Ein gleichmäßiger Ton, den wir schon kennen gelernt hatten, der triste

Gesang der Handmühle, drang an unser Ohr. Wir folgten ihm und fanden

hinter der Eingangstüre eines Hauses im Stockdunkeln auf der blanken

Erde sitzend eine verschrumpfelte Frau damit beschäftigt, die Gerste

für den Kuskus zu mahlen. Ihre Familie mußte entschieden zu den

Wohlhabenden zählen, um sich dieses Gericht leisten zu können. Denn die

größte Zahl dieser armen Bewohner lebt von Heuschrecken: man zerreibt

sie zu Mehl und backt Brot daraus, man ißt sie roh, gekocht oder

gebraten. Die Haufen von feinen schillernden Flügeln, die sich vor den

meisten Wohnungen finden, verraten deutlich, welche Unmenge von diesen

Tieren vertilgt wird.

[Illustration: Hausverzierung in Tamelhat]

Unwillkürlich mußten wir an unseren Besuch in Ain-el-Hammam

zurückdenken und konstatieren, daß diese Menschen, in der großen Weite

der Sahara wohnend, noch viel ärmer waren als jene auf ihren steilen

Bergeshöhen.

* * * * *

Den letzten Tag unseres Aufenthaltes benutzten wir zu einem Ausfluge

nach Temacine und der Zaouia Tamelhat, fünfzehn respektive zwanzig

Kilometer weiter südlich gelegen.

Eine tiefsandige Ebene trennt Temacine von Tugurt. Aber hat man

diese gähnend öde Strecke durchquert, so hält die Wüste eine große

Überraschung bereit. Unähnlich allen Oasen, die sich meist flach wie

auf einem Tisch ausbreiten, präsentiert sich Temacine: an einer steilen

Anhöhe streben die Häuser empor, überragt von den Kuppeln der Moscheen.

Eine hohe Ringmauer, von Wachttürmen flankiert, umschließt den Ort.

Eine wehrhafte Stadt aus dem Mittelalter glaubt man vor sich zu sehen.

Doppelt malerisch wirkend in diesem Lande, in dieser Umgebung.

Stolz und uneinnehmbar sieht Temacine in der Entfernung aus. Aber kommt

man näher, so zeigt es sich leider, daß die starken Umfassungsmauern

zerbröckeln, daß die aus Lehm und Erde errichteten Häuser vom Winde

zernagt und ihre Wände geborsten sind.

Von der Plattform eines Minaretts, der auf dem höchsten Punkte sich

erhebt, bot sich ein entzückender Blick über die altersgraue Stadt,

über die dunklen Palmenhaine, die sich wie ein Kranz um den Hügel

breiten, und über den großen See Behar-Merdjaga, in dessen salziger

Flut sich die Umgebung spiegelt.

Wie schon in Tugurt, so fiel uns auch in Temacine die dunkle Hautfarbe

der Bewohner auf, und an verschiedenen Merkmalen war leicht zu

erkennen, daß sich die arabische Rasse hier nicht rein erhalten,

sondern reichlich mit Negerblut gemischt hatte.

* * * * *

Trostlos, verloren in grausam schattenloser Sandwüste, dem Verfalle

geweiht, so erscheint die Zaouia Tamelhat. Aber unter dieser

äußerlichen Ruhe pulsiert vielfältiges Leben.

Was ist eine Zaouia? Sie ist die Residenz eines Marabuts, eine Schule,

ein Kloster, ein Hospital, ein Armenhaus, alles vereinigt. Eine Welt

für sich.

Hierher kommen die jungen Leute, um sich in den Lehren des Korans

unterrichten zu lassen, hierher flüchten die Weltmüden, hier werden

Fremde und Pilger unentgeltlich aufgenommen und bewirtet, hier finden

Kranke eine Unterkunft und Arme, die nichts mehr ihr eigen nennen,

Nahrung und ein Heim, solange es ihnen zu bleiben beliebt. Und nicht

einmal zu arbeiten brauchen sie dafür, wenn sie nicht freier Wille dazu

treibt.

