Wir hatten uns auch in El-Oued, just der Wissenschaft halber,

dem einzigen dort bestehenden »Hotel« anvertraut, das klein und

unansehnlich am Rande der Stadt im Schutze des ausgedehnten

Festungsgebäudes liegt. Wurden von den Besitzern, einem französischen

Ehepaar, freundlich aufgenommen und am ersten Tage sehr gut verpflegt.

Wären wir gleich wieder abgereist, so hätten wir jedoch ein ganz

falsches Bild von der Leistungsfähigkeit des Hauses mit uns genommen.

Am zweiten Tage stellte es sich nämlich heraus, daß diese bereits zu

Ende war. Unsere Wirte befanden sich in einer peinlichen Lage, denn in

ganz El-Oued, einer Stadt mit 4000 Häusern, gibt es nichts zu kaufen.

Alle Bedürfnisse an Nahrungsmitteln werden auf dem Markte gedeckt, der

nur einmal in der Woche stattfindet. Auf diese Weise erlebten wir, wie

in einem Hotel einmal Schmalhans als Küchenmeister fungierte.

Auch die Schlafstelle, die wir drei Damen im Gasthause selbst inne

hatten -- die Herren waren in einer Dunkelkammer im Nebenhause

untergebracht -- bot neue Sensationen. Man betrat die fensterlose Stube

durch einen kleinen Vorraum direkt vom Hofe. Die Türe fehlte völlig,

die Öffnung wurde durch einen Kattunvorhang, dem es an Breite und

Länge mangelte, verhängt. Aber der Raum, der mit Urgroßväter Hausrat

vollgestopft war und der, allem nach zu urteilen, sonst als Schlafstube

für die Wirtsleute diente, zeigte einen besonderen Schmuck: protzige,

wohlgenährte Skorpione. An der gewölbten, hell gestrichenen Zimmerdecke

bildeten sie große dunkle Flecke. Da diese Dekoration durchaus nicht

unserem Geschmack entsprach, baten wir die Wirtin, sie entfernen zu

lassen. Doch da stießen wir auf energischen Widerstand. Unter keinen

Umständen durfte das geschehen. Diese Abneigung, für die die Frau

keine Gründe angab, konnten wir uns nur damit erklären, daß irgendein

Aberglaube dahinter steckte. Wir umwickelten uns Kopf und Gesicht mit

einem Mullschleier und deckten uns bis zur Nasenspitze zu. Und so gegen

die Angriffe unserer ungebetenen Mitbewohner gewappnet, überließen wir

uns dem Schlaf der Gerechten.

[Illustration: El-Oued]

Am Morgen des dritten Tages erlösten wir die armen Wirte von unserer

Gegenwart.

Unseren prächtigen Nomaden und den Mann mit den beiden Kamelen hatten

wir entlassen. Jussuf konnte nun wieder allein die Führung übernehmen.

Noch immer befanden wir uns im Dünengebiet. Aber die Dünen fielen

jetzt sozusagen auseinander. Es herrschte nicht mehr die faszinierende

Harmonie der großen Linie.

Ein frischer Morgenwind trieb sein lustiges Spiel auf dem Sande,

zeichnete phantastische Muster in das eindrucksfähige Material,

löschte sie aus und ließ im Nu wieder neue entstehen. Aber neben

diesen Augenblicksbildern formt er aus demselben staubfeinen Boden

in unablässiger Arbeit auch dauerhaftere Kunstwerke, festgefügte

Blumenformen, von den Eingeborenen »die Rosen der Wüste« genannt.

Farb- und geruchlos sind diese Rosen, aber sie schmücken doch den

armen Boden, dem jedes Wachstum versagt ist. Fast scheint es, als ob

dem windigen Künstler nicht alles Material gleich genehm sei, denn nur

auf einer verhältnismäßig kurzen Strecke fanden wir diese reizvollen

Gebilde.

