliche Strahl verrieth ihnen die

weiß leuchtenden Segel der Flüchtigen, und als gleich darauf die fernen

Kanonenschläge irgend eines zufällig in die Nähe gekommenen Fahrzeugs an

ihr Ohr schlugen, zuckte ein triumphirendes Lächeln über das Antlitz des

jungen wilden Kriegers. Er kannte die Lage der Feinde, und daß sie jetzt

hinüberhalten =müßten=, dem Schiffe zu, wo sich ihnen allein noch

Rettung bot. Dorthin aber war er im Stande ihnen den Weg abzuschneiden

und wußte sie jetzt in seiner Macht.

Capitain Silwitch hatte sich indessen wohl gescheut, den hellen

Wasserstreifen zu durchfahren, den das jetzt bis in die Masten hinauf

brennende Fahrzeug zwischen sich und seinen Verfolgern ließ, aber er

durfte auch keine Zeit versäumen, denn der Feind mußte gewaltig

schnelle und tüchtige Canoes haben, daß er es nur gewagt hatte, ihnen

bis hier heraus zu folgen. So, auf ihre eigenen guten Boote vertrauend,

hielten sie gerade nach Süden hinunter und einmal wieder weit genug von

dem hellen Schein entfernt, hofften sie auch in der Dunkelheit der Nacht

dem Feinde entgehen zu können.

Ein neuer Signalschuß des fremden Fahrzeugs, dessen Capitain den Booten

die Stellung seines Schiffes zu zeigen wünschte, tönte schon um vieles

näher, und Capitain Silwitch hätte jetzt gern ein Gewehr abgefeuert, dem

ziemlich unter dem Wind befindlichen Fremden die Richtung anzudeuten, in

der sie sich selbst befanden, mußte er nicht zugleich fürchten, dadurch

auch den vielleicht nähergekommenen Verfolgern die Stelle zu verrathen.

Sein Boot, das größte Segel führend, war das erste, die andern

vielleicht in zwei- und dreihundert Schritt Entfernung folgend, und

Einer der Bootssteuerer war vorn in dem Bug postirt, scharf

auszuschauen, ob er nicht vielleicht doch gegen den etwas helleren

Horizont das jetzt keinesfalls so weit mehr entfernte Schiff entdecken

könne.

»Hallo, Capitain!« rief dieser plötzlich, »da vorn sah ich eben etwas

Dunkles, als sich das Boot auf der Welle hob, es sah aus wie ein Boot.«

»Hab' Acht, wenn es wiederkommt,« lautete die Antwort. Die nächste Woge,

jetzt nicht mehr durch den Wind gepeitscht, aber noch immer in schwerer

Dämmung, kam hinter ihnen drein, und rechts und links von dem Boot ihren

zischenden, glühenden Schaum ausgießend, hob sie das schlanke Fahrzeug

auf ihren Nacken über die nächsten Wellen. Ehe aber nur der Mann eine

weitere Meldung machen konnte, schallte ein gellender Jubelruf, schrill

und furchtbar an ihr Ohr, und:

»Hierher, hierher, Tangata Tonga!« jauchzte die emporspringende Maid den

Rettern entgegen. -- »Hierher zu Hilfe!« und die Arme emporschlagend,

wollte sie sich eben in die schäumende See werfen, als Silwitch seinen

linken Arm um sie schlang und die sich wild gegen ihn Sträubende

festhielt und zu sich zog. Aber _Tai manavachi_ hatte den Ruf gehört und

erkannt, und während die Europäer in wilder Hast ihre Waffen aufgriffen

und der Bug des Bootes, wie selber ein lebendiges Wesen, vor der Nähe

des Feindes zurückscheuchend abfiel von seinem Cours, schoß auch das

mächtige dunkle Canoe heran, und zwanzig drohende Gestalten, unter denen

her jetzt die andern Canoes preßten und ihren antwortenden Jubelruf

durch die Luft sandten, streckten die Arme aus, die Larbordseite des

eingeholten Bootes zu fassen und zu halten. Durch die zerrissenen Wolken

trat in diesem Augenblick die bleiche Mondessichel und warf ihr fahles

silbernes Licht auf die wogende See.

