Der alte Häuptling, still vor sich hinschmunzelnd, erging sich noch in

einer Menge anderer Möglichkeiten, indeß er sich zugleich auf sehr

angenehme Weise mit dem Sortiren der verschiedenen Arten Knöpfe und

Nägel beschäftigte, als ein Bote, einer seiner jungen Leute, von einem

anderen Theil der Küste herüberkam und die Ankunft vieler Kriegscanoes,

wahrscheinlich den jungen Häuptling _Tai manavachi_ führend, meldete,

der jetzt komme, seine Braut heimzuführen. »Kommt gerade recht,«

murmelte der alte Mann zufrieden vor sich hin; »tollköpfiger Pagalangi

hätte am Ende noch dumme Streiche gemacht, und Hua ist nirgends besser

aufgehoben, wie bei ihrem Mann -- aber was ist das?« unterbrach er sich

dann selbst, als ein Boot von dem draußen in der Bai liegenden Schiff ab

nach der nächsten Landspitze, wo gar keine Wohnungen lagen, hinüber

hielt. »Was wollen die Fremden da drüben, wo Hua nur Abends mit ihren

Frauen hinübergeht? -- Hm, hm, hm, wird sie noch einmal sprechen und

fragen und gewinnen wollen -- ja, zu spät, _cowtangata_, zu spät -- wenn

sie dich möchte, hätte sie lange Ja gesagt.«

Eine Zeitlang blieb er so sinnend stehen und schien gewissermaßen zu

erwarten, daß das Boot, wie jedes anderemal nach seinem gewöhnlichen und

ihm eigentlich auch vorgezeichneten Landungsplatz herüber halte, von wo

der Capitain des Wallfischfängers dann gewöhnlich allein nach der andern

kleinen Bai hinüber gegangen war. Da das aber heute Abend

augenscheinlich nicht in der Absicht der Fremden lag, und Toanonga sich

dadurch gewissermaßen, er wußte selber eigentlich nicht recht warum,

beunruhigt fühlte, beschloß er selber dort hinüber zu gehen, und zu

gleicher Zeit seiner Tochter die Ankunft ihres Bräutigams zu melden.

Mit einiger Beschwerde erhob er sich von seiner Matte, auf der er vorher

jedoch sorgfältig seine Schätze in ein Stück braungefärbtes und

gedrucktes Gnatu[20] eingeschlagen hatte, die er nun vor allen Dingen in

seiner Hütte in Sicherheit brachte. Dann winkte er den beiden Burschen,

ihm zu folgen, und mit diesen langsam ein kleines Dickicht von

Fruchtbäumen durchschreitend, das den Hang des Hügels nach dieser Seite

zu bedeckte, stieg er die leise Abdachung hinan, die von ihrem Gipfel

aus einen Überblick nach der Nachbarbai, mit ihrem stillen Wasser und

wehenden Palmen gewährte.

Hierher kam Hua jeden Abend mit mehreren ihrer Gespielinnen sich zu

baden und auf der klaren Fluth, über den aufzweigenden Corallen hin in

ihrem Canoe zu schaukeln. Silwitch hatte ihr da oft Gesellschaft

geleistet und selige Stunden mit ihr verträumt, während das Mädchen mit

ihm plauderte und lachte, ihm die Legenden und Märchen ihres Volkes

erzählte und ihn neckte und seiner spottete, ihm aber nie eine Freiheit

gegen sich selber gestattete. Nie durfte er auch nur den Arm um sie

legen, oder sie gar küssen, und zehnmal war er in bitterem, verzehrendem

Unmuth fest entschlossen gewesen, nie wiederzukehren und die gefährliche

Nähe der so schönen wie spröden Maid auf immer zu fliehen, aber das

herzliche, lächelnde »_chio do fa[21]!_« mit dem sie ihm beim Abschied

jedesmal die Hand unaufgefordert reichte, zwang ihn auch wieder zurück

in ihre Nähe, bis er zuletzt nicht einmal mehr den Gedanken fassen

konnte, sie zu fliehen.