In der Zaouia wohnen die Lehrer, die die verschiedensten Weisheiten

übermitteln, sie beherbergt Mediziner und Astrologen, Quacksalber,

die Amulette verschreiben, und Irre. Über ihnen allen thront, von

gewaltigem Nimbus umgeben, der Marabut, dessen Herrschaft jedoch nicht

an den Mauern der Zaouia haltmacht. In seiner Person verkörpern sich

geistliche und weltliche Macht, er wird als der Vertreter des Propheten

auf Erden betrachtet. Von nah und fern wallfahrten die Gläubigen zu

ihm, um sich Rats zu erholen. Er schlichtet Streitigkeiten, er verteilt

Almosen, er hilft in Zeiten großer Not, und er glaubt vielleicht selbst

daran, daß er Kranke heilen und den Segen oder Zorn des Propheten

herabbeschwören kann.

[Illustration: Architektur in Tamelhat]

Eine Zaouia mit all ihren Bewohnern und all den Aufgaben, die sie

sich stellt, wird völlig durch freiwillige Gaben unterhalten. Doch

betrachtet sie diese Unterstützung wie ein gutes Recht und erwartet,

daß jeder brave Muselman der Vorschrift des Korans gemäß ihr den

Zehnten seines Einkommens abliefert. Dies geschieht in Geld und

Naturalien aller Art, und die Einnahme mancher Zaouia soll sich auf

Hunderttausende belaufen.

Der Marabut von Tamelhat nimmt seinen Titel und seine Stellung durch

Geburtsrecht ein, eine seltene Ausnahme. Denn bei den Arabern vererbt

sich dieser Ehrentitel für gewöhnlich nicht, sondern sie geben ihn

nur einem Manne, nachdem er sich durch große Weisheit und Frömmigkeit

ausgezeichnet hat.

* * * * *

Ein hoher offener Torbogen bildet den Eingang zu Tamelhat. Durch heiße,

unbelebte Gassen, durch langgestreckte kühle Wölbungen wandelten wir,

bis wir das Haus des Marabuts erreicht hatten.

Gab es hier drahtlose Telegraphie oder Geheimdienst? Fast schien es

so. Denn unsere Ankunft war bereits bekannt, und schon wartete vor dem

Hause ein Angestellter, um uns zu führen. Aber wir sahen nichts als

leere Räume. Und schlimmer als diese war das große Empfangszimmer, das

uns der Cicerone mit besonderem Stolze zeigte, denn die Ausstattung

bestand -- o Graus! -- aus ordinärsten europäischen Machwerken: aus

ein paar Kommoden, einigen bunten Glasvasen und Petroleumlampen. Daß

der Marabut »sehr modern dachte«, bewies er außerdem dadurch, daß er

sich über das Vorurteil aller frommen Islamiten hinweggesetzt und

sich in Tunis hatte photographieren lassen. Gleich in drei Kopien

großen Formats zierte sein Bild die mit Kalk geweißten Wände. Nach

dem Konterfei zu urteilen war er ein ungeheuer fetter Mann mit einem

plumpen Gesichte, aus dem unter etwas hängenden Lidern ein paar kluge,

kalte Augen dem Besucher entgegenblickten.

Noch ehe wir das Haus verließen, erhielten wir eine Einladung zum

Mittagessen. Denn der Sitte entsprechend soll kein Besucher unbewirtet

die Zaouia verlassen. Da wir aber zu gleicher Zeit erfuhren, daß der

Marabut an diesem Tage eine Visite in der Umgegend machte, wir also

doch nicht Gelegenheit hatten, ihn kennen zu lernen, lehnten wir

dankend ab.

Arm und uninteressant erscheint das Dorf, das die Zaouia im Viereck

umgibt. Aber im Herzen der Zaouia findet man Gassen und Winkel und

Dekorationen von feinem Reiz: ein Fries an einer Halle überrascht durch

die Reinheit seiner Zeichnung, die an griechische Kunst erinnert,

Schmuckflächen über Torbögen oder Türeinfassungen aus wunderschön

getönten alten arabischen Kacheln wirken vortrefflich in dem Sandgrau

der Mauern, und handgeschmiedete Fenstergitter zeigen selten edle

Muster. Die Architektur macht den Eindruck, als ob sie von einem

Künstler empfunden, aber von ungeübten Händen ausgeführt worden wäre,

und als ob man mitten in der Arbeit ein »Halt!« gerufen hätte.