»Ergib dich, Pagalangi, ergieb dich!« schrie da der junge Häuptling, der

die Gestalt der Geliebten in dessen Arm sich winden sah; »ergieb dich,

denn ihr seid in meiner Hand!«

»Zurück! oder Hua ist eine Leiche!« donnerte ihm aber des Weißen Ruf

entgegen, der sein Messer aus der Scheide riß und es über dem Mädchen

zuckte -- er sah doch, daß hier Widerstand vergebens war, und wollte das

letzte Mittel versuchen, sich und die Seinen vor Gefangenschaft oder Tod

zu retten, dachte aber gar nicht daran, der armen, durch ihn verrathenen

Maid ein Leides zu thun, und flüsterte ihr rasch und beruhigend in's

Ohr:

»Fürchte dich nicht, Hua -- dieser Arm sollte eher verdorren, ehe er

=dich= träfe; und wenn sie mich tödteten, ich hätte keine Waffe für

dich!«

»=Fürchten?=« rief aber die Jungfrau, wild und zornig ihm in's Auge

schauend; »fürchten? stoß zu, Pagalangi, wenn du Muth hast, aber du bist

verloren. Hierher, _Tai manavachi_!« schrie sie dann in trotziger

Kühnheit nach dem Geliebten hinüber; »hier ist der Räuber deiner Braut

-- triff ihn sicher und kehre dich nicht an mich!«

»Hua, Hua!« rief aber der junge Häuptling, den Arm bittend und schützend

gegen sie ausstreckend; »gib sie frei, Fremder, wirf das Messer von dir

und deine Boote mögen ungehindert von mir jenes Schiff suchen --

schädige ihr aber nur eine Locke ihres Hauptes, und zerreißen will ich

dich auf langsamem Feuer!«

»Du sicherst mir unser Leben und unsere Freiheit?« rief der Europäer.

»Ich geb' dir mein Wort!« rief der Häuptling stolz, während die beiden

Fahrzeuge jetzt rasch und schäumend neben einander hinschossen und die

Matrosen ihre freilich von Seewasser durchnäßten Musketen und die

gefährlicheren Wallfischlanzen aufgegriffen hatten, dem grimmen Feind im

Nothfall trotzig die Stirn zu bieten.

»So geh', Hua!« sagte Silwitch traurig, sie freigebend aus seinen Armen;

»geh' und vergiß den Fremden, der dir weh that, weil er dich so

unendlich liebte.«

Hua erwiderte keine Silbe, aber ihr Fuß stand auf dem Rand des Bootes

und als der Bug des jetzt dicht an sie hinanschießenden Canoes rasch

vorüberglitt, sprang sie mit kühnem Satz hinüber und in die Arme ihres

aufjauchzenden Geliebten.

Fast über ihren Köpfen hin dröhnte in dem Augenblick der schmetternde

Schlag eines Kanonenschusses und als sie überrascht emporschauten, war

das fremde Schiff, dem das brennende Fahrzeug als Mark gedient, so nahe

an sie herangekommen, daß das Canoe selbst seinen Bug herumwerfen mußte,

nicht überfahren zu werden.

»Teufel!« schrie Silwitch, ingrimmig mit dem Fuße stampfend, »so dicht

am Ziel und doch zu spät!« Aber in die Nacht hinein, rasch und plötzlich

wie sie gekommen, verschwanden die Canoes. Höhnisch noch schlug ihr

gellender Triumphschrei an sein Ohr, und Hua war auf immer für ihn

verloren.

Das fremde Schiff, ein Bremer Wallfischfänger, braßte seine Segel back,

als es die gesuchten Boote so dicht unter seinem Bug sah, Taue wurden

übergeworfen, die Mannschaft aufzuholen und die Schiffbrüchigen sahen

sich bald Alle an sicherem Bord. Nur ein Boot fehlte noch; auf und ab

kreuzte das Schiff, von Zeit zu Zeit noch einen Schuß feuernd nach dem

vermißten Boot -- umsonst. Bis Tagesanbruch hielt es auf der Stelle,

und als die Sonne sich über den Horizont hob, wurden die Tops bemannt,

von oben aus vielleicht etwas zu erspähen -- es ließ sich Nichts

erkennen. Nur in blauer Ferne lag das Land, kein Boot, kein Segel war

weiter am Horizont zu sehen und mit scharfangebraßten Segeln, dicht am

Wind, hielt das deutsche Schiff mit der geborgenen Mannschaft der »_Lucy

Walker_« nach Norden auf, den Sandwichs-Inseln zu.