Auch heute hatte sie sich, noch nicht von der Ankunft des Geliebten

benachrichtigt, hierher zurückgezogen, und sein Canoe mußte auch in der

That diese Bai passiren, wenn er Toanonga's Wohnort erreichen wollte, da

auf der andern Seite der Insel ein breiter Corallendamm das Umschiffen

derselben im Binnenwasser unmöglich machte. Die Mädchen saßen zusammen

im Schatten eines breitästigen Toabaumes, dem einzigen auf dem kleinen,

hier absichtlich von Unterholz befreiten Raum, ihr Haar mit

wohlriechendem Cocosnußöl zu salben, als das Wallfischboot des Fremden

um die Spitze der Bai schoß und die Mädchen erschreckt aufspringen

machte; nur Hua blieb ruhig sitzen und sagte lachend:

»Was fürchtet ihr euch, tolle Dirnen, habt ihr den Pagalangi noch nie

gesehen mit seinem Boot, und sieht er zu windwärts von der Landspitze da

draußen anders aus als zu leewärts? Er wird uns sein Lebewohl sagen

wollen, denn die fremden Männer sind alle auf das Schiff zurückgefahren,

und den ganzen Tag schon in den Seilen herumgeklettert. Er hat unsere

besten Wünsche für sein Wohl -- wir =fürchten= ihn nicht!«

»Aber was suchen die Fremden =hier=?« rief eines der Mädchen, schüchtern

zu ihrem Sitz zurückkehrend; »komm, Hua, wir wollen in den Wald gehen,

bis sie vorbeigerudert sind -- siehst du, sie wollen landen.«

»Laß sie, Mädchen,« sagte des Häuptlings Tochter verächtlich; »wenn wir

sie hier nicht länger dulden wollen, schickt sie Hua wieder in See.«

»_Chio do fa, Hua, chio do fa!_« rief in dem Augenblick die lachende

Stimme des jungen Capitains zu ihnen herüber; »wartest du hier auf mich,

Maid, zur rechten Stunde? ich komme, ich komme.«

»Nicht auf dich, Pagalangi,« sagte das Mädchen ruhig, sich halb von ihm

abwendend; »dieser Platz ist mein Eigenthum, und wer ihn betritt, kommt

zu =mir=.«

»Und sollen wir hier unser Haus bauen in späterer Zeit?« flüsterte der

junge Mann, näher zu ihr hintretend und die Hand ausstreckend, die

ihrige zu ergreifen.

»Wir?« wiederholte die Jungfrau erstaunt.

»Zögert nicht länger wie nöthig ist, _Captain dear_!« rief aber in

diesem Augenblick der Mate oder Harpunier warnend, »ich habe da oben auf

dem Hügel eine Gestalt gesehen und die Canoes, die wir von Deck aus

sahen, könnten auch bald hier sein, wenn sie beabsichtigt hätten, hier

herzulaufen.«

»Es ist wahr, George,« rief der Capitain zurück, »ich habe überdies

schon zuviel Zeit verloren,« und sich rasch zu der Geliebten drehend,

sagte er schmeichelnd:

»Komm mit mir, Hua -- da draußen liegt mein Schiff, in wenigen Minuten

setzen wir die Segel und frisch und fröhlich ziehen wir hinaus in die

freie, offene See -- meine Seele hängt an dir, Mädchen, und ich kann

nicht ohne dich leben.«

»Zurück, Pagalangi,« rief aber Hua, zum erstenmal vielleicht erschreckt,

als er dreister auf sie zutrat und seinen Arm um sie zu legen suchte;

»zurück, _taima tangata_ -- eines Häuptlings Tochter ist für dich zu

gut; such' dir ein Weib unter den Dirnen des Landes.«

»Meinest du, Herz?« rief der junge Mann jetzt, dem Zorn und beleidigte

Eitelkeit das Blut in die Wangen jagte, »dann will ich doch sehen, ob du

an Bord dieselbe Sprache hast!« und mit raschem Sprung die Sträubende

umfassend, ehe sie selbst im Stande war um Hilfe zu rufen, hob er sie

vom Boden auf, und floh mit ihr dem vielleicht hundert Schritte davon

entfernten Boote zu.