Ganz unauffällig fügt sich die eigenartige Moschee dem Bilde ein.

Im Kuppelraum, dessen Wände mit Polychromarbeiten von harmonischer

Farbenwirkung geschmückt sind, schläft der Vorfahre des jetzigen

Marabuts, Sidi-el-Hadj-Ali-ben-el-Hadj, seinen ewigen Schlaf. Wie einen

großen Heiligen verehrt man ihn.

Neben seiner feierlich wirkenden Ruhestätte steht wie verschüchtert

eine buntbemalte windschiefe Sänfte. In dieser wird an Festtagen der

Marabut wie eine hehre Gottheit durch die Reihen der frommen Pilger

getragen. Bis eines Tags ein noch Mächtigerer kommt und ihn zur

tatenlosen Ruhe neben seinen berühmten Ahnen zwingt.

Es kostete Überwindung, aus dem kühlen, erquickenden Halbdunkel der

Moschee wieder hinaus in das blendende Tageslicht, in die sengende

Sonnenglut zu treten. Nur die Ruhe, die einen im Hause des Gebets

umfing, setzte sich auch auf der Gasse fort. Im kurzen Schatten der

Häuser saßen eine Anzahl Männer, schweigend, traumverloren. Sie mochten

zu jenen zählen, die nichts mehr ihr eigen nennen als die armselige

Kleidung, die sie auf dem Leibe tragen. Aber sie zeigten ruhige,

zufriedene Gesichter. Und wie eine Insel der Ruhe und des Friedens

taucht die halbzerfallene Zaouia in der Erinnerung auf.

[Illustration: Straße in Tamelhat]

Von Tugurt nach El-Oued

Nun sollten wir erst die echte, die wahre Wüste kennen lernen. So

versicherte nicht nur Jussuf, so sagte auch unser Hotelwirt, der mit

dem Lande wohlvertraut war. Über die großen berühmten und gefürchteten

Dünen sollte der Weg gehen.

Das bedingte eine etwas andere Reiseart. Wir mußten jetzt auf die

Dienste unserer Pferde verzichten und Maulesel zum Reiten benützen.

Die Lasten, die diese Tiere getragen hatten, wurden zwei Kamelen

aufgebürdet, die wir noch hinzumieteten. Auch ein neuer Führer mußte

engagiert werden. Es war ein Nomade. Ein Prachtkerl.

Wir hatten beschlossen, in früher Morgenstunde aufzubrechen, um in der

heißen Mittagszeit genügend ruhen und trotzdem die vorgeschriebene

Etappe ohne Hasten zurücklegen zu können. Aber keinem Menschen dürfte

es wohl gelingen, eine Sache pünktlich auszuführen, solange er von

Arabern abhängig ist, da es diesen an jeglichem Verständnis für Zeit

und Pünktlichkeit fehlt. Etwas wie Mitleid und Verachtung empfinden

sie für den Europäer, der sich ihrer Ansicht nach von seiner Uhr

tyrannisieren läßt.

Dank dieser arabischen Charaktereigenschaft war also weder das

bestellte destillierte Wasser eingetroffen, noch das Brot, noch einige

andere Dinge, die wir dringend benötigten. Nach allen Richtungen

stoben nun in der letzten Minute die Leute auseinander, um noch

herbeizuschaffen, was irgend möglich war.

Endlich stand alles zum Abmarsch bereit. Schon bald hinter Tugurt

beginnen die Dünen. Noch zag in der Form, wie die Wellen, die das Meer

bei eintretender Flut voraussendet. Allmählich, aber stetig wachsen

sie dann an. Und ebenso allmählich verschwinden die verkrüppelten

Sträucher, das letzte bißchen Vegetation, das sich noch bis hierher

gerettet hat. Verschwinden auch die schwarzen, geschäftig eilenden

Käfer, die sich scharf von dem hellen Boden abheben. Bis am Ende nichts

mehr übrig ist als reiner, fleckenloser Sand.