Fußnoten:

[1] Die Muntere.

[2] Die südseeländische Kastanie, _tuscarpus edulis_, ist ein

stattlicher, mächtiger Baum mit immer grünen Blättern und der Kastanie

ähnlichen, doch stachellosen Früchten, aber das Eigenthümliche an ihm

ist der Stamm, der etwa zehn oder zwölf Fuß hoch aufsteigt, ehe er

auszweigt, und bis zum 7. oder 8. Jahre ziemlich glatt bleibt, dann sich

aber auf eine höchst wunderbare Weise vergrößert. An vier, fünf und mehr

Stellen desselben, von oben nach unten, von der Wurzel bis zum Stamme

laufend, erhebt sich die Rinde und wächst -- der Baum behält seine

Stärke und diese Streifen heben sich mehr und mehr, bis sie zuletzt

förmlicher, mit grauer Rinde bedeckten, nicht selten ganz regelmäßigen

Planken gleichen, die, nur wenige Zoll stark, oft zwei, drei, ja vier

Fuß breit, wie die Schaufeln eines Rades vom Baume abstehen. Je älter

der Baum dabei wird, desto knorriger wird er, durch kranke Flecke ziehen

sich diese bretartigen Auswüchse hie und da zusammen und er sieht dann

allem Andern ähnlicher, als einem Baum.

[3] _Me_, die Brotfrucht.

[4] Tangaloa ist einer ihrer Hauptgötter, der die Tonga-Inseln beim

Fischen mit einem Haken aus dem Meere gezogen haben soll.

[5] _Mea fanna fonnua_, auch Kanone, wörtlich eine Waffe, die gegen das

Land schießt.

[6] Fremder.

[7] Januar.

[8] Engländer oder überhaupt Weißer.

[9] Freund.

[10] Citrone.

[11] Der Wallfischspeck

[12] Die Jahreszeit des Fischfangs, also volle Jahre.

[13] Die Raanocke, das äußerste Ende der Raaen oder Querbalken, an denen

die Segel befestigt sind. Auf der See werden bei etwa stattfindenden

Executionen die Verurtheilten daran aufgezogen.

[14] Essen.

[15] Ruder.

[16] Die Zeiteintheilung an Bord eines Schiffes geschieht nach Glasen,

von den früheren Sandgläsern so genannt. Jede Wacht von vier Stunden hat

acht Glasen; diese zu bezeichnen, wird jede halbe Stunde, bis die Wacht

aus ist, einmal mehr mit dem Klöppel an die Glocke geschlagen, so daß,

von zwölf Uhr z. B. an gerechnet, halb ein Uhr einmal angeschlagen wird,

um ein Uhr zweimal, halb zwei Uhr dreimal, um zwei Uhr viermal u. s. f.

bis vier Uhr, was man durch acht Schläge oder Glasen angiebt. Ein

viertel auf Fünf beginnt dann wieder mit =einem= Schlag, daß vier Glasen

Abends also zehn Uhr bedeuten würde.

[17] Die ganze Mannschaft an Deck.

[18] Haltet mit dem Anker.

[19] Royal oder Oberbramsegel, das oberste leichte Segel.

[20] Eine zu Zeug verarbeitete und von der Rinde des chinesischen

Maulbeerbaumes bereitete und gedruckte Masse. Ungedruckt hat sie den

Namen Tapa.

[21] Der Gruß und Abschied der Tonga-Inseln.

[22] Segel verkürzen.

Die Bootsmannschaft.

1.

Nur =einen= Theil der Mannschaft ließ das wackere Schiff zurück, denn

wie vorher erwähnt, schlug auf der Flucht eines der Wallfischboote um,

und die Indianer nahmen die Meisten der Schwimmenden in das für sie

zurückgelassene Canoe.

Inselwelt. Erster Band. Indische Skizzen · 第 3 / 20 段