»Hilfe! Hilfe!« schrie jetzt das arme Mädchen, die erst in dem Entsetzen

der Gefahr, als sie das Boot vor sich sah und ihr Schicksal ahnte, die

Sprache wieder fand. »Hilfe, Toanonga, zu Hilfe -- zu Hilfe deinem

Kinde!«

»Sie hören dich nicht, Liebchen,« lachte aber der junge kecke Seemann,

seine süße Last nur schneller dem Ziele zuführend; »dein Ruf dringt zu

spät an ihr Ohr.«

»Habt Acht, Capitain!« rief aber in dem Augenblick der Harpunier, der

mit dem Steuerriemen in der Hand hinten im Boot gestanden, den Befehl

zum Abstoßen zu geben, so rasch ihre Beute geborgen sei, und der jetzt

zwei junge Burschen aus den nächsten Büschen herausbrechen und dem

Mädchenräuber folgen sah; »habt Acht, sie sind hinter euch!« Silwitch

hatte aber, an keine Verfolgung denkend, nur Auge und Ohr für sein

erobertes Glück, und der junge, riesige Ire, die Gefahr von dem Haupt

des Capitains abzuwenden, flog unbewaffnet wie er war, mit einem Satz so

nahe er konnte, an Land, in die klare und hier seichte Fluth hinein,

unbekümmert, ob sie hier einem ungleichen Kampf entgegengingen, warfen

sich auch die beiden jungen Indianer auf den Capitain, ihres Häuptlings

Tochter aus seinem Griff zu retten. Der Ire aber zwischen den Capitain

und seine Verfolger springend, ergriff den ersten beim Arm und

schleuderte ihn wie ein Kind zur Seite, während er den Zweiten,

stärkeren der einen Schlag nach ihm führen wollte, mit sicher gezieltem

und geübtem Stoß so derb zwischen die Augen traf, daß er betäubt und

regungslos zu Boden schlug.

»Nun fort!« rief er jetzt und stieß, in das Wasser springend, das Boot,

in das der Capitain seine Beute schon hineingehoben, ab von den

Corallen, und sich nachschwingend, während zwei der Leute das Mädchen

hielten, und die andern den Capitain zu sich herein zogen, setzte er

rasch und dringend hinzu: »an eure Riemen, meine Bursche, an eure

Riemen, für euer Leben, denn beim Teufel, dort kommt die ganze

Canoeflotte hinter der Landspitze vor -- an eure Plätze und vorwärts!

der Capitain wird die Dirne schon festhalten und du, Patrick, kannst ihr

indessen ein wenig die Füße zusammenbinden, daß sie nicht doch noch über

Bord springt; erst aber ein Tuch über den Mund, daß sie das verdammte

Schreien läßt. Und nun ein mit euren Rudern, und brecht sie, wenn ihr

könnt!«

Das elastische Holz bog sich unter den kräftigen Zügen der, ein

jubelndes Hurrah ausstoßenden Matrosen, denn die kecke Entführung hatte

ihre ganze Sympathie, und das scharfgebaute Boot schoß schäumend durch

die Wellen, dem nicht so gar weit davon ankernden Schiff zu. Die

Fahrzeuge der Eingebornen dagegen, sieben vollbemannte und wunderlich

geschmückte Kriegscanoes, die allerdings noch zu weit entfernt waren,

den Hilferuf zu hören, konnten doch schon auf dem Corallensand des

Strandes die hin und her laufenden dunklen Gestalten erkennen. Wenn sie

deshalb auch vielleicht anfänglich die Absicht gehabt hätten, näher am

Land zu bleiben, wo die ihnen hier günstige Strömung auch die stärkste

war, so schien das fremde Boot diesen Plan geändert zu haben. Sie

hielten nun vor allen Dingen gerade auf die ziemlich in ihrem Cours,

aber ihnen gegenüber liegende Landspitze zu, wo sie die dunkle Gestalt

eines Eingebornen entdecken konnten, von welcher sie jedenfalls Auskunft

über das etwas verdächtige Benehmen des Bootes zu erhalten hofften.

Die Gestalt am Ufer war aber Niemand anderer als Toanonga selber, und

nach einigen rasch gewechselten Worten mit dem ersten, festlich

geschmückten, aber mit wohl zwanzig Kriegern bemannten stattlichen Canoe

gab dieser den ihm folgenden Fahrzeugen durch schrill gerufene Laute

irgend einen Befehl, und quer hinüber schneidend über die Bai, wo ihnen

jetzt das die Segel setzende Schiff der Pagalangis in Sicht kam, suchten

sie augenscheinlich diesem die Bahn abzugewinnen.