* * * * *

Gegen Mittag erreichten wir Gomar, das gerade seinen Markttag hatte,

und auch hier fanden wir wieder dasselbe bunte, stets von neuem

fesselnde, malerische Bild. Aber die Stadt selbst, welch ein Gegensatz

zu El-Oued! Wie düster und unfreundlich, ja beinahe feindselig wirkt

sie, trotzdem dieselbe strahlende Sonne darüber liegt! Die schmale

Gasse, die wir passieren mußten, nachdem wir alle Hindernisse des

Marktplatzes glücklich überwunden hatten, war rechts und links von

Burnusträgern gesäumt. Aber keiner von ihnen wandte auch nur den Kopf

nach uns, und keiner von ihnen rührte ein Glied, um sich gegen den

Hufschlag der Pferde zu schützen. War es Abneigung gegen das Fremde,

war es bloße Teilnahmlosigkeit, die solches Verhalten bestimmte? In den

ernsten verschlossenen Gesichtern war keine Aufklärung zu holen.

Nach dem anderen Ende der Stadt zu ebbte das Leben immer mehr ab, aber

selbst bis in die außerhalb gelegene Bordj drang noch etwas von der

Unruhe des Tages.

Häufiger als irgend sonstwo auf der ganzen Reise fanden wir in der Nähe

von Gomar den alten, primitiven arabischen Brunnen, Khotra genannt.

Auf zwei niedrigen Pfosten ist ein Querbalken festgemacht und über

diesen der Stamm eines Palmbaumes gelegt. An dem einen Ende dieses

Stammes hängt ein Eimer, aus Fell gearbeitet, an dem anderen Ende ist

ein schwerer Stein angebracht, um das Gleichgewicht herzustellen.

Das Wasser muß oft aus sechzig Meter, an manchen Orten im Tale des

Oued Rir sogar aus achtzig Meter Tiefe heraufgeholt werden. Der Bau

dieser Brunnen, noch häufiger aber die Reparaturarbeiten, die durch

das Versanden nötig werden, haben schon vielen Männern Gesundheit

und das Leben gekostet. Diese primitive Art der Wassergewinnung ist

jedoch immer mehr in Wegfall gekommen, seitdem durch die Franzosen

die artesischen Brunnen eingeführt wurden, die soviel besser und

zuverlässiger funktionieren, und die früher stattliche Zunft der

eingeborenen Brunnenbauer ist heute bis auf ein kleines Häuflein

zusammengeschmolzen.

Das ziemlich öde, immer noch tief sandige Gelände, das uns hinter

Gomar aufnahm, wirkte so ermüdend, daß uns die siebzehn Kilometer

bis zur Quelle Bir Salem, an der wir übernachten wollten, wie eine

Unendlichkeit erschienen. Und dort erwartete uns eine äußerst

unangenehme Überraschung: die Quelle war völlig versandet und kein

Tropfen Wasser erhältlich.

* * * * *

[Illustration: Palmengärten um El-Oued]

Ob den Tieren doch noch etwas von der gewaltigen Anstrengung, die

der Marsch über die großen Dünen bedeutete, in den Gliedern steckte?

Fast schien es so. Denn im Laufe des nächsten Vormittags brachte

es die Karawane nicht über fünf bis sechs Kilometer in der Stunde.

Unsere allzeit willigen Pferde, mit den Muskeln aus Stahl, ließen

ebenfalls ihre gewöhnliche Frische vermissen. Negro, dem sonst nur in

Gesellschaft wohl war, blieb immer weiter zurück, und »Schäfchen«, das

sich seit dem Zornesausbruch in Sidi Amran wieder tadellos benommen

hatte, zeigte klar und deutlich seine Unzufriedenheit, indem es sich

mitsamt seinem Reiter in den Sand legte und erst nach einer ganzen

Weile sich zum Weitergehen entschloß.

Wir zählten die Viertelstunden, bis wir in der Mittagszeit die Bordj

Bou Chaama erreichten. Hier gab es Wasser. Das mußte die durstenden

Tiere wieder beleben. Aber eines nach dem anderen zog nach dem ersten

Schluck den Kopf zurück und war nicht zum Weitertrinken zu bewegen. Die

ohnehin nicht allzu klare Flüssigkeit war so salzig, daß weder Mensch

noch Tier davon genießen konnten. Zum Glück hatten wir in El-Oued gutes

Trinkwasser gefunden und volle Fäßchen von dort mitgebracht, aus denen

wir nun die Guerba der Kabylen auffüllten. Es tat einem in der Seele

weh, die halbverschmachteten Tiere wieder auf den Weiterweg zu senden.