[Illustration: Unser Führer von Tugurt nach El-Oued]

Nun begann vor allem für die Tiere und ihre Begleiter eine mühevolle

Zeit. Auf und ab. Auf und ab. Ein lautloses Marschieren auf dem

weichen, grundlosen Boden. Die Kamele, diese großen, unförmigen

Geschöpfe, mit ihrem Paßschritt hinterlassen kaum den Eindruck ihrer

breiten Füße. Aber die armen Esel mit ihren dünnen Beinen und ihrem

kurzen trippelnden Gang sanken oft bis zur Bauchhöhe ein. Und gar

erst die Pferde! Wäre nicht eines davon so brav und willig gewesen

und vorausgegangen, so hätten die anderen sicher gestreikt, denn sie

machten alle Anstalten dazu. Bis sie erst gelernt hatten, an den Hängen

auf allen Vieren herunterzurutschen, strengten sie sich derart an, daß

sie in Schweiß gebadet waren. Und die Leute, die die aufgeregten Tiere

führten, hatten wahrlich keine leichte Aufgabe.

Aber auch an komischen Intermezzos fehlte es nicht. So erregte es die

größte Heiterkeit, als Jussuf, der eingeschlafen war, kopfüber von

seinem Maulesel herunterpurzelte, dieser ihm ganz verdutzt nachkollerte

und sie sich beide eng vereint im Sande wälzten.

Dann hieß es Jagd auf einen Ausreißer machen. Es war das schönste Tier

aus der Menge. Gut genährt und fast ganz weiß im Fell. Der tüchtigste

Läufer. Voller Ehrgeiz. Immer an der Spitze. Dabei aber launisch und

eigensinnig, wie nur ein Esel sein kann. Schon verschiedene Male hatte

er zu flüchten versucht. Nun endlich war es ihm gelungen. Ehe man sich

versah, verschwand er hinter einer Düne und tauchte im nächsten Moment

schon auf der Spitze einer anderen auf. Unter jämmerlichem Schreien

versuchte ihm sofort sein kleiner brauner Bruder zu folgen, der sich

nur in der schützenden Nähe des Stärkeren wohl fühlte. Und es hätte

nicht viel gefehlt, so wäre die ganze Karawane in heillose Unordnung

geraten. Da alle Leute mit der Beaufsichtigung der Tiere zu tun hatten,

nahmen wir die Verfolgung auf. Es wirkte ungeheuer komisch, wie die

Kanaille mit ganz verschmitztem Gesicht immer auf der Höhe einer Düne

seelenruhig wartete, bis wir ganz nahe herangekommen waren, dann mit

einem Satz zwischen uns hindurchsauste und auf der nächsten Düne

dasselbe Spiel begann. Da kam einer der Herren auf die Idee, seinen

Revolver abzuschießen. Der Schreck half. Diesmal scheute der Flüchtling

unsere Nähe, und anstatt weiter weg zu streben wie bisher, machte er

Kehrt und rannte, was er konnte, zu der Karawane zurück.

Unser armes Geschirr! Es tanzte einen heftigen Cancan in den Körben auf

seinem Rücken, und wir waren nicht erstaunt, als wir hörten, daß es

Beulen und Brüche gegeben hatte.

Durch den verspäteten Aufbruch und die Eseljagd hatten wir viel

kostbare Zeit verloren, und nicht nur, daß wir die Bordj M'quitla erst

in der heißesten Mittagsstunde erreichten, es hieß auch die Ruhepause

bedeutend abkürzen, um das Versäumte wieder einzuholen.

Bis jetzt hatten wir es stolz verschmäht, den Gastraum einer

Bordj zu benützen, denn die Schilderungen, die man uns von den

Reinlichkeitsverhältnissen dieser Karawansereien gegeben hatte, klangen

wenig verlockend. An diesem Tage aber waren wir willens, all unseren

Stolz über den Haufen zu werfen. Die Hitze war so intensiv, die Sonne

so blendend, daß wir mit der schrecklichsten Höhle vorlieb nehmen

wollten, solange sie nur Kühle und Schatten gewährte. Aber die Bordj

M'quitla war gar keine Höhle. Sie enthielt sogar zwei Räume, die sauber

und gelüftet waren und in deren angenehmem Halbdunkel die angestrengten

Augen sich schnell erholen konnten. Während wir in dem einen Raum

ein rasch bereitetes Mittagsmahl verzehrten, richtete Ahmed den

anderen Raum zum Ruhen her, indem er eine Anzahl Matten und Teppiche

ausbreitete. Es erschien uns schon ganz natürlich, wie die Araber, auf

den flachen Boden gelagert, Siesta zu halten.