»Anker klar, da vorn!« rief die helle, fröhliche Stimme des Capitains

über Deck, als er kaum die Wanten seines Fahrzeugs erfaßte und die

Railing übersprungen hatte.

»Alles klar, Sir!« lautete der bestimmte Ruf des Harpuniers zurück.

»Her zu mir denn, mein Herz!« jubelte er, als er die Arme ausstreckte,

das ihm heraufgereichte und sich wild sträubende Mädchen in Empfang zu

nehmen; »her zu mir, mein Herz, und nun hab' ich und halt' ich dich, und

_Tai manavachi_ muß rasche Canoes und tapfere Krieger haben, wenn er

dich wiederholen und aus meinen Armen reißen will.«

»Bind mich los, _tangata foi_!« rief aber das schöne Mädchen, als ihr

das Tuch abgenommen war, das bis dahin ihren Mund bedeckt, in wildem

Zorn: bind' mich los und »[**gehört vor "bind'"!]gib mich frei, falscher,

verrätherischer Pagalangi, der du, wie der Dieb in der Nacht, dich in

meines Vaters Haus geschlichen. Hotuas Fluch über dich und dein Schiff!

Bind' mich los!«

»Daß du mir über Bord sprängst und den ganzen Spaß verdürbest,« lachte

der junge Mann. »Nein Herz, du bist jetzt vielleicht bös auf mich, aber

das wird sich schon geben; ich bin nicht so schlimm, wie du mich machst,

und wir werden hoffentlich noch recht gute Freunde werden. Jetzt aber,

wildes Täubchen, muß ich dich auf kurze Zeit hinunter und aus dem Weg

tragen,« setzte er rasch hinzu, als ihn ein Blick überzeugt hatte, wie

die Canoes einen näheren, ihnen wohl genau bekannten Canal durch die

Riffe annahmen, den Lauf des Schiffes abzuschneiden, das die breite

Ausfahrt halten mußte. Wenn er auch ihren Angriff nicht zu fürchten

brauchte, denn selbst vor Anker hätte er sich die Canoes abhalten

können, wollte er doch, so lange das anging, jedes Blutvergießen, wie

jede weitere Feindseligkeit vermeiden. So denn die geraubte Braut, die

sich vergebens seinem Griff zu entwinden suchte, in die Arme fassend,

trug er sie in die Cajüte hinunter, deren Thüre er rasch hinter ihr

abschloß.

Keine Zeit war es jetzt für ihn, die Zürnende zu besänftigen, das Schiff

trieb mit dem schäumenden Corallendamme mehr und mehr entgegen, und

näher und näher kamen die Canoes dem Feinde.

Die Commando's am Bord den Steuernden zuzurufen, erforderten jetzt die

ganze Aufmerksamkeit der Mannschaft, die an den Brassen, jeder an seinem

Posten, stand, etwa gegebene Befehle zu anderer Stellung der Segel so

rasch als möglich auszuführen, während der Capitain selber vorn von der

Back aus, durch zwischen ihm und dem Steuernden aufgestellte

Harpuniere, den Lauf des Fahrzeugs mit seiner Stimme lenkte. Die »_Lucy

Walker_« war übrigens ein treffliches Seeboot und gehorchte dem Steuer

rasch; so umschifften sie denn auch, mit der jetzt immer frischer

einsetzenden Brise, die so scharf von Osten herüberkam, daß sie in eine

Bö auszuarten drohte, die gefährlichen Klippen, die ihnen rechts und

links schäumende Brandungswellen herüberrollten und jetzt, von keiner

Gefahr weiter bedroht, und gerade, als die Sonne in dem noch klaren

Westen verschwand und die von gegenüber aufsteigenden Wetterwolken mit

ihrem rosigsten Lichte übergoß, breitete sich die freie, offene See vor

ihnen aus.