Um so mehr, als wir genau wußten, in den nächsten vierundzwanzig

Stunden keinen anderen Brunnen auf dem Wege zu finden. Aber was half's?

Ein Zurück gab es nicht.

Und leider wurden die Beschwerden des Marsches noch erhöht durch den

grundlosen Sandboden. Mit seinen niedrigen, unregelmäßigen Erhöhungen

glich er einer schlechten Kopie der großen Dünen. Auch auf dieser

Strecke, wo jeder Windstoß die Fährte verwischt, ist es allein die

Guemira, die dem Wanderer als Richtzeichen dient.

Zwischen der neunten und zehnten Pyramide schlugen wir unser Lager

auf. Da wir mit Rücksicht auf die ermatteten Tiere schon frühzeitig

den Marsch beendeten, lag ein langer Abend vor uns. Zum Schutze

gegen die Kälte, die sich jetzt noch empfindlicher als im Anfang

der Reise fühlbar machte, wurde vor dem offenen Speisezelt ein

tüchtiges Feuer unterhalten. Wie behaglich es sich da saß, plauderte,

träumte! Mit dem Burnus, den wir adoptiert und bereits als eines der

praktischsten Kleidungsstücke schätzen gelernt hatten, schien auch

etwas von der Natur des Muselmans auf uns übergegangen zu sein. Die

nüchternen Klosterzellen, die uns in Tugurt beherbergt hatten, die öden

Schlafräume in den Karawansereien, die Dunkelkammer in El-Oued, wie

weit lag das alles schon wieder hinter uns! Aber die Erinnerung daran

ließ uns die Gegenwart noch bewußter genießen.

Es war ein selten stimmungsvoller Abend. Die Leute, die trotz des

ungewöhnlich anstrengenden Marsches und trotz ihrer primitiven

Ernährung in bester Verfassung waren, fanden selbst Freude daran,

uns ihre eigenartigen Gesänge vorzutragen, jene süßen, aufreizenden,

traurigen Lieder, die so vorzüglich den Charakter des naiven,

heißblütigen, verträumten Volkes wiedergeben. Und zum Schluß führten

sie, aller Mühsal des Tages vergessend, sogar noch einen ihrer

absonderlichen religiösen Tänze auf. Ein älterer Kabyle befestigte sich

mit einem Bande den Burnus in der Taille, so daß er einer Tunika glich.

Die flache hölzerne Kuskusschüssel diente ihm als Tamburin. Muhamed

und ein anderer junger Mann faßten sich bei der Hand, und zu dem Takte

eines Couplets machten sie mit einem schwunghaften Anstoß, der an die

Bauchbewegung im Cakewalk erinnerte, einige kurze Schritte vorwärts

auf den Alten zu und wieder zurück. Mit jedem Vers wiederholten

sich dieselben Schritte. Der Alte hüpfte und sprang und hämmerte

auf seinem improvisierten Tamburin, während alle übrigen Leute mit

untergeschlagenen Beinen im Kreise saßen, nach jedem Vers den Refrain

wiederholten und dazu den Takt mit den Händen schlugen. Bis der Tanz

dann mitten im schnellen Rhythmus abrupt endete.

Über uns den tiefblauen Nachthimmel mit einem Sternengefunkel, wie es

nur südliche Nächte zeigen, um uns die große Einsamkeit mit ihrem

schweren Schweigen, vor uns von den flackernden Flammen beleuchtet,

gespenstisch wirkend in ihren faltenreichen weißen Umhüllungen, die

seltsamen Tänzer und die singenden Menschen. Ein unvergeßlicher

Gesamteindruck!

[Illustration: Nächtliche Tanzszene im Lager. Nach einer Zeichnung von

Walther Caspari]

Der Vorgang hatte, ohne unser Wissen, noch einen Zuschauer gehabt. Auf

der Grenze, wo der helle Schein des Feuers schon mit der Finsternis

stritt, kauerte ein Nomade. Lautlos hatte er im Schatten der Nacht sich

eingefunden. Neben ihm lag ein ungeheures dunkles Etwas, sein Kamel,

sein Kamerad.