Höher und höher wuchsen hinter M'quitla die Dünen. Man überstieg sie

nicht mehr wie im Anfang, sondern man umritt sie in halber Höhe. Das

Gefühl des Vorwärtskommens ging dabei völlig verloren. Es war wie ein

unaufhörliches Um-sich-selbst-Herumgehen. Wehe dem, der sich ohne

berufene Führung in dieses Labyrinth wagt!

[Illustration: Bordj M'quitla]

Jede Fährte hatte der vorhergegangene tagelange Sandsturm verwischt. Da

existiert kein Baum, kein Strauch, der dem Auge als Erkennungszeichen

dienen kann. Den einzigen Orientierungspunkt bildet die Guemira[16]

-- den Leuchtturm dieser Sandsee könnte man sie nennen -- die sich in

bestimmten Abständen auf den Dünen erhebt. Für das ungeübte Auge ist es

beinahe unmöglich, sie in der Entfernung zu entdecken. Aber mit einer

geradezu erstaunlichen Sicherheit fand unser Führer den Weg dahin.

[16] Guemira -- eine aus Steinen errichtete Pyramide.

Seltsam grandios, unheimlich, fast beängstigend wirkt das unermeßliche

Sandmeer, das auf allen Seiten nur der Horizont begrenzt, wirken die

gewaltigen Wellenlinien, die erstarrt zu sein scheinen und doch in

ewiger unaufhaltsamer Bewegung sind. Ja, man hatte recht: erst dieses

war die echte Wüste! Der ganze Weg nach Tugurt konnte nur als eine

Vorbereitung dazu betrachtet werden.

Unsere Karawane hatte sich nach und nach sehr auseinandergezogen.

Einzelne der Tiere waren von den schweren Strapazen des Tages nahezu

erschöpft und konnten nur noch mit Mühe vorwärts kommen. Aber da es

nicht möglich war, auf dem nachgiebigen Dünenboden Zelte zu errichten,

hieß es unerbittlich vorwärts bis zur nächsten Bordj.

Um das Maß vollzumachen, teilte uns der Führer nun auch noch mit,

daß ein Sturm im Anzuge sei. Mit dem besten Willen läßt es sich

nicht behaupten, diese Ankündigung hätte irgendwelche Freude bei uns

hervorgerufen.

Kaum war der Nachtrab eingetroffen, den wir erwarten mußten, um nun

dicht aneinander gegliedert zu marschieren, so erfüllte sich auch schon

die Prophezeiung des Nomaden. In allerkürzester Zeit war die Ruhe um

uns her in wild bewegtes Leben verwandelt. Wie leichten Schaum trieb

der Wind in rasender Schnelligkeit eine dünne Sandschicht an den Hügeln

hinan, und oben von allen Kämmen stieg es empor wie dichter Dampf. Als

ob die ganze Erde in Fluß geraten sei. Die Sonne verschwand längst vor

der Zeit und mit einem noch viel trüberen Gesichte als an jenem Tage,

da wir auf dem Wege nach Tugurt zum ersten Male den Schrecken der Wüste

kennen lernten.

Immer wieder ermahnte der Führer zur Eile, damit wir noch vor völliger

Nacht das Ziel erreichten. Unaufhörlich erklang das harte »Arrr, Arrr«

der Kabylen, um die Tiere anzufeuern, sauste der Stock auf die Schenkel

der armen Geschöpfe nieder.

Der Sand stach wie mit tausend feinen Nadeln ins Gesicht, füllte

die Augen und erschwerte das Atmen. Erst als wir dem Beispiel der

Eingeborenen folgten und Kopf und Gesicht mit einem Turban verhüllten,

wurde die Situation etwas erträglicher.

Manchmal lichtete sich das dicke Grau, und man konnte sekundenlang

einen Überblick gewinnen. Das kochte und dampfte und quirlte

ringsumher, und aus diesem Hexenkessel stieg endlich, endlich die Bordj

Ferdjane vor uns auf. Eine ergreifende, düstere Größe lag über diesem

einsamen Gebäude, das mit seinen festen Mauern und seinen gewölbten

Dächern seinem unermüdlichen Feinde so energisch Trotz bietet.