»Freie Bahn!« rief da der junge Capitain in lustigstem Übermuth, seinen

Hut gegen die noch immer unverdrossen heranschäumenden Canoes

schwenkend, indeß der Bug seines eigenen Fahrzeugs, die Segel von der

frisch und stark aufkommenden Brise gebläht, durch die krystallene Fluth

schoß und die klaren Wellen zu beiden Borden spritzend abwarf. -- »Freie

Bahn! und nun auf Wiedersehn, vielleicht für nächstes Jahr. Armer _Tai

manavachi_!« setzte er dann lächelnd hinzu, als er noch einen Blick auf

die Canoes warf, ehe er von der Back hinunter sprang, »wenn du wirklich

da drin bist, thust du mir wahrhaftig leid, so, nur wenige Minuten, die

Zeit, versäumt zu haben. Hättest du nicht so lange Siesta gehalten,

vielleicht läge die Braut jetzt in deinen Armen, statt in meiner Cajüte.

Zu spät nun deine Anstrengungen, mein Tapferer, zieh deine Ruder ein,

tollköpfiger Bursch, oder das Wetter da drüben schneidet dir auch zum

Land zurück die Straße ab?

Nun, meinetwegen,« setzte er nach einer kleinen Pause hinzu, währenddem

er zu seinem Erstaunen sah, wie die Canoes wirklich die Passage in

offener See forcirten und dem drohenden Himmel und der trostlosen

Aussicht auf Erfolg zum Trotz die Verfolgung noch nicht aufgegeben zu

haben schienen, »wenn ihr's nicht besser haben wollt, so kann mir's

recht sein; Nebenbuhler sind überdies gefährliche Gesellen,« und an Deck

hinunterspringend und die jetzt zurückbleibenden Canoes keines Blickes

weiter würdigend, ging er wieder nach aft (hinten), dort die nöthigen

Befehle zu geben, einen Theil der Segel wieder zu bergen und für ein

doch mögliches Unwetter, das in diesen Breiten oft einen furchtbaren

Charakter annehmen kann, wenigstens vorbereitet zu sein.

Die »_Lucy Walker_« ließ die Insel, jetzt vor dem Wind laufend, rasch

hinter sich, und vor ihnen war an dem, im Abendschein klar

abgeschnittenen Horizont kein Land mehr sichtbar.

5.

»Zum Teufel noch einmal, Legs,« sagte Pfeife mit seiner feinen,

quitschigen Stimme, als die eine Wacht ins Logis beordert war, rasch ihr

Abendbrot einzunehmen, um an Deck bereit zu sein, wenn das Wetter die

ganze Mannschaft oben verlangte, indem er an seinen indessen kalt

gewordenen Bananen kaute, »das riecht mir schon seit einer Weile so

verdammt brandig hier unten -- hast du noch Nichts gemerkt?«

»Mir ist's auch schon so vorgekommen,« rief der Schotte jetzt rasch, der

in tödlicher Ungeduld wie auf Kohlen gestanden und nur nicht gewagt

hatte, selber das erste Wort darüber zu sagen. Wäre er sich seines

Verbrechens nicht bewußt gewesen, würde er gar nicht daran gedacht

haben, in der ersten Entdeckung ein Zeichen zur Anklage zu finden; »weiß

der Henker, wo's herkommt, aber es riecht versengt und wir lassen Spunt

lieber einmal nachsehen.«

»Wo?« frug =Spunt=, wie der Böttcher auf Wallfischfängern gewöhnlich

genannt wird.

»Nun, hier unten in den Ecken, oder wenn da nichts ist, unter Deck,«

sagte Douglas ausweichend.