* * * * *

Es dauerte nicht allzulange, bis wir am nächsten Morgen die beiden

Wanderer überholten, obwohl sie stundenlang vor uns aufgebrochen waren.

Das wunderte uns nicht. Denn ein Kamel, das nicht getrieben oder

geführt wird, strebt jedem Grasbüschel nach, den es entdeckt. Sein

Meister schreitet inzwischen fürbaß. Wird die Entfernung zu groß, so

wartet er geduldig, bis der saumselige Gefährte sich wieder einfindet.

Jussuf, der mit dem Manne gesprochen hatte, erzählte uns, daß dieser

bereits über zwei Monate unterwegs sei. In dieser ganzen Zeit war der

Himmel sein Dach, die blanke Erde seine Liegestatt, ein paar trockene

Datteln seine Nahrung, das stumme Tier sein alleiniger Begleiter. Nur

wer die Wüste so tief und ehrlich liebt wie der Nomade, nur wer mit der

Natur so völlig verwachsen ist wie er, ist imstande, ein solches Dasein

zu ertragen. Schon nach kurzer Zeit waren die zwei einsamen Gestalten

weit hinter uns zurückgeblieben.

In der welligen Ebene tauchte nun allmählich wieder etwas Pflanzenleben

auf. Niedrige Sträucher mit verkrümmten Ästen, denen man den

unaufhörlichen Kampf um das bißchen Leben deutlich ansah, und graugrüne

Grasbüschel, hinter denen sich der Sand so lange anhäuft, bis er sie

eines Tages unter sich begraben kann.

Dann überquerten wir einen großen Schott. Die Oberfläche des sumpfigen

Bodens war durch die glühenden Sonnenstrahlen zu einer Kruste

festgebacken. Unheimlich hohl klang das Getrappel der Tiere auf dieser

trügerischen Decke. Zahlreiche Fußspuren, die kein Wind verlöschen

konnte, waren darin ausgeprägt. Aber noch deutlicher als diese Spuren

verrieten die weißgebleichten Gerippe von Kamelen, die am Wege verendet

waren, daß wir uns auf einer alten, vielbegangenen Karawanenstraße

befanden.

Hinter dem Schott erwartete uns zu unserer großen Überraschung noch

einmal eine grandiose Dünenregion. Blendendweiß, wie ein Schneegefilde

im Hochgebirge, gleißten die Hügel unter den senkrechten Strahlen der

Mittagssonne. Und als wir aus diesem Gebiet herauskamen, lag breit und

wuchtig die Bordj Sifl-Monadi vor uns. Hier, endlich, gab es wieder

Wasser! Das bedeutete Rettung für unsere völlig erschöpften Tiere, die

nun seit achtundvierzig Stunden bei schwerer Arbeit unter sengendem

Sonnenbrand keinen Tropfen mehr genossen hatten.

* * * * *

Während unsere wackeren Vierfüßler unter Wassermangel litten, war

bei uns mittlerweile die Ernährungsfrage etwas schwierig geworden.

Es konnte nun nicht mehr heißen: »Was wollen wir essen?« sondern:

»Was haben wir noch zu essen?« Im Anfang der Reise waren wir sehr

gut versorgt gewesen. Zum Mittag gab es meist ein Eiergericht mit

irgendeiner kalten Beilage, außerdem Obst und Käse, und unsere

Hauptmahlzeit, die wir erst des Abends einnahmen, bestand gewöhnlich

aus einer Suppe, einem Fleischgericht mit frischem Gemüse und Dessert.

Nach Jussufs Ansicht für Wüstenreisende ein viel zu üppiges Leben.

Aber diese Üppigkeit fand bald ein Ende. Wir hatten damit gerechnet,

in Tugurt unsere Vorräte ergänzen zu können. Das war nun leider

nicht der Fall gewesen. Weder Kartoffeln, noch Salat, noch Obst oder

Geflügel waren erhältlich. Das einzige, was man bekommen konnte, waren

Mohrrüben und Hammelfleisch. Das Fleisch, das einen ziemlich prägnanten

Geschmack hatte, mochte keiner von uns mehr sehen, und die gelben Rüben

wurden beim Kochen hart wie Holz und waren ungenießbar. Auch nach Eiern

hatte sich Jussuf in Tugurt vergeblich umgesehen. Doch gelang es ihm,

in Temacine einen größeren Vorrat davon einzukaufen. Außerdem hatten

wir im Hotel noch einiges Büchsengemüse erstanden. So waren wir also,

sobald wir Tugurt verließen, auf vegetarische Kost angewiesen.