Erst in diesen Stunden lernten wir den Segen einer Bordj in vollem Maße

erkennen. Hinter schützenden Mauern geborgen! So ungefähr mag einem

Schiffbrüchigen zumute sein, der wieder festen Boden betritt.

Das Essen konnte man an diesem Abend nicht genießen. Es war derartig

mit Sand durchsetzt, daß man nur diesen zwischen den Zähnen fühlte.

So kamen als Ersatzgericht die Datteln wieder zu ihrem vollen Rechte.

Bis lange nach Mitternacht tobte der Sturm. Durch die schmalen Ritzen

der Holzläden, mit denen die Schießscharten verschlossen waren, drang

der Sand in Menge in den Schlafraum, und ehe wir am Morgen ins Freie

gelangen konnten, mußten die Leute erst einen Sandhügel wegschaffen,

der die auf den Hof führende Türe verrammelte.

Nicht selten werden Reisende durch den Sturm tagelang an die Bordj

gefesselt. Doch wir hatten Glück. Ein strahlender Morgen kam herauf.

Und frühzeitig machten wir uns auf den Weiterweg. Wie verklärt lagen

die Dünen. In einer Verklärung, die zur Freude und zur Andacht stimmte.

[Illustration: Bordj Ferdjane]

»Das Land des Lichts« nennt der Araber seine Heimat, und er könnte

keine bessere Bezeichnung finden. Denn hier lebt das Licht, hier

schafft es Wunder, hier gibt es allein die Schönheit. Nur dem

Licht dankt das tote, fahle Sandmeer seinen immer wechselnden

Farbenzauber, der die Sinne des Wanderers umschmeichelt und ihn über

die fürchterliche Öde hinwegtäuscht, in der er sich befindet. Erst

gegen Mittag mit dem Höhersteigen der Sonne muß der warme Goldton,

das Erikarot, das gedämpfte Violett, das zarte Graublau, die einander

ablösen, dem lichten Silbergrau weichen, das so lange die Herrschaft

übernimmt, bis in den Nachmittagsstunden das unvergleichliche

Farbenspiel von neuem beginnt und erst bei Sonnenuntergang in glühenden

Tönen erlischt.

* * * * *

Trotz der schweren Strapazen des vorhergegangenen Tages befanden

sich Menschen und Tiere wieder in voller Frische. Es muß an der

unvergleichlich reinen, trockenen Luft der Wüste liegen, daß

Erschöpfung so rasch überwunden und bei allen Beschwerlichkeiten die

Energie erhöht wird.

In der Mittagsstunde erreichten wir die Bordj Mouiat el Kaid, in der

wir Rast hielten, und am Abend langten wir an der Bordj Ourmas an. Die

Dünen wuchsen auf dieser Strecke zu enormer Höhe empor, und der Marsch

hatte wiederum große Anforderungen an Kraft und Ausdauer gestellt. Aber

alles war gut gegangen. Nur unser kleiner Wassermann -- so titulierten

wir das schmächtige Eselchen, das die beiden Wasserfässer trug --

bereitete uns Unruhe. Er warf sich auf die Erde, verdrehte die Augen

und tat ganz so, als ob er von seinem arbeitsreichen Leben für immer

Abschied nehmen wollte. Sobald man ihn seiner Last entledigt hatte,

erholte er sich aber und trabte mit der Karawane weiter. Einige der

Kabylen behaupteten, er sei ein Schauspieler und wollte sich nur einen

bequemen Tag verschaffen. Aber dann spielte er seine Rolle wirklich

sehr geschickt, denn sobald die Rede davon war, ihn wieder zu seiner

Pflicht zurückzuführen, wiederholte er die effektvolle Szene. Am Abend

betätigte sich Jussuf als Arzt: er gab dem Patienten eine tüchtige

Dosis Schrot ein. Und das Mittel half. Am nächsten Tage war unser

kleiner Wassermann wieder völlig kuriert.

* * * * *

Schon in aller Frühe herrschte lebhafte Unruhe im Lager. Das

Bewußtsein, in einigen Stunden El-Oued zu erreichen, elektrisierte

einen jeden, regte zu rascherer Arbeit an. Bald waren die Tiere beladen

und die Karawane in Fluß. Wir befanden uns in doppelt gehobener

Stimmung, denn wir saßen nun wieder auf dem Rücken unserer Pferde.