»Na, hier werdet Ihr doch wohl auch selber die Nasen in die unteren

Koyen bringen können,« knurrte der Böttcher, der eben an einer höchst

wohlschmeckenden Schweinsrippe kaute, »Spunt -- immer nur Spunt; Spunt

muß bei Allem dabei sein und damit seid Ihr gleich fertig.«

»Alle an Deck!« schrie da die gellende Stimme des Harpuniers, der

zugleich mit einer aufgegriffenen Handspake auf die Logisluke schlug,

seinen Worten größeren Nachdruck zu geben; »Alle an Deck da unten und

reefen[22], herauf mit Euch, herauf!«

»Mr. Mate!« rief der Schotte jetzt, der zuerst die kleine schmale Leiter

heraufsprang, während Legs und Pfeife indessen noch überall in den Ecken

herumvisitirten und rochen, dem unverkennbar brandigen Duft auf die Spur

zu kommen, »da unten --«

»Reefen!« schrie ihn aber der Harpunier an, nicht gewohnt, irgend eine

Einrede zu gestatten; »Reefen, hast du's gehört, tauber Schotte? -- nach

oben, wohin du gehörst, oder ich =bring= dich hinauf mein Bursche!«

»Da unten riechts --«

»Will er das Maul halten und gehorchen, wenn ich ihm etwas sage?« rief

aber der rauhe Geselle, die hingeworfene Handspeiche in zorniger

Drohung wieder aufgreifend.

»=Feuer= ist irgendwo unten!« knurrte aber der Schotte fest

entschlossen, sich diesmal nicht einschüchtern zu lassen und das

Hauptwort gleich vorrückend, den Officier über die Wichtigkeit der

Einrede nicht in Zweifel zu lassen; »es riecht brandig und muß irgendwo

brennen, und wenn =ihr's= wollt brennen lassen, kann's mir recht sein.«

Und damit, als ob er Alles gethan, was von ihm konnte verlangt werden,

sprang er auf die Railing und lief, die Wanten fassend, an diesen

hinauf, den gegebenen Befehl auszuführen.

»Wo brennt's?« rief der Harpunier aber rasch, die Handspake

niederwerfend, dem jetzt ebenfalls heraufkommenden Pfeife an; »was ist

da wieder los? -- was habt ihr da unten wieder angerichtet?«

»Wir?« schrie Pfeife, den Officier erstaunt ansehend; »angerichtet?

Unser angerichtetes Essen haben wir unten stehen lassen, um schnell

herauf zu kommen.«

»Der schottische Dickkopf da oben sprach von Feuer,« rief der Harpunier

nach oben sehend; »na, komm du mir nur wieder herunter!«

»Ja, brandig riecht's unten,« betätigte dies aber ebenfalls der Matrose,

»und Spunt hat's jetzt auch herausbekommen und schniffelt in allen Koyen

herum.«

»Er soll nachher einmal unter Deck nachsehn,« sagte der Harpunier;

»jetzt rasch nach oben, _boys_, legt euch aus, daß wir die Segel klein

bekommen,« und zu dem Clüverfall springend, warf er dieses selbst los,

daß der schwere, lange Clüver in seinem Stag niederschnurrte, nachher

bei mehr Muße auf dem Clüverbaum festgeschnürt zu werden.

Bis jetzt wehte nur noch erst eine steife Brise, die aber, wie schon

gesagt, leicht in einem Sturm ausarten konnte, und Capitain Silwitch

wollte sein Schiff keiner unnöthigen Gefahr aussetzen. Durch die

dichtgereeften Segel wurde aber auch ein Fortgang gehemmt, und wenn sie

auch noch rasch genug durchs Wasser liefen, die ihnen trotzdem

hartnäckig folgenden Canoes, behielten sie doch, so lange nämlich die

jetzt rasch einsetzende Nacht nicht ihren Schleier über das schäumende

Meer warf, deutlich von Deck aus in Sicht.

Der Harpunier hatte indessen über dem ihm gemeldeten brandigen Geruch

die seine ganze Thätigkeit in Anspruch nehmende Beschäftigung des

Segelreefens vergessen, und Capitain Silwitch, der bis dahin an Deck

geblieben war, das aufsteigende Wetter und dessen Stärke abzuwarten,

wollte sich eben vor einem, in diesem Augenblick beginnenden tüchtigen

Schauer froh vielleicht, einen Vorwand zu haben -- in die Cajüte

hinabziehn, als Spunt nach dem Quarterdeck hinter kam und mit

abgezogener Mütze seinem Officier meldete, der Feuergeruch würde

stärker, und es wäre nöthig, daß sie unten nachsähen.

»Was gibt's?« rief Capitain Silwitch, schon auf der Cajütstreppe und

noch mit dem Kopf über die Seitenrailing derselben schauend; »was will

der Mann, Sir?«

»Die Leute wollen vorn einen brandigen Geruch bemerkt haben,« rapporte

der Harpunier, »Spunt mag wohl einmal nach unten gehen und nachsehen?«

»Einen brandigen Geruch? -- wo?« rief der Capitain, rasch wieder an Deck

springend, denn mit Feuer an Bord eines Schiffes ist nicht zu spaßen.