[Illustration: Marktplatz in El-Oued]

Dann hatten wir unsere Hoffnungen auf El-Oued gesetzt, wo nach Jussufs

Ansicht alles, was wir wollten, bestimmt zu haben war. Aber wie so

häufig war auch in diesem Falle »der Wunsch der Vater des Gedankens«

gewesen. Wie wenig die Wirklichkeit den Erwartungen entsprach, läßt

sich daran beurteilen, daß es nicht einmal den alteingesessenen

Gasthausbesitzern gelang, irgend etwas für einen europäischen

Mittagstisch aufzutreiben. Auch in Gomar war trotz des Markttages

nichts zu erhalten. Nur einige große Hammelstücke für den Kuskus der

Kabylen brachte Jussuf zurück.

Nun hieß es für uns praktisch und haushälterisch sein, um mit dem

Vorhandenen auszukommen und in die Reis-, Grieß- und Nudelgerichte,

aus denen jetzt unsere Mahlzeiten ausschließlich bestanden, noch etwas

Abwechslung zu bringen. Die Eier wurden gezählt und für bestimmte

Tage eingeteilt. Ebenso die Orangen, die wir auf dieser Reise als das

erfrischendste Genußmittel schätzen gelernt hatten. Was wir fast am

meisten vermißten, war das französische Brot. Der Bäcker in El-Oued,

der solches zu liefern versprochen, hatte uns im Stiche gelassen, und

das stark gesäuerte arabische Brot, das er statt dessen schickte,

dürfte wohl keinem Europäer munden.

Die einfachen und bescheidenen Mahlzeiten hätten uns jedoch völlig

genügt, wären sie nur einigermaßen richtig zubereitet gewesen. Aber mit

unserem Koch, dem kleinen Salem, war seit unserem Aufenthalt in Tugurt

eine merkwürdige Veränderung vor sich gegangen. Eine der dunkeläugigen

Ouled Naïls hatte es ihm angetan. Mit jedem Tage, der ihn weiter von

ihr entfernte, wurde er schwermütiger, und über seiner Melancholie

vergaß er völlig seiner Pflichten. Das Essen war entweder nicht gar

gekocht oder es war angebrannt. Manchmal auch beides. Machte man ihm

Vorhaltungen, so wurde er noch viel unglücklicher und infolgedessen

noch unfähiger für seine Arbeit.

An diesem Tage nun, in der Bordj Sifl-Monadi, schien den armen Kerl das

graue Elend vollends gepackt und überwältigt zu haben. Als wir nach

ihm Umschau hielten, fanden wir ihn untätig in einer Ecke hockend, und

dicke Tränen rollten über sein kleines, bekümmertes Spitzmausgesicht.

Kurz entschlossen nahmen wir nun das Küchenregime in eigene Hand. Von

dem Bordjwächter in Gomar hatten wir für Geld und viele gute Worte

ein junges Huhn erstanden. Dieses sollte, fein mit Reis gekocht, als

erste Probe unseres Könnens den Mittagstisch zieren. Aber das Huhn

rächte sich für seinen vorzeitigen Tod: es war so zähe, daß weder

Messer noch Zähne es zerteilen konnten. Das übrige Produkt unserer

Kochkunst, der Reis, der endlich einmal gar und nicht angebrannt war,

mundete aber vorzüglich. Im großen, üppigen Garten der Bordj wurde der

Tisch gedeckt, und während der Magen zu seinem Rechte kam, feierten zu

gleicher Zeit die angestrengten Augen im grünen, dämmerigen Schatten

einiger dichtverschlungener Feigenbäume ein köstliches Erholungsfest.