Alle Ehre den braven, wackeren Mauleseln! Sie sind gewiß klug genug,

um zu wissen, daß das Reiten auf ihnen gerade kein Vergnügen genannt

werden kann, und betrachteten uns darum hoffentlich nicht als

undankbar, weil wir ihnen bei der ersten passenden Gelegenheit die

Treue brachen.

Noch immer waren wir zwischen den Dünen. Aber sie glichen Bergen

in ihrer kolossalen Größe. Da dies ein gleichmäßigeres Marschieren

mit sich brachte, wurde das Vorwärtskommen auch für die Pferde ganz

bedeutend erleichtert.

Mit der Zeit wichen die Hügel immer weiter auseinander und öffneten den

Blick auf eine Ebene, die einem ausgetrockneten Seebette glich. Mitten

darin breitete sich in seiner ganzen Stimmungslosigkeit ein Friedhof

aus. Wenige Minuten später hielten wir vor den grauen Stadtmauern,

die sich selbst in kurzer Entfernung vom Erdboden nicht unterscheiden

lassen.

* * * * *

El-Oued ist die größte von allen im Soufgebiet gelegenen Oasen, mit

einem ganz eigenen, charakteristischen Gesicht, die Stadt so licht, so

schweigend und so fleckenlos wie die unermeßlichen Dünen, in die sie

gebettet liegt. »Die Stadt der tausend Kuppeln«, wie der Eingeborene

sie nennt, denn alle Häuser zeigen die gewölbten Dächer, die dem Sand

keinen Halt bieten, auch wenn der Sturm in seinem Zorn noch so große

Mengen darüber ausschüttet. Ein mattes, leicht patiniertes Weiß ist die

allein herrschende Farbe: die Häuser, die Moscheen, die auf luftigen

Säulen ruhenden Markthallen, alles zeigt denselben zarten Anstrich.

[Illustration: El-Oued mit den Dünen im Hintergrunde]

Wenn die untergehende Sonne die weiße Stadt in warme Purpurfarbe

kleidet, erwacht sie für kurze Zeit aus ihrer lächelnden Ruhe: auf dem

weiten Marktplatz spazieren die Männer, durch die engen, gewundenen,

von hohen Mauern begrenzten Gassen, wo der Fuß im weichen Sande

versinkt, huschen verschleierte, nach Moschus duftende Frauen, und an

den Brunnen finden sich junge Mädchen ein, die mit unbeschreiblicher

Anmut ihre bunten Lumpen und mit vollendeter Grazie die Amphora auf dem

Rücken oder der Schulter tragen.

Nicht minder merkwürdig als die Stadt sind die versunkenen Gärten,

die draußen vor den Toren liegen. Um das Wasser des Oued Souf -- der

wie der Oued Rir tief unter der Erde seine Bahn verfolgt -- nutzbar

zu machen, werden ungeheure trichterförmige Höhlungen ausgegraben und

auf deren Grund die Dattelbäume angepflanzt. So erhält die Palme das,

was sie nach Ausspruch der Saharabewohner am meisten liebt: sie steht

mit den Füßen im Wasser und hat das Haupt im Feuer des Himmels. Aber

während diese beiden Mächte sonst so ziemlich alles allein schaffen,

ist die Mithilfe des Menschen in den Gärten von El-Oued unerläßlich,

und voll Staunen und Bewunderung blickt man auf seine Arbeit. Mit dem

Aushöhlen des Bodens und dem Anpflanzen der Bäume ist es längst nicht

getan. Ununterbrochen heißt es das Gebiet verteidigen, indem während

jeder Nacht der Sand wieder heraufgeschafft wird, den der Wind ohne

Unterlaß in die Tiefe weht. Geschähe das nicht, so wäre nach wenigen

Tagen das Getreide, der Tabak, das Gemüse, kurz alles, was man unter

den Bäumen anpflanzt, begraben, und nach einigen Wochen die Palmen bis

zur Krone im Sande erstickt. Und die Gärten lohnen die unendliche Mühe

und Geduld, die an sie verwandt wird, denn die Datteln des Soufgebietes

gelten für die besten im ganzen Lande.

* * * * *

Im Land des Lichts: Ein Streifzug durch Kabylie und Wüste · 第 9 / 11 段