»_Damn it_, mir ist's auch schon vorher einmal so vorgekommen. Reißt

die Luken auf, Böttcher, rasch, und seht nach; das hättet Ihr schon

lange thun können.«

Der Böttcher ging schnell zurück, von wo er gekommen, den Befehl

auszuführen, als ihm auch schon der Ruf von mehreren Stimmen »Feuer!

Feuer!« entgegen schallte, unter dem Luckendeckel hervor hatte Lemon,

von oben herunter kommend, den feinen blauen Rauch herausquellen sehen,

und als er zusprang, mit Spunt zusammen die eine Hälfte des Deckels

abzuheben, schlug ihnen der dicke, schwere Qualm in furchtbarer

Wirklichkeit entgegen.

»Feuer!« gellte der Angstschrei der Leute über Deck, »Feuer! Boote

nieder -- Boote in See -- wir sind verloren!«

»Teufel!« schrie der Capitain, in grimmer Wuth das Deck stampfend;

»Teufel -- und gerade jetzt; so, hinunter Einer von euch, und seht, ob

noch zu löschen ist -- heda, Böttcher -- Zimmermann!«

Die Leute schienen aber alle den Kopf dermaßen verloren zu haben, daß

sie gar nicht wußten, wo angreifen, wo helfen, und nur der Schotte, dem

laut lamentirenden Jonas einen Stoß in die Rippen gebend, sprang zum

Rand der Luke, und suchte, mit den Füßen unten nach den Einschnitten an

der mittleren Stütze fühlend, in den Rauch hinein seine Bahn. Aber auch

er mußte es aufgeben, und den einen Arm emporwerfend, streckte er

diesen, schon halb betäubt von dem Rauch, nach Hilfe aus, und wurde

rasch wieder an Deck gezogen, während der Capitain und Harpunier jetzt

den Luckendeckel wieder zuwarfen, das Feuer, vielleicht in dem

furchtbaren selbsterzeugten Qualm zu ersticken.

Was da unten brannte, und wie das Feuer ausgekommen, war etwas, dem sie

jetzt auch nicht einmal eine Vermuthung gönnen konnten.

»Wasser und Provisionen herbei!« rief die Stentorstimme des Capitains

über Deck durch den Lärm; »jede Bootsmannschaft ihr Boot so schnell als

möglich verproviantirt und an Lanzen noch hinein was ihr habt. -- Hier

Mr. Fergusen,« wandte er sich dann rasch an den ersten Harpunier, »sie

besorgen die Instrumente in ihr Boot, Sextant, Compaß und Chronometer --

haben sie nach dem Barometer gesehen, wie er steht?«

»Er ist wieder gestiegen.«

»Desto besser, ein Sturm jetzt und wir wären verloren.«

»Und glauben Sie nicht, daß wir das Schiff noch retten können?« frug der

Harpunier, selbst mit wenig Hoffnung im Ton.

»=Wie?=« entgegnete der Capitain eintönig, »ich begreife nicht, daß es so

lange unentdeckt bleiben konnte -- früher wäre Hilfe vielleicht möglich

gewesen, was sollen wir =jetzt= thun?«

»Wenn man nur wenigstens wüßte, =was= brennt,« sagte der Harpunier.

»Das Schlimmste, was brennen kann,« erwiederte der Capitain, der seine

Kaltblütigkeit wieder gewonnen, »das Öl, haben sie das nicht an dem

Qualm gesehen?«

»Dann sind wir verloren!« rief der Harpunier.

»Wir? -- das Schiff. -- Mit den Booten können wir leicht eine andere

Insel erreichen.«

»Aber die Canoes hinter uns, -- hätten wir nur die verdammte Dirne an

Land gelassen.«

»Teufel, an die Canoes hätt' ich gar nicht mehr gedacht.«

»Wenn wir jetzt unsern Cours änderten,« rief der Harpunier rasch, »es

ist dunkel und in kurzer Zeit --«

Inselwelt. Erster Band. Indische Skizzen · 第 2 / 20 段