* * * * *

Bald hinter Sifl-Monadi beginnt das ungeheure Sumpfgebiet. Zur

Linken gegen Westen, mit den zahlreichen Oasen des Oued Rir als kaum

erkennbare Grenze, dehnt sich der Schott Merouan, im Osten weitet sich

der unübersehbare Melrir, der die Sümpfe von Djerid vereinigt. Ein

schmaler, durch unablässige Nachhilfe im Stande gehaltener Weg führt

durch dieses heimtückische Gelände, wo weder Tier noch Pflanze lebt, in

dem als unbeschränkter Herrscher der Tod regiert. Der Tod, versteckt

unter gleißendem Gewande.

[Illustration: Bordj Sifl-Monadi]

Den Boden von vertrockneter Blutfarbe deckt ein duftiger weißer

Schleier, in dem Milliarden bunter Edelsteine und Diamanten

aufleuchten. Und weiter entfernt schimmern spiegelblanke Seen, erheben

sich Städte mit schlanken Minaretts, streicheln Palmenwipfel den sich

neigenden Horizont.

Aber die leuchtenden Steine sind nichts weiter als Mineralien und

chemikalische Stoffe, von dem gärenden Schlamme ausgestoßen, und die

Landschaftsbilder nichts anderes als von der Sonne überhitzte Dünste,

die demselben Boden entstiegen. Lug und Trug ist alles, was hier lacht

und strahlt, und echt ist nur der Tod, der den abgrundlosen Boden

gefangenhält, aus dessen Poren der widerliche Atem der Verwesung strömt.

* * * * *

Stah-el-Hamreia! Klingt nicht der Name schon schmeichlerisch ins Ohr?

Und dieser Name ruft die Erinnerung an eines der schönsten Bilder wach,

die uns die Wüste bescherte.

Inmitten der unermeßlichen Niederung, inmitten der treulosen,

mörderischen Schotts thront auf einem nackten Hügel Stah-el-Hamreia.

Der abendliche Himmel, einem glühenden Ozean gleich, bildete den

Hintergrund, und wie ein unüberwindliches Götterheim strahlte die Bordj

in dieser Beleuchtung. War es Walhall, das vor uns aufstieg?

Und hatte unser Eindringen den Zorn der Götter entfacht? Fast schien

es so. Denn dem überwältigend schönen Abend folgte eine grausige

Nacht. Über die toten Sümpfe kam mit ungeahnter Plötzlichkeit und in

ungehemmter Macht der Sturm dahergerast. Noch ehe die Leute recht zur

Besinnung gelangten, waren einige Zelte umgerissen und verweht, und

es bedurfte fortgesetzter Anstrengungen, um die übrigen vor demselben

Schicksal zu bewahren. Durch die beklemmende Finsternis drang das

Stöhnen der verängstigten Tiere. Sand und Steine prasselten nieder wie

ein Platzregen. Und eine quälende Kälte hatte sich eingestellt. Welch

ein Land der Extreme!

Einige Stunden später endete der wilde Aufruhr in der Natur so

plötzlich und unerwartet, wie er gekommen war. Und als in goldener

Klarheit der neue Tag heraufstieg, erinnerten nur noch die verwehten

Zelte und die Unordnung im Lager an die Geschehnisse der düsteren Nacht.

* * * * *

Noch immer führte unser Weg durch das Gebiet der Schotts. Aber diese

trugen nun ein völlig anderes Gepräge. Weite Sandflächen schoben sich

zwischen die sumpfige Ebene, und die überraschendsten Formationen

bezeichneten die Grenze, die der feste Boden dem Gegner gesteckt

hat. Man war beinahe versucht, zu glauben, daß Menschenkunst und

Menschenhände mitgeholfen hätten, um hier einen mächtigen Damm zu

bauen, der vorwärtsdrängende Fluten zurückhalten solle, dort einen mit

Leuchttürmen flankierten Hafeneingang und an anderer Stelle wieder

eine gewaltige Mole, die weit hinausführte in die silbrig-graue See,

die nun weder Ebbe noch Flut mehr bewegte, deren Leben vor ungezählten

Jahrtausenden erloschen ist.

Der Morgen hielt nicht, was er in den ersten Stunden versprochen hatte.

Ein kräftiger Wind erhob sich wieder, Sandböen stellten sich ein und

verdichteten die Atmosphäre. In dem grauen Dunste tauchte eine Karawane

auf. Eines der Kamele trug eine Braut. Die Ausschmückung des Tieres und

der buntfarbige Palankin, der nur für solch festliche Gelegenheiten

benutzt wird, verrieten das Geheimnis. Wenige Sekunden später war die

phantastische Gruppe wieder hinter der Nebelwand verschwunden. Wie eine

Illusion kam und ging das Bild.

* * * * *

Gegen Mittag erreichten wir die Bordj M'guébra. »Friedhof« bedeutet

dieser Name, und trist, wie er klingt, bezeichnet er die Stimmung des

Ortes. Nur mit großer Mühe arbeiteten sich die Tiere hinauf zur Bordj,

die, obwohl auf einer hohen Düne gelegen, doch nahezu bis zur Höhe der

Mauern versandet war.

[Illustration: Markthalle in El-Oued]

Mit M'guébra ließen wir zugleich die Region der Schotts hinter

uns. Nun tauchten in blauer Ferne wieder die schroffen Zacken des

Auresgebirges auf, und vor uns dehnte sich, in krassem Gegensatze zu

der melancholischen Leblosigkeit des Sumpfgebiets, ein üppiggrünes

Gefilde. Saftige Gräser nickten, Ginster und Brustbeere standen

im blütengeschmückten Frühlingsgewand, niedrige Sträucher mit

nadelförmigen Blättern strotzten von jungem Safte, und unter den

Büschen lugten weiße und gelbe Sternblümchen und die violette Iris

mit neugierigen Augen hervor. Ein würziges Aroma lag in der Luft,

Vogelstimmen jubelten in der Höhe und zwitscherten in ihrem grünen

Versteck, Schmetterlinge taumelten wie berauscht von Blatt zu Blüte.

Leben! Leben überall! Frühlingszeit, hohe Zeit, der die sengenden

Sonnenstrahlen nur allzuschnell ein Ende bereiten.

* * * * *

Am Abend befanden wir uns auf schon vertrautem Boden, in Chegga. Da der

Rest des Weges durch dasselbe Gebiet führte, das wir bereits im Anfang

unserer Reise kennen lernten, wurde beschlossen, auf diese Strecke

nicht mehr viel Zeit zu verwenden, sondern sie, wenn irgend möglich, an

einem Tage zurückzulegen.

So begann denn, noch ehe der nächste Morgen graute, in unserem Lager

ein reges Schaffen. Zum letzten Male wurde der »Hausrat« in Kisten und

Körbe verpackt. Mit Wehmut sahen wir die Zelte sinken, die in diesen

Wochen unser Heim bedeutet und uns nun zum letztenmal beherbergt hatten.

Gerade als die letzten Vorbereitungen zum Aufbruch getroffen wurden,

tauchte eine Anzahl berittener Kamele auf. »Die Méharis![17] Die

Méharis!« riefen verschiedene Stimmen zu gleicher Zeit, Alle

unsere Leute gerieten in Aufregung. Wir sahen Jussuf, rufend und

gestikulierend, auf die Gruppe zueilen. Daraufhin schwenkte diese von

ihrer Richtung ab und befand sich wenige Minuten später in unserem

Lager. Wir hatten nun vorzügliche Gelegenheit, die Tiere zu betrachten,

von deren erstaunlichen Leistungen wir häufig hörten. Welch ein

Unterschied zwischen den armen Lastkamelen, denen wir bis jetzt nur

begegnet waren, und diesen ihren nahen Verwandten! Jene plump von

Form, schwerfällig, meist starrend vor Schmutz, das Fell räudig und

zerschunden, oder des vielen Ungeziefers wegen mit Teer beschmiert;

diese größer, dabei aber schlanker im Bau, viel beweglicher, mit feinem

Kopf und lebhaften, intelligenten Augen. Das weiche Wollkleid, hell

beigefarben, in tadellosem Zustande. Wirklich eine vornehme Sippschaft!

Nur im Süden züchtet man diese Rasse.

[17] Méhari -- Reitkamel.

Im Land des Lichts: Ein Streifzug durch Kabylie und Wüste · 第 10 / 